{"id":36510,"date":"2018-08-22T10:11:00","date_gmt":"2018-08-22T08:11:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=36510"},"modified":"2018-08-22T13:55:48","modified_gmt":"2018-08-22T11:55:48","slug":"brueckeneinsturz-in-genua-ihre-profite-unsere-toten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2018\/08\/brueckeneinsturz-in-genua-ihre-profite-unsere-toten\/","title":{"rendered":"Br\u00fcckeneinsturz in Genua: Ihre Profite, unsere Toten!"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/genua_bruecke-e1534925396878.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-36511\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/genua_bruecke-e1534925396878-280x155.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"155\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/genua_bruecke-e1534925396878-280x155.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/genua_bruecke-e1534925396878.jpg 477w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>Kapitalistische Profitgier verantwortlich <\/strong><\/p>\n<p>Am 14. August um 11:37 Uhr ist ein rund 200 Meter langer Abschnitt der Morandi-Br\u00fccke auf die A10 von Genua nach Ventimiglia gekracht, die durch die Wohngebiete von Genua f\u00fchrt.<\/p>\n<p><em>Von Giuliano Brunetti, \u201eResistenze Internazionali\u201c (Schwesterorganisation der SAV in Italien)<\/em><\/p>\n<p>43 Personen kamen dabei ums Leben. Mehrere Dutzend Menschen wurden verletzt, darunter sind viele Schwerverletzte. Die Gefahr, dass ein weiterer Br\u00fccken-Abschnitt einst\u00fcrzen k\u00f6nnte, brachte die Stadtverwaltung von Genua und den Zivilschutz dazu, zur umgehenden Evakuierung der Wohnh\u00e4user in der Umgebung der Stra\u00dfe \u201eVia Fillak\u201c aufzurufen. Aktuell sind mehr als 600 Personen evakuiert worden.<\/p>\n<p>Um ein Gef\u00fchl davon zu vermitteln, welche Dimensionen diese Trag\u00f6die hat, sei nur angemerkt, dass im Durchschnitt 25 Millionen Fahrzeuge j\u00e4hrlich diesen Autobahnabschnitt benutzen. Es handelt sich um eine gro\u00dfe mehrspurige Br\u00fccke, die 1967 als Symbol f\u00fcr den damaligen Aufschwung in Italien errichtet worden war. Das Bauwerk war die wichtigste Verbindung zwischen Genua und West-Ligurien und befindet sich in einer Stadt, die daf\u00fcr bekannt ist, zwischen Mittelmeer und Alpen zu liegen und dabei notorisch verstopft zu sein.<\/p>\n<p>Das nahegelegene Polcevera-Viadukt, das als innerst\u00e4dtische vierspurige Autobahnbr\u00fccke ebenfalls zur A10 geh\u00f6rt, war bis dato der wichtigste Transit-Knotenpunkt von und nach Frankreich. Nicht nur die EinwohnerInnen von Genua sondern auch viele andere Menschen haben die Morandi-Br\u00fccke schon mehrfach genutzt. Diese immense Trag\u00f6die hat einer ganzen Stadt und einem ganzen Land einen schweren Schock versetzt. Den Opfern wurde ein unermessliches Ma\u00df an Solidarit\u00e4t zuteil \u2013 aus Genua aber auch aus ganz Italien. So hat die Gemeinde von Neapel in Solidarit\u00e4t mit den Opfern der Katastrophe ein \u00fcblicherweise Mitte August stattfindendes Festival in der Stadt abgesagt. Immer h\u00e4ufiger macht auch das Ger\u00fccht die Runde, dass der Start der Fu\u00dfball-Saison verschoben werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Alle stellen sich die Frage, wie es in einem Land, in dem immer noch Br\u00fccken und Aqu\u00e4dukte stehen, die vor mehr als 2000 Jahren von den Alten R\u00f6merInnen gebaut wurden, m\u00f6glich sein konnte, dass ein solch beeindruckendes Bauwerk von einer Sekunde auf die andere einst\u00fcrzt. Konstruiert worden war es, um Jahrhunderte zu \u00fcberstehen.<\/p>\n<p>Am Tag der Beerdigung der Opfer \u2013 die Suche nach weiteren Vermissten ist noch in vollem Gange \u2013 m\u00f6chten wir von \u201eResistenze Internazionali\u201c zuallererst unser Mitgef\u00fchl und unsere Solidarit\u00e4t mit den Verwandten, Freundinnen und Freunden der Opfer dieser Trag\u00f6die zum Ausdruck bringen. In erster Linie handelt es sich dabei um ArbeiterInnen; unter ihnen sind KraftfahrerInnen, Besch\u00e4ftigte der Stadtwerke AMIU (darunter auch ein junger Kollege mit befristetem Vertrag) und ASTER. Die anderen Opfer sind vor allen junge Leute und Familien, die ans Meer fahren wollten.<\/p>\n<h4>Verantwortlich sind die Privatisierung, der Profit und der Kapitalismus<\/h4>\n<p>Dieses Ungl\u00fcck h\u00e4tte verhindert werden k\u00f6nnen und m\u00fcssen. Der Einsturz der Morandi-Br\u00fccke und dessen verheerende Folgen f\u00fcr das Leben hunderter von Menschen ist auf eine einziger Ursache zur\u00fcckzuf\u00fchren: die Gier nach Profit in der Privatwirtschaft und die kriminelle Privatisierungspolitik des Autobahnnetzes in Italien. Dadurch wurde es Privatleuten und vor allem der kriminellen Familie Benetton (eine der schlimmsten im italienischen Kapitalismus) erm\u00f6glicht, dem gesamten Autobahnnetz des Landes ihren Stempel aufzudr\u00fccken.<\/p>\n<p>Wir wollen es ganz deutlich sagen: Der Einsturz der Morandi-Br\u00fccke ist nicht das Ergebnis einiger unvorhersehbarer und unberechenbarer Umst\u00e4nde. Die Br\u00fccke ist nicht wegen einer Bombenexplosion in sich zusammengebrochen oder weil sie durch einen Blitzschlag in Mitleidenschaft gezogen worden w\u00e4re. Sie ist aufgrund ganz bestimmter politischer Entscheidungen eingest\u00fcrzt \u2013 weil man die Verantwortung f\u00fcr das italienische Autobahnnetz in die H\u00e4nde der Privatwirtschaft gelegt hat. Wir haben es hierbei mit einem privatwirtschaftlichen Sektor zu tun, der seine Interessen und Gesch\u00e4fte durch ein System zu verschleiern versteht, das aus Beteiligungsgesellschaften und Subunternehmen besteht und das durch Gesetze gesch\u00fctzt wird, die speziell daf\u00fcr verfasst worden sind.<\/p>\n<p>Die Privatisierung des italienischen Autobahnnetzes geht zur\u00fcck auf die sogenannte Mitte-Links-Regierung unter Massimo D&#8217;Alema. Das war im Jahr 1999. Um ehrlich zu sein, m\u00fcssen wir allerdings festhalten, dass der ganze Privatisierungswahn bereits in den 1980er Jahren eingesetzt hat und im Laufe der letzten 20 Jahre sowohl von \u201eMitte-Rechts\u201c wie auch von \u201eMitte-Links\u201c betrieben worden ist. Allein der H\u00f6hepunkt dieses neoliberalen Ansatzes lag in der Zeit, als \u201eMitte-Links\u201c die Regierung stellte.<\/p>\n<p>Durch diese Privatisierungspolitik hat der Staat 6500 Kilometer an Autobahn-Strecke in Form von Konzessionen in private H\u00e4nde \u00fcbergeben, die als Gegenleistung f\u00fcr die Zahlung eines symbolischen j\u00e4hrlichen Betrags schwindelerregende Summen eingestrichen haben. Es wurden Mautleistungen erhoben und dabei auf Investitionen in die Sicherheit verzichtet. Die Kosten f\u00fcr die Instandhaltung stehen in diametralem Widerspruch zum Haupt-Prinzip jedes einzelnen Kapitalisten in der f\u00fcr sie gemachten kapitalistischen \u00d6konomie: die Maximierung des Profits um jeden Preis \u2013 selbst wenn das den allgemeinen Interessen einer ganzen Gesellschaft entgegensteht.<\/p>\n<p>Im Jahr 2000 riss die Benetton-Familie die Kontrolle \u00fcber den gr\u00f6\u00dften der Konzessionsbetriebe an sich. Das Unternehmen \u201eAutostrade per l&#8217;Italia\u201c, dem die Verwaltung des gr\u00f6\u00dften Teils des Autobahnnetzes unterliegt, ist auch f\u00fcr besagten Abschnitt mit der Morandi-Br\u00fccke zust\u00e4ndig.<\/p>\n<p>\u201eAutostrade per l&#8217;Italia\u201c geh\u00f6rt zur Betreibergesellschaft \u201eAtlantia SpA.\u201c. Das ist eine Beteiligungsgesellschaft, die zu drei\u00dfig Prozent der Familie Benetton geh\u00f6rt. Mit einem Investitionsvolumen von mehreren Milliarden Dollar in Indien, Brasilien, Frankreich und \u2013 durch den Erwerb von Anteilen an \u201eAbertis Infraestructuras\u201c \u2013 seit 2018 auch in Spanien verwaltet und kontrolliert \u201eAtlantia\u201c Autobahnen und Flugh\u00e4fen auf der ganzen Welt. \u201eAbertis Infraestructuras\u201c untersteht das Mautsystem der Autobahnen im spanischen Staat. Dieser Konzern-Riese hat allein durch die Maut im Jahr 2018 schon 1,7 Milliarden Euro kassiert. Es handelt sich hierbei also nicht wirklich um eine Firma, die in der Krise stecken w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Bekannt sein sollte auch, dass Investitionen und Beteiligungsgesellschaften in unterschiedlichen Branchen auf die Familie Benetton zur\u00fcckzuf\u00fchren sind, bei der es sich um den Mehrheitseigner an \u201eAtlantia\u201c handelt. Diese Familie h\u00e4lt nichts davon ab, ihren Profit zu maximieren. Die Benettons unterhalten auch Verbindungen zu Firmen in Bangladesh, die f\u00fcr die Trag\u00f6die und die Opfer des Einsturzes eines achtst\u00f6ckigen Geb\u00e4udes im April 2013 in der Rana Plaza in Dhaka verantwortlich waren. Dabei waren \u00fcber eintausend ArbeiterInnen in der Textilbranche ums Leben gekommen.<\/p>\n<p>In Argentinien ist dieselbe Familie an der Privatisierung von Ackerland in Patagonien sowie am \u201eVerschwinden\u201c des indigenen Mapuche-Aktivisten Santiago Maldonado im Jahr 2017 beteiligt, der f\u00fcr die Verteidigung des Bodens gek\u00e4mpft hat.<\/p>\n<p>In Reaktion auf Ger\u00fcchte, die Konzessionen f\u00fcr die Verwaltung der Autobahnen (die eigentlich bis 2042 erteilt worden sind) k\u00f6nnten dem Unternehmen entzogen werden, \u00e4u\u00dferte man, dass man solche Ger\u00fcchte als Angriffe ohne jede Rechtfertigung begreife, die nur hervorheben, dass im Falle eines Konzessionsentzugs Ausgleichszahlungen in H\u00f6he des ausstehenden Wertes dieser Konzession f\u00e4llig werden. Nach ersten Sch\u00e4tzungen w\u00fcrden sich diese Ausgleichszahlungen auf zwanzig Milliarden Euro belaufen.<\/p>\n<p>Um es kurz zusammen zu fassen: Wir haben es mit einer Familie zynischer KapitalistInnen zu tun, die raffgierig und nur auf den Profit aus ist. Doch das Problem sind nicht die Benettons. Das Problem ist ein System, dass der privaten Hand die Verwaltung \u00fcber \u00f6ffentliches Eigentum \u00fcberl\u00e4sst. Es ist ein System, dass die Gewinne privatisiert und die Verluste vergesellschaftet.<\/p>\n<h4>Emp\u00f6rung auf Seiten der Opfer und der \u00d6ffentlichkeit<\/h4>\n<p>Am Samstag, dem 18. August, hat der Staatsakt f\u00fcr die Opfer der Katastrophe stattgefunden. Viele Familien haben es abgelehnt daran teilzunehmen. Die Mutter eines Opfers beklagte den \u201eroten Teppich f\u00fcr die Politiker\u201c, die den Ort der Trag\u00f6die besucht haben. Die Mutter eines anderen Opfers sagte: \u201eDer Staat hat all dies zu verantworten und es gab einen besch\u00e4menden Selbstbedienungsladen der Politiker. Sie sollten sich besser nicht in der \u00d6ffentlichkeit sehen lassen!\u201c. Der Vater eines beim Br\u00fccken-Einsturz ums Leben gekommenen Jungen schrieb auf \u201efacebook\u201c: \u201eWir wollen kein Beerdigungs-Theater sondern eine Trauerfeier zu Hause, in unserer Kirche in Torre del Greco. Der Schmerz ist privat. Daf\u00fcr brauchen wir keinen roten Teppich. Heute beginnt unser Kampf f\u00fcr Gerechtigkeit und f\u00fcr die Wahrheit. So etwas darf nicht noch einmal passieren!\u201c.<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass so viele Familien es abgelehnt haben, sich an dem Staatsbegr\u00e4bnis zu beteiligen, ist von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung und demonstriert die Kluft, die zwischen \u201eeinfachen Leuten\u201c, staatlichen Einrichtungen und der politischen Elite besteht, die f\u00fcr die Trag\u00f6die verantwortlich gemacht wird.<\/p>\n<p>Der Staatsakt fand in einer surrealen Atmosph\u00e4re statt. Die ganze Stadt schien in einen Dornr\u00f6schenschlaf gefallen: Gesch\u00e4fte und Restaurants blieben aufgrund der Trauer und des Mitgef\u00fchls f\u00fcr die Opfer geschlossen. Die h\u00f6chsten Amtspersonen des Staates nahmen an der Zeremonie teil. Der Pr\u00e4sident der Republik, Sergio Mattarella, war da, Premier Giuseppe Conte und die stellvertretenden Ministerpr\u00e4sident Salvini und Di Maio ebenso. Es gab JournalistInnen und Getreue, die von Applaus f\u00fcr die Regierungsmitglieder berichteten. Wahr ist, dass der Applaus den Feuerwehrleuten und den Frauen und M\u00e4nnern vom Zivilschutz gegolten hat, sowie den Menschen, die in den Krankenh\u00e4usern arbeiten und\/oder seit Tagen in den Ruinen der Morandi-Br\u00fccke nach weiteren Vermissten suchen.<\/p>\n<p>Sollte es stimmen, dass wirklich keinerlei Abneigung gegen\u00fcber den RegierungspolitikerInnen ge\u00e4u\u00dfert worden ist, dann h\u00f6chstens aufgrund ihrer Zusage, \u201ef\u00fcr Gerechtigkeit sorgen\u201c und die Entscheidung von Infrastruktur-Minister Toninelli umsetzen zu wollen, der Ma\u00dfnahmen zur Pr\u00fcfung der staatlichen Konzessionen f\u00fcr die italienischen Autobahnen an die \u201eAtlantia Group\u201c angek\u00fcndigt hat. Dass diese Aussagen im Raume stehen, ist ein Beleg f\u00fcr die Kraft, mit der die Menschen sich dem Polit-Establishment entgegenstellen. Diese Abneigung richtet sich gegen eine Regierung, die f\u00fcr viele \u201eeinfachen\u201c Leute aktuell zum Ziel ihrer momentanen Rache-Gef\u00fchle geworden ist.<\/p>\n<p>Doch wenn so etwas gesagt wird, offenbart sich darin auf ganz konkrete Weise der Unterschied zwischen den Worten der Regierungsverantwortlichen und der echten und aufrichtigen Solidarit\u00e4t von unten durch zehntausende EinwohnerInnen Genuas in Anteilnahme mit den Opfern.<\/p>\n<p>Der Einsturz der Morandi-Br\u00fccke hat eine breite Debatte in der italienischen Gesellschaft er\u00f6ffnet. Dieses traurige Ereignis hat bereits immense soziale und politische Konsequenzen nach sich gezogen und wird dies in n\u00e4chster Zukunft weiterhin tun. F\u00fcr viele \u201eeinfache\u201c B\u00fcrgerInnen bedeutet dies das endg\u00fcltige Ende jedweden Vertrauens in die staatlichen Organe. Viele fragen sich: \u201eWenn ich den sogenannten ExpertInnen und den TechnikerInnen nicht glauben kann, die f\u00fcr die Sicherheit einer der meist befahrenen Autobahnen in Italien verantwortlich sind, wem kann ich dann \u00fcberhaupt noch vertrauen?\u201c.<\/p>\n<h4>Chaos auf Seiten der politischen Elite\u00a0&#8211; F\u00fcr die entsch\u00e4digungslose Verstaatlichung des Autobahnnetzes!<\/h4>\n<p>Der Br\u00fcckeneinsturz hat die gro\u00dfen politischen Parteien in Schwierigkeiten gebracht. So musste beispielsweise die \u201eF\u00fcnf-Sterne-Bewegung\u201c (M5S) in ihren eigenen Ver\u00f6ffentlichungen die Artikel streichen, in denen sie vom \u201eM\u00e4rchen\u201c geschrieben hat, dass die Morandi-Br\u00fccke m\u00f6glicherweise einst\u00fcrzen k\u00f6nne. Parallel dazu wurde bekannt, dass die Benettons die Wahlkampf-Kampagnen sowohl der ehemals regierenden \u201eDemokratischen Partei\u201c als auch der rechten \u201eLega\u201c finanziert haben, die unter der Leitung von Salvini steht. Bei Letzterem handelt es sich um den derzeitigen stellvertretenden Ministerpr\u00e4sidenten und um den amtierenden Innenminister. Conte, der aktuelle Premier, war \u2013 als er noch als Rechtsanwalt gearbeitet hat \u2013 Rechtsberater von \u201eAiscat\u201c, dem italienischen Verband f\u00fcr Autobahnen und Tunnel und der A4 von Brescia nach Padova. In dieser Zeit hat er deren Interessen vertreten.<\/p>\n<p>Und dennoch hat derselbe Conte unter dem Druck der \u00d6ffentlichkeit gesagt, dass die Konzessionen f\u00fcr die Autobahnen entzogen werden k\u00f6nnten, die die Unternehmensgruppe momentan inne hat. Der Entzug dieser Konzessionen ist l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig. Da man sich aber st\u00e4ndig innerhalb des Rahmens der kapitalistischen Wirtschaft bewegt, riskiert der Staat jedoch eine \u201eStrafe\u201c f\u00fcr den Entzug der Konzessionen zahlen zu m\u00fcssen \u2013 und paradoxer Weise riskiert man gleichzeitig eine weitere Bereicherung durch die KonzessionsinhaberInnen.<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass das Problem der Instandhaltung, \u00fcberh\u00f6hter Mautgeb\u00fchren und privat eingeheimster Profite nicht gel\u00f6st wird, wenn die Kontrolle \u00fcber die Autobahnen einer gro\u00dfen kapitalistischen Unternehmensgruppe weggenommen wird, um sie lediglich in die H\u00e4nde einer anderen zu \u00fcbergeben.<\/p>\n<p>Eine kurz nach der Trag\u00f6die von Genua durchgef\u00fchrte Umfrage hat gezeigt, dass 81 Prozent der ItalienerInnen f\u00fcr die R\u00fcckverstaatlichung der Autobahnen sind. Das muss das Ziel sein! Es ist n\u00f6tig, das gesamte Autobahnnetz so schnell wie m\u00f6glich wieder zu verstaatlichen, um es aus der Umklammerung durch private Individuen zu rei\u00dfen und umgehend mit der \u00dcberpr\u00fcfung und Kontrolle der gesamten Infrastruktur beginnen zu k\u00f6nnen. Den Anfang m\u00fcssen diese Ma\u00dfnahmen bei den verst\u00e4rkten Betonbauten machen, die in den 1960er Jahren errichtet wurden.<\/p>\n<p>Um aber zu verhindern, dass die Kosten f\u00fcr die Verstaatlichung auf die \u201eeinfachen\u201c Leute abgew\u00e4lzt werden (wom\u00f6glich in Form noch h\u00f6herer Mautgeb\u00fchren), ist es essentiell, dass dieser Vorgang ohne jeden Anspruch auf Entsch\u00e4digung f\u00fcr die bisherigen VerwalterInnen des Autobahnnetzes vonstatten geht.<\/p>\n<p>Abgesehen davon darf bei aller berechtigter Kritik an der Privatisierung und an der \u201eBenetton Group\u201c nicht \u00fcbersehen werden, wie die aktuelle Katastrophe im Zusammenhang steht mit der langfristigen Krise des Kapitalismus in Italien und der Austerit\u00e4tspolitik der letzten zehn Jahre. 2007 sind noch rund 14 Milliarden Euro in die Stra\u00dfen in Italien investiert worden. 2015 waren es gerade einmal noch f\u00fcnf Milliarden Euro. Bei der Morandi-Br\u00fccke handelt es sich um die zw\u00f6lfte Br\u00fccke in Italien, die seit 2004 zusammengest\u00fcrzt ist.<\/p>\n<p>In einem Versuch, die Emp\u00f6rung der Bev\u00f6lkerung \u00fcber den Br\u00fcckeneinsturz auf die EU zu lenken, hat Matteo Salvini, der Vorsitzende der rechtsgerichteten Partei \u201eLega\u201c, amtierender stellvertretender Ministerpr\u00e4sident und Innenminister des Landes, gesagt, dass dieser Einsturz auf die Vorgaben f\u00fcr die Austerit\u00e4tspolitik zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, die aus Br\u00fcssel kommen.<\/p>\n<p>Salvinis unbeholfener und kruder Versuch, die Wut der Menschen in Italien auf die EU, die durchaus vorhanden ist, f\u00fcr sich zu nutzen, sollte einerseits dazu dienen, die mittelbare und unmittelbare Verantwortung seiner Partei und seiner Regierung f\u00fcr den Br\u00fcckeneinsturz zu vertuschen. Auf der anderen Seite wollte er damit die Aufmerksamkeit von den wirklich Verantwortlichen ablenken und versuchen, das Ziel, gegen das sich die Wut der Bev\u00f6lkerung richtet, zu verschieben. Es sollte damit verhindert werden, dass die Aspekte der staatlichen Konzessionen, das Problem der Privatisierung und das Thema der R\u00fcckverstaatlichung der Autobahnen zur Sprache kommt. Dieser Versuch ist umgehend zur\u00fcckgewiesen worden. Wir nehmen die Ausnutzungs- und die Profilierungsversuche \u00fcber die Medien nicht hin, wie sie vom amtierenden Innenminister angewendet werden, der am Abend der Trag\u00f6die nicht nach Genua gefahren ist, sondern zusammen mit seinen sizilianischen Kumpanen eine Party gefeiert hat. Es ist kein Zufall, dass Salvini weiterhin Interviews ver\u00f6ffentlichen l\u00e4sst, in denen er sich gegen MigrantInnen \u00e4u\u00dfert. Er wei\u00df einfach nicht wie oder er will nicht angemessen mit dem Ungl\u00fcck von Genua umgehen. Am Tag des Staatsakts machte er w\u00e4hrend der Trauerfeier Selfies mit Unterst\u00fctzerInnen seiner Partei.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen die nationalistischen Versuche von Matteo Salvini zur\u00fcckweisen, mit denen er von einer Kritik am Kapitalismus und an der herrschenden Klasse Italiens ablenken will, indem er einfach die Austerit\u00e4tspolitik verantwortlich macht, wie sie so h\u00e4ufig von der EU eingefordert worden ist. Die EU hat vielen L\u00e4ndern die Austerit\u00e4tspolitik abverlangt. Ein Bruch mit der EU und ihrer Politik wird f\u00fcr sich genommen aber nicht zu grundlegendem Wandel f\u00fchren.<\/p>\n<p>Nur ein struktureller Bruch mit dem Kapitalismus und den Gesetzen, die daf\u00fcr sorgen, dass alles wie gehabt abl\u00e4uft, wird helfen, um \u00e4hnliche Trag\u00f6dien wie die in Genua in Zukunft zu verhindern. Eine sozialistische Gesellschaft, die auf der Kraft und Selbstorganisation der ArbeiterInnen und \u201eeinfachen\u201c Leute basiert, w\u00e4re die einzige M\u00f6glichkeit, mit der nicht nur die n\u00f6tigen Ressourcen f\u00fcr die Sicherheit und Instandhaltung und Kontrolle der Infrastruktur sichergestellt werden k\u00f6nnten. Sie w\u00fcrde auch Entscheidungen treffen, um n\u00f6tige Br\u00fccken, Stra\u00dfen und Autobahnen zu bauen, bei deren Errichtung die Kriterien der N\u00fctzlichkeit, gesellschaftlichen Sinnhaftigkeit und \u00f6kologischer Folgen ber\u00fccksichtigt w\u00fcrden. In einer sozialistischen Gesellschaft ginge es nicht einzig und allein um den kurzfristigen Profit. Das ist die Perspektive, f\u00fcr die \u201eResistenze Internazionali\u201c k\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Um Trag\u00f6dien wie diese k\u00fcnftig verhindern zu k\u00f6nnen und den Opfern des Einsturzes ein angemessenes Andenken zu bewahren, fordert \u201eResistenze Internazionali\u201c:<\/p>\n<p>\u2022 Einrichtung einer unabh\u00e4ngigen Untersuchungskommission, der keine Regierungsmitglieder angeh\u00f6ren d\u00fcrfen und die auf Organisationen aus der Bev\u00f6lkerung basiert (z.B. Gewerkschaften oder Gemeinde-Gruppen), um zu ermitteln, wer die Verantwortung f\u00fcr die kriminellen Machenschaften hinter den schlimmen Ereignissen zu tragen hat.<\/p>\n<p>\u2022 Angemessene Entsch\u00e4digung der Familien der Opfer und der evakuierten Personen<\/p>\n<p>\u2022 Umgehende Untersuchung des Zustands aller sicherheitsrelevanter Bauten beginnend mit s\u00e4mtlichen verst\u00e4rkten Betonbr\u00fccken, die durch Metallkonstruktionen ersetzt werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>\u2022 Entsch\u00e4digungsloser Entzug der staatlichen Konzessionen der Unternehmensgruppe \u201eAutostrade per l&#8217;Italia\u201c<\/p>\n<p>\u2022 Abschaffung des Staatsgeheimnisses bei der Vergabe staatlicher Konzessionen<\/p>\n<p>\u2022 Abschaffung der Autobahn-Maut<\/p>\n<p>\u2022 Entsch\u00e4digungslose R\u00fcckverstaatlichung aller Unternehmen wie \u201eAtlantia\u201c, denen bisher das italienische Autobahnnetz untersteht, und stattdessen \u00dcberf\u00fchrung unter die Kontrolle und Verwaltung der in diesem Sektor Besch\u00e4ftigten und ihrer VertreterInnen. Bereitstellung der n\u00f6tigen staatlichen Mittel als Bestandteil eines umfassenden Transport- und Verkehrswege-Plans.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kapitalistische Profitgier verantwortlich<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":36511,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[44],"tags":[1357,1356,1355,1358,297],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36510"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=36510"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36510\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":36516,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36510\/revisions\/36516"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/36511"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=36510"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=36510"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=36510"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}