{"id":37384,"date":"2018-12-25T18:19:02","date_gmt":"2018-12-25T17:19:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=37384"},"modified":"2019-06-11T14:10:10","modified_gmt":"2019-06-11T12:10:10","slug":"lenin-und-die-deutschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2018\/12\/lenin-und-die-deutschen\/","title":{"rendered":"Lenin und die Deutschen"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/fe779a664145e5ddbefb7ee30f041972v1-e1389961134398.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-26433\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/fe779a664145e5ddbefb7ee30f041972v1-e1389961134398-280x173.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/fe779a664145e5ddbefb7ee30f041972v1-e1389961134398-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/fe779a664145e5ddbefb7ee30f041972v1-e1389961134398-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/fe779a664145e5ddbefb7ee30f041972v1-e1389961134398.jpg 450w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>\u00dcber den Mythos der deutschen Unterst\u00fctzung der Oktoberrevolution <\/strong><\/p>\n<p>Auf dem Meeresgrund liegt nicht die Titanic, sondern ihr Schwesterschiff, die Olympic. Der n\u00e4chtliche Untergang, des Ozeanriesen war ein gewaltiger, menschenfressender Versicherungsbetrug. Hitler wurde von einer j\u00fcdischen Lobby an die Macht gebracht und war selbst mosaischen Glaubens. Astronauten der NASA sind niemals auf dem Mond gelandet und Chemtrails sollen \u2013 wieso auch immer \u2013 die Menschheit impotent machen.<\/p>\n<p>Verschw\u00f6rungstheorien sind imposant, zeugen h\u00e4ufig von viel Phantasie und sie k\u00f6nnen nicht selten belegt werden. Freilich funktioniert der letzte Punkt meistens nur, wenn man selektiv Fakten ausw\u00e4hlt, irgendwie kombiniert und dazu eine gro\u00dfe Prise gut klingenden Unsinn mischt. Oft haben Verschw\u00f6rungstheorien eine bestimmte Absicht und werden gezielt eingesetzt, um einem bestimmten Anliegen zu dienen. Dass Hitler selbst Jude war ist ebenso unhaltbar wie die Aussage, er sei von einer j\u00fcdischen Verschw\u00f6rergruppe eingesetzt worden. Das Ziel dieser \u201eTheorie\u201c ist es zu beweisen, dass die Opfer der NS-Diktatur eigentlich ja selbst T\u00e4ter*innen waren. Und damit ist auch klar, wer hinter dieser Verschw\u00f6rungssaga steckt.<\/p>\n<p><em>Von Steve Hollasky, Dresden<\/em><\/p>\n<p>Wer heute solche Theorien vertritt, der wird oft argw\u00f6hnisch be\u00e4ugt. Und geht es um Aussagen, wie jene, dass die J\u00fcdinnen und Juden die Geschicke der Menschheit zum Schlechten bestimmen, wird man als Vertreter dieses Irrsinns, voll und ganz zu recht, Zielpunkt w\u00fctender Kommentare.<\/p>\n<p>Dabei ist der Umgang mit Verschw\u00f6rungstheorien h\u00e4ufig absolut ideologisch ausgestaltet. Nicht wenige Verschw\u00f6rungstheorien sind dann und wann Teil der herrschenden Geschichtsschreibung. Beispielsweise ist es auch \u00fcber hundert Jahre nach der Oktoberrevolution ganz \u00fcblich zu erkl\u00e4ren, dass es \u201eohne die Hilfe Wilhelms II. f\u00fcr Lenin [\u2026] die Oktoberrevolution [\u2026] so nicht gegeben [h\u00e4tte]. Mehr noch: Ohne deutsche Unterst\u00fctzung h\u00e4tten Lenins Bolschewiki das erste Jahr an der Macht wohl kaum \u00fcberstanden\u201c, wie der \u201eSpiegel\u201c schon 2007 zu berichten wusste. S\u00e4tze von diesem Format findet man gedruckt, vertont oder verfilmt immer wieder.<\/p>\n<p>Was ist dran an dieser Aussage? War Lenin ein \u201eGenosse der deutschen Bosse\u201c? Ein deutscher Agent? Ein Helfershelfer der deutschen Regierung? Ein Obmann des deutschen Oberkommandierenden, General Ludendorff?<\/p>\n<h4>Der deutsche Geheimdienst und Lenin<\/h4>\n<p>Schon im September 1914 war die urspr\u00fcngliche Strategie der deutschen Milit\u00e4rs im Weltkrieg gescheitert. Der \u201eSchlieffen-Plan\u201c zerfloss in Str\u00f6men von Blut deutscher und franz\u00f6sischer Soldaten an der Marne. Die Armeen des Kaisers wurden gestoppt und gruben sich ein, die Front fra\u00df sich im Stellungskrieg fest. Die Chancen den Waffengang siegreich zu beenden sanken gen Null, die Eroberungsgel\u00fcste der deutschen Imperialisten wuchsen dazu im umgekehrt proportionalen Verh\u00e4ltnis. Politischer Handlungsspielr\u00e4ume beraubt, ging die Entscheidungsgewalt von der deutschen Reichsleitung auf die Oberste Heeresleitung (OHL), die ab 1916 von General Ludendorff kontrolliert wurde, \u00fcber \u2013 von der Regierung zum milit\u00e4rischen Oberkommando.<\/p>\n<p>Besonders der Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg geriet ins Visier der Milit\u00e4rs. Zwar hatte er aus Sicht der deutschen Imperialisten das Reich 1914 musterg\u00fcltig in den Krieg gef\u00fchrt und sogar die SPD \u201emitgekriegt\u201c, wie es der Regierungschef selbst zu nennen pflegte, aber nun war er vielen doch zu zaghaft. Bethmann-Hollweg war ein Gegner des uneingeschr\u00e4nkten U-Boot-Kriegs, von dem sich die Milit\u00e4rs eine L\u00f6sung zu ihren Gunsten erhofften. Ja, er war noch nicht einmal ein Berufssoldat!<\/p>\n<p>Bethmann-Hollweg wusste, dass seine Stunden als Vorsitzender der Exekutive gez\u00e4hlt waren, wenn er nicht in der Lage sein sollte einen ganz gro\u00dfen Coup zu landen. Gemeinsam mit dem Kanzler f\u00fcrchteten gro\u00dfe Teile der kaiserlichen Politiker ihren Einfluss g\u00e4nzlich an die OHL zu verlieren. Wie ein Ertrinkender verzweifelt um sich schl\u00e4gt, um irgendetwas zu ergreifen, was ihn retten k\u00f6nnte, suchten sie nach jedem noch so d\u00fcnnen Strohhalm. Sogar die Einbeziehung Mexikos in den Krieg wurde diskutiert. Es sollte die USA durch einen Angriff aus dem S\u00fcden her f\u00fcr immer neutralisieren. Kein noch so irrsinniger Plan blieb ungepr\u00fcft\u2026<\/p>\n<p>Eine einigerma\u00dfen illustre Gestalt mit Namen Alexander Eduard Kesk\u00fcla, ein estnischer Nationalist, machte den deutschen Botschafter in der Schweiz, Baron Gisbert von Romberg, im M\u00e4rz 1915 erstmals auf die russische Emigrantengruppe um Lenin aufmerksam. Die Idee ihn f\u00fcr die deutsche Politik nutzbar zu machen wird damals wahrscheinlich auf unterer Ebene diskutiert. Der Name des glatzk\u00f6pfigen Revolution\u00e4rs taucht in den deutschen Akten auf. Bis auf den Tisch des deutschen Reichskanzler Bethmann-Hollweg schafft es Lenin nicht. Eine Kontaktaufnahme findet ebenso wenig statt.<\/p>\n<p>Insgesamt scheint die Beachtung, die die deutschen Imperialisten Lenin schenken, verschwindend zu sein. Als von Romberg 1917 die von Kesk\u00fcla an ihn \u00fcbermittelten Zeitungen der Schweizer Bolschewiki zur Lekt\u00fcre an Bethmann-Hollweg weiterleitet, werden diese mitsamt schriftlicher Abhandlungen \u00fcber Lenins Programm ins Archiv gegeben. Dort finden sie in den 1950er Jahren deutsche Historiker. Die bolschewistischen Zeitungen sind zu diesem Zeitpunkt noch immer in der Originalverpackung, in die sie von Romberg hat 1917 einwickeln lassen \u2013 Interesse sieht anders aus.<\/p>\n<p>Das man im Krieg gegen Russland auf eine \u2013 in den Augen der deutschen Diplomaten und Politiker &#8211; reichlich illustre Gruppe russischer Radikaler setzen soll, erschien selbst den nach allen Richtungen um sich schlagenden Politikern der Reichsleitung als absolut hoffnungsloses Unterfangen: Noch schien der Zar fest im Sattel zu sitzen, w\u00e4hrend Lenin in der Schweiz Artikel schrieb. Und wusste man denn, wozu diese wild gewordenen MarxistInnen aus Russland um ihn herum imstande waren?<\/p>\n<h4>Auf in den Kampf<\/h4>\n<p>Als die, ob der Verfolgung durch den zaristischen Staatsapparat, zum Exil verdammten russischen Revolution\u00e4r*innen die Nachricht vom Sturz der Romanow-Dynastie erreichte, war ihr Jubel gro\u00df, unabh\u00e4ngig davon, welchem Fl\u00fcgel der Arbeiter*innenbewegung sie angeh\u00f6rten. Der Wunsch in die Heimat zur\u00fcckzukehren und dort die politische Arbeit aufzunehmen war es gleicherma\u00dfen. Es zog sie in den Kampf.<\/p>\n<p>Im Deutschen Reich klatschte die OHL in die H\u00e4nde: General Ludendorff sah sich schon fast am Ziel seiner milit\u00e4rischen Pl\u00e4ne. In einem Telegramm an das Ausw\u00e4rtige Amt beurteilte er die Gesamtlage in Russland als \u00e4u\u00dferst zuversichtlich.<\/p>\n<p>Graf Brockdorf-Rantzau verfasste fast zur gleichen Zeit eine Denkschrift an dieselbe Adresse, in der er der Einsch\u00e4tzung der OHL deutlich widersprach. Man m\u00fcsse jetzt \u2013 freilich hinter den Kulissen \u2013 politisch handeln und die Gegens\u00e4tze zwischen den verschiedenen Fraktionen der russischen Revolution\u00e4r*innen sch\u00fcren, wodurch Russland zusammenbrechen werde. Das Ziel sei nicht, eine der politischen Richtungen an die Macht zu bringen, sondern deren Protagonist*innen in ihr Heimatland zu verfrachten, auf das sie sich dort einander einen chaotischen Kampf lieferten, der Deutschlands milit\u00e4rische Operationen erleichtern werde.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Brockdorff-Rantzau im Lager der russischen Revolution\u00e4r*innen einen Kampf zwischen Gem\u00e4\u00dfigten und Radikalen ausmachte, stritten OHL und zivile Politiker um Einfluss. Reichskanzler von Bethmann-Hollweg war sich im Klaren dar\u00fcber, dass \u2013 sollte die von Brockdorff-Rantzau vorgeschlagene Strategie Erfolg haben \u2013 er gleichsam seinen Hals aus der enger werdenden Schlinge ziehen k\u00f6nnte. Er wies die deutsche Gesandtschaft in der Schweiz an, Kontakt mit den russischen ExilantInnen aufzunehmen.<\/p>\n<p>Lenins Name spielte hierbei keine Rolle. Trotz der oben erw\u00e4hnten Geheimdienstberichte, war er f\u00fcr die Deutschen zun\u00e4chst von bestenfalls untergeordneter Bedeutung.<\/p>\n<p>Der Kontakt zu den russischen Revolution\u00e4r*innen lief \u00fcber einen gewissen Robert Grimm.Der Schweizer Sozialdemokrat hatte die Verhandlungen mit den deutschen Diplomaten im Auftrag eines \u201eZentralkomitees zur R\u00fcckkehr der in der Schweiz weilenden russischen Emigranten\u201c aufgenommen. Dieses vereinte in sich gut 560 russische Revolution\u00e4r*innen, unter ihnen auch Lenin und andere Bolschewiki. Ihre Idee \u00fcber das Gebiet der \u201eEntente\u201c, also der mit Deutschland und \u00d6sterreich-Ungarn verfeindeten Kriegsallianz aus Frankreich, Gro\u00dfbritannien und Russland, auszureisen, zerschlug sich schnell. Es wurde alsbald bekannt, dass die Entente-M\u00e4chte Verhaftungen russischer Revolution\u00e4re anhand schwarzer Listen vorzunehmen gedachten. Leo Trotzki, die neben Lenin entscheidende F\u00fchrungsperson der Oktoberrevolution, lernte den Umgang der Entente mit Sozialist*innen am eigene Leibe kennen. Auf seiner Reise \u00fcber britisches Gebiet nach Russland wurde er festgenommen und seine \u00dcberfahrt auf diese Weise j\u00e4h unterbrochen. Wollte man Russland erreichen, w\u00fcrde dies nur \u00fcber deutsches Gebiet und mit deutscher Erlaubnis m\u00f6glich sein, darin herrschte im \u201eZentralkomitee zur R\u00fcckkehr\u201c weitgehende Einigkeit.<\/p>\n<p>Trotz dieser \u00dcbereinstimmungen entwickelten sich die Verhandlungen aus Lenins Sicht in eine besorgniserregende Richtung. Die Mehrheit im \u201eZentralkomitee zur R\u00fcckkehr\u201c bildeten Gem\u00e4\u00dfigte. Sie wollten erst dann nach Russland ausreisen, wenn die provisorische Regierung unter F\u00fcrst Lwow ihre Zustimmung dazu erteilen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Lenin lehnte diese Regierung ab. In seinen Augen war sie die Anw\u00e4ltin der Gro\u00dfgrundbesitzer; eine Regierung der Kriegstreiber, die die Eigentumsverh\u00e4ltnisse und mit diesen auch die erschreckende Armut erhalten wollte. Und Lenin hatte recht damit. Er hatte nicht vor, diese Regierung um Erlaubnis f\u00fcr seine R\u00fcckkehr zu bitten.<\/p>\n<p>Zudem hegte der Verhandlungsf\u00fchrer Grimm einen pers\u00f6nlichen und politischen Groll gegen Lenin. Sein Anliegen bestand darin die Abfahrt der Bolschewiki hinauszuz\u00f6gern. Lenin war sich dar\u00fcber voll im Klaren. Doch w\u00e4hrend er ohnm\u00e4chtig in den Stra\u00dfen Z\u00fcrichs von seinem Domizil in einem stinkenden Hinterhof zu den Treffen der Bolschewiki und des \u201eZentralkomitees zur R\u00fcckkehr\u201c spazierte, lief ihm die Zeit davon. In seinem Heimatland marschierte die Revolution, f\u00fcr die er gelebt hatte, doch sie marschierte ohne ihn. An Alexandra Kollontai schrieb Lenin im M\u00e4rz 1917, dass er f\u00fcrchte, nicht sobald aus der \u201everfluchten Schweiz\u201c herauszukommen.<\/p>\n<h4>Lenins Reise mit dem Zug<\/h4>\n<p>Noch im M\u00e4rz nahm Lenin die ganze Angelegenheit selbst in die Hand und bat den Schweizer Sozialisten Fritz Platten darum in seinem Namen mit der deutschen Gesandtschaft in Verbindung zu treten. Direkte Verhandlungen zwischen ihm selbst und den Deutschen gedachte Lenin zu vermeiden. Ihm war v\u00f6llig klar, dass ihn solche Begegnungen sp\u00e4ter nur in den Ruf bringen w\u00fcrden ein S\u00f6ldling der deutschen Regierung zu sein.<\/p>\n<p>Schon am 4. April \u00fcbergab Platten eine Note Lenins an den deutschen Botschafter Gisbert von Romberg, die diesen im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos werden lie\u00df: Darin waren minuti\u00f6se Bedingungen f\u00fcr die Fahrt durch deutsches Gebiet aufgelistet. Zun\u00e4chst einmal war Lenin nicht bereit mit deutschen Stellen und Vertretern der Reichsregierung in Verbindung zu treten. W\u00e4hrend der Fahrt w\u00e4re Fritz Platten der Ansprechpartner, der den Transport begleiten sollte. Dass Lenin den Wagen zu exterritorialem Gebiet erkl\u00e4rte, war beinahe schon unfassbar. Dieser Umstand nahm den kaiserlichen Beh\u00f6rden jede M\u00f6glichkeit die Insassen bzw. deren Gep\u00e4ck zu kontrollieren. Die Auswahl der Mitfahrenden d\u00fcrfe nicht von deren politischen Positionen, insbesondere ihrer Haltung zu einem sp\u00e4ter eventuell zu unterzeichnenden Separatfrieden mit dem Deutschen Reich, abh\u00e4ngig gemacht werden. Zudem hielt Lenin an der bereits vom \u201eZentralkomitee zur R\u00fcckkehr\u201c gemachten Zusage fest, dass im Austausch f\u00fcr die Reisenden deutsche Kriegsgefangene frei gelassen werden sollten. Lenin wollte den deutschen Beh\u00f6rden nichts schuldig bleiben! Diese \u00dcberlegung brachte ihn auch dazu von der Deutschen Reichsbahn eine kostenpflichtige Bef\u00f6rderung zu verlangen und da sich die Revolution\u00e4r*innen eine Fahrt in einem Zweite-Klasse-Abteil nicht leisten konnten, forderte Lenin einen Waggon der dritten Klasse bereit zu stellen.<\/p>\n<p>Von Romberg war von diesen Zeilen eines dahergelaufenen schmutzigen, russischen Marxisten derart vor den Kopf gesto\u00dfen, dass er trotz der Dringlichkeit, die die Angelegenheit f\u00fcr die deutschen Zivilpolitiker inzwischen angenommen hatte, zun\u00e4chst gar nicht antwortete. Als er es denn doch tat, bemerkte er gegen\u00fcber Fritz Platten mit einiger Erbostheit, dass es nicht \u00fcblich sei, dass eine Privatperson einer Regierung Vorschriften mache! Dennoch reichte der deutsche Botschafter die Forderungen Lenins an den Reichskanzler weiter.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend zwischen Ausw\u00e4rtigem Amt, Reichskanzler und OHL Schreiben hin- und herwanderten und man sich nach einigem Z\u00f6gern daf\u00fcr entschied, Lenin und eine von ihm zusammengestellte Liste von Revolution\u00e4r*innen durch deutsches und im Anschluss daran neutrales Gebiet nach Russland zu bringen, zog Lenin noch einen weiteren Trumpf aus dem \u00c4rmel.<\/p>\n<p>F\u00fcr ihn war es wichtig in Petrograd, der russischen Hauptstadt, weder als von der provisorischen Regierung geduldet, noch auf der Grundlage des \u201eGoodwills\u201c der Deutschen einzutreffen. Und so sammelte er flei\u00dfig Noten franz\u00f6sischer, englischer, norwegischer, deutscher, polnischer\u2026 SozialistInnen verschiedener Schattierungen, die seinen Plan, nach Russland zu gehen, um dort die Revolution weiter voranzubringen, ausdr\u00fccklich unterst\u00fctzten.<\/p>\n<p>Unterdessen stellte Kurt Riezler, der wichtigste politische Berater des deutschen Reichskanzlers, die Liste der in Lenins Zug sitzenden Revolution\u00e4re der Obersten Heeresleitung vor. General Ludendorff schrieb die ihm vorgelesenen Namen mit und vermerkte an einer Stelle auch den Namen \u201eLehnin\u201c, den er f\u00e4lschlicher Weise mit \u201eh\u201c buchstabierte und vermerkte \u201eWer ist Lehnin?\u201c Ludendorff kannte die Antwort auf diese Frage h\u00f6chstens in Ans\u00e4tzen. So wie die Zugfahrt eher eine Aktion der zivilen Machtpolitiker des Deutschen Reiches war, so wenig hatte Ludendorff Kenntnis \u00fcber das genaue Aussehen der russischen Emigrant*innenszene in der Schweiz. Von einem Deal oder gar einer Zusammenarbeit zwischen Ludendorff und Lenin kann also keine Rede sein. Ludendorff selbst bemerkte nach Ende des Ersten Weltkriegs, er habe weder von Kiental (Ort der Konferenz von KriegsgegnerInnen) noch von Lenin eine Ahnung gehabt.<\/p>\n<p>Am 9. April ging der Transport unter dem Geschimpfe gem\u00e4\u00dfigter Sozialist*innen vom Z\u00fcricher Bahnhof laut Fahrplan ab. An Bord waren 33 Revolution\u00e4r*innen, 19 davon waren Bolschewiki. Begleitet wurden sie von Fritz Platten dessen deutsches Pendant zum Zwecke der Kontaktaufnahme w\u00e4hrend der Fahrt Rittmeister von der Planitz war. Der durfte freilich nur bis zu einem von Lenin mit Kreide gezogenen Strich gehen und das Innere des Wagens nicht betreten. Wie geh\u00f6rig die Zweifel an dem ganzen Unternehmen auf deutscher Seite waren, zeigt der Ausspruch eines deutschen Diplomaten, den der Gesandte der \u00f6sterreichisch-ungarischen Monarchie an seine Regierung weitergab: \u201eEin Offizier, aus einem der \u00e4ltesten preu\u00dfischen Geschlechter stammend, wird als eine Art Ehrencavalier diesem russischen revolution\u00e4ren Gesindel, [\u2026] dem [\u2026] jetzt der Hof gemacht wird, beigegeben, nur in der Hoffnung, dadurch den Frieden etwas zu beschleunigen \u2013 das ist die Lage.\u201c<\/p>\n<p>Und Lenin hielt sich an seine Vorgabe jede Wortmeldung ausschlie\u00dflich \u00fcber den Kanal Platten \u2013 von der Planitz laufen zu lassen. Die in einer Spiegel-TV-Dokumentation dargestellten Verhandlungen zwischen Vertretern der Reichsleitung und Lenin, in der Nacht des 10. April 1917 hat es nie gegeben. Ganz im Gegenteil, selbst eine Abordnung einer deutschen Gewerkschaft empfing Lenin nicht, um nur ja nicht in den Geruch zu kommen, mit deutschen Stellen in irgendeiner Form in Kontakt getreten zu sein. Ebenso wies er den russischen Sozialisten Helphand aus dem Abteil, worauf wir noch eingehen werden.<\/p>\n<p>Die Auswirkungen der Reise Lenins sind in ihrer Mittelfristigkeit unstrittig: Aprilthesen, Machtergreifung durch die Arbeiter*innen und B\u00e4uerinnen und Bauern. Eines jedoch wird nur selten erw\u00e4hnt, die Fahrt Lenins \u00f6ffnete gut 400 anderen russischen Sozialist*innen aus verschiedenen politischen Str\u00f6mungen den Weg in die revolution\u00e4re Heimat, auch und insbesondere jenen, die Lenin bei seiner Abfahrt in Z\u00fcrich noch verflucht hatten.<\/p>\n<h4>Ein Unternehmen wird zum Boomerang<\/h4>\n<p>Im Mai und Juni 1917 erlaubten die Deutschen die Durchreise von zwei weiteren und sehr viel gr\u00f6\u00dferen Gruppen nach Petrograd. Sie reisten zu genau jenen Bedingungen, die zuvor Lenin der deutschen Verhandlungsseite abgerungen hatte. Aber anders als dieser werden sie sich nicht dem Vorwurf ausgesetzt sehen, mit dem Kaiserreich gemeinsame Sache zu machen.<\/p>\n<p>Die deutschen Beh\u00f6rden entschieden diese Transporte zu organisieren, nachdem, infolge der Reise Lenins, die Entente lautstark \u00fcberlegte doch Revolution\u00e4r*innen \u00fcber ihr Gebiet nach Russland ausreisen zu lassen. Ohne Zweifel wollten London und Paris f\u00fcr sich die M\u00f6glichkeit erhalten auf den unaufhaltsamen Prozess wenigstens Einfluss zu nehmen. Das wiederum wollte Berlin verhindern und erm\u00f6glichte zwei weitere Fahrten. Lenins Verhandlungsdurchbruch hatte Mittelm\u00e4chte und Entente gegeneinander ausgespielt. Ob diese Auswirkungen von Lenin anvisiert waren oder nicht mag man kontrovers diskutieren k\u00f6nnen, unbestreitbar bleiben sie allemal.<\/p>\n<p>Mehr und mehr wurde nun auch der Reichsleitung unter Bethmann-Hollweg klar, dass man sich \u00fcber die Absichten der russischen Revolution\u00e4r*innen wohl etwas vorgemacht hatte. Der deutsche Gesandte in Bern \u00fcbermittelte frustriert nach Berlin, dass sich die nach Russland reisenden Revolution\u00e4r*innen im Beisein deutscher Unterh\u00e4ndler \u00fcber die Dummheit der deutschen Beh\u00f6rden lustig machen w\u00fcrden. So habe ein gewisser Marasanek w\u00e4hrend der Verhandlungen unumwunden erkl\u00e4rt, dass er wie Lenin zu reisen gedenke und wie dieser auch in Petrograd gegen die deutschen Imperialisten zu agitieren vorhabe.<\/p>\n<p>Das Unternehmen der deutschen Reichsleitung, dass eigentlich deren politisches Gewicht gegen\u00fcber der OHL st\u00e4rken sollte, drohte auf diese Weise zum Boomerang zu werden. Die Folgen f\u00fcr den Reichskanzler und andere f\u00fchrende Politiker waren absehbar. Schaut man in die Berichte der deutschen Politiker um Bethmann-Hollweg an Kaiser und Oberste Heeresleitung, so sprechen sie genau diese Sprache: Man versuchte das Unternehmen insbesondere gegen\u00fcber OHL und Kaiser als Erfolg darzustellen und frisiert so manchen Bericht. Lenin arbeite \u201enach Plan\u201c, er sei also beherrschbar, hei\u00dft es beispielsweise in einem Schriftst\u00fcck des Ausw\u00e4rtigen Amtes. Schnell tauchen Berichte dar\u00fcber auf, er habe Geld von deutschen Stellen empfangen, welches ihm die Herausgabe der Parteizeitung \u201ePrawda\u201c erm\u00f6glichen w\u00fcrde. Bis heute ist von bis zu 100 Millionen Goldmark die Rede, die an Lenin und die Bolschewiki geflossen sein sollen. Lenin sei also korrupt, man habe ihn gekauft; er tanze nach der Pfeife der Reichsleitung in Berlin.<\/p>\n<p>Dergleichen mehr kann man den Akten des Ausw\u00e4rtigen Amtes entnehmen. Dass diese der Wahrheit entsprechen, muss man derweil in Zweifel ziehen. Ein Name f\u00e4llt immer wieder, wenn es um die angeblichen Geldfl\u00fcsse von Berlin nach Petrograd geht, Dr. Helphand. Er habe, so die Legende, Lenin das Geld der deutsche Regierung zugeschanzt.<\/p>\n<h4>Die Rolle von Dr. Helphand<\/h4>\n<p>\u201eFreibeuter der Revolution\u201c ist der bezeichnenden Name einer Biografie des Dr. Helphand, Deckname Parvus, die bereits 1964 erschien. Dabei ist der Titel des Buches eher irref\u00fchrend. Mit Revolution hatte Helphand im zweiten Teil seines Lebens nur noch wenig am Hut. Dabei war dieser Werdegang des russischen Sozialisten lange Zeit nicht abzusehen. Er z\u00e4hlte Rosa Luxemburg und Leo Trotzki zu seinem pers\u00f6nlichen und politischen Umfeld; gab Zeitungen heraus und betrieb sozialistische Propaganda.<\/p>\n<p>Doch nach der Niederwerfung der russischen Revolution von 1905\/06 ging ein gro\u00dfer Teil der russischen Revolution\u00e4r*innen zu Helphand auf Distanz. Zu eigenartig waren seine Gesch\u00e4fte: Helphand schien immer Geld zu haben. Seine verschiedenen Unternehmungen und Institute betrieben zun\u00e4chst \u201eRevolutionsmerchandise\u201c und sp\u00e4ter mehr und mehr bedenkliche Gesch\u00e4fte. Auch in Kriegszeiten handelte Helphand mit der deutschen Regierung. Sein Traum war die milit\u00e4rische Niederwerfung der Zarenherrschaft und daf\u00fcr dachte er sich deutscher Bajonette bedienen zu k\u00f6nnen. Und ebenso hoffte er auf eintr\u00e4gliche Transaktionen.<\/p>\n<p>Auf dieser Grundlage hatte Helphand schnell sehr gute Beziehungen zum Parteivorstand der deutschen MSPD, der den Kriegskurs der deutschen Regierung unterst\u00fctzte.<\/p>\n<p>Lenin tat es Trotzki und Luxemburg gleich und distanzierte sich von Helphand. Innerhalb der Bolschewiki erwirkte er einen Beschluss, der es jedem Angeh\u00f6rigen dieser Organisation untersagte sich an den Gesch\u00e4ften Helphands zu beteiligen. Helphand hingegen bem\u00fchte sich immer wieder um Kontakt zu Lenin. Daf\u00fcr reiste er 1915 eigens nach Z\u00fcrich, wo er nach l\u00e4ngerer Suche in einem russischen Restaurant auf Lenin traf. Der estnische Sozialist Arthur Siefeldt erlebte das Treffen mit und beschrieb sp\u00e4ter, wie Lenin den ungebetenen Besuch kaum zu Wort kommen lie\u00df. Er beschimpfte ihn als Agenten des kriegsbef\u00fcrwortenden Parteivorstands der MSPD und stellte unmissverst\u00e4ndlich klar, dass er keine \u00dcbereinkunft mir Helphand w\u00fcnsche. Der erinnerte sich in seinen Memoiren in gleicher Weise an dieses Gespr\u00e4ch. Dennoch empfahl Helphand, der \u00fcber erstklassige Beziehungen zum deutschen Ausw\u00e4rtigen Amt verf\u00fcgte, Lenin immer wieder ungefragt gegen\u00fcber der deutschen Reichsleitung. Man kann nur annehmen, dass er hoffte auf diese Weise irgendwann einmal Lenins Dankbarkeit zu erregen oder eine Gegenleistung f\u00fcr diesen \u201eGefallen\u201c zu erbitten.<\/p>\n<p>Als Lenin 1917 im Waggon der Deutschen Reichsbahn nach Petrograd fuhr, lie\u00df sich Helphand ausgerechnet von den beiden f\u00fchrenden K\u00f6pfen der MSPD, Philipp Scheidemann und Friedrich Ebert, die Vollmacht zu Verhandlungen mit Lenin ausstellen. Der erkl\u00e4rte unumwunden, dass er mit einem Agenten der deutschen Reichsleitung und des Vorstands der MSPD nicht diskutieren werde. Was Helphand seinerseits mit einer w\u00fctenden Erwiderung quittierte. Woher Lenin \u00fcber die Vorg\u00e4nge hinter den Kulissen derart gut informiert war, wird wohl auf ewig sein Geheimnis bleiben.<\/p>\n<p>Weitere Kontakte zu Dr. Helphand konnten Lenin bislang nicht nachgewiesen werden. Die Spendengeldbetr\u00e4ge, die er einsammelte \u2013 auch von Bekannten Helphands \u2013 sind durchweg so gering, dass sie auch summiert nicht 100 Millionen Goldmark betragen \u2013 nicht einmal ann\u00e4hernd. Dass \u00fcber Helphand und weitere Zwischenstationen Geld der deutschen Reichsleitung an Lenin geflossen sein k\u00f6nnte erscheint absolut abwegig.<\/p>\n<p>Zwei Kronzeugen best\u00e4tigen dies: Helphand selbst und die provisorische Regierung in Russland. Als die provisorische Regierung unter Kerenski im Juli 1917 Jagd auf die Bolschewiki machte, erkl\u00e4rte Helphand mehrmals Lenin kein Geld ausgeh\u00e4ndigt zu haben. Auf eine Anfrage der Leipziger Volkszeitung der USPD stellte er gar fest, er finanziere die Bolschewiki deshalb nicht, weil er ein Unterst\u00fctzer der russischen Revolution sei, was wohl so viel bedeuten sollte, wie dass die Linksradikalen unter Lenin in Helphands Augen eher eine Gefahr f\u00fcr dieselbe darstellen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>K\u00f6nnte man Helphand hier noch das Motiv unterstellen, die Bolschewiki decken und sie gegen den Vorwurf der provisorischen Regierung, sie seien im Grunde kaiserliche Agenten, sch\u00fctzen zu wollen, muss man zur Kenntnis nehmen, dass Helphand von dieser Position auch sp\u00e4ter nicht abr\u00fcckte.<\/p>\n<p>Als er ein Jahr nach den st\u00fcrmischen Juli-Ereignissen in Petrograd ein Buch verfasste, stritt er weiterhin jede finanzielle Transaktionen mit Lenin ab, obwohl es ihn sp\u00e4testens dann sicher gefreut h\u00e4tte, Lenin zu diskreditieren, hatte sich doch Helphands Hoffnung, Einfluss in Sowjetrussland zu bekommen, g\u00e4nzlich zerschlagen, da Lenin weiterhin zu Helphand auf Distanz blieb.<\/p>\n<p>Der zweite Kronzeuge ist die provisorische Regierung unter Kerenski. Zwar formulierte diese im August 1917 eine Anklageschrift gegen Lenin, Sinowjew, Kollontai und andere f\u00fchrende Bolschewiki. Die darin zusammengetragenen Beweise sind jedoch nicht stichhaltig: Aus dem Zusammenhang gerissene Telegramme und Schriftst\u00fccke wurden irgendwie kombiniert, genauso wie angebliche Beziehungen zu Helphand.<\/p>\n<p>Dabei hatte sich die provisorische Regierung alle M\u00fche gegeben Beweise gegen die Partei Lenins zusammenzukratzen. Nach den Ereignissen Ende Juni 1917, als die ArbeiterInnen Petrograds mit bolschewistischen Losungen auf die Stra\u00dfe gingen, in der Hoffnung die gem\u00e4\u00dfigten Parteien w\u00fcrden auf ihre Aufforderung hin die Macht ergreifen, waren die Bolschewiki das Ziel harter Verfolgungsma\u00dfnahmen durch die provisorische Regierung und des bis vor Kurzem noch zaristischen Staatsapparats. Lenin musste fliehen, Trotzki wurde verhaftet und in die Peter-und-Pauls-Festung verschleppt. Beinahe jedes Parteib\u00fcro der Bolschewiki im ganzen riesigen Land wurde durchsucht und verw\u00fcstet. Ihr Hauptquartier in Petrograd, die Villa Kscheschinskaja, wurde gest\u00fcrmt und demoliert. \u00dcberall kehrte man das Unterste zum Obersten, verhaftete, verh\u00f6rte, protokollierte und suchte Belege f\u00fcr die Thesen, die Bolschewiki seien deutsche Agenten, st\u00fcnden im Sold der Reichsleitung und w\u00fcrden von der OHL unterst\u00fctzt. Doch man fand im Grunde gar nichts.<\/p>\n<p>Der Justizminister der Regierung Kerenski gab in Kabinettssitzungen hinter verschlossenen T\u00fcren unumwunden zu, dass die Beweislage gegen die Bolschewiki \u00e4u\u00dferst d\u00fcnn sei. Man k\u00f6nne ihnen weder Agentent\u00e4tigkeit, noch den Erhalt von deutschem Geld nachweisen. Auch darin ist sicherlich einer der Gr\u00fcnde daf\u00fcr zu suchen, dass bis zum Oktober 1917 nie offiziell Anklage gegen die Bolschewiki erhoben wurde, derer man habhaft geworden war.<\/p>\n<p>Eines darf zudem nicht vergessen werden: Weder das ganz pers\u00f6nliche Leben f\u00fchrender Bolschewiki, noch der Zustand ihrer Partei erlaubten den Schluss, dass sie 100 Millionen Goldmark erhalten h\u00e4tten! Die Partei und ihre Zeitungen standen das gesamte Revolutionsjahr 1917 hindurch immer wieder nahe an der finanziellen Pleite. Gerettet wurden sie durch umfangreiche Spendensammlungen unter ihren immer mehr werdenden Anh\u00e4nger*innen.<\/p>\n<h4>Warum h\u00e4lt sich das M\u00e4rchen von der deutschen Hilfe?<\/h4>\n<p>Wenn den Bolschewiki eine deutsche (finanzielle) Unterst\u00fctzung nicht nachzuweisen ist, wieso h\u00e4lt sich das M\u00e4rchen dann so hartn\u00e4ckig? Vor allem daher, weil es ein materielles Interesse gibt diese Geschichte immer wieder von Neuem zu erz\u00e4hlen. Wie im Jahre 1917, so gibt es auch heute ein Interesse daran, die Bolschewiki zu diskreditieren: Sie seien nicht nur blutr\u00fcnstig gewesen, sondern eben auch korrupt. Und \u2013 nicht zuletzt \u2013 sie h\u00e4tten allein, ohne dunkle M\u00e4chte im Hintergrund, die russischen Massen nie in eine Revolution f\u00fchren k\u00f6nnen. Ergo, erfolgreiche Revolutionen sind unm\u00f6glich!<\/p>\n<p>Neben dem Interesse der Herrschenden gibt es jedoch einen weiteren Umstand, der das M\u00e4rchen weiterleben l\u00e4sst: In einer Zeit, in der sich die Stimmung weltweit polarisiert, sie jedoch \u2013 gerade in Europa &#8211; wegen des Versagens bzw. Fehlens gro\u00dfer linker Organisationen, nur auf dem rechten Fl\u00fcgel des politischen Spektrums abgebildet wird, glauben viele Menschen schlichtweg nicht, dass Arbeiterinnen und Arbeiter und B\u00e4uerinnen und Bauern, die nie zuvor politische Entscheidungen getroffen hatten, die Macht ergreifen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Das war zur Zeit Lenins und Trotzkis durchaus \u00e4hnlich: Krieg, die Kapitulation der F\u00fchrung der II. Internationale vor dem Kriegskurs ihrer Regierungen, Massenelend \u2013 auch damals glaubten viele Menschen nicht, dass ausgehungerte Massen selbstbestimmt aktiv werden k\u00f6nnten. Und so gediehen auch damals wilde Spekulationen. So auch jene der angeblichen Unterst\u00fctzung des deutschen Kaisers, der OHL oder der Reichsleitung f\u00fcr die Bolschewiki. Und es war die Zeit kruder Ideen. Beispielsweise jener von Dr. Helphand, der im Bunde mit den Gewehrl\u00e4ufen der imperialistischen deutschen Armee, den Zaren st\u00fcrzen und gleich noch ein Verm\u00f6gen verdienen wollte.<\/p>\n<p>Dass sich jedoch die Bolschewiki ihre Hoffnung auf die Aktivit\u00e4t der Massen erhielten, dass sie nicht nach gro\u00dfen M\u00e4chten schielten, keine Verschw\u00f6rungstheorien und irren Einf\u00e4lle produzierten, war ihr vielleicht gr\u00f6\u00dftes Verdienst und erm\u00f6glichte die Revolution von 1917. Ganz ohne M\u00e4rchen.<\/p>\n<h5>Literatur<\/h5>\n<p><em>Fischer, Fritz: \u201eTheobald von Bethmann Hollweg (1856\u20131921)\u201c, in: Wilhelm von Sternburg (Hrsg.): \u201eDie deutschen Kanzler. Von Bismarck bis Kohl\u201c, Berlin: Aufbau-Taschenbuch-Verlag, 1998, S.\u00a087\u2013114.<\/em><\/p>\n<p><em>Hahlweg, Werner: \u201eLenins Reise durch Deutschland im April 1917\u201c, in: \u201eVierteljahreshafte f\u00fcr Zeitgeschichte\u201c (4\/1957), M\u00fcnchen: Deutsche Verlagsanstalt, 1957, S. 307-355.<\/em><\/p>\n<p><em>Ludendorff, Erich: \u201eMeine Kriegserinnerungen 1914-1918\u201c, Berlin: E. S. Mittler &amp; Sohn, 1919.<\/em><\/p>\n<p><em>Mandel, Ernest: \u201eOktober 1917. Staatsstreich oder soziale Revolution. Zur Verteidigung der Oktoberrevolution\u201c, K\u00f6ln: ISP-Verlag, 1992.<\/em><\/p>\n<p><em>Nebelin, Manfred: \u201eLudendorff. Diktator im Ersten Weltkrieg\u201c, M\u00fcnchen: Siedler, 2011.<\/em><\/p>\n<p><em>Rabinowitsch, Alexander: \u201eDie Sowjetmacht. Die Revolution der Bolschewiki 1917\u201c, Essen: Mehring-Verlag, 2012.<\/em><\/p>\n<p><em>Scharlau, Winfried; Zeman, Zbyn\u011bk A.: \u201eFreibeuter der Revolution. Parvus-Helphand. Eine politische Biographie\u201c, K\u00f6ln: Verlag Wissenschaft und Politik, 1964.<\/em><\/p>\n<p><em>Stern-Rubarth, Edgar: \u201eGraf Brockdorff-Rantzau, Wanderer zwischen zwei Welten: Ein Lebensbild\u201c, Berlin: Reimar Hobbing, 1929.<\/em><\/p>\n<p><em>Trotzki, Leo: \u201eMein Leben. Versuch einer Autobiografie\u201c, Berlin: Dietz-Verlag, 1990.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber den Mythos der deutschen Unterst\u00fctzung der Oktoberrevolution<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":26433,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[95],"tags":[1582,356,831],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37384"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=37384"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37384\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":38043,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37384\/revisions\/38043"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/26433"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=37384"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=37384"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=37384"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}