{"id":36575,"date":"2018-09-07T14:17:22","date_gmt":"2018-09-07T12:17:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=36575"},"modified":"2018-09-07T16:17:04","modified_gmt":"2018-09-07T14:17:04","slug":"aufstehen-und-dann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2018\/09\/aufstehen-und-dann\/","title":{"rendered":"aufstehen &#8211; und dann?"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_36577\" aria-describedby=\"caption-attachment-36577\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Wagenknecht_Sahra_2013-e1536329801330.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-36577\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Wagenknecht_Sahra_2013-e1536329801330-280x173.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Wagenknecht_Sahra_2013-e1536329801330-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Wagenknecht_Sahra_2013-e1536329801330-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Wagenknecht_Sahra_2013-e1536329801330-768x476.jpg 768w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Wagenknecht_Sahra_2013-e1536329801330-560x347.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Wagenknecht_Sahra_2013-e1536329801330-600x372.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Wagenknecht_Sahra_2013-e1536329801330-534x330.jpg 534w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Wagenknecht_Sahra_2013-e1536329801330.jpg 1059w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-36577\" class=\"wp-caption-text\">Foto: https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/c\/c7\/Wagenknecht%2C_Sahra%2C_2013.JPG von Wolkenkratzer [CC BY-SA 3.0 (https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0)], vom Wikimedia Commons<\/figcaption><\/figure><strong>Kritische Bemerkungen zu Sahra Wagenknechts neuer \u201eSammlungsbewegung\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Am 4. September wurde die lange angek\u00fcndigte neue linke \u201eSammlungsbewegung\u201c von Sahra Wagenknecht und anderen offiziell gegr\u00fcndet. PolitikerInnen von LINKE, SPD und Gr\u00fcnen haben sich mit Kulturschaffenden, GewerkschafterInnen und anderen zusammen geschlossen und k\u00fcndigen mit markigen Worten eine au\u00dferparlamentarische Bewegung vergleichbar der Friedens- und Umweltbewegung der Vergangenheit an. Ob \u201eaufstehen\u201c die viel zitierte Maus ist, die der Berg gebar oder ob daraus eine substanzielle gesellschaftliche Kraft werden kann, h\u00e4ngt mehr von Ereignissen ab, die nicht in der Macht der InitiatorInnen liegen, als von ihrer Initiative selbst. Sicher ist aber: Sahra Wagenknecht hat es der LINKEN und der Linken damit nicht einfacher gemacht, den Kapitalismus wirkungsvoll herauszufordern.<\/p>\n<p><em>Von Sascha Stani\u010di\u0107<\/em><\/p>\n<p>Nach eigenen Angaben hat \u201eaufstehen\u201c 100.000 Gr\u00fcndungsmitglieder. Die Zahl ist zweifelsfrei \u00fcbertrieben. Es m\u00f6gen sich 100.000 Menschen in den Newsletter der Initiative eingetragen haben, was etwas anderes ist, als Gr\u00fcndungsmitglied einer politischen Bewegung zu werden. Einige davon werden sich tats\u00e4chlich nur informieren wollen, die Mehrheit aber sicher dadurch ihre Sympathie f\u00fcr das Projekt zum Ausdruck bringen. Wer davon, tats\u00e4chlich aktiv werden wird, steht in den Sternen. Bisher gab es dazu ja keine M\u00f6glichkeit.<\/p>\n<p>Die hohe Zahl der Unterst\u00fctzerInnen oder Sympathisierenden zeigt aber, dass Wagenknecht ein gesellschaftliches Bed\u00fcrfnis angesprochen hat \u2013 angesichts des Aufstiegs der AfD und der parlamentarischen Rechtsverschiebung, des fortgesetzten Niedergangs der SPD und der Stagnation der LINKEN, w\u00fcnschen sich viele Menschen einen politischen Aufbruch gegen Rechts und f\u00fcr soziale Rechte. In gewisser Hinsicht dr\u00fcckte sich dieser Wunsch schon in dem kurzzeitigen Hype um die Kanzlerkandidatur von Martin Schulz f\u00fcr die SPD aus, in deren Folge 30.000 Menschen in die Sozialdemokratie eintraten. Auch in die Piratenpartei waren innerhalb weniger Monate 40.000 Mitglieder eingetreten. Abgesehen davon, dass ein Klick mit der Maus aber noch lange kein politisches Engagement ist, weisen die Zahlen darauf hin, dass solche Eintrittswellen nicht unbedingt eine nachhaltige Wirkung erzielen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Drei weitere Dinge lassen das Fragezeichen hinsichtlich der tats\u00e4chlichen gesellschaftlichen Basis von &#8218;aufstehen\u201c nicht kleiner werden: Erstens liegt die Zahl der Likes und Followers bei den sozialen Medien recht niedrig, zweitens hat eine Studie k\u00fcrzlich ergeben, dass Wagenknecht unter jungen Menschen unterdurchschnittliche Zustimmungswerte hat und drittens ist die Liste der achtzig prominenten ErstunterzeichnerInnen alles andere als beeindruckend.<\/p>\n<p>Neben einigen Kulturschaffenden, die eher der \u00dc40-Generation ein Begriff sein werden (Nina Hagen, Joachim Witt, Annette Humpe \u2026), den zu erwartenden an einer Hand abzulesenden SPD-Linken (von Larcher, Schermer, B\u00fclow, Dre\u00dfler, Lange), zwei gr\u00fcnen Vol(l)mers (Ludger und Antje), ein paar WissenschaftlerInnen (Drewermann, Massarat, Peter Brandt u.a.) sind es \u00fcberraschend wenige und keine \u00fcberraschenden Namen aus der Linkspartei und au\u00dfer der Symbolfigur linker Gewerkschaftsfunktion\u00e4re, Detlef Hensche, auch nur wenige regionale Gewerkschaftsfunkion\u00e4rInnen. Insgesamt macht auch die Unterst\u00fctzerInnen-Liste deutlich: die sich selbst als au\u00dferparlamentarische Erneuerungsbewegung darstellende Initiative hat bisher erschreckend wenige Unterst\u00fctzerInnen in den real existierenden sozialen Bewegungen.<\/p>\n<h4>Antirassistische Demos wirken auf \u201eaufstehen\u201c<\/h4>\n<p>Aber die sozialen Bewegungen der letzten Monate haben schon jetzt daf\u00fcr gesorgt, dass \u201eaufstehen\u201c mit einem anderen Profil an den Start geht, als dem Profil, das Sahra Wagenknecht sich in den letzten anderthalb Jahren gegeben hat und mit dem die \u201eSammlungsbewegung\u201c auch anfangs an die \u00d6ffentlichkeit gegangen ist.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag seit fast zwei Jahren vor allem damit Schlagzeilen macht, dass sie die Migrationspolitik ihrer Partei in Frage stellt, sich f\u00fcr Zuwanderungsbeschr\u00e4nkungen ausspricht, Terroranschl\u00e4ge mit Zuwanderung in einen Zusammenhang bringt etc., w\u00e4hrend der erste Entwurf einer Gr\u00fcndungserkl\u00e4rung von \u201eaufstehen\u201c noch einen positiven Bezug zu nationalen Identit\u00e4ten und undifferenzierte Aussagen zu islamischen \u201eHasspredigern\u201c enthielt und das Thema Antirassismus noch beim Beginn der medialen Kampagne Anfang August kaum eine Rolle spielte, ist \u201eaufstehen\u201c angesichts der #Seebr\u00fccke-Bewegung und der gro\u00dfen antirassistischen Mobilisierungen nach den Ereignissen von Chemnitz nun sehr bem\u00fcht, sich deutlich von Rassismus zu distanzieren und sich als Bewegung gegen Fremdenfeindlichkeit und rechte Gewalt darzustellen. Das ist gut so und wirft die Frage auf, ob gesellschaftliche Entwicklungen und der Druck von links unten eine Wirkung in dem Projekt erzielen k\u00f6nnen. Gleichzeitig r\u00fccken Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine aber inhaltlich nicht von ihren migrationspolitischen Positionen ab und setzte Wagenknecht bei der Pressekonferenz zur Pr\u00e4sentation von \u201eaufstehen\u201c auch einen anderen Ton zu den Ereignissen von Chemnitz, als zum Beispiel die SPD-Politikerin Simone Lange, die sich explizit mit der #Seebr\u00fccke-Bewegung identifizierte und scharfe Worte zur Bedrohung durch Faschisten fand, w\u00e4hrend Sahra Wagenknecht erkl\u00e4rte, die Mitl\u00e4uferInnen der rechten Demonstrationen in Chemnitz \u201ezur\u00fcckgewinnen\u201c zu wollen, da diese keine Nazis seien.<\/p>\n<h4>Schwaches Programm<\/h4>\n<p>Inhaltlich f\u00e4llt das Projekt aber weit hinter dem zur\u00fcck, was sich DIE LINKE, auch im Vergleich zu WASG und PDS, in den letzten Jahren programmatisch erarbeitet hat (auch wenn das oftmals nichts mit der realen Politik der Partei zu tun hat), n\u00e4mlich ein linksreformistisches Programm, dass Sozialismus als gesellschaftliches Ziel benennt, die Eigentumsfrage aufwirft \u00a0und auf den Klassenwiderspruch in der kapitalistischen Gesellschaft hinweist. All das fehlt bei \u201eaufstehen\u201c. W\u00e4re \u201eaufstehen\u201c tats\u00e4chlich eine Bewegung von unten, die bisher nicht aktive Teile der Arbeiterklasse mobilisiert, w\u00e4re das weniger dramatisch, aber da das Projekt \u201evon oben\u201c angesto\u00dfen wurde, ist seine Wirkung kein Fortschritt f\u00fcr das politische Bewusstsein in der Arbeiterklasse, sondern eher Verwirrung. S\u00e4tze wie \u201eEine vern\u00fcnftige Politik kann den sozialen Zusammenhalt wiederherstellen und den Sozialstaat erneuern. Sie kann die B\u00fcrger vor dem globalen Finanzkapitalismus und einem entfesselten Dumpingwettbewerb sch\u00fctzen\u201c, kann man zwar auch in der LINKEN an jeder Ecke finden, aber die Partei insgesamt wirft zumindest in allgemeiner Form, und wenn auch nur auf dem Papier, die Systemfrage auf. F\u00fcr \u201eaufstehen\u201c scheint sich diese Frage nicht zu stellen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind die meisten sozialpolitischen Forderungen der Gr\u00fcndungserkl\u00e4rung von \u201eaufstehen\u201c sinnvoll und die Beschreibung der gesellschaftlichen Zust\u00e4nde zutreffend, aber die Forderungen sind wenig konkret. So ist zwar viel von Frieden und Abr\u00fcstung die Rede, eine klare Absage an alle Auslandseins\u00e4tze der Bundeswehr fehlt aber genauso, wie konkrete Formulierungen zur Abschaffung von Hartz IV und der Einf\u00fchrung einer sozialen Mindestsicherung, wie DIE LINKE sie fordert. Im Jahr vor der Europawahl spricht sich die Gr\u00fcndungserkl\u00e4rung von \u201eaufstehen\u201c f\u00fcr eine Reform der EU aus, statt dieses neoliberale, undemokratische und militaristische Staatenb\u00fcndnis grunds\u00e4tzlich abzulehnen.<\/p>\n<p>Auch eine Perspektive und Strategie f\u00fcr die Durchsetzung der Forderungen wird nicht wirklich angeboten. Oder doch? Ludger Volmer sagte auf der Pressekonferenz zur Gr\u00fcndung des Projekts, es gehe um die Schaffung eines Mitte-Links-Kompromisses, da zur Zeit alles in Richtung Mitte-Rechts gehe und das Ziel der Sammlungsbewegung sei erreicht, wenn es zu einer Regierungskoalition aus SPD, Gr\u00fcnen und Linkspatei komme.<\/p>\n<h4>Bewegung f\u00fcr R2G<\/h4>\n<p>Das weist darauf hin, dass \u201eaufstehen\u201c trotz allem Gerede von au\u00dferparlamentarischer Bewegung ein zutiefst parlamentarisch orientiertes Projekt ist. Denn es geht darum, vor allem Druck auf SPD, Gr\u00fcne und LINKE auszu\u00fcben und nicht darum Selbstorganisation, Selbsterm\u00e4chtigung und Selbstaktivit\u00e4t in den Mittelpunkt zu stellen. Es geht um die Herstellung einer Regierung aus diesen drei Parteien. Nun ist es keine Frage, dass es keine grundlegenden gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen im Interesse der Bev\u00f6lkerungsmehrheit aus Lohnabh\u00e4ngigen und sozial Benachteiligten geben wird, wenn keine Regierung gebildet wird, die deren Interessen vertritt. Eine solche Regierung ist mit Parteien, wie SPD und Gr\u00fcnen, die sich vollends der kapitalistischen Marktwirtschaft verpflichtet f\u00fchlen, jedoch undenkbar. Der Kapitalismus ist ein krisenhaftes System. Die n\u00e4chste Krise ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Dann wird von Haushalts\u00fcbersch\u00fcssen, die in den letzten Jahren den Regierungen ein wenig Spielraum gegeben haben, nichts mehr \u00fcbrig sein und auch die minimalste Verbesserung bzw. auch nur das Verhindern von Verschlechterungen nur im direkten Konflikt mit der Klasse der Kapitalisten m\u00f6glich sein. Wer denkt, dass SPD und Gr\u00fcne dazu bereit und f\u00e4hig sind, glaubt auch, dass die katholische Kirche eine Art Kinderschutzbund ist. Eine Regierung im Interesse der Arbeiterklasse kann nur gebildet werden auf Basis von K\u00e4mpfen, breiten Selbstorganisierungsprozessen und dem Aufbau einer massenhaften sozialistischen Arbeiterpartei in den n\u00e4chsten Jahren. Das ist eine mittelfristige Aufgabe, der DIE LINKE und die Linke nur n\u00e4her kommen wird, wenn sie sich heute und morgen auf konsequente Opposition konzentriert und klar von den Parteien des b\u00fcrgerlichen Establishments abgrenzt.<\/p>\n<p>\u201eaufstehen\u201c will im Rahmen der kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse eine Regierung der LINKEN mit etwas nach links gewendeten SPD und Gr\u00fcnen bilden. Wohin das f\u00fchrt hat die Geschichte in vielen L\u00e4ndern gezeigt. Deshalb ist das Projekt programmatisch und in seiner strategischen Orientierung ein R\u00fcckschritt im Vergleich zumindest zu den letzten Parteitagsbeschl\u00fcssen der LINKEN.<\/p>\n<p>Wenn \u201eaufstehen\u201c tats\u00e4chlich in der Lage w\u00e4re, Millionen f\u00fcr ein begrenztes Reformprogramm und selbst f\u00fcr eine Regierungsbildung von SPD, Gr\u00fcnen und LINKE zu mobilisieren, w\u00fcrde das die politische Lage in der Republik aufmischen und g\u00e4be der LINKEN die M\u00f6glichkeit ihr Programm einer breiteren Schicht gegen\u00fcber zur Diskussion zu stellen und Mitglieder zu gewinnen. Es spricht aber wenig daf\u00fcr, dass das der Fall sein wird.<\/p>\n<h4>Top-Down<\/h4>\n<p>Denn das Projekt ist eine Kopfgeburt ohne wirkliche Basis in realen gesellschaftlichen Bewegungen. Es hat dar\u00fcber hinaus einen Top-Down-Charakter, allen Beteuerungen von Einbeziehung der Mitglieder und neuen, demokratischen Organisationsformen zum Trotz. Die internetbasierten Beteiligungsm\u00f6glichkeiten sind nicht mehr als das \u2013 Beteiligungsm\u00f6glichkeiten und eben keine demokratischen Entscheidungsstrukturen. Das ist genau das Problem der Bewegungen und Organisationen auf die sich Sahra Wagenknecht so gerne bezieht: La France Insoumise, Podemos, die Kampagne von Bernie Sanders und auch Momentum in der britischen Labour Party.<\/p>\n<p>Und Sahra Wagenknechts und Oskar Lafontaines migrationspolitischen Positionen sind eine schwere Hypothek f\u00fcr eine linke Bewegung. Sie haben jetzt schon viele MigrantInnen und Aktive aus antirassistischen Bewegungen und der LINKEN entfremdet. Und es ist nicht damit zu rechnen, dass sie ihre Positionen \u00e4ndern werden, auch wenn sie gerade einen etwas anderen Ton einschlagen. Gerade bei Oskar Lafontaine sind diese nationalen Positionen nichts Neues: er verteidigt bis heute die faktische Abschaffung des Asylrechts 1993.<\/p>\n<h4>Spaltung?<\/h4>\n<p>Die Gr\u00fcnderInnen von \u201eaufstehen\u201c beteuern bei jeder Gelegenheit, dass sie keine neue Partei ins Leben rufen wollen. Die Logik dieses Projekts tr\u00e4gt aber die Schaffung einer neuen Partei in sich. Es ist zu vermuten, dass Sahra Wagenknecht mit einer besseren Resonanz f\u00fcr ihre Idee einer Sammlungsbewegung gerechnet hatte. M\u00f6glicherweise hatte sie auch nicht bedacht, dass in Deutschland nur Parteien zur Bundestagswahl antreten k\u00f6nnen. Es sollte aber nicht vergessen werden, dass sie sich noch vor einigen Monaten f\u00fcr eine neue linke Volkspartei ausgesprochen hat. Und wenn man sich die Verwerfungen der Parteiensysteme in anderen L\u00e4ndern anschaut, dann ist klar, dass dies auch in Deutschland eine Option sein wird. Zuerst wird \u201eaufstehen\u201c als pressure group vor allem in der LINKEN (und begrenzt in SPD und Gr\u00fcnen) agieren und versuchen dort die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse zu \u00e4ndern, m\u00f6glicherweise wird es Versuche geben \u00fcber die \u00d6ffnung der Kandidatenlisten bei Wahlen auf breiter Front f\u00fcr Nicht-Parteimitglieder und \u201eaufstehen\u201c-Unterst\u00fctzerInnen die Macht in den Parlamentsfraktionen auszubauen. Sollte das aber nicht gelingen, ist die Bildung einer neuen Partei und damit die Spaltung der LINKEN in dem Projekt angelegt \u2013 eine Spaltung, die f\u00fcr die Arbeiterklasse nicht nachvollziehbar an einer klassenpolitischen Frage erfolgen w\u00fcrde, sondern als \u201etypischer\u201c Streit unter Linken um Organisationsegoismen wirken und damit der gesamten Linken schaden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>In den letzten Wochen ging es um die Gr\u00fcndung von \u201eaufstehen\u201c und wir haben, wie viele andere in der Linkspartei auch, vor der Gr\u00fcndung und ihren Auswirkungen f\u00fcr die Partei gewarnt. Nun ist das Projekt gegr\u00fcndet. Wir werden nicht daran teilnehmen und fordern niemanden dazu auf, sich \u201eaufstehen\u201c anzuschlie\u00dfen. Aber wir fordern die Unterst\u00fctzerInnen von \u201eaufstehen\u201c auf, ihren Worten Taten folgen zu lassen und sich in gewerkschaftliche K\u00e4mpfe, die antirassistische Bewegung, Mieterproteste, der neuen Frauenbewegung einzubringen. Wir fordern sie zu einer offenen Debatte dar\u00fcber auf, welche programmatischen Ziele eine Linke haben muss, um die Gesellschaft im Interesse der Mehrheit zu \u00e4ndern und dar\u00fcber was Internationalismus und Solidarit\u00e4t heute bedeuten. Wir fordern LINKE-Funktion\u00e4rInnen, die sich an \u201eaufstehen\u201c beteiligen, \u00a0gleichzeitig auf, sich an die Grunds\u00e4tze und Beschl\u00fcsse der Partei zu halten.<\/p>\n<p>Und f\u00fcr DIE LINKE muss die Debatte um \u201eaufstehen\u201c Auftrag sein, dar\u00fcber zu diskutieren, wie sie diejenigen Fragen, die Sahra Wagenknecht zurecht aufgeworfen hat \u2013 warum DIE LINKE nicht mehr vom Niedergang der SPD profitiert \u2013 beantworten will. Auf die Herausforderung der \u201eSammlungsbewegung\u201c damit zu reagieren, dass DIE LINKE ja schon die Sammlungsbewgeung sei (Bernd Riexinger: \u201eIch bin schon gesammelt\u201c), greift viel zu kurz. DIE LINKE hat in den elf Jahren ihrer Existenz viel zu wenige Kr\u00e4fte der Linken, von GewerkschafterInnen und aus sozialen Bewegungen gesammelt und ist viel zu wenig in die Arbeiterklasse und die benachteiligtesten Schichten der Gesellschaft vorgedrungen.<\/p>\n<p>Das h\u00e4ngt vor allem damit zusammen, dass DIE LINKE im Grunde genommen zwei Parteien in einer ist und von breiten Teilen der Arbeiterklasse, vor allem in Ostdeutschland, als linker Teil des Establishments wahrgenommen wird. Aktuelle Kampagnen, wie die zu den Themen Wohnen und Pflege leisten einen Beitrag dazu, diese Wahrnehmung zu ver\u00e4ndern, werden aber untergraben, wenn in ostdeutschen Bundesl\u00e4ndern weiter B\u00fcndnisse mit SPD und Gr\u00fcnen geschmiedet werden und nun sogar dar\u00fcber gesprochen wird, solche mit der CDU nicht mehr auszuschlie\u00dfen oder auch im Landesverband Bremen angesichts der nahenden B\u00fcrgerschaftswahlen von LINKE-Spitzenkr\u00e4ften die Bereitschaft zur Regierungsbeteiligung betont wird.<\/p>\n<p>Dass Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine f\u00fcr die geringe Verankerung in Bewegungen daf\u00fcr eine gro\u00dfe Verantwortung tragen ist eine gewisse Ironie der Geschichte.<\/p>\n<p>Grund hierf\u00fcr sind die Geburtsfehler der LINKEN: die Akzeptanz von Regierungsbeteiligungen mit prokapitalistischen Parteien, die die Glaubw\u00fcrdigkeit der Partei bei wichtigen Teilen der Arbeiterklasse untergraben haben, aber auch der arrogante Anspruch \u201eDie\u201c Linke zu sein und der Verzicht darauf, viel breitere Schichten von linken AktivistInnen (nicht in erster Linie aus linken politischen Organisationen, sondern aus Gewerkschaften, Initiativen und sozialen Bewegungen) \u00fcber WASG und PDS hinausgehend in den damaligen Fusionsprozess einzubeziehen Die Aufgabe von einer linken Partei mit Masseneinfluss zu einer Arbeiterpartei mit Massenbasis zu werden, stellt sich f\u00fcr DIE LINKE noch. Ob sie diese \u00fcberhaupt erf\u00fcllen kann und wird oder ob neue Organisationsprojekte auf dem Weg n\u00f6tig werden, ist offen. Es ist leider nicht auszuschlie\u00dfen, dass die Gr\u00fcndung von \u201eaufstehen\u201c eine Spaltung einleitet, die DIE LINKE nicht \u00fcberleben wird. Am Ende k\u00f6nnten italienische Verh\u00e4ltnisse stehen, wo heute keine linke, sozialistische Partei mehr im Parlament vertreten ist. Das gilt es zu verhindern. Daf\u00fcr sollten sich k\u00e4mpferische und sozialistische Kr\u00e4fte in der LINKEN zusammenschlie\u00dfen \u2013 in der AKL (Antikapitalistische Linke), der SAV, aber auch durch eine bessere Zusammenarbeit der verschiedenen antikapitalistischen Str\u00f6mungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kritische Bemerkungen zu Sahra Wagenknechts neuer \u201eSammlungsbewegung\u201c<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":36577,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[25],"tags":[1345,297,1372,797],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36575"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=36575"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36575\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":36579,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36575\/revisions\/36579"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/36577"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=36575"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=36575"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=36575"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}