„Der Kapitalismus profitiert von Frauenunterdrückung“

Interview mit Christine Thomas, Autorin des Buches „Es muss nicht bleiben, wie es ist“. Die Fragen stellte Lucy Redler


 

Im März erscheint die deutsche Ausgabe deines Buchs über Sexismus und Frauenunterdrückung. Du schreibst darin, dass Frauen nicht zu jeder Zeit in der Geschichte benachteiligt waren. Kannst du das kurz begründen?

In der letzten Zeit wird wieder vermehrt behauptet, dass Unterschiede zwischen Männern und Frauen nicht gesellschaftlich bedingt seien, sondern mit der Ent-wicklung unserer Gehirne zusammen hängen würden. Dafür werden pseudo-wissenschaftliche Erklärungen bemüht, die angeblich belegen sollen, dass die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern etwas Natürliches sei, die es schon immer gegeben habe und wir nichts daran ändern könnten. Aber es gibt viele anthropologische Erkenntnisse, die diese Auffassung widerlegen. So gab es Gesellschaften, in denen Frauen und Männer zwar gewöhnlich unterschiedliche Aufgaben hatten – Jagen und Sammeln –, in denen es aber keine systematische Unterdrückung von Frauen gab.

Diese Gesellschaften basierten auf Kooperation, ohne Privateigentum an den Produktionsmitteln, ohne Klassenstruktur und ohne Ausbeutung einer Gruppe durch eine andere. Diese Situation veränderte sich über Tausende von Jahren mit der Entstehung von Privateigentum und Klassengesellschaften. Während dieses Prozesses wurden Frauen in der Familie zum Privateigentum der Männer und in der Gesellschaft insgesamt zu Menschen zweiter Klasse.

Das Buch erklärt, dass Diskriminierung und Unterdrückung in der Klassengesellschaft, also heute im Kapitalismus, verwurzelt sind und durch diese erhalten werden. Im Zuge einer gesellschaftlichen Veränderung hin zu einer klassenlosen, auf Kooperation basierenden Gesellschaft, würde auch die Grundlage geschaffen, um alle Formen von Unterdrückung zu beseitigen – auch die der Frauen.

Ein Kapitel deines Buches heißt „Ideologischer Rückschlag“. Was meinst du damit? Siehst du einen Abbau von Errungenschaften, die Frauen in der Vergangenheit erkämpft haben?

Obwohl es weiterhin Ungerechtigkeit, Diskriminierung und Unterdrückung gibt, hatten die wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen der letzten Jahrzehnte einen wichtigen Einfluss auf die gesellschaftliche Stellung von Frauen und ihre eigenen Einstellungen. Heute meinen zum Beispiel nur noch sehr wenige Menschen, dass Frauen zu Hause bleiben und auf die Kinder aufpassen sollten, statt arbeiten zu gehen. Eine Schicht von gebildeten Frauen ist in zuvor von Männern dominierte Berufe vorgedrungen und beispielsweise Ärztin oder Anwältin geworden. Besonders jüngere Frauen haben an Selbstbewusstsein gewonnen – sowohl in Bezug auf ihre Fähigkeiten als auch ihre Sexualität.

Aber diese Entwicklung hat auch eine Schattenseite: Verhaltensweisen oder Dinge, die früher als sexistisch empfunden worden wären, werden heute als „befreiend“ oder als „empowering“ dargestellt. So sollen wir beispielsweise heute die Verbreitung und „Normalisierung“ von Pornografie und „Sexindustrie“ akzeptieren und damit auch der Prostitution. Aber hier wird Befreiung mit Ausbeutung verwechselt.

Wir leben immer noch in einer Gesellschaft, in der Frauen ökonomisch und sozial benachteiligt sind. Frauen verdienen nach wie vor weniger, tragen die Hauptverantwortung für die Kindererziehung und den Haushalt, leiden unter sexuellen Übergriffen und Gewalt.

Im Kapitalismus wird alles zu einer Ware gemacht, die für Profit verkauft wird – selbst Frauenkörper. Die Ausbreitung sexistischer Werbung und Einstellungen und das Wachstum der „Sexindustrie“ schwächen Frauen und festigen die rückständige und gefährliche Auffassung, dass Frauen dazu geschaffen seien, von Männern beherrscht zu werden. Das ist die Grundlage von häuslicher Gewalt, sexueller Belästigung und Vergewaltigungen.

All das ist kein bewusst herbeigeführter, zentral gesteuerter ideologischer Backlash im Sinne einer gezielten Manipulation, sondern die negative Konsequenz einer ungleichen und ausbeuterischen kapitalistischen Gesellschaft. Dabei werden auch auch die materiellen Verbesserungen zerstört, die Frauen erreicht haben.

Welche Folgen wird die aktuelle Wirtschaftskrise für Frauen haben?

Diese Krise bedroht viele Errungenschaften, die Frauen in den letzten 40 Jahren erkämpft haben. Zu Beginn der Krise war vor allem die Industrie und damit in vielen Ländern primär der männliche Teil der Beschäftigten stärker von Stellenabbau betroffen. Doch jetzt versuchen die Regierungen in verschiedenen europäischen Ländern die Schulden generell auf die Bevölkerung abzuwälzen, indem sie Kürzungspakete schnüren und Jobs im Öffentlichen Dienst abbauen.

Besonders für Frauen ist das eine doppelte Katastrophe. Viele Frauen, die in den letzten Jahren berufstätig geworden sind, arbeiten im öffentlichen Sektor. Sie werden also von Massenentlassungen, Lohnkürzungen und Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen besonders hart getroffen. Gleichzeitig haben Leistungen der öffentlichen Daseinsvorsorge dazu beigetragen, die Belastung zu Hause für Frauen zu reduzieren und ihnen eine gewisse wirtschaftliche Unabhängigkeit zu ermöglichen. Genau diese Leistungen werden jetzt aber zusammengestrichen. Aus Griechenland hört man erschütternde Berichte über Alleinerziehende, die ihre Kinder in Pflege geben, weil sie kein Geld mehr haben, um sie zu ernähren.

Besonders schlimm ist die Situation für Frauen, die häusliche Gewalt erfahren. Zu den Verbesserungen der letzten Jahre gehört die verbreitete Erkenntnis, dass häusliche Gewalt ein Verbrechen ist, das nicht toleriert werden darf. Aber wie beendet man eine Beziehung, wenn man nirgends hingehen kann, weil die Mittel für Frauenhäuser gestrichen wurden und die Mieten unerschwinglich geworden sind?

Im Februar 2011 demonstrierten in Italien über 100.000 Frauen und Männer für Frauenrechte und gegen die Politik Berlusconis. Gibt es in Italien oder in anderen Ländern eine neue Frauenbewegung?

Frauen nehmen diese Angriffe nicht einfach hin – sie leisten Widerstand. Bei den Generalstreiks oder Streiks im Öffentlichen Dienst in Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Spanien und anderen Ländern haben Frauen entschlossen gegen die Kürzungen gekämpft. Junge Frauen sind an vorderster Front bei Jugend- und Studierendenbewegungen wie den „Empörten“ oder der Occupy-Bewegung beteiligt. Und auch, unter schwierigen Bedingungen, bei den Massenbewegungen in Ägypten und Tunesien.

Der Protest in Italien war eine spontane Bewegung von Frauen unterschiedlichen Hintergrunds gegen das sexistische Verhalten des damaligen Ministerpräsidenten Berlusconi und die sexistische Kultur in der italienischen Gesellschaft im allgemeinen. Gegen diese sexistische Kultur richten sich auch die Slutwalks – Bewegungen junger Frauen in vielen verschiedenen Ländern –, die als Reaktion auf die Äußerungen eines kanadischen Polizisten entstanden sind. Dieser hatte behauptet, dass Frauen mit ihrer Kleidung zu Vergewaltigungen beitragen würden. Eine neue Generation von Frauen steht auf, um die Errungenschaften früherer Generationen zu verteidigen. Das ist eine positive Entwicklung.

Manche Feministinnen meinen, dass Männer von der Frauenunterdrückung profitieren. Was ist deine Position dazu? Wie können wir darum kämpfen, die Situation von Frauen zu verbessern?

Die kapitalistische Gesellschaft profitiert von der Unterdrückung der Frau. Werden Beschäftigte in Männer und Frauen gespalten, ist es für die Unternehmer einfacher, niedrigere Löhne zu bezahlen und die Arbeitsbedingungen zu verschlechtern. Wenn sich Frauen zu Hause um Kinder, alte Menschen und Menschen mit Behinderung kümmern, spart der Kapitalismus Milliarden, die sonst für Leistungen der öffentlichen Daseinsvorsorge ausgegeben werden müssten. Wenn Frauen als minderwertige Sexobjekte dargestellt werden, wird ihr Selbstbewusstsein geschwächt und ein Keil zwischen Männer und Frauen getrieben. Das erschwert den gemeinsamen Widerstand.

Die meisten derer, die in der Gesellschaft Macht innehaben, sind Männer. Das ist aber nicht immer der Fall. Wie ihr in Deutschland nur zu gut wisst, gibt es auch prokapitalistische Politikerinnen, die für brutale Kürzungspakete eintreten. In der kapitalistischen Gesellschaft werden auch Männer ausgebeutet, um für eine kleine Elite Profite zu erwirtschaften.

Es ist deshalb wichtig, dass sich Frauen im Betrieb, in Gewerkschaften, sozialen Bewegungen und politischen Organisationen mit männlichen Beschäftigten und Erwerbslosen zusammenschließen, um für ihre Rechte zu kämpfen und das kapitalistische System insgesamt in Frage zu stellen. Nur so kann für Frauen und Männer die Befreiung von Ausbeutung und Unterdrückung erreicht werden.