{"id":14040,"date":"2010-12-27T00:00:00","date_gmt":"2010-12-27T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14040"},"modified":"2010-12-27T00:00:00","modified_gmt":"2010-12-27T00:00:00","slug":"14040","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/12\/14040\/","title":{"rendered":"Asien: Chinas neue Rolle und Massenproteste"},"content":{"rendered":"<p>  CWI-Weltkongress diskutiert den Aufstieg Chinas und Perspektiven f&#252;r den   Kontinent<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Am dritten Tag des Weltkongresses des Komitees f&#252;r eine   Arbeiterinternationale (englische Abk&#252;rzung: CWI) teilten sich die   Delegierten und BesucherInnen in zwei Kommissionen auf, um die   Entwicklungen in Asien und Lateinamerika zu diskutieren. Mit   TeilnehmerInnen aus Indien, Taiwan, Sri Lanka, Hongkong, Malaysia und   Australien waren mehr L&#228;nder der Region als zuvor bei einer   Asien-Kommission des CWI repr&#228;sentiert. Die Delegierten aus Pakistan   konnten leider nicht anwesend sein, weil ihnen die Visa verweigert   worden waren (auch eine Teilnahme von GenossInnen aus Kaschmir war nicht   m&#246;glich).<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Michael Koschitzki, Delegierter auf dem Weltkongress<\/i><\/h4>\n<p>  W&#228;hrend sich der Wachstumstraum der &#8222;Tigerstaaten&#8220; schon in der   S&#252;dostasien-Krise 1997 zerschlagen hatte und Japan seit Anfang der   Neunziger nicht aus der Krise kam, richten sich die Augen heute auf die   neuen aufstrebenden M&#228;chte China und Indien. Wie lange wird ihr Wachstum   noch anhalten und welche Rolle spielen sie auf dem Kontinent?<\/p>\n<h4>  Neue Rolle Chinas in der Region<\/h4>\n<p>  Stephen Jolly aus Australien stellte heraus, dass die   &#8222;Nach-Vietnam-Kriegs-&#196;ra&#8220; an ihr Ende angelangt ist. Seit Mitte der   Siebziger herrschte eine relative geopolitische Stabilit&#228;t im   Pazifischen Raum vor. Der US-Imperialismus hatte mit seinem Abzug aus   Vietnam zwar eine Schlappe einstecken m&#252;ssen, blieb aber die dominante   Macht.<\/p>\n<p>  Die aufstrebende Rolle Chinas stellt nun den Status Quo, das bisherige   Kr&#228;fteverh&#228;ltnis in Frage. Die Marine Chinas wird stetig ausgebaut,   zahlreiche H&#228;fen wurden von China aufgekauft. Neben der milit&#228;rischen   Expansion w&#228;chst vor allem die wirtschaftliche Abh&#228;ngigkeit von mehr und   mehr Staaten gegen&#252;ber dem &#8222;Reich der Mitte&#8220;.<\/p>\n<p>  China st&#252;tzt seine Ambitionen auf den wirtschaftlichen Aufschwung im   eigenen Land.<\/p>\n<p>  Noch vor 20 Jahren hatte Japan &#246;konomisch in der Region die Nase vorn,   China und Australien waren wirtschaftlich etwa gleich stark. Heute hat   China nicht nur weltweit hinter den USA den zweiten Platz belegt,   sondern k&#246;nnte nach Gro&#223;britannien und den USA das dritte Land der   letzten 250 Jahre werden, das die meisten G&#252;ter auf dem Planeten   herstellt. Wenn sich die Entwicklung Chinas geradlinig fortsetzen w&#252;rde,   h&#228;tte China im Jahr 2016 die USA als gr&#246;&#223;te Wirtschaftsmacht &#252;berholt   (wie der IWF behauptet).<\/p>\n<p>  Allerdings bel&#228;uft sich das Sozialprodukt Chinas bisher noch auf 40   Prozent von demjenigen der USA. Damit liegt China noch klar hinter den   USA, wie Clare Doyle vom Internationalen Sekretariat (IS), die das   Einleitungsreferat hielt, und Peter Taaffe vom IS, der die Diskussion   zusammenfasste, unterstrichen. Zudem sind Pro-Kopf-Einkommen,   Arbeitsproduktivit&#228;t und Lebensstandard in China noch deutlich niedriger   als in den USA, wie Peter Taaffe herausstellte.<\/p>\n<p>  Sollte China seine &#8211; um 30 bis 40 Prozent unterbewertete &#8211; W&#228;hrung   aufwerten, w&#252;rde das Bruttoinlandsprodukt &#252;ber Nacht von f&#252;nf auf sieben   Billionen US-Dollar anwachsen (das US-Sozialprodukt betr&#228;gt etwa 14   Billionen im Jahr). Jedoch h&#228;tte dieser Schritt m&#246;glicherweise   zahlreiche Fabrikschlie&#223;ungen zur Folge &#8211; da die Preise der chinesischen   Waren auf dem Weltmarkt in die H&#246;he schnellen w&#252;rden.<\/p>\n<p>  Die USA verlieren zwar &#246;konomisch an Boden und mussten auch durch die   Entwicklungen in Afghanistan und Irak milit&#228;risch Federn lassen.   Trotzdem sind sie weiter mit Abstand die st&#228;rkste Milit&#228;rmacht auf der   Erde und werden im asiatischen Raum nicht einfach f&#252;r China den Platz   r&#228;umen.<\/p>\n<p>  In jedem Fall drohen verst&#228;rkt Konflikte um Einflusssph&#228;ren und   Rohstoffe sowie milit&#228;rische Auseinandersetzungen und m&#246;gliche   Stellvertreterkriege.<\/p>\n<h4>  &#214;konomische Felsen in der Brandung?<\/h4>\n<p>  Asien ist nicht im gleichen Ma&#223;e wie die USA oder Europa vom Strudel der   Weltwirtschaftskrise erfasst worden. Zwar gab es vor zwei Jahren auch   starke Einbr&#252;che, doch konnten sich die meisten asiatischen L&#228;nder erst   einmal wieder relativ gut berappeln. Das geht &#8211; neben einem Zustrom von   Kapital aus Europa und den USA nach den dortigen Rezessionen &#8211; vor allem   auf das fortdauernde Wachstum Chinas, aber zum schw&#228;cheren Teil auch auf   das von Indien zur&#252;ck. Der Hunger Chinas nach Rohstoffen ist gewaltig,   die Handelsbeziehungen der L&#228;nder im Pazifikraum wurden enorm   intensiviert.<\/p>\n<h4>  China und das Konjunkturpaket<\/h4>\n<p>  Das chinesische Konjunkturpaket hatte einen gr&#246;&#223;eren Effekt als die   Ma&#223;nahmen, die in den westlichen L&#228;ndern ergriffen wurden. Vom Umfang   her stellt es mit umgerechnet 400 Milliarden Euro Investitionen und   1.000 Milliarden Euro Garantien ein riesiges Paket dar. Im Unterschied   zu anderen Staaten hat das chinesische Regime mehr Einfluss auf die   Verwendung der Mittel und die Banken (die weitgehend staatlich sind)   nehmen k&#246;nnen. So kam ein gr&#246;&#223;erer Teil des Pakets in der Wirtschaft an.<\/p>\n<p>  Die Delegierten waren sich darin einig, dass in China die Zeiten der   Planwirtschaft vorbei sind. Dennoch gab es eine lebhafte Debatte &#252;ber   den Charakter Chinas. Mehrere Delegierte, zum Beispiel aus Hongkong und   Schweden, betonten, dass es bei China ihrer Ansicht nach klar um einen   Kapitalismus mit &#8222;chinesischen Eigenschaften&#8220;, wie Per-Ake Westerlund es   formulierte, handelt. 90 Prozent aller Million&#228;re (es gibt allein 64   Dollar-Milliard&#228;re) sind Mitglieder der Kommunistischen Partei.<\/p>\n<p>  Demgegen&#252;ber argumentierten eine Reihe von TeilnehmerInnen, dass gerade   die Wirkung des Konjunkturpaketes &#8211; erm&#246;glicht durch die besondere Rolle   des Staatssektors &#8211; Unterschiede zwischen China und den normalen   kapitalistischen Staaten aufzeigen w&#252;rde. Lynn Walsh vom Internationalen   Sekretariat meinte, die Kapitalistenklasse ist dabei, sich zu   entwickeln, hat aber noch keine vollst&#228;ndige Kontrolle &#252;ber das Regime.   Peter Taaffe vom IS sagte, dass es gilt, die Besonderheiten und die   Komplexit&#228;t Chinas zu erfassen, die Unterschiede zu anderen   kapitalistischen L&#228;ndern zu erkennen und China als &#8222;einzigartige Form   von Staatskapitalismus&#8220; bezeichnet werden k&#246;nnte (wobei die Betonung auf   &#8222;einzigartig&#8220; liegen sollte).<\/p>\n<p>  Der Kongress verst&#228;ndigte sich darauf, diese Diskussion zeitnah zu   vertiefen und auch in schriftlicher Form fortzusetzen.<\/p>\n<h4>  Krisengefahren<\/h4>\n<p>  Konsens bestand in der Kommission dar&#252;ber, dass die Region nicht von der   tiefen Krise des Weltkapitalismus verschont bleiben wird. Auch Asien   kann die Nachfrage-Probleme nicht l&#246;sen. So verwies Jagadish Chandra aus   Indien darauf, dass in diesem Land 77 Prozent der Bev&#246;lkerung von einem   halben Dollar am Tag leben m&#252;ssen. Senan aus dem Internationalen B&#252;ro,   der die CWI-Mitglieder in Indien k&#252;rzlich besuchte, hob darauf ab, dass   die von den B&#252;rgerlichen global vielbeschworene &#8222;Mittelklasse&#8220;   proportional zur Bev&#246;lkerung sogar kleiner als in Pakistan oder Sri   Lanka ist.<\/p>\n<p>  Robin Clapp, Delegierter der Socialist Party England und Wales, zeigte   auf, dass sich die Output-L&#252;cke, also die Differenz zwischen dem, was   produziert werden kann und tats&#228;chlich hergestellt wird, sich in Japan   in den letzten zehn Jahren verdreifacht hat. Japan ist immerhin weiter   die drittgr&#246;&#223;te &#214;konomie international und von Bedeutung f&#252;r Asien.<\/p>\n<p>  Neben den Perspektiven f&#252;r die Weltwirtschaft bleibt die entscheidende   Frage f&#252;r die wirtschaftlichen Aussichten Asiens nat&#252;rlich die Zukunft   Chinas. Und hier gibt es starke Anzeichen f&#252;r eine Verlangsamung des   Wachstums. Gleichzeitig ist die Immobilienblase ist in China noch nicht   geplatzt. Sie ist proportional gr&#246;&#223;er als die US-Immobilienblase 2008.   Fakt ist au&#223;erdem, dass die chinesische Wirtschaft einen schwachen   Binnenmarkt hat (der Anteil der L&#246;hne am Sozialprodukt verringerte sich   in den vergangenen 25 Jahren sogar von 55 auf 35 Prozent) und stark von   der Nachfrage im Ausland abh&#228;ngig ist. Die H&#228;lfte der chinesischen   Produkte konzentriert sich auf den Outward Processing Trade (OPT), also   auf von ausl&#228;ndischen Unternehmen gelieferte halbfertig produzierte   Vorprodukte.<\/p>\n<h4>  Massenbewegungen in Asien<\/h4>\n<p>  Eine Ermutigung f&#252;r Proteste stellten die erfolgreichen K&#228;mpfe im   Fr&#252;hsommer bei Foxconn, Honda und anderen Unternehmen in China dar. Es   ist gut m&#246;glich, dass das Regime durch die Zunahme von Arbeitsk&#228;mpfen   schon bald in seinen Grundfesten ersch&#252;ttert wird.<\/p>\n<p>  Zahlenm&#228;&#223;ig stellte der Generalstreik in Indien am 7. September mit 100   Millionen TeilnehmerInnen alle anderen K&#228;mpfe 2010 in den Schatten.   Jagadish Chandra f&#252;hrte aus, wie die Ungleichheit in Indien zunimmt. Die   Zahl der Dollar-Milliard&#228;re ist von 52 auf 69 gestiegen. Einer der   reichsten von ihnen rief erst vor kurzem massive Proteste hervor, als er   in der N&#228;he eines Slums seine Villa bauen lie&#223;.<\/p>\n<p>  Clare Doyle wies in ihrer Einleitung auch auf die Massenproteste in   Birma und die Ereignisse in Nepal hin. Die Massenbewegung in Thailand   bedeutete mit der Besetzung der Bangkoker Innenstadt eine Form von   revolution&#228;rem B&#252;rgerkrieg.<\/p>\n<h4>  Demokratische Rechte und nationale Frage<\/h4>\n<p>  In mehreren asiatischen L&#228;ndern spielt der Kampf f&#252;r demokratische   Rechte eine wichtige Rolle. Siritunga Jayasuriya aus Sri Lanka   berichtete, dass sich die srilankanische Regierung auf dem Weg zu einer   parlamentarischen Diktatur befindet. In Hongkong nehmen Mitglieder des   CWI an der Bewegung f&#252;r das allgemeine und gleiche Wahlrecht teil, was   neben der Erh&#246;hung des Mindestlohns aktuell mit das wichtigste   politische Thema ist. In Kaschmir fordern Mitglieder des CWI, neben dem   Abzug der indischen (beziehungsweise pakistanischen) Truppen, eine   revolution&#228;re verfassungsgebende Versammlung. Jagadish Chandra machte   den Vorschlag, eine gemeinsame Stellungnahme der CWI-Sektionen der   Region zu Kaschmir zu verfassen. Die nationale Frage pr&#228;gt auch in   Taiwan das Bewusstsein, wo das CWI vor dem Hintergrund von relativem   wirtschaftlichen Wachstum in j&#252;ngster Zeit Fortschritte erzielen konnte.<\/p>\n<h4>  CWI in der Region<\/h4>\n<p>  In mehreren Beitr&#228;gen wurde auch auf den Dokumententwurf sowie   &#196;nderungsantr&#228;ge eingegangen. Vor allem aber wurde die Diskussion im   Geist gef&#252;hrt, dass der Marxismus eine Anleitung zum Handeln sein muss   und sich neue M&#246;glichkeiten f&#252;r das CWI in Asien er&#246;ffnen. Erinnert   wurde an die herausragende Rolle der GenossInnen in Pakistan, die trotz   der Flutkatstrophe ihre Arbeit fortsetzten (und f&#252;r mehr als tausend   Familien von ArbeiterInnen und Gewerkschaftsaktiven reale Unterst&#252;tzung   organisieren konnten), gerade eine erfolgreiche Konferenz von 130   TeilnehmerInnen auf die Beine stellten und eine Gewerkschaftsf&#246;deration   von einer halben Million Mitgliedern mitanf&#252;hren. Begeisterung l&#246;sten   aber auch die Fortschritte in Indien (wo wir in weiteren Teilen des   Landes Fu&#223; fassen konnten), Malaysia, Hongkong oder Taiwan aus. Alle   Diskussionsteilnehmer betonten, dass dies einen noch intensiveren   Austausch umso dringender macht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      CWI-Weltkongress diskutiert den Aufstieg Chinas und Perspektiven f&#252;r den<br \/>\n      Kontinent\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[38,103],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14040"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14040"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14040\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14040"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14040"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14040"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}