{"id":37265,"date":"2018-12-06T07:00:28","date_gmt":"2018-12-06T06:00:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=37265"},"modified":"2018-12-17T11:08:50","modified_gmt":"2018-12-17T10:08:50","slug":"der-deutsche-soldatenrat-von-bruessel-im-november-1918","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2018\/12\/der-deutsche-soldatenrat-von-bruessel-im-november-1918\/","title":{"rendered":"Der deutsche Soldatenrat von Br\u00fcssel im November 1918"},"content":{"rendered":"<p><strong><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-37266 alignleft\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Soldatenrat-Br\u00fcssel-233x173.jpg\" alt=\"\" width=\"233\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Soldatenrat-Br\u00fcssel-233x173.jpg 233w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Soldatenrat-Br\u00fcssel-768x571.jpg 768w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Soldatenrat-Br\u00fcssel-466x347.jpg 466w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Soldatenrat-Br\u00fcssel-600x446.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Soldatenrat-Br\u00fcssel.jpg 1500w\" sizes=\"(max-width: 233px) 100vw, 233px\" \/>1918 bildete sich auch in Br\u00fcssel ein deutscher Soldatenrat, inspiriert von der deutschen und russischen Revolution<\/strong><\/p>\n<p>Es muss ein \u00fcberraschendes Bild gewesen sein f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung von Br\u00fcssel, die am Sonntagnachmittag des 10. November 1918 beobachten konnte, wie ein Zug aus 5.000 bis 6.000 deutschen Soldaten zur Musik der \u201eInternationale\u201c und mit roten Fahnen durch die Stadt zog. Das war der H\u00f6hepunkt des Aufstands der deutschen Soldaten*innen gegen ihr Milit\u00e4rf\u00fchrung und Regierung \u2013 und eine nur wenig bekannte Episode der Deutschen Revolution, die sich in Belgien abgespielt hat.<\/p>\n<p><em>Dossier auf der Grundlage eines Textes von Tim Joosen aus dem fl\u00e4misch-sprachigen Buch \u201e1918-1923: Revolutie in Duitsland\u201c; Hg.: LSP\/PSL (Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in Belgien)<\/em><\/p>\n<p>Die Russische Oktoberrevolution von 1917 hatte enorme Auswirkungen auf die Streitkr\u00e4fte an der Westfront. Die Berichte \u00fcber die Errichtung eines Arbeiter*innenstaats, das Friedensangebot und die sozialistischen Ma\u00dfnahmen der neuen Sowjetregierung in Russland verbreitenden sich rasch unter in der Armee. Pl\u00f6tzlich schien es eine Alternative zum kapitalistischen System zu geben, das f\u00fcr diese Soldaten vor allem mit der Mordlust, mit Abschlachten und Entbehrungen an der Front in Verbindung gebracht wurde.<\/p>\n<p>Die deutsche Milit\u00e4rf\u00fchrung sah in den Meutereien eine Schw\u00e4chung der Alliierten und die Chance, eine neue Offensive starten zu k\u00f6nnen: die sogenannte \u201elenteoffensief\u201c (dt.: \u201eFr\u00fchjahrs-Offensive\u201c). Das deutsche \u00dcbergewicht an Truppen wurde durch den Frieden an der Ostfront noch verst\u00e4rkt. Die deutschen Oberbefehlshaber Ludendorff und Hindenburg wollten einen Keil zwischen die alliierten Linien treiben, der die britischen, franz\u00f6sischen und belgischen Truppen voneinander abtrennen sollte, um sie danach einzeln angreifen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Obwohl der Angriff zun\u00e4chst ein Erfolg war (die Alliierten wurden ca. 60 Kilometer zur\u00fcckgedr\u00e4ngt), endete auch diese Offensive in einem Fiasko. Logistisch gesehen war der Angriff dilettantisch vorbereitet und abermals zeigte die \u201eOberste Heeresleitung\u201c ihre v\u00f6llige Missachtung des Lebens und der Gesundheit der \u201eeinfachen\u201c FrontSoldaten. Auf deutscher Seite fielen dieser Offensive, die vier Monaten andauerte, 700.000 Menschen zum Opfer. Auf Seiten der Alliierten waren die Verluste noch gr\u00f6\u00dfer: Mehr als 860.000 Soldaten starben, wurden verwundet oder galten fortan als vermisst.<\/p>\n<p>Vor allem im deutschen Lager war das Ma\u00df nun voll. Die Soldaten hatten genug vom Abschlachten. Hinzu kam, dass sich die Verlegung von Truppen, die an der russischen Front gek\u00e4mpft hatten, als dramatischer Fehler der \u201eObersten Heeresleitung\u201c herauszustellen schien: Viele von ihnen hatten sich in den letzten Kriegsmonaten mit russischen Soldaten verbr\u00fcdert und berichteten ihren Kampfgef\u00e4hrt*innen an der Westfront nun von der Oktoberrevolution. Gegen Ende der Fr\u00fchjahrs-Offensive waren bereits 200.000 deutsche Soldaten desertiert und hatten auf eigene Faust den Heimweg angetreten. Als die alliierten Truppen gegen Ende des Sommers 1918 eine Gegenoffensive begannen, verlie\u00dfen die \u00fcbrig gebliebenen deutschen Soldaten massenhaft ihre Sch\u00fctzengr\u00e4ben. Ende September 1918 war auch an gro\u00dfen Teilen der Westfront der Krieg de facto vorbei.<\/p>\n<p>Das war der Hintergrund, vor dem der Weltkrieg seinem Ende entgegen ging: nicht durch milit\u00e4rische Erfolge oder wegen der Einsicht der alliierten Befehlshaber. Der ganze Sch\u00fctzengrabenkrieg war eine strategische Folge davon. Erst als die Arbeiter*innenklasse sich gegen den Krieg zu organisieren begann, wurden die kapitalistischen Regierungen gezwungen das Schlachten zu beenden.<\/p>\n<h4>Ein ungeordneter R\u00fcckzug und die Deutsche Revolution<\/h4>\n<p>Die \u201eOberste Heeresleitung\u201c wusste, dass der Krieg vorbei war und dass man besser mit dem organisierten R\u00fcckzug beginnen sollte. Es zeigte sich aber schnell, dass von \u201eorganisiert\u201c und \u201eOrdnung\u201c keine Rede mehr sein konnte: Etliche Truppenteile wurden w\u00e4hrend des R\u00fcckzugs auf halbem Wege einfach ihrem Schicksal \u00fcberlassen. Es gab Probleme mit dem Nachschub an Lebensmitteln, Trinkwasser und anderen Bedarfsg\u00fctern.<\/p>\n<p>Ende Oktober begannen Matrosen der deutschen Marine mit massenhaften Protesten in den deutschen Hafenst\u00e4dten. Anlass war der Versuch der \u201eObersten Heeresleitung\u201c, noch eine letzte Offensive der Marine gegen die Alliierten zu starten. Man hoffte, den Kaiser dazu zu bewegen, den Krieg fortzusetzen. Diese Offensive wurde allerdings dadurch unm\u00f6glich gemacht, dass tausende Matrosen sich weigerten auszulaufen. Am 3. November besetzten die meuternden deutschen Matrosen die Hafenstadt Kiel und riefen dort die \u201eSozialistische Sowjetrepublik\u201c aus. Drei Tage sp\u00e4ter geschah dasselbe in Hamburg, gefolgt von \u00e4hnlichen Aufst\u00e4nden im Ruhrgebiet, Bayern und Berlin. Am 9. November war die Lage so aussichtslos f\u00fcr die deutsche herrschende Klasse, dass sie den deutschen Kaiser Wilhelm II. zum Abdanken zwang und sich an die offizielle F\u00fchrung der Arbeiter*innenbewegung richtete \u2013 in der Hoffnung, einer Revolution wie in Russland noch zuvorkommen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es kam zur offiziellen Kooperation zwischen der F\u00fchrung der deutschen Sozialdemokratie (SPD) und der Gewerkschaftsf\u00fchrung auf der einen sowie der Milit\u00e4rf\u00fchrung und den Vertreter*innen des deutschen Kapitals auf der anderen Seite. Die deutsche herrschende Klasse sagte demokratische Reformen zu und willigte in soziale Forderungen ein. Der SPD-Vorstand gelobte alles tun zu wollen, um eine deutsche Version der Oktoberrevolution zu verhindern \u2013 n\u00f6tigenfalls mit Gewalt.<\/p>\n<h4>Gruseliger Pakt auch in Belgien<\/h4>\n<p>Ab Oktober 1918 kam es zu intensiven Kontakten zwischen Vertreter*innen der deutschen Autorit\u00e4ten in Belgien, Gesandten der belgischen Regierung, die in Le Havre im Exil war, und Vertreter*innen der Gewerkschaftsf\u00fchrung wie auch der \u201eBelgische Werkliedenpartij\u201c (BWP; \u201eArbeiterpartei\u201c). Obgleich die Deutschen in erster Instanz so weit gehen wollten, der Gr\u00fcndung einer Belgischen Republik mit dem Sozialisten Edward Anseele als Pr\u00e4sident an der Spitze zuzustimmen, hatten die Sozialist*innen zuvor bereits von dem Aufruf von K\u00f6nig Albert I. geh\u00f6rt, der eine nationalistische \u201eUnion Sacr\u00e9e\u201c oder \u201eGodsvrede\u201c wollte: alle internen Konflikte, auch der Klassenkampf, m\u00fcssten im Namen der nationalen Einheit eingestellt werden.<\/p>\n<p>Die unglaublichen Zugest\u00e4ndnisse an die Arbeiter*innen (M\u00f6glichkeit des allgemeinen und gleichen Wahlrechts f\u00fcr M\u00e4nner, Anerkennung des Streikrechts, Elemente von sozialer Sicherheit) zeigten, wie tief der Schreck auf Seiten der B\u00fcrgerlichen gesessen haben muss. Vor allem der deutsche Soldatenrat und die Unterst\u00fctzung, die dieser unter den belgischen Gewerkschaftsmitgliedern erfuhr, jagten dem B\u00fcrgertum (und der BWP-F\u00fchrung) Angst ein.<\/p>\n<h4>Der Protest der deutschen Soldaten<\/h4>\n<p>Der erb\u00e4rmliche Zustand der sich auf dem R\u00fcckzug befindlichen deutschen Truppen in Br\u00fcssel f\u00fchrte zu Protest-Aufrufen. Hinzu kam, dass sich unter diesen Soldaten auch Mitglieder und Kampfgenossen der SPD und sogar ihrer linken Abspaltung, der USPD, befanden. Einige dieser politischen Aktivposten hatten wegen ihrer Funktionen, die sie in den milit\u00e4rischen Kommunikationsverb\u00e4nden inne hatten, Zugang zu Informationen \u00fcber die revolution\u00e4ren Ereignisse in der Heimat aus erster Hand. Sie teilten die Begeisterung mit ihren Kampfgenoss*innen.<\/p>\n<p>Als am 9. November die Nachricht von der Abdankung des deutschen Kaisers \u00fcber den \u00c4ther kam, war das der Anlass f\u00fcr Protestaktionen der deutschen Soldaten in Br\u00fcssel. In mehreren Regimentern nahmen die \u201eeinfachen\u201c Soldaten ihre Offiziere fest. Ihre Rang- und Ehrenabzeichen wurden ihnen \u00f6ffentlich abgenommen und zertreten. In den verschiedenen Interims-Kasernen wurden die Symbole der deutschen Monarchie abmontiert: Die kaiserliche Reichsfahne musste der roten Fahne weichen. Selbiges geschah auch in den Unterk\u00fcnften und Betriebsst\u00e4tten am Nordbahnhof, wo ein bedeutender Teil der deutschen Truppen untergebracht war. Hier war es auch, wo der deutsche revolution\u00e4re Soldatenrat offiziell Form annahm.<\/p>\n<p>Am Abend desselben Samstags fand im Lokal der Bahnarbeiter*innen am Nordbahnhof von Br\u00fcssel noch eine Versammlung statt, auf der die Gr\u00fcndung eines Soldatenrats beschlossen und eine vorl\u00e4ufige Leitung f\u00fcr diesen Rat gew\u00e4hlt wurde. Diese Leitung musste mit dem deutschen Oberbefehlshaber \u00fcber die Macht\u00fcbernahme verhandeln. Der Oberbefehlshaber erhielt aus Berlin den Auftrag, s\u00e4mtlichen \u201eangemessenen Forderungen\u201c des Soldatenrats nachzukommen.<\/p>\n<h4>Der deutsche Soldatenrat von Br\u00fcssel in Aktion<\/h4>\n<p>Wie in Deutschland wurden auch in Belgien die Leitungsfunktionen an sozialistische F\u00fchrungspersonen \u00fcbergeben. Mit die einzige Bedingung war, die Revolution unter Kontrolle zu halten. Die Leitung des deutschen Soldatenrats in Br\u00fcssel ist ein Ausdruck dessen: Vorsitzender wurde der Lagerarzt und SPD-Kampfgenosse Hugo Freund. Er war auch das einzige USPD-Mitglied in der F\u00fchrung des Soldatenrats. Desweiteren geh\u00f6rten die SPD-Mitglieder Kurt Heinig, Nottebohm, Auguste Horn und Siegmund dazu. Neben ihnen wurde noch dem Anarchisten Carl Einstein, der kein offizielles Mitglied des Leitungsgremiums war, eine wichtige Rolle \u00fcbertragen. Er bekam den Auftrag, die Verantwortung f\u00fcr die Propaganda und Kommunikation des Soldatenrats nach au\u00dfen zu \u00fcbernehmen. Einstein, der flie\u00dfend Franz\u00f6sisch sprach, erhielt die spezielle Aufgabe, den Kontakt zu den belgischen Gewerkschaften und Arbeiter*innenparteien herzustellen.<\/p>\n<p>Als Freund sp\u00e4ter nach den Gr\u00fcnden f\u00fcr den begrenzten Erfolg des Soldatenrats gefragt wurde, antwortete er, dass lediglich er selbst und Einstein wirklich links eingestellt waren und dass die Haltung sowohl der SPD-F\u00fchrung wie auch die der F\u00fchrung der belgischen Arbeiter*innenbewegung ein anderes Ergebnis unm\u00f6glich gemacht haben.<\/p>\n<p>Gleichwohl war vor allem die Anfangszeit des deutschen Soldatenrats besonders k\u00e4mpferisch. Neben Forderungen, die die unmittelbare Notsituation der deutschen Soldaten betrafen (es ging um die Lebensmittelversorgung, Fragen der Unterbringung und die Vorbereitung des Abzugs nach Deutschland) wurde dem Kontakt zur belgischen Bev\u00f6lkerung viel Aufmerksamkeit beigemessen. Der deutsche Soldatenrat befahl dem noch vorhandenen Teil der deutschen \u201eObersten Heeresleitung\u201c daf\u00fcr zu sorgen, dass die belgische Zivilbev\u00f6lkerung mit Nahrungsmitteln versorgt wird, deutsche Deserteure ebenso wie belgische Widerstandsk\u00e4mpfer*innen auf freien Fu\u00df gesetzt werden und die belgischen Zwangsarbeiter*innen in Deutschland zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen in die Heimat. Belgische Kollaborateur*innen wurden festgenommen und es wurden Untersuchungen gegen Offiziere eingeleitet, die f\u00fcr die Exekution der britischen Krankenschwester Edith Cavell verantwortlich waren. Sie geh\u00f6rte zum belgischen Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht.<\/p>\n<p>Die milit\u00e4rischen Grade und Ehrenabzeichen wurden abgeschafft und die Offiziere wurden ihrer Funktionen enthoben. Jedes Regiment konnte die eigenen Befehlshabenden nun demokratisch w\u00e4hlen. Die milit\u00e4rische Disziplin verschwand und ab sofort galt jeder Soldat als freier B\u00fcrger. Schlie\u00dflich streckt Mann die Hand in Richtung BWP und der belgischen Gewerkschaften aus, die gefragt wurden, zum Zwecke der Zusammenarbeit mit dem Soldatenrat Kontakt aufzunehmen.<\/p>\n<p>Am 10. November wurde ein Aufruf an die Bev\u00f6lkerung und die belgische Arbeiter*innenbewegung verbunden mit einer Versammlung deutscher Soldaten in Br\u00fcssel. Um die 5.000 bis 6.000 Soldaten \u2013 allesamt unbewaffnet \u2013 zogen von ihrem Quartier \u00fcber den Beursplein bis zum Nordbahnhof und weiter zum Poelaertplein. Die Soldaten hatten rote Fahnen dabei, verteilten Flugbl\u00e4tter auf niederl\u00e4ndisch und franz\u00f6sisch an die Passant*innen mit einem Aufruf zur Solidarit\u00e4t. Sie sangen die \u201eInternationale\u201c und forderten die Menschen auf, sich bis zum Poelaertplein anzuschlie\u00dfen. Dort angekommen hielten Freund und Einstein (letztere in franz\u00f6sischer Sprache) eine Ansprache, mit sie den Anwesenden von den revolution\u00e4ren Ereignissen in Deutschland Bericht erstatteten. Sie wiederholten den Solidarit\u00e4tsaufruf an die belgische Bev\u00f6lkerung und die Arbeiter*innenklasse.<\/p>\n<h4>Die Haltung der BWP<\/h4>\n<p>Zur gro\u00dfen Verwunderung und Betroffenheit der F\u00fchrung der BWP schien der Aufruf des deutschen Soldatenrats seine Nachahmer*innen zu haben. Unterschiedliche sozialistische Aktivist*innen, vor allem die j\u00fcngeren von der Organisation \u201eSocialistische Jonge Wacht\u201c, schlossen sich den deutschen Soldaten an. Linke Vertreter*innen innerhalb des Vorstands der BWP versuchten, die Partei davon zu \u00fcberzeugen, sich auf die Seite des Soldatenrats zu stellen.<\/p>\n<p>Auch innerhalb der Gewerkschaften gab es Widerstand gegen den offiziellen pro-belgischen Kurs der F\u00fchrung. Dieser Widerstand wurde vom Gewerkschaftsfunktion\u00e4r Volckaert angef\u00fchrt, der die Ausrufung einer \u201eBelgischen Sozialen Republik\u201c forderte. Der Vorstand der BWP hatte alle M\u00fche, um dieser Stimmung Einhalt zu gebieten. So wurde Emile Vandervelde extra aus Gent nach Br\u00fcssel gebracht, um den dortigen linken Fl\u00fcgel bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend einer offiziell anberaumten Beratung mit der F\u00fchrung des deutschen Soldatenrats gab die BWP-F\u00fchrung deutlich zu verstehen, dass jegliche Form der der Zusammenarbeit und Solidarit\u00e4t seitens der belgischen Arbeiterbewegung ausgeschlossen sei. Den Deutschen wurde nahegelegt, so schnell wie m\u00f6glich zur\u00fcck nach Hause zu gehen.<\/p>\n<h4>Der Anfang vom Ende des deutschen Soldatenrats<\/h4>\n<p>Von der mangelnden Unterst\u00fctzung durch die belgische Arbeiter*innenbewegung entt\u00e4uscht beschloss die Leitung des Soldatenrats, ihren Kurs zu \u00e4ndern und sich nur noch mit dem R\u00fcckzug der deutschen Soldaten aus Belgien zu befassen. Die Desillusionierung f\u00fchrte dazu, dass Teile der deutschen Soldaten sich an Pl\u00fcnderungen vers\u00fcndigten und \u00fcberm\u00e4\u00dfig viel Alkohol konsumierten. Die deutsche Heeresf\u00fchrung teilte dem Soldatenrat mit, dass dieser nun f\u00fcr die Aufrechterhaltung der Ordnung verantwortlich sei, woraufhin die Leitung des Soldatenrats aufs Neue eine Reihe fortschrittlicher Ma\u00dfnahmen beschloss: die milit\u00e4rische Hierarchie wurde wieder eingef\u00fchrt, Genehmigungen wurden eingezogen und gegen Pl\u00fcnderer*innen wurde hart durchgegriffen.<\/p>\n<p>Mit den belgischen Beh\u00f6rden und zur Stadtverwaltung von Br\u00fcssel wurde Kontakt aufgenommen woraufhin die Zust\u00e4ndigkeiten wieder zur\u00fcckgingen an die belgische Polizei, die belgischen Gerichte, das alliierte Lager und eine \u201eB\u00fcrgerwache\u201c, die von der Br\u00fcsseler Stadtverwaltung aufgestellt wurde. Der Soldatenrat besch\u00e4ftigte sich nur noch mit der logistischen Organisation der R\u00fcckkehr nach Deutschland und die Aufrechterhaltung der Ordnung unter den noch vor Ort weilenden deutschen Soldaten. Jedwede Kontaktaufnahme zur belgischen Bev\u00f6lkerung und Arbeiterbewegung wurde eingestellt. Damit waren die Anweisungen der neuen SPD-Regierung unter Friedrich Ebert in Berlin ordnungsgem\u00e4\u00df umgesetzt. Um den 17. November herum verlie\u00dfen die letzten deutschen Soldaten Br\u00fcssel, unter ihnen auch Freund und Einstein.<\/p>\n<h4>Fazit<\/h4>\n<p>Zur\u00fcck in Deutschland kehrten viele Soldaten, die aktiv im Soldatenrat waren, ins zivile Leben zur\u00fcck. Einige von ihnen (z.B. Carl Einstein) sollten noch eine wichtige Rolle in der revolution\u00e4ren Bewegung im eigenen Land spielen. Einstein ging nach dem Scheitern der deutschen Revolution nach Spanien, wo er in der Internationalen Gruppe der Kolonne Durruti den Kampf gegen den Faschismus aufnahm. Andere (wie Hugo Freund) waren aufgrund der Niederlage der Revolution desillusioniert und wendeten sich von jeglicher politischer Aktivit\u00e4t ab.<\/p>\n<p>Die Umst\u00e4nde, in denen der deutsche Soldatenrat zu agieren gezwungen war, waren extrem schwierig. Viele Belgier*innen betrachteten die deutschen Soldaten weiterhin als die Besatzungsmacht, die in den vorangegangenen vier Jahren so brutal vorgegangen war. Dennoch war den bewussteren Arbeiter*innen klar, dass sie der vorherrschenden nationalistischen Stimmung widerstehen und den aufst\u00e4ndischen deutschen Soldaten ihre Solidarit\u00e4t entgegenzubringen hatten. Trotz der Gr\u00e4uel, die der imperialistische Krieg in den letzten vier Jahren ins Land gebracht hatte, war der Gedanke des Internationalismus immer noch lebendig \u2013 und das, obwohl sogar die F\u00fchrungen der sozialdemokratischen Parteien in ganz Europa die Karte des Nationalismus gespielt hatten.<\/p>\n<p>Diese bemerkenswerte Episode der belgischen Geschichte ist der Beleg daf\u00fcr, dass auch in unserem Land das Potential vorhanden war f\u00fcr die Ausdehnung der Russische Oktoberrevolution. Dazu h\u00e4tte es eine revolution\u00e4re Partei gebraucht, die dieses Potential voll h\u00e4tte entfalten k\u00f6nnen. Der Vorstand der BWP tat voller \u00dcberzeugung das exakte Gegenteil: Es wurde alles daran gesetzt, um eine Revolution zu verhindern.<\/p>\n<p>Kurz darauf wurde auch die Streikwelle von 1918\/-19 nicht weiterentwickelt und am Ende wieder erstickt. Emile Vandervelde machte es ganz deutlich: \u201eWir m\u00fcssen hoffen, dass die Arbeitgeber begreifen, dass sie einen Nutzen davon haben, wenn die Gewerkschaften stark werden und die Wut in geordnete Bahnen lenken k\u00f6nnen. Sie verhindern, dass die Forderungen sich gewaltsam Bahn brechen und das Land desorganisiert wird\u201c. Der Ruf nach einem Generalstreik am 1. Mai 1920 wurde von den Gewerkschaftsvorst\u00e4nden abgeschmettert. \u201eUm die bestehende Ordnung umzust\u00fcrzen, muss man in der Lage sein, diese auch ersetzen zu k\u00f6nnen. Verf\u00fcgt man \u00fcber die n\u00f6tigen technischen Voraussetzungen daf\u00fcr? Hat man die Arbeiter*innen auf seiner Seite? Ich wage mich nicht, diese Fragen zu bejahen\u201c, sagte Delattre von der Bergarbeitergewerkschaft aus der Bergbau-Region Borinage. Ein Streik wurde verhindert, um am 1. Mai gro\u00dfen Kundgebungen Platz zu machen. Nachdem die \u201eGefahr\u201c der Revolution gegen 1921 vor\u00fcber war, sah das B\u00fcrgertum es dann auch nicht mehr als n\u00f6tig an, die BWP weiter an der Regierung zu beteiligen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1918 bildete sich auch in Br\u00fcssel ein deutscher Soldatenrat, inspiriert von der deutschen und russischen Revolution<\/p>\n","protected":false},"author":243,"featured_media":37266,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[99],"tags":[1406,1551,1552,1549,1468,853,1550],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37265"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/243"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=37265"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37265\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":37320,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37265\/revisions\/37320"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/37266"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=37265"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=37265"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=37265"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}