{"id":36628,"date":"2018-09-19T17:00:10","date_gmt":"2018-09-19T15:00:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=36628"},"modified":"2018-09-20T08:32:28","modified_gmt":"2018-09-20T06:32:28","slug":"die-maer-vom-fortschritt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2018\/09\/die-maer-vom-fortschritt\/","title":{"rendered":"Die M\u00e4r vom Fortschritt"},"content":{"rendered":"<p><strong><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-36629 alignleft\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Roboter-Technik-Technology-280x158.png\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"158\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Roboter-Technik-Technology-280x158.png 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Roboter-Technik-Technology-768x432.png 768w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Roboter-Technik-Technology-560x315.png 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Roboter-Technik-Technology-600x338.png 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Roboter-Technik-Technology.png 960w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/>Die vielbeschworene digitale Revolution ist keine. Der Kapitalismus ist zur Innovation schon lange nicht mehr f\u00e4hig<\/strong><\/p>\n<p><em>Dieser Artikel erschien erstmals in der Jungen Welt vom 22.8.2018<\/em><\/p>\n<p>Der Kapitalismus hat seine F\u00e4higkeit zur grundlegenden Erneuerung verloren. Er ist nicht nur nicht in der Lage, revolution\u00e4re technologische Ver\u00e4nderungen hervorzubringen, sondern bremst den Fortschritt insgesamt aus. Nach der alles umw\u00e4lzenden industriellen Revolution, die den Produktivkr\u00e4ften eine neue Gestalt auf Grundlage der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse gab, fanden in abnehmenden Ma\u00dfe nur noch quantitative Ver\u00e4nderungen statt. Mit dem Eintritt in sein monopolistisches Stadium wurde der Charakter des Kapitalismus nicht nur konservativ, sondern destruktiv, mit den uns bekannten Folgen wie Weltkriegen und der fortschreitenden Zerst\u00f6rung der Lebensgrundlagen der Menschheit.<\/p>\n<p><em>Von Ren\u00e9 Arnsburg<\/em><\/p>\n<p>Zur Zeit wird viel \u00fcber eine vermeintliche vierte industrielle Revolution (\u00adIndu\u00adstrie 4.0) gesprochen. Die vorgebrachten Argumente sind dabei nicht so neu, wie man meint. Die Vorstellung eines intelligenten Computers reicht zur\u00fcck bis zu Alan Turing (1912\u20131954) und dessen Idee einer lernf\u00e4higen Maschine. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Frage, ob wir vor der Einf\u00fchrung der automatisierten Produktion und damit einer neuen industriellen Revolution stehen, periodisch immer wieder diskutiert: in den 1950er und 1960er Jahren angesichts der Entwicklung von Mikroprozessoren, in den 1970ern vor dem Hintergrund der Einf\u00fchrung digital programmierbarer Maschinen (Produktionsroboter), in den 1980er Jahren war es der Durchbruch der Heim-PCs, der die Debatte befeuerte, schlie\u00dflich das Aufkommen des Internets in den fr\u00fchen 2000er Jahren, und heute sind es hochleistungsf\u00e4hige, tragbare Endger\u00e4te. Allein die Tatsache, dass in den letzten siebzig Jahren der ersehnte Durchbruch ausblieb, sollte Grund genug sein, angesichts der neuen \u00bbsmarten\u00ab Ger\u00e4te nicht in Euphorie zu verfallen. Es kommt darauf an, Sein von Schein zu unterscheiden und den Kapitalismus auf seine reale Innovationsf\u00e4higkeit hin zu untersuchen.<\/p>\n<p>Welche der vier industriellen Revolutionen war nun wirklich eine? Die erste trennte die Arbeitsleistung von der physischen Kapazit\u00e4t, Arbeit zu verrichten. Wo vorher Mensch oder Tier Werkzeuge mit ihrer K\u00f6rperkraft bedienten, war jetzt die Maschine am Werk. Kein noch so ausgereifter mechanischer Webstuhl konnte dieselbe Masse an Waren produzieren wie ein mit Dampfkraft betriebener. Der Siegeszug der Dampfmaschine machte den Einsatz einer \u00e4u\u00dferen Kraftquelle orts- und witterungsunabh\u00e4ngig. Gleichzeitig und dadurch bef\u00f6rdert setzten sich die Prinzipien der kapitalistischen Produktion durch: Arbeits(st\u00fcck)lohn, kleinschrittige Arbeitsteilung und Serienproduktion, die auf Grund der gestiegenen Produktivit\u00e4t f\u00fcr sinkende St\u00fcckkosten sorgte und gro\u00dfe Gewinne abwarf.<\/p>\n<p>Moderne Arbeitsteilung und Massenproduktion werden unter den Begriffen Fordismus und Taylorismus der sogenannten zweiten industriellen Revolution zugeordnet. Die umfassende Elektrifizierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts sorgte f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit der Produktion von unmittelbaren Energiequellen, f\u00fchrte jedoch keine neuen Produktionsmethoden ein oder gab den Produktivkr\u00e4ften eine neue Gestalt. Letztere waren vielmehr die bis dahin zur Vollendung ausgeformten Prinzipien des kapitalistischen Gro\u00dfbetriebs, was f\u00fcr eine weitere Steigerung der Produktivit\u00e4t sorgte.<\/p>\n<h4>Neue Werkzeuge<\/h4>\n<p>Die dritte industrielle Revolution, auch als Roboterisierung oder Automatisierung bekannt, war nichts anderes als eine weitere graduelle Ver\u00e4nderung der Produktionsweise, mit der erfolglos die abflachende Produktivit\u00e4tsentwicklung und die Profitabilit\u00e4tskrise bek\u00e4mpft werden sollte. Vereinfacht k\u00f6nnte gesagt werden, dass mit Robotern in der Produktion nur neue Werkzeuge eingef\u00fchrt wurden.<\/p>\n<p>Die Digitalisierung verspricht, die lang ersehnte automatisierte Produktion, also die Trennung der Produktion vom Menschen, umzusetzen. Der Kapitalismus beruht auf der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft, wie klein auch deren Anteil an einem konkreten Produktionsprozess werden mag. Doch von der Notwendigkeit, f\u00fcr Profit menschliche Arbeitskraft auszubeuten, abgesehen, ist es auch aus einem anderen Grund h\u00f6chst unwahrscheinlich, dass wir so etwas wie k\u00fcnstliche Intelligenz oder entmenschte Produktion erleben werden: Der Kapitalismus besitzt nicht die Innovationsf\u00e4higkeit f\u00fcr diesen Sprung in der Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte und der dazu notwendigen Forschung.<\/p>\n<p>Folgt daraus, dass alles Revolution\u00e4re an der digitalen Welt Lug und Trug ist? Was die utopischen oder dystopischen Vorstellungen einer von Skynet beherrschten nahen Zukunft betrifft: auf jeden Fall. Was uns allerdings revolution\u00e4r erscheint, ist eine qualitative Ver\u00e4nderung der Kommunikationsmittel. Das allseitig verf\u00fcgbare Internet und die hohe Durchdringung der Weltbev\u00f6lkerung mit mobilen Endger\u00e4ten haben den Austausch von Text-, Bild- und Toninformationen auf ein bislang unbekanntes Niveau gehoben. Das hat nicht zuletzt einen Einfluss auf die Arbeitswelt, was Besch\u00e4ftigte t\u00e4glich zu sp\u00fcren bekommen.<\/p>\n<p>Dabei sollten wir allerdings nicht dem Irrtum unterliegen, dass die Basistechnologien f\u00fcr diese Entwicklung erst in den letzten Jahren erforscht wurden. Der Funk ist hundert Jahre alt, mobile Telefonie wurde ab 1946 in US-amerikanischen Autos verbaut und sind in Deutschland in den sp\u00e4ten 1950ern unter dem Namen A-Funk bekannt. Ber\u00fchrungsempfindliche Bildschirme gibt es seit den 1970ern, bei Telefonen seit Anfang der 1990er Jahre. Die Weiterentwicklung dieser Technologien zu Tablets und Smartphones versperrt oft durch spektakul\u00e4re Aufmachung den Blick darauf, dass das bei weitem nicht so revolution\u00e4r war wie die Einf\u00fchrung des Siemens-Martin-Ofens in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts. Der Unterschied in der Wahrnehmung besteht vor allem darin, dass wir das Ergebnis in der Hand halten und selten jemand einen neuen Schmelztiegel im Garten stehen hat.<\/p>\n<h4>Staatliche Intervention<\/h4>\n<p>Jeder \u00dcbergang von einer Gesellschaftsformation zu einer anderen hat eine grundlegende \u00c4nderung in der Produktionsweise zur Voraussetzung gehabt. Die gestiegene Arbeitsproduktivit\u00e4t und die Aneignung des Mehrprodukts stie\u00dfen an die Grenzen der gesellschaftlichen Organisation und brachten letztere zu Fall. Die freigesetzten Kr\u00e4fte der Entwicklung in technischer oder wissenschaftlicher Hinsicht sorgten daf\u00fcr, dass alles umgekrempelt wurde. Die fr\u00fche Konkurrenz der neuen Herrschenden im jungen Kapitalismus befl\u00fcgelte das Streben nach immer weitergehender Erneuerung, um mehr Profit zu erlangen und weitere Gebiete in den Verwertungsprozess einzuschlie\u00dfen. Als alles erobert war, als immer weniger Konzerne die Produktion und M\u00e4rkte beherrschten, ging der Drang zur Erneuerung verloren. Monopolgewinne werden nicht durch Investitionen erziehlt, sondern durch Marktmacht. Dort wo es n\u00f6tig war, nach dem Zweiten Weltkrieg weitere Fortschritte zu machen (Milit\u00e4r und Raumfahrt, \u00dcberwachung und Repression sowie Rationalisierung), sprang der Staat ein. Er schoss Kapital vor, um die enormen Kosten f\u00fcr Forschung und Entwicklung zu decken, die das faulende Kapital nicht mehr \u00fcbernehmen wollte. Nicht einmal das Internet w\u00fcrde ohne staatliche Intervention in der heutigen Form existieren. Allein der Nachkriegsaufschwung, der auf der massenhaften Vernichtung von Menschenleben und der Zerst\u00f6rung von G\u00fctern in Folge des Zweiten Weltkriegs beruhte, hat es m\u00f6glich gemacht, dass sich neues Material des Massenkonsums wie Plastik und Gummi durchsetzte. Entwickelt wurden sie bereits vorher, aber die Sackgasse, in der sich der Kapitalismus befand, hatte deren Einf\u00fchrung bis auf Ausnahmen verhindert. Erst als damit wieder Gewinn zu machen war, war es dann soweit.<\/p>\n<p>Die Produktivit\u00e4tskrise, die wir trotz der \u00bbdigitalen Revolution\u00ab sehen, ist im Grunde eine Krise der technischen Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte, die unter kapitalistischer Organisation keinen qualitativen Fortschritt mehr macht. Um das zu l\u00f6sen, um den Sprung auf eine neue Stufe zu schaffen, w\u00e4re die Freisetzung enormer Kr\u00e4fte notwendig. Genauso wie deren bedarfsgerechte materielle Ausstattung in einer freien Forschungsumgebung, ohne den Einfluss privater Profitinteressen. Dazu ist der Kapitalismus nicht f\u00e4hig. Viel eher l\u00e4sst er Menschen an Grenzen, in Meeren und an Krankheiten sterben, w\u00e4hrend er wirklichen Fortschritt aufh\u00e4lt. Im Sinne des technischen und damit menschlichen Fortschritts, ist es notwendig, Einzelinteressen aus diesen Bereichen zu entfernen und planm\u00e4\u00dfig und demokratisch bestimmt eine Wirtschaft zu organisieren, die den menschlichen und \u00f6kologischen Bed\u00fcrfnissen Rechnung tr\u00e4gt. In der begrenzten technischen Entwicklung, die wir heute sehen, liegt allerdings der Keim als M\u00f6glichkeit einer neuen Gesellschaft.<\/p>\n<p><em>Von Ren\u00e9 Arnsburg erschien zuletzt im Berliner Manifest-Verlag: \u00bbMaschinen ohne Menschen? Industrie 4.0: Von Schein-Revolutionen und der Krise des Kapitalismus\u00ab.<\/em><\/p>\n<p>https:\/\/manifest-buecher.de\/produkt\/maschinen-ohne-menschen\/<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die vielbeschworene digitale Revolution ist keine. 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