{"id":37213,"date":"2018-12-04T07:00:48","date_gmt":"2018-12-04T06:00:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=37213"},"modified":"2018-12-03T13:53:00","modified_gmt":"2018-12-03T12:53:00","slug":"klaus-neukrantz-barrikaden-am-wedding","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2018\/12\/klaus-neukrantz-barrikaden-am-wedding\/","title":{"rendered":"Klaus Neukrantz: Barrikaden am Wedding"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/manifest-buecher.de\/produkt\/barrikaden-am-wedding\/\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-37218 alignleft\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/neukrantz-1-109x173.png\" alt=\"\" width=\"109\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/neukrantz-1-109x173.png 109w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/neukrantz-1-768x1217.png 768w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/neukrantz-1-219x347.png 219w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/neukrantz-1-600x951.png 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/neukrantz-1.png 1410w\" sizes=\"(max-width: 109px) 100vw, 109px\" \/><\/a>Der Roman einer Berliner Stra\u00dfe aus den Maitagen 1929<\/strong><\/p>\n<p>Mit dem Erscheinen der Serie Babylon Berlin hat das Interesse nicht nur an Berlin selbst, sondern insgesamt am Jahr 1929 erheblich zugenommen. Die Serie spielt zur Zeit der Ereignisse des \u201eBlutmai\u201c, der im Verlauf immer wieder eine Rolle spielt.<\/p>\n<p>Die filmische Aufarbeitung gibt die Tage um den 1. Mai aus Sicht der Berliner Polizei wieder und deutet an, wie planm\u00e4\u00dfig das gewaltt\u00e4tige Vorgehen gegen die Arbeiter*innen war. Das 1931 erschienene Buch Barrikaden am Wedding beschreibt die Ereignisse aus dem Herz des \u00bbRoten Wedding\u00ab und der Sicht der k\u00e4mpfenden Arbeiter*innen. Schonungslos wird in diesem Tatsachenroman der heroische Widerstand gegen die w\u00fctenden Polizeitruppen beschrieben. Diese gingen mit massiver Gewalt auf die Demonstrationen der Arbeiter*innen los, die sich dem von der SPD erlassenen Verbot der Umz\u00fcge am Kampf- und Feiertag der Arbeiter*innenklasse international nicht beugen wollten. Das Ergebnis dieses B\u00fcrgerkriegs gegen die \u00c4rmsten der Stadt waren 33 Tote, tausende von Verletzten und eine Welle der Solidarit\u00e4tsstreiks, die die gesamte Weimarer Republik erfasste. Wir ver\u00f6ffentlichen hier das Vorwort zu diesem Buch, dass der Manifest Verlag neu herausgibt.<\/p>\n<p><em>Von Ren\u00e9 Arnsburg<\/em><\/p>\n<p>Die Herrschenden vergessen nicht. Vor allem vergeben sie nicht. Die K\u00f6sliner Stra\u00dfe, in der die Handlung dieses Buches angesiedelt ist, war das \u201epochende Herz\u201c des \u201eRoten Wedding\u201c. Die Vergehen der Bewohner*innen der \u201eRoten Gasse\u201c, wie sie die Stra\u00dfe nannten, waren der Widerstand, den sie gegen die unertr\u00e4glichen Lebensumst\u00e4nde leisteten und ihre Solidarit\u00e4t untereinander. Das K\u00f6sliner Viertel war ein Dorn im Auge der Hungerregierung, an der in der Weimarer Republik und in Berlin zum Zeitpunkt des Blutmai 1929 die SPD beteiligt war. In dieser nur 170 Meter langen Stra\u00dfe lebten Tausende in Wilhelminischen Mietskasernen &#8211; die \u00c4rmsten der Berliner Arbeiter*innen &#8211; unter Bedingungen, die aus heutiger Sicht den Tod als Erl\u00f6sung erscheinen lassen m\u00fcssten. Doch sie ertrugen ihr Schicksal nicht stumm, sondern k\u00e4mpften f\u00fcr ein besseres Leben im Hier und Jetzt. Als der eiserne Hammer der Reaktion am 1. Mai 1929 und mit zunehmender H\u00e4rte in den Folgetagen auf ihre K\u00f6pfe niedersauste, waren sie alle vereint als revolution\u00e4rster Teil der Arbeiter*innenschaft. Die meisten waren in der KPD organisiert, doch sie k\u00e4mpften gemeinsam, Schulter an Schulter: Kommunist*innen, Sozialdemokrat*innen und Parteilose. Die Folgen der K\u00e4mpfe waren nicht nur Verletzte und Tote, sondern auch ein abendliches Ausgeh- und Lichtverbot, das der Polizeipr\u00e4sident f\u00fcr die Arbeiter*innenviertel im Wedding und Neuk\u00f6lln verh\u00e4ngte, in denen die Kampfzonen lagen. Der \u201eRote Frontk\u00e4mpferbund\u201c, die Selbstverteidigungsstruktur der KPD, wurde im Nachhinein verboten und den Kommunist*innen die Verantwortung f\u00fcr das Vorgehen der Polizei in die Schuhe geschoben. Die NSDAP und deren Organisationen, die t\u00e4glich Terror verbreiteten, wurden allerdings von der Politik nicht anger\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Arbeiterparteien waren im Viertel so stark, dass die Nazis nach eigenen Angaben im Wedding zum Jahreswechsel 28\/29 gerade einmal einhundert Mitglieder hatten, w\u00e4hrend sie in anderen Teilen Deutschlands schon zur Massenpartei des aufgebrachten Kleinb\u00fcrgertums und der b\u00fcrgerlichen Konterrevolution wurden. Anfang 1929 traute sich zum ersten Mal ein SA-Fahrzeug in die \u201eRote Gasse\u201c und wurde mit einem Regen aus Blumen empfangen \u2013 die noch in den T\u00f6pfen steckten \u2013 und musste die Flucht ergreifen. Am 1. November 1932 trat die gesamte K\u00f6sliner Stra\u00dfe dem legend\u00e4ren Berliner Mietstreik bei und verweigerte geschlossen die Zahlung der \u00fcberh\u00f6hten Preise.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr mussten die K\u00e4mpfer*innen der Stra\u00dfe bezahlen. Wenn das Herz des roten Wedding die \u201eRote Gasse\u201c war, so war dessen gro\u00dfe Kammer die \u201eRote Nachtigall.\u201c Das Arbeiterlokal war Dreh- und Angelpunkt aller Arbeiterorganisationen und das Lokal der kommunistischen Stra\u00dfenzelle. Ihm kommt im Roman eine prominente Rolle zu. Als die Nazis 1933 die Regierungsgesch\u00e4fte f\u00fcr das deutsche Kapital \u00fcbernahmen, war eine ihrer Ma\u00dfnahmen schon im April, aus der \u201eRoten Nachtigall\u201c ein Sturmlokal f\u00fcr einen SA-Trupp zu machen. Es sollte der Todessto\u00df ins Herz der verhassten K\u00f6sliner Stra\u00dfe sein. Doch sie konnten vielleicht Einzelne verschleppen, foltern und t\u00f6ten, wie es die Polizei im Mai 1929 schon tat, doch den Willen zur Revolution brachen sie in dieser Gegend erst Jahre sp\u00e4ter. Dazu musste das gesamte Viertel vernichtet werden.<\/p>\n<p>Noch heute gibt es im Wedding die K\u00f6sliner Stra\u00dfe, die im Norden immer noch von der Wiesenstra\u00dfe abgeschnitten wird und im S\u00fcden den Bogen in die Weddinger Stra\u00dfe macht. Doch nichts erinnert mehr an das Elend der damaligen Bewohner*innen oder an deren revolution\u00e4re Gesinnung. Der Architekt Erich Frank hat unter dem Naziregime bereits Pl\u00e4ne f\u00fcr die Neubebauung entworfen. Es dauerte jedoch bis in die 50er Jahre, als unter der neuen demokratischen Regierung West-Berlins der Weddinger Baustadtrat Walter Nicklitz (SPD) die H\u00e4user in der Stra\u00dfe abrei\u00dfen und ein komplett neues Viertel schaffen lie\u00df. Die Altbauten waren schon vor dem Kriege in unbewohnbarem Zustand und auch wenn die Bomben gerade die K\u00f6sliner Stra\u00dfe verschonten, so verbesserten die Kriegsjahre und Faschistenherrschaft dort nicht gerade die Lebensbedingungen. So k\u00f6nnte angenommen werden, dass die Neubebauung eine notwendige sozialpolitische Ma\u00dfnahme war. Doch Architekt Frank und Stadtrat Nicklitz lie\u00dfen keinen Zweifel \u00fcber den wahren Grund aufkommen: Die Gegend sei in der Weimarer Republik schon ein Unruheherd gewesen und Nicklitz wurde sogar noch deutlicher, der \u201eim Blickwinkel des aggressiven Bolschewismus\u2018 in Berlin\u201c im \u201everslumten und \u00fcberalterten\u201c Viertel eine Gefahr f\u00fcr den \u201esozialen Frieden\u201c sah. Was Jahre des Verrats an den Interessen der Arbeiterklasse durch die Sozialdemokratie und sp\u00e4ter die Naziherrschaft nicht geschafft hatten, wurde in der \u201edemokratischen\u201c BRD unter erneuter aktiver Mitwirkung der SPD-F\u00fchrung vollendet. Denn die Herrschenden vergessen nicht.<\/p>\n<h4>Autor und Buch<\/h4>\n<p>Klaus Neukrantz war einer jener jungen Intellektuellen, die urspr\u00fcnglich aus b\u00fcrgerlichem Hause kamen und nach der Erfahrung der Kriegsjahre 1914 bis 1918 ihren Weg in die Arbeiterbewegung fanden. Nach dem Bruch mit seiner Familie arbeitete er als Angestellter im Kreuzberger B\u00fcrgeramt, wo er als Oppositioneller in den Betriebsrat gew\u00e4hlt wurde und 1923 der KPD beitrat. Er schrieb f\u00fcr verschiedene kommunistische Zeitungen (unter anderem f\u00fcr das KPD-Zentralorgan \u201eDie Rote Fahne\u201c) und nutzte aktiv das neue Medium des Rundfunks f\u00fcr die Verbreitung kommunistischer Ideen. 1928 trat er dem Bund proletarisch-revolution\u00e4rer Schriftsteller (BPRS) bei und blieb bis zu dessen Aufl\u00f6sung durch die Nazis Mitglied. Neukrantz wurde unter dem Faschismus in Haft genommen und f\u00fcr geisteskrank erkl\u00e4rt. Seine Spuren verschwinden in den Nazikerkern, wie er selbst auch und sein Todesdatum ist bis heute unbekannt. Sein Buch Barrikaden am Wedding. Der Roman einer Stra\u00dfe aus den Berliner Maitagen 1929. erschien 1931 und sollte m\u00f6glichst wahrheitsgetreu die Ereignisse der Woche um den 1. Mai wiedergeben. Das Buch wurde sofort nach Erscheinen verboten. Es sprach eine zu eindeutige Sprache und stellte die Ereignisse zu realistisch dar.<\/p>\n<p>Der Berliner SPD-Polizeipr\u00e4sident Z\u00f6rgiebel war zu diesem Zeitpunkt schon ehrenhaft aus dem Dienst ausgeschieden. Der \u201eVorw\u00e4rts\u201c, das Zentralorgan der SPD, ver\u00f6ffentlichte 1930 einen schleimtriefenden Nachruf auf den Berliner \u201eBluthund\u201c, der einem Gustav Noske in Nichts nachstand. Bis zu seiner Entlassung 1933 war er Dortmunder Polizeichef, wo er seiner Rolle als \u201eArbeiterm\u00f6rder\u201c, wie ihn die kommunistische Bewegung zurecht nannte, weiter spielte. 1945 wurde er dann SPD-Vorsitzender der Stadt Mainz und war von 1947-49 Polizeichef in Rheinland-Pfalz, wo er seinen Beitrag zum Wiederaufbau der westdeutschen Polizei leistete. Fr\u00fcher erinnerte man sich seiner von offizieller Seite aus vor allem daf\u00fcr, dass er Ampeln in Berlin bauen lie\u00df. Er ist Tr\u00e4ger des Bundesverdienstkreuzes. Genauso wie Polizeioberst Magnus Heimannsberg, der nach dem Zweiten Weltkrieg von 1945 bis 1948 Chef der Polizei in Gro\u00dfhessen und dann bis zur seiner Pensionierung Polizeipr\u00e4sident von Wiesbaden war. 1929 befehligte er gemeinsam mit Z\u00f6rgiebel die Schutzpolizei (Schupo) und hatte das Oberkommando \u00fcber deren Einsatz im Blutmai. Im Buch bezeichnet er die Bewohner*innen des K\u00f6sliner Viertels als \u201erotes Judenpack\u201c.<\/p>\n<p>Der Vizepr\u00e4sident der Berliner Polizei und Stellvertreter Z\u00f6rgiebels, Bernhard Wei\u00df, ist heute noch f\u00fcr seine \u00fcberaus republikanisch-demokratische Gesinnung als Mitglied der liberalen DDP (Deutschen Demokratischen Partei) bekannt. Dieser k\u00e4mpferische Demokrat lie\u00df sich nach den ersten Gewaltakten durch seine Polizei im Mai 29 beurlauben. Offiziell wird sein Sinn und Einsatz f\u00fcr die Rechtsstaatlichkeit neben Albert Grzesinski gelobt. Grzesinski (SPD) setzte sich 1919 f\u00fcr die milit\u00e4rische Niederschlagung des Arbeiter*innenaufstandes in Berlin ein, Verbot im M\u00e4rz 1929 als Preu\u00dfischer Innenminister die Maidemonstrationen und wurde Nachfolger Z\u00f6rgiebels als Polizeipr\u00e4sident in Berlin. Alle diese Herren werden im Buch \u201egew\u00fcrdigt.\u201c<\/p>\n<h4>Der Kampf geht weiter<\/h4>\n<p>Warum werden gerade diese Personen so ausf\u00fchrlich hier vorgestellt, w\u00e4hrend es im Buch vor allem um den Widerstand in der K\u00f6sliner Stra\u00dfe geht? Erst einmal geht es darum, dass wir wissen, mit wem wir es zu tun haben. Und darum, zu zeigen, dass die Bundesrepublik Deutschland nichts anderes als ein b\u00fcrgerlicher Klassenstaat ist und es eine historische Kontinuit\u00e4t zwischen ihr und den vorangegangenen deutschen Staaten gibt. W\u00e4hrend die \u201eRote Gasse\u201c \u00fcber den K\u00f6pfen der Anwohner*innen in den 50er Jahren dem Erdboden gleichgemacht wurde, verbrachten diese Funktion\u00e4re ihren Ruhestand mit Auszeichnung und hohen Pensionen. Und es zeigt auch, dass die Geschichtsschreibung nicht neutral ist, sondern immer von den Siegern geschrieben wird. Wir m\u00fcssen unsere eigene Geschichte schreiben und d\u00fcrfen den bezahlten Chronist*innen keinen Glauben schenken. Das Buch, dass Ihr in Euren H\u00e4nden haltet, ist ein Teil der Geschichte der Arbeiterklasse, ein Teil unserer Geschichte. Es sind die Nachkommen der Z\u00f6rgiebels und Seinesgleichen, die heute entscheiden und hinter sicheren Linien den Befehl geben, wenn im Hambacher Forst oder in Hamburgs Stra\u00dfen der Kn\u00fcppel auf unsere K\u00f6pfe niedersaust. Sie sind gut bezahlte Handlanger, um die Interessen der Kapitalistenklasse zu sch\u00fctzen und deren Eigentum. Wenn heute neue Polizeigesetze beschlossen werden, ist das nichts weiter als eine Vorbereitung auf den kommenden Widerstand gegen die Politik der Reichen.<\/p>\n<p>Und es ist f\u00fcr die Wut. Wenn sich beim Lesen dieses Buches die Faust vor Zorn ballt und die Augen sich mit Tr\u00e4nen der Wut f\u00fcllen, dann ist das richtig. Wir d\u00fcrfen nie vergessen, dass wir immer noch den selben Kampf f\u00fchren. Auch wenn im heutigen Deutschland die Lebensumst\u00e4nde lange nicht so erniedrigend wie die im Wedding von 1929 sind, sie sind es f\u00fcr die Mehrheit der Menschen auf dieser Erde immer noch. Die 33 Arbeiter*innen, die w\u00e4hrend dieser Tage gestorben sind, wurden ermordet. Sie sind Tote einer ungleichen Schlacht. In diesen Tagen und N\u00e4chten gab es keine \u201eAuseinandersetzung\u201c, wie uns erz\u00e4hlt wird. Der Unterdr\u00fcckungsapparat des Klassenstaates hat den B\u00fcrgerkrieg gegen die Arbeiterklasse geprobt, vier Jahre, bevor dieser unter den Faschisten zum Dauerzustand wurde.<\/p>\n<p>Im Buch selbst werden die Ursachen f\u00fcr das harte Vorgehen der Polizei benannt und die meisten Sachverhalte sprechen f\u00fcr sich oder werden durch die zahlreichen Dialoge erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Daher soll hier nur kurz auf einige Punkte eingegangen werden, die in einem Sachtext wesentlich ausf\u00fchrlichere Erl\u00e4uterung erfahren sollten. Im November 2018 wurde der 100. Jahrestag der Novemberrevolution begangen. Die Folgen der gescheiterten Revolution in Deutschland zwischen 1918 und 23 sorgten nicht nicht nur f\u00fcr die Verh\u00e4ltnisse in der Weimarer Republik, wie wir sie im Buch vorfinden. Sie gab der aufsteigenden stalinistischen B\u00fcrokratie in der Sowjetunion den Raum, sich politisch zu festigen und aus der Niederlage der Revolution international die Begr\u00fcndung f\u00fcr die Theorie des \u201eSozialismus in einem Land\u201c und der Etappentheorie zu ziehen. Dies ging mit einer weitgehenden Entdemokratisierung und Unterdr\u00fcckung der kommunistischen Opposition in der Dritten Internationale und ihrer Sektionen (auch der KPD) einher. 1929 waren die kommunistischen Parteien bereits umfangreich dem Kommando der B\u00fcrokratie in Moskau unterworfen. In Barrikaden am Wedding wird an mancher Stelle das Wort \u201esozialfaschistisch\u201c erw\u00e4hnt, was eine Bezeichnung f\u00fcr die SPD war. Ab 1928 ging die Komintern dazu \u00fcber, zwischen der erstarkenden faschistischen Bewegung international und der Sozialdemokratie nicht mehr zu unterscheiden. Der Unterschied sei nur graduell und NSDAP und SPD nur der rechte und linke Stiefel der selben Sache. Die katastrophale praktische Schlussfolgerung daraus war, dass aus Sicht der KPD-F\u00fchrung eine faschistische Regierung nicht schlimmer sein konnte, als eine SPD-Regierung. Die Folge war, dass die Arbeiter*innen, die in den Kellern auf ihren Waffenkisten sa\u00dfen und 1933 auf den Befehl zum Widerstand warteten, sowohl von den F\u00fchrungen der SPD, als auch der KPD zur Passivit\u00e4t verdammt wurden. Mit dem Ergebnis, dass sie sich nach der Zerschlagung der Arbeiterorganisationen in den Kerkern und Vernichtungslagern der Nazis wiederfanden. Die Einheitsfront, die in der \u201eRoten Gasse\u201c entstand, \u00fcberwand jedoch die Parteigrenzen bei der Verteidigung gegen die Angriffe der Polizei. 1929 war die \u201eRevolution\u00e4re Gewerkschafts-Opposition\u201c (RGO) noch kein eigener Verband, sondern bekam bei Betriebsratswahlen sehr gute Ergebnisse, worauf im Buch verwiesen wird. So konnte der KPD-Referent des Bezirks Berlin noch auf der Versammlung der Stra\u00dfenzelle korrekt dagegen argumentieren, dass die Kommunist*innen aus den freien Einheitsgewerkschaften austreten. Denn damit w\u00fcrden sie sich von Millionen von sozialdemokratischen Arbeiter*innen, die sie gewinnen mussten, isolieren. Eine Haltung, die leider in den Folgejahren \u00fcber den Haufen geworfen wurde. In den Analysen der Linken Opposition von Leo Trotzki und seinen Genoss*innen finden wir heute noch eine klare Beschreibung dieser Fehler und Vorschl\u00e4ge f\u00fcr eine konkrete Politik der Arbeiter*inneneinheit im Kampf. Viele Texte davon sind im Programm des Manifest Verlags verf\u00fcgbar, der ein breites Angebot marxistischer Sachb\u00fccher vorh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Hier, liebe*r Leser*in, h\u00e4ltst Du den ersten wirklichen Roman aus dem Manifest Verlag in Deinen H\u00e4nden. Wir sind uns bewusst, dass die Sprache nicht dem entspricht, was wir heute als richtig ansehen. So ist an einer Stelle von einem \u201eLeihhausjuden\u201c die Rede und oft wird das Wort \u201eWeib\u201c verwendet.<\/p>\n<p>Neukrantz hat versucht, die Menschen so authentisch darzustellen, wie es ihm m\u00f6glich war. Gerade deshalb enth\u00e4lt er sich einer Wertung, sondern l\u00e4sst sie f\u00fcr sich sprechen. Es ist ein Arbeiter*innenroman im besten Sinne: kein reines Propagandast\u00fcck, aber schn\u00f6rkellos in seiner Darstellung und sehr hart \u2013 graphisch, wie man heute sagt. Aber es waren nicht die Menschen, die hart waren, auch wenn sie nicht besonders z\u00e4rtlich miteinander umgingen, sondern die Umst\u00e4nde. In wenigen Monaten j\u00e4hrt sich der \u201eBlutmai\u201c ein 90. Mal. Wir hoffen, durch die Neuauflage dieses Buches einen Beitrag zum Erhalt unserer Geschichte beizutragen.<\/p>\n<p>Oft steht zu Beginn eines Romans der Hinweis, dass alle Figuren und Handlungen frei erfunden sind und eine \u00c4hnlichkeit mit real existierenden Personen nur zuf\u00e4llig ist. Fast k\u00f6nnte man w\u00fcnschen, dass dem hier ebenfalls so w\u00e4re. Doch dies ist keine erfundene Geschichte. Neukrantz hat die Namen der Personen nur soweit angepasst, wie es n\u00f6tig war, um sie keiner Strafverfolgung auszusetzen. Lasst uns der Gefallenen nicht mit still gesenktem Haupt und in Demut gedenken, wie es die Religionen vorschreiben. Lasst uns ihrer gedenken, indem wir aufstehen und k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p><em>Ren\u00e9 Arnsburg ist Mitarbeiter des Manifest Verlags und Mitglied im Landesbezirksfachgruppenvorstand Verlage, Druck und Papier Berlin-Brandenburg<\/em><\/p>\n<p><strong>Das Buch ist unter manifest-buecher.de und im Buchhandel erh\u00e4ltlich<\/strong><\/p>\n<p><strong>11,90 EURO \u2013 202 Seiten<\/strong><\/p>\n<p><strong>ISBN 978-3-96156-069-1<\/strong><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/manifest-buecher.de\/produkt\/barrikaden-am-wedding\/\">https:\/\/manifest-buecher.de\/produkt\/barrikaden-am-wedding\/<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Roman einer Berliner Stra\u00dfe aus den Maitagen 1929<\/p>\n","protected":false},"author":243,"featured_media":37214,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[99],"tags":[1445,1523,1468,1522,845,1469,1524],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37213"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/243"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=37213"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37213\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":37219,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37213\/revisions\/37219"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/37214"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=37213"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=37213"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=37213"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}