{"id":10972,"date":"2004-09-02T17:36:12","date_gmt":"2004-09-02T17:36:12","guid":{"rendered":".\/?p=10972"},"modified":"2004-09-02T17:36:12","modified_gmt":"2004-09-02T17:36:12","slug":"10972","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2004\/09\/10972\/","title":{"rendered":"&#x84;Es w&auml;re deutlich mehr drin gewesen&#x93;"},"content":{"rendered":"<p>Interview mit Tom Adler, Betriebsrat der IG Metall im DaimlerChrysler-Werk Stuttgart-Untert&uuml;rkheim, Werksteil Mettingen<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nW&auml;hrend der Auseinandersetzungen um die vom Vorstand geforderten K&uuml;rzungen von 500 Millionen Euro auf dem R&uuml;cken der Besch&auml;ftigten ging von dort eine spektakul&auml;re Aktion aus: 2.000 KollegInnen zogen &uuml;ber die Hauptverkehrsstra&szlig;e im Neckartal am 15. Juli zu den Protestaktionen im Rahmen des Daimler-Aktionstages der IG Metall und legten unterwegs auch noch eine der umk&auml;mpften &#x84;Steink&uuml;hler-Pausen&#x93; ein. Bundesweit beteiligten sich 60.000 mit Streiks und Protesten am Aktionstag der IG Metall. 7.000 KollegInnen des Werks Untert&uuml;rkheim empfingen die Vorschl&auml;ge des Gesamtbetriebsrats (GBR) nach der Einigung mit einem gellenden Pfeifkonzert. Mit drei Belegschafts-Flugbl&auml;ttern waren k&auml;mpferische KollegInnen, unter ihnen Tom Adler, &ouml;ffentlich f&uuml;r eine klare Linie gegen die Arbeitgeberangriffe aber auch gegen den Abschluss eingetreten.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Der Daimler-Abschluss wurde sowohl vom Daimler-Management als auch vom Gesamtbetriebsrat und der IG-Metall-F&uuml;hrung als Erfolg verkauft. Der IG-Metall-Bezirk verkauft den Abschluss mit der &Uuml;berschrift: &#x84;Sichere Jobs, sicheres Entgelt, sichere Tarifvertr&auml;ge&#x93;. Was ist Sache?<\/span><br \/>  Vorstand und Gesamtbetriebsrat (GBR) haben vereinbart, dass bis 31. Dezember 2011 auf betriebsbedingte K&uuml;ndigungen verzichtet wird und dass die vorher vom Vorstand in Frage gestellten Investitionen f&uuml;r verschiedene Produktlinien in einzelnen Werken  jetzt get&auml;tigt werden. Was aber nicht hei&szlig;t, das die Zahl der Arbeitspl&auml;tze garantiert wird, die es heute gibt. Personalabbau mit andern Mitteln ist also nicht ausgeschlossen.<br \/>  Im Gegenzug hat der GBR ein Kostensenkungspaket in der H&ouml;he akzeptiert, wie es der Vorstand von Anfang an gefordert hat: Einsparung von 500 Millionen Euro. Dazu geh&ouml;rt zum Beispiel eine Absenkung der Lohnlinie ab 2006 um 2,79 Prozent, das hei&szlig;t also: Lohnk&uuml;rzung. Und das in einem Konzern, der derzeit wegen seiner hohen Profite trotz aller Schlupfl&ouml;cher wieder Gewerbesteuer zahlen muss. Was das f&uuml;r ein Signal nach au&szlig;en ist, braucht man nicht mehr besonders betonen. <br \/>  F&uuml;r die sogenannten &#x84;Dienstleistungsbereiche&#x93; wurde eine stufenweise realisierte unbezahlte Arbeitszeitverl&auml;ngerung auf 39 Stunden vereinbart, also Stundenlohnk&uuml;rzung um rund zehn Prozent, plus eine Lohnsenkung ab 2006 um drei Prozent. Daf&uuml;r sollen die entsprechenden Bereiche vom Unternehmen nicht fremdvergeben werden.<br \/>  Lohnverzicht und  Arbeitszeitverl&auml;ngerung wird also allen Ernstes als Instrument verkauft, um Fremdvergabe zu verhindern. Wer diese Logik akzeptiert und solche Vereinbarungen macht, bringt die Gewerkschaften auf eine so schiefe Ebene, dass es schwierig wird, beim Abrutschen noch Halt zu finden. Dazu kommt noch, dass ab sofort f&uuml;r  Neueingestellte und nach der Ausbildung &uuml;bernommene Kolleginnen und Kollegen ein um 20 Prozent abgesenkter Einstell-Lohn gilt. Auch nach der ERA-Einf&uuml;hrung soll ihr Lohnniveau dauerhaft um acht Prozent niedriger liegen als bei der bisherigen Stamm-Belegschaft. &#x84;Gleicher Lohn f&uuml;r gleiche Arbeit&#x93;, eines der elementarsten gewerkschaftlichen Prinzipien, wird von den Verantwortlichen damit abgehakt.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Wie sch&auml;tzt Du die Kampfbereitschaft und Kampff&auml;higkeit der Daimler-Belegschaft ein? Gab es zum Verzichten eine Alternative?<\/span><br \/>  Dar&uuml;ber gehen die Ansichten weit auseinander. Die Verhandlungsf&uuml;hrer und viele, vielleicht die Mehrheit der Betriebsr&auml;te, sagen: Nein, mehr war nicht drin. Meiner Meinung nach gab es aber durchaus Alternativen: Die Kampfbereitschaft war so enorm und immer noch am Anwachsen. Die &ouml;ffentliche Meinung hatte sich zu unseren Gunsten und gegen den Vorstand und die Unternehmer gedreht. &Uuml;berall in den Betrieben gab und gibt es &auml;hnliche Erpressungsprogramme, also Betroffenheit. Und in dieser Situation w&auml;re es m&ouml;glich gewesen, die Auseinandersetzung weiterzuf&uuml;hren, die Gangart zu versch&auml;rfen und die Widerstandskr&auml;fte &uuml;ber die Betriebsgrenzen raus zu tragen und zu b&uuml;ndeln. Daraus h&auml;tte eine Gegenoffensive der Gewerkschaft entwickelt werden k&ouml;nnen. Es w&auml;re also deutlich mehr drin gewesen.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Welche Konsequenzen sind aus dem Daimler-Abschlusses f&uuml;r andere Betriebe zu bef&uuml;rchten?<\/span><br \/>  Wer die Auswirkungen einsch&auml;tzen will, muss die Presse des Gegners lesen. Die b&uuml;rgerlichen Medien waren durch die Bank begeistert und haben den Daimler-Abschluss in einer Reihe mit dem schlimmen Abschluss bei Siemens gesehen. Das l&auml;sst f&uuml;r die Fl&auml;che nichts Gutes erwarten. Das wird im Unternehmerlager als Aufforderung zum Nachsetzen interpretiert: &#x84;Wenn so etwas sogar beim Daimler durchsetzbar ist, dann holen wir das bei unserer Belegschaft auch &#x96; und noch was dr&uuml;ber hinaus.&#x93;<br \/>  Andererseits kann die k&auml;mpferische Gegenwehr der Kollegen von Daimler durchaus auch ausstrahlen und Mut machen. <\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Was m&uuml;sste Deiner Meinung nach die Antwort der IG Metall auf den H&auml;userkampf der Unternehmer sein?<\/span><br \/>  Die IG Metall m&uuml;sste gemeinsam mit den anderen Gewerkschaften eine Mobilisierungskampagne gegen jede Form der Arbeitszeitverl&auml;ngerung f&uuml;hren. Dass das erfolgversprechend  sein kann, hat man in der Tarifrunde im Fr&uuml;hjahr gesehen. Die Kampagne &#x84;L&auml;ngere Arbeitszeiten vernichten Arbeitspl&auml;tze&#x93; war &uuml;berzeugend, die KollegInnen waren sehr schnell bereit, in Aktion zu gehen. V&ouml;llig kontraproduktiv sind dagegen die Arbeitszeitverl&auml;ngerungen von Siemens bis Daimler &#x96; das besch&auml;digt die &Uuml;berzeugungskraft der eigenen Argumente, die sich noch im Fr&uuml;hjahr als  mobilisierend erwiesen haben.<\/p>\n<p>  <span style=\"font-weight: bold;\">Was muss sich in der IG Metall &auml;ndern, damit endlich gemeinsame Gegenwehr organisiert wird?<\/span><br \/>  Erstens muss sich die Einsicht durchsetzen, dass wir es mit einem fundamentalen Angriff des Kapitals, flankiert von der Berliner Allparteienkoalition, zu tun haben. Das hei&szlig;t, Abschied zu nehmen von der Illusion, dass es eine Neuauflage der Sozialpartnerschaft geben kann, nur eben auf einem bisschen niedrigerem Niveau f&uuml;r die Arbeitenden. Darauf scheinen viele f&uuml;hrende Gewerkschafter immer noch zu hoffen und scheuen deshalb den Gro&szlig;konflikt mit Politik und Unternehmern, obwohl ihnen tagt&auml;glich der Fehdehandschuh ins Gesicht geknallt wird. Und zweitens: Was  letztlich z&auml;hlt, sind Mobilisierungskraft und Kampff&auml;higkeitkeit und die Bereitschaft, sie auch f&uuml;r ein glaubw&uuml;rdiges, &uuml;berzeugendes Alternativkonzept  einzusetzen. Das neoliberale Credo &#x84;There is no alternative&#x93; &#x96; &#x84;Es gibt keine Alternative&#x93; &#x96; kann und muss praktisch widerlegt werden!<br \/>  <br style=\"font-style: italic;\"> <span style=\"font-style: italic;\">Das Interview f&uuml;hrte Ursel Beck<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Tom Adler, Betriebsrat der IG Metall im DaimlerChrysler-Werk Stuttgart-Untert&uuml;rkheim, Werksteil Mettingen<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[17],"tags":[163],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10972"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10972"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10972\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10972"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10972"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10972"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}