{"id":11894,"date":"2006-12-20T09:12:33","date_gmt":"2006-12-20T09:12:33","guid":{"rendered":".\/?p=11894"},"modified":"2006-12-20T09:12:33","modified_gmt":"2006-12-20T09:12:33","slug":"11894","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2006\/12\/11894\/","title":{"rendered":"Jung, Arbeiterin und superausgebeutet"},"content":{"rendered":"<p>  Die heute am h&#228;ufigsten von jungen BrasilianerInnen ausge&#252;bten Berufe   sind Verk&#228;uferIn, B&#252;rogehilfIn, Call-Center-AgentIn, AssistentIN,   RezeptionistIn, Pizza-LieferantIn und B&#252;rohilfskraft (alles   unqualifizierte Arbeiten), die stets mit prek&#228;ren Arbeitsvertr&#228;gen, ohne   die von den ArbeiterInnen erk&#228;mpften Rechte zu garantieren, einhergehen. <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Mariana Cristina, SR (bras. cwi-Sektion)<\/i><\/p>\n<p>  Bei Jugendlichen ist der Arbeitstag h&#228;ufig l&#228;nger als 10 Stunden, und   manchmal sogar wochenlang ohne jegliche freien Tage. Die   Gesundheitsrisiken sind bekannt &#8211; Schlafst&#246;rungen, ungesunde Ern&#228;hrung   und keine Zeit zur Erholung.<\/p>\n<p>  Die Schwierigkeit, die Arbeit mit der Schule oder dem Studium zu   verbinden, macht aus den jungen ArbeiterInnen die am h&#228;ufigsten unter   schulischen Problemen wie Nichtbestehen von Pr&#252;fungen oder mangelhaften   m&#252;ndlichen Leistungen leidende Studierendengruppe.<\/p>\n<p>  Gem&#228;&#223; dem UNO-Weltjugendbericht 2005 leben 18% der jugendlichen   Weltbevoelkerung in extremer Armut. In der Altersschicht von 15 bis 24   Jahren (insgesamt 1,2 Mrd. Menschen) m&#252;ssen mehr als 200 Mio. mit   weniger als einem Euro pro Tag auskommen, und 88 Mio. haben keine   Arbeit. Wenn sie Arbeit finden, verdienen sie weniger als &#228;ltere   ArbeiterInnen, weil sie keine Erfahrung und wenig oder gar keine   Ausbildung haben.<\/p>\n<p>  Juliana ist 21 Jahre alt und eins von unz&#228;hligen Opfern dieses Systems,   das junge Leute ausschlie&#223;t und Frauen diskriminiert. Derzeit arbeitet   sie in einem Call-Center, dem Sektor, in dem die Superausbeutung junger   ArbeiterInnen auf die Spitze getrieben wird. Die Tatsache, dass die   Mehrheit der Call-Center-Angestellten junge Frauen sind, ist ein   weiterer Beweis f&#252;r die Verkn&#252;pfung der Geschlechterunterdr&#252;ckung mit   der kapitalistischen Ausbeutung.<\/p>\n<p>  <b>In welchem Alter hast du angefangen zu arbeiten? In welchen   Unternehmen und welchen Funktionen hast du bisher gearbeitet? Haben dir   die Berufe gefallen? <\/b>    <\/p>\n<p>  Ich habe mit 15 Jahren angefangen zu arbeiten, im B&#252;ro eines Onkels,   aber als Schwarzarbeit. Dann habe ich f&#252;r die CAN (eine brasilianische   Sprachschulenkette) als Verteilerin von Werbezetteln gearbeitet, dann in   der &quot;Agua de Cheiro&quot;-Parf&#252;merie als Teilzeitverk&#228;uferin, und dann in der   Galerie &quot;Oro Fino&quot; ebenfalls als Verk&#228;uferin. Dann war ich zwei Jahre   bei submarino.com (ein brasilianischer online-Versandhandel), wo ich als   Helpdesk-Mitarbeiterin anfing und dreimal bef&#246;rdert wurde. Heute arbeite   ich bei TMS (ein grosses Call Center in Sao Paulo).<\/p>\n<p>  Die Arbeiten bei CNA und bei submarino.com haben Spa&#223; gemacht. Bei Zoe   und bei &quot;Agua de Cheiro&quot; war es schrecklich, letztere haben mich sehr   erniedrigt und mein Arbeitstag ging von 8 Uhr morgens bis 23 Uhr abends.   Einmal hatte ich grosse Fu&#223;schmerzen und habe f&#252;r ein paar Minuten an   einem von den Kunden nicht einsehbarem Ort die Beine hochgelegt. Die   Folge war eine beleidigende und sexuell bel&#228;stigende Szene des Inhabers   vor der ganzen Belegschaft. Ich habe daraufhin meine Sachen gepackt und   bin gegangen. Ich habe das Gesch&#228;ft verklagt, weil mir der Inhaber nur   20 Reais (ca. 7 Euro) zahlen wollte, nach drei Monaten Arbeit! Der   Prozess wurde erst nach zwei Jahren entschieden, aber der Typ musste mir   letztendlich 2.000 Reais bezahlen<\/p>\n<p>  <b>Hast du schon den Druck durch Zielvereinbarungen kennengelernt?   Enth&#228;lt dein Arbeitsvertrag Rechte wie Freizeit, Weiterbildung, Pausen?   Bist du der Ansicht, f&#252;r deine Arbeit gut bezahlt zu werden?<\/b><\/p>\n<p>  Bei submarino.com kam ich um 8 Uhr und ging theoretisch um 18 Uhr, aber   wir mussten eigentlich immer bis 19 oder 20 Uhr bleiben. Bei   Nichterf&#252;llung der Ziele mussten wir Samstags Extraschichten einlegen   oder nach Gesch&#228;ftsschlu&#223; noch sehr lange bleiben. Wir verdienten nur   1,40 Reais pro &#220;berstunde. Ich hatte &#252;berviele Aufgaben und ein   Grossteil meines Lohns stand regelm&#228;&#223;ig aus. Ich kam ausserhalb der   Arbeit zu fast nichts mehr, weil ich wochentags den ganzen Tag arbeitete   und auch h&#228;ufig am Samstag, ich war schlecht gelaunt und st&#228;ndig   gereizt. Ich verdiente sehr wenig f&#252;r die Arbeits- und Aufgabenmenge,   die mir &#252;bertragen worden war, und obwohl es Dinge gab, die nur ich   machen konnte, verdiente ich nur 670 Reais (ca. 240 Euro). Ich h&#228;tte   bef&#246;rdert werden sollen, was auch eine h&#246;here Bezahlung eingeschlossen   h&#228;tte, aber mein Abteilungsleiter erlaubte die Versetzung nicht. Ich bat   um eine Gehaltserh&#246;hung, die aber nie gew&#228;hrt wurde. Kurze Zeit sp&#228;ter   wurde ich entlassen.<\/p>\n<p>  <b>Hast du dich schon einmal wegen deines jungen Alters diskriminiert   gef&#252;hlt?<\/b><\/p>\n<p>  Ich wurde schon immer wegen meiner Piercings und Tatoos diskriminiert.   Meine Chefs verachteten mich und alle forderten mich auf, die Tatoos und   Piercings zu verstecken. Am schlimmsten ist es bei TMS, weil einen bei   der Arbeit als Call-Center-Agentin die Kunden ja nicht sehen, aber   dennoch alle Angestellten f&#246;rmlich angezogen sein m&#252;ssen. Und von mir   wird gefordert, die Haare offen zu tragen, um mein Ohrpiercing zu   verstecken, die anderen Piercings rauszunehmen und die Tatoos zu   verdecken.<\/p>\n<p>  <b>Hast du schon mal versucht, in die Betriebsabl&#228;ufe eines der   Unternehmen, f&#252;r die du gearbeitet hast, einzugreifen? Wenn ja, wie?   Haben sich andere ArbeiterInnen angeschlossen? Gab es Repressionen oder   Bestrafungen?<\/b><\/p>\n<p>  Als ich bei submarino.com arbeitete, habe ich versucht, eine   ArbeiterInneninitiative f&#252;r bessere Arbeitsbedingungen zu gr&#252;nden, denn   es gab sehr viele &#220;berstunden und das Kantinenessen war salpeterhaltig   und unhygienisch (ein Kollege fand eine tote Kakerlake in seinem Essen).   Bei meinen Gespr&#228;chen mit den KollegInnen waren alle daf&#252;r, sich zu   organisieren und gegen diese schlechten Bedingungen zu streiken. Aber am   vereinbarten Tag war ich die einzige, die wirklich den ganzen Tag die   Arbeit niederlegte. Die anderen sagten, dass sie Angst vor Entlassungen   h&#228;tten. Der Tag wurde mir aber nicht vom Lohn abgezogen.<\/p>\n<p>  <b>Wie sind die Arbeitsbedingungen im Call-Center?<\/b><\/p>\n<p>  Die Arbeit bei TMS ist sehr hart. Wir haben bestimmte Maximalzeiten f&#252;r   die Kundengespr&#228;che, und wenn wir die &#252;berschreiten, kommt der Aufseher   und stichelt mit zynischen Fragen, ob wir Hilfe w&#246;llten &#8211; ganz zu   schweigen von den st&#228;ndigen Anrufen, die sie uns durchstellen mit der   Aufforderung, die Leitung freizugeben. Wir k&#246;nnen nicht auf die Toilette   gehen und haben nur 15 Minuten Mittagspause, aber dass auch nur, wenn   wir morgens 15 Minuten fr&#252;her anfangen. Und auch die Bezahlung ist sehr   niedrig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>      Die heute am h&#228;ufigsten von jungen BrasilianerInnen ausge&#252;bten Berufe<br \/>\n      sind Verk&#228;uferIn, B&#252;rogehilfIn, Call-Center-AgentIn, AssistentIN,<br \/>\n      RezeptionistIn, Pizza-LieferantIn und B&#252;rohilfskraft (alles<br \/>\n      unqualifizierte Arbeiten), die stets mit prek&#228;ren Arbeitsvertr&#228;gen, ohne<br \/>\n      die von den ArbeiterInnen erk&#228;mpften Rechte zu garantieren, einhergehen.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[41],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11894"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11894"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11894\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11894"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11894"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11894"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}