{"id":10129,"date":"2002-09-11T10:17:17","date_gmt":"2002-09-11T10:17:17","guid":{"rendered":".\/?p=10129"},"modified":"2002-09-11T10:17:17","modified_gmt":"2002-09-11T10:17:17","slug":"10129","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2002\/09\/10129\/","title":{"rendered":"Lynn Walsh: Die wirtschaftlichen Folgen"},"content":{"rendered":"<p>(29. 9. 2001)<br \/> Die gr&auml;sslichen Angriffe auf die Zwillingst&uuml;rme von New York zielten auf Symbole des Reichtums und der Weltherrschaft der USA. Unter den Tausenden, die ihr Leben durch die Selbstmord-Attentate verloren, waren schlecht bezahltes Reinigungspersonal, Laden- und B&uuml;robesch&auml;ftigte und auch illegale EinwanderInnen, die unter der Tyrannei der neoliberalen Wirtschaftsgesetze arbeiten. Gleichzeitig haben die Attent&auml;ter dem gr&ouml;&szlig;ten Finanzzentrum der Welt und der wichtigen Luftfahrtbranche schweren Schaden zugef&uuml;gt und Schockwellen durch die ganze US- und Weltwirtschaft gesandt. Was werden w&auml;hrend der kommenden Monate und n&auml;chsten paar Jahre die Wirkungen auf die Weltwirtschaft sein?<!--more--><br \/>\n &nbsp;<br \/>\nDie unbekannten Folgen der wahrscheinlichen US-Milit&auml;raktion und ihrer Auswirkungen machen es schwierig, die Flugbahn der Weltwirtschaft vorherzusagen. Trotzdem ist es schon klar, dass die Ereignisse des 11. September den ernsthaften weltweiten Abschwung verst&auml;rken und versch&auml;rfen werden, in dem die Weltwirtschaft vorher schon schnell niedersank. In Perioden von anhaltendem Wirtschaftsaufschwung k&ouml;nnen die USA und andere f&uuml;hrende kapitalistische M&auml;chte ernsthafte Schocks ertragen und die wirtschaftlichen Unkosten einer teuren strategischen Antwort ertragen. Mit einer &auml;hnlichen Krise in einem Abschwung fertigzuwerden, ist aber eine andere Sache.<br \/> Die Krise hat die USA getroffen, als sie schon vor ernsthaften wirtschaftlichen Schwierigkeiten stand. Seit Anfang 2000 hat sich die US-Wirtschaft stetig auf eine Rezession zubewegt, die wahrscheinlich auch ohne die j&uuml;ngsten Ereignisse eine ziemlich tiefe Rezession geworden w&auml;re. Dies war nicht nur ein Konjunkturabschwung, sondern spiegelt die Untergrabung der Bedingungen wider, die zur Entstehung des Booms der achtziger Jahre und des noch gr&ouml;&szlig;eren Booms der sp&auml;ten neunziger Jahre f&uuml;hrten.<br \/> Der j&uuml;ngste Boom wurde durch Finanzspekulation, beispiellose Ausma&szlig;e der Verschuldung und eine gro&szlig;e Abh&auml;ngigkeit der USA vom Zustrom von Kapital aus &Uuml;bersee angetrieben. Selbst vor dem 11. September begannen die Strategen des US-Kapitalismus doch noch, die ernsthaften Strukturprobleme anzupacken, die sich entwickelt hatten. Nur die Fortsetzung des verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig hohen Niveaus der Konsumausgaben, dessen Unterh&ouml;hlung durch die Entwicklung von Arbeitslosigkeit besonders in der produzierenden Industrie gerade begann, verhinderte einen scharfen Einbruch der Wirtschaft.<br \/> Trotz scharfer R&uuml;ckg&auml;ngen an den B&ouml;rsen seit dem Zusammenbruch der Technologieaktien im M&auml;rz letzten Jahres blieben Aktienkurse im Verh&auml;ltnis zu Firmenprofiten &uuml;berbewertet, die stark gefallen sind. Selbst ohne die reflexartige Reaktion auf die Angriffe auf New York und Washington h&auml;tte es weitere Einbr&uuml;che gegeben, m&ouml;glicherweise an einem gewisse Punkt scharfe Einbr&uuml;che. Es ist nicht &uuml;berraschend, dass die Angriffe den gr&ouml;&szlig;ten B&ouml;rseneinbruch seit 1929-31 brachten ? dessen Widerhall unausweichlich &auml;hnliche Einbr&uuml;che an B&ouml;rsen auf der ganzen Welt waren. Diese Einbr&uuml;che werden einen gro&szlig;en Teil des ?Reichtumseffekts? beseitigen, der Neigung von Investoren zu h&ouml;heren Investitionen und von VerbraucherInnen zu h&ouml;herem Ausgaben auf der Grundlage des Wachstums ihres Verm&ouml;gens an Geldanlagen (und Immobilien). Obendrein werden sich die Aktienkurse wahrscheinlich nur auf der Grundlage einer allgemeinen Wiederbelebung der Wirtschaft erholen, und die gegenw&auml;rtigen Anzeichen weisen in die entgegengesetzte Richtung.<br \/> Als Reaktion auf die Krise pumpte die US-Notenbank sofort 38 Milliarden Dollar in die Wirtschaft, die Bank von Japan, die Europ&auml;ische Zentralbank, die Bank von England, und andere folgten mit &auml;hnlichen Geldspritzen (zusammen 120 Milliarden Dollar). Dies wendete einen unmittelbaren Zusammenbruch ab, der sich aus einer Kettenreaktion von Zahlungsunf&auml;higkeiten wegen der Aussetzung des Handels in New York und einer Bargeldkrise f&uuml;r viele Finanzh&auml;user h&auml;tte ergeben k&ouml;nnen. Zentralbanken werden zweifellos bereit sein, wenn n&ouml;tig mehr Geld in die Wirtschaft zu pumpen. Dies wird aber f&uuml;r sich genommen nicht notwendig die Wirtschaftst&auml;tigkeit allgemein wiederbeleben, wenn es nicht breite g&uuml;nstige Bedingungen gibt.<br \/> Eine weitere St&uuml;tze des Booms der sp&auml;ten neunziger Jahre war das historische hohe Niveau der Firmen-, Hypotheken- und Verbraucherschulden. Dies ist jetzt ein strukturelles Problem, da viele Firmen und Haushalte Schwierigkeiten beim Schuldendienst haben. Niedrigere Zinsen k&ouml;nnen die Last in gewissem Umfang erleichtern, aber Menschen, die Angst vor der Zukunft haben, werden sich wahrscheinlich auf das Abzahle von Schulden und nicht auf h&ouml;here Ausgaben konzentrieren.<br \/> W&auml;hrend dem Boom Ende der neunziger Jahre stieg der Dollar und war mindestens 20-25% &uuml;berbewertet. Die US-Wirtschaft saugte eine wachsende Menge an Importen ein, besonders aus den billigeren ostasiatischen L&auml;ndern, und h&auml;ufte ein riesiges Handels- und Zahlungsbilanzdefizit auf. Normalerweise w&uuml;rde so ein Defizit den Wert der W&auml;hrung eines Landes herabdr&uuml;cken. Dem wirkte aber der riesige, beispiellose Zufluss von Kapital in die USA ? um einen Teil der im Boom erzielbaren Profite zu schnappen ? entgegen. Der hohe Dollar finanzierte nicht nur die Netto-Auslandsverschuldung der USA, sondern erm&ouml;glichte US-Unternehmen und VerbraucherInnen auch, ausl&auml;ndische Waren mit einem betr&auml;chtlichen Preisnachlass zu kaufen.<br \/> Es gibt jedoch weitverbreitete Furcht unter den Strategen des Kapitals, dass der hohe Dollar nicht mehr sehr lange beibehalten werden kann. Es w&auml;re nicht &uuml;berraschend, wenn die USA nicht l&auml;nger als ?sicherer Hafen? f&uuml;r Investitionen gesehen werden. Seit dem 11. September kauft die Bank von Japan Dollar, um den Dollar zu halten und den Wechselkurs des Yen zu dr&uuml;cken.<br \/> Ein scharfer Fall im Dollarkurs h&auml;tte eine verheerende Wirkung auf die US-Wirtschaft. Es g&auml;be eine Kapitalflucht aus den USA und der US-Kapitalismus k&ouml;nnte nicht l&auml;nger das gegenw&auml;rtige Handels- und Zahlungsbilanzdefizit halten. Wenn er nicht dramatisch Exporte steigern k&ouml;nnte (was unter den Bedingungen einer Weltrezession schwierig ist), m&uuml;sste er die Importe drastisch senken. Zweifellos w&uuml;rden gro&szlig;e Teile der Kapitalisten den Schutz ihrer Industrien und auch irgendwelche Kapitalkontrollen fordern.<br \/> Unmittelbare Wirkungen<br \/> Die unmittelbarste Wirkung des Angriffs war auf die Fluggesellschaften, denen verheerende Verluste und sogar Bankrott drohen. Vor dem 11. September wurde US-Fluggesellschaften ein Verlust von zusammen 3,5 Milliarden Dollar dieses Jahr vorausgesagt. Jetzt werden Verluste von mindestens 7-10 Milliarden Dollar erwartet. Die f&uuml;hrenden US-Fluggesellschaften k&uuml;rzen in Erwartung eines drastischen R&uuml;ckgangs der Passagierzahlen ihre Kapazit&auml;t um mindestens 20% was mehr als 100.000 verlorene Arbeitspl&auml;tze in den USA und international bedeuten k&ouml;nnte.<br \/> Die Fluggesellschaftsbosse liefen zu Pr&auml;sident und Kongress und forderten ein 24-Milliarden-Dollar-Rettungspaket in Form von Steuerbefreiung und Kreditgarantien. Die Regierung bietet etwa 17.5 Milliarden Dollar. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass eine oder mehrere US-Fluggesellschaften pleite gehen werden. Ein Problem ist, dass die Versicherer sich jetzt weigern, Fluggesellschaften zu versichern. Fluggesellschaften auf der ganzen Welt werden vor gro&szlig;en Gesch&auml;ftseinbu&szlig;en stehen, zusammen mit zus&auml;tzlichen Sicherheits- und Versicherungskosten, und viele haben schon massive Arbeitsplatzverluste angek&uuml;ndigt.<br \/> Es wird klar weniger Nachfrage nach neuen Flugzeugen geben. Boeing hat schon eine Produktionssenkung um mehr als 20% angek&uuml;ndigt, was Arbeitsplatzverluste von 20 bis 30.000 bei einer gesamten Besch&auml;ftigtenzahl von etwa 94.000 im Zivilflugzeugbau bedeuten wird. Dies wird eine Kettenreaktionswirkung auf die 3.000 Firmen auf der ganzen Welt haben, die Zulieferer von Boeings Zivilflugzeugproduktion sind.<br \/> Gr&ouml;&szlig;ere Versicherungen werde riesige Verluste als Ergebnis der Zerst&ouml;rung am 11. September erleiden. Gegenw&auml;rtig werden Gesamtforderungen in einer H&ouml;he von 5 Milliarden Dollar erwartet, aber dies wird wahrscheinlich steigen. Kommentatoren warnen, dass dies eine ?l&auml;hmende? Last f&uuml;r Versicherungen einschlie&szlig;lich Lloyds aus London sein k&ouml;nnte.<br \/> Nach den Anschl&auml;gen stieg der Roh&ouml;lpreis um &uuml;ber 3,50 Dollar je Fass (13%). Aber der Preis fiel bald, da die F&uuml;hrer der gro&szlig;en &Ouml;lproduzenten wie Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate versprachen, dass sie die Produktion steigern w&uuml;rden, um die Nachfrage zu befriedigen (die wegen der Rezession sowieso verringert sein wird). Der &Ouml;lpreis hat sich aber schon gegen&uuml;ber den Krisenpreisen nach der Asienkrise 1997-98 verdreifacht ? was zum j&uuml;ngsten weltweiten Abschwung beigetragen hat. Eine Eskalation des Konflikts im Nahen Osten k&ouml;nnte leicht weitere Anstiege provozieren.<br \/> Eine Fortsetzung und besonders eine Vertiefung der US-Rezession wird eine verheerende Wirkung auf den Rest der Weltwirtschaft haben. In den letzten f&uuml;nf Jahren trug die US-Wirtschaft zwei F&uuml;nftel der Steigerung der globalen Nachfrage bei. Mit Wachstum nahe Null in den ersten zwei Quartalen und (schon vor dem 11. September) f&uuml;r das dritte Quartal vorhergesagtem Minuswachstum ist der US-Motor ins Stocken gekommen. In seinem letzten Ausblicks-Entwurf kommentiert der IWF: ?In den letzten vier Quartalen haben die f&uuml;hrenden fortgeschrittenen L&auml;nder zum ersten Mal seit den fr&uuml;hen achtziger Jahren eine weitgehend gleichzeitige Wachstumsverlangsamung erfahren?. (Financial Times, 19. September)<br \/> Japan ist in die vierte Rezession in den letzten zehn Jahren mit einem R&uuml;ckgang mit einer Jahresrate von 3.2% im zweiten Quartal eingetreten. Seit Jahresbeginn wurden Wachstumsvorhersagen f&uuml;r Europa st&auml;ndig nach unten korrigiert. Die Krisen in Argentinien, Brasilien, der T&uuml;rkei weisen zusammen mit der schweren Krise in einer Reihe ostasiatischer Wirtschaften auf eine sich ausweitende Ansteckung.<br \/> Selbst vor den Attentaten gab es einen deutlichen R&uuml;ckgang in den globalen Auslandsinvestitionen (die haupts&auml;chlich zwischen fortgeschrittenen kapitalistischen L&auml;ndern stattfinden). Nach der ?Konferenz der Vereinten Nationen zu Handel und Entwicklung? (UNCTAD) werden die Investitionen um 40% in diesem Jahr zur&uuml;ckgehen, von einem Rekord von 1.270 Milliarden Dollar 2000 auf 760 Milliarden. Dies ist der erste R&uuml;ckgang seit 1991 und verantwortlich ist haupts&auml;chlich der schwindende Boom bei den Konzernfusionen, der letztes Jahr seinen H&ouml;hepunkt erreichte.<br \/> Bei ausl&auml;ndischen Direktinvestitionen in ?Entwicklungsl&auml;nder? wird ein Fall um 6% dieses Jahr erwartet, von 240 Milliarden Dollar 2000 auf 225 Milliarden. Wenn man den Kapitalabfluss aus unterentwickelten L&auml;ndern aber ber&uuml;cksichtigt, ist das Bild viel schlechter. Die Nettokapitalfl&uuml;sse in die sogenannten ?aufstrebenden M&auml;rkte? fielen von 233 Milliarden Dollar 1996 auf blo&szlig;e 2 Milliarden letztes Jahr. (Financial Times, 19. September) Kapitalstr&ouml;me waren zweifellos der Motor der Globalisierung, und die scharf verringerten Str&ouml;me weisen darauf hin, dass die j&uuml;ngste Phase jetzt ihre Grenzen erreicht. Verringerte Investitionen und Kapitalflucht aus krisengesch&uuml;ttelten Wirtschaften wird viel geringere Wachstumsraten unausweichlich machen. Dies wirft die M&ouml;glichkeit auf, dass Staaten, die vor einer schweren Wirtschaftskrise oder sogar einem wirtschaftlichen Zusammenbruch stehen, Ma&szlig;nahmen zum Schutz ihrer Volkswirtschaften gegen Handel und Kapitalstr&ouml;me ergreifen werden, wie es Mahathir 1997 in Malaysia machte.<br \/> Zum Beispiel f&uuml;hrte die US-Notenbank nach dem 11. September eine Pr&auml;mie auf Notenbank-Kredite an Hedge Funds ein, die mit ihnen an der wiederer&ouml;ffneten B&ouml;rse spekulieren wollten. Was war das anderes als eine Form von US-Tobinsteuer auf Finanztransaktionen? Forderungen, dass die US-Regierung Ma&szlig;nahmen gegen Terrorismus ergreift, Flughafensicherheit garantiert etc. haben die Aufmerksamkeit wieder auf die Rolle des Staats gelenkt. Die heroische Rolle der Feuerwehrleute (die nur einen Bruchteil der Geh&auml;lter der B&ouml;rsenh&auml;ndler erhalten) bei der Rettungsaktion in New York erinnert an die Grenzen der Marktkr&auml;fte.<br \/> Es gibt ein wachsendes Bewusstsein &uuml;ber die Antiglobalisierungsbewegung hinaus, dass die Kr&auml;fte der neoliberalen Globalisierung bei der Schaffung der Bedingungen geholfen haben, die zu den absto&szlig;enden Angriffen auf New York und Washington f&uuml;hrten. Hamish McRae, ein eifriger Anh&auml;nger der neoliberalen Politik kommentierte dazu klagend: ?Es ist m&ouml;glich, dass der 11. September 2001 sich als Wendepunkt erweist: der Beginn eines schrittweisen Vorgehens gegen die internationalen Bewegungen von Handel und Geld, eines R&uuml;ckzug von einer verflochtenen Welt. Dem Isolationismus in Amerika k&ouml;nnte ein Sichverschanzen in Europa entsprechen. Wenn es so w&auml;re, w&uuml;rde das Jahrzehnt zwischen dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa und der gestrigen Katastrophe als kurzes goldenes Zeitalter erscheinen?. (Independent, 12. September)<br \/> Ausl&ouml;sende Ereignisse und tiefere Ursachen<br \/> Trotz der sich seit vielen Monaten vor dem 11. September entwickelnden Symptome einer Rezession ist die Ernsthaftigkeit der wirtschaftlichen Lage breiten Schichten der US-&Ouml;ffentlichkeit noch nicht klargeworden. Die Vorteile durch die j&uuml;ngsten Lohnerh&ouml;hungen machten sich noch bemerkbar, w&auml;hrend Inflation und Zinsen niedrig waren. ArbeiterInnen fingen erst an, von der Arbeitslosigkeit getroffen zu werden. Als ein Ergebnis werden viele die Terroranschl&auml;ge als Ursache der Wirtschaftskrise sehen. Es kann ein Gef&uuml;hl geben, dass sich die Wirtschaft bald ?wiederbeleben? wird, wenn die US-Regierung wirksame Ma&szlig;nahmen gegen den Terrorismus ergreift und das ?Vertrauen? wiederherstellt. Die wirkliche Lage ist komplexer.<br \/> Eine geschichtliche Parallele ist der &Ouml;l?schock? 1973. Die Verdreifachung der &Ouml;lpreise durch die OPEC-Produzenten &uuml;ber Nacht l&ouml;ste zweifellos eine Weltwirtschaftskrise 1974-75 aus. Praktisch bezeichnete der Abschwung das Ende des langen Nachkriegsaufschwungs. Gro&szlig;e Teile der &Ouml;ffentlichkeit und nicht wenige Wirtschaftskommentatoren sahen den &Ouml;lpreisanstieg ? einen &auml;u&szlig;eren Schock ? als wirkliche Krisenursache.<br \/> Es gibt keinen Zweifel, dass der &Ouml;lpreisanstieg ein wirtschaftlicher Schock war, der die Weltwirtschaft in die Krise stie&szlig;, die wiederum das Aus-dem-Leim-Gehen der Nachkriegs-Wirtschaftsordnung beschleunigte. Aber er war ein ausl&ouml;sendes Ereignis, das selbst aus tieferen wirtschaftlichen und politischen Ursachen entstand. Ein gro&szlig;er Faktor hinter der OPEC-Entscheidung zur Preiserh&ouml;hung waren zum Beispiel die Wirkungen, die hohe und steigende Inflation auf den realen Preis hatte, den sie f&uuml;r ihre &Ouml;lexporte erhielten. Es gab auch klar politische Ursachen, am unmittelbarsten den ?Jom Kippur?-Krieg zwischen Israel und &Auml;gypten 1973, der die arabischen Staaten und Iran zu einem Embargo der &Ouml;lexporte in den Westen provozierte. Der arabisch-israelische Krieg war im weiteren Sinn blo&szlig; einer in einer Reihe von bewaffneten Konflikten und politischen Kr&auml;mpfen, die das Ende der Aufschwungsperiode bezeichneten. Ungleiche wirtschaftliche Entwicklung bei einer versch&auml;rften Polarisierung des Reichtums sowohl zwischen Staaten als auch innerhalb der Gesellschaft war ein Hauptfaktor ? wie in der j&uuml;ngsten Periode der neoliberalen Globalisierung. Die beispiellose Wechselwirkung von Wirtschaftskrisen, politischer Unruhe und bewaffnetem Konflikt hat immer den Beginn von Perioden versch&auml;rfter internationaler Krisen bezeichnet.<br \/> Krieg und Konjunkturzyklus<br \/> Ein paar Finanzgurus tr&ouml;sten ihre Kunden mit dem Gedanken, dass Kriege oft gut f&uuml;rs Gesch&auml;ft sind. Es ist sicher wahr, dass bei der Wiederer&ouml;ffnung der New Yorker B&ouml;rse am 17. September neben dem allgemeinen Einbruch der Aktienkurse die Aktien von R&uuml;stungsfirmen wie Lockheed hochschossen. Es ist auch wahr, dass sich beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und auch des Koreakriegs nach der anf&auml;nglichen Reflexreaktion die Aktien erholten und st&auml;ndig im Wert stiegen (aber nicht auf die astronomischen H&ouml;hen der sp&auml;ten neunziger). Die Entwicklung der Wirtschaft, die die Entwicklung der Aktien bestimmt, h&auml;ngt aber von der allgemeinen Wirtschaftslage ab.<br \/> Der Zweite Weltkrieg, der die USA nicht direkt traf, bedeutete gute Gesch&auml;fte f&uuml;r den US-Kapitalismus, der die Alliierten mit Waren und Rohstoffen versorgte. Der ?Nachkriegs?boom begann in den USA in Wirklichkeit 1940 mit einer schnellen Steigerung von Produktion und Rentabilit&auml;t. Der US-Kapitalismus hatte mehr als genug Ressourcen zur Finanzierung seiner Kriegsanstrengungen. Der Koreakrieg lieferte auch einen Anreiz f&uuml;r die US-Wirtschaft, da er unter Bedingungen von allgemeinem Aufschwung in den fortgeschrittenen kapitalistischen L&auml;ndern stattfand. Milit&auml;rausgaben boten auch einen wichtigen Antrieb f&uuml;r die japanischen und s&uuml;dostasiatischen Wirtschaften und brachte sie auf einen Pfad schneller industrieller Modernisierung.<br \/> Aber der Vietnamkrieg war v&ouml;llig anders. Die US-Intervention begann zwar in den fr&uuml;hen sechziger Jahren, aber der massive US-Milit&auml;raufmarsch fand nach 1968 statt. Dieses Jahr stellte einen Wendepunkt im Nachkriegsaufschwung dar, in dem Produktivit&auml;t und Rentabilit&auml;t zu sinken begannen. Hohe Milit&auml;rausgaben versch&auml;rften die Probleme des US-Kapitalismus, f&uuml;hrten zu Inflationsdruck, der sich auf den Rest der Weltwirtschaft ausdehnte. Als Reaktion auf die wachsenden Wirtschaftsschwierigkeiten ergriff Nixon in den fr&uuml;hen siebziger Jahren eine Reihe von Ma&szlig;nahmen (einschlie&szlig;lich der Aufgabe der Goldbindung des Dollar und der Freigabe des Wechselkurses) die das internationale wirtschaftliche Rahmenwerk von Bretton Woods zerst&ouml;rten. Der von Nixon ergriffene wirtschaftliche Kurs er&ouml;ffnete eine Periode von internationaler wirtschaftlicher Ersch&uuml;tterung, wachsender Inflation und politischer Unruhe. Die T&uuml;r f&uuml;r den Prozess, der heute als Globalisierung bekannt ist, wurde ge&ouml;ffnet.<br \/> Die Lage nach dem 11. September &auml;hnelt viel mehr der Periode des Vietnamkriegs als dem Zweiten Weltkrieg oder Koreakrieg. Die gegenw&auml;rtige milit&auml;risch-strategische Krise kommt, wenn das internationale Wirtschafts?regime?, das sich in den achtziger Jahren herausbildete und in den neunziger Jahren festigte, schon nach der asiatischen W&auml;hrungskrise 1997 aus dem Leim zu gehen begann. Selbst auf der H&ouml;he des Booms der neunziger Jahre schafften es weder die USA noch die anderen fortgeschrittenen kapitalistischen L&auml;nder, die im langen Nachkriegsaufschwung erreichten Niveaus von Produktions- und Produktivit&auml;tswachstum zu erreichen. Obendrein hat die US-F&uuml;hrung den ?Krieg? erkl&auml;rt, aber die USA stehen nicht einem bestimmten Feind gegen&uuml;ber, dem man nach einem strategischen Plan entgegentreten kann. Die Netzwerke der Terrorgruppen sind viel mehr wie der Vietcong, aber nicht einmal in einem einzigen Gebiet gelegen. Die unberechenbaren Folgen der Milit&auml;raktion in dieser Lage zusammen mit der M&ouml;glichkeit weiterer unvorhersagbarer Terrorangriffe schaffen abgesehen von jedem materiellen Schaden ein Klima von extremer Ungewissheit, das unausweichlich die normale Wirtschaftst&auml;tigkeit untergr&auml;bt.<br \/> Es ist obendrein wahrscheinlich, dass die terroristische Bedrohung zur Rechtfertigung von pauschalen Steigerungen von Milit&auml;rausgaben gerechtfertigt wird, einschlie&szlig;lich absurder Projekte wie dem Nationalen Raketenabwehrsystem. Manche Strategieexperten fordern eine Erh&ouml;hung des R&uuml;stungshaushalts von gegenw&auml;rtig 290 Milliarden auf &uuml;ber 400 Milliarden Dollar. Dies wird den Bundesfinanzen ungeheure zus&auml;tzlichen Belastungen auferlegen, w&auml;hrend gleichzeitig der Abschwung den &Uuml;berschuss im Bundeshaushalt auffrisst. Die Regierung wird gezwungen sein, die Steuern zu erh&ouml;hen und\/oder Sozialausgaben zu senken, die Sozialversicherung (Rentenfonds) zu pl&uuml;ndern oder Geld zur Bezahlung der Rechnungen zu drucken (und dadurch die Inflation zu erh&ouml;hen).<br \/> Reagan lie&szlig; ich auf ein massives R&uuml;stungsprogramm ein, das der US-Wirtschaft in den achtziger Jahren einen gro&szlig;en Ansporn gab. Als die USA ihren Angriff auf den Irak im Golfkrieg machten, konnten sie auf ihre schon aufgestapelten Waffenvorr&auml;te zur&uuml;ckgreifen ? und dann die Rechnung ihren Verb&uuml;ndeten schicken, vor allem Japan und Deutschland. Das Erbe des ?Milit&auml;r-Keynesianismus war ein massives Haushaltsdefizit. Zum Gl&uuml;ck f&uuml;r Clinton erlaubte das Wachstum Ende der neunziger Jahre seiner Regierung, das Defizit abzubauen. George W und seine unmittelbaren Nachfolger als Pr&auml;sident werden aber h&ouml;chstwahrscheinlich keine so g&uuml;nstige Konjunktur erwischen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(29. 9. 2001)<br \/>\nDie gr&auml;sslichen Angriffe auf die Zwillingst&uuml;rme von New York zielten<br \/>\nauf Symbole des Reichtums und der Weltherrschaft der USA. Unter den Tausenden,<br \/>\ndie ihr Leben durch die Selbstmord-Attentate verloren, waren schlecht bezahltes<br \/>\nReinigungspersonal, Laden- und B&uuml;robesch&auml;ftigte und auch illegale<br \/>\nEinwanderInnen, die unter der Tyrannei der neoliberalen Wirtschaftsgesetze<br \/>\narbeiten. Gleichzeitig haben die Attent&auml;ter dem gr&ouml;&szlig;ten Finanzzentrum<br \/>\nder Welt und der wichtigen Luftfahrtbranche schweren Schaden zugef&uuml;gt<br \/>\nund Schockwellen durch die ganze US- und Weltwirtschaft gesandt. 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