{"id":38000,"date":"2019-06-22T06:42:24","date_gmt":"2019-06-22T04:42:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=38000"},"modified":"2019-06-20T15:42:51","modified_gmt":"2019-06-20T13:42:51","slug":"politisches-antidepressivum-noetig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2019\/06\/politisches-antidepressivum-noetig\/","title":{"rendered":"Politisches Antidepressivum n\u00f6tig"},"content":{"rendered":"<p><strong><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-38001 alignleft\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Depression-Trauer-270x173.jpg\" alt=\"\" width=\"270\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Depression-Trauer-270x173.jpg 270w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Depression-Trauer-768x492.jpg 768w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Depression-Trauer-542x347.jpg 542w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Depression-Trauer-600x384.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Depression-Trauer.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 270px) 100vw, 270px\" \/>Zum Zusammenhang von Depressionen und Kapitalismus<\/strong><\/p>\n<p>Dieser Artikel entstand aus einem Referat und Workshop zu \u201ePsychologie und Marxismus\u201c bei den Sozialismustagen 2019 und ist ein Beitrag, sich dem Thema politisch zu n\u00e4hern.<\/p>\n<p><em>von Arthur Gubar, Lemgo<\/em><\/p>\n<p>Psychische Erkrankungen sind immer weiter auf dem Vormarsch und nehmen besonders bei jungen Menschen zu. Allein zwischen 2005 und 2016 ist laut Barmer-Report der Anteil der 18- bis 25-J\u00e4hrigen mit der Diagnose Depression um 76 Prozent gestiegen. Jeder Vierte der rund sieben Millionen jungen Erwachsenen in Deutschland ist offiziell von einer psychischen Erkrankung betroffen.<\/p>\n<p>Hauptgrund f\u00fcr die Entwicklung ist das stetige Anwachsen an Stress durch Zeit- und Leistungsdruck infolge der neoliberalen Reformen, wie sie in Deutschland vor allem unter der rot-gr\u00fcnen Schr\u00f6der-Regierung umgesetzt wurden. Diese zielten auf die Flexibilisierung und Deregulierung der Wirtschaft und dem verst\u00e4rkten Einsatz von Marktmechanismen in allen Lebensbereichen, um beste Bedingungen f\u00fcr das Kapital zu schaffen und die Errungenschaften der Arbeiterklasse einzustampfen. In der Wirtschaft bedeutete dies einerseits die Deregulierung von K\u00fcndigungsschutzregelungen, damit Arbeiter*innen flexibler eingesetzt werden k\u00f6nnen mit der direkten Folge eines Anstiegs prek\u00e4rer Arbeitsverh\u00e4ltnisse wie Zeit-, Frist- oder Minijobs mit oftmals schlechtem Lohn und kaum sozialer Absicherung. Flankiert wurde dies durch den Abbau vom staatlichen Sicherheitsnetz durch K\u00fcrzung der Sozialgelder mit Hartz IV und Schikane und Strafe beim Jobcenter statt wirklicher Hilfe, was zus\u00e4tzliche \u00c4ngste bei Arbeiter*innen ausl\u00f6st, selbst in Hartz IV zu landen und die Disziplinierung der Arbeiter*innen zum Ziel hat.<\/p>\n<h4>Lernfabriken<\/h4>\n<p>Auch der Bildungsbereich blieb nicht von den neoliberalen Reformen verschont. Mit G8 und Bologna-Reform sind Bildungseinrichtungen zu Kaderschmieden f\u00fcr die Wirtschaft umgewandelt worden. Die Leistungsanforderungen wurden enorm verdichtet und junge Menschen dazu gezwungen, m\u00f6glichst fr\u00fch als Arbeitskr\u00e4fte in den Arbeitsmarkt zu str\u00f6men. Gleichzeitig sind in vielen Regionen Deutschlands Ausbildungspl\u00e4tze so schlecht entlohnt, dass sie kaum zum Leben reichen, noch dazu die \u00dcbernahme unsicher ist und befristete Arbeitsverh\u00e4ltnisse gang und g\u00e4be sind. Auch Hochschulabg\u00e4nger*innen sind von unbezahlten Praktika, Kettenbefristungen und hoher Konkurrenz betroffen.<\/p>\n<p>Pr\u00e4gende Erfahrung f\u00fcr viele Arbeiter*innen und Jugendliche ist angesichts des zunehmenden Konkurrenzkampfs eine starke Existenz- und Zukunftsunsicherheit. Man muss auf unvorhergesehene Ereignisse reagieren und in einer permanenten Instabilit\u00e4t leben, wo sich Perioden der Lohnarbeit mit Perioden der Arbeitslosigkeit abwechseln k\u00f6nnen. Viele Konzerne nutzen diesen Umstand aus. Besch\u00e4ftigte werden gegeneinander ausgespielt und unter Druck gesetzt, immer mehr \u00dcberstunden zu leisten und flexibel hinsichtlich Arbeitszeit und -ort zur Verf\u00fcgung zu stehen. Folgen sind fehlende Freizeit zur Regeneration und das Gef\u00fchl des Gehetzt-seins durch den Zeitdruck und Arbeits\u00fcberlastung, welches die Menschen \u00fcberfordert und krank macht.<\/p>\n<h4>Mangelnde Intimit\u00e4t und N\u00e4he<\/h4>\n<p>Diese Entwicklungen haben auch direkte Effekte auf menschliche Beziehungen, insbesondere die verst\u00e4rkte Vereinzelung des Menschen. Durch immer h\u00f6heren Leistungsdruck und Anforderungen ist weniger Zeit da f\u00fcr die Pflege intimer menschlicher Kontakte und Beziehungen. Technologische Innovationen haben die Entwicklung verst\u00e4rkt, insbesondere die Einf\u00fchrung von Smartphones, die als marktkonforme Kompensation fehlender sozialer Bindungen genutzt werden und die Entfremdung des Menschen von sich selbst und seinen Mitmenschen weiter verst\u00e4rken. Egal ob Podcasts, Pornhub oder als neuester Trend ASMR-Videos als Gesch\u00e4ftsmodell von Youtubern, bei der Gef\u00fchle erzeugt werden sollen &#8211; die Erosion menschlicher Gemeinschaft und der Mangel an Intimit\u00e4t und menschlicher N\u00e4he wird zur Grundlage, um Profite zu erwirtschaften.<\/p>\n<p>Die herrschende Meinung in der b\u00fcrgerlichen Psychotherapie ignoriert jedoch die gesellschaftlichen Ursachen und behandelt Depressionen, als w\u00fcrden sie lediglich durch ein Ungleichgewicht im neuronalen System verursacht und auf Probleme des vereinzelten Individuums zur\u00fcckzuf\u00fchren sein. Das hat Auswirkungen auf die Behandlungsweise und f\u00fchrt zur Behandlung der biologischen Symptome durch Medikamente, welche einen sehr lukrativen Markt bedienen und die Profite der Pharmaindustrie in die H\u00f6he treiben. Ziel b\u00fcrgerlicher Therapie ist in dem Falle nicht die Heilung, sondern durch Anpassung an die kapitalistische Gesellschaft wieder \u201egesellschaftsf\u00e4hig\u201c, das hei\u00dft arbeitsf\u00e4hig zu sein.<\/p>\n<h4>Ursachen bek\u00e4mpfen<\/h4>\n<p>Anstelle der Pathologisierung von Menschen, die auf die asozialen Verh\u00e4ltnisse des Kapitalismus eine angemessene Reaktion zeigen, brauchen wir ein politisches Antidepressivum. Die Dynamik der \u00dcberlastung muss gekontert werden, nicht durch eine nach innen gerichtete Selbstoptimierung, sondern indem nach au\u00dfen gegen die wahren Ursachen des psychischen Elends vorgegangen wird: Das kapitalistische System mit den einhergehenden Ausbeutungs- und Klassenverh\u00e4ltnissen. Daf\u00fcr m\u00fcssen wir uns kollektiv gegen den Konkurrenz- und Leistungsdruck in Betrieb, Schule und Uni organisieren und den Kampf aufnehmen gegen die neoliberalen Angriffe. Das beinhaltet den Kampf f\u00fcr eine Verringerung der Arbeitszeit bei vollem Lohn- und Personalausgleich, um der Arbeits\u00fcberlastung entgegenzuwirken, durchgesetzt durch K\u00e4mpfe und Streiks der Gewerkschaften.<\/p>\n<p>Aber es muss auch verbunden werden mit dem Kampf f\u00fcr eine sozialistische Demokratie, in der die gesamte Gesellschaft einschlie\u00dflich der Wirtschaft demokratisch verwaltet und nach den Bed\u00fcrfnissen von Menschen und Natur und nicht nach Profitinteresse produziert wird. Denn erst wenn die Entfremdung und Ausbeutung \u00fcberwunden ist, wird einer der wichtigsten Faktoren f\u00fcr die Entstehung psychischer Leiden der Vergangenheit angeh\u00f6ren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Zusammenhang von Depressionen und Kapitalismus<\/p>\n","protected":false},"author":243,"featured_media":38001,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[85],"tags":[1782,927,1783,926,792,1784,1785],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/38000"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/243"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=38000"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/38000\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":38112,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/38000\/revisions\/38112"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/38001"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=38000"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=38000"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=38000"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}