{"id":37137,"date":"2018-11-09T07:00:33","date_gmt":"2018-11-09T06:00:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=37137"},"modified":"2018-11-12T10:30:11","modified_gmt":"2018-11-12T09:30:11","slug":"vor-100-jahren-revolution-in-deutschland-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2018\/11\/vor-100-jahren-revolution-in-deutschland-2\/","title":{"rendered":"100 Jahre Novemberrevolution"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_37098\" aria-describedby=\"caption-attachment-37098\" style=\"width: 254px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-37098\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Novemberrevolution-Berlin-Deutsche-Revolution1-254x173.jpg\" alt=\"\" width=\"254\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Novemberrevolution-Berlin-Deutsche-Revolution1-254x173.jpg 254w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Novemberrevolution-Berlin-Deutsche-Revolution1-768x524.jpg 768w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Novemberrevolution-Berlin-Deutsche-Revolution1-509x347.jpg 509w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Novemberrevolution-Berlin-Deutsche-Revolution1-600x409.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Novemberrevolution-Berlin-Deutsche-Revolution1.jpg 798w\" sizes=\"(max-width: 254px) 100vw, 254px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-37098\" class=\"wp-caption-text\">Bundesarchiv, Bild 183-18594-0045 \/ CC BY-SA 3.0 DE [CC BY-SA 3.0 de (https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/deed.en)], via Wikimedia Commons<\/figcaption><\/figure><strong>Vor 100 Jahren Revolution in Deutschland<\/strong><\/p>\n<p>Im November 1918 st\u00fcrzten die kriegsm\u00fcde deutsche Arbeiterklasse und meuternde Soldaten Kaiser Wilhelm II. und bildeten im ganzen Land Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te, die eine neue politische Macht darstellten.<\/p>\n<p>Der Sozialismus stand auf der Tagesordnung und keine politische Kraft traute sich gegen die R\u00e4te oder gegen Sozialismus aufzutreten, so \u00fcberw\u00e4ltigend war die Macht der revolution\u00e4ren Bewegung. Und doch markiert die Novemberrevolution nicht den Sieg des Sozialismus und die Machtergreifung durch die Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te, sondern den Auftakt f\u00fcr eine f\u00fcnf Jahre w\u00e4hrende Periode von Revolution und Konterrevolution, die mit der vor\u00fcbergehenden Erringung gewisser demokratischer und sozialer Rechte, aber auch der Festigung der Macht der Kapitalisten endete und den Weg f\u00fcr den Aufstieg und die Machteroberung der Nazis ebnete. Warum scheiterte diese Revolution? H\u00e4tte die Geschichte anders verlaufen k\u00f6nnen? Welche Lehren sind zu ziehen?<\/p>\n<p><em>Von Sascha Stanicic<\/em><\/p>\n<p>Man kann den Verlauf der Revolution von 1918\/19 nicht verstehen, ohne die Entwicklung der deutschen Arbeiterbewegung in den Jahren zuvor zu untersuchen. Deutschland war keine b\u00fcrgerlich-parlamentarische Demokratie, sondern ein Kaiserreich, in dem f\u00fcr das mit eingeschr\u00e4nkten Rechten und dem Kaiser statt dem Volk verantwortlichen Parlament ein Drei-Klassen-Wahlrecht bestand. Die Stimmen der Arbeiter (Frauen hatten ohnehin kein Wahlrecht) z\u00e4hlten weniger als die Stimmen des B\u00fcrgertums, der Gro\u00dfgrundbesitzer (Junker) und des Adels. Die deutsche Bourgeoisie (Kapitalistenklasse) war in der Revolution von 1848 zu z\u00f6gerlich und zu feige gewesen, eine demokratische Republik zu erk\u00e4mpfen \u2013 vor allem weil sie aus Angst vor der zu eigenst\u00e4ndigem Klassenbewusstsein erwachenden Arbeiterschaft das B\u00fcndnis mit den alten M\u00e4chten vorzog. Die kapitalistische Entwicklung Deutschlands fand also in einem Staat statt, der weiterhin Elemente des Mittelalters trug. Diese Entwicklung von gro\u00dfer Industrie vollzog sich im Vergleich zu anderen kapitalistischen M\u00e4chten, vor allem England und Frankreich, versp\u00e4tet, zum Ende des 19. Jahrhunderts aber sehr dynamisch.<\/p>\n<p>Deutsche Industrieproduktion<\/p>\n<ul>\n<li>1867-1902 (1913=100)<\/li>\n<li>1867-1875: 20<\/li>\n<li>1876-1886: 27<\/li>\n<li>1887-1893: 39<\/li>\n<li>1893-1902: 57<\/li>\n<\/ul>\n<h4>SPD vor dem Krieg<\/h4>\n<p>Im Scho\u00dfe dieser kapitalistischen Entwicklung entstand in Deutschland die st\u00e4rkste Arbeiterbewegung aller L\u00e4nder \u2013 SPD und Gewerkschaften. Der Versuch, die Sozialdemokratie durch ein Verbot (\u201eSozialistengesetz\u201c) unter Bismarck von 1878 bis 1890 vom Aufbau abzuhalten, schlug fehl. Die illegale Partei und ihre vielf\u00e4ltigen Vorfeldorganisationen wuchsen rapide an und sozialdemokratische Kandidaten erhielten von Wahl zu Wahl mehr Stimmen. Dies war Ausdruck des starken Wirtschaftsaufschwungs, der die Reihen der Arbeiterklasse wachsen lie\u00df und ihr Selbstbewusstsen steigerte, aber auch der unerschrockenen und k\u00e4mpferischen T\u00e4tigkeit der SPD.<\/p>\n<p>Die Partei galt als Modell und leuchtendes Vorbild f\u00fcr ihre Bruderparteien in der 1889 gegr\u00fcndeten Sozialistischen Internationale. Sie berief sich auf den Marxismus, verstand sich als revolution\u00e4r und hatte sich die Erk\u00e4mpfung einer sozialistischen Gesellschaft auf die Fahnen geschrieben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab die SPD 90 Tageszeitungen heraus, die zusammen 1,4 Millionen Abonnenten hatten. Sie hatte insgesamt wahrscheinlich bis zu 15.000 hauptamtliche Mitarbeiter. Sie leitete starke Arbeitersport-, Frauen- und Jugendbewegungen. In den Worten der sp\u00e4teren KPD-F\u00fchrerin Ruth Fischer war die Sozialdemokratie f\u00fcr Millionen ArbeiterInnen eine \u201eArt zu Leben\u201c.<\/p>\n<p>Doch die kontinuierlichen Fortschritte im Aufbau der Partei, die Erfolge bei der Verbesserung der Lage der arbeitenden Bev\u00f6lkerung w\u00e4hrend des langen Wirtschaftsaufschwungs, die Herausbildung einer besser gestellten Schicht von Facharbeitern (so genannte Arbeiteraristokratie) und die Entwicklung eines materiell privilegierten und abgehobenen Parteiapparats lie\u00dfen in der Sozialdemokratie eine reformistische Praxis entstehen, die sich ganz auf die unmittelbaren Tagesaufgaben konzentrierte und den Sozialismus nur noch als Fernziel propagierte. Das Programm der Partei unterteilte sich schematisch in ein Minimal- und ein Maximalprogramm. Eine Verbindung zwischen Lohnk\u00e4mpfen oder dem Kampf gegen das Drei-Klassen-Wahlrecht mit dem Kampf f\u00fcr Sozialismus fand praktisch nicht statt. Es entwickelte sich die Illusion, dass der Sozialismus \u201eautomatisch\u201c am Ende des stetigen Wachstums der Sozialdemokratie erreicht w\u00fcrde. Diese Praxis fand ihren Ausdruck in der Theorie des Revisionismus, wie sie von Eduard Bernstein formuliert wurde. Dieser wollte den Marxismus revidieren. Seine Anschauungen spitzte er in der Aussage zu \u201eDie Bewegung ist alles, das Ziel ist nichts.\u201c<\/p>\n<p>In der Partei f\u00fchrte das zum sogenannten Revisionsmusstreit, in dessen Verlauf sich drei Fl\u00fcgel heraus bildeten: die Revisionisten (rechter Fl\u00fcgel), das marxistische Zentrum um Karl Kautsky und die Linksradikalen um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Das marxistische Zentrum hielt in Worten am Marxismus fest, akzeptierte aber die reformistische Praxis der Partei. Kautsky war der international anerkannte Theoretiker des Marxismus nach dem Tode von Friedrich Engels und auch die russischen Bolschewiki um Lenin verstanden sich bis zum Jahr 1914 als Unterst\u00fctzer Kautskys. W\u00e4hrend Revisionisten und Zentrum im hauptamtlichen Parteiapparat und den Parlamentsfraktionen ein starkes organisiertes R\u00fcckgrat hatten, standen die Linksradikalen nur in lockerer Verbindung zueinander. Auch wenn die Partei auf ihren Kongressen 1901 und 1903 den Revisionismus zur\u00fcck wies, \u00e4nderte das nichts an ihrer reformistischen Praxis. Der SPD Sekret\u00e4r Ignaz Auer dr\u00fcckte das in einem Brief an Bernstein mit den Worten aus, man sage solche Dinge, wie Bernstein sie vorschlage nicht, man mache sie einfach! Kautsky war der Meinung, die SPD sei zwar eine revolution\u00e4re, aber keine revolutionmachende Partei.<\/p>\n<h4><\/h4>\n<figure id=\"attachment_37139\" aria-describedby=\"caption-attachment-37139\" style=\"width: 258px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-37139\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/1-Weltkrieg-258x173.jpg\" alt=\"\" width=\"258\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/1-Weltkrieg-258x173.jpg 258w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/1-Weltkrieg-768x516.jpg 768w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/1-Weltkrieg-517x347.jpg 517w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/1-Weltkrieg-600x403.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/1-Weltkrieg.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 258px) 100vw, 258px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-37139\" class=\"wp-caption-text\">Soldaten bei der Mobilmachung 1914 in Berlin<br \/>Bundesarchiv, Bild 183-R25206 \/ CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/deed.en)], via Wikimedia Commons<\/figcaption><\/figure>\n<h4>Erster Weltkrieg<\/h4>\n<p>Der deutsche Kapitalismus war bei der Aufteilung der Welt unter die Kolonialm\u00e4chte zu sp\u00e4t gekommen. Mit der Macht der Gro\u00dfkonzerne aus der Eisen-, Stahl- und Chemieindustrie und den Schiffswerften war auch deren Drang nach Expansion gewachsen. Aufr\u00fcstung und Krieg versprachen einen Absatzmarkt f\u00fcr R\u00fcstungsprodukte. Landeroberungen sollten den Zugang zu Rohstoffen, Absatzm\u00e4rkten und billigen Arbeitsk\u00e4ften sichern. Der Erste Weltkrieg stand vor der T\u00fcr.<\/p>\n<p>Bis zum Ausbruch des Krieges dominierte in der Arbeiterbewegung die Opposition gegen diesen. Noch am 25. Juli 1914 schrieb das SPD-Organ \u201aVorw\u00e4rts\u2018: \u201eDer Weltkrieg droht! Die herrschenden Klassen, die Euch im Frieden knebeln, verachten, ausnutzen, wollen Euch als Kanonenfutter missbrauchen. \u00dcberall muss den Gewalthabern in den Ohren klingen: Wir wollen keinen Krieg! (\u2026) Hoch die internationale V\u00f6lkerverbr\u00fcderung.\u201c Die Sozialistische Internationale hatte Beschl\u00fcsse gefasst, die ihre Mitgliedsparteien zur Opposition gegen den Krieg verpflichten sollten. Massendemonstrationen wurden organisiert. Doch als es so weit war, handelte die SPD- und Gewerkschaftsf\u00fchrung nach dem Motto \u201awas schert mich mein Geschw\u00e4tz von gestern\u2018 und reihte sich in die Reihen der Kriegsbef\u00fcrworter und Vaterlandsverteidiger ein \u2013 in Deutschland und allen L\u00e4ndern der Sozialistischen Internationale mit der Ausnahme von Russland, wo Lenins Bolschewiki dem Zarenreich die Unterst\u00fctzung versagten, Serbien und Bulgarien. Am 4. August 1914 stimmte die sozialdemokratische Reichstagsfraktion den Kriegskrediten zu. In der Fraktionssitzung hatten noch 14 Abgeordnete gegen eine Zustimmung votiert. Aber sie alle, auch Karl Liebknecht, beugten sich bei dieser ersten Abstimmung der Fraktionsdisziplin und stimmten im Reichstag entgegen ihrer \u00dcberzeugung. Liebknecht wertete das sp\u00e4ter als schweren Fehler. Die F\u00fchrungen der Gewerkschaften hatten schon am 2. August ihren Verzicht auf selbst\u00e4ndige gewerkschaftliche Aktionen w\u00e4hrend des Krieges (\u201eBurgfrieden\u201c) erkl\u00e4rt. Der Schock f\u00fcr die internationalistischen Kr\u00e4fte der Arbeiterbewegung war gro\u00df. Selbst Lenin wollte die Nachricht aus Berlin nicht glauben und dachte, die entsprechende Ausgabe des \u201aVorw\u00e4rts\u2018 sei eine F\u00e4lschung.<\/p>\n<p>Diese Politik der SPD-F\u00fchrung war logische Konsequenz aus der Preisgabe ihres revolution\u00e4ren Charakters und ihrer Anpassung an den Kapitalismus. Die B\u00fcrokraten und Abgeordneten hatten in ihrer gro\u00dfen Mehrheit Frieden mit dem Kapitalismus geschlossen und die Perspektive einer Machtergreifung durch die Arbeiterklasse aufgegeben. Um ihre gut dotierten P\u00f6stchen nicht zu verlieren, durften sie auch die herrschende Ordnung nicht gef\u00e4hrden.<\/p>\n<h4><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-28496 alignleft\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Rosa-Luxemburg-w\u00e4hrend-einer-Rede-auf-dem-Internationalen-Sozialisten-Kongress-in-Stuttgart-August-1907-e1405690919430-280x173.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Rosa-Luxemburg-w\u00e4hrend-einer-Rede-auf-dem-Internationalen-Sozialisten-Kongress-in-Stuttgart-August-1907-e1405690919430-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Rosa-Luxemburg-w\u00e4hrend-einer-Rede-auf-dem-Internationalen-Sozialisten-Kongress-in-Stuttgart-August-1907-e1405690919430-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Rosa-Luxemburg-w\u00e4hrend-einer-Rede-auf-dem-Internationalen-Sozialisten-Kongress-in-Stuttgart-August-1907-e1405690919430-560x347.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Rosa-Luxemburg-w\u00e4hrend-einer-Rede-auf-dem-Internationalen-Sozialisten-Kongress-in-Stuttgart-August-1907-e1405690919430-534x330.jpg 534w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Rosa-Luxemburg-w\u00e4hrend-einer-Rede-auf-dem-Internationalen-Sozialisten-Kongress-in-Stuttgart-August-1907-e1405690919430.jpg 622w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/>Linke in der SPD<\/h4>\n<p>Diese Politik ihrer F\u00fchrung lie\u00df in der Arbeiterklasse ein hohes Ma\u00df an Verwirrung entstehen. Die einen lie\u00dfen sich von der Kriegsbegeisterung und den Versprechen auf einen raschen Sieg mitrei\u00dfen, andere waren geschockt.<\/p>\n<p>Der russische Revolution\u00e4r Leo Trotzki, der bei Kriegsbeginn im Wiener Exil lebte, erkl\u00e4rt in seiner Autobiographie die Begeisterung f\u00fcr den Krieg unter den einfachen Leuten wie dem Halbtschechen Pospischl, so: \u201eSolche Menschen, deren ganzes Leben, tagaus, tagein, in monotoner Hoffnungslosigkeit verl\u00e4uft, gibt es viele auf der Welt. Auf ihnen beruht die heutige Gesellschaft. Die Alarmglocke der Mobilisierung dringt in ihr Leben ein wie eine Verhei\u00dfung. Alles Gewohnte, das man tausendmal zum Teufel gew\u00fcnscht hat, wird umgeworfen, es tritt etwas Neues, Ungew\u00f6hnliches auf. Und in der Ferne m\u00fcssen noch un\u00fcbersehbarere Ver\u00e4nderungen geschehen. Zum Besseren? Oder zum Schlimmeren? Selbstverst\u00e4ndlich zum Besseren: kann es den Pospischl schlimmer ergehen als zu \u201anormalen\u2018 Zeiten?<\/p>\n<p>Ich wanderte durch die Hauptstra\u00dfen des mir so gut bekannten Wien und beobachtete die f\u00fcr den prunkvollen Ring so ungew\u00f6hnliche Menschenmenge, in der Hoffnungen lebendig wurden. Und hatte sich ein Teilchen dieser Hoffnungen nicht schon heute verwirklicht? H\u00e4tten sich zu einer anderen Zeit die Gep\u00e4cktr\u00e4ger, Waschfrauen, Schuhmacher, Gehilfen und die Halbw\u00fcchsigen der Vorstadt auf der Ringstra\u00dfe als Herren der Lage f\u00fchlen k\u00f6nnen? Der Krieg erfasst alle, und folglich f\u00fchlen sich die Unterdr\u00fcckten, vom Leben betrogenen mit den Reichen und M\u00e4chtigen auf gleichem Fu\u00dfe. (\u2026) Wie die Revolution wirft auch der Krieg das ganze Leben, von oben bis unten, aus dem Geleise. Aber die Revolution richtet ihre Schl\u00e4ge gegen die bestehende Macht. Der Krieg dagegen festigt in der ersten Zeit die Staatsmacht, die in dem durch den Krieg entstandenen Chaos als die einzige sichere St\u00fctze erscheint \u2026 bis derselbe Krieg sie untergr\u00e4bt.\u201c<\/p>\n<p>In der SPD gab es von Anfang an Opposition gegen den Krieg, aber die BasisaktivistInnen, die ihre internationalistischen und sozialistischen \u00dcberzeugungen nicht \u00fcber Bord werfen wollten waren konfrontiert mit einer Welle des Patriotismus, mit der Propaganda und der Einforderung von Disziplin durch ihre F\u00fchrung und mit staatlicher Repression bzw. Einberufung zum Milit\u00e4r. Vor allem aber waren die KriegsgegnerInnen \u00fcberhaupt nicht organisiert. Nun r\u00e4chte sich, dass Luxemburg, Liebknecht und andere des linken Parteifl\u00fcgels keine organisierte marxistische Fraktion aufgebaut hatten, wie Lenin es mit der bolschewistischen Fraktion in der russischen Sozialdemokratie seit 1903 gemacht hatte. Verbindungen mussten oftmals neu und m\u00fchsam aufgebaut werden. Es gab kein zentrales Organ der KriegsgegnerInnen, mit dem sie Gleichgesinnte h\u00e4tten politisch und organisatorisch zusammen halten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im September 1914 gaben Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, der Marx-Biograph Franz Mehring und die bedeutendste F\u00fchrerin der proletarischen Frauenbewegung Clara Zetkin eine gemeinsame Erkl\u00e4rung in Opposition zur Politik der SPD-F\u00fchrung ab. Am 22. Oktober forderten die sozialdemokratischen Abgeordneten im Preu\u00dfischen Abgeordnetenhaus Frieden zu schlie\u00dfen und die f\u00fcnf oppositionellen SPD-Abgeordneten verlie\u00dfen den Parlamentssaal in einem Akt des Protests vor der Schlussrede des Pr\u00e4sidenten. Und schlie\u00dflich stellte sich Karl Liebknecht am 2. Dezember alleine im Reichstag gegen die Kriegstreiber und Sozialpatrioten (so nannten die Linken die sozialdemokratischen Kriegsbef\u00fcrworter) und votierte als einziger gegen die Kriegskredite. Mit diesem Akt der Verweigerung wurde er f\u00fcr die Mehrheitssozialdemokraten und Kriegstreiber zum Vaterlandsverr\u00e4ter, f\u00fcr die wachsende Zahl der sich nach Frieden sehnenden ArbeiterInnen und Soldaten in Deutschland und international wurde er durch seinen einsamen Widerstand im Reichtstag zur Symbolfigur des Kampfes gegen den Krieg und f\u00fcr Sozialismus. In seiner schriftlichen Begr\u00fcndung erkl\u00e4rte er: \u201eDieser Krieg, den keines der beteiligten V\u00f6lker selbst gewollt hat, ist nicht f\u00fcr die Wohlfahrt des deutschen oder eines anderen Volkes entbrannt. Es handelt sich um einen imperialistischen Krieg. (\u2026) Der Krieg ist kein deutscher Verteidigungskrieg. (\u2026) Ein schleuniger, f\u00fcr keinen Teil dem\u00fctigender Friede, ein Friede ohne Eroberungen ist zu fordern (\u2026) Nur ein auf dem Boden der internationalen Solidarit\u00e4t der Arbeiterklasse und der Freiheit aller V\u00f6lker erwachsener Friede kann ein gesicherter sein. So gilt es f\u00fcr das Proletariat aller L\u00e4nder, auch heute im Kriege gemeinsame sozialistische Arbeit f\u00fcr den Frieden zu leisten.\u201c<\/p>\n<p>Die Opposition gegen den Krieg wuchs in dem Ma\u00dfe, wie deutlich wurde, dass er l\u00e4nger dauern w\u00fcrde und wie sich die Lage der Massen unter den Kriegsbedingungen verschlechterte. In der SPD waren es nicht nur die Revolution\u00e4re um Liebknecht und Luxemburg, die sich mehr und mehr gegen den Krieg \u00e4u\u00dferten, sondern auch Mitglieder des Zentrums. Im M\u00e4rz 1915 stimmte neben Liebknecht auch Otto R\u00fchle gegen die Kriegskredite und 30 weitere SPD-Abgeordnete verlie\u00dfen den Saal, um an der Abstimmung nicht teilzunehmen. Im Juni 1915 unterschrieben eintausend SPD-Funktion\u00e4re verschiedener Str\u00f6mungen einen Protestbrief gegen die Politik der Parteif\u00fchrung. Im April desselben Jahres hatten Rosa Luxemburg und Franz Mehring die erste und einzige Ausgabe der Zeitschrift \u201aDie Internationale\u2018 herausgebracht. Sie sollte dazu dienen eine klare marxistische Analyse der Situation zu liefern und die marxistischen Kr\u00e4fte zu sammeln. Diese nannten sich fortan \u201aGruppe Internationale\u2018. Die meisten AutorInnen, darunter auch Clara Zetkin, K\u00e4te Duncker und August Thalheimer, geh\u00f6rten zu den sp\u00e4teren Gr\u00fcnderInnen der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Rosa Luxemburg brachte die Haltung der revolution\u00e4ren MarxistInnen auf den Punkt, indem sie argumentierte, dass nur der Weg zur Macht der Arbeiterklasse auch der Weg zu Frieden und zum Wiederaufbau der Sozialistischen Internationale sei. Diese Einsch\u00e4tzung best\u00e4tigte sich in den darauffolgenden Jahren, denn dem Weltkrieg wurde ein Ende bereitet durch die sozialistische Oktoberrevolution in Russland und endg\u00fcltig durch die deutsche Revolution im November 1918.<\/p>\n<p>Doch die Gruppe Internationale blieb ein loser Zusammenschluss, was auch damit zusammen hing, dass Rosa Luxemburg und andere aus dem b\u00fcrokratischen Charakter der SPD zu weitgehende Schlussfolgerungen in die andere Richtung, gegen verbindliche Organisationsstrukturen und -disziplin, zogen. Hinzu kam staatliche Repression. Aufgrund der Zensur konnte \u201aDie Internationale\u2018 nicht weiter erscheinen. Karl Liebknecht war im Februar 1915 zur Front eingezogen worden und Rosa Luxemburg wurde im selben Monat ins Gef\u00e4ngnis gesteckt.<\/p>\n<p>So konnte keine dieser beiden wichtigsten F\u00fchrungspersonen der marxistischen Linken in Deutschland an der ersten internationalen Zusammenkunft sozialistischer KriegsgegnerInnen im September 1915 im schweizerischen Zimmerwald teilnehmen.<\/p>\n<p>Nach einer Konferenz der Gruppe Internationale im Januar 1916, auf der das Bekenntnis zum Sozialismus und Kampf gegen den Krieg genauso best\u00e4tigt wurde, wie die Bedeutung der Internationale als entscheidender Organisation f\u00fcr die Arbeiterklasse, kam es zu einem deutlicheren Bruch zwischen den revolution\u00e4ren MarxistInnen und den schwankenden Kr\u00e4ften des Zentrums. Auf dieser Konferenz wurde auch beschlossen, eigenes Material regelm\u00e4\u00dfig heraus zu bringen. Dieses illegale Material wurde mit \u201aSpartacus\u2018, in Anlehnung an den heroischen F\u00fchrer der Sklavenaufst\u00e4nde im R\u00f6mischen Reich, unterzeichnet. Fortan wurde die Gruppe Internationale als Spartakusgruppe bekannt.<\/p>\n<h4>Der Widerstand w\u00e4chst<\/h4>\n<p>Im Jahr 1916 wuchs die Kriegsm\u00fcdigkeit in der Arbeiterklasse. Angesichts von 250.000 get\u00f6teten deutschen Soldaten vor Verdun und wachsender Lebensmittelknappheit entlud sich die Unzufriedenheit in ersten Protesten und Streiks. Am 1. Mai hatte die Spartakusgruppe zu einer Demonstration am Potsdamer Platz in Berlin aufgerufen. Liebknecht sprach zu 10.000 DemonstrantInnen und forderte ein Ende des Krieges und den Sturz der Regierung, woraufhin er verhaftet wurde. Am Tag seines Gerichtsprozesses kam es zu einem Proteststreik von \u00fcber 50.000 ArbeiterInnen in Berlin und Demonstrationen in Stuttgart, Bremen und Braunschweig. Liebknecht wurde durch sein mutiges und entschlossenes Handeln gegen den Krieg zur internationalen Symbolfigur f\u00fcr Sozialismus, Internationalismus und den Kampf gegen den Weltkrieg. Seine Losung \u201aDer Hauptfeind steht im eigenen Land\u2018 brachte die zentrale Aufgabe der Arbeiterklasse und der sozialistischen Kr\u00e4fte in jedem kriegf\u00fchrenden imperialistischen Land zum Ausdruck: den Kampf gegen die \u201aeigene\u2018 Kapitalistenklasse und f\u00fcr die internationale Macht der Arbeiterklasse f\u00fchren, als einziges Mittel den Weltkrieg zu beenden.<\/p>\n<p>Der Druck aus der Arbeiterklasse wirkte sich in der SPD aus und die Opposition gegen den Krieg wuchs sowohl unter den Abgeordneten, als auch in der gesamten Partei. Im Reichstag hatten die Kriegsgner in der SPD-Fraktion die Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft gegr\u00fcndet. Diese wurde nach ihrer ersten Konferenz im Jahr 1917 aus der SPD ausgeschlossen und gr\u00fcndete dann die Unabh\u00e4ngige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD). Die Februarrevolution in Russland, die den Zaren st\u00fcrzte, hatte gro\u00dfe Auswirkungen auf Deutschland und heizte die Opposition gegen den Krieg weiter an. Der despotische Zar, der von den Kriegstreibern als Hauptfeind pr\u00e4sentiert worden war, war nicht mehr, aber der Krieg gegen Russland wurde trotzdem weiter gef\u00fchrt. Die USPD wuchs schnell zu einer Massenpartei, die mit 120.000 Mitgliedern fast die H\u00e4lfte der 1917 noch bestehenden SPD-Mitgliedschaft mit nahm. Sie war eine breite Partei, die unterschiedlichste Kr\u00e4fte und Str\u00f6mungen aus der Arbeiterklasse umfasste, selbst der Begr\u00fcnder des Revisionismus, Eduard Bernstein, fand sich aufgrund seiner pazifistisch motivierten Kriegsgenerschaft in der USPD wieder. Die zentristischen F\u00fchrer, wie Hugo Haase und Karl Kautsky, wurden von den Ereignissen und dem Druck der Massen getrieben und bildeten die Partei eher widerwillig. Mit ihnen trat auch die Spartakusgruppe in die USPD ein und hielt darin eine selbst\u00e4ndige Existenz als Zusammenschluss revolution\u00e4rer MarxistInnen aufrecht und setzte die eigenst\u00e4ndige Publikationst\u00e4tigkeit fort. Auch die Berliner revolution\u00e4ren Obleute traten der neuen Partei bei. Diese waren ein klandestiner (geheimer) Zusammenschluss von ca. 80 sozialistischen und gewerkschaftlichen Vertrauensleuten, die eine breite Basis in den Berliner Industriebetrieben hatten und neben Spartakus den linken Fl\u00fcgel der USPD bildeten. Die USPD war eine neue Massenpartei der deutschen Arbeiterklasse, ohne klare marxistische Programmatik, Strategie und Taktik, aber mit der M\u00f6glichkeit f\u00fcr revolution\u00e4re Str\u00f6mungen offen zu agieren und mit einer sich radikalisierenden Entwicklungsdynamik. Als Massenabspaltung aus der traditionellen Arbeiterpartei SPD hatte sie von Beginn an eine breite Massenbasis und tiefe Verankerung in der Arbeiterklasse. Manche Kr\u00e4fte in der heutigen Partei DIE LINKE ziehen schon einmal den Vergleich mit der USPD. Doch damit w\u00fcrde man der LINKEn zu viel der Ehre antun. Bei allem Wankelmut ihrer F\u00fchrer \u2013 Zentrismus definiert sich als \u201arevolution\u00e4r in Worten, reformistisch in Taten\u2018 \u2013 war die USPD doch von ihrem Selbstverst\u00e4ndnis eine klar sozialistische Partei, die f\u00fcr die Sozialisierung (Verstaatlichung) der gro\u00dfen Industrien und Banken und f\u00fcr die Machtergreifung durch die Arbeiterklasse eintrat. Und sie hatte eine tiefe Verankerung unter betrieblichen und gewerkschaftlichen AktivistInnen. DIE LINKE hat noch einen weiten Weg vor sich, um das zu erreichen und die dominierenden Teile ihrer F\u00fchrung verteidigen die Marktwirtschaft und orientieren die Partei in eine andere Richtung.<\/p>\n<p>Nur in einigen St\u00e4dten, vor allem Bremen, Hamburg und Dresden, bildeten sich links von der USPD revolution\u00e4re Oganisationen, die sich \u201aLinks-Radikale\u2018 nannten, mit einem gewissen Einfluss in der Arbeiterklasse. Diese bildeten im November 1918 die Internationalen Kommunisten Deutschlands und nahmen im Dezember an der Gr\u00fcndung der KPD teil. 1917 sahen die F\u00fchrer der Spartakusgruppe noch die Notwendigkeit in der USPD zu agieren, um die sich radikalisierenden Massen, die in die USPD str\u00f6mten oder sich an ihr orientierten zu erreichen und sich nicht zu isolieren.<\/p>\n<p>Im Verlauf des Jahres 1917 verschlechterten sich die Lebensbedingungen der deutschen Arbeiterklasse dramatisch. In der K\u00e4lte des Winters 1917\/18 starben tausende Kinder. Die Kindersterblichkeitsrate war seit 1913 um 50 Prozent gestiegen. Die Lebensmittelrationen wurden gek\u00fcrzt. Im April 1917 streikten 300.000 ArbeiterInnen in Berlin und Leipzig. An der Front hatten die Soldaten die Nase voll vom Krieg, es kam zu einer ersten Meuterei von Matrosen.<\/p>\n<p>Der Sieg der russischen Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te in der Oktoberrevolution 1917 hatte enorme Auswirkungen in Deutschland und verst\u00e4kte die Hoffnungen auf ein Ende des Kriegs. Die ersten Dekrete der neuen russischen Regierung unter F\u00fchrung von Lenin und Trotzki enthielten ein Angebot zu einem sofortigen Waffenstillstand und einem demokratischen Frieden ohne Annexionen und unter Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts der V\u00f6lker. Dann ver\u00f6ffentlichte die Arbeiterregierung die Geheimvertr\u00e4ge der Vorg\u00e4ngerregierungen mit der Entente (den mit Russland verb\u00fcndeten M\u00e4chten) und erkl\u00e4rte, dass sie auf alle in diesen Vertr\u00e4gen Russland versprochenen Gebiete verzichte. Im Januar entwickelten sich dann die bis dahin gr\u00f6\u00dften Massenstreiks in Deutschland, als \u00fcber eine Million Streikende gegen die schrecklichen Bedingungen, die Deutschland dem russischen Arbeiterstaat im Frieden von Brest-Litowsk aufzwang, protestierten.<\/p>\n<h4><\/h4>\n<figure id=\"attachment_37140\" aria-describedby=\"caption-attachment-37140\" style=\"width: 231px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-37140 size-medium\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Deutsche-Revolution-Novemberrevolution-Prinz_Max_von_Baden-231x173.jpg\" alt=\"\" width=\"231\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Deutsche-Revolution-Novemberrevolution-Prinz_Max_von_Baden-231x173.jpg 231w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Deutsche-Revolution-Novemberrevolution-Prinz_Max_von_Baden-464x347.jpg 464w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Deutsche-Revolution-Novemberrevolution-Prinz_Max_von_Baden-600x449.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Deutsche-Revolution-Novemberrevolution-Prinz_Max_von_Baden.jpg 632w\" sizes=\"(max-width: 231px) 100vw, 231px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-37140\" class=\"wp-caption-text\">Prinz Max von Baden (1), Vizekanzler von Payer (2) und der Chef der Reichskanzlei, Freiherr von Radowitz (3) beim Verlassen des Reichstagsgeb\u00e4udes, Berlin 3.10.1918 Bundesarchiv, Bild 146-1971-037-64 \/ CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/deed.en)], via Wikimedia Commons<\/figcaption><\/figure>\n<h4>Reformen von oben<\/h4>\n<p>Unzufriedenheit und Unruhe in der Arbeiterklasse und unter Soldaten nahmen zu. Mit dem Eintritt der USA in den Krieg wurde immer deutlicher, dass Deutschland diesen nur verlieren konnte. Desertionen nahmen zu. Die Herrschenden ergriff Panik und sie versuchten, die sich entwickelnde Revolution von unten durch Reformen von oben zu verhindern. So wurde am 4. Oktober eine neue Regierung mit dem Prinzen Max von Baden als Kanzler eingesetzt, an der erstmals auch zwei Sozialdemokraten teilnahmen, Scheidemann und Bauer, und die erstmals dem Parlament gegen\u00fcber verantwortlich war. Eine Amnestie f\u00fcr politische Gefangene wurde erlassen, die Liebknecht die Freiheit brachte. Rosa Luxemburg wurde weiter in \u201aSchutzhaft\u2018 fest gehalten. Doch diese Ma\u00dfnahmen waren zu wenig und erfolgten zu sp\u00e4t. Als das deutsche Oberkommando der Hochseeflotte befahl, zu einer Seeschlacht mit der englischen Flotte auszufahren, die an der deutschen Niederlage nichts mehr h\u00e4tte \u00e4ndern k\u00f6nnen, aber den sicheren Tod von 80.000 Matrosen bedeutet h\u00e4tte, revoltierten diese und weigerten sich auszufahren. Das war am 3. November der eigentliche Beginn der Revolution.<\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, dass der erste Widerstand in der Armee sich in der Marine entwickelte, wo es schon zuvor zu einer Meuterei gekommen war. In der \u201aIllustrierten Geschichte der deutschen Revolution\u2018 hei\u00dft es dazu: \u201eDie Bedienung eines so komplizierten Werkes der Technik, wie es ein modernes Kriegsschiff ist, erfordert entsprechend qualifizierte Mannschaften. Die Matrosen rekrutieren sich deshalb vorwiegend aus der Industriearbeiterschaft. Auch der Gegensatz zwischen dem Wohlleben der Offizier und dem Elend und der Rechtlosigkeit der Mannschaften trat nirgends so krass in Erscheinung wie auf den Kriegsschiffen.\u201c<\/p>\n<p>Die Meuterei begann in Kiel. Ein Arbeiter- und Soldatenrat \u00fcbernahm die Kontrolle \u00fcber die Stadt. Dieser entsandte Botschafter der Revolution in andere St\u00e4dte und die Revolution breitete sich innerhalb weniger Tage auf das ganze Land aus. Am 4. November war die gesamte Flotte erfasst. Dann folgten L\u00fcbeck, Bremen, Hamburg und in den folgenden Tagen viele andere St\u00e4dte von Leipzig bis K\u00f6ln und von Frankfurt bis M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>In Berlin, wie auch in anderen St\u00e4dten, hatten revolution\u00e4re Arbeiter und Soldaten schon illegale R\u00e4te gebildet. Liebknecht nahm an den Sitzungen des Vollzugsausschuss genannten Leitungsgremiums dieser R\u00e4te teil. Hier wurde am 2. November diskutiert f\u00fcr den 4. November eine bewaffnete Demonstration durchzuf\u00fchren, die den revolution\u00e4ren Aufstand einleiten sollte. Kurze Zeit sp\u00e4ter, bei einer Vollversammlung der revolution\u00e4ren Obleute, wurden Zweifel ge\u00e4u\u00dfert, ob die Arbeiter daf\u00fcr bereit und eine solche Aktion ausreichend vorbereitet sei. Die Aktion wurde auf den 11. November vertagt. Liebknecht kritisierte in diesen Tagen die Haltung vieler USPD-Vertreter und revolution\u00e4rer Obleute, die ein zu gro\u00dfes Gewicht auf die technische Seite des Aufstandes legten und mit der Losung \u201ealles oder nichts\u201c sich gegen Massendemonstrationen aussprachen. In seinen Aufzeichnungen sind folgende Notizen zu finden: \u201eUnsere Auffassung, dass es zwischen den bisher \u00fcblichen Demonstrationen und dem revolution\u00e4ren Endkampf M\u00f6glichkeiten, Zwischenstufen g\u00e4be, in denen sich das Heranreifen f\u00fcr den Endkampf beschleunigen kann, wird wiederum, wie auch bei anderen Beratungen als revolution\u00e4re Gymnastik ironisiert und abgelehnt. (\u2026) Die Massenbewegung ist das allein Wesentliche. Gro\u00dfe Massen auf den Stra\u00dfen sind auch gegen Milit\u00e4r und Polizei das St\u00e4rkste, selbst wenn unbewaffnet. Sie erschweren den polizeilichen oder milit\u00e4rischen Waffengebrauch und sind der st\u00e4rkste Druck zur Fraternisierung (Verbr\u00fcderung) oder doch Demoralisation der bewaffneten Macht.\u201c<\/p>\n<h4><\/h4>\n<figure id=\"attachment_37097\" aria-describedby=\"caption-attachment-37097\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-37097\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Novemberrevolution-Berlin-Deutsche-Revolution-280x173.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Novemberrevolution-Berlin-Deutsche-Revolution-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Novemberrevolution-Berlin-Deutsche-Revolution-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Novemberrevolution-Berlin-Deutsche-Revolution-768x472.jpg 768w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Novemberrevolution-Berlin-Deutsche-Revolution-560x344.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Novemberrevolution-Berlin-Deutsche-Revolution-600x369.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Novemberrevolution-Berlin-Deutsche-Revolution-534x330.jpg 534w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Novemberrevolution-Berlin-Deutsche-Revolution.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-37097\" class=\"wp-caption-text\">Bundesarchiv, Bild 183-B0527-0001-810 \/ UnknownUnknown author \/ CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/deed.en)], via Wikimedia Commons<\/figcaption><\/figure>\n<h4>Revolution!<\/h4>\n<p>Letztlich \u00fcberholte die in Kiel einsetzende Revolution die revolution\u00e4ren Obleute, die dann unter dem Druck der Massen und aufgrund der Sorge, die Mehrheits-Sozialdemokratie k\u00f6nne Initiativen ergreifen, um eine Bewegung unter ihre Kontrolle zu bekommen, am 8. November den Entschluss fassten f\u00fcr den darauffolgenden 9. November zur Aktion aufzurufen. Und an diesem Tag nahmen die Arbeiter und Soldaten die Hauptstadt des Kaiserreichs ein und Kaiser Wilhelm II. dankte ab. Liest man Berichte \u00fcber die letzten Tage und Stunden des Kaiserreichs, \u00fcber die Weigerung des Kaisers abzudanken und den Entschluss des Prinzen Max von Baden dies ohne die Zustimmung Wilhelms II. zu verk\u00fcnden und den SPD-F\u00fchrer Friedrich Ebert zum Reichskanzler zu ernennen, bekommt man eine Vorstellung von der Machtlosigkeit der M\u00e4chtigen, wenn die Massen der Arbeiterklasse entschlossen in Aktion treten. Aus diesen Beratungen der SPD-F\u00fchrer mit den Vertretern des Kapitalismus stammt der ber\u00fchmte Ausspruch Eberts: \u201eWenn der Kaiser nicht abdankt, dann ist die soziale Revolution unvermeidlich. Ich aber will sie nicht, ja ich hasse sie wie die S\u00fcnde.\u201c Die Annahme des Kanzleramtes aus den H\u00e4nden des scheidenden Kaisers durch Ebert dr\u00fcckt aus, dass die SPD-F\u00fchrung nicht nur die Revolution hasste, sondern es auch vorgezogen h\u00e4tte, die Monarchie zu bewahren. Im Kampf gegen die Revolution bildete Ebert ein B\u00fcndnis mit dem Generalquartierhauptmeister Groener, zu dem er eine geheime Telefonverbindung unterhielt. Groener selber nannte es ein B\u00fcndnis \u201egegen die Gefahr der Bolschewiken und gegen das R\u00e4tesystem\u201c.<\/p>\n<p>Als Scheidemann um 14 Uhr vom Balkon des Reichstagsgeb\u00e4udes vor demonstrierenden Arbeitermassen spontan, weil die Stimmung der Massen erfassend, die \u201adeutsche Republik\u2018 ausrief, schlug Ebert mit der Faust auf den Tisch und schrie ihn an: \u201eDu hast kein Recht die Republik auszurufen!\u201c Darin dr\u00fcckte sich aus, dass Ebert mit General Groener in Geheimabsprachen die M\u00f6glichkeit offen gehalten hatte, die Monarchie zu retten.<\/p>\n<p>Zwei Stunden sp\u00e4ter proklamierte Karl Liebknecht vom Balkon des Berliner Schlosses ebenfalls die Republik \u2013 aber die sozialistische! Liebknecht wird mit diesen Worten zitiert: \u201eIch proklamiere die freie sozialistische Republik Deutschland, die alle St\u00e4mme umfassen soll, in der es keine Knechte mehr geben wird, in der jeder ehrliche Arbeiter den ehrlichen Lohn seiner Arbeit finden wird. Die Herrschaft des Kapitalismus, der Europa in ein Leichenfeld verwandelt hat, ist gebrochen. (\u2026) Wenn auch das Alte niedergerissen ist, d\u00fcrfen wir doch nicht glauben, dass unsere Aufgabe getan sei. Wir m\u00fcssen alle Kr\u00e4fte anspannen, um die Regierung der Arbeiter und Soldaten aufzubauen, um eine neue staatliche Ordnung des Proletariats zu schaffen, eine Ordnung des Friedens, des Gl\u00fccks und der Freiheit unserer deutschen Br\u00fcder und unserer Br\u00fcder in der ganzen Welt. Wir reichen ihnen die H\u00e4nde und rufen sie zur Vollendung der Weltrevolution auf. Wer von euch die freie sozialistische Republik Deutschland und die Weltrevolution erf\u00fcllt sehen will, erhebe seine Hand zum Schwur.\u201c Nicht ein Demonstrant erhob keine Hand. Der Ruf \u201aHoch die Republik\u2018 ersch\u00fctterte den Schlossplatz.<\/p>\n<p>Am 10. November schrieb ein Theodor Wolff im \u201aBerliner Tageblatt\u2018 \u00fcber die Revolution: \u201eDie gr\u00f6\u00dfte aller Revolutionen hat wie ein pl\u00f6tzlich losbrechender Sturmwind das kaiserliche Regime mit allem, was oben und unten dazu geh\u00f6rte, gest\u00fcrzt. Man kann sie die gr\u00f6\u00dfte aller Revolutionen nennen, weil niemals eine so fest gebaute, mit soliden Mauern umgebene Bastille so in einem Anlauf genommen worden ist. Es gab noch vor einer Woche einen milit\u00e4rischen und zivilen Verwaltungsapparat, der so verzweigt, so ineinander verf\u00e4delt, so tief eingewurzelt war, dass er \u00fcber den Wechsel der Zeiten hinaus seine Herrschaft gesichert zu haben schien. Durch die Stra\u00dfen von Berlin jagten die grauen Autos der Offiziere, auf den Pl\u00e4tzen standen wie S\u00e4ulen der Macht die Schutzleute, eine riesige Milit\u00e4rorganisation schien alles zu umfassen, in den \u00c4mtern und Ministerien thronte eine scheinbar unbesiegbare Bureaukratie. Gestern fr\u00fch war, in Berlin wenigstens, das alles noch da. Gestern nachmittag existierte nichts mehr davon \u2026\u201c<\/p>\n<p>Doch Liebknecht sollte Recht behalten, die Aufgabe war noch nicht vollendet, auch wenn die alte Ordnung zusammen gebrochen war. Die \u00fcberall entstehenden R\u00e4te der ArbeiterInnen und Soldaten waren die tats\u00e4chliche Machtinstanz in den Tagen der Revolution. Aber die ArbeiterInnen und Soldaten waren sich weder ihrer Macht bewusst, noch hatten sie ein Programm bzw. eine Vorstellung, wie der Sozialismus \u2013 den alle wollten \u2013 erreicht werden k\u00f6nnte. Sie hatten auch keine revolution\u00e4re F\u00fchrung in Form einer revolution\u00e4ren Partei mit Massenbasis, die f\u00fcr ein solches Progamm in den R\u00e4ten h\u00e4tte eine Mehrheit gewinnen k\u00f6nnen, wie es die Bolschewiki ein Jahr zuvor in Russland getan hatten.<\/p>\n<p>Der marxistische Historiker Pierre Brou\u00e9, der die deutsche Revolution intensiv untersucht hat, schreibt: \u201eDie Bewegung war so m\u00e4chtig, dass sich ihr niemand offen entgegenzustellen versuchte: nicht nur gaben die Mehrheitssozialdemokraten ihre Zustimmung zu den R\u00e4ten, sondern sogar die F\u00fchrer des Generalstabs, an ihrer Spitze Hindenburg, akzeptierten sie. Die einzige Frage war, ob die R\u00e4te das bleiben w\u00fcrden, was sie praktisch am 9. November waren: die einzige Machtquelle, die alleinige Autorit\u00e4t, oder ob sie, nur als \u00dcbergangsgebilde geduldet, auf kurze oder lange Sicht durch eine andere Herrschaftsform abgel\u00f6st werden sollten, n\u00e4mlich durch den mittels Wahl einer Nationalversammlung wieder hergestellten alten b\u00fcrgerlichen Staat. Um die R\u00e4te und die Nationalversammlung ging der wahre Kampf \u2013 der des Staates: Arbeiterstaat oder b\u00fcrgerlicher Staat, R\u00e4testaat, Sowjetrepublik oder b\u00fcrgerlich-parlamentarische Republik \u2026 Der revolution\u00e4re Aufschwung, die unmittelbare Initiative der Massen war so stark, dass die R\u00e4te sich \u00fcberall gebildet hatten, und in ihrem Scho\u00dfe mussten die Vertreter der b\u00fcrgerlichen Ordnung den Kampf f\u00fchren, um sie zu beseitigen, indem sie sich in den Rahmen der R\u00e4teherrschaft, die sie vorab nicht zur\u00fcckweisen konnten, erst einmal f\u00fcgten, um sie dann von innen umso radikaler zu zerst\u00f6ren.\u201c<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich f\u00fchrten alle Feinde des Sozialismus den Sozialismus im Munde, um die Massen zu t\u00e4uschen und zu l\u00e4hmen. Selbst der Direktor der Nationalbank, ein gewisser Herr Goldschmidt, sagte: \u201eDer wirtschaftliche Sozialismus, in vern\u00fcnftigen Formen angewandt, wird heute auch von den f\u00fchrenden Stellen des Wirtschaftslebens als durchaus berechtigt angesehen.\u201c Zur Speerspitze der Konterrevolution wurde die F\u00fchrung der Sozialdemokratischen Partei, zum gr\u00f6\u00dften Hindernis der Revolution aber die F\u00fchrung der Unabh\u00e4ngigen Sozialdemokratischen Partei.<\/p>\n<h4><\/h4>\n<figure id=\"attachment_37141\" aria-describedby=\"caption-attachment-37141\" style=\"width: 264px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-37141\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Novemberrevolution-Berlin-Deutsche-Revolution-Bremen-R\u00e4te-264x173.jpg\" alt=\"\" width=\"264\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Novemberrevolution-Berlin-Deutsche-Revolution-Bremen-R\u00e4te-264x173.jpg 264w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Novemberrevolution-Berlin-Deutsche-Revolution-Bremen-R\u00e4te-768x504.jpg 768w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Novemberrevolution-Berlin-Deutsche-Revolution-Bremen-R\u00e4te-529x347.jpg 529w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Novemberrevolution-Berlin-Deutsche-Revolution-Bremen-R\u00e4te-600x393.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Novemberrevolution-Berlin-Deutsche-Revolution-Bremen-R\u00e4te.jpg 787w\" sizes=\"(max-width: 264px) 100vw, 264px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-37141\" class=\"wp-caption-text\">Ausrufung der Bremer R\u00e4terepublik am 15. November 1918 vom Balkon des Bremer Rathauses<br \/>By Barth (Staatsarchiv Bremen) [CC BY-SA 3.0 (https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0)], via Wikimedia Commons<\/figcaption><\/figure>\n<h4>Doppelherrschaft<\/h4>\n<p>In den n\u00e4chsten Tagen entwickelte sich eine Situation der Doppelherrschaft. Mit den R\u00e4ten und deren am 10. November von einer Delegiertenversammlung der Berliner R\u00e4te gew\u00e4hlten Vollzugsrat gab es embryonale Organe eines Arbeiterstaates, der eine Entwicklung zu einer sozialistischen Gesellschaft einleiten k\u00f6nnte. Gleichzeitig wurde am 9. November, nach langen Verhandlungen zwischen den Arbeiterparteien eine Regierung gebildet. Liebknecht war an diesen Verhandlungen beteiligt gewesen. Er wurde von unz\u00e4hligen Arbeiterdelegationen bedr\u00e4ngt, in eine Regierung einzutreten. In ihm, dem prinzipienfestesten aller Kriegsgegner, sahen sie einen Garanten f\u00fcr eine Regierung, die Arbeiterinteressen vertreten w\u00fcrde. Liebknecht war sich der Gefahren einer Regierungsbildung, die nicht aus den R\u00e4ten selber erwachsen w\u00e4re, bewusst. Er spielte nur mit dem Gedanken, f\u00fcr wenige Tage einer Regierungsbildung zuzustimmen und daran teilzunehmen, um einen Waffenstillstand aushandeln zu k\u00f6nnen. Selbst daf\u00fcr wurde er von seinen GenossInnen der Spartakusgruppe (die sich bald Spartakusbund nannte) scharf kritisiert, denn jedes Zusammengehen mit den Mehrheitssozialdemokraten konnte die Massen nur verwirren. Unter seinem Einfluss stellte die USPD verschiedene Bedingungen f\u00fcr eine Regierungsbildung mit Vertretern der Mehrheitssozialdemokratie, darunter folgende:<\/p>\n<ol>\n<li>Deutschland soll eine soziale Republik sein.<\/li>\n<li>In dieser Republik soll die gesamte exekutive, legislative und jurisdiktionelle (ausf\u00fchrende, gesetzgebende und rechtsprechende) Macht ausschlie\u00dflich in den H\u00e4nden von gew\u00e4hlten Vertrauensm\u00e4nnern der gesamten werkt\u00e4tigen Bev\u00f6lkerung und der Soldaten sein.<\/li>\n<li>Ausschluss aller b\u00fcrgerlichen Mitglieder aus der Regierung.<\/li>\n<li>Die Beteiligung der Unabh\u00e4ngigen gilt nur f\u00fcr drei Tage als ein Provisorium, um eine f\u00fcr den Abschluss des Waffenstillstands f\u00e4hige Regierung zu schaffen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Mit diesen Bedingungen sollte sich eine \u00dcbergangsregierung auf die Schaffung einer Republik der Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te verpflichten. Die Mehrheits-SPD lehnte diese Bedingungen ab, f\u00fcr Liebknecht kam ein Regierungsbeitritt nicht mehr in Frage. Die USPD-Vertreter aber einigten sich auf eine Regierungsbildung mit abgespeckten Bedingungen. Diese beinhalteten immerhin die Aussage, dass die \u201epolitische Gewalt in den H\u00e4nden der Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te liegt\u201c, aber auch einen Bezug zur Frage der Konstituierenden Versammlung. Diese solle \u201eerst nach einer Konsolidierung der durch die Revolution geschaffenen Zust\u00e4nde\u201c er\u00f6rtert werden. Aber damit war die Verfassunggebende Versammlung auf dem Tisch. Die Regierung bestand aus jeweils drei Vertretern von MSPD und USPD und nannte sich, in Anlehnung an die russische Arbeiterregierung, Rat der Volksbeauftragten. Es gab also zwei Machtzentren: den Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te und den Rat der Volksbeauftragten. Ersterer erkannte die Regierung an, letzterer erkannte die politische Macht der R\u00e4te an. Was zu keinem Zeitpunkt angetastet wurde war der eigentliche alte kapitalistische Staatsapparat. Minister und andere Staatsbeamte blieben im Amt, was auch f\u00fcr die Provinzen und Kommunen im ganzen Land, mit der Ausnahme von Bremen und Hamburg, galt.<\/p>\n<p>Die Taktik der Feinde der Arbeitermacht, Mehrheits-SPD und Vertreter der alten Ordnung, war nun einerseits die R\u00e4te zu unterwandern und gleichzeitig handlungsunf\u00e4hig zu machen und andererseits eine Kampagne f\u00fcr allgemeine Wahlen zu einer Verfassunggebenden Versammlung (auch Konstituante oder Nationalversammlung genannt) zu f\u00fchren. Und das alles unter dem Banner des Sozialismus und der Sozialisierung der Industrie.<\/p>\n<p>Vor allem die Soldatenr\u00e4te sind von der Mehrheits-SPD und oftmals auch von Offizieren dominiert worden. Nicht selten ergriffen Mehrheits-SPD\u2018ler die Initiative zur Bildung eines Rats, um diesen unter Kontrolle zu bekommen. Der Vollzugsrat der Berliner Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te war zur H\u00e4lfte von Arbeitern und zur anderen H\u00e4lfte von Soldaten besetzt. Unter den Arbeitern teilten sich MSPD und USPD die Sitze. Es gab also keine linke Mehrheit in diesem Gremium. Gleichzeitig wurde es, organisiert von den Gegnern der Revolution, mit Anfragen und Bittstellungen \u00fcberflutet. Ohne Verwaltungsapparat ausgestattet f\u00fchrte das zu einer weitgehenden L\u00e4hmung der R\u00e4te und kam einer Sabotage gleich.<\/p>\n<p>Der Vollzugsrat best\u00e4tigte den Rat der Volksbeauftragten, der nun also seine Legitimation sowohl von der alten Macht, als auch von der neuen Macht, erhalten hatte. Der kapitalistische Staats- und Verwaltungsapparat wurde jedoch von dem Rat der Volksbeauftragten nicht angetastet.<\/p>\n<p>Rosa Luxemburg schrieb, dass die R\u00e4te \u201evor Unzul\u00e4nglichkeiten, vor Schw\u00e4chen, vor Mangel an eigener Initiative und Klarheit \u00fcber ihre Aufgaben es fertiggebracht haben, beinahe am zweiten Tag nach der Revolution die H\u00e4lfte der Machtmittel sich wieder aus der Hand entgleiten zu lassen, die sie am 9. November erobert hatten.\u201c Ein nicht unwichtiger Faktor war auch, dass das wichtige Prinzip aus der Pariser Kommune und den russischen Sowjets (russisch f\u00fcr R\u00e4te), die jederzeitige W\u00e4hl- und Abw\u00e4hlbarkeit der Delegierten in den R\u00e4ten faktisch nicht zur Anwendung kam. So konnten sich die vielf\u00e4ltigen Erfahrungen, die die Arbeiter und Soldaten in den Tagen der Revolution machten, nicht permanenten in der Zusammensetzung der R\u00e4te ausdr\u00fccken.<\/p>\n<h4>R\u00e4te oder Nationalversammlung<\/h4>\n<p>Die MSPD-F\u00fchrer pr\u00e4sentierten sich als Verfechter des Sozialismus und die Revolution als siegreich. Sie griffen die R\u00e4te nicht frontal an, aber forderten die Einberufung der Verfassunggebenden Versammlung \u2013 dies sei demokratischer, weil auf dem gleichen Wahlrecht f\u00fcr alle Staatsb\u00fcrger basierend, als ein R\u00e4testaat. Diese Argumentation ging einher mit heftiger L\u00fcgenpropaganda gegen die Spartakusgruppe und gegen die Bolschewiki. Unter anderem wurde behauptet, die Entente-M\u00e4chte w\u00fcrden Deutschland besetzen, sollten Liebknecht und Luxemburg an die Macht kommen. In Flugbl\u00e4ttern der SPD hie\u00df es: \u201eWer ernsthaft und dauernd vergesellschaften will, so dass der Kapitalismus nicht nach ein paar Jahren (wie es in Russland kommt) m\u00e4chtiger und unbeschr\u00e4nkter dasteht als je zuvor, der muss die Konstituante wollen.\u201c<\/p>\n<p>Die Konstituante war das entscheidende Mittel der Konterrevolution, die Abschaffung des Kapitalismus zu verhindern. Damit nahm die Konterrevolution eine demokratische Form an (obwohl sie, wie wir noch sehen werden, auch zu brutaler Gewalt griff), was auch die St\u00e4rke der Arbeiterklasse ausdr\u00fcckt. Aber die Konstituante war ein Mittel um die direkte Demokratie und Herrschaft der revolution\u00e4ren ArbeiterInnen und Soldaten durch die indirekte, parlamentarische und b\u00fcrgerliche Demokratie des Parlamentarismus zu ersetzen. Auf einer Versammlung der Arbeiterr\u00e4te Berlins am 19. November sagte der F\u00fchrer der revolution\u00e4ren Obleute und Mitglied im Vollzugsausschuss der R\u00e4te, Richard M\u00fcller: \u201eNiemand kann von uns verlangen, dass wir die von den Arbeitern und Soldaten erk\u00e4mpften Freiheiten und Rechte konterrevolution\u00e4ren Elementen \u00fcberlassen. (\u2026) Alles regt sich jetzt, alles will im Rate sitzen und mitregieren. Das schaffende Volk, ob Kopf- oder Handarbeiter soll vertreten sein. Aber nicht jene Parasiten, die am Marke des Volkes gezehrt haben. Genossen! Es bilden sich jetzt auch R\u00e4te der Hausbesitzer, es fehlt nur noch, dass sich R\u00e4te der Million\u00e4re bilden. Diese R\u00e4te lehnen wir ab. Und was steckt hinter dem Schrei nach der Nationalversammlung, der jetzt alle Bl\u00e4tter der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft durchl\u00e4uft? Warum verlangt man jetzt die Nationalversammlung? Man will auf diesem Wege die politische Gewalt in die H\u00e4nde der Bourgeoisie zur\u00fcckgeben.\u201c In der Illustrierten Geschichte der deutschen Revolution hei\u00dft es richtig: \u201eDie Losung des allgemeinen Wahlrechts war zweifellos richtig gewesen, als sie die Reform des kapitalistischen Staates betraf. Sie wurde falsch im Augenblick der Revolution, die der kapitalistischen Herrschaft selber zu Leibe ging.\u201c Oder wie Rosa Luxemburg sagte: \u201eDie von der Geschichte auf die Tagesordnung gestellte Frage lautet: b\u00fcrgerliche Demokratie oder sozialistische Demokratie. Denn Diktatur des Proletariats ist Demokratie im sozialistischen Sinne. Diktatur des Proletariats, das sind nicht Bomben, Putsche, Krawalle, Anarchie, wie die Agenten des kapitalistischen Profits zielbewusst f\u00e4lschen, sondern das ist der Gebrauch aller politischen Machtmittel zur Verwirklichung des Sozialismus (\u2026) Ohne den bewussten Willen und die bewusste Tat der Mehrheit des Proletariats kein Sozialismus.\u201c Dieser Gedanke zog sich durch das Programm des Spartakusbundes: \u201eDer Spartakus-Bund wird nie anders die Regierungsgewalt \u00fcbernehmen als durch den klaren, unzweideutigen Willen der gro\u00dfen Mehrheit der proletarischen Masse in ganz Deutschland, nie anders als kraft ihrer bewussten Zustimmung zu den Ansichten, Zielen und Kampfmethoden des Spartakus-Bundes.\u201c<\/p>\n<p>So weit aber war die Arbeiterklasse noch nicht. Sie hatte keine Klarheit \u00fcber die Aufgaben der Revolution und setzte in der ersten Phase der Revolution in ihrer Mehrheit die Hoffnungen auf den Aufbau des Sozialismus durch ein einheitliches Agieren der Arbeiterparteien. Man darf dabei nicht vergessen, dass die MSPD zwar den Krieg unterst\u00fctzt hatte, dies aber mit sozialistischen Phrasen begr\u00fcndet hatte und in Worten dem Sozialismus und der Vergesellschaftung der Industrie niemals, wie die heutige SPD, abgeschworen hatte (und selbst diese reklamiert den \u201ademokratischen Sozialismus\u2018 noch f\u00fcr sich). So profitierte die SPD, als traditionelle Partei der ArbeiterInnen, auch am st\u00e4rksten von der revolution\u00e4ren Bewegung. W\u00e4hrend erfahrenere Schichten der Arbeiterklasse sich in Richtung USPD und Spartakusbund orientierten, str\u00f6mte die Mehrheit der neu in das politische Leben eingetretenen ArbeiterInnen in die MSPD und w\u00e4hlten deren Vertreter, die sie oftmals schon viele Jahre als Sozialdemokraten kannten, in die Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te. Die Begeisterung \u00fcber den Sturz der alten M\u00e4chte kannte keine Grenzen und so verfing die geschickte Propaganda der MSPD, die unter der Losung f\u00fcr Einheit und Sicherung der erreichten Errungenschaften ihren Einfluss in der Arbeiterklasse ausweitete.<\/p>\n<h4>R\u00e4tekongress<\/h4>\n<p>Am 16. Dezember trat der Kongress der Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te Deutschlands f\u00fcr acht Tage zusammen. Ebert und seine Gefolgsleute hatten eine absolute Mehrheit der Delegierten auf ihrer Seite. Von 492 Delegierten geh\u00f6rten 298 zur MSPD und nur 101 zur USPD (davon bildeten zehn eine Gruppe von Spartakisten), der Rest waren Demokraten und Delegierte ohne Parteizugeh\u00f6rigkeit, die aber mehrheitlich mit der MSPD stimmten. Noch aufschlussreicher ist die Zusammensetzung des Kongresses nach Berufen, denn nur 179 Delegierte waren Arbeiter, Angestellte etc., 31 Unabh\u00e4ngige und 164 Mehrheitssozialdemokraten waren hauptamtliche Redakteure, Abgeordnete, Partei- und Gewerkschaftsangestellte und 71 Delegierte waren Intellektuelle. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg waren nicht zu Delegierten gew\u00e4hlt worden und der Kongress lehnte zwei Antr\u00e4ge ab, sie zu den Beratungen hinzu zu ziehen. Diese anti-sozialistische und gegenrevolution\u00e4re Mehrheit der Delegierten repr\u00e4sentierte jedoch nicht die Stimmung in der Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>Liebknecht f\u00fchrte Massendemonstrationen vor den Kongress, um die Delegierten unter Druck zu setzen. Doch auch das konnte nicht verhindern, dass sich dieses Revolutionsparlament selbst entmachtete, in dem er folgenden Antrag annahm: \u201eDer Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te Deutschlands, der die gesamte politische Macht repr\u00e4sentiert, \u00fcbertr\u00e4gt bis zur anderweitigen Regelung durch die Nationalversammlung die gesetzgebende und vollziehende Gewalt dem Rat der Volksbeauftragten.\u201c<\/p>\n<p>Die tats\u00e4chliche Stimmung unter den Massen dr\u00fcckte sich trotzdem in anderen Beschl\u00fcssen des Kongresses aus, vor allem in einem als \u201aHamburger Antrag\u2018 bekannt gewordenen Beschluss zur Situation in der Armee. Dieser bekr\u00e4ftigte unter anderem die Kommandogewalt der Soldatenr\u00e4te, die freie Wahl der Offiziere und forderte die beschleunigte Abschaffung des stehenden Heeres und die Errichtung der Volkswehr. Auch wurde ein Beschluss f\u00fcr den unverz\u00fcglichen Beginn der f\u00fcr die Sozialisierung reifen Industrien gef\u00e4llt. Doch diese Beschl\u00fcsse blieben ohnm\u00e4chtiges Papier und wurden niemals von der Regierung umgesetzt.<\/p>\n<h4>Die Armee handelt gegen die Revolution<\/h4>\n<p>Zehn Tage vor dem R\u00e4tekongress hatte es einen ersten Putschversuch der Konterrevolution gegeben. Die Oberste Heeresleitung hatte entsprechende Pl\u00e4ne mit Friedrich Ebert abgesprochen. Unter den regul\u00e4ren Truppen gab es noch der Obersten Heeresleitung loyale Verb\u00e4nde, in vielen Soldatenr\u00e4ten hatte die Mehrheits-SPD eine dominante Stellung. Dies \u00e4nderte sich in manchen F\u00e4llen im Verlauf der Ereignisse, wie im Fall der Volksmarinedivision.<\/p>\n<p>Am 6. Dezember riefen dann Reichswehr-Truppen Ebert zum Pr\u00e4sidenten aus \u2013 der nicht ablehnte, sondern sich Zeit zur Beratung mit seinem Kabinett erbat -, griffen eine Demonstration des Spartakusbundes an, t\u00f6teten dabei 14 Demonstranten und versuchten den Vollzugsrat der Berliner Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te zu verhaften. Spontaner Widerstand von Arbeitermassen vereitelte diesen ersten Putschversuch. Zwei Tage sp\u00e4ter demonstrierten 150.000 ArbeiterInnen unter Spartakus-Parolen gegen Ebert, Scheidemann und Co auf Berlins Stra\u00dfen.<\/p>\n<p>Zur n\u00e4chsten Offensive der Konterrevolution kam es am 23. und 24. Dezember, als Reichswehrtruppen gegen die das Berliner Schloss besetzende Volksmarinedivision eingesetzt wurden und es zu heftigen K\u00e4mpfen mit 67 Todesopfern kam. Die Volksmarinedivision hatte sich im Laufe der Revolution zu einer besonders stark mit der Berliner Arbeiterklasse verbundenen Einheit entwickelt. Die Matrosen hatten sich nach dem 6. Dezember zwar wiederholt dem Rat der Volksbeauftragten verpflichtet, f\u00fcgten aber einschr\u00e4nkend hinzu: \u201eals der Regierung, die auf ihrem Program die sozialistische Republik stehen hat.\u201c Im Falle eines Auseinanderbrechens der Regierung, sollte die Marine die Unabh\u00e4ngigen Sozialdemokraten mit der Waffe in der Hand verteidigen. Das war f\u00fcr Ebert und Co eine ausreichend ernsthafte Bedrohung, um Truppen gegen die Volksmarinedivision zu senden. Doch die Matrosen gingen, nicht zuletzt aufgrund der aktiven Solidarit\u00e4t von Berliner ArbeiterInnen, die die Reichswehrtruppen direkt konfrontierten und sie politisch agitierten, als Sieger aus diesen Zusammenst\u00f6\u00dfen hervor.<\/p>\n<p>Als Reaktion auf diese Ereignisse und die Beteiligung Eberts und Scheidemanns traten die USPD-Minister aus der Regierung aus. Sie ersetzend trat unter anderem der rechte Mehrheitssozialdemokrat Gustav Noske in diese ein. Noske hatte nach dem Matrosenaufstand in Kiel den dortigen Arbeiter- und Soldatenrat unter seine Kontrolle gebracht und sollte im weiteren Verlauf der Revolution noch eine besonders unr\u00fchmliche Rolle spielen.<\/p>\n<h4>Gr\u00fcndung der KPD<\/h4>\n<p>Vor dem Hintergrund dieser Polarisierung zwischen einer sich radikalisierenden Berliner Arbeiterklasse und Regierung, Generalstab und Kapital auf der anderen Seite, fand vom 30.12.1918 bis zum 1.1.1919 der Kongress statt, bei dem Spartakusbund und IKD (Internationale Kommunisten Deutschlands, vormals Bremer und andere \u201aLinks-Radikale\u2018) die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) gr\u00fcndeten. Der Spartakusbund hatte zwar politisch v\u00f6llig selbst\u00e4ndig agiert, mit der Roten Fahne ein eigenes Organ herausgebracht und keine Verantwortung f\u00fcr die Politik der USPD-F\u00fchrung \u00fcbernommen, war aber weiterhin Teil dieser Partei geblieben und nur sehr lose organisiert. Nun sahen die meisten Spartakisten, angesichts der Niederlagen beim Reichsr\u00e4tekongress und des Wankelmuts der USPD, die Notwendigkeit eine eigene, straffer organisierte Partei zu bilden und den Bruch mit der USPD f\u00fcr alle Arbeiter sichtbar zu vollziehen.<\/p>\n<p>So richtig die Gr\u00fcndung einer selbst\u00e4ndigen und gut organisierten revolution\u00e4ren Partei war, so schwer wog der Fehler, dass es Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in den Jahren zuvor vers\u00e4umt hatten, ihre Mitstreiter einheitlich und kollektiv in einer revolution\u00e4ren Organisation zusammen zu schlie\u00dfen. Der Spartakusbund bzw. seine Vorg\u00e4ngerin, die Gruppe Internationale, wurden erst nach dem Beginn des Krieges gegr\u00fcndet, obwohl Rosa Luxemburg fr\u00fcher als andere die Degeneration der SPD-F\u00fchrung erkannt hatte. Unter den Kriegsbedingungen von Zensur und Repression war es ungleich schwerer eine einheitliche Kraft zu bilden, aber die Notwendigkeit einer solchen wurde auch von den Spartakus-F\u00fchrern untersch\u00e4tzt. Dieser Mangel an Organisation und Kollektivit\u00e4t f\u00fchrte nicht nur dazu, dass die revoltion\u00e4ren MarxistInnen nicht einheitlich und organisiert in die Revolution eingreifen konnten und so das Potenzial f\u00fcr den Ausbau ihres Einflusses in den R\u00e4ten nicht ausgesch\u00f6pft wurde. Es f\u00fchrte auch zu einem Mangel an kollektiver politischer Diskussion und damit einem Mangel an politischer Klarheit. Erschwerend kam hinzu, dass die Delegierten des KPD-Gr\u00fcndungskongresses oftmals nicht die erfahrensten \u00f6rtlichen F\u00fchrer waren, sondern die Zusammensetzung aufgrund des Mangels an fester Organisation vor Ort zu einem gewissen Grad zuf\u00e4llig war. Das sollte sich nun r\u00e4chen. Auf dem Kongress dominierten ultra-linke Kr\u00e4fte, die voller revolution\u00e4rer Ungeduld nicht erkannten, dass nicht die Machteroberung durch die Arbeiterklasse als n\u00e4chster Schritt auf der Tagesordnung stand, sondern es darum ging erst einmal die Massen f\u00fcr ein Programm der Arbeitermacht zu gewinnen. So wurde gegen den Willen von Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Leo Jogiches und anderen F\u00fchrungspersonen beschlossen, die Wahlen zur Nationalversammlung zu boykottieren. Aus der korrekten grunds\u00e4tzlichen Position \u201aR\u00e4tedemokratie statt b\u00fcrgerlich-parlamentarischer Demokratie\u2018 zogen die KPD-Delegierten einen falschen taktischen Schluss. Sie untersch\u00e4tzten die Illusionen, die in der Arbeiterklasse in die Nationalversammlung bestanden und verkannten die Notwendigkeit den Wahlkampf und die Trib\u00fcne des Parlaments f\u00fcr revolution\u00e4re Propaganda zu nutzen. Rosa Luxemburg betonte, dass man vor einem langwierigen Kampf stehe und sagte: \u201eIch spreche von den gewaltigen Massen, nicht von Gruppen, die zu uns geh\u00f6ren. Es kommen Millionen in Betracht, M\u00e4nner, Frauen, junge Leute, Soldaten. Ich frage Sie, ob Sie mit gutem Gewissen sagen k\u00f6nnen, dass diese Massen, wenn wir hier beschlie\u00dfen die Nationalversammlung zu boykottieren, den Wahlen den R\u00fccken kehren werden oder, noch besser, ihre F\u00e4uste gegen die Nationalversammlung richten werden? Das k\u00f6nnt Ihr nicht mit gutem Gewissen behaupten (\u2026) In welcher Weise wollen Sie die Wahlen beeinflussen, wenn Sie von vornherein erkl\u00e4ren, wir halten die Wahlen f\u00fcr null und nichtig? Wir m\u00fcssen den Massen zeigen, dass es keine bessere Antwort gibt auf den gegenrevolution\u00e4ren Beschluss gegen das R\u00e4tesystem, als eine gewaltige Kundgebung der W\u00e4hler zustande zu bringen, indem sie gerade die Leute w\u00e4hlen, die gegen die Nationalversammlung und f\u00fcr das R\u00e4tesystem sind.\u201c<\/p>\n<p>Mit 62 zu 23 Stimmen wurde jedoch der Boykott beschlossen. Das war ein entscheidender Grund f\u00fcr die revolution\u00e4ren Obleute, der neuen Partei nicht beizutreten, sondern in der USPD zu bleiben. Weitere ultralinke Positionen wurden zu den Gewerkschaften eingenommen, wenn auch nicht formal beschlossen. Aber die Mehrheit der Delegierten erkannte den Zustrom von Arbeitern in die Gewerkschaften nicht und vertrat die Auffassung, dass Kommunisten nicht in den Gewerkschaften arbeiten sollten. Die KPD isolierte sich von den Massen. An den Wahlen zur Nationalversammlung nahmen 83 Prozent der Wahlberechtigten teil. 11,5 Millionen (37,9 Prozent) w\u00e4hlten SPD und 2,3 Millionen (7,6 Prozent) USPD. B\u00fcrgerliche Parteien stellten die Mehrheit. Das Projekt von Kapitalisten und SPD-F\u00fchreren, das kapitalistische System durch die Nationalversammlung zu retten, war erst einmal gegl\u00fcckt.<\/p>\n<h4><\/h4>\n<figure id=\"attachment_37099\" aria-describedby=\"caption-attachment-37099\" style=\"width: 111px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-37099\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Novemberrevolution-Berlin-Deutsche-Revolution-Spartakusaufstand-111x173.jpg\" alt=\"\" width=\"111\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Novemberrevolution-Berlin-Deutsche-Revolution-Spartakusaufstand-111x173.jpg 111w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Novemberrevolution-Berlin-Deutsche-Revolution-Spartakusaufstand-768x1192.jpg 768w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Novemberrevolution-Berlin-Deutsche-Revolution-Spartakusaufstand-224x347.jpg 224w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Novemberrevolution-Berlin-Deutsche-Revolution-Spartakusaufstand-600x931.jpg 600w\" sizes=\"(max-width: 111px) 100vw, 111px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-37099\" class=\"wp-caption-text\">Januaraufstand<br \/>By Alfred Grohs (Scan vom Original: Bernd Schwabe in Hannover) [CC BY 3.0 (https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/3.0)], via Wikimedia Commons<\/figcaption><\/figure>\n<h4>Januaraufstand<\/h4>\n<p>Doch noch bevor die Wahlen zur Nationalversammlung stattfanden, wurde die revolution\u00e4re Arbeiterschaft Berlins in eine Schlacht hinein provoziert, die zu einer schweren Niederlage und einem gro\u00dfen R\u00fcckschlag f\u00fcr die Revolution f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Die Kr\u00e4fte der Konterrevolution, unter anderem die auch von Sozialdemokraten unterst\u00fctzte Anti-Bolschewistische Liga, entwickelten im Dezember und Januar eine immer aggressivere Hetze gegen den Spartakusbund. Offen wurde auf Plakaten und Flugbl\u00e4ttern zum Mord an Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und anderen Spartakus-F\u00fchrern aufgerufen.<\/p>\n<p>Armeef\u00fchrung und die MSPD-Regierung bereiteten sich auf einen entscheidenden Schlag gegen die Revolution vor. Dazu konnten sie die, in den Wochen zuvor gebildeten, Freiwilligenverb\u00e4nde (Freikorps) nutzen. Das waren Verb\u00e4nde, die aus den reaktion\u00e4rsten Teilen der alten Armee bestanden. Nicht zuf\u00e4llig finden sich viele Freikorps-Mitglieder sp\u00e4ter in den Reihen von SA, SS und NSDAP wieder.<\/p>\n<p>Es wurde eine Provokation organisiert, die die KPD, USPD und die revolution\u00e4ren ArbeiterInnen zu Aktionen verleiten sollte, welche wiederum als Anlass zu milit\u00e4rischer Unterdr\u00fcckung dienen sollten. Die Provokation war die Absetzung des Berliner Polizeipr\u00e4sidenten Emil Eichhorn, eines USPD-Manns, der 2.000 Arbeiter und Soldaten zu einer \u201alinken\u2018 Polizeieinheit zusammen gefasst hatte. Eichhorn wurde am 3. Januar vom Innenministerium zum R\u00fccktritt aufgefordert und weigerte sich erwartungsgem\u00e4\u00df.<\/p>\n<p>USPD, revolution\u00e4re Obleute und KPD riefen darauf hin zu einer Demonstration zur Verteidigung Eichhorns auf. Dies sollte eine friedliche Demonstration des Willens zum Widerstand sein. Hunderttausende beteiligten sich am 5. Januar daran. Die Massen dr\u00e4ngten zur Aktion und als ein Provokateur dazu aufrief das Geb\u00e4ude der Vorw\u00e4rts-Redaktion zu besetzen, folgten sie. Der Vorw\u00e4rts hatte sich als Zentralorgan der SPD oftmals mit anti-revolution\u00e4ren Artikeln hervor getan und war schon im Dezember f\u00fcr kurze Zeit von revolution\u00e4ren Arbeitern besetzt worden. Die F\u00fchrer der USPD, die in Berlin vom linken Fl\u00fcgel dominiert wurde, die revolution\u00e4ren Obleute und Karl Liebknecht und Wilhelm Pieck von der KPD versammelten sich und entschieden sich daf\u00fcr, den Kampf zum Sturz der Regierung aufzunehmen und bildeten einen Revolutions-Ausschuss. Das war eine folgenschwere Fehlentscheidung. Selbst wenn die Berliner Arbeiterklasse m\u00f6glicherweise bereit und f\u00e4hig zum Regierungssturz gewesen w\u00e4re, so galt das ganz sicher nicht f\u00fcr den Rest Deutschlands.<\/p>\n<p>Die Situation erinnerte an die so genannten Juli-Tage in Russland 1917. Auch hier preschte das Proletariat Petrograds, die Speerspitze der revolution\u00e4ren Bewegung, voller Ungeduld und revolution\u00e4rem Elan vor und versuchte die Regierung zu st\u00fcrzen. Hier erkannten die Bolschewiki, dass ein solcher Schritt verfr\u00fcht gewesen w\u00e4re. Als sie die ArbeiterInnen nicht von einer bewaffneten Demonstration abhalten konnten, stellten sie sich an deren Spitze, um daf\u00fcr zu sorgen, dass diese als Protestdemonstration friedlich und organisiert durchgef\u00fchrt wurde. Damit gelang es ihnen, die entscheidenden Kr\u00e4fte der russischen Arbeiterklasse, die Arbeiter Petrograds, nicht ins offene Messer rennen zu lassen und diese Kr\u00e4fte intakt zu halten f\u00fcr den Moment der Machtergreifung, der im Oktober 1917 gekommen war.<\/p>\n<p>Rosa Luxemburg und die Mehrheit der KPD-F\u00fchrung erkannte den Fehler und unterst\u00fctzte Liebknechts Handeln nicht, hielt ihn aber auch nicht davon ab, in den Revolutions-Ausschuss einzutreten und Berlins Arbeiter zum Kampf aufzurufen.<\/p>\n<p>Karl Radek, der in diesen Tagen f\u00fcr die Bolschewiki den Kontakt zur KPD unterhielt, schrieb am 9. Januar an das Zentralkomitee der KPD: \u201eIn ihrer Programmbrosch\u00fcre \u201aWas will der Spartakusbund?\u2018 erkl\u00e4ren Sie, die Regierung erst dann \u00fcbernehmen zu wollen, wenn Sie die Mehrheit der Arbeiterklasse hinter sich haben. Dieser vollkommen richtige Standpunkt findet seine Begr\u00fcndung in der einfachen Tatsache, dass die Arbeiterregierung ohne Massenorganisationen des Proletariats undenkbar ist. Nun sind diese einzig in Betracht kommenden Massenorganisationen, die Arbeiterr\u00e4te, fast nur nominell vorhanden. Sie haben noch keine K\u00e4mpfe gef\u00fchrt, die Massenkr\u00e4fte ausl\u00f6sen k\u00f6nnten. Und dementsprechend hat in ihnen nicht die Partei des Kampfes die Oberhand, die Kommunistische Partei, sondern die Sozialpatrioten oder die Unabh\u00e4ngigen. In dieser Situation ist an die Machtergreifung des Proletariats gar nicht zu denken. W\u00fcrde sie, die Regierung, durch einen Putsch in eure H\u00e4nde fallen, sie w\u00fcrde in ein paar Tagen von der Provinz abgeschn\u00fcrt und erdrosselt werden. In dieser Situation durfte die Samstag von den revolution\u00e4ren Obleuten beschlossene Aktion wegen des Anschlags der sozialpatriotischen Regierung auf das Polizeipr\u00e4sidium nur den Charakter einer Protestaktion tragen. Die Vorderreihe des Proletariats, erbittert durch die Politik der Regierung, missleitet durch die revolution\u00e4ren Obleute, die ohne jede politische Erfahrung, nicht imstande sind, das ganze Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis im ganzen Reich zu \u00fcbersehen, haben in ihrem Elan die Bewegung aus einer Protestbewegung zu einem Kampf um die Gewalt ausgestaltet. Das erlaubt den Ebert und Scheidemann, der Berliner Bewegung einen Schlag zu versetzen, der die ganze Bewegung auf Monate schw\u00e4chen kann.\u201c<\/p>\n<p>Radek und auch Rosa Luxemburg schlugen Schritte zum organisierten R\u00fcckzug vor und orientierten auf eine Neuwahl der Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te. Aber es war zu sp\u00e4t, der Kampf hatte begonnen. Der Revolutions-Ausschuss beging darauf hin den noch unverzeihlicheren Fehler, den von ihm ausgerufenen Kampf nicht entschlossen zu f\u00fchren, keine der notwendigen Ma\u00dfnahmen zur Erreichung des Ziels zu ergreifen und auf dem H\u00f6hepunkt der Mobilisierungen nur die Losung zu Demonstrationen auszugeben. F\u00fcr zwei Tage, am 5. und 6. Januar, war die Regierung handlungsunf\u00e4hig. Der 6. Januar sah einen Generalstreik und eine halbe Million ArbeiterInnen auf Berlins Stra\u00dfen. Selbst Noske gab zu, dass mit einer entschlossenen F\u00fchrung die Massen Berlin in ihre H\u00e4nde h\u00e4tten bekommen k\u00f6nnen. Aber selbst das geschah nicht. Aufgrund der Unt\u00e4tigkeit der USPD zogen sich Liebknecht und Pieck wieder aus dem Revolutions-Ausschuss zur\u00fcck. Noch w\u00e4hrend Verhandlungen mit der Regierung stattfanden, schlug diese zu.<\/p>\n<p>Noske wurde am 6. Januar zum Oberbefehlshaber ernannt. In seinen Erinnerungen schreibt er \u00fcber die Beratungen der Regierung an diesem Tag: \u201eMeiner Meinung, dass nun versucht werden m\u00fcsse, mit Waffengewalt Ordnung zu schaffen, wurde nicht widersprochen. Der Kriegsminister, Oberst Reinhardt, formulierte einen Befehl, durch den die Regierung und der Zentralrat den Generalleutnant von Hoffmann, der mit einigen Formationen nicht weit von Berlin war, zum Oberbefehlshaber ernannte. Dagegen wurde eingewendet, dass die Arbeiter gegen einen General die gr\u00f6\u00dften Bedenken hegen w\u00fcrden. In ziemlicher Aufregung, denn die Zeit dr\u00e4ngte, auf den Stra\u00dfen riefen unsere Leute nach Waffen, stand man im Arbeitszimmer Eberts umher. Ich forderte, dass ein Entschluss gefasst werde. Darauf sagte jemand: \u201aDann mach du doch die Sache!\u2018 Worauf ich kurz entschlossen erwiderte: \u201aMeinetwegen! Einer muss der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht!\u2018\u201c<\/p>\n<p>Der Bluthund f\u00fchrte die Freikorps gegen die k\u00e4mpfenden Arbeiter in den besetzten Zeitungsredaktionen (mittlerweile waren mehrere Zeitungsgeb\u00e4ude besetzt worden) und schlug den Januaraufstand brutal nieder. Die K\u00e4mpfe hielten bis zum 12. Januar an. Nach offiziellen Angaben sind in diesen Tagen 156 Menschen ums Leben gekommen, tats\u00e4chlich werden es viel mehr gewesen sein. Die Freikorps w\u00fcteten mit unmenschlicher Bestialit\u00e4t. Im USPD-Organ \u201aFreiheit\u2018 berichtete ein Gefangener: \u201eAls der Gefangenentransport vor die Alexanderkaserne kam, wurden f\u00fcnf davon \u2026 auf offener Stra\u00dfe an die Wand gestellt und von Regierungssoldaten \u2026 niedergeschossen \u2026 Die \u00fcbrigen Gefangenen wurden, w\u00e4hrend sie durch das Tor in den Kasernenhof transportiert wurden, in unerh\u00f6rter Weise von Regierungssoldaten, sogenannten \u201aMaik\u00e4fern\u2018, misshandelt und mit Kolbenschl\u00e4gen traktiert \u2026 Ein sechzehnj\u00e4hriger Knabe, der sich unter den Gefangenen befand, nat\u00fcrlich Zivilist, rief auf dem Kasernenhof \u201aHoch Liebknecht\u2018 und erhielt \u2026 mit dem Kolben einen Schlag auf den Kopf, der ihm den Sch\u00e4del spaltete.\u201c<\/p>\n<p>Die Hetze gegen die KPD erreichte neue H\u00f6hen. Im Vorw\u00e4rts erschien folgendes Gedicht:<\/p>\n<p>Vielhundert Tote in einer Reih \u2013<\/p>\n<p>Proletarier!<\/p>\n<p>Karl, Rosa, Radek und Kumpanei<\/p>\n<p>\u2013 es ist keiner dabei,<\/p>\n<p>es ist keiner dabei!<\/p>\n<p>Proletarier!<\/p>\n<p>Am 15. Januar wurde der vielfache Aufruf zur Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknecht von Freikorps-Soldaten in die Tat umgesetzt. Die beiden wichtigsten revolution\u00e4ren F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten der deutschen Arbeiterklasse versteckten sich zwar, wollten aber nicht v\u00f6llig untertauchen und die Berliner ArbeiterInnen, aus ihrer Sicht, nicht im Stich lassen. Sie wurden von Freikorps aufgesp\u00fcrt und ermordet.<\/p>\n<p>Die Januar-Niederlage und die Ermordung von Liebknecht und Luxemburg schlie\u00dfen die erste Phase der deutschen Revolution der Jahre 1918 bis 1923 ab. Mit dem Verlust von Liebknecht und Luxemburg war die KPD schwer getroffen. Ihrer st\u00e4rksten intellektuellen F\u00fchrerin und ihres in der Arbeiterklasse angesehensten F\u00fchrers beraubt, war die KPD \u00fcber Jahre nicht in der Lage sich eine Massenbasis aufzubauen und unf\u00e4hig die sich in den folgenden Jahren ergebenden M\u00f6glichkeiten zum Sturz der kapitalistischen Ordnung zu ergreifen.<\/p>\n<p>Nach der Niederschlagung des Aufstands in Berlin, zogen die Freikorps durch Deutschland und stellten in einer Stadt nach der anderen \u201aRuhe und Ordnung\u2018 her und zerschlugen die revolution\u00e4ren R\u00e4te, wo es sie gab. Im Mai fiel als letztes die Bayrische R\u00e4terepublik. Der dortige kommunistische F\u00fchrer Eugen Levin\u00e9 wird vor seiner Hinrichtung mit den heroischen Worten zitiert: \u201eWir Kommunisten sind nur Tote auf Urlaub. (\u2026) Sie m\u00f6gen mich t\u00f6ten \u2013 meine Ideen werden weiter leben!\u201c<\/p>\n<p>Die Arbeiterklasse hatte einen schweren R\u00fcckschlag erlitten, aber sie war nicht besiegt. Ende Februar f\u00fchrten Neuwahlen zu den Berliner Arbeiterr\u00e4ten zu einer deutlichen St\u00e4rkung von USPD und KPD. Hunderttausende traten in den n\u00e4chsten Monaten in ganz Deutschland in die USPD ein. Streikwellen f\u00fcr Sozialisierung der Industrie und wirtschaftliche Forderungen der Arbeiterklasse duchzogen das Land. In Berlin kam es im am 4. M\u00e4rz zu einem von der Vollversammlung der Arbeiterr\u00e4te ausgerufenen Generalstreik f\u00fcr die Anerkennung der Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te, die Freilassung aller politischer Gefangenen, die Verhaftung der M\u00f6rder von Luxemburg und Liebknecht, die Aufl\u00f6sung der Freikorpsverb\u00e4nde und \u00e4hnliches. Noske lie\u00df Berlin von 30.000 Freikorps-S\u00f6ldnern besetzen und unterdr\u00fcckte den bis zum 8. M\u00e4rz dauernden Streik brutal. In diesen Tagen wurde der Nachfolger von Luxemburg und Liebknecht an der Spitze der KPD, Leo Jogiches, ermordet. Doch auch diese R\u00fcckschl\u00e4ge markierten keine dauerhafte Niederlage f\u00fcr die Arbeiterklasse. Die Konterrevolution musste, trotz aller Brutalit\u00e4t der Freikorps, sich eine demokratische Form geben. Die Novemberrevolution erk\u00e4mpfte wichtige Errungenschaften, wie den 8-Stunden-Tag, staatliche Arbeitslosenversicherung, die Festschreibung von Arbeitsbedingungen in Tarifvertr\u00e4gen, das freie und gleiche Wahlrecht f\u00fcr M\u00e4nner und Frauen und andere.<\/p>\n<p>Weitere Gelegenheiten zur erfolgreichen Revolution sollten sich schon 1920 und 1923 entwickeln. Und so best\u00e4tigten sich Rosa Luxemburgs Worte in ihrem letzten Artikel vom 14. Januar 1918: \u201e\u2018Ordnung herrscht in Berlin!\u2018 Ihr stumpfen Schergen! Eure \u201aOrdnung\u2018 ist auf Sand gebaut. Die Revolution wird sich morgen schon \u201arasselnd wieder in die H\u00f6h\u2018 richten\u2018 und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verk\u00fcnden: Ich war, ich bin, ich werde sein!\u201c<\/p>\n<p><em>Sascha Stanicic ist Bundessprecher der SAV und verantwortlicher Redakteur von sozialismus.info. Er lebt in Berlin.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor hundert Jahren st\u00fcrzten Arbeiter*innen und Soldat*innen die Monarchie<\/p>\n","protected":false},"author":243,"featured_media":37098,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[99],"tags":[1492,1468,1101,1491,1469,1470,852,297,814,851],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37137"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/243"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=37137"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37137\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":37157,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37137\/revisions\/37157"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/37098"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=37137"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=37137"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=37137"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}