{"id":10094,"date":"2002-09-04T14:00:25","date_gmt":"2002-09-04T14:00:25","guid":{"rendered":".\/?p=10094"},"modified":"2002-09-04T14:00:25","modified_gmt":"2002-09-04T14:00:25","slug":"10094","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2002\/09\/10094\/","title":{"rendered":"10 Jahre Wiedervereinigung &#8211; Von wegen bl&#252;hende Landschaften&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>  von Rene Henze<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  &quot;Jezt stehen Betriebsschlie&#223;ungen, Massenarbeitslosigkeit, Sozialabbau,   die fast uneingeschr&#228;nkte Herrschaft des Kapitals und niedriger   Lebensstandard f&#252;r die Mehrheit der DDR-Bev&#246;lkerung ins Haus.&quot; Das   schrieben wir vor zehn Jahren in der VORAN, September 1990, kurz vor der   kapitalistischen Wiedervereinigung. Leider wurde diese Perspektive   vollauf best&#228;tigt.<\/p>\n<p>W&#228;hrend die DDR 1989 noch einen Platz   unter den f&#252;hrenden Industriel&#228;ndern inne hatte, liegt heute die   Wirtschaftsleistung aller f&#252;nf L&#228;nder Ostdeutschlands gerade mal auf dem   Niveau des Bundeslandes Schleswig-Holsteins. Der DGB hat errechnet, dass   seit der Wiedereinf&#252;hrung der Marktwirtschaft drei Viertel aller   Industriearbeitspl&#228;tze verschwunden sind. Das Deutsche Institut f&#252;r   Wirtschaftsforschung (DIW) schreibt in seiner wirtschaftpolitischen   Bilanz der Wiedervereinigung (Juni 2000): &quot;Letztes Jahr waren fast eine   Million Personen in verschiedenen Ma&#223;nahmen untergebracht, die   anderenfalls das Heer der registrierten Arbeitslosen vermehrt h&#228;tten.   Dies darf aber nicht dar&#252;ber hinwegt&#228;uschen, dass weiterhin fast 2,5   Millionen Arbeitspl&#228;tze am ersten Arbeitsmarkt fehlen.&#8221; Ende 1989 waren   in der DDR 10 bis 11 Millionen Menschen erwerbst&#228;tig &#8211; heute sind es   laut DIW sechs Millionen, &quot;solche in subventionierter Besch&#228;ftigung   eingeschlossen.&#8221;<\/p>\n<p>Ausverkauf = Schn&#228;ppchen<\/p>\n<p>Mit   der Einf&#252;hrung der Marktwirtschaft wurde die von den Stalinisten   heruntergewirtschaftete DDR-Wirtschaft den westlichen Konzernen und   Banken zum Fra&#223; vorgeworfen. Ein riesiges Ausschlachten begann. Die   ehemaligen DDR-Kombinate wurden zerlegt und privatisiert. &#220;ber 8000   Betriebe wurden plattgemacht oder f&#252;r &quot;&quot;n Appel und &quot;n Ei&#8221; verh&#246;kert.   Die Treuhandanstalt, die diesen grandiosen Ausverkauf organisierte,   beendete ihre Arbeit mit 230 Milliarden Mark Schulden. Und das lag nicht   an der besonderen Schuldenmachkunst der Frau Breuel (j&#252;ngstes Beispiel:   EXPO), die damals Treuhandchefin war, sondern daran, dass den   westdeutschen Unternehmern die Ost-Firmen &quot;schmackhaft&quot; gemacht wurden.<br \/>Ein   Beispiel ist der Verkauf der ehemals weltgr&#246;&#223;ten Hochseeflotte, der   Rostocker Deutschen SeeReederei. Die beiden K&#228;ufer, die Hamburger   Kaufleute, Herr Rahe und Herr Sch&#252;ss, verkauften erst ihre eigene kleine   Reederei f&#252;r 20 Millionen Mark an die Treuhand. Danach erworben sie von   der Treuhand ihre eigene Reederei und die DSR f&#252;r zusammen 10 Millionen.   Derartige Beispiele kann jede und jeder Ostdeutsche aus jedem noch so   kleinen St&#228;dtchen erz&#228;hlen. Die westdeutschen Banken und Konzerne   verdienten sich daran eine goldene Nase. Aber nicht nur daran: dadurch,   dass die ostdeutschen Betriebe systematisch plattgemacht wurden,   vergr&#246;&#223;erten sich die Marktanteile von VW, Tschibo, Daimler und Co. Die   riesigen staatlichen Transfers f&#252;r Arbeitslosengeld, Rente und andere   staatliche Zahlungen an die Arbeiter und Arbeitslosen im Osten,   wanderten schnell wieder in die westdeutschen Konzern- und Bankkassen.   F&#252;r die westdeutschen Kapitalisten bedeutete der Ausverkauf   Ostdeutschlands eine gigantische Profitquelle.<\/p>\n<p>Kapitalismus   unf&#228;hig<\/p>\n<p>1990 erhofften sich 86 Prozent der Ostdeutschen eine   schnelle Angleichung der Lebensverh&#228;ltnisse an das Westniveau.   Inzwischen glaubt niemand mehr daran.<br \/>Die Marktwirtschaft, der   Kapitalismus, ist heute in keinem Teil der Welt mehr in der Lage,   Wirtschaft und Gesellschaft zu entwickeln. Nicht nur in den L&#228;ndern der   &quot;Dritten Welt&quot; in Afrika oder Asien ist das kapitalistische System   unf&#228;hig, die Produktivkr&#228;fte weiter zu entwickeln, sondern auch in   Osteuropa und ebenso in dem kleinen Gebiet wo einmal die DDR war. Die   gro&#223;en Banken und Konzerne haben so gewaltige &#220;berkapazit&#228;ten angeh&#228;uft,   dass zus&#228;tzliche Produktionsst&#228;tten im Osten f&#252;r sie nur &#252;berfl&#252;ssige   Investitionen w&#228;ren. Die Konzern- und Bankchefs sind keine lieben Onkels   aus dem Westen, die den &quot;armen Verwandten&quot; im Osten mal schnell was   schenken. Wenn sie investieren, dann muss entsprechend Profit dabei   rauskommen. Da nun aber die grundlegende Entwicklung der   kapitalistischen Weltwirtschaft schon seit Mitte der 70er Jahre &#8211; trotz   einzelner Aufschw&#252;nge &#8211; nicht mehr nach oben weist, wird auch   Ostdeutschland weiterhin eine industrielle Ruine bleiben. Das ist der   simple Hintergrund f&#252;r die weiterhin hohe Arbeitslosigkeit im Osten.   Ganze Landstriche st&#252;rzen ab. Es gibt in Mecklenburg oder Sachsen-Anhalt   Orte, wo fast nur noch der Pfarrer und der B&#252;rgermeister regul&#228;r bezahlt   werden.<br \/>Neben dieser gr&#246;&#223;ten Deindustriealisierung zu Friedenszeiten   gibt es einige wenige Inseln, wo mit riesigen staatlichen Subventionen   hochproduktive Werke, wie Opel Eisenach, AMD Dresden oder die   hochmodernen Werften im Norden, hochgezogen wurden. Dort liegt die   Produktivit&#228;t sogar &#252;ber dem Westdurchschnitt. Doch auch hier liegen die   L&#246;hne unter dem Westdurchschnitt. Die Einf&#252;hrung der Marktwirtschaft hat   aus dem Osten Deutschlands einen dauerhaften Niedriglohnsektor gemacht.   Nur 44 Prozent aller KollegInnen haben &#252;berhaupt einen   Fl&#228;chentarifvertrag (im Westen: 65 Prozent) und das durchschnittliche   Lohnniveau liegt bei 75 Prozent des Westlohns (DIW 6\/2000). Und selbst   die wenigen KollegInnen, die &quot;100 Prozent Westlohn&quot; erhalten, m&#252;ssen   l&#228;nger arbeiten und haben weniger Jahresurlaub.<\/p>\n<p>Gegenwehr<\/p>\n<p>Schon   kurz nach der &quot;Wende&quot; stieg die Verbitterung und Wut gegen&#252;ber den neuen   Machthabern. Schnell entpuppten sich die neuen Verh&#228;ltnisse als unsozial   und die neuen Politiker, und ihre Parteien, als genauso arrogant und   machtversessen, wie die SED vor 89. Trotzdem kam es im Osten bislang   noch nicht zum gro&#223;en Aufstand der Massen. Wohl gab es eine Reihe   verzweifelter K&#228;mpfe. So zum Beispiel den fast ein Jahr dauernden Kampf   um den Erhalt des Kali-Werkes im th&#252;ringischen Bischofferode, oder den   ersten Streik nach 60 Jahren (!) in der ostdeutschen Metallindustrie,   gegen Tarifbruch, beides 1993, oder der gro&#223;e Kampf der Jugend f&#252;r den   Erhalt des Jugendradios DT 64 ebenfalls Anfang der 90er Jahre. In diesen   Auseinandersetzungen und im t&#228;glichen (&#220;ber-)Leben im Osten merken die   Leute, dass die Politik nur f&#252;r die Banken und Konzerne gemacht wird.<br \/>Die   Ossis sind nicht doof. Sie wissen, dass sie 1990 von Kohl und den   Wirtschaftsbossen &#252;ber den Tisch gezogen wurden. Doch Wut allein gen&#252;gt   nicht. Was fehlt, sind k&#228;mpferische Organisationen der KollegInnen,   Arbeitslosen und der Jugend, die die Verbitterung aufgreifen und auf die   Stra&#223;e bringen. Dort, wo das geschah, entwickelte sich auch sehr schnell   und k&#228;mpferisch die Gegenwehr und das nicht nur von den Betroffenen   selbst. Als im mecklenburgischen Boizenburg Ende der 90er Jahre der   letzte gro&#223;e Betrieb geschlossen werden sollte, die Elbewerft, ergriff   der Betriebsrat die Initiative und organisierte Widerstand. Die   KollegInnen besetzten den Betrieb und gro&#223;e Teile der Bev&#246;lkerung   solidarisierten sich. Die Landesregierung machte schnell Zugest&#228;ndnisse,   denn einen Fl&#228;chenbrand von Protesten wollte sie nicht haben.<\/p>\n<p>Gewerkschaften   und PDS<\/p>\n<p>Doch leider sind solche Gegenwehraktionen die Ausnahme.   Denn nur allzu oft machen die ArbeiterInnenvertretungen, die   Gewerkschaftsspitzen und Betriebsr&#228;te, und auch die Sch&#252;lerInnen- und   die Studi-Vertretungen das ganze Spiel von Politik und Wirtschaft mit.   Und auch die PDS-Politiker, die sich die Interessenvertretung der   &quot;sozial Schwachen&quot; auf die Fahne geschrieben haben und ihre Politik   sogar &quot;sozialistisch&quot; nennen, organisieren keine Gegenwehr. Im   Gegenteil: f&#252;r sie ist es wichtiger sich mit der Politik und Wirtschaft   gut zu stellen, als konsequent die Interessen der KollegInnen, der   Arbeitslosen oder der Jugend zu vertreten. Sozialismus ist f&#252;r sie kein   Ziel, das man im Kampf selbst um die kleinste Verbesserung im Auge haben   muss, sondern nur eine Utopie. Die Kombination aus sozialer Misere und   dem Fehlen einer starken und k&#228;mpferischen linken Alternative hat   entscheidend zum Aufschwung der Nazis beigetragen.<br \/>Das DIW geht in   seinem Bericht &quot;10 Jahre deutsche Einheit&quot; davon aus, dass der   &quot;Aufholprozess&quot; im Osten noch 30 Jahre dauern wird. Solange werden die   ArbeiterInnen, Arbeitslosen und Jugendlichen nicht warten k&#246;nnen.   Inzwischen l&#228;uft die Entwicklung sogar andersherum. Auch wenn im   Augenblick die Gegenwehr im Osten kaum sichtbar ist &#8211; zu schwer wiegt   noch die Blockadepolitik der Gewerkschaftsf&#252;hrung und die Unt&#228;tigkeit   der PDS &#8211; so nimmt die Unzufriedenheit doch zu. Das wird unvermeidlich   zu neuen gro&#223;en K&#228;mpfen f&#252;hren. Die Frage, was ist die Alternative zu   dieser Gesellschaft, wird neu gestellt werden.<br \/>In der Neujahrsumfrage   kam das Allensbach-Institut Ende 1997 zum Schluss, das zwei Drittel der   Ostdeutschen die Marktwirtschaft ablehnen und f&#252;r einen dritten Weg   zwischen den Systemen von DDR und BRD eintreten. Die SAV k&#228;mpft daf&#252;r,   nicht den Kopf in den Sand zu stecken, sondern eine Organisation   aufzubauen, die eine &#8211; sozialistische &#8211; Alternative zu Stalinismus und   Kapitalismus aufweist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      von Rene Henze\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[87,78],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10094"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10094"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10094\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10094"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10094"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10094"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}