{"id":36752,"date":"2018-10-01T17:00:05","date_gmt":"2018-10-01T15:00:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=36752"},"modified":"2018-10-02T16:00:41","modified_gmt":"2018-10-02T14:00:41","slug":"buchtipp-neue-klassenpolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2018\/10\/buchtipp-neue-klassenpolitik\/","title":{"rendered":"Buchtipp: &#8222;Neue Klassenpolitik&#8220;"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_28669\" aria-describedby=\"caption-attachment-28669\" style=\"width: 258px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-28669\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/14298263328_4e81e8fce0_h-258x173.jpg\" alt=\"\" width=\"258\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/14298263328_4e81e8fce0_h-258x173.jpg 258w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/14298263328_4e81e8fce0_h-518x347.jpg 518w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/14298263328_4e81e8fce0_h-600x401.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/14298263328_4e81e8fce0_h.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 258px) 100vw, 258px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-28669\" class=\"wp-caption-text\">Foto: https:\/\/www.flickr.com\/photos\/dielinke_nrw\/ CC BY-SA 2.0<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Neues Buch von Bernd Riexinger<\/strong><\/p>\n<p>Manche B\u00fccher \u00fcber Arbeitsbedingungen und Klassenpolitik sind entweder so akademisch, dass man nach zwanzig Seiten die Lust am Lesen verliert, oder eine solche \u00f6konomistische Aneinanderreihung von Fakten, dass man nach der zehnten Statistik die neunte schon wieder vergessen hat. Nicht so das neue Buch des LINKE-Vorsitzenden Bernd Riexinger: Es ist faktenreich, hochaktuell, locker geschrieben und lesenswert.<\/p>\n<p><em>Von Lucy Redler<\/em><\/p>\n<p>Bernd Riexingers vertritt die These, dass die Arbeiter*innenklasse trotz ver\u00e4nderter Zusammensetzung weiter existiert. Damit widerspricht er dem Versuch, einer Klassenanalyse die Einteilung der Gesellschaft in Milieus entgegenzustellen, und Behauptungen, das Prekariat sei eine neue Klasse bzw. Klassen seien insgesamt verschwunden.<\/p>\n<p>Riexinger f\u00fchrt aus, dass die Klasse heute \u201eweiblicher, migrantischer und h\u00e4ufiger im Dienstleistungsbereich und in prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen t\u00e4tig [ist] als noch vor 30, 40 oder 50 Jahren.\u201c F\u00fcr ihn z\u00e4hlen all jene zur Arbeiter*innenklasse, die \u201eihre Arbeitskraft verkaufen m\u00fcssen und in ihrer Stellung in den Betrieben keine unternehmerische Funktion aus\u00fcben.\u201c Das seien nicht nur jene, die direkt Mehrwert produzieren, sondern auch Arbeiter*innen und Angestellte, die \u201eunproduktive Arbeiten\u201c erf\u00fcllen und damit die Voraussetzung f\u00fcr die Mehrwertproduktion schaffen.<\/p>\n<h4>F\u00fcr eine inklusive Klassenpolitik<\/h4>\n<p>Faktenreich werden die Umbr\u00fcche in der Zusammensetzung der Arbeiter*innenklasse von der industriell gepr\u00e4gten Klasse bis zur heutigen fragmentierteren Klasse beschrieben, deren Mitglieder st\u00e4rker im Dienstleitungssektor besch\u00e4ftigt sind und mit Leiharbeit, Werkvertr\u00e4gen, Mini- und Midijobs und Soloselbstst\u00e4ndigkeit zu k\u00e4mpfen haben.<\/p>\n<p>Riexinger f\u00fchrt zurecht aus, dass diese Schichten der Klasse eine wichtigere Rolle in K\u00e4mpfen und Streiks spielen. Das stimmt, doch h\u00e4tte es dem Buch gut getan, wenn er auf die zentrale Rolle der Industriearbeiterklasse und die von Sozialpartnerschaft gepr\u00e4gte Politik der F\u00fchrungen der Industriegewerkschaften mehr eingegangen w\u00e4re<\/p>\n<p>Aufgrund der neuen Differenziertheit sei, so Riexinger, eine neue, inklusive Klassenpolitik n\u00f6tig. Dabei d\u00fcrfen Linke den Einsatz f\u00fcr Minderheiten nicht gegen die Klassenfrage ausspielen: \u201eDie K\u00e4mpfe gegen rassistische Gewalt und Gewalt gegen Frauen, f\u00fcr das Bleiberecht f\u00fcr alle Verfolgten und f\u00fcr geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung gehen nicht nur die Betroffenen an. Sie sind Teil des Klassenkampfes.\u201c Das Kapitel zu Identit\u00e4tspolitik und Klasse ist nicht nur, aber auch als aktuelle Auseinandersetzung mit den Gr\u00fcnder*innen von \u201eAufstehen\u201c zu lesen.<\/p>\n<h4>Erneuerung der Gewerkschaften<\/h4>\n<p>Bernd Riexinger verarbeitet seine eigenen Erfahrungen als Bankangestellter und als linker Gewerkschaftssekret\u00e4r und mit den dynamischen Bewusstseinsprozessen von Kolleg*innen und der Demokratisierung von Auseinandersetzungen. Das Buch fordert dazu auf, die Gewerkschaften zu erneuern, und zu wirklichen Klassenorganisationen mit politischem Mandat zu machen. Es legt dar, dass Klassenbewusstsein durch Erfahrungen und deren bewusste Verarbeitung entsteht. Erfrischend pl\u00e4diert der Autor daf\u00fcr, Streiks und K\u00e4mpfe zu demokratisieren und nicht nur auf Alltagsforderungen zu beschr\u00e4nken, sondern mit \u201eweitreichenden Vorstellungen einer anderen Gesellschaft jenseits von Ausbeutung und Kapitalismus zu verbinden\u201c. Seine Analyse des Verh\u00e4ltnisses von F\u00fchrung und Basis ist jedoch kritikw\u00fcrdig. Es fehlt eine kritische Bewertung der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie als einer an hierarchischen Strukturen und sozialem Frieden interessierten Schicht innerhalb der Gewerkschaften und damit die Schlussfolgerung, eine handlungsf\u00e4hige und organisierte Gewerkschaftslinke als Alternative zur derzeitigen F\u00fchrung aufzubauen.<\/p>\n<h4>Systemalternative<\/h4>\n<p>Der Ansatz, um zu einer anderen, einer demokratisch sozialistischen Gesellschaft zu gelangen ist ein \u201etransformatorischer\u201c, kein revolution\u00e4rer. Es wird auf das Konzept der Wirtschaftsdemokratie zur\u00fcckgegriffen, welches in den 1920er Jahren schon in der Arbeiterbewegung diskutiert wurde und f\u00fcr Wirtschaftsr\u00e4te argumentiert, \u201edie \u00fcber die Rahmenplanung der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung demokratisch entscheiden\u201c sollen. Die Vorstellung, dass die politische Macht in die H\u00e4nde der Klasse, um die sich das Buch dreht, schrittweise gelangen kann, widerspricht jedoch aller historischen Erfahrung.<\/p>\n<h4>K\u00e4mpfe verbinden<\/h4>\n<p>Riexinger beschreibt wie mit der Ver\u00e4nderung der Zusammensetzung der Klasse auch neue Schichten in den Kampf treten und Streiks vermehrt im privaten und \u00f6ffentlichen Dienstleistungssektor stattfinden. Er erz\u00e4hlt von mutmachenden K\u00e4mpfen der Erzieher*innen, der Besch\u00e4ftigten der Charit\u00e9 und der Kolleg*innen bei Amazon. Er argumentiert daf\u00fcr, verbindende K\u00e4mpfe zu schaffen durch Forderungen nach der Erh\u00f6hung des Mindestlohns auf zw\u00f6lf Euro, die Verallgemeinerung der Tarifbindung, den Kampf um Arbeitszeitverk\u00fcrzung bei vollem Lohnausgleich und Personalbemessung in der Pflege.<\/p>\n<p>Es ist ein gro\u00dfer Fortschritt, wenn in der LINKEN wieder offensiv \u00fcber Klassenpolitik diskutiert wird und mit den Kampagnen zu Pflege und Mieten eine Umsetzung in der Praxis angestrebt wird. Es gilt darum zu k\u00e4mpfen, dass diese Diskussionen und Kampagnen zu einem pr\u00e4genden Charakteristikum der Partei werden \u2013 denn die Praxis der Partei sieht oftmals noch anders aus.<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.vsa-verlag.de\/nc\/buecher\/detail\/artikel\/neue-klassenpolitik\/\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-36801\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Riexinger_Neue_Klassenpolitik_Titel-1-231x347.jpg\" alt=\"\" width=\"172\" height=\"258\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Riexinger_Neue_Klassenpolitik_Titel-1-231x347.jpg 231w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Riexinger_Neue_Klassenpolitik_Titel-1-115x173.jpg 115w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Riexinger_Neue_Klassenpolitik_Titel-1-768x1152.jpg 768w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Riexinger_Neue_Klassenpolitik_Titel-1-600x900.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Riexinger_Neue_Klassenpolitik_Titel-1.jpg 1103w\" sizes=\"(max-width: 172px) 100vw, 172px\" \/><\/a><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Lucy Redler ist Bundessprecherin der SAV und Mitglied im Parteivorstand der LINKEN<\/em><\/p>\n<p><em>Bernd Riexinger, Jahrgang 1955, ist Bundestagsabgeordneter und seit 2012 einer der beiden Vorsitzenden der Partei DIE LINKE. Zuvor war er viele Jahre Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Bezirks Stuttgart von ver.di. Sein Buch &#8222;Neue Klassenpolitik&#8220; ist im September 2018 im VSA Verlag erschienen.<\/em><\/p>\n<p><em>Bernd Riexinger: Neue Klassenpolitik. Solidarit\u00e4t der Vielen statt Herrschaft der Wenigen. VSA Verlag Hamburg, 160 S., 14,80 \u20ac<\/em><\/p>\n<p><em>https:\/\/www.vsa-verlag.de\/nc\/buecher\/detail\/artikel\/neue-klassenpolitik\/<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neues Buch von Bernd Riexinger<\/p>\n","protected":false},"author":243,"featured_media":28669,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[25,29],"tags":[1399,784,1247,1412,1413,1411],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36752"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/243"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=36752"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36752\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":36806,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36752\/revisions\/36806"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/28669"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=36752"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=36752"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=36752"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}