{"id":14002,"date":"2010-12-07T08:00:00","date_gmt":"2010-12-07T08:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14002"},"modified":"2010-12-07T08:00:00","modified_gmt":"2010-12-07T08:00:00","slug":"14002","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/12\/14002\/","title":{"rendered":"Lateinamerika: Wirtschaftswachstum ohne Fortschritt"},"content":{"rendered":"<p>  CWI-Weltkongress diskutiert Perspektiven f&#252;r den Kontinent<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Am dritten Tag des Weltkongresses des Komitees f&#252;r eine   Arbeiterinternationale (englische Abk&#252;rzung: CWI) teilten sich die   Delegierten und BesucherInnen in zwei Kommissionen auf, um die   Entwicklungen in Asien und Lateinamerika zu diskutieren. Die Debatte zu   Lateinamerika wurde eingeleitet von Andr&#233; Ferrari, Generalsekret&#228;r der   brasilianischen CWI-Sektion LSR (Freiheit-Sozialismus-Revolution) und   Mitglied im Vorstand der P-SoL (Partei f&#252;r Sozialismus und Freiheit).<\/p>\n<h4>  <i>von Sascha Stanicic<\/i><\/h4>\n<p>  Lateinamerika war seit dem Ende der 1990er Jahre von Massenk&#228;mpfen, der   Wahl linker Regierungen in verschiedenen L&#228;ndern und einer Debatte &#252;ber   den so genannten Sozialismus des 21. Jahrhunderts gepr&#228;gt. Der Blick   vieler linker AktivistInnen richtete sich nach La Paz, Caracas, Porto   Alegre und Havanna. Es ist kein Zufall, dass es heute weniger Debatten   &#252;ber Lateinamerika in Deutschland und Europa gibt. Denn die Situation   ist f&#252;r die politische Linke auf dem Kontinent deutlich komplizierter   geworden.<\/p>\n<p>  Andr&#233; Ferrari erkl&#228;rte, wie die Weltwirtschaftskrise zwar den   lateinamerikanischen Kontinent erfasste, aber nicht solche dramatischen   sozialen und politischen Konsequenzen hatte, wie die Krise am Ende der   1990er Jahre. Die in diesem Jahr einsetzende wirtschaftliche Erholung,   die vor allem auf dem Export von Rohstoffen nach China basiert, hat   wiederum in vielen L&#228;ndern einen Triumphalismus unter den VertreterInnen   des Kapitalismus ausgel&#246;st, der Auswirkungen auf das Bewusstsein der   Massen hat. Das gilt besonders f&#252;r Brasilien, dem gr&#246;&#223;ten und   wichtigsten Land des Kontinents, in dem der scheidende Staatspr&#228;sident   Lula weiterhin &#252;ber eine Zustimmungsrate von achtzig Prozent verf&#252;gt und   es ihm gelang seine Nachfolgerin Dilma Roussef zum Wahlsieg zu f&#252;hren.<\/p>\n<p>  &#196;hnlich der &#246;konomischen Situation in der Bundesrepublik hatte die   Weltwirtschaftskrise unmittelbar eine strake Auswirkung auf   Lateinamerika. Im Jahr 2009 gab es drei Millionen Entlassungen und das   Bruttoinlandprodukt des Kontinents sank um 1,5 Prozent. Auf der Basis   des Anstiegs der Rohstoffpreise und durch wachsenden Export nach Asien   setzte zum Ende des Jahres eine gewisse wirtschaftliche Erholung ein.   Konjunkturpakete und die Vergabe g&#252;nstiger Kreditm&#246;glichkeiten   verst&#228;rkten diesen Prozess. So ist es in Brasilien zur Zeit kein Problem   f&#252;r Studierende Kredite bei einer Bank aufzunehmen, um sich ein Auto   anzuschaffen. Doch diese Entwicklung hat nicht nur die grundlegenden   Probleme des lateinamerikanischen Kontinents nicht gel&#246;st, sondern   tats&#228;chlich bedeutet das Wirtschaftswachstum einen gesellschaftlichen   R&#252;ckschritt aufgrund der wachsenden Abh&#228;ngigkeit der   lateinamerikanischen Volkswirtschaften vom Rohstoffexport und der   dadurch stattfindenden Deindustrialisierung. Letzteres wird durch die   W&#228;hrungsaufwertungen in verschiedenen L&#228;ndern noch verst&#228;rkt.<\/p>\n<p>  China konnte seinen Einfluss auf dem Kontinent massiv ausdehnen und die   Macht der USA ist relativ gesunken. Trotzdem bleiben die USA die   dominierende Macht auf dem Kontinent, den die US-Kapitalisten als ihren   Hinterhof betrachten. Auch Brasilien hat seine Rolle als Regionalmacht,   sowohl &#246;konomisch, als auch milit&#228;risch, ausgebaut, bleibt aber im   Verh&#228;ltnis zu den USA und den imperialistischen Staaten insgesamt ein   post-koloniales Land.<\/p>\n<p>  Es gibt in Lateinamerika keine einheitliche Entwicklung, sondern   verschiedene Gruppen von L&#228;ndern. Von besonderem Interesse von einem   sozialistischen Standpunkt sind die Entwicklungen in den L&#228;ndern, in   denen in den 1990er Jahren progressive Regierungen ins Amt kamen, die   auf der Basis einer breiten Massenradikalisierung und von K&#228;mpfen sich   in Opposition gegen den Neoliberalismus gestellt haben und eine mehr   oder weniger starke sozialistische Rhetorik benutzen. Dazu geh&#246;ren vor   allem die Regierungen in Venezuela, Bolivien und Ecuador.<\/p>\n<p>  Johan und William aus Venezuela berichteten von einer zunehmenden   B&#252;rokratisierung des venezolanischen Staates. Aufgrund des starken   R&#252;ckgangs des Roh&#246;lpreises ist das Land besonders von der   Weltwirtschaftskrise betroffen und wird wahrscheinlich das einzige Land   des Kontinents sein, in dem auch im Jahr 2010 das BIP sinkt. Die   sinkenden Einnahmen f&#252;hren zu K&#252;rzungen bei den wichtigen   Sozialprogrammen, die die Regierung Ch&#225;vez in den letzten Jahren   gestartet hatte. Gleichzeitig hat es weitere Verstaatlichungen gegeben   und hat Ch&#225;vez seine sozialistische Rhetorik verst&#228;rkt. Es gibt   weiterhin eine breite Basis an Unterst&#252;tzung f&#252;r Ch&#225;vez, aber auch eine   zunehmende Entfremdung eines Teils der Bev&#246;lkerung. Das dr&#252;ckte sich in   den Parlamentswahlen vor einigen Monaten aus, in denen das   Regierungslager zwar eine Mehrheit der Abgeordneten gewann, aber keine   Mehrheit der Stimmen. Die rechte, pro-kapitalistische Opposition agiert   wieder geschlossen und kann f&#252;r die Pr&#228;sidentschaftswahlen 2012 eine   Gefahr darstellen, wenn es auch unwahrscheinlich ist, dass sie gewinnen   wird. Die venezolanische Gruppe des CWI, die auf diesem Weltkongress   offiziell als Sektion anerkannt wurde, hat jede fortschrittliche   Ma&#223;nahme der Ch&#225;vez-Regierung unterst&#252;tzt und seine Regierung gegen die   Angriffe der mit dem US-Imperialismus verbundenen Kapitalisten   verteidigt, gleichzeitig aber darauf hingewiesen, dass ein tats&#228;chlicher   Bruch mit dem Kapitalismus n&#246;tig ist und eine sozialistische Demokratie   aufgebaut werden muss. Folgerichtig unterst&#252;tzt sie auch solche linken   und gewerkschaftlichen AktivistInnen, die sich gegen die b&#252;rokratischen   Ausw&#252;chse des Staats gestellt haben und Opfer von Repression geworden   sind.<\/p>\n<p>  Sebastian von der neuen CWI-Gruppe &#8216;La Chispa&#8217; in Argentinien hat in   einem Beitrag Fragen zur Haltung von MarxistInnen zur Regierung Morales   in Bolivien aufgeworfen. Die Position der bolivianischen Sektion des   CWI, die aufgrund von Problemen mit der Visumvergabe keinen Vertreter   zum Kongress senden konnten, bei den Wahlen eine kritische Unterst&#252;tzung   f&#252;r Morales und seine MAS (Bewegung zum Sozialismus) auszusprechen,   obwohl Morales seit seinem Regierungsantritt gezeigt hat, dass er nicht   bereit ist, mit dem Kapitalismus zu brechen, wurde von anderen Rednern   erkl&#228;rt und verteidigt. In einer Situation, wo die Alternative die   Regierungs&#252;bernahme durch offen pro-kapitalistische und   imperialismusfreundliche Kr&#228;fte gewesen w&#228;re, war die Wiederwahl der MAS   der beste Ausgangspunkt, f&#252;r die Fortsetzung des Kampfes f&#252;r eine   sozialistische Ver&#228;nderung des Landes. Dabei betonten die   CWI-GenossInnen, dass nicht das Abgeben der Stimme entscheidend ist,   sondern die Teilnahme am Kampf f&#252;r Verbesserungen.<\/p>\n<p>  Die Kommission diskutierte aber nicht nur diese L&#228;nder, sondern auch die   Lage in Brasilien, Chile, Mexiko und Kuba. Jane aus Rio de Janeiro   berichtete von dem polizeilichen Vorgehen in den Favelas (Slums) gegen   die Drogenmafia und erkl&#228;rte, dass die einfache Bev&#246;lkerung darunter   leidet. Tats&#228;chlich gibt es Absprachen zwischen der Drogenmafia und   staatlichen Stellen und sollen durch die Polizeiinterventionen nur die   innerst&#228;dtischen Favelas ges&#228;ubert werden, um das Image des Landes im   Zusammenhang mit der anstehenden Fu&#223;ballweltmeisterschaft aufzupolieren.   Patricio aus Chile kommentierte den gesellschaftlichen Verfall in Mexiko   und Kolumbien, wo es eine zunehmende Unterdr&#252;ckung von linken und   gewerkschaftlichen AktivistInnen gibt. Allein in Kolumbien werden   j&#228;hrlich circa f&#252;nfzig GewerkschafterInnen ermordet.<\/p>\n<p>  Einen gro&#223;en Raum in der Diskussion nahmen die Entwicklungen auf Kuba   ein. Hier hatte die Regierung von Raul Castro die Entlassung von 500.000   Besch&#228;ftigten des &#246;ffentlichen Dienstes angek&#252;ndigt. Weitere 500.000   sollen im n&#228;chsten halben Jahr folgen, was zwanzig Prozent der   Arbeitskr&#228;fte des Landes ausmachen w&#252;rde. Die Entlassenen sollen die   Gelegenheit bekommen sich selbst&#228;ndig zu machen oder kleine Unternehmen   zu gr&#252;nden. Dies wurde als ein Schritt in Richtung Restauration   kapitalistischer Verh&#228;ltnisse auf der Insel analysiert. Sollte eine   solche erfolgreich sein, h&#228;tte das weitreichende ideologische   Konsequenzen f&#252;r die Linke in Lateinamerika und weltweit. Ob sie   stattfinden wird, ist aber offen und h&#228;ngt von vielen Faktoren ab.   Offensichtlich will ein Teil der Kommunistischen Partei Kubas einen   &#8216;chinesischen Weg&#8217; einschlagen und unter starker Kontrolle durch Staat   und Partei weitgehende marktwirtschaftliche Verh&#228;ltnisse einf&#252;hren. Dies   w&#252;rde zu einem massiven sozialen R&#252;ckschritt f&#252;hren und den   Lebensstandard und die soziale Sicherheit f&#252;r die kubanischen Massen   gef&#228;hrden. Das CWI stellt dem &#8216;chinesischen Weg&#8217; aber nicht die   Aufrechterhaltung des status quo, also der b&#252;rokratischen   Machtkonzentration in der KP-F&#252;hrung entgegen, sondern wirkliche   Arbeiterdemokratie auf der Basis von freien Wahlen zu R&#228;ten der   ArbeiterInnen, Bauern und B&#228;uerinnen und der Jugend, die Abschaffung   aller Privilegien f&#252;r Funktion&#228;re und eine revolution&#228;re, sozialistische   Au&#223;enpolitik, die einen Beitrag dazu leisten w&#252;rde, den Kapitalismus in   anderen L&#228;ndern des Kontinents zu &#252;berwinden.<\/p>\n<p>  Das CWI hat seine Pr&#228;senz in Lateinamerika in den letzten Jahren   ausgedehnt und ist nun mit Gruppen in Brasilien, Chile, Venezuela,   Bolivien und Argentinien vertreten. In seinem Schlusswort zur Debatte   wies Andr&#233; Ferrari darauf hin, dass die derzeitige relative politische   Stabilisierung in verschiedenen L&#228;ndern nur einen vor&#252;bergehenden   Charakter haben kann und neue gro&#223;e K&#228;mpfe bevorstehen. Das CWI ist   besser als jemals zuvor positioniert, um in diese K&#228;mpfe einzugreifen   und sie in eine sozialistische Richtung zu beeinflussen.<\/p>\n<h4>  Eine Resolution zu Lateinamerika, die vom CWI-Weltkongress beschlossen   wurde, ist bald auf dieser Webseite zu finden.<\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      CWI-Weltkongress diskutiert Perspektiven f&#252;r den Kontinent\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[102,103,41],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14002"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14002"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14002\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14002"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14002"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14002"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}