{"id":36480,"date":"2018-08-14T14:24:47","date_gmt":"2018-08-14T12:24:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=36480"},"modified":"2018-08-15T10:46:26","modified_gmt":"2018-08-15T08:46:26","slug":"die-befreiung-der-arbeiterfrauen-kann-nur-das-werk-derer-selbst-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2018\/08\/die-befreiung-der-arbeiterfrauen-kann-nur-das-werk-derer-selbst-sein\/","title":{"rendered":"\u201e Die Befreiung der Arbeiterfrauen kann nur das Werk derer selbst sein\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/zetkingeschichte-330x330-e1534164070916.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-36481\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/zetkingeschichte-330x330-173x173.jpg\" alt=\"\" width=\"173\" height=\"173\" \/><\/a>Vorwort zu Clara Zetkins \u201eGeschichte der proletarischen Frauenbewegung\u201c<\/strong><\/p>\n<h5>Das Buch kann <a href=\"https:\/\/manifest-buecher.de\/produkt\/zur-geschichte-der-proletarischen-frauenbewegung\/\">hier<\/a> bestellt werden.<\/h5>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Frauen stehen nicht \u00fcber Klassenunterschiede hinweg solidarisch zusammen, nur weil sie das gleiche Geschlecht haben. Das hat Clara Zetkin bereits vor \u00fcber 130 Jahren erkannt und die sogenannte Frauenfrage klar in die Forderungen der b\u00fcrgerlichen auf der einen und in die der proletarischen Frauenbewegung auf der anderen Seite differenziert.<\/p>\n<p><em>Von Alexandra Arnsburg<\/em><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die verm\u00f6genden Frauen damals vor allem die juristische Gleichstellung wie die freie Verf\u00fcgung \u00fcber ihren Besitz und Entscheidungsgewalt bez\u00fcglich der Kinder forderten und unter der ihnen zugewiesenen Rolle als Ehefrau und Mutter zu leiden hatten, wurden b\u00fcrgerliche Frauen vor allem nach dem Verlust des Arbeitsplatzes des Ehemannes oder nach einer Trennung in die Lohnarbeit getrieben und wollten hier gleiche Chancen sowohl in der Ausbildung als auch in der Arbeit f\u00fcr sich geltend machen. Arbeiterinnen waren &#8211; wenn auch h\u00e4rter ausgebeutet als ihren m\u00e4nnlichen Kollegen &#8211; bereits durch ihre gemeinsame Position im Gegensatz von Kapital und Arbeit mit den M\u00e4nnern gleichgestellt. Das hei\u00dft, zus\u00e4tzlich zu der Unterdr\u00fcckung aufgrund ihres Geschlechts, was zu mehr Arbeit, geringerem Einkommen und dem erh\u00f6hten Risiko f\u00fchrt, jeglichen Formen von seelischer und k\u00f6rperlicher Gewalt ausgesetzt zu sein, m\u00fcssen lohnabh\u00e4ngige Frauen ihre Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt anbieten und das meist unter schwierigeren Voraussetzungen als ihre Kollegen. Daran hat sich bis heute grunds\u00e4tzlich nichts ge\u00e4ndert, auch wenn Frauen (und Kinder) heute zumindest in der sogenannten Ersten Welt nicht mehr unter m\u00f6rderischen Bedingungen in Fabriken schuften m\u00fcssen. Obwohl Frauen zumindest in Westeuropa eher bessere Schulabschl\u00fcsse absolvieren (Abitur 2015 53,9% Frauen laut WSI\/Stat. Bundesamt Mikrozensus) als M\u00e4nner, verdienen sie im Durchschnitt weniger und arbeiten insgesamt mehr, wenn auch die gesellschaftlich notwendige Arbeit in der Pflege und Erziehung zu Hause mit einbezogen wird.<\/p>\n<p>Stehen wir, Frauen der sogenannten Industriel\u00e4nder, uns nur selbst beim Bau unserer Karriereleiter im Weg oder bedeutet Feminismus heute \u201enur noch\u201c radikale barbusige Outingaktionen wei\u00dfer Frauen mit Modellma\u00dfen?<\/p>\n<p>Angesichts steigender prek\u00e4rer Besch\u00e4ftigung, der aufgrund von niedrigeren L\u00f6hnen und Kindererziehungszeiten geringeren Renten und dem Faktor \u201eKind\u201c als materielles Abstiegsrisiko Nummer eins f\u00fcr Frauen ist klar: Armut ist weiblich. Frauen leisten 52 Prozent mehr unbezahlte Arbeit als M\u00e4nner, haben aber 60 Prozent weniger Geld zur Verf\u00fcgung. Wenn Frauen arbeiten, dann vor allem in Teilzeit oder in Berufen, wo gerade mal der Mindestlohn gezahlt wird. Mehr als die H\u00e4lfte der Frauen verdiente 2016 maximal 1500 Euro netto. Mehr als ein Viertel verdiente nur zwischen 500 und 1000 Euro. Und \u00fcber 13 Prozent der Frauen verdienen gar nichts. In der Einkommensgruppe zwischen 3500 und 4000 sind nur 0,6 Prozent Frauen vertreten. (Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend 07.03.2017, Gutachten zum zweiten Gleichstellungsbericht) Im Schnitt erh\u00e4lt eine Rentnerin in Deutschland 57 Prozent weniger Geld als ein Rentner (WSI, Hans-B\u00f6ckler-Stiftung) und w\u00e4hrend allgemein 15,7 Prozent der Deutschen von Armut bedroht sind, trifft das bei den Alleinerziehenden auf 43,8 Prozent zu. (Armutsgef\u00e4hrdungsquote des Statistischen Bundesamtes) Heute sind noch mehr Alleinerziehende von Armut bedroht als noch vor \u00fcber zehn Jahren: Gegen\u00fcber 2005 stieg die Quote um 4,5 Prozent. Im Jahr 2015 gab es in Deutschland rund 409.000 alleinerziehende V\u00e4ter und rund 2.331.000 alleinerziehende M\u00fctter (statista.com)<\/p>\n<p>Eine Karriereleiter, die es angeblich nur zu erklimmen gilt, haben die meisten Frauen also nicht zu Gesicht bekommen und werden es wahrscheinlich auch nicht. Und bis heute haben die meisten Frauen nichts mit einer der weltweit 145 Million\u00e4rinnen (gegen\u00fcber 1022 Million\u00e4ren) gemeinsam, nicht mal mit der Deutschen BMW-Erbin Susanne von Kletten, au\u00dfer vielleicht den Geburtsort. Auch wenn inzwischen mehr als ein Drittel Frauen im Bundestag sitzen und wir eine Bundeskanzlerin haben, vertritt \u201eunsere\u201c Regierung zuallererst die Interessen des Kapitals und hochbezahlter PolitikerInnen, nicht die von uns hier unten und schon gar nicht die Interessen der Mehrheit der Frauen. Der Kampf f\u00fcr die Befreiung der Frau ist also kein linker Traditionalismus oder l\u00e4ngst hinf\u00e4llig, sondern aktuell und mehr als n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Clara Zetkin erwirkte teilweise gegen den Spott und den Druck ihrer eigenen Genossen, dass die damals gr\u00f6\u00dfte Arbeiterorganisation den Kampf um Gleichberechtigung in ihr Programm aufnahm und schuf mit ihren Publikationen, vor allem mit der Zeitschrift \u201eDie Gleichheit\u201c, eine Grundlage f\u00fcr die Arbeit mit und unter Frauen. Diese Reden, Schriften und Artikel geben auch heute noch Aufschluss, wie der Kampf f\u00fcr eine bessere Welt, f\u00fcr eine sozialistische Gesellschaft, gewonnen werden kann, ohne dabei den Kampf f\u00fcr die Verbesserung der Situation von \u00fcber der H\u00e4lfte der Menschheit in eine ferne Zukunft zu verschieben.<\/p>\n<p>Unter dem Druck der Revolution 1918 musste eine Reihe von Gesetzen erlassen werden, um die Umw\u00e4lzung der Eigentums- und Produktionsverh\u00e4ltnisse zu verhindern und den Klassengegensatz ertr\u00e4glicher zu machen. Frauen erhielten das Wahlrecht, wurden zu mehr \u00c4mtern und Berufen zugelassen und das Mutterschutzgesetz eingef\u00fchrt. Die Bewegung gegen den \u00a7 218 bekam einen Aufschwung. Dieser Paragraph wurde 1872 im Reichsstrafsgesetzbuch verankert und sah eine Strafe von bis zu f\u00fcnf Jahren Zuchthaus f\u00fcr Abtreibung vor. Kurzzeitig erfuhr der Arbeitsmarkt, insbesondere im neuen Angestelltenberuf in B\u00fcros und Verwaltungen, einen Zustrom vor allem von jungen und unverheirateten Frauen. Viele dieser weiblichen Angestellten wurden schon wenige Jahre sp\u00e4ter in der Wirtschaftskrise arbeitslos und von der Arbeitslosenunterst\u00fctzung ausgeschlossen, wenn sie verheiratet waren. Seit der Gr\u00fcndung der NS-Frauenschaft 1931 gingen die NationalsozialistInnen zum offenen Angriff \u00fcber. Nach der Machtergreifung 1933 wurden alle Frauenverb\u00e4nde aufgel\u00f6st und der Deutschen Frauenfront untergeordnet und zahlreiche Aktivistinnen ermordet. Der Feminismus und die begonnene Diskussion zur Sexualreform mussten Folgschaft und Mutterschaft als h\u00f6chste Ziele weichen. Dem Arbeitszwang f\u00fcr Frauen in der Kriegsindustrie im zweiten Weltkrieg folgte die Heim-und-Herd-Bewegung, die noch mindestens zwei Jahrzehnte mit ihrer Ideologie von der sanften flei\u00dfigen Hausfrau bis in die 60er Jahre haften blieb.<\/p>\n<p>Der Aufbruch der Frauen 1968 war keine studentische Eingebung, wie so oft dargestellt, sondern hatte \u00f6konomische Hintergr\u00fcnde. Der lange wirtschaftliche Aufschwung integrierte wieder mehr Frauen in den Arbeitsprozess, wenn auch oft auf Teilzeitbasis, als \u201eZuverdienerinnen\u201c. Die Pille und bessere Verh\u00fctungsm\u00f6glichkeiten machten Arbeits- und Familienleben besser planbar. Das erh\u00f6hte das Selbstbewusstsein von Frauen und bef\u00f6rderte ihre ideologische Losl\u00f6sung vom patriarchalen Modell des \u201eFamilienern\u00e4hrers\u201c.<\/p>\n<p>Insgesamt nahm der Klassenkampf in den den folgenden zehn Jahren in der BRD stark zu. Nach einer Welle wilder Streiks im September 1969, vor allem in der Montan- und Stahlindustrie, aber auch im \u00d6ffentlichen Dienst, setzten die meisten der rund 200.000 Streikenden ihre Forderungen nach h\u00f6heren L\u00f6hnen durch. Bis Ende des Jahres erhielten zudem etwa acht Millionen Besch\u00e4ftigte \u201efreiwillige\u201c Lohnerh\u00f6hungen, um weiteren Unruhen zuvor zu kommen. Kennzeichnend f\u00fcr die sp\u00e4tere Streikbewegung 1973 war, dass vor allem die am schlechtesten bezahlten Schichten \u2013 ausl\u00e4ndische Arbeiter und Frauen \u2013 eine aktive Rolle in diesen K\u00e4mpfen spielten. Die Zunahme der MigrationsarbeiterInnen brachte auch andere und spontane Kampfformen in die Bewegung. Der gro\u00dfe Arbeitskampf im \u00d6ffentlichen Dienst im Jahr 1974 brachte sogar die Regierung Brandt ins Wanken.<\/p>\n<p>Die feministischen Hauptdiskussionen in Westdeutschland hingegen waren vor allem studentisch gepr\u00e4gt, allen voran durch den Aktionsrat zur Befreiung der Frauen Westberlin des Sozialistischen Deutschen Studentbund (SDS). Aber auch im Ostblock und der DDR bewirkte der Aufstand in Tschechien von 1968 eine Welle von B\u00fcrgerrechts-, Frauen- und Friedensbewegungen, die aufgrund der Repression keine gro\u00dfen Kongresse wie der SDS im Westen abhalten konnten, sondern sich in kleinen Zirkeln meist unter dem Schutz der evangelischen Kirche organisierten. Dem SDS gelang es im Westen stellenweise eine Verbindung zu K\u00e4mpfen von ArbeiterInnen zu ziehen, wie zum Beispiel beim gro\u00dfen Kitastreik 1969. Die Erzieherinnen forderten kleinere Gruppen, bessere Arbeitsbedingungen und mehr Stellen. Im Streik der koreanischen Krankenpflegerinnen 1977\/78 f\u00fcr Aufenthaltsrecht und gegen Entlassungen und 1980 gegen Massenentlassungen bei Telefunken organisierten studentische FeministInnen Unterst\u00fctzung. Sie griffen Themen wie die Organisation von Frauen, die Arbeit in den Gewerkschaften, Erwerbsarbeit und sexuelle Selbstbestimmung auf.<\/p>\n<p>Die Diskussion wurde in unterschiedlichen Str\u00f6mungen gef\u00fchrt. Ein Verdienst dieser Zeit ist die generelle Infragestellung von Autorit\u00e4ten und die unerm\u00fcdliche Arbeit der Wissenschaftlerinnen zur sozialen und Bildungsarbeit, geschlechtlicher Gewalt, Homosexualit\u00e4t, Kindererziehung, feministischer Medizin und die Arbeit der Aktivistinnen in unz\u00e4hligen Frauenprojekten, Kinderl\u00e4den, Netzwerken und in der Umwelt- und Friedensbewegung, an Zeitschriften, in der Kampagne gegen den \u00a7218 und der Mobilisierung und Bildung tausender von Frauen bei Kongressen und Akademien zu feministischen Themen. Diese formten auch ein Gegengewicht zu den starren Strukturen der Gewerkschaften und zu den alten formalistischen traditionellen Frauenverb\u00e4nden. In der Neuen Linken wurde jedoch unkritisch die Frau in ihrer neuen Rolle als Sexobjekt \u00e1 la Playboy Magazin \u00fcbernommen und auch auf eigenen Publikationen so dargestellt, wogegen viele Frauen Sturm liefen. Sex ohne die Verpflichtung der Ehe wurde vor allem von M\u00e4nnern gefeiert und Frauen zum Kaffee kochen verdonnert. Kinderl\u00e4den wurden haupts\u00e4chlich von Frauen organisiert. Vergewaltigung war ein Tabu-Thema. Mit diesen Rollenbildern und den Konsequenzen hatten viele Feministinnen dieser Zeit zu k\u00e4mpfen und das hatte eine abschreckende Wirkung auf zahlreiche Frauen.<\/p>\n<p>Vor allem der sozialistische Feminismus verband die Befreiung der Frau mit der Kapitalismuskritik, pr\u00e4gte den Begriff der gesellschaftlichen Reproduktionsarbeit und bot eine Br\u00fccke f\u00fcr soziale Bewegungen und betriebliche K\u00e4mpfe, w\u00e4hrend der b\u00fcrgerliche Feminismus dar\u00fcber diskutierte, ob es nicht generell keine Geschlechter g\u00e4be oder die Befreiung \u00fcber die individuelle Entwicklung erfolgen w\u00fcrde. Sie blieben damit genau wie ihre Vordenkerinnen aus der Wahlrechtsbewegung um die Jahrhundertwende dabei stehen, den Geschlechtern von vornherein unterschiedliche F\u00e4higkeiten zuzuschreiben oder die Diskussion losgel\u00f6st von realen Verh\u00e4ltnissen auf einer rein abstrakten Ebene zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Ab den 80er Jahren integrierte sich die westdeutsche Frauenbewegung zunehmend in Kirchen, Gewerkschaften und Parteien. Die Gr\u00fcnen wurden gegr\u00fcndet und f\u00fchrten Frauenquoten ein. Das wurde 1988 auch von der SPD \u00fcbernommen. Auf Seiten der CDU entstand der konservative Feminismus als neue Str\u00f6mung und trat f\u00fcr die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Teilhabe und Qualifikation ein. Frauen sollten selbstbewusst sein und sich durchsetzen, die F-Klasse oder das Alpha-M\u00e4dchen stehen als Typen daf\u00fcr. Ein paar Fortschritte gab es in den Verwaltungen: Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte wurden in Gemeinden und \u00c4mtern gew\u00e4hlt. Es gab auch \u00fcberparteiliche B\u00fcndnisse. Gegen die sogenannten Leichtlohngruppen f\u00fcr Frauen wurde ein Erfolg beim Bundesarbeitsgericht 1981 erzielt, wo Angestellte der Firma Heinze geklagt hatten. Es gab breite B\u00fcndnisse gegen Betriebsschlie\u00dfungen und die bislang gr\u00f6\u00dfte Demo von Frauen mit 30.000 Teilnehmenden am 18. September 1983. Pr\u00e4gende Themen in dieser Zeit waren au\u00dferdem Gewalt gegen Frauen und Pornografie. Es entwickelten sich mehrere neue Str\u00f6mungen, die die Lebenslage und die Klassenfrage aufwarfen und kritisierten, dass das Rechtssystem, die Familie und die Politik nicht neutral sind, sondern alles der Festigung des patriachalen Herrschaftssystems dient. Leider blieb es hier bei theoretischen Diskursen.<\/p>\n<p>Seit den 90er Jahren ist von der Geschlechterdemokratie die Rede, eigene Frauenparteien wurden gegr\u00fcndet. Es sollen bis heute auf diesem Weg demokratische Verh\u00e4ltnisse zwischen Frauen und M\u00e4nnern in der Gesellschaft insgesamt sowie konkret in Unternehmen und Organisationen mit Trainings und Quoten hergestellt werden. Die Bewegung gegen den \u00a7 218 gewann neuen Auftrieb, als nach dem Zusammenbruch des Stalinismus 1989\/90 und der Angliederung der DDR an die BRD, das Abtreibungsverbot im Osten wieder eingef\u00fchrt und die seit 1972 in der DDR bestehende Fristenl\u00f6sung abgeschafft werden sollte. Die \u201eOstfrauen\u201c litten nach 1990 unter einem enormen Sterilisationsdruck, wenn sie Arbeit finden wollten. In den 90er Jahren gab es einige rechtliche \u00c4nderungen, die dem konservativen Feminismus mit dem Fokus auf Teilhabe von Frauen im Parlament Vorschub leisten: Die Gleichstellung in der Verfassung wird 1994 erwirkt, ein Jahr zuvor das Aufenthaltsrecht f\u00fcr Vergewaltigungsopfer verbessert, seit 1997 gilt die Vergewaltigung in der Ehe als Straftatbestand und nach dem Lebenspartnerschaftsgesetz von 2001 gibt es heute die Ehe f\u00fcr alle. Das sind wichtige Schritte, wenn wir bedenken, dass das Gleichberechtigungsgesetz von 1957 noch sagte, dass Frauen berechtigt sind \u201eerwerbst\u00e4tig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.\u201c Die \u201enat\u00fcrliche Rolle\u201c der Frau wurde hier noch festgeschrieben und der Ansatz der \u201eBefreiung durch Lohnarbeit\u201c in der DDR als \u201eGleichmacherei\u201c verschrien. Jedoch bleiben dies lediglich Schritte auf dem Papier, denn grunds\u00e4tzlich wurde der Offensive des Neoliberalismus mit Deregulierung und Privatisierung seit den 90er Jahren nichts mehr entgegengesetzt, auch wenn die ersten globalisierungskritischen Stimmen auf Seiten der Frauenbewegung ert\u00f6nten. Eine formale Gleichstellung n\u00fctzt nichts, wenn auf der realen Ebene Brutalit\u00e4t vorherrscht und Frauen massenhaft in die Armut gedr\u00e4ngt werden. Wir m\u00fcssen die Krise der Sozialsysteme und dieses Wirtschaftssystems ausbaden, indem wir eine Neuauflage der Heim-und-Herd-Ideologie nur mit dem Zusatz der sexuellen Verf\u00fcgbarkeit erleben. Die Losl\u00f6sung der Diskussion dar\u00fcber, wie Diskriminierung entsteht, mit der Fokussierung auf die Einzelnen und der \u00dcbertragung der Probleme an Einzelne oder an die Opfer von Gewalt, wie es gerade mit den modern klingenden Begriffen \u201eIdentity Politics\u201c und \u201eDefinitionsmacht\u201c geschieht, bietet keinen Ansatz zur \u00dcberwindung von Ungleichheit. Sie bilden auch keinen Ansatz f\u00fcr reale K\u00e4mpfe, zum Beispiel f\u00fcr Arbeitspl\u00e4tze und h\u00f6here L\u00f6hne, gute Kinderg\u00e4rten und Schulen, gegen \u00a7 218, gegen Gewalt, f\u00fcr soziale Einrichtungen und vieles mehr, was die Ausgangssituation f\u00fcr Frauen und M\u00e4nner verbessern w\u00fcrde, mit Unterdr\u00fcckung und Gewalt Schluss zu machen.<\/p>\n<p>Clara Zetkin arbeitete in unz\u00e4hligen Schriften heraus, warum die Befreiung der Arbeiterfrauen nur das Werk derer selbst im Bund mit den Arbeitern sein kann und nicht das Mitleid oder die Almosen b\u00fcrgerlicher Frauen und Politiker eine dauerhafte Verbesserung f\u00fcr Frauen der unteren Einkommen und mittelloser Frauen herbeif\u00fchren wird. \u201eDas ehrliche Empfinden f\u00fcr die Leiden der Arbeiterinnen, Arbeiterfrauen, des gesamten Proletariats paarte sich nicht mit der klaren Erkenntnis der letzten ausschlaggebenden Ursache der Leiden, die die Werkt\u00e4tigen peinigten. (\u2026) Sie erblickten nicht hinter den beklagten widerspruchsvollen Vorg\u00e4ngen in der Welt der Arbeit die Gestalt des profitheischenden Kapitalisten. Der die b\u00fcrgerliche Gesellschaft gestaltende und zerkl\u00fcftende unvers\u00f6hnliche Klassengegensatz von ausbeutender Bourgeoisie und ausgebeutetem Proletariat war ihnen ein fremder, unverstandener, h\u00e4\u00dflicher Begriff. So waren sie wohl bereit, den Arbeiterinnen zu \u00bbhelfen\u00ab, aber sie verstanden nicht, da\u00df es f\u00fcr diese nur eine wirksame Hilfe gab: ihre Organisierung gemeinsam mit den Klassengenossen zum Kampf gegen den Kapitalismus und seinen Staat, seine soziale Ordnung.\u201c (Kapitel 3 in diesem Buch)<\/p>\n<p>Frauen erkannten schon zu Zeiten der Pariser Kommune, dass es keine Vers\u00f6hnung mit dem Gro\u00dfkapital geben kann und k\u00e4mpften an vorderster Front. Clara Zetkin f\u00fchrt mit dem vorliegenden Buch zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung durch die H\u00f6hepunkte und Niederlagen der Frauenbewegung bis nach der Jahrhundertwende. Sie zeigt anhand vieler Bespiele, dass es die Frauen waren, die am meisten unter der Peitsche der Ausbeutung zu leiden hatten. Weil sie es waren, die das Brot auf den Tisch bringen mussten, waren sie meist die ersten, die den Hunger und die Ungerechtigkeit beseitigen wollten und die M\u00e4nner mit in die K\u00e4mpfe zogen. Die auf diese Art radikalisierten Frauen zogen meist schnell weitergehende Schlussfolgerungen und schlossen sich den Revolution\u00e4ren an und forderten ihre v\u00f6llige Gleichstellung und die Umorganisation der ganzen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Tausende von Frauen k\u00e4mpften mehrfach in der Geschichte auch mit Waffen f\u00fcr die Verteidigung der Revolution und wurden genauso oft durch Verbote ihrer Organisationen und Erlass restriktiver Gesetze eigens f\u00fcr Frauen geknebelt und zur\u00fcckgeworfen.<\/p>\n<p>Clara Zetkin schrieb ihren Text voller Hoffnung, dass der Sieg der Revolution auch der Sieg der kommunistischen Frauenbewegung sein w\u00fcrde. Angesichts des ersten Arbeiterstaates, der mit der Sowjetunion nach der Oktoberrevolution 1917, gegr\u00fcndet wurde und der Verbesserungen f\u00fcr Frauen schien das naheliegend: volle Gleichberechtigung f\u00fcr Frauen gesetzlich verankert, ein umfassender Mutterschutz, das Recht auf Abtreibung und freie Eheschlie\u00dfung und Scheidung, Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe und eine Reihe von Einrichtungen zur Vergesellschaftung von Haus- und Pflegearbeit wie Kinderg\u00e4rten, W\u00e4schereien und kostenloses Schulessen &#8211; nach dem Motto Trotzkis: \u201eUm die Lebensbedingungen zu \u00e4ndern, m\u00fcssen wir lernen, sie mit den Augen der Frauen zu sehen.\u201c (Trotzki, Fragen des Alltagslebens 1924) Diese Errungenschaften konnten nicht verteidigt werden und der Stalinismus unterwarf Frauen erneut restriktiverer Gesetze und einer r\u00fcckschrittlichen Ideologie, um die Herrschaft der B\u00fcrokratie abzusichern.<\/p>\n<p>Heute \u2013 knapp neunzig Jahre nach Ver\u00f6ffentlichung des Buches von Clara Zetkin, mehr als 140 Jahre seit den ersten Erfahrungen von Selbstorganisation der Gesellschaft und von Frauen in der Pariser Kommune und einhundert Jahre nach den zarten Bl\u00fcten der Frauenbefreiung und weitgehender gesellschaftlicher Ma\u00dfnahmen in Sowjetrussland, mehr als achtzig Jahre nach den K\u00e4mpfen der Frauen im Spanischen Staat gegen die Franco-Diktatur, sind die dr\u00e4ngenden Fragen der Menschheit noch nicht gel\u00f6st. Im Gegenteil, von sechzig Millionen Gefl\u00fcchteten weltweit sind achtzig Prozent Frauen, deren Lebensgrundlage durch Unterdr\u00fcckung, Ausbeutung, Krieg oder Umweltzerst\u00f6rung vernichtet wurde.<\/p>\n<p>Jedoch gibt es heute auch mehr Protest und gr\u00f6\u00dfere Mobilisierungen von Frauen als zuvor. Frauen sagen und zeigen weltweit, dass sie nicht die humane Man\u00f6vriermasse des Kapitals sind und sich nicht gestern in die Produktion schicken lassen und heute nach Hause. Weltweit beteiligen sich jedes Jahr Hunderttausende an Demonstrationen um den Frauentag im M\u00e4rz, treten Hunderttausende f\u00fcr sexuelle Selbstbestimmung ein, k\u00e4mpfen gegen Sexismus wie in Island und Gewalt wie in Indien und der T\u00fcrkei. Zehntausende nehmen an Frauenstreiks gegen Angriffe auf Abtreibungsrechte wie im Spanischen Staat oder Polen teil. Im Januar 2017 waren bis zu vier Millionen Frauen weltweit aus Protest gegen Trumps Sexismus auf der Stra\u00dfe. Sie zeigen, dass es der Kapitalismus noch nicht geschafft hat, jegliches Selbstbewusstsein von Frauen zu vernichten und dass er an seinen inneren Widerspr\u00fcchen zusammenbrechen wird.<\/p>\n<h5><em>Alexandra Arnsburg, Mitglied im ver.di Landesbezirksvorstand Berlin-Brandenburg und seit kurzem im ver.di Bezirksfrauenrat Berlin<\/em><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorwort zu Clara Zetkins \u201eGeschichte der proletarischen Frauenbewegung\u201c<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":36481,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[32],"tags":[1187,679,913,1028],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36480"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=36480"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36480\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":36496,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36480\/revisions\/36496"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/36481"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=36480"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=36480"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=36480"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}