{"id":36441,"date":"2018-07-24T14:59:22","date_gmt":"2018-07-24T12:59:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=36441"},"modified":"2018-07-24T15:01:10","modified_gmt":"2018-07-24T13:01:10","slug":"oezils-volltreffer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2018\/07\/oezils-volltreffer\/","title":{"rendered":"\u00d6zils Volltreffer"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_36442\" aria-describedby=\"caption-attachment-36442\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/20180602_FIFA_Friendly_Match_Austria_vs._Germany_Mesut_\u00d6zil_850_0704-e1532437047862.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-36442 size-medium\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/20180602_FIFA_Friendly_Match_Austria_vs._Germany_Mesut_\u00d6zil_850_0704-e1532437047862-280x173.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/20180602_FIFA_Friendly_Match_Austria_vs._Germany_Mesut_\u00d6zil_850_0704-e1532437047862-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/20180602_FIFA_Friendly_Match_Austria_vs._Germany_Mesut_\u00d6zil_850_0704-e1532437047862-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/20180602_FIFA_Friendly_Match_Austria_vs._Germany_Mesut_\u00d6zil_850_0704-e1532437047862-768x475.jpg 768w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/20180602_FIFA_Friendly_Match_Austria_vs._Germany_Mesut_\u00d6zil_850_0704-e1532437047862-560x347.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/20180602_FIFA_Friendly_Match_Austria_vs._Germany_Mesut_\u00d6zil_850_0704-e1532437047862-600x371.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/20180602_FIFA_Friendly_Match_Austria_vs._Germany_Mesut_\u00d6zil_850_0704-e1532437047862-534x330.jpg 534w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-36442\" class=\"wp-caption-text\">Foto: <a href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/a\/a7\/20180602_FIFA_Friendly_Match_Austria_vs._Germany_Mesut_%C3%96zil_850_0704.jpg\">Mesut \u00d6zil <\/a> von <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/User:Granada\"> Granada <\/a> <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\/deed.de\">CC BY-SA 4.0<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Solidarit\u00e4t gegen Rassismus statt Ausgrenzung!<\/strong><\/p>\n<p>\u00d6zil hat Recht. Nicht, was sein Fotoshooting mit Erdo\u011fan angeht. Das war gro\u00dfer Mist und seine aktuelle Erkl\u00e4rung, es ginge ihm nicht um die politische Unterst\u00fctzung, sondern um Respekt f\u00fcr das h\u00f6chste Amt seines Herkunftslandes, ist bestenfalls naiv. Immerhin war der Inhaber dieses Amtes zum Zeitpunkt der Aufnahme damit besch\u00e4ftigt, seinen Wahlsieg zu sichern, um sein autorit\u00e4res Regime zu stabilisieren, samt der milit\u00e4rischen Besetzung der Region Afrin (Nordsyrien) und zehntausender politischer Gefangener.<\/p>\n<p><em>von Claus Ludwig, K\u00f6ln<\/em><\/p>\n<p>\u00d6zil hat allerdings Recht, wenn er die Doppelmoral des DFB, der Konzerne und der Politik anspricht. Viele, die ihn kritisiert haben, haben dies nicht getan, weil Erdo\u011fan ein Despot ist. Sie haben nur eine Gelegenheit genutzt, um rassistische Stimmung zu machen und um von einer wirklichen Aufarbeitung des Scheiterns der Nationalmannschaft abzulenken. Und auch weil sie keine t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Spieler in der deutschen Nationalmannschaft wollen. Weil sie diese nur akzeptieren, wenn sie sich deutscher geben als die Deutschen, die Hymne schmettern und nicht zu ihrer Herkunft stehen.<\/p>\n<p>Als Merkel Erdo\u011fan kurz vor der t\u00fcrkischen Parlamentswahl 2015 zu einem H\u00e4ndesch\u00fcttel-Termin traf und ihn damit unterst\u00fctzte, wurde dies keineswegs skandalisiert. Mesut \u00d6zil hat dem Regime in der T\u00fcrkei weit weniger geholfen, als deutsche PolitikerInnen aller etablierten Parteien, die seit Jahrzehnten sicherstellen, dass der Krieg in Kurdistan mit deutschen Waffen und deutschem Geld gef\u00fchrt werden kann, weit weniger als deutsche Polizei und Justiz, die zur Zufriedenheit der t\u00fcrkischen Regierung gegen die kurdische Bewegung vorgehen.<\/p>\n<h4>Fouls in der Nachspielzeit<\/h4>\n<p>Vor der WM haben die DFB-Funktion\u00e4re klare Worte in Richtung \u00d6zil und G\u00fcndo\u011fan vermieden. Bierhoff und L\u00f6w nuschelten was von demokratischen Werten, aber eine \u00f6ffentliche Auseinandersetzung gab es nicht. Die Unruhe sollte von der Mannschaft ferngehalten werden.<\/p>\n<p>Als die Mission WM in die Hose ging, begann das Nachtreten. H\u00e4tte \u201eDie Mannschaft\u201c ein erfolgreiches Turnier gespielt, zumal mit einem guten \u00d6zil, w\u00e4re die Aff\u00e4re Erdo\u011fan kein Thema gewesen, weder f\u00fcr die DFB-Funktion\u00e4re noch f\u00fcr die Medien. Dann h\u00e4tte man dem Spieler seinen Fehltritt verziehen, weil er dem Verband und seinen Sponsoren gute Publicity und Gewinne gesichert h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Mesut \u00d6zil sah sich gezwungen zur\u00fcckzutreten, weil das Team in der Vorrunde ausschied und er mit Hilfe von Rassismus zum S\u00fcndenbock aufgebaut wurde. Bierhoff und DFB-Chef Grindel hauten Spr\u00fcche gegen ihn raus, dass man glauben konnte, er h\u00e4tte die WM alleine vergurkt. \u00d6zil fasst das treffend zusammen: \u201eIch bin Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren\u201c<\/p>\n<p>Die WM ist vorbei. Wir haben jetzt andere Probleme als Ballbesitz, Konter und Standardsituationen. Der Fall Mesut \u00d6zil entwickelt sich zu einer ausgewachsenen Debatte, die vor allem von den Rassisten jeglicher Couleur genutzt wird, um erneut \u00fcber Nation, Kultur, Migration und den ganzen Kram in einer Weise zu diskutieren, die uns trennen, Gr\u00e4ben ausheben und vertiefen soll.<\/p>\n<h4>Rechtsausleger an der DFB-Spitze<\/h4>\n<p>Zu Recht schreibt \u00d6zil, von DFB-Chef Reinhard Grindel \u201eentt\u00e4uscht, aber nicht \u00fcberrascht\u201c zu sein. Er verweist darauf, dass Grindel als CDU-Politiker im Bundestag 2004 meinte, \u201eMulti-Kulti (ist) ein Mythos und eine Lebensl\u00fcge\u201c, als Begr\u00fcndung seines Votums gegen die doppelte Staatsb\u00fcrgerschaft. \u00d6zil zeigt die Kontinuit\u00e4t Grindels auf, der die Erdo\u011fan-Aff\u00e4re genutzt hat, um populistisch auf die Spieler mit t\u00fcrkischem Background einzudreschen. Er wirft Grindel vor, eine politische Agenda zu haben, die im Kern rassistisch ist.<\/p>\n<p>Mesut \u00d6zil, bisher als eher zur\u00fcckhaltend bekannt, beschreibt in seinem Statement recht pr\u00e4zise die politische Lage: \u201eMich wegen meiner Vorfahren zu kritisieren oder zu misshandeln ist erb\u00e4rmlich und eine Linie, die \u00fcbertreten wird. Und Diskriminierungen als Werkzeug f\u00fcr politische Propaganda zu nutzen, sollte zur sofortigen Entlassung dieser respektlosen Menschen f\u00fchren. Diese Leute haben mein Bild mit Pr\u00e4sident Erdo\u011fan als Gelegenheit genutzt, um ihre vorher versteckten rassistischen Tendenzen auszudr\u00fccken. Und das ist gef\u00e4hrlich f\u00fcr die Gesellschaft.\u201c<\/p>\n<p>\u00d6zil weist auf den Rassismus hin, der Menschen aus der T\u00fcrkei entgegenschl\u00e4gt. Er ist hier aufgewachsen, aber f\u00fcr viele bleibt er immer \u201eder T\u00fcrke\u201c. Ein SPD-Provinzpolitiker aus Hessen beschimpfte ihn und G\u00fcndo\u011fan nach dem Foto als \u201eZiegenficker\u201c.<\/p>\n<p>Mit seinem Rundumschlag gegen DFB, Medien, Politik und Sponsoren trifft Mesut \u00d6zil reihenweise die Richtigen. Mercedes wollte ihn nach den Fotos nicht mehr als Werbetr\u00e4ger haben. \u00d6zil verweist auf Mercedes\u2018 Betr\u00fcgereien beim Abgas und macht deutlich, dass der Konzern sich keineswegs als moralische Instanz aufspielen kann.<\/p>\n<p>Er erw\u00e4hnt allerdings nicht, dass Mercedes-Benz Erdo\u011fan die Transporter geliefert hat, um t\u00fcrkischen Truppen und islamistischen Milizen den Einmarsch ins kurdisch bewohnte Nordsyrien logistisch zu erm\u00f6glichen. Diese Hilfe seitens des Daimler-Konzerns, an dem dieser gut verdient hat, d\u00fcrfte f\u00fcr den t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten wichtiger sein als der kleine Propaganda-Coup mit den beiden Nationalspielern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin: 0; margin-right: 10px; border: 2px solid #000000; padding: 0em 1em 1em 1em; background-color: #c0c0c0;\">\n<h4>WM-Aus und \u00d6zils Karriere<\/h4>\n<p>Die Diskussion um das Scheitern der deutschen Mannschaft bei der WM mutet bizarr an. Ohne das fr\u00fche Aus w\u00e4re es nicht zur zweiten Welle der \u00d6zil-Schelte gekommen. Nicht im Wortsinn, aber zwischen den Zeilen wurde Mesut \u00d6zil zum Hauptverantwortlichen des Ausscheidens gemacht.<br \/>\nBesonders wild geb\u00e4rdete sich der fr\u00fchere Steuerhinterzieher Uli Hoene\u00df von Bayern M\u00fcnchen. \u00dcber BILD lie\u00df er verlauten, \u00d6zil h\u00e4tte seit 2014 keine Zweik\u00e4mpfe mehr gewonnen und schon seit Jahren nichts in der Nationalmannschaft verloren. Die Leistung des Spielers bei der WM nannte er \u201eDreck\u201c. \u00dcber die Leistungen seiner Bayern \u2013 M\u00fcllers Abtauchen, Kimmichs Abwehr-Abwesenheit und Hummels Kopf-Schulter-Missgeschick \u2013 verlor er hingegen kein Wort.<br \/>\nHoene\u00df verbreitete damit Fake News oder wie es fr\u00fcher hie\u00df: L\u00fcgen. \u00d6zils Karriere ist beeindruckend. In 92 Spielen f\u00fcr die deutsche Nationalmannschaft schoss er 23 Tore und gab 40 Torvorlagen. Selbst bei der schwachen WM 2018, selbst im lauen Spiel gegen S\u00fcdkorea, gewann er 62% der Zweik\u00e4mpfe und gab die meisten Torvorlagen. Schon immer war es \u00d6zils Art, streckenweise sehr unauff\u00e4llig zu spielen, scheinbar abzutauchen und dann wichtige P\u00e4sse oder Torsch\u00fcsse zu schie\u00dfen. Das m\u00f6gen Talkshow-Kasper wie Mario Basler (\u201eK\u00f6rpersprache wie ein toter Frosch\u201c) nicht gut finden, aber die Statistik ist eindeutig: Mesut \u00d6zil ist einer der erfolgreichsten Spieler des deutschen Teams. Dass er zu den feinsten Technikern geh\u00f6rt, scheinen nicht einmal Hoene\u00df oder Basler zu bestreiten.<br \/>\nBundestrainer L\u00f6w hatte nach der WM nicht den Mut, sich sch\u00fctzend vor seinen ehemaligen \u201eLieblingsssch\u00fcler\u201c zu stellen. L\u00f6w war wegen des Ausscheidens selbst in die Kritik geraten und klebt offensichtlich an seinem Posten. H\u00e4tte er \u00d6zil verteidigt, w\u00e4re die Diskussion \u00fcber die Gr\u00fcnde des Ausscheidens vertieft worden. L\u00f6w h\u00e4tte auf seinen Teil der Verantwortung eingehen m\u00fcssen.<br \/>\nDie Stimmung im Team mag nicht die beste gewesen sein, aber die Basis f\u00fcr fr\u00fche Ausscheiden war letztendlich die falsche Taktik, der antiquierte Ballbesitz-Fu\u00dfball mit wenig Absicherung nach hinten und zu beh\u00e4bigen Spielern, auf den sich Mexiko, Schweden und S\u00fcdkorea l\u00e4ngst eingestellt hatten.<br \/>\nSchon im Halbfinale der EM 2016 deutete sich das an, damals wurde dies jedoch nicht analysiert. Nach dem 0:2-Ausscheiden gegen das taktisch und individuell \u00fcberlegene franz\u00f6sische Team wurde vor allem gejammert, die Deutschen w\u00e4ren die \u201eMeister der Herzen\u201c, weil sie mehr Ballbesitz hatten und der Elfmeter gegen Schweinsteiger nicht \u201esooo klar\u201c gewesen sei. Die fehlende Aufarbeitung dieser Niederlage und der taktische Konservatismus von L\u00f6w konnte durch die individuelle Qualit\u00e4t der Spieler nicht ausgeglichen werden, weder von \u00d6zil noch von anderen.<\/p>\n<\/div>\n<h4>Million\u00e4re und Millionen<\/h4>\n<p>Dreistigkeiten gegen \u00d6zil kommen nicht nur von Rechtsau\u00dfen. Au\u00dfenminister Maas (SPD) twitterte, man solle \u201edie Integrationsf\u00e4higkeit unseres Landes nicht allein mit Blick auf einen in England lebenden Multimillion\u00e4r diskutieren\u201c und versucht damit, den Spieler zweifach aus \u201eunserer\u201c Gemeinschaft auszuschlie\u00dfen, England, verstehste, und dann noch Multimillion\u00e4r.<\/p>\n<p>Millionen hin oder her, Mesut \u00d6zil erlebt gerade echte Diskriminierung. Seine Karriere und all sein Geld bewahrten ihn nicht davor, rassistisch beschimpft und zum S\u00fcndenbock gemacht zu werden. Wie geht es erst den Leuten, die nicht \u00fcber sein Geld und seine Medienmacht verf\u00fcgen?<\/p>\n<p>Sie haben in den letzten Wochen zusehen m\u00fcssen, wie drei Unterst\u00fctzer der NSU-M\u00f6rder geringe Haftstrafen erhielten und aus der Haft entlassen wurden. Ihnen wird seit Jahren unterstellt, sie w\u00e4ren nicht richtig \u201eintegriert\u201c, lebten in islamischen \u201eParallelgesellschaften\u201c. Und jetzt bekommen sie mit, wie einer der prominentesten T\u00fcrkeist\u00e4mmigen von Medien, Politik und DFB-Funktion\u00e4ren zum S\u00fcndenbock gemacht wird.<\/p>\n<p>Eine aktuelle Studie von Mannheimer Bildungsforschern hat zum Ergebnis, dass t\u00fcrkischst\u00e4mmige Sch\u00fclerInnen bei gleicher Leistung und sogar gleicher Fehleranzahl in Texten schlechtere Noten als Biodeutsche bekommen. Die Diskriminierung ist tief verankert, auf allen Ebenen.<\/p>\n<p>Unter dem Strich geht es den \u201eKritikern\u201c gar nicht um \u00d6zil als Person. Die Angriffe auf ihn, das Schweigen und dann Nachtreten des DFB und der Funktion\u00e4re sind Angriffe auf alle Menschen mit t\u00fcrkischem Migrationshintergrund, ob mit oder ohne deutschen Pass, sind Angriffe auf alle \u201eNicht-Deutschen\u201c.<\/p>\n<p>Es ist kaum verwunderlich, dass viele aus der T\u00fcrkei stammende Menschen sich positiv auf ihr Herkunftsland beziehen m\u00f6chten und dabei den Charakter des Erdo\u011fan-Regimes ausblenden. Die hierzulande erlebte Diskriminierung und Ausgrenzung ist eine der zentralen Ursachen f\u00fcr die Hinwendung zum t\u00fcrkischen Staat, weil dieser vorgibt, die t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Menschen zu respektieren; ist die Grundlage f\u00fcr Spaltung und Entfremdung.<\/p>\n<h4>Anpassung wird verlangt<\/h4>\n<p>B\u00fcrgerliche PolitikerInnen und Medien reden von \u201eIntegration\u201c, aber sie meinen Anpassung, Assimilation. \u201eGute\u201c MigrantInnen sollen deutsch sprechen, sich zu Deutschland als ihrer Heimat bekennen, \u201eunsere Werte\u201c anerkennen. Dabei gibt es diese Werte \u00fcberhaupt nicht, denn auch Deutsche haben unterschiedliche Wertvorstellungen. Die einen wollen in Seenot geratene Fl\u00fcchtlinge im Mittelmeer retten, andere wollen sie lieber ersaufen lassen. Die einen wollen Autos mit Schummelsoftware verkaufen, welche Dreck in die Luft blasen, die anderen w\u00fcrden den Verkehr lieber so umbauen, dass er gut f\u00fcr die Umwelt und die Menschen ist. Welchen dieser \u201eWerte\u201c sollen die MigrantInnen \u00fcbernehmen?<\/p>\n<p>Sie wollen MigrantInnen nur als Deutsche, wenn diese sich als Ex-MigrantInnen auff\u00fchren. Das zeigt der Fall \u00d6zil exemplarisch. Es geht nicht um die repressive Politik Erdo\u011fans, diese muss man kritisieren und bek\u00e4mpfen. Man nimmt \u00d6zil jedoch \u00fcbel, dass er sich \u00fcberhaupt mit dem Pr\u00e4sidenten seines Herkunftslandes gezeigt hat. All seine \u201eIntegrationsleistungen\u201c, die dem DFB Ruhm und Geld und den Sponsoren Profite verschafft haben, wurden von DFB-Chef Grindel, BILD und anderen auf den M\u00fcllhaufen geworfen, das macht \u00d6zil deutlich.<\/p>\n<p>Gerade \u00d6zils drittes Statement zu Grindel ist stark und k\u00f6nnte dem DFB-Chef Probleme bereiten. Doch auch wenn \u00d6zil weitgehend Recht hat, das Geflecht von Macht- und Profitinteressen des Verbandes und Sponsoren anspricht sowie Heuchelei und Doppelmoral aufdeckt, ist seine \u2013 freundlich formuliert \u2013 fragw\u00fcrdige Haltung zu Erdo\u011fan das Einfallstor, dass die Rechten nutzen, um der Debatte eine migrantenfeindliche und repressive Richtung zu geben.<\/p>\n<p>Nicht nur in Deutschland, auch in der T\u00fcrkei nutzen rechte Kreise die Debatte. Mesut \u00d6zil wird von den regimetreuen Medien zum Helden gemacht und vom Staatspr\u00e4sidenten gelobt.<\/p>\n<p>Bisher hatte sich der Spieler mit direkten politischen Statements zur\u00fcck gehalten, hatte den t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten zum H\u00e4ndesch\u00fctteln und bei Charity-Events getroffen, ohne direkt seine politische Unterst\u00fctzung f\u00fcr ihn zu erkl\u00e4ren. Wenn er dabei bleibt, kann seine Erkl\u00e4rung zum Rassismus eine positive Rolle spielen. L\u00e4sst er sich zuk\u00fcnftig vom Regime in Ankara vereinnahmen, w\u00fcrden seine wichtigen \u00c4u\u00dferungen allerdings entwertet.<\/p>\n<h4>Polarisierung<\/h4>\n<p>Das Thema Migration beherrscht weiter die \u00f6ffentliche Debatte, den Takt bestimmen vor allem rechte Kreise. Doch die Hetze von Seehofer st\u00f6\u00dft auch in Bayern an ihre Grenzen. Am 21. Juli demonstrierten in M\u00fcnchen zwischen 25.000 und 40.000 Menschen unter dem Motto \u201eausgehetzt\u201c gegen die rechte Politik, f\u00fcr Solidarit\u00e4t mit Gefl\u00fcchteten, gegen polizeiliche Repression.<\/p>\n<p>In den letzten Wochen fanden in vielen St\u00e4dten Demonstrationen f\u00fcr die Seenotrettung auf dem Mittelmeer statt, \u00fcberwiegend mit \u00fcberraschend guter Beteiligung. In K\u00f6ln kamen nach kurzer Mobilisierung \u00fcber 6.000 Menschen.<\/p>\n<p>Die Diskussion ist nicht einseitig. Ewig nervende Talkshows mit den ewig gleichen Rassisten im Sessel und BILD-Schlagzeilen bilden nicht die Realit\u00e4t ab, weil sie die Polarisierung, die vor allem Jugendliche erfasst, nicht zeigt.<\/p>\n<p>Auch die Debatte um Mesut \u00d6zil darf nicht den Rechten \u00fcberlassen werden. Die LINKE und die Gewerkschaften sollten sich klar hinter den Spieler stellen. Nicht, um zu Erdo\u011fan zu schweigen. Nicht, weil jeder Satz von ihm richtig ist oder uns die Interessen eines Fu\u00dfball-Million\u00e4rs besonders am Herzen liegen. Sondern weil er den Rassismus anspricht, den Millionen MigrantInnen erleben, dieses schleichende Gift, welche uns arbeitende Menschen spaltet und den Herrschenden das Herrschen erleichtert.<\/p>\n<p>Wir brauchen weitere Mobilisierungen und eine Bewegung gegen AfD und jede Form von Rassismus. Ein klare solidarische Haltung in der \u00d6zil-Debatte k\u00f6nnte sogar dabei helfen, mehr MigrantInnen in solche Proteste und Bewegungen einzubeziehen.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt nicht hilfreich sind \u00c4u\u00dferungen wie von Sevim Da\u011fdelen, der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der LINKEN im Bundestag. Es ist Sevims gutes Recht, \u00d6zil wegen seiner Erdogan-Connection zu kritisieren.<\/p>\n<p>Aber mit ihrer \u00c4u\u00dferung \u201eDas ist kein Ruhmesblatt f\u00fcr einen Spieler der deutschen Nationalmannschaft, der Vorbildfunktion hat.\u201c l\u00e4uft sie in die von den Rechten gestellte Abseitsfalle. Warum redet eine Linke davon, in der Nationalmannschaft \u201eVorbild\u201c zu sein und gibt sich damit nationaler als viele deutsche Fu\u00dfballfans. Was w\u00e4re vorbildlich? Nur deutschen Politikern die H\u00e4nde zu sch\u00fctteln? Die Hymne zu tr\u00e4llern? \u00d6zils Aufgabe ist es, Fu\u00dfball zu spielen und nicht ein \u201eguter Deutscher\u201c zu sein. Da ist ja der Multimillion\u00e4r staatskritischer und subversiver als diese LINKE-Politikerin.<\/p>\n<p>Wir fordern:<\/p>\n<ul>\n<li>Solidarit\u00e4t mit Mesut \u00d6zil und allen Opfern von Rassismus<\/li>\n<li>Nein zu rassistischen Sondergesetzen f\u00fcr MigrantInnen<\/li>\n<li>Gegen staatlichen Rassismus und Diskriminierung aufgrund von Nationalit\u00e4t, Hautfarbe, Religionszugeh\u00f6rigkeit, z.B. durch \u201eracial profiling\u201c, Benachteiligung im Bildungssystem, auf dem Arbeits- oder Wohnungsmarkt etc.<\/li>\n<li>Gleiche Rechte f\u00fcr Alle, die ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland haben<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das komplette Programm der SAV zu Migration und Rassismus findet sich <a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/2015\/09\/schutz-und-solidaritaet-fuer-alle-fluechtlinge-fluchtursachen-bekaempfen-2\/\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Solidarit\u00e4t gegen Rassismus statt Ausgrenzung!<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":36442,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[69,6],"tags":[1342,1341,297],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36441"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=36441"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36441\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":36443,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36441\/revisions\/36443"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/36442"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=36441"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=36441"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=36441"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}