{"id":36173,"date":"2018-05-07T11:51:27","date_gmt":"2018-05-07T09:51:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=36173"},"modified":"2018-05-07T13:34:33","modified_gmt":"2018-05-07T11:34:33","slug":"kritik-des-gothaer-programms","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2018\/05\/kritik-des-gothaer-programms\/","title":{"rendered":"Kritik des Gothaer Programms"},"content":{"rendered":"<p align=\"LEFT\"><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/marx.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-27971\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/marx-173x173.jpg\" alt=\"\" width=\"173\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/marx-173x173.jpg 173w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/marx-200x200.jpg 200w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/marx.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 173px) 100vw, 173px\" \/><\/a>\u00dcber eine der wichtigsten Schriften von Karl Marx<\/strong><\/p>\n<p align=\"LEFT\">1875 vereinigten sich die beiden deutschen Arbeiterparteien und legten sich ein Programm zu. Karl Marx emp\u00f6rte sich heftig \u00fcber die Unzul\u00e4nglichkeit des Programmentwurfs und \u00fcbte brieflich detaillierte Kritik an zahlreichen Formulierungen. Diese Kritik wurde nur ganz wenigen Spitzenfunktion\u00e4ren zug\u00e4nglich gemacht und bei der Abfassung des endg\u00fcltigen Programms kaum ber\u00fccksichtigt. Erst 15 Jahre sp\u00e4ter, als sich die Sozialdemokratie ein neues Programm zulegen wollte und somit die Kritik an den einzelnen Formulierungen vollends gegenstandslos wurde, wurde der Text ver\u00f6ffentlicht \u2013 und wurde einer der einflussreichsten Marxschen Texte \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p align=\"LEFT\"><em>von Wolfram Klein<\/em><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Bedeutung dieses Textes zeigt sich schon darin, dass zwei der bedeutendsten marxistischen Schriften des 20. Jahrhunderts, n\u00e4mlich Lenins \u201eStaat und Revolution\u201c und Trotzkis \u201eVerratene Revolution\u201c Marx\u2019 \u201eKritik des Gothaer Programms\u201c entscheidende Anregungen verdankten. Aber auch f\u00fcr uns im 21. Jahrhundert ist Marx\u2019 Text hochaktuell. Wir m\u00fcssen die in ihm diskutierten Probleme l\u00f6sen, wenn wir verhindern wollen, dass die Menschheit in Barbarei versinkt.<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">Der Anlass<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">In Deutschland f\u00fchrte im 19. Jahrhundert die industrielle Revolution zur Entstehung einer Arbeiterklasse, einer Klasse von Lohnabh\u00e4ngigen, von Menschen, die ihre Arbeitskraft verkaufen m\u00fcssen, um von dem Lohn zu leben. In der Revolution 1848\/49 gab es erste Versuche der ArbeiterInnen, sich eigenst\u00e4ndig zu organisieren, nach der Niederlage der Revolution verschwanden sie wieder auf Jahre hinaus.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">1863 startete Ferdinand Lassalle mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) den ersten Versuch einer erneuten eigenst\u00e4ndigen Organisierung der ArbeiterInnen. 1869 gr\u00fcndeten Wilhelm Liebknecht und August Bebel in Eisenach die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (Eisenacher) als Konkurrenzorganisation. Es gab eine Reihe von wichtigen Unterschieden. In der damals politischen Hauptfrage, der deutschen Einigung, setzten die Eisenacher auf eine revolution\u00e4re Vereinigung von unten und lehnten Bismarcks kriegerische Vereinigung von oben scharf ab. Dagegen hatte Lassalle mit Bismarck gekungelt. Der ADAV war sehr autorit\u00e4r organisiert, die Eisenacher waren demokratisch. Der ADAV betrieb einen Kult um Lassalle und machte seine theoretischen und programmatischen Steckenpferde zu seinen Markenzeichen, schob also das in den Vordergrund, was ihn von der \u00fcbrigen beginnenden Arbeiterbewegung absonderte. Dagegen vertraten die Eisenacher vor allem Forderungen, die in wirklichen K\u00e4mpfen und Bewegungen entstanden (waren) \u2013 die Forderungen der radikalen Demokraten der Revolution 1848 und die wirtschaftlichen und sozialen Forderungen der beginnenden Arbeiterbewegung. Diese Forderungen spiegelten zwar die Schw\u00e4chen der jungen Arbeiterbewegung wider, waren aber auf alle F\u00e4lle zukunftsweisender als zum Beispiel Lassalles Ansicht, dass der Lohn immer dem Existenzminimum entsprechen m\u00fcsse (\u201eehernes Lohngesetz\u201c) und daher Streiks und Gewerkschaften Zeitverschwendung seien.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Diese politischen Differenzen wurden aber zunehmend gegenstandslos. Die Zunahme der Streiks im Wirtschaftsboom vor dem \u201eGr\u00fcnderkrach\u201c 1873 kurierte die Lassalleaner einigerma\u00dfen von ihrer Streik- und Gewerkschaftsfeindlichkeit, die innerparteiliche Diktatur stie\u00df bei den Lassalleanern zunehmend selbst auf Opposition, weil Lassalles Nachfolger nicht mehr dessen pers\u00f6nliche Autorit\u00e4t hatten und gro\u00dfe und lokale Parteidiktatoren gegeneinander intrigierten. Nach der Gr\u00fcndung des Deutschen Reiches 1871 war die Frage der deutschen Einigung entschieden. Als Folge davon kroch fast das gesamte B\u00fcrgertum vor Bismarck auf dem Bauch, der hatte keinen Grund mehr, mit dem ADAV gegen oppositionelle b\u00fcrgerliche Politiker zu kungeln und verfolgte den ADAV jetzt ebenso wie die Eisenacher. Regierungsbeteiligungen waren damals f\u00fcr Eisenacher ebenso wenig wie f\u00fcr Lassalleaner ein Thema.<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">Kritik und Alternative<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">Es kann hier nicht darum gehen, die Kritik an den Lassalleschen Phrasen und anderen missratenen Formulierungen darzustellen. Das ist nicht mehr aktuell. Aber Marx nutzt diese Kritik, um grundlegende Zusammenh\u00e4nge aufzuzeigen und das macht den Text zu einer beeindruckenden Fundgrube.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Kritik begann mit dem ersten Satz des Programmentwurfs. Dort (und im verabschiedeten Programm) hie\u00df es, dass die Arbeit die Quelle allen Reichtums sei. Marx wandte ein: \u201eDie Natur ist ebenso sehr die Quelle der Gebrauchswerte (und aus solchen besteht doch wohl der sachliche Reichtum!) als die Arbeit\u201c. Auch wenn Marx die Schlussfolgerungen, die sich daraus f\u00fcr die \u00d6kologiefrage ergeben nicht weiter ausf\u00fchrte, zeigt sich, dass er hier ein gr\u00f6\u00dferes Problembewusstsein hatte als Generationen sp\u00e4terer MarxistInnen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Statt dessen machte Marx Ausf\u00fchrungen \u00fcber den Charakter der menschlichen Arbeit, der menschlichen Gesellschaft und ihrer historischen Entwicklung. Im Grunde genommen fasste er Kerngedanken seiner materialistischen Geschichtsauffassung kurz zusammen: Menschliche Arbeit erfordert Arbeitsmittel und -gegenst\u00e4nde. Deshalb ist die Frage, wessen Eigentum diese Arbeitsmittel und -gegenst\u00e4nde sind, entscheidend f\u00fcr den Charakter der Gesellschaft.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Reichtum und Kultur kann nur durch gesellschaftliche Arbeit geschaffen werden, aber in \u201edem Ma\u00dfe, wie die Arbeit sich gesellschaftlich entwickelt und dadurch Quelle von Reichtum und Kultur wird, entwickeln sich Armut und Verwahrlosung auf Seiten des Arbeiters, Reichtum und Kultur auf Seiten des Nichtarbeiters.\u201c Das war das \u201eGesetz der ganzen bisherigen Geschichte\u201c, aber \u201ein der jetzigen kapitalistischen Gesellschaft [werden] endlich die materiellen etc. Bedingungen geschaffen [\u2026], welche die Arbeiter bef\u00e4higen und zwingen, jenen geschichtlichen Fluch zu brechen.\u201c Also der Kapitalismus mit seiner enormen Steigerung der Arbeitsproduktivit\u00e4t schafft die materiellen Voraussetzungen f\u00fcr eine Gesellschaft ohne Armut und Unterdr\u00fcckung, aber um diese M\u00f6glichkeit Wirklichkeit werden zu lassen, m\u00fcssen die ArbeiterInnen den Kapitalismus beseitigen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Rechtsverh\u00e4ltnisse entstehen aus den wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnissen und nicht umgekehrt. Was die Menschen als gerecht empfinden, h\u00e4ngt von den wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnissen ab. Ebenso h\u00e4ngt innerhalb der Wirtschaft die Verteilung von der Produktion ab. \u201eDie jedesmalige Verteilung der Konsumtionsmittel ist nur Folge der Verteilung der Produktionsbedingungen selbst. Die kapitalistische Produktionsweise zum Beispiel beruht darauf, dass die sachlichen Produktionsbedingungen Nichtarbeitern zugeteilt sind unter der Form von Kapitaleigentum und Grundeigentum, w\u00e4hrend die Masse nur Eigent\u00fcmer der pers\u00f6nlichen Produktionsbedingung, der Arbeitskraft, ist. Sind die Elemente der Produktion derart verteilt, so ergibt sich von selbst die heutige Verteilung der Konsumtionsmittel. Sind die sachlichen Produktionsbedingungen genossenschaftliches Eigentum der Arbeiter selbst, so ergibt sich ebenso eine von der heutigen verschiedene Verteilung der Konsumtionsmittel.\u201c Das ist eine Antwort auf die bis heute beliebten Vorstellungen, das kapitalistische Eigentum unangetastet zu lassen und zugleich die Verteilung durch zum Beispiel Steuern \u00e4ndern zu wollen.<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">Der Staat<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">Eine entscheidende Frage, mit der sich Marx besch\u00e4ftigte, war die des Staats. Wilhelm Liebknecht sprach st\u00e4ndig vom \u201eVolksstaat\u201c. Der Ausdruck war allenfalls als Umschreibung f\u00fcr \u201eRepublik\u201c (die zu fordern im Kaiserreich illegal war) hinnehmbar. Marx begann seine Kritik damit, dass er an die Schlussfolgerungen aus seiner materialistischen Geschichtsauffassung f\u00fcr den Staat erinnerte: Die Grundlage des bestehenden Staates ist die bestehende (kapitalistische) Gesellschaft, der Staat ist kein \u201eselbst\u00e4ndiges Wesen [\u2026], das seine eignen, geistigen, sittlichen, freiheitlichen Grundlagen\u2019 besitzt.\u201c<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Sp\u00e4ter hei\u00dft es noch, dass man unter Staat die \u201eRegierungsmaschine\u201c verstehen m\u00fcsse \u201eoder den Staat, soweit er einen durch Teilung der Arbeit von der Gesellschaft besonderten, eignen Organismus bildet\u201c. Dabei betonte Marx, dass die konkrete Auspr\u00e4gung des Staats auf der Grundlage der kapitalistischen Gesellschaft je nach den historischen Besonderheiten verschieden ist. Die demokratische Republik ist die \u201eletzte Staatsform der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft\u201c, aber nicht weil in ihr eine Vers\u00f6hnung zwischen den Klassen stattfinden w\u00fcrde, sondern weil in ihr \u201eder Klassenkampf definitiv auszufechten ist\u201c. \u201eZwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft\u201c erwartete Marx \u201edie Periode der revolution\u00e4ren Umwandlung der einen in die andre\u201c, die zugleich eine \u201epolitische \u00dcbergangsperiode [ist], deren Staat nichts andres sein kann als die revolution\u00e4re Diktatur des Proletariats.\u201c<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Der Begriff \u201eDiktatur des Proletariats\u201c klingt nach der Erfahrung des Stalinismus, der sich auf ihn berief, ziemlich abschreckend. Gemeint hat Marx etwas v\u00f6llig anderes damit. Schon im Kommunistischen Manifest 1848 hie\u00df es: \u201eAlle bisherigen Bewegungen waren Bewegungen von Minorit\u00e4ten oder im Interesse von Minorit\u00e4ten. Die proletarische Bewegung ist die selbst\u00e4ndige Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der ungeheuren Mehrzahl.\u201c<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">In seiner Schrift \u00fcber die Pariser Kommune 1871 (\u201eDer B\u00fcrgerkrieg in Frankreich\u201c) erkl\u00e4rte er ausdr\u00fccklich und ausf\u00fchrlich, dass sie f\u00fcr die Masse der Bev\u00f6lkerung demokratischer war als selbst die demokratischste Republik im Kapitalismus.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Engels fasste das 1891 in seiner Einleitung zur Neuauflage des \u201eB\u00fcrgerkriegs\u201c so zusammen: \u201eGegen diese, in allen bisherigen Staaten unumg\u00e4ngliche Verwandlung des Staates und der Staatsorgane aus Dienern der Gesellschaft in Herren der Gesellschaft wandte die Kommune zwei unfehlbare Mittel an. Erstens besetzte sie alle Stellen, verwaltende, richtende, lehrende, durch Wahl nach allgemeinem Stimmrecht der Beteiligten, und zwar auf jederzeitigen Widerruf durch dieselben Beteiligten. Und zweitens zahlte sie f\u00fcr alle Dienste, hohe wie niedrige, nur den Lohn, den andre Arbeiter empfingen.\u201c Es war v\u00f6llig logisch, wenn Lenin oder Rosa Luxemburg die Begriffe Arbeiterdemokratie beziehungsweise sozialistische Demokratie als Synonyme f\u00fcr \u201eDiktatur des Proletariats\u201c verwandten. Da Sprache der Verst\u00e4ndigung dienen und nicht mutwillig Missverst\u00e4ndnisse herbeif\u00fchren soll und die meisten Menschen heute unter dem Begriff \u201eDiktatur des Proletariats\u201c eben nicht mehr das verstehen, was Marx und Engels, Luxemburg, Lenin und Trotzki darunter verstanden, empfiehlt es sich, diesen missverst\u00e4ndlich gewordenen Begriff nicht mehr zu verwenden und grunds\u00e4tzlich von Arbeiter- (oder sozialistischer) Demokratie zu reden.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Zum \u201ezuk\u00fcnftigen Staatswesen der kommunistischen Gesellschaft\u201c schreibt Marx nicht viel. Aber die Frage \u201ewelche gesellschaftliche Funktionen bleiben dort \u00fcbrig, die jetzigen Staatsfunktionen analog sind?\u201c macht deutlich, dass es einen Staat als \u201edurch Teilung der Arbeit von der Gesellschaft besonderten, eignen Organismus\u201c dann \u00fcberhaupt nicht mehr geben werde. Marx hat seine Ansichten zum Staat in diesem Text nicht ausf\u00fchrlich entwickelt. Die beste Zusammenfassung und Interpretation seiner Ansichten zu dieser Frage ist nach wie vor Lenins \u201eStaat und Revolution\u201c.<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">Der \u00dcbergang zum Kommunismus<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">Seine Ansichten zu einer anderen Frage hat Marx zum Gl\u00fcck hier relativ zusammenfassend und relativ ausf\u00fchrlich dargestellt, n\u00e4mlich seine Auffassungen von den Phasen des Kommunismus.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Aufh\u00e4nger ist die Polemik gegen die Lassallesche Vorstellung der \u201egerechten Verteilung\u201c des \u201evollen Arbeitsertrags\u201c. Er betont, dass nicht der volle Arbeitsertrag, das gesellschaftliche Gesamtprodukt, f\u00fcr die Verteilung zur Verf\u00fcgung steht, weil Abz\u00fcge f\u00fcr Ersatz der verbrauchten Produktionsmittel, Verwaltungskosten, gemeinschaftliche Befriedigung von Bed\u00fcrfnissen und vieles andere zu machen sind. Seine Ausf\u00fchrungen \u00fcber die Verteilung des f\u00fcr den individuellen Konsums bestimmten Rest wurden ber\u00fchmt.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Er f\u00fchrte den Gedanken aus, dass sich mit der Zeit die Verteilung \u00e4ndern werde. Er unterschied zwei Phasen, eine erste \u201ewie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht, also in jeder Beziehung, \u00f6konomisch, sittlich, geistig, noch behaftet mit den Muttermalen der alten Gesellschaft, aus deren Scho\u00df sie kommt\u201c und \u201eeine h\u00f6here Phase der kommunistischen Gesellschaft.\u201c Sp\u00e4ter hat es sich eingeb\u00fcrgert, die erste Phase als Sozialismus und nur die zweite als Kommunismus zu bezeichnen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">In der ersten Phase \u201eerh\u00e4lt der einzelne Produzent \u2013 nach den Abz\u00fcgen \u2013 exakt zur\u00fcck, was er ihr gibt. Was er ihr gegeben hat, ist sein individuelles Arbeitsquantum. Zum Beispiel der gesellschaftliche Arbeitstag besteht aus der Summe der individuellen Arbeitsstunden. Die individuelle Arbeitszeit des einzelnen Produzenten ist der von ihm gelieferte Teil des gesellschaftlichen Arbeitstags, sein Anteil daran. Er erh\u00e4lt von der Gesellschaft einen Schein, dass er soundso viel Arbeit geliefert (nach Abzug seiner Arbeit f\u00fcr die gemeinschaftlichen Fonds), und zieht mit diesem Schein aus dem gesellschaftlichen Vorrat von Konsumtionsmitteln soviel heraus, als gleich viel Arbeit kostet. Dasselbe Quantum Arbeit, das er der Gesellschaft in einer Form gegeben hat, erh\u00e4lt er in der andern zur\u00fcck.\u201c \u201eEs herrscht hier offenbar dasselbe Prinzip, das den Warenaustausch regelt, soweit der Austausch Gleichwertiger ist. Inhalt und Form sind ver\u00e4ndert, weil unter den ver\u00e4nderten Umst\u00e4nden niemand etwas geben kann au\u00dfer seiner Arbeit und weil andererseits nichts in das Eigentum der einzelnen \u00fcbergehen kann au\u00dfer individuellen Konsumtionsmitteln. Was aber die Verteilung der letzteren unter die einzelnen Produzenten betrifft, herrscht dasselbe Prinzip wie beim Austausch von Waren\u00e4quivalenten, es wird gleich viel Arbeit in einer Form gegen gleich viel Arbeit in einer andern ausgetauscht.\u201c Erst in der zweiten Phase werde dann gelten: \u201eJeder nach seinen F\u00e4higkeiten, jedem nach seinen Bed\u00fcrfnissen!\u201c<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Mit diesen Marxschen \u00c4u\u00dferungen wurde seitdem einiger Schindluder getrieben. Eine harmlose Albernheit war noch, wenn b\u00fcrgerliche \u201eMarxologen\u201c witzelten, dass dann kapitalistische Staaten mit Kindergeld kommunistisch seien. Schlimmer war, wenn sich die stalinistischen Regime in Osteuropa auf diese Ausf\u00fchrungen beriefen, um die bei ihnen bestehende soziale Ungleichheit und ihren Kampf gegen die \u201eGleichmacherei\u201c zu rechtfertigen: Man sei ja erst noch im Sozialismus und deswegen gelte das \u201esozialistische Prinzip\u201c \u201ejeder nach seiner Leistung\u201c. Das war v\u00f6lliger Unfug.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Erstens bestanden offenkundig in den stalinistischen Staaten die von Marx f\u00fcr die erste Phase skizzierten Verh\u00e4ltnisse nicht. Es gab in der Sowjetunion oder DDR keinen Tag Sozialismus. Die Sowjetunion, Osteuropa, China oder Kuba sind nie \u00fcber die \u00dcbergangsperiode zwischen Kapitalismus und Sozialismus hinausgekommen. Da in ihnen aber auch von Arbeiterdemokratie keine Rede sein konnte (bis auf die Sowjetunion in den allerersten Jahren nach der Oktoberrevolution), bezeichnen wir sie als b\u00fcrokratisch deformierte Arbeiterstaaten.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Nach Marx gibt es in beiden Phasen des Kommunismus Verteilung statt Austausch der Produkte, nur die Verteilungsweise ist anders. \u201eInnerhalb der genossenschaftlichen, auf Gemeingut an den Produktionsmitteln gegr\u00fcndeten Gesellschaft tauschen die Produzenten ihre Produkte nicht aus; ebenso wenig erscheint hier die auf Produkte verwandte Arbeit als Wert dieser Produkte, als eine von ihnen besessene sachliche Eigenschaft\u201c. (Die von Marx erw\u00e4hnten Scheine sind so wenig Geld wie Fahrausweise oder Eintrittskarten Geld sind.) In der DDR und den anderen L\u00e4ndern gab es aber Austausch, Waren, Preise, Geld. Das haben die Herrschenden in diesen L\u00e4ndern auch gar nicht bestritten.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Der Grund daf\u00fcr war, dass der Staat ein \u201evon der Gesellschaft gesonderter, eigener Organismus\u201c blieb und keine Anstalten machte, sich in die Gesellschaft aufzul\u00f6sen, abzusterben. Vielmehr wurde die Kluft, der Gegensatz, die Entfremdung zwischen der den Staat kontrollierenden B\u00fcrokratie und der restlichen Gesellschaft, der arbeitenden Bev\u00f6lkerung, immer gr\u00f6\u00dfer. Damit waren die Produkte der Staatswirtschaft auch keine unmittelbaren gesellschaftlichen Produkte, die nur innerhalb der Gesellschaft auf ihre einzelnen Glieder verteilt zu werden brauchten, sondern mussten erst durch Austausch in das Eigentum der Verbraucher \u00fcbergehen.<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">B\u00fcrgerliches Recht<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">Zweitens hat Marx ausdr\u00fccklich betont, dass es sich dabei nicht um etwas Sozialistisches, sondern um ein b\u00fcrgerliches Prinzip, \u201eb\u00fcrgerliches Recht\u201c handelt, dass es \u201emit einer b\u00fcrgerlichen Schranke behaftet\u201c ist. Marx hat selbst hervorgehoben, zu welchen Schwierigkeiten und Unzutr\u00e4glichkeiten das f\u00fchrt: \u201eDer eine ist aber physisch oder geistig dem andern \u00fcberlegen, liefert also in derselben Zeit mehr Arbeit oder kann w\u00e4hrend mehr Zeit arbeiten; und die Arbeit, um als Ma\u00df zu dienen, muss der Ausdehnung oder der Intensit\u00e4t nach bestimmt werden, sonst h\u00f6rte sie auf, Ma\u00dfstab zu sein. Dies gleiche Recht ist ungleiches Recht f\u00fcr ungleiche Arbeit. Es erkennt keine Klassenunterschiede an, weil jeder nur Arbeiter ist wie der andre; aber es erkennt stillschweigend die ungleiche individuelle Begabung und daher Leistungsf\u00e4higkeit der Arbeiter als nat\u00fcrliche Privilegien an. Es ist daher ein Recht der Ungleichheit, seinem Inhalt nach, wie alles Recht. Das Recht kann seiner Natur nach nur in Anwendung von gleichem Ma\u00dfstab bestehen; aber die ungleichen Individuen (und sie w\u00e4ren nicht verschiedene Individuen, wenn sie nicht ungleiche w\u00e4ren) sind nur an gleichem Ma\u00dfstab messbar, soweit man sie unter einen gleichen Gesichtspunkt bringt, sie nur von einer bestimmten Seite fasst, zum Beispiel im gegebenen Fall sie nur als Arbeiter betrachtet und weiter nichts in ihnen sieht, von allem andern absieht. Ferner: Ein Arbeiter ist verheiratet, der andre nicht; einer hat mehr Kinder als der andre etc. etc. Bei gleicher Arbeitsleistung und daher gleichem Anteil an dem gesellschaftlichen Konsumtionsfonds erh\u00e4lt also der eine faktisch mehr als der andre, ist der eine reicher als der andre etc.\u201c Nebenbei beweist dieses Zitat, dass alle Vorw\u00fcrfe, der Marxismus w\u00fcrde die individuellen Unterschiede unter den Menschen leugnen, nur mit Unwissenheit oder B\u00f6swilligkeit zu erkl\u00e4ren sind.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Drittens hat Marx keine Norm aufgestellt, sondern eine Prognose. Wenn die ArbeiterInnen \u201esittlich, geistig\u201c schon \u00fcber diesen Prinzip hinaus sind, kann es nicht die Aufgabe von MarxistInnen sein, sie wieder dahin zur\u00fcckzuzerren. Dann beweist das reale Bewusstsein der ArbeiterInnen, dass die Kulturentwicklung (und damit die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung als ihre Grundlage) schon weiter ist. Nachdem der Weg hin zur ersten Phase der kommunistischen Gesellschaft sich als wesentlich m\u00fchsamer herausgestellt hat, als es Marx erwartete, w\u00e4re es doch nicht schlimm, wenn es danach etwas schneller ginge.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">F\u00fcr den \u00dcbergang von der ersten zur zweiten Phase, also vom Sozialismus zum Kommunismus im engeren Sinne, nennt Marx mehrere Voraussetzungen: dass \u201edie knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und k\u00f6rperlicher Arbeit verschwunden ist\u201c, dass \u201edie Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbed\u00fcrfnis geworden\u201c, dass \u201emit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch ihre Produktivkr\u00e4fte gewachsen und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller flie\u00dfen\u201c. Diese Ausf\u00fchrungen geben eine Vorstellung von der Entwicklung der Arbeitsproduktivit\u00e4t, der Arbeitsorganisation, der Entfaltung der menschlichen F\u00e4higkeiten, die Marx schon f\u00fcr den Sozialismus erwartete, als Voraussetzung f\u00fcr eine wirkliche kommunistische Gesellschaft. Dass die DDR mit diesem Verst\u00e4ndnis von Sozialismus keinerlei \u00c4hnlichkeit hatte, ist offensichtlich.<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">Lenin und Trotzki<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">In seiner bereits erw\u00e4hnten Schrift \u201eStaat und Revolution\u201c hat Lenin fast das gesamte f\u00fcnfte Kapitel der Wiedergabe und Interpretation von Marx\u2019 Kritik des Gothaer Programms gewidmet.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Dabei kn\u00fcpfte er bemerkenswerte \u00dcberlegungen an die Marxschen \u00c4u\u00dferungen \u00fcber den Fortbestand des b\u00fcrgerlichen Rechts in der ersten Phase des Kommunismus an: \u201eDas b\u00fcrgerliche Recht setzt nat\u00fcrlich in Bezug auf die Verteilung der Konsumtionsmittel unvermeidlich auch den b\u00fcrgerlichen Staat voraus, denn Recht ist nichts ohne einen Apparat, der imstande w\u00e4re, die Einhaltung der Rechtsnormen zu erzwingen. So ergibt sich, dass im Kommunismus nicht nur das b\u00fcrgerliche Recht eine gewisse Zeit fortbesteht, sondern auch der b\u00fcrgerliche Staat \u2013 ohne Bourgeoisie!\u201c<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">So bemerkenswert diese \u00dcberlegungen waren, so wenig wurden sie damals bemerkt.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Erst beinahe zwanzig Jahre sp\u00e4ter griff Trotzki in seiner \u201eVerratenen Revolution\u201c diese \u201ehochbedeutsame Schlussfolgerung\u201c wieder auf und erkl\u00e4rte sie \u201evon ausschlaggebender Bedeutung f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der Natur des Sowjetstaates, genauer: f\u00fcr ein erstes Ann\u00e4hern an dieses Verst\u00e4ndnis\u201c. Nat\u00fcrlich kann in diesem Aufsatz nicht auch noch dieses mehrere hundert Seiten lange Buch \u00fcber den Stalinismus in der Sowjetunion dargestellt werden. Hier kann es nur darum gehen, darauf hinzuweisen, dass Marx\u2019 Ausf\u00fchrungen \u00fcber eine k\u00fcnftige sozialistische und kommunistische Gesellschaft so konkret und realistisch waren, dass sie zugleich zum theoretischen Ausgangspunkt f\u00fcr die Erkl\u00e4rung daf\u00fcr werden konnten, warum das Scheitern dieses Versuches unter den Bedingungen eines r\u00fcckst\u00e4ndigen und isolierten Landes diese historisch beispiellose Form angenommen hat: der Arbeiterstaat bekam einen Doppelcharakter als Verteidiger des fortschrittlichen, von der Revolution geschaffenen, verstaatlichten Eigentums und als Verteidiger der aus dem Kapitalismus \u00fcberkommenen sozialen Ungleichheit. Diese Ungleichheit war mit einer R\u00e4tedemokratie, einer viel demokratischeren Herrschaftsform als es sie im Kapitalismus jemals gegeben hat, unvereinbar. Als Folge verschwand die R\u00e4tedemokratie, der \u201eb\u00fcrgerliche Staat ohne Bourgeoisie\u201c wurde immer b\u00fcrokratischer und parasit\u00e4rer.<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">Aktuell wie je<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Probleme, die Marx in der \u201eKritik des Gothaer Programms\u201c behandelt, sind im 21. Jahrhundert aktueller denn je. Seitdem immer mehr Menschen erkannt haben, dass die Privatisierung und Deregulierung der letzten Jahre nur den Interessen einer kleinen Minderheit dienten und die Forderung nach staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft wieder zunimmt, ist es um so wichtiger, dass wir uns \u00fcber den Charakter dieses Staates klar werden, der eben kein selbst\u00e4ndiges Wesen, kein neutraler Schlichter zwischen gesellschaftlichen Interessen ist, sondern ein Werkzeug der kleinen Minderheit von Kapitaleigent\u00fcmern, das wir nicht einfach unver\u00e4ndert f\u00fcr unsere Interessen verwenden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Nachdem der Stalinismus gescheitert ist und der Kapitalismus den Menschen Elend, Arbeitslosigkeit, \u00f6kologische Katastrophen und Kriege bringt und die Menschheit immer mehr in Richtung Barbarei treibt, ist die Frage, mit welchen Schritten man eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung erreichen kann, in der Tat eine, die \u00fcber das Schicksal der Menschheit\u00a0entscheidet.<\/p>\n<h5 align=\"LEFT\"><em>Wolfram Klein ist Autor verschiedener im Manifest-Verlag erschienener B\u00fccher und Brosch\u00fcren, unter anderem zur Russischen Revolution, Leben und Werk Antonio Gramcis und zu Clara Zetkin. In diesem Jahr wird eine Auseinandersetzung mit der Kapital-Rezeption von Michael Heinrich erscheinen. Er ist Mitglied des SAV Bundesvorstands und der LINKEN und lebt in Plochingen bei Stuttgart.<\/em><\/h5>\n<p><a href=\"https:\/\/manifest-buecher.de\/produkt\/kritik-des-gothaer-programms-2\/\">Die Kritik des Gothaer Programms hier kaufen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber eine der wichtigsten Schriften von Karl Marx<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":27971,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[92],"tags":[1249,910,792,814],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36173"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=36173"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36173\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":36189,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36173\/revisions\/36189"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/27971"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=36173"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=36173"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=36173"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}