{"id":36519,"date":"2018-08-26T13:14:53","date_gmt":"2018-08-26T11:14:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=36519"},"modified":"2018-08-24T13:17:19","modified_gmt":"2018-08-24T11:17:19","slug":"tuerkei-am-abgrund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2018\/08\/tuerkei-am-abgrund\/","title":{"rendered":"T\u00fcrkei am Abgrund?"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_22769\" aria-describedby=\"caption-attachment-22769\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/3488049687_1423263354_b-e1352291209914.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-22769\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/3488049687_1423263354_b-e1352291209914-280x173.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/3488049687_1423263354_b-e1352291209914-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/3488049687_1423263354_b-e1352291209914-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/3488049687_1423263354_b-e1352291209914-560x345.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/3488049687_1423263354_b-e1352291209914.jpg 936w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-22769\" class=\"wp-caption-text\">Recep Tayyip Erdogan Foto: http:\/\/www.flickr.com\/photos\/worldeconomicforum\/ CC BY-SA 2.0<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Die Geschichte der Lira-Krise<\/strong><\/p>\n<p>Insbesondere in den b\u00fcrgerlichen Medien wird die Lira-Krise als aktuelles Ergebnis eines Zweikampfes der Egomanen Erdogan und Trump wahrgenommen. Doch wie kam es zur Lira-Krise?<\/p>\n<p><em>von Patrick Haas, Troisdorf<\/em><\/p>\n<p>Die Inflation t\u00fcrkischer W\u00e4hrungen ist kein neues Ph\u00e4nomen. Zuletzt kam es 2001 zu einer W\u00e4hrungskrise, in welcher eine Inflationsrate von 69 Prozent erreicht wurde. Hintergrund waren die Auswirkungen der Liberalisierungspolitik in den 80er und 90er Jahren. Die t\u00fcrkischen Betriebe waren nicht konkurrenzf\u00e4hig und wurden sp\u00e4testens durch die Zollunion mit der Europ\u00e4ischen Union ein gefundenes Fressen f\u00fcr Investoren aus dem Ausland. Hinzu kam ein starkes Leistungsbilanzdefizit. Dies bedeutet vereinfacht ausgedr\u00fcckt, dass mehr G\u00fcter in die T\u00fcrkei importiert als exportiert wurden. Die T\u00fcrkei hatte sich somit in einen Absatzmarkt europ\u00e4ischer Waren gewandelt, hatte aber nicht die Mittel um diese zu bezahlen. Die T\u00fcrkische Zentralbank sah sich deshalb gezwungen, den Kurs der Lira freizugeben. Die Hoffnung war, hierdurch Exporte billiger zu machen und Importe zu verteuern und somit das Leistungsbilanzdefizit auszugleichen. Die internationale Bourgeoisie verlor allerdings das Vertrauen in das Krisenmanagement der damaligen t\u00fcrkischen Regierung und zog Kapitalanlagen aus der T\u00fcrkei zur\u00fcck. F\u00fcr die Bev\u00f6lkerung in der T\u00fcrkei bedeutete dies unmittelbar einen massiven Kaufkraftverlust und die Abwertung der Ersparnisse. Zudem rief die t\u00fcrkische Wirtschafts- und Staatskrise den IWF auf den Plan, welcher durch ein sogenanntes ,,Strukturanpassungsprogramm\u201c weitere Angriffe auf die Arbeiterklasse durchf\u00fchrte. Politisch f\u00fchrten diese Entwicklungen zum Aufkommen einer damals neuen Kraft, der AKP. Sie schaffte es in der Parlamentswahl 2002 auf ca. 34 Prozent der Stimmen und durch die Zehn-Prozent-Sperrklausel f\u00fcr konkurrierende Parteien auf beinahe zwei Drittel der Parlamentssitze.<\/p>\n<h4>Das Scheitern des Wirtschaftsmodells der AKP<\/h4>\n<p>Ideologisch konnte die AKP hierbei auch auf das Erbe der Anavatan Partisi aufbauen. Diese versuchte neoliberale Wirtschaftspolitik und eine konservative Interpretation des Islam in einer Synthese zu verbinden. Die Unterst\u00fctzerschicht der Anavatan Partisi rekrutierte sich insbesondere aus dem Klein- und Mittelb\u00fcrgertum, also jenen Kr\u00e4ften, welche auch einen Teil der Machtbasis der AKP stellen und sich im Unternehmerverband M\u00dcSIAD organisiert.<br \/>\nErdogan und die AKP sahen sich vor der Herausforderung, einerseits die strukturellen Probleme der t\u00fcrkischen Wirtschaft wie den ungleichen Entwicklungsstand, steigende Arbeitslosigkeit und Inflation zu l\u00f6sen und gleichzeitig das vom IWF auferlegte ,,Strukturanpassungsprogramm\u201c zu erf\u00fcllen. Dar\u00fcber hinaus musste dies auch den t\u00fcrkischen W\u00e4hlerInnen politisch vermittelt werden. Heraus kam eine Mischung aus Populismus und Pragmatismus. So galt es zun\u00e4chst das verlorene Vertrauen der Investoren wiederzugewinnen. So erkl\u00e4ren sich die liberalen Reformen und das anf\u00e4ngliche Zugehen auf KurdInnen und Armeniernen zu Beginn von Erdogans Amtszeit. Mit der Einf\u00fchrung der neuen t\u00fcrkischen Lira wurde 2005 die Inflation vorl\u00e4ufig gestoppt. Gleichzeitig wurden die Zinsen kontinuierlich gesenkt, um Infrastrukturprojekte anzusto\u00dfen und sowohl Einkommens- als auch K\u00f6rperschaftsteuer gesenkt. Die Kapitalisten im In- und Ausland reagierten mit Investitionen, welche nun eine h\u00f6here Rendite als Geldanlagen versprachen. Dennoch reichten die Investitionen nicht, um die Ausgaben f\u00fcr die Gro\u00dfprojekte zu decken. Deshalb wurden zus\u00e4tzlich Kredite aufgenommen. Dasselbe Spiel wie zu Beginn des Jahrtausends begann erneut. Es war abzusehen, dass die Kredite nicht zur\u00fcckgezahlt werden konnten und deshalb wurden die Zinsen weiter gesenkt, in der Hoffnung auf diese Weise mehr Investitionen anzuregen und das immer st\u00e4rkere Leistungsbilanzdefizit auszugleichen. Dies f\u00fchrte zu einer immer weitergehenden Inflation. Au\u00dferdem entstand ein Teufelskreis, da die T\u00fcrkei auf Rohstoffimporte wie \u00d6l angewiesen ist. Bekanntlich verteuern sich Importe durch Inflation der heimischen W\u00e4hrung. Dem wurde mit einer Ausweitung der Geldmenge begegnet, wodurch sich der Effekt aufschaukelte.<\/p>\n<h4>\nPerspektiven<\/h4>\n<p>Aktuell ist Erdogan auf seinem lange erfolgreichen Feld, der Wirtschaft, in der Krise. Doch obwohl das Versagen seiner Wirtschaftspolitik offenkundig ist, stehen sowohl M\u00dcSIAD als auch T\u00dcSIAD (der Verband der Gro\u00dfindustriellen) fest hinter ihm. Dies erkl\u00e4rt sich mit den engen Verbindungen als auch mit der Alternativlosigkeit, welche der Bonaparte Erdogan f\u00fcr die Bourgeoisie verk\u00f6rpert. Dar\u00fcber hinaus steht die zu erwartende Kapitalrendite der Infrastrukturprojekte noch aus. Es w\u00e4re unklug f\u00fcr die Investoren, diese einfach abzuschreiben. Ferner zeigte schon die Vergangenheit, dass die Bourgeoisie von der W\u00e4hrungsabwertung viel weniger betroffen ist. Die wirklich Reichen haben ihr Geld schon l\u00e4ngst in Dollar, Euro und Franken umgetauscht und ins Ausland geschafft, w\u00e4hrend es vor allem die arbeitende Bev\u00f6lkerung ist, welche die Zeche in Form von sinkenden L\u00f6hnen und Lebensstandard bezahlen darf. Deshalb nimmt, wie in allen K\u00e4mpfen, die Arbeiterklasse die Schl\u00fcsselposition ein. Rosa Luxemburg brachte mit der Formel ,,Eure Ordnung ist auf Sand gebaut\u201c die Instabilit\u00e4t der b\u00fcrgerlichen \u00d6konomie auf den Punkt.<\/p>\n<p>Um effektiv Gegenwehr zu organisieren, tritt Sosyalist Alternatif, die Schwesterorganisation der SAV in der T\u00fcrkei, f\u00fcr eine vereinigte Front ein, die kurdische und t\u00fcrkische linke Organisationen miteinbezieht, ebenso wie k\u00e4mpferische GewerkschafterInnen, AktivistInnen sozialer Bewegungen und HDP-Unterst\u00fctzerInnen. Die Umsetzung dieser Idee k\u00f6nnte den ersten Ankn\u00fcpfungspunkt f\u00fcr ein revolution\u00e4res \u00dcbergangsprogramm bieten, um Alternativen f\u00fcr die arbeitende Bev\u00f6lkerung in der T\u00fcrkei zu erk\u00e4mpfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>T\u00fcrkei am Abgrund?<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":22769,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[45],"tags":[809,1359,297,329],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36519"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=36519"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36519\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":36520,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36519\/revisions\/36520"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/22769"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=36519"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=36519"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=36519"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}