{"id":36484,"date":"2018-08-17T11:55:37","date_gmt":"2018-08-17T09:55:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=36484"},"modified":"2018-08-15T10:35:29","modified_gmt":"2018-08-15T08:35:29","slug":"buchtipp-arbeiter-und-soldat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2018\/08\/buchtipp-arbeiter-und-soldat\/","title":{"rendered":"Buchtipp: \u201eArbeiter und Soldat\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/arbeiterundsoldat-e1534240680212.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-36485\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/arbeiterundsoldat-107x173.jpg\" alt=\"\" width=\"107\" height=\"173\" \/><\/a>\u00dcber ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Leben im Widerstand<\/strong><\/p>\n<p>An Martin Monath hat bisher nur ein Stolperstein in Berlin erinnert. Nun hat Wladek Fakin die aufzufindenden Puzzleteile eines widerst\u00e4ndigen Lebens w\u00e4hrend der Nazi-Diktatur so weit zusammengef\u00fcgt, wie das m\u00f6glich war, und eine kurze Biographie dieses au\u00dfergew\u00f6hnlichen Revolution\u00e4rs vorgelegt.<\/p>\n<p><em>Von Sascha Stani\u010di\u0107<\/em><\/p>\n<p>Monath war ein Berliner Jude, der den Weg von der zionistischen Jugendbewegung zum Trotzkismus zur\u00fcck gelegt hat und w\u00e4hrend der Besetzung Europas durch die Nazis zu einem f\u00fchrenden Mitglied der trotzkistischen Untergrundorganisation wurde und die gef\u00e4hrliche und faszinierende Aufgabe \u00fcbernahm, deutsche Wehrmachtssoldaten im besetzten Frankreich in revolution\u00e4ren Zellen zu organisieren.<\/p>\n<p>Schon den wirklichen Namen dieses schillernden Widerstandsk\u00e4mpfers herauszufinden, war eine schwierige Aufgabe. Bisher war er denjenigen, die sich mit der Geschichte des Trotzkismus w\u00e4hrend Nazi-Diktatur und Zweitem Weltkrieg auseinandergesetzt hatten, als \u201eViktor\u201c bekannt.<\/p>\n<p>Monaths Wirken steht f\u00fcr das, was den Trotzkismus als authentischem revolution\u00e4ren Marxismus, auszeichnet und von der stalinistischen Perversion des Marxismus unterscheidet: Klassenstandpunkt und Internationalismus. Er und seine GenossInnen sahen in den deutschen Wehrmachtssoldaten in Frankreich nicht Nazis und Besatzer, sondern Arbeiter in Uniform, die in einen Krieg gezwungen wurden, der nicht ihren Interessen entsprach. Statt auf Anschl\u00e4ge auf solche Soldaten setzten sie auf die Kraft der revolution\u00e4ren Propaganda und Verbr\u00fcderung mit franz\u00f6sischen ArbeiterInnen.<\/p>\n<p>Fakin beschreibt den Unterschied in der Herangehensweise so: \u201eDie stalinistischen und b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4fte mit ihrer &#8218;Travail allemand&#8216; (Zersetzungsarbeit) haben ebenfalls deutschsprachige Propaganda gemacht \u2013 aber ihr Ziel war lediglich, dass sich Wehrmachtssoldaten freiwillig in Kriegsgefangenschaft begeben sollten. Die Trotzkisten dagegen wollten die Soldaten zu politischen Subjekten, zu K\u00e4mpfern f\u00fcr die sozialistische Revolution machen \u2013 genauso wie die Soldaten am Ende des Ersten Weltkriegs in einer Reihe von L\u00e4ndern an der Spitze der revolution\u00e4ren Bewegung standen.\u201c (Seite 74)<\/p>\n<p>Einen besonderen Wert hat diese Ver\u00f6ffentlichung im Schmetterling-Verlag auch, weil sie die (wenigen) Ausgaben der von Monath und seinen GenossInnen der trotzkistischen Vierten Internationale herausgegebenen Zeitung \u201eArbeiter und Soldat\u201c abdruckt.<\/p>\n<p>Zwangsl\u00e4ufig wird in dem Buch stellenweise spekuliert, weil es schlicht und einfach zu wenige Dokumente und zu wenige Zeitzeugen gibt bzw. gab. So zum Beispiel in der Frage, ob Martin Monath sich in der letzten Phase seines Lebens vom Trotzkismus entfernte, wie es sein Weggef\u00e4hrte Paul Thalmann behauptete. Der Autor weist daraufhin, dass es au\u00dfer dieser Aussage keine Anzeichen f\u00fcr diese These gibt, nicht zuletzt weil \u201eArbeiter und Soldat\u201c bis zuletzt als Organ der Vierten Internationale erschien. Aber einen wirklichen Nachweis kann er nicht erbringen.<\/p>\n<p>Was dem Buch fehlt ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem Inhalt der Zeitung \u201eArbeiter und Soldat\u201c. Liest man die in der Zeitung ver\u00f6ffentlichten Texte, so f\u00e4llt auf, dass sie vor allem Revolutionspropaganda betreiben und die Stalinisten kritisieren. Ebenso malen sie ein Bild von einer herannahenden Revolution in Deutschland und von einer beginnenden proletarischen Widerstandsbewegung, das nicht ganz der Realit\u00e4t entsprach. Es gibt nur wenige Texte, die an der Lebensrealit\u00e4t der Soldaten und ihrer Familien ankn\u00fcpfen und davon ausgehend die Notwendigkeit einer sozialistische Revolution herleiten. Das, was Trotzkisten ein \u00dcbergangsprogramm bzw. eine \u00dcbergangsmethode nennen, fehlt weitgehend.<\/p>\n<p>Das wird auch in einer sehr vereinfachten Gleichsetzung des Hitler-Faschismus mit den imperialistischen M\u00e4chten, die sich im Krieg mit Nazi-Deutschland und seinen Verb\u00fcndeten befanden, deutlich. Es ist grunds\u00e4tzlich richtig, dass der Zweite Weltkrieg ein von beiden Seiten imperialistischer Krieg war und die Arbeiterklasse eine unabh\u00e4ngige Klassenposition einnehmen musste, die zum Ziel h\u00e4tte haben sollen das V\u00f6lkergemetzel in eine sozialistische Revolution m\u00fcnden zu lassen, so wie es nach dem Ersten Weltkrieg geschehen war. Doch mussten Revolution\u00e4rInnen zur Kenntnis nehmen, dass es im Bewusstsein der Massen (und in ihrer Lebensrealit\u00e4t) einen Unterschied machte, ob sie in einem von Nazi-Deutschland besetzten Gebiet oder unter de Gaulle, Eisenhower oder Churchill lebten. Hier reichte es nicht mit der Losung des revolution\u00e4ren Def\u00e4tismus (\u201eDer Hauptfeind steht im eigenen Land\u201c) die Niederlage der eigenen Bourgeoisie zu propagieren. F\u00fcr das an deutsche Soldaten gerichtete Organ \u201eArbeiter und Soldat\u201c war das richtig und nachvollziehbar, f\u00fcr die Propaganda in Frankreich und Gro\u00dfbritannien h\u00e4tte dies den Weg zu sich radikalisierenden ArbeiterInnen und Soldaten erschwert. Das f\u00fchrte in der damaligen trotzkistischen Bewegung zu Debatten und zum Beispiel in der britischen trotzkistischen Organisation zu einer differenzierteren Taktik. Diese Fragestellung ignoriert Fakin und erweckt den Eindruck, dass der \u201erevolution\u00e4re Def\u00e4tismus\u201c in derselben Ausformung f\u00fcr die Haltung zu Nazi-Deutschland, wie f\u00fcr die gegen Nazi-Deutschland k\u00e4mpfenden M\u00e4chte galt.<\/p>\n<p>Das Buch leistet aber einen wertvollen Beitrag dazu, dass Martin Monath nicht in Vergessenheit ger\u00e4t. Das Leben Monaths zeigt LeserInnen, die sich mit dem Trotzkismus auseinandersetzen wollen am Beispiel einer besonders schweren und au\u00dfergew\u00f6hnlichen gesellschaftlichen Lage, wie es m\u00f6glich ist, seinen Prinzipien treu zu bleiben, Druck nicht nachzugeben und einen internationalistischen Klassenstandpunkt zu bewahren.<\/p>\n<p>Martin Monath hat die Nazi-Diktatur nicht \u00fcberlebt. Er hatte viele M\u00f6glichkeiten, Europa zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen, ausgeschlagen, weil er seinen Platz im Widerstand sah. Das bezahlte er letztlich mit seinem Leben. Zwei Mal geriet er in die F\u00e4nge der Gestapo. Bei seiner ersten Verhaftung wurde er \u201eauf der Flucht erschossen\u201c, doch die Kugel in seinem Kopf t\u00f6tete ihn nicht. Kurz bevor seine GenossInnen dann die geplante Befreiungsaktion aus dem Krankenhaus, in das er eingeliefert worden war, durchf\u00fchren konnten, schlug die Gestapo ein zweites Mal zu. Was genau dann mit ihm geschah ist nicht bekannt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Leben im Widerstand<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":36485,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[91],"tags":[1351,1352,1350,793],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36484"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=36484"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36484\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":36486,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36484\/revisions\/36486"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/36485"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=36484"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=36484"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=36484"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}