Die Ursachen der kapitalistischen Krise

Foto: http://www.flickr.com/photos/rostock-hartig/ CC BY-NC 2.0
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Eine Antwort auf Andrew Kliman, Teil 1

Dieses Dokument beschäftigt sich mit den Ursachen für die kapitalistische Krise und ist eine Antwort auf Andrew Kliman. Es wurde von Peter Taaffe und Lynn Walsh geschrieben und vom EK der Socialist Party (England und Wales) unterstützt. Heute veröffentlichen wir den 1. Teil. Morgen erscheint Teil 2.

von Peter Taaffe und Lynn Walsh, „Socialist Party“ (Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in England und Wales)

1. Einige GenossInnen in Schottland, England und Wales haben eine Debatte über die ökonomischen Ideen von Marx und deren Relevanz für heute angestrengt. Dabei geht es vor allem um das „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate“. Die GenossInnen haben sich dabei stark auf das letzte Buch von Andrew Kliman bezogen: „The Failure of Capitalist Production“ („Das Scheitern der kapitalistischen Produktion“). Sie wollen damit die These untermauern, dass das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate der Schlüssel sei, um die derzeitige verheerende kapitalistische Weltwirtschaftskrise zu erklären. Dabei haben sie die ökonomische Analyse der Sektionen in Großbritannien und des CWI weltweit heftig kritisiert. In diesem Papier werden wir nun darlegen, warum wir meinen, dass sie dabei völlig falsch liegen.

2. Gleich zu Beginn weisen wir darauf hin, dass eine Diskussion zu diesem Thema nicht bloß auf blanke „Wirtschaftsfragen“ beschränkt sein kann, sondern sich auch mit der „politischen Ökonomie“ befassen muss, wie Marx und Engels bei vielen Gelegenheiten erklärt haben. Die Fragen, die in dieser Debatte aufgeworfen wurden, betreffen das Herzstück einer korrekten marxistischen Methode und deren Ansatz der ökonomischen Analyse. Es geht aber auch um programmatische Aspekte, die sich daraus ergeben. Wir analysieren nicht als Selbstzweck, sondern wegen der politischen Schlussfolgerungen, die wir daraus für die Arbeiterklasse und unsere Organisationen ziehen. Theorie ist eine Anleitung zum Handeln.

3. Gleichzeitig mangelt es Kliman und vor allem Bruce Wallace an jedem Sinn für Verhältnismäßigkeit, wenn Letzterer sich sogar zu der Behauptung versteigt, dass es für die „Socialist Party“ und das CWI hierbei um eine Frage von „Leben und Tod“ gehe. Wie wir später erklären werden, stimmte Rosa Luxemburg in dieser Frage nicht mit der Position von Marx überein. Das hinderte sie jedoch nicht daran, als konsequente und mutige revolutionäre Marxistin aufzutreten, die in der Deutschen Revolution von 1918-19 ihr Leben opferte. Es handelt sich dabei dennoch um einen wichtigen Punkt, und eine falsche Theorie kann zu falschen, mitunter sogar zu absurden politischen Schlussfolgerungen führen. Im Falle von Kliman und Bruce Wallace ist dies definitiv so.

4. Weil diese GenossInnen – und unter ihnen vor allem Bruce Wallace, der fast täglich die „Socialist Party“, ihre Führung und das CWI attackiert und dies nicht innerhalb der Strukturen des CWI sondern auf öffentlicher Bühne tut – dabei die zentralen Ansätze von Kliman wiedergeben, ist es nötig, dass sich ein Großteil dieses Papiers mit den Ideen von Kliman wie auch von Wallace und anderen befassen wird, die ersteren als „unbesungenen Helden“ preisen.

Klimans politische Methode

5. Bevor wir uns Klimans ökonomischen Ideen zuwenden, ist es notwendig, die politischen Folgerungen dessen aufzuzeigen, was er schreibt. Er teilt vorbehaltlos die „staatskapitalistische“ Analyse der „Socialist Workers Party“ (SWP) in Großbritannien, obwohl er kein Mitglied ihrer „Internationalen“, der „International Socialist Tendency“ (IST) ist (ihre Organisation in Deutschland hieß früher „Linksruck“, heute „Marx21“; Anm. d. Übers.). Tatsächlich widmet er sein Buch einem der TheoretikerInnen der SWP, dem verstorbenen Chris Harman, der seine Herangehensweise an das Problem von der Profitrate teilte. Bruce Wallace mag so tun, als ob dies keinen Einfluss auf seine ökonomische Analyse hätte. Und doch ist es unsere Erfahrung, und die von vielen ArbeiterInnen in Großbritannien, dass die SWP und andere, die hinsichtlich der ehemaligen Sowjetunion der Staatskapitalismus-Theorie anhängen (demnach sei diese ein staatskapitalistisches Regime gewesen und kein degenerierter Arbeiterstaat), letztlich zu einer irrigen Herangehensweise kommen, die praktisch alle politischen Fragen tangiert – sowohl, was die historischen Ereignisse als auch die aktuellen Entwicklungen angeht (s. unser Buch „Socialism and Left Unity“). In seinem Buch macht Kliman immer dann, wenn es um politische Fragen geht (aber auch in seiner ökonomischen Analyse, die wir später aufgreifen werden) einen Schnitzer nach dem anderen. Vor allem gilt dies für die Schlusskapitel.

6. Es gibt einen sehr simplen Aphorismus, den man bemüht, wenn Einzelpersonen oder politische Gruppierungen bewertet werden sollen: „Sag´ mir, wer deine Freunde sind, und ich sage dir, wer du bist“. Dass Bruce Wallace sich die Ansätze von Kliman, jemandem, der die trotzkistische Methode und ihr Programm ablehnt, so widerspruchslos zu Eigen macht, spricht Bände über seine derzeitige Haltung.

7. Kliman fällt ein vernichtendes Urteil über die Idee, dass die ArbeiterInnen eines kämpferischen Übergangsprogramms bedürfen, was im letzten Kapitel seines Buchs, das mit „Was unterlassen werden sollte“ überschrieben ist, ganz klar so formuliert wird. Er schreibt: „Die Annahme, dass der Sozialismus durch eine Partei erreicht wird, die die staatliche Macht erlangt und die Produktionsmittel verstaatlicht, ist grundlegend fehlgeleitet“ [siehe: „The Failure of Capitalist Production“ (TFoCP), S. 204]. Aktuell ist Bruce Wallace Mitglied einer Partei und einer internationalen Organisation, die die Ansicht verteidigt, dass die Arbeiterklasse mit ihrer eigenen Partei wird für die Idee kämpfen müssen, über die Verstaatlichung der großen Monopole (der Produktionsmittel) auf nationaler wie internationaler Ebene die Macht zu erlangen. Dies ist eine Voraussetzung dafür, die ökonomische wie auch die politische Macht dem Kapitalismus aus der Hand zu nehmen und sie in die Hände der der Arbeiterklasse zu übergeben. Dadurch wird die Grundlage geschaffen für die demokratische und sozialistische Planung der Gesellschaft.

8. Wie sieht Klimans Alternative dazu aus? Wir zitieren: „Wir können eine moderne Gesellschaft haben, die funktioniert, ohne dass die Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Produktion in Kraft sind“ [TFoCP, S. 206]. Aber wie dies erreicht werden kann, bleibt jedoch ein Mysterium. Kliman schlägt diesbezüglich lediglich vor: „Es muss ein neues Verhältnis zwischen Theorie und Praxis geschaffen werden, damit der Durchschnittsmensch nicht nur die treibende Kraft ist, mit der die alte Macht zu Fall gebracht wird, sondern das volle Rüstzeug bekommt – theoretisch wie intellektuell –, um selbst die Regierung über die Gesellschaft übernehmen zu können“. „Nichts weniger als dies kann verhindern, dass die Macht in die Hände einer Elite übergeht“. Es folgt der Satz: „Dies scheint sehr utopisch zu sein“ [TFoCP, S. 206]. – Das kann man laut sagen! Das sind nicht ein kämpferisches Aktionsprogramm und Perspektiven im marxistischen Sinne, sondern ähnelt der Astronomie, bei der die Ereignisse geradezu automatisch abgespult werden. „Lehre“ die Arbeiterklasse die „Grundlagen“, und der Kapitalismus wird wie eine faule Frucht von selbst in sich zusammenfallen, und der Sozialismus wird das Licht der Welt erblicken!

9. Sofern das irgendetwas bedeutet, dann dass die Arbeiterklasse „theoretisch“ geschult werden muss – vermutlich von Kliman und Bruce Wallace selbst –, um sie auf den Sozialismus vorzubereiten. Das kommt doch recht bekannt vor. Es ist ein Widerhall der Argumente der „Socialist Party of Great Britain“ (SPGB) – nicht unserer Partei, der „Socialist Party of England and Wales“, sondern der winzigen Organisation. Sie sucht den Weg zum Sozialismus, der per definitionem lang und mühselig verlaufen wird, durch die abstrakte „Schulung“ der arbeitenden Menschen über die wirklichen Rolle des Geldes und die Forderung nach seiner sofortigen Abschaffung. Entsprechendes gilt für die Klassen, das Wertgesetz etc.

10. Damit nicht der Eindruck entsteht, wir würden die Argumente von Kliman entstellen und somit behaupten, er habe keine Antwort auf die brennenden Fragen der Arbeiterklasse von heute, bemühen wir seine eigenen Ausführungen: „Mir ist schmerzlich bewusst, dass diese Reflektionen noch keine Antwort geben auf die Frage: ‚Wie genau?’ […]. Ich meine, dass wir vor allem deshalb noch keine zuverlässigen Antworten haben, weil die Menschen an der falschen Stelle nach diesen Antworten gesucht haben. Ich denke aber, dass die obigen Überlegungen uns dabei helfen werden, an der richtigen Stelle nach Antworten zu suchen“ [TFoCP, S. 206]. Dieser Quatsch wird von den ApologetInnen Klimans – wie z.B. von Bruce Wallace – als glaubwürdige Alternative verkauft!

11. Wie schon viele isoliert agierende radikale Intellektuelle vor ihm (und zweifellos auch in der Zukunft), versucht Kliman das Rad neu zu erfinden. Die historischen Erfahrungen der Arbeiterklasse – wie etwa die russischen Revolutionen, die Pariser Commune, die mächtigen Generalstreiks wie in Frankreich 1968, die spanische Revolution, die chinesische Revolution usw. usf. – sind für Kliman wie ein verschlossenes Buch mit sieben Siegeln. Statt auf den Erfolgen der Arbeiterklasse aufzubauen und auch aus den Niederlagen Schlussfolgerungen zu ziehen und ganz klar zu untersuchen, warum sie jeweils stattgefunden haben, müssen wir auf die Grübeleien von Kliman warten – und sein neues (!) Buch –, mit denen die Arbeiterbewegung auf den rechten Weg gebracht werden soll. Lohnen würde sich diese Anstrengung, wenn es dabei wirklich etwas Neues und Konkretes zu entdecken gäbe, mit dem für den Kampf gegen den Kapitalismus ein klarer Weg aufgezeigt und die Grundlage für Sozialismus geschaffen werden würde. Voraussichtlich wird es jedoch nur dieselben leeren Abstraktionen zu entdecken geben, die den Rahmen seiner derzeitigen politischen Perspektiven abstecken. Und diese – das möchten wir noch einmal betonen – sind „organisch“ verwoben mit seiner ökonomischen Analyse, wie wir zeigen werden.

Das Bewusstsein wurde zurückgeworfen

12. Allein die Tatsache, dass jemand wie Kliman ein Publikum für seine politischen Ansichten findet (zu seiner ökonomischen Analyse werden wir später noch kommen), widerspiegelt an sich schon das Ausmaß, in dem das Bewusstsein nach dem Zusammenbruch des Stalinismus zurückgeworfen worden ist. Seinen besonders heftigen Ausdruck findet dies in linken und „marxistischen“ Intellektuellen wie Kliman und – bedauerlicher Weise – nun auch in Bruce Wallace. Bei vielen Gelegenheiten haben wir erklärt, dass der Zusammenbruch des Stalinismus nicht nur das Ende einer monströsen Bürokratie bedeutet hat, von der die entsprechenden Gesellschaften beherrscht worden sind. Er führte darüber hinaus auch zum Zusammenbruch der Planwirtschaft, die in der Vergangenheit im Vergleich zum Kapitalismus einen Fortschritt dargestellt hat. Allerdings hat die Bürokratie in den Jahrzehnten vor ihrem Zusammenbruch die meisten Vorzüge eines Wirtschaftsplans praktisch wieder zunichte gemacht, was sich in den „Jahren der Stagnation“ unter dem Breschnew-Regime zusammenfasste.

13. Was folgte, war eine weltweite Orgie des bürgerlichen Triumphgeschreis, die durch das Anwachsen der antikapitalistischen Bewegung um die Jahrtausendwende und seither durch das Einsetzen der Weltwirtschaftskrise in den Jahren 2007/-08 nur teilweise wettgemacht wurde. Für Kliman (wie auch seine Vettern in der SWP) bedeutete der Kollaps des Stalinismus keine historische Niederlage für die weltweite Arbeiterklasse. Ihm zufolge handelte es sich bei den stalinistischen Ländern bloß um „despotische“ staatskapitalistische Regime. Ihr Zusammenbruch war – laut dem wichtigsten Theoretiker der SWP, dem verstorbenen Tony Cliff – nichts anderes als ein „Schritt zur Seite“, der Austausch eines Kapitalismus durch einen anderen! Kliman teilt diesen Standpunkt ohne Zweifel.

14. Die Tatsache, dass die weltweite Arbeiterbewegung dabei in hohem Maße von einem spürbaren Rechtsruck getroffen wurde – was sich im Zusammenbruch der sozialdemokratischen und der meisten kommunistischen Parteien geäußert hat – ist für die Schule des Staatskapitalismus unerheblich. Tatsächlich schienen ihre VertreterInnen eine Zeit lang sogar den politischen Gravitationskräften zu trotzen und auf der Basis frenetischer Aktivität und völlig utopischer Perspektiven für eine Weile Zugewinne zu verzeichnen. Schließlich wurden sie – wie wir prophezeit hatten – Ende der 1990er Jahre und danach von der Realität eines Besseren belehrt (vgl.: „Socialism and Left Unity“). Es folgte eine Phase des Zerfalls, die zu bedeutenden Spaltungen und einer Schwächung der SWP sowie ihrer internationalen Organisation, der IST, führte – auch wenn diese Struktur nicht ganz verschwunden ist.

Über den Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus

15. Die theoretische Verwirrung dieser Strömung kommt auch im Falle Klimans voll und ganz zum Tragen, wenn er sich eingehender mit der Geschichte befasst. Dies gilt vor allem, wenn er die angeblichen Ideen von Karl Marx über den Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus kommentiert. Im Vorbeigehen kritisiert er die Übergangsmethode und das Übergangsprogramm, das von den Bolschewiki ausgearbeitet und von Trotzki entwickelt wurde. Im US-amerikanischen Online-Magazin marxisthumanistinitiative.org attackiert er verschiedene politische WidersacherInnen, die „die Tatsache ignorieren, dass die ‚Kritik des Gothaer Programms’ [von Marx] – zweimal – darlegt, dass die erste Phase der kommunistischen Gesellschaft sich aus der kapitalistischen Gesellschaft herausbildet: Eine Gesellschaft geht direkt in die andere über. […] Es gibt nichts dazwischen, nicht in der Darstellung von Marx. Die Basis für den Mythos besteht also in den Aussagen von Marx […] wonach ‚zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft […] die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andere [steht]. Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts andres sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats’“.

16. Kliman fährt fort: „Von einer Übergangsgesellschaft ist hier keine Rede. Es geht um die revolutionäre Umwandlung der kapitalistischen Gesellschaft in die kommunistische, und um eine damit korrespondierende politische Periode des Übergangs. […] Wenn man aber ‚Umwandlung’ und ‚Übergang’ miteinander gleichsetzt, dann macht man Marx zu einem Befürworter der Übergangsgesellschaft. Diese Lesart der ‚Kritik des Gothaer Programms’ geht zurück auf Lenin, der in Staat und Revolution die Umwandlung mit dem Übergang verschmelzen lässt, indem er schreibt, dass ‚der Übergang von der kapitalistischen Gesellschaft zur kommunistischen Gesellschaft […] unmöglich [ist] ohne eine >politische Übergangsperiode< [….]’“. „Verwirrung, die sich ärger noch verwirrt“, wie John Milton sagen würde (der englische Dichter des 17. Jahrhunderts, in „Das verlorene Paradies“, 2. Gesang; Anm. d. Übers.). Fragen, die bereits gelöst waren und bereits vor langer Zeit schon als erledigt schienen, werden in dieser Phase der politischen Reaktion – die sich allerdings unter einigen „marxistischen“ Intellektuellen breit gemacht hat – wieder ausgegraben, aufgewärmt und als neue Wahrheiten verkauft.

17. In den Zeilen, die Kliman zitiert, nahm Marx an, dass die Revolution zuerst in den fortgeschrittenen Industrieländern stattfinden werde. Frankreich hatte dies bereits mit der Pariser Kommune angekündigt, die in Umrissen zeigte, wie ein Arbeiterstaat aussehen könnte. Wenn Frankreich die Revolution begonnen hätte und Deutschland und Großbritannien gefolgt wären, so würde der Rest der Welt diesem Beispiel folgen und die sozialistische Weltrevolution würde stattfinden und wäre in trockenen Tüchern. Das war die Annahme von Marx. Marx schrieb: „[…] diese Entwicklung der Produktivkräfte […] (ist) eine absolut notwendige praktische Voraussetzung (für den Kommunismus), weil ohne sie nur der Mangel verallgemeinert, also mit der Notdurft auch der Streit um das Notwendige wieder beginnen und die ganze alte Scheiße sich herstellen müsste […].“ (vgl.: „Die Deutsche Ideologie“; Marx Engels Werke Band 3, S. 34f.). Der Startpunkt für den Sozialismus wäre ein höheres Niveau der Produktion und der Technik als selbst das fortgeschrittenste Industrieland, Großbritannien damals oder die USA heute. Wenn der Sozialismus, die niedrigste Stufe des Kommunismus, fest verwurzelt gewesen wäre, hätte eine massive Produktionssteigerung stattgefunden. Dies wiederum würde zur Ablösung aller Elemente des Kapitalismus führen, die aus der Vergangenheit geerbt sind, einschließlich des Staats, des „Wert“ usw., bis die Gesellschaft den Kommunismus und die Errichtung einer sich selbst regierenden Welt-Kommune erreicht hätte.

18. Die Revolution brach aber nicht in einem der entwickelten Industrieländer aus oder konsolidierte sich dort. Sondern sie fand zum ersten Mal im unterentwickelten Russland statt, was von den ArbeiterInnen in Europa, den USA usw. am Anfang frenetisch unterstützt wurde. Mit anderen Worten: Die Revolution brach nicht aus in einem Land mit dem höchsten Niveau der Technik und Produktion, eine höheren Arbeitsproduktivität etc. Unausweichlich gab es in der ersten Phase nach der Russischen Revolution sogar unter den Bolschewiki manche Illusionen, dass es sich als möglich erweisen würde, rasch zum Beginn des Sozialismus zu kommen – vor allem dann, wenn sich die Revolution erfolgreich ausbreiten würde. Aber sobald klar wurde, dass die Dinge sich nicht in diese Richtung entwickelten, schlussfolgerten die großen TheoretikerInnen der Arbeiterklasse, darunter Trotzki, die Bolschewiki und Lenin – die Kliman klar herabsetzt –, dass daher eine ziemlich lange Phase des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus erforderlich sei, um weltweit die Grundlage für den Sozialismus zu etablieren und dann zum Kommunismus zu kommen. Selbst, wenn nur eine Reihe von entwickelten Staaten mit dem Kapitalismus brechen würden und es dann zu einer Pause kommen würde, so wäre dies nicht der Anfang vom Sozialismus. Nur wenn sich die Revolution auf der ganzen Welt ausbreitet, wäre es möglich, mit dem Aufbau des Sozialismus zu beginnen. Diese Staaten befänden sich im Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus.

19. Lenin und Trotzki betonten immer wieder, dass der Beginn des Sozialismus ein höheres Niveau der wirtschaftlichen Entwicklung voraussetze, als selbst die höchst entwickelten kapitalistischen Länder vorweisen konnten. Dieses Niveau müsste demzufolge noch über dem der heutigen USA liegen. In diesem Kontext schrieb Lenin das Buch „Staat und Revolution“, in dem er sich auf alle Schriften von Marx stützte wie auch auf die Erfahrung der Pariser Kommune und die Revolutionen in Russland. Er sprach vom Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus. Die Forderungen nach Arbeiterdemokratie, die aufgestellt wurden, werfen ein helles Licht auf das, was die Arbeiterklasse begeistert annehmen wird, nachdem sie den Kapitalismus beseitigt hat.

20. Kliman ist vollkommen verwirrt, wenn er sich dem politischen wie auch dem ökonomischen Phänomen mit einem Schwarz-Weiß-Ansatz – undialektisch – nähert. Es scheint seine Vorstellung zu sein, dass man die Arbeiterklasse aufbaut – wobei Kliman offen lässt, wie dies geschehen soll –, um dann der „Frau Geschichte“ einfach das Thermometer unter die Zuge zu halten. Sobald die richtige Temperatur erreicht ist, kann man dann laut „Bingo!“ rufen! Wir sind bereit für de Sozialismus! Er selbst schreibt: „Ich bin zu der Annahme gekommen, dass die ganze Idee von der ‚Übergangsgesellschaft’ zusammenhanglos ist und dabei im Weg steht, die Dinge klar zu durchdenken“. Die Idee von der Übergangsgesellschaft aber auch das Aufstellen von Übergangsforderungen gegen den Kapitalismus liegt jenseits seiner Vorstellungskraft. Später werden wir sehen, dass ihn seine ökonomische Analyse bei konkreten drängenden Tagesfragen in Gegensatz zur Arbeiterbewegung bringt.

Klimans Wirtschaftsanalyse

21. Insofern man davon sprechen kann, dass er überhaupt eine umfassende Wirtschaftsperspektive hat, so besteht sie darin, dass wir eine Wiederholung der Geschichte erleben können, wenn die Bürgerlichen keynesianische Ideen übernehmen. Dies haben sie in einem gewissen Ausmaß bereits getan, als sie unmittelbar auf die derzeitige Krise reagierten. Klimans Argumentation geht so: Keynesianische Politik wurde von Roosevelt vor dem Zweiten Weltkrieg in den USA und generell in der Phase des Nachkriegsaufschwungs nach 1945 umgesetzt. Dies war rückschrittlich wegen seiner Auswirkungen, besonders auf die Führungsfiguren der Arbeiterbewegung und sozialistische Intellektuellen wie Paul Sweezy und Leo Huberman in den USA, die eine Art linken Keynesianismus annahmen. (Das heißt nicht, dass sie nicht ein paar aufschlussreiche Punkte zur Natur des modernen Kapitalismus geliefert hätten.) Mit dem Scheitern der keynesianischen Politik in den 1970er Jahren wendeten sich die Bürgerlichen dem Monetarismus und neoliberaler Politik zu, was im Triumph von Thatcher und Reagan seinen Ausdruck fand. Würde man heute derartige keynesianische Praktiken anwenden, dann wäre die Reaktion darauf wesentlich schlimmer, so schlussfolgert Kliman. Das würde zu einer ähnlich rechtslastigen Wirtschaftspolitik wie in den 1980er Jahren führen. Das wiederum würde den Weg für eine noch extremere politische Reaktion in Form des Faschismus bereiten.

22. Dies ist eine völlig einseitige Schlussfolgerung, die Kliman hinsichtlich der Möglichkeit zieht, ob der Faschismus an die Macht kommen kann, besonders in dieser Phase. Das Kräfteverhältnis der Klassen lässt eine solch pessimistische Schlussfolgerung nicht zu. Auf lange Sicht betrachtet könnte durchaus politische Reaktion in Form eines extrem rechten Bonapartismus auf der Tagsordnung stehen, wenn die Arbeiterklasse die Gesellschaft nicht zu verändern vermag. Allerdings wird die Arbeiterklasse vermutlich nicht nur eine, sondern mehrere Gelegenheiten haben, die Macht zu übernehmen, bevor dies eine reale Möglichkeit wird. Obendrein werden die bürgerlichen Kräfte nach der Katastrophe, die sie im Anschluss an den Sturz von Mussolini, Hitler etc. erleben mussten und die eine Phase der Revolution einläutete, sehr skeptisch sein, erneut dem Faschismus die politische Macht überlassen. Aus diesem Grund werden die rechtsextremen Parteien – selbst jene wie die „Goldene Morgenröte“ in Griechenland, mit offen faschistischen Merkmalen – voraussichtlich eher als Gehilfen einer Diktatur von Generälen agieren, die gewöhnlich selbst aus der herrschenden Klasse kommen. Aber der Sieg des Faschismus oder auch „nur“ eines extrem rechten bonapartistischen Regimes steht unmittelbar nicht auf der Tagesordnung.

23. Hinzu kommt, dass die Arbeiterklasse wie auch die Arbeiterbewegung im Allgemeinen kein echtes unmittelbares Mitspracherecht haben, wenn es darum geht, welchen politischen Kurs die Bürgerlichen einschlagen. In den 1930er Jahren war der „New Deal“ in den USA eine Reaktion der Bürgerlichen auf die Tiefe der Krise und die Gefahren, die aus Sicht der herrschende Klasse von der Arbeiterklasse ausgingen, wenn sie nicht eine gewisse Tätigkeit im Wirtschaftsbereich entfaltet hätten. Nur die USA mit ihren „prallen Ersparnissen“ aus der Vergangenheit waren in der Lage, derlei Maßnahmen wie den „New Deal“ zu ergreifen, deren Wirkung eher fiktionalen als realen Charakter hatte, wie Trotzki ausführte. Und dennoch hingen – selbst in der Arbeiterbewegung – einige den falschen Illusionen nach, wie effektiv eine derartige Politik doch sei. Sie wurden von Trotzki und den TrotzkistInnen kritisiert – und würden heute genauso kritisiert werden. Einfach gesagt bedeutet der keynesianische Ansatz, dass die öffentlichen Ausgaben gesteigert werden, um mit der Erwerbslosigkeit fertig zu werden, Nachfrage zu schaffen etc. Um die entsprechenden Maßnahmen aber zu finanzieren, kann die Regierung ihre Einkünfte aus zwei Quellen steigern: aus Steuern auf Kapitalisten oder auf die Arbeiterklasse. Wenn die Kapitalisten besteuert werden, so werden sie in einen Investitionsstreik treten, was zu weiterer Arbeitslosigkeit führt und die Auswirkungen der zusätzlichen staatlichen Ausgaben wieder aufheben wird. Wenn die Arbeiterklasse besteuert wird, so wird das den Markt mit denselben Folgen zurechtstutzen: die Wirkung der Steigerung der „Nachfrage“ würde zunichte gemacht werden. Auf der anderen Seite würde es zu Inflation führen, sollte die Regierung zur Notenpresse greifen und Geld drucken, das keinen Gegenwert in Form von zusätzlichen Waren und Dienstleistungen hat. Das würde jegliche zusätzliche Nachfrage zunichte machen. Dies haben wir schon oft durchargumentiert.

24. Und dennoch meint Bruce Wallace uns mit ernster Miene warnen zu müssen, dass wir – sofern wir ihre ökonomische Analyse zur Profitrate nicht akzeptieren – verdammt seien, dem Keynesianismus zum Opfer zu fallen. Was wir diesbezüglich vorweisen können, ist leicht überprüfbar und widerlegt diese aberwitzige Behauptung. Wir lehnten sowohl die keynesianische Theorie ab als auch die rechte Reaktion gegen die Anwendung keynesianischer Ansätze. Damals haben wir nicht nur vor den Gefahren gewarnt, die die Politik von Thatcher und Reagan mit sich brachte. Wir haben diese auch aktiv und recht erfolgreich bekämpft, wie der Kampf gegen die Kopfsteuer in Großbritannien gezeigt hat. Diese Steuer ist verhindert worden – wobei unsere Partei eine führende Rolle gespielt hat – und Thatcher selbst landete auf dem Müllhaufen der Geschichte. Wenn die Arbeiterbewegung an diesem großen Erfolg angeknüpft hätte, so wäre ein neues glorreiches Kapitel aufgeschlagen worden. Stattdessen hat (der damalige Vorsitzende der sozialdemokratischen britischen Labour Party – d. Übers.) Neil Kinnock all jene verfolgen lassen, die in dieser Bewegung eine führende Rolle gespielt haben. Er konnte nur deshalb erfolgreich sein, weil es in den späten 1980er Jahren in der Arbeiterbewegung zu einem Rechtsschwenk kam, der sich aufgrund des Zusammenbruchs des Stalinismus verfestigte. Der Rest ist Geschichte: Die Labour Party wurde als originäre Arbeiterpartei an der Basis zerstört, und das politische Bewusstsein wurde zurückgeworfen.

25. Es gibt eine ganze Bandbreite von Leuten, die häufig als „UnterkonsumtionistInnen“ bezeichnet werden, weil sie meinen, die wirtschaftlichen Probleme einer Gesellschaft kämen dadurch zustande, dass die gesellschaftliche Kaufkraft insgesamt zu gering ist. Ihr Heilmittel besteht darin, – gerade in Krisenzeiten – die Nachfrage-Seite zu stärken, indem der Staat mehr investiert und/oder die Löhne gesteigert werden. Klimans fixe Idee, alles zurückzuweisen, was mit „Unterkonsumtion“ zu tun hat, ist ein Vorurteil und wird keiner seriösen Untersuchung standhalten. Die Behauptung, dass die „Unterkonsumtion“ in der marxistischen Krisenanalyse keine Rolle spielen darf, basiert sowohl auf einer Fehlinterpretation von Marx als auch der aktuellen Fakten. Er scheint zu meinen, dass „keynesianische Ideen“ – wie in der Vergangenheit – automatisch zu einer Reaktion führen werden, wenn sie nur von den Bürgerlichen übernommen werden. Die Tatsache, dass die Socialist Party in ihren Veröffentlichungen – früher in der Zeitung „The Militant“ und heute im „The Socialist“ bzw. unserem Magazin „Socialism Today“ – konsequent gegen keynesianische Ideen argumentiert hat, wenn diese als langfristige Lösungen für die Probleme des Kapitalismus angenommen wurden bzw. werden, zählt nicht – soweit es um Kliman und Wallace geht. Vor allem Bruce Wallace „vermengt“ jede alternative Erklärung der Krise mit Keynesianismus als Lösung für die Krise des Kapitalismus. Wir sind gemäß der Übergangsmethode für eine Erhöhung der Staatsausgaben zur Steigerung in den Bereichen Wohnen, Bildung, Erhöhung des Anteils der Beschäftigten am Volkseinkommen eingetreten. Zudem haben wir die Verstaatlichung der Banken und des Finanzsektors gefordert. Kliman hingegen wendet sich gegen diese Vorschläge. Er schreibt: „Einige linke ÖkonomInnen forderten Staatskontrolle oder die Verstaatlichung des Finanzsystems, statt nur eine Regulierung des Finanzsystems […] Es kann aber keinen Sozialismus in einem Land geben. Wenn man versucht, den Sozialismus in einem Land zu etablieren, dann führt das zu Staatskapitalismus, einem staatlich geleiteten System, das weiterhin in die globale kapitalistische Wirtschaft eingebettet und das immer noch im Wettbewerb mit dem weltweiten Kapital verhaftet ist. Eine staatlich geleitete Bank ist immer noch eine Bank“ [TFoCP, S. 194f.].

26. Ja, schon, aber hat eine staatliche Bank nicht wenigstens das Potential, die Arbeiterklasse einen Schritt weiterzubringen? Wenn Kliman diese Frage negativ beantwortet – was er tut –, dann gehört zu seiner Vorstellung, wie der Sozialismus erreicht werden kann (wie wir oben ausgeführt haben), eine Transformation vom Kapitalismus zum Sozialismus über Nacht. Was würden unsere GenossInnen in Griechenland zu so einer Idee sagen? Wenn der Ansatz von Kliman übernommen würde, ständen sie angesichts der heutigen Situation vollkommen entwaffnet da.

27. Als Reaktion auf die Schuldenkrise und die Forderungen der Troika nach weiteren Kürzungen lautete unsere Antwort: Schuldenstreichung, Verstaatlichung der Banken unter Arbeiterkontrolle und -verwaltung und ein staatliches Außenhandelsmonopol. Kliman glaubt ziemlich klar, dass solche Übergangsmaßnahmen nicht möglich seien und auf den erbitterten Widerstand des Kapitalismus stoßen würden. Wir sagen: ja, das würden sie. Für sich genommen werden derlei Maßnahmen nicht ausreichen. Und zu dieser Schlussfolgerung wird auch die Arbeiterklasse mit der Zeit kommen, wenn wir entsprechende Unterstützung dazu leisten. Deshalb ist es notwendig, weiter zu gehen und die Kommandohöhen der Wirtschaft zu übernehmen. Davon, wie der Prozess des politischen Erkenntnisgewinns unter den Menschen der Arbeiterklasse ablaufen soll, hat Kliman keine Vorstellung.

28. Die Verstaatlichung der Banken ist lediglich eine erste Maßnahme. Sie wird bzw. sollte zur Überführung der Kommandohöhen der Wirtschaft in öffentliches Eigentum führen. Es stimmt, dass eine Revolution in Griechenland, wenn sie sich nicht zunächst auf Spanien, Portugal, Italien und andere Länder ausweitet, nicht überleben könnte. Deshalb werfen wir die Idee einer „Sozialistische Konföderation Europas“ auf. Und auch das wird nicht reichen. Ein sozialistisches Europa würde umgehend auf Drohungen der kapitalistischen USA stoßen. Deshalb muss die Revolution gezwungenermaßen ein Weltereignis sein – eine sozialistische Welt – wenn der Erfolg gesichert sein soll. Dies zeigt an, dass Revolution ein Prozess vom Kapitalismus zum Sozialismus sein wird, es wird ein Übergang und nicht eine einmalige Handlung sein. Sie wird nicht – wie Kliman sich das anscheinend vorstellt – über Nacht durchgeführt werden.

29. Kliman schreibt: „Ich glaube, dass [die Theorie von der Unterkonsumtion] falsche Hoffnungen weckt, wonach der Kapitalismus auch fair und gerecht sowie relativ krisenfrei gestaltet werden kann“. Was die Perspektiven für den Kapitalismus angeht, befördert das CWI keine falschen Hoffnungen! Schon vor Beginn der derzeitigen Krise haben wir argumentiert, dass es zwangsläufig zum Crash kommen muss. Der Beleg dafür findet sich in den beständigen Analysen von „Socialism Today“ und „Socialist“. So schrieben wir beispielsweise in der „Socialism Today“ (Ausgabe 161; September 2012): „[keynesianische] Politik wird nur ein zeitweiliges Hilfsmittel sein. Es wird keine Rückkehr zur langfristigen und anhaltenden keynesianischen Politik des Nachkriegsaufschwungs geben, als der Staat verstärkt in die Wirtschaft eingriff und eine ausgedehnte Sozialstaats-Infrastruktur entwickelte. Die herrschende Klasse mag mit keynesianischer Politik Zeit gewinnen, sie kann damit aber nicht die Krise des Kapitalismus lösen. […] Ein Programm zum Ankurbeln von Wachstum und zur Schaffung von Arbeitsplätzen erfordert die Mobilisierung der Arbeiterklasse. Darüber hinaus wird eine Erhöhung der Steuern nicht reichen, um die Wirtschaft zu entwickeln. […] Die Banken und Finanzhäuser müssten verstaatlicht (nicht nur gerettet und mit Hilfe öffentlicher Gelder saniert) werden, und sie müssten unter demokratischer Arbeiterkontrolle und -verwaltung geleitet werden“. Es wäre interessant, dies mit den Perspektiven zu vergleichen, die Kliman selbst vor Ausbruch der Krise von 2007-08 aufgestellt hat. Darüber hinaus findet sich in seinem Buch aber rein gar nichts zu den Wirtschaftsperspektiven – ganz zu schweigen von den politischen Entwicklungen für die kommende Periode mit kurzfristigen oder langfristigen Perspektiven.

Übergangsmethode

30. Wir stimmen vollkommen darin überein, dass es möglich ist, Illusionen zu schüren, dass solche Maßnahmen das Leben der ArbeiterInnen verändern werden, wenn man Teil-Maßnahmen – Verstaatlichung einer bzw. mehrerer Branchen – oder Reformen fordert, die den Lebensstandard der Arbeiterklasse verbessern. Das Problem besteht jedoch darin, dass diese Illusionen unter der Masse der ArbeiterInnen (und sogar unter Teilen der fortschrittlicheren Schichten unter ihnen) bereits bestehen. Sie gehen bereits davon aus, dass begrenzte Maßnahmen ausreichen können, um die allgemeine wirtschaftliche Lage und ihre Stellung zu verbessern. Das wird sich nicht allein durch Propaganda oder Beteuerungen ändern, sondern nur durch die Erfahrungen der Arbeiterklasse und dadurch, dass SozialistInnen und MarxistInnen sich mit ihnen gemeinsam einbringen, wenn sie diese Erfahrungen machen. Wir sagen zu jedem Zeitpunkt der Entwicklung, dass eine umfassende sozialistische Lösung nötig ist, die über den Rahmen des Kapitalismus hinausgeht und die Grundlage schafft für eine sozialistische Planwirtschaft. Aber wir verstehen auch die Illusionen, die arbeitende Menschen immer noch in den Kapitalismus haben, und treten ihnen entgegen. Wir verstehen diese Illusion, teilen sie aber nicht und versuchen, ihnen durch unsere Übergangsforderungen und -programm zu begegnen.

31. Wenn Übergangsforderungen aufgestellt werden und vor allem, wenn diese von einer Massenbewegung übernommen werden (womit wir im Kampf gegen die Kopfsteuer sowie während der gewaltigen Auseinandersetzung in Liverpool zwischen 1983 und 1987 einige Erfahrungen hatten), so können sie wie eine Brücke wirken, die – hoffentlich – vom derzeitigen Stand des Bewusstseins zu einem sozialistischen Bewusstsein führt. Von dieser Herangehensweise hat Kliman (unterstützt von Bruce Wallace) absolut keine Vorstellung. Er ist in seiner Studierstube von der Erfahrung der arbeitenden Menschen abgeschottet. Obwohl er scheinbar ein Anhänger der Dialektik ist, zeigen sein Buch und die sich aus ihm ergebenden politischen Ideen, dass er in kantianischen fixen Begriffen denkt: Hier ist der Kapitalismus und dort ist der Sozialismus. Und abgesehen von abstrakten Vorstellungen hat er keine Idee, wie man vom einen zum anderen gelangt. Seine politischen Vorstellungen sind für Universitätsseminare und nicht für die wirkliche Arbeiterbewegung.

Marx’ Analysemethode

32. Marx’ Haltung war vollkommen anders. Auch wenn Franz Mehring in seiner Marx-Biographie ein paar Fehler machte, so sagte er doch: „Diese Umstände erklären, daß wir in den beiden letzten Bänden des Kapitals nicht etwa eine abgeschlossene fertige Lösung aller wichtigster Probleme der Nationalökonomie zu suchen haben, sondern zum Teil nur die Aufstellung solcher Probleme, und dazu Fingerzeige, nach welcher Richtung die Lösung zu suchen wäre. Wie die ganze Weltanschauung Marxens ist sein Hauptwerk keine Bibel, mit fertigen, ein für allemal gültigen Wahrheiten letzter Instanz, sondern ein unerschöpflicher Born [Quell] der Anregung zur weiteren geistigen Arbeit, zum weiteren Forschen und Kämpfen um die Wahrheit.“ [Franz Mehring: „Karl Marx“, 12. Kapitel, 3. Abschnitt, Gesammelte Schriften Band 3, S. 376 und Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke Band 4, S. 291].

33. Kliman und Bruce Wallace haben anders als Marx eine monokausale Erklärung für die Krise übernommen: das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate. In dieser Frage verteidigen wir Marx’ Analyse, die er im dritten Band des „Kapital“ macht. In dem Buch „Marxismus heute. Antworten auf Krieg, Kapitalismus und Umweltzerstörung“ haben wir geschrieben: „Wir denken, dass Marx mit dem tendenziellen Fall der Profitrate Recht hatte. Geschichtlich hat es ein kolossales Wachstum des konstanten Kapitals gegeben, der toten Arbeit, wenn Du willst, gegenüber der lebendigen Arbeit, um Marx’ Ausdrücke zu verwenden.“ (S. 30) Mit anderen Worten ist es zu einer Zunahme der „organischen Zusammensetzung“ des Kapitals gekommen, was sich auswirkt auf das Verhältnis zwischen konstantem Kapital (Investitionen in Produktionsmitteln, die im Produktionsprozess teilweise aufgebraucht werden) und variablem Kapital (Investitionen in Löhne oder die Arbeitskraft der ArbeiterInnen, die allein neuen Wert im Produktionsprozess schaffen). Ein Anstieg in der organischen Zusammensetzung (eine Zunahme des toten Kapitals im Verhältnis zur lebendigen Arbeit) führt zum tendenziellen Fall der Profitrate (auch wenn es entgegenwirkende Faktoren gibt).

34. Selbst vor-marxistische Ökonomen haben im Allgemeinen die empirische Tatsache akzeptiert, dass die Profitrate fiel während sich der Kapitalismus entwickelte. Marx beschrieb dies als „Tendenz“ und analysierte dieses Phänomen ganz wunderbar im Detail im dritten Kapitel des dritten Bandes des „Kapital“. In „Marxismus heute“ fuhren wir fort:

„Was die Kapitalisten unmittelbar interessiert, ist nicht der tendenzielle Fall der Profitrate oder auch nur die Profitrate. Es ist die Profitmasse, die sie akkumulieren können. Die ‚entgegenwirkenden Faktoren’ sind Dinge wie das Herabdrücken der Löhne unter ihren Wert, was wir in gewissem Umfang in den 90er Jahren mit den neoliberalen Maßnahmen gesehen haben. Die Profite für die Kapitalisten sind auf beispielloser Höhe, im Falle der USA die höchsten seit 70 Jahren. Das ist ein allgemeines Phänomen in allen fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern. Es gibt eine Reihe von anderen entgegenwirkenden Faktoren, die eine Wirkung haben können, aber wieder, um Marx’ Ausdrucksweise zu verwenden, gibt es gewisse ‚unübersteigbare Grenzen’, über die der Kapitalismus nicht gehen kann.“ (a.a.O.)

Klimans Zahlen

35. Eine neue Diskussion über den tendenziellen Fall der Profitrate muss zeigen, dass sie im Zusammenhang mit der derzeitigen Krise und deren Auswirkungen auf die Entwicklung der Arbeiterbewegung steht. Weder bei Klimans Ansatz noch bei dem von Bruce Wallace gibt es einen Beleg dafür. Kliman selbst betont, dass sein Buch kein „theoretisches“ ist, dass es nichts Neues zu den allgemeinen theoretischen Aspekten beisteuert, die Marx zu dieser Frage angeführt hat. Es sei vielmehr „empirisch“ (seine eigenen Worte) und konzentriere sich hauptsächlich auf den Versuch, einen ständigen Fall der Profitrate seit 1947 nachzuweisen! Wir werden daher mit Grafiken und Zahlen bombardiert – sie sind die „graphische Tendenz“ –, die, so die Behauptung, für sich allein ihre These belegen. Wir werden weiter unten zeigen, dass ihre „schlüssigen“ Zahlen und Daten dem keineswegs gerecht werden, unterzieht man sie einer seriösen Untersuchung.

36. Klimans Schaubilder, die auf seinen Berechnungen zur Profitrate in den USA basieren, zeigen einen unaufhaltsamen, kontinuierlichen Abwärtstrend von 1947 (dem Beginn des Nachkriegsaufschwungs) bis 2007 (dem Einsetzen der „Großen Rezession“). [TFoCP, S. 84, Abb. 5.5.].

Nummer 1Inflationsbereinigte Profitraten vor Steuern (gepunktete Linie: unbereinigt/nominal, durchgezogene Linie: inflationsbereinigt, gestrichelte Linie MELT-bereinigt [MELT steht für Money expression of labor time, Geldausdruck der Arbeitszeit])

37. Zwischen Klimans statistischem Trend und den tatsächlichen Trends des US- bzw. des Weltkapitalismus scheint kein Zusammenhang zu bestehen. So verzeichnet der Trend nicht den Konjunkturzyklus, der tatsächlich stattfand. Insbesondere zeigt er keine Erholung der Profitabilität nach der Hinwendung der Kapitalistenklasse zur neoliberalen Politik in den frühen 1980er Jahren an, die mit Finanzialisierung, Globalisierung, einem Angriff auf die Einkommen und Rechte der Beschäftigten etc. verbunden war.

38. Andere ÖkonomInnen zeichnen einen ganz anderen Verlauf der (US-amerikanischen) Profitrate. Zum Beispiel präsentiert Michel Husson in einem französischsprachigen online-Artikel, „La hausse tendancielle du taux de profit“ („Der tendenzielle Anstieg der Profitrate“, Januar 2010), eine Grafik, in der der Verlauf der Profitrate den tatsächlichen Verlauf der US-amerikanischen Wirtschaft wiedergibt.

Nummer 2(Profitrate in den Vereinigten Staaten 1950-2008)

39. Das Schaubild zeigt einen Höhepunkt an Profitabilität 1966-67, auf dem Höhepunkt des Nachkriegsaufschwungs, und dann einem unregelmäßigen Niedergang (was den Konjunkturzyklus widerspiegelt) bis zum Erreichen der Talsohle im Jahre 1983 (im Gefolge des scharfen Anstiegs der US-Zinsen und der Wirtschaftskrise der Jahre 1980/81). In den 1980er Jahren (der Periode neoliberaler Politik) ist es jedoch zu einer nur teilweisen, aber steilen Erholung der Profitabilität gekommen. Bei Rückgängen der Profitabilität rund um die Rezession 1990-92 und das Platzen der IT-Blase, nahm die Profitabilität weiter zu während des Anwachsens der Immobilienblase, die 2007 platzte.

40. Husson präsentiert Schaubilder (Schaubild Nr. 9 und Nr. 10), die Schätzungen eines halben Dutzend anderer WirtschaftswissenschaftlerInnen im Vergleich zu seinen eigenen angeben. Es gibt Variationen bei den Ausschlägen und Zeitpunkten der Hoch- und Tiefpunkte, aber die Schaubilder folgen einem sehr ähnlichen Trend.

41. Die Höhepunkte der Profitrate bei Husson von 1998 (26%) und 2006 (27%) liegen unter denen von 1950 (29%) und 1957 [gemeint 1967?] (29%). Davon ausgehend behaupteten einige, dass diese Zahlen einen säkularen (langfristigen) Fall der Profitrate belegen. Allerdings zieht ein geglätteter Durchschnitt über den Gesamtzeitraum nicht den Zyklus der wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen (den Konjunkturverlauf) in Betracht, mit denen die Arbeiterklasse fertig werden muss. Eine Korrelation von Trends in der Profitrate und Trends in der Realwirtschaft verrät an sich noch nichts über die komplexen Prozess von Ursache und Wirkung von Profitabilität, Investitionen, Konsum etc. Aber MarxistInnen sollten von einer Analyse der Trends in der realen Welt und nicht von abstrakten statistischen Konstrukten ausgehen.

42. Nicht einmal Michael Roberts, ein großer Bewunderer Klimans, stimmt ihm voll zu. Er ist ein früheres Mitglied unserer Organisation, der gemeinsam mit Ted Grant ernsthafte Fehler zur Zeit des Börsenkrachs 1987. Damals sagte er, dass eine Krise im Stil von 1929 praktisch gewiss sei. Dem widersprachen wir und hatten Recht. Aber jetzt meinen er und andere, dass die Profitrate von 1982 bis 1997 in den USA einen starken Anstieg verzeichnete. Der Grund dafür, erklärt Michael Roberts, besteht darin, dass „wenn gegenläufige Faktoren ins Spiel kommen, die Profitrate entweder steigen kann, weil die organische Zusammensetzung fällt oder die Mehrwert-Rate signifikant steigt oder beides der Fall ist“. Das ist korrekt und ist genau das, was wir beständig vorgebracht haben. Er hebt zudem hervor, dass „sich die Profitabilität in den wichtigsten kapitalistischen Volkswirtschaften von dem Tief des Jahres 2009 erholt hat, jedoch unterhalb des letzten Höhepunkts von 2007 bleibt“. Wir haben betont, dass dies ein Faktor bei der immensen Akkumulation der Profitmasse war, die nicht mehr profitabel investiert werden kann. Obendrein wird dies von den Zeitungen und Magazinen des Kapitalismus selbst immer wieder bestätigt.

43. Von Wallace und Kliman, die argumentiert haben, der Fall der Profitrate sei die einzige Erklärung für die Krise, wird dem jedoch rundweg widersprochen. Bruce Wallace hat versucht zu argumentieren, dass es unter marxistischen ÖkonomInnen einen „zunehmenden Konsens“ gebe, der ihre Sichtweise unterstütze, eine eindimensionale Erklärung, dass der Fall der Profitrate der einzige Grund für die Krise sei. Sowohl in den USA als auch in den drei wichtigsten europäischen Ländern können wir klar zwei Perioden unterscheiden: einen Fall der Profitrate bis Anfang der 1980er Jahre, dann ein erneuter Anstieg. Es kann festgestellt werden, dass die Fluktuationen in den USA besonders auffällig ist, wo die Profitrate seit 2007 fällt.

44. Wir stimmen grundsätzlich überein bezüglich der Gültigkeit der marxistischen Analyse des Gesetzes des tendenziellen Falls der Profitrate. Klimans Ansatz bleibt allerdings eindimensional, starr und hölzern. Er konzentriert sich im Wesentlichen darauf, einen beständigen Fall der Profitrate seit 1947 belegen zu wollen!

45. Die Zahlen des „Office for National Statistics“ für britische Unternehmen bestätigen unsere Argumentation und nicht die von Wallace. Demnach ist die Profitrate unstet und sinkt nicht linear. Der jährliche Brutto-Betriebsüberschuss (die Profitmasse) aller Privatunternehmen außerhalb der Finanzwirtschaft (ohne die britischen Konzerne auf dem Festlandssockel, die Öl- und Gasvorkommen ausbeuten) stieg zwischen 1997 und 2011 von 163 Milliarden britischen Pfund auf 236 Milliarden. Diese Zahlen stellen eine von 12,7% auf 11,3% sinkende Brutto-Rendite dar. 2001, in dem Jahr, als die IT-Blase platzte, fiel dieser Wert auf 10,8%, bevor er bis zum Jahr 2007 wieder auf 13,3% anstieg, dem letzten vollen Jahr vor dem Crash im Finanzsystem. 2009 fiel sie bis auf 11%, und erholte sich 2011 nur auf 11,3%. Die Zahlen für die Verarbeitende Industrie in Großbritannien sehen düster aus. In derselben Zeitspanne sanken die Brutto-Betriebsüberschüsse von 45,6 Milliarden brit. Pfund auf 38 Milliarden, und die Brutto-Renditen nahmen fast ständig ab … In diesen Zahlen spiegelt sich wider, dass der Anteil der Verarbeitenden Industrie an der britischen Wirtschaft zurückgeht. Der Betriebsüberschuss im Dienstleistungssektor (ohne Finanzsektor) stieg von 99 Milliarden brit. Pfund im Jahre 1997 auf 170 Milliarden Pfund im Jahr 2011, was lediglich eine Veränderung der Brutto-Renditen von 15,7% auf 15,4% bedeutet. Allerdings waren die Daten in dieser Zeitspanne viel unsteter. Die höchste Rendite wurde mit 17,3% 1998 erreicht. Sie schwankte beträchtlich und lag 2009 mit 14% am niedrigsten. Darüber hinaus würde das – selbst wenn es momentan Belege für eine sinkende Profitrate gibt – nicht einem Anstieg in den vorigen Perioden ausschließen, ebenso wenig einen entsprechenden Anstieg der Profitmassen. Daher sind die Ausführungen, die wir bezüglich der Anhäufung liquider Mittel in den Tresorräumen der Banken gemacht haben, stichhaltig.

46. Auch im Internet hat eine Auseinandersetzung über Klimans Zahlen getobt. Er selbst erklärt: „Obwohl diese Ergebnisse mit dem Marxschen Gesetz übereinstimmen, würde ich nicht behaupten wollen, dass sie das Gesetz bestätigten. Ein einziges Land und nicht das gesamtgesellschaftlich vorhandene Kapital der ganzen Welt ist analysiert worden […]“. Allerdings meint Kliman, die Zahlen, die er liefert, seien „Vertreter“ für die Argumente von Marx zum Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate.