{"id":36081,"date":"2018-04-06T16:35:15","date_gmt":"2018-04-06T14:35:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=36081"},"modified":"2018-04-06T16:35:15","modified_gmt":"2018-04-06T14:35:15","slug":"schaem-dich-mann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2018\/04\/schaem-dich-mann\/","title":{"rendered":"Sch\u00e4m dich, Mann?"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/DSC_3912-e1523025202463.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-36082\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/DSC_3912-e1523025202463-280x173.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/DSC_3912-e1523025202463-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/DSC_3912-e1523025202463-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/DSC_3912-e1523025202463-768x476.jpg 768w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/DSC_3912-e1523025202463-560x347.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/DSC_3912-e1523025202463-600x372.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/DSC_3912-e1523025202463-534x330.jpg 534w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>Droht die &#8222;Herrschaft der Frauen&#8220;?\u00a0Eine Antwort auf Jens Jessens ZEIT-Artikel<\/strong><\/p>\n<p>Der Zeit-Autor Jens Jessen schrieb in einem \u201eWutausbruch\u201c unter der \u00dcberschrift \u201eSch\u00e4m dich, Mann\u201c den Leitartikel der aktuellen Ausgabe von \u201eDIE ZEIT\u201c (erschienen am 5. April 2018). Darin wendet er sich gegen einen \u201etotalit\u00e4ren Feminismus\u201c, der die kommende \u201eHerrschaft der Frauen\u201c vorbereite. In einem Interview vom gleichen Tag bei Radioeins gelang es ihm nicht, eine klare Antwort darauf zu geben, welche M\u00e4nner in welchem Ma\u00dfe durch aktuelle Debatten wie #MeToo oder andere feministische Diskussionen eingeschr\u00e4nkt werden. Er konstruiert ein Gebilde, in dem \u201eDer Mann\u201c an sich durch den angeblich vorherrschenden Feminismus in seiner m\u00e4nnlichen Wesens\u00e4u\u00dferung beschr\u00e4nkt w\u00fcrde. Da er dies nicht belegen kann, beschw\u00f6rt er eine schweigende \u201eMann\u201cschaft herauf, die absichtlich von der Debatte ausgeschlossen w\u00fcrde und rechtfertigt damit, nicht mehr als vage Aussagen treffen zu m\u00fcssen. Damit wird deutlich, dass es ihm nicht um eine konkrete Debatte geht, sondern um eine vor allem ideologische Auseinandersetzung. Dabei verbindet er einen radikalen Antifeminismus mit antidemokratischen und platt antikommunistischen Vorstellungen und scheut nicht davor zur\u00fcck, Nazi-Vergleiche anzustellen. Jessens Text k\u00f6nnte dem Programmheft einer der derzeitigen rechten Str\u00f6mungen entnommen sein und bedarf deshalb einer gesonderten Antwort. Sie soll auch ein Aufruf an alle M\u00e4nner sein, sich nicht zu einer angeblich von Feministinnen zum Schweigen gebrachten Mehrheit instrumentalisieren zu lassen.<\/p>\n<p><em>Von Ren\u00e9 Arnsburg, Berlin<\/em><\/p>\n<p>Jessen scheint in einer anderen Welt als die meisten Menschen zu leben. Er konstatiert, dass die \u201e#MeToo Debatte [\u2026] in der Film- und Medienbranche angekommen [ist]. Und viel [\u2026] daf\u00fcr [spricht], dass sie auch die restliche Welt ver\u00e4ndern wird, in der \u00dcbergriffe, Missbr\u00e4uche und Gewaltakte \u00fcblich waren.\u201c<\/p>\n<p>Dass letzteres als Vergangenheit formuliert wird, mag auf den ersten Blick erstaunen, w\u00e4hrend doch Gewalt gegen Frauen in den allermeisten Teilen der Welt eine Massenerscheinung ist und nicht an den europ\u00e4ischen Grenzen Halt macht. Laut der 2014 ver\u00f6ffentlichten Studie \u201eGewalt gegen Frauen\u201c der Agentur f\u00fcr Grundrechte der Europ\u00e4ischen Union haben allein in Deutschland 35 Prozent aller Frauen k\u00f6rperliche oder sexuelle Gewalt erfahren. F\u00fcr Partnerschaften wird psychische Gewalt ausgewiesen, hier sind ist es genau die H\u00e4lfte aller Frauen, die angeben, Gewalt erfahren zu haben. Die Zahlen f\u00fcr verschiedene L\u00e4nder schwanken, da Gewalt gegen Frauen und deren Benennung durch Betroffene in unterschiedlichem Ma\u00dfe vorhanden sind. Deutschland liegt jedoch etwas \u00fcber EU-Durchschnitt.<\/p>\n<h4>Vergewaltigungsopfer werden zu T\u00e4terinnen gemacht<\/h4>\n<p>Der j\u00fcngste Fall, der Aufmerksamkeit erlangte, ist der einer Frau in Nordirland, die eine Vergewaltigung durch mehrere M\u00e4nner vor Gericht brachte und bei der die zwei Hauptangeklagten inklusive zwei ihrer Freunde, die Falschaussagen machten, freigesprochen wurden. Schlimmer noch: Im Laufe des Verfahrens wurde die eigentlich Gesch\u00e4digte selbst zur Angeklagten. Die Umst\u00e4nde, dass sie auf einer Party war, dass sie nicht verletzt genug war, dass sie nicht laut genug geschrien hatte, reichten aus, um ihr die Verantwortung f\u00fcr die Vergewaltigung aufzub\u00fcrden und die Angeklagten laufen zu lassen.<\/p>\n<p>Wir sind noch weit davon entfernt, dass sich eine Welt ver\u00e4ndert, in der Gewalt f\u00fcr Frauen zur t\u00e4glichen Bedrohung wird und weltweit h\u00e4ufigste Todesursache ist. Nicht zuletzt, weil Sexismus als m\u00e4chtige Spaltung ein Grundbaustein des kapitalistischen Systems ist, damit es bestehen bleibt. M\u00e4nnern wird dabei die Rolle zugedacht, Frauen im Interesse der Herrschenden zu disziplinieren, also das Herrschaftsverh\u00e4ltnis im Privaten zu reproduzieren. Diese Rolle sollten M\u00e4nner nicht ungefragt hinnehmen, sondern auf auf das \u00c4u\u00dferste bek\u00e4mpfen!<\/p>\n<p>Aber wir sehen, wie sich antisexistische Bewegungen in allen Teilen der Welt Bahn brechen und revolution\u00e4re Z\u00fcge annehmen, wie im Spanischen Staat. Warum schreibt Jessen dann, dass die Message angekommen ist? Er suggeriert damit, dass die Frauen ihren Hashtag hatten und damit jetzt gut ist, er will nichts weiter davon h\u00f6ren. Dass jetzt alles besser ist, kann nur jemand mit einer solchen Gewissheit behaupten, der nie geschlechtsspezifischer Unterdr\u00fcckung ausgesetzt war \u2013 also ein Mann.<\/p>\n<p>F\u00fcr ihn ist die Diskriminierung von Frauen durch eine m\u00e4nnliche dominierte Gesellschaft eine rein individuelle Angelegenheit und nicht Ausdruck eines patriarchalen Systems. Deshalb muss er keine Ursachenforschung betreiben, sondern kann fragen, \u201eob die Botschaft des Protests auch bei jenen M\u00e4nnern angekommen [ist], die sich gar nichts vorzuwerfen haben \u2013 au\u00dfer ihrer Zugeh\u00f6rigkeit zum verfluchten Geschlecht?\u201c Darauf kann nur geantwortet werden: H\u00fctet Euch besonders vor Typen, die in der \u00d6ffentlichkeit ihre eigene Unschuld betonen m\u00fcssen! Jessens Polemik soll von seiner mangelnden Bereitschaft ablenken, typisch m\u00e4nnliches Verhalten zu reflektieren.<\/p>\n<p>Nicht jeder Mann ist ein Vergewaltiger. Jedoch k\u00f6nnte der ber\u00fchmte Ausspruch von Simone de Beauvoir auch auf auf das andere Geschlecht angewendet werden: \u201eMan kommt nicht als Mann zur Welt, man wird dazu gemacht.\u201c Mit allem was dazu geh\u00f6rt. Fehlende Selbstreflektion geh\u00f6rt dazu, wenn Herrschaftsverh\u00e4ltnisse reproduziert werden sollen. Im Umkehrschluss hei\u00dft das nicht, pers\u00f6nlich f\u00fcr frauenfeindliche \u00dcbergriffe verantwortlich zu sein. Aber kein Mann ist frei von m\u00e4nnlichen Verhaltensweisen und nur der (selbst)kritische Umgang mit allem, was dazu geh\u00f6rt \u2013 Dominanz, Unsicherheiten, Rollenbilder allgemein \u2013 \u00f6ffnet den Weg zur Ver\u00e4nderung dieser. H\u00e4lt man(n) sich selbst f\u00fcr unfehlbar, ist dieser Weg versperrt. Und auch wenn man(n) sich pers\u00f6nlich nichts vorwerfen mag, so kann dennoch ein System in Frage gestellt werden, dass die Ungleichheit von M\u00e4nnern und Frauen (und vielen anderen) zementiert.<\/p>\n<p>Jens Jessen tr\u00e4gt dick auf und erkl\u00e4rt, dass \u201ejedes m\u00e4nnliche Entgegenkommen in einer Sackgasse endet.\u201c M\u00e4nner w\u00fcrden \u201eabsichtsvoll\u201c von der Debatte ausgeschlossen, zu Unrecht in \u201eKollektivhaftung genommen\u201c und die Diskussion habe \u201eein rhetorisches Hexenlabyrinth erschaffen, in dem selbst der Gutwilligste scheitert.\u201c Jessen sagt nicht, worin dieses \u201eEntgegenkommen\u201c besteht, aber eins kann festgehalten werden: Einmal zu sagen \u201eIch finde das ja auch schei\u00dfe\u201c reicht nicht aus. Und manchmal ist m\u00e4nnliches Entgegenkommen sogar deplatziert oder gar patronisierend. Da hilft es wenig, sich beleidigt zur\u00fcckzuziehen, wenn Kritik kommt oder es eben gerade nicht hilft. Was in solchen F\u00e4llen hilft: Zuh\u00f6ren, \u00fcber Kritik nachdenken, sacken lassen, Sachen \u00e4ndern. Es mag F\u00e4lle geben, in denen Kritik nicht den richtigen Ton trifft oder man sie sachlich nicht teilt. Oft reagieren M\u00e4nner beleidigt, deren guter Wille nicht sofort gew\u00fcrdigt wird. W\u00fcrden M\u00e4nner dem Ma\u00df an zum allergr\u00f6\u00dften Teil oberfl\u00e4chlicher und ungerechtfertigter Kritik ausgesetzt sein, das Frauen jeden Tag ertragen m\u00fcssen, w\u00fcrden viele von ihnen wahrscheinlich nicht mehr das Haus verlassen.<\/p>\n<h4>\u201eHexenlabyrinth\u201c?<\/h4>\n<p>Auch seine Wortwahl beim \u201eHexenlabyrinth\u201c wirkt bedrohlich. Er bem\u00fcht hier das Bild der Frau des Mittelalters, die sich nicht beugen wollte und M\u00e4nner auf Grund ihrer Hexenkr\u00e4fte in die Irre f\u00fchrte. In der Realit\u00e4t wurde als Hexe jede Frau bezeichnet, die aus tausend Gr\u00fcnden nicht in das herrschende Bild passte (sie lebte allein, wusste mehr als ein Mann, war selbstbewusst, legte sich mit den falschen Leuten an, war zur falschen Zeit am falschen Ort). Was mit diesen Frauen passierte, wissen wir auch. Was ist die Aufl\u00f6sung dieses \u201eHexenlabyrinths\u201c? Inquisition 4.0? Feministinnen-Verbrennung?<\/p>\n<p>Der Wutausbruch des ZEIT-Autors passiert auf verschiedenen Ebenen. Er beklagt, dass er sich nicht solidarisieren d\u00fcrfe, doch statt einen Artikel zu schreiben, in der er die Ungerechtigkeit gegen\u00fcber Frauen anprangert, prangert er die vermeintliche Ungerechtigkeit gegen\u00fcber M\u00e4nnern an! Es gibt jedes Jahr dutzende von Veranstaltungen, Demonstrationen, Kundgebungen, an denen ein Mann teilnehmen kann, um recht niedrigschwellig seine Solidarit\u00e4t zu \u00e4u\u00dfern. Es passiert selten, dass M\u00e4nner daf\u00fcr von der feministischen Bewegung ge\u00e4chtet werden. Tats\u00e4chlich werden sie nicht selten von anderer Seite daf\u00fcr ge\u00e4chtet, \u201eFrauenversteher\u201c zu sein, sich wom\u00f6glich um \u201eWeiberkram\u201c zu k\u00fcmmern usw.<\/p>\n<h4>Spaltung \u00fcberwinden<\/h4>\n<p>Es sollte nicht geleugnet werden, dass M\u00e4nner in verschiedenen Bereichen besser gestellt sind als Frauen. Sie leisten weniger Hausarbeit und bei der Kindererziehung, sie verdienen mehr, haben h\u00f6here Renten, dominieren F\u00fchrungspositionen in der Gesellschaft inne, sind keiner geschlechtsspezifischen Gewalt ausgesetzt usw. Dennoch hat ein arbeitender Mann immer noch mehr mit einer arbeitenden Frau gemeinsam, als mit seinem Chef, der den Gewinn einstreicht, den der Arbeiter und die Arbeiterin erwirtschaftet. Die Spaltung von M\u00e4nnern und Frauen hilft, dieses Ausbeutungsverh\u00e4ltnis aufrecht zu erhalten. Wollen wir uns davon befreien, m\u00fcssen wir zusammen k\u00e4mpfen. M\u00e4nner und Frauen. Egal, ob es ein Streik um h\u00f6here L\u00f6hne ist, oder die soziale Revolution. Der Lohn? Ein freies Menschengeschlecht in einer freien Gesellschaft. Das bedeutet auch Freiheit von m\u00e4nnlichen Rollenbildern, die die wenigsten M\u00e4nner immer als angenehm empfinden d\u00fcrften.<\/p>\n<p>F\u00fcr Jessen ist es ungerecht, M\u00e4nnern negative Eigenschaften wie Machtbesessenheit, Geldgier, Egomanie, Wichtigtuerei, Sexismus und Gemeinheit zu unterstellen. Tats\u00e4chlich w\u00e4re das zu kurz gefasst, denn es sind keine m\u00e4nnlichen Eigenschaften, sondern jene, die der Kapitalismus insbesondere f\u00f6rdert und die Teil des m\u00e4nnlichen Rollenverst\u00e4ndnisses sind. Da die Mehrzahl der M\u00e4nner damit erfolgreicher ist, als Frauen es sind, finden sich diese Eigenschaften in der Mehrzahl bei ihnen. Auch, weil Frauen das Gegenteil gelehrt wird, denn sie sollen ruhig, zart, einf\u00fchlsam, sch\u00f6n, inspirierend, liebevoll, verst\u00e4ndnisvoll usw. sein, um ihrem Rollenbild zu entsprechen. Temperament ist okay, aber nur im Bett, bzw. dann, wenn der Mann es will.<\/p>\n<p>Er und andere Naive h\u00e4tten zu Beginn der Debatte um #MeToo geglaubt, es ginge um die Beseitigung wirklicher Missst\u00e4nde, was Gewalt gegen Frauen angeht. Als diese Grenze \u00fcberschritten wurde, ging es ihnen dann zu weit und \u201ezu sp\u00e4t haben sie die Ausweitung der Kampfzone, die ideologische Totalit\u00e4t des neuen Feminismus erkannt.\u201c Wieder geht es ihm darum, dass die Auseinandersetzung doch bitte vor seiner eigenen Haust\u00fcre halt macht. Aus Unwissenheit oder willentlich, weder das eine, noch das andere ist besser, konstruiert er einen totalit\u00e4ren Feminismus, den es nicht gibt. Und schon gar nicht gibt es eine einzige feministische Str\u00f6mung. Mit seiner schweigenden M\u00e4nnergemeinschaft, die er in Schutzhaft nimmt, diesen Konstruktionen einer totalen oder totalit\u00e4ren Str\u00f6mung folgt er den pseudowissenschaftlichen Argumentationsmustern der Rechten, doch dazu sp\u00e4ter. Bei der Lekt\u00fcre wird auch klar, f\u00fcr Jessen gibt es nur physische Gewalt gegen Frauen. Jede andere Form struktureller Benachteiligung oder gar Gewalt nimmt er nicht ernst. Auch dabei hilft es ihm, die Problematik individuell und nicht systemisch zu betrachten.<\/p>\n<h4>Zensur?<\/h4>\n<p>Es darf auch der Verweis auf die Kunst nicht fehlen, was nat\u00fcrlich am \u00fcblichen Zensurvorwurf von rechts ankn\u00fcpft. Er verweist auf die Entfernung nackter Frauenbilder aus Ausstellungen als Protestaktion, um dies zu belegen. \u00c4hnlich wie bei der Diskussion um das Verbot sexistischer Werbung kann nur wiederholt werden: Kein Mann hat ein Recht darauf, nackte Frauen anzugucken. Und was fr\u00fcher als gut empfunden wurde, ist deswegen noch lange nicht vor einer Neubetrachtung viele Jahre sp\u00e4ter gefeit. Und nat\u00fcrlich, wie k\u00f6nnte es anders sein, das Gomringer-Gedicht, das von der Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule entfernt wurde, darf nicht fehlen. Hier entpuppt sich Jessen als schn\u00f6der Antidemokrat. In seinem Radiointerview f\u00fchrte er aus, dass ein demokratischer Beschluss der Studierenden, dieses Gedicht zu entfernen, noch lange nichts hie\u00dfe und einfach Mehrheiten organisiert w\u00fcrden. Ja, so l\u00e4uft Demokratie. Man versucht f\u00fcr seinen Vorschlag eine Mehrheit zu finden, aber er ist nicht willens, das zu akzeptieren, weil der Beschluss nicht seiner Meinung entspricht. Es ist aber gar nicht die Entfernung des Gedichts, die das eigentliche Problem ist. Nach 1989 und dem Sieg des kapitalistischen Westens \u00fcber den Ostblock wurden tausende Gem\u00e4lde, die in den Jahrzehnten zuvor entstanden sind, unter Applaus von W\u00e4nden entfernt. Stra\u00dfen, die den Namen anerkannter AntifaschistInnen wie Helene Weigel trugen, verloren ihre Daseinsberechtigung, w\u00e4hrend es heute immer noch Hindenburgstra\u00dfen gibt.<\/p>\n<p>Das Problem ist die Begr\u00fcndung. Es darf einfach nicht sein, dass etwas M\u00e4nnliches weggewischt wird, weil es als sexistisch empfunden wird. Und das ist auch die einzige Einschr\u00e4nkung, die der Autor f\u00fcrchtet: Kritik f\u00fcr etwas zu ernten, das er sagt und tut. Doch niemand hat ein Recht auf Narrenfreiheit. Das gilt selbst f\u00fcr die \u201esch\u00fcchternste m\u00e4nnliche Lebens\u00e4u\u00dferung\u201c. Sofern damit nicht normale Stoffwechselt\u00e4tigkeiten gemeint sind, bleibt die Frage stehen, was diese m\u00e4nnliche Lebens\u00e4u\u00dferung sein soll und ob sie nicht zurecht kritisiert wird, wenn sie explizit m\u00e4nnlich ist. Er bef\u00fcrchtet die Gr\u00fcndung radikaler (terroristischer) Frauengruppen. Terror, egal aus welcher Motivation heraus, ist der falsche Weg. Bei der derzeitigen Rechtsprechung in Europa, die Vergewaltiger lachend aus dem Gericht gehen l\u00e4sst oder Frauen f\u00fcr Schwangerschaftsabbr\u00fcche ins Gef\u00e4ngnis wirft (oder Schlimmeres!), ist allerdings ebenso keine Gerechtigkeit zu erwarten.<\/p>\n<p>Die oben genannten schlechten Eigenschaften, die er zu unrecht den M\u00e4nnern zugeschrieben sieht, \u00fcbertr\u00e4gt er in Wirklichkeit auf Frauen. Er w\u00e4rmt den alten Mythos wieder auf, dass Frauen M\u00e4nner zu Unrecht der Vergewaltigung bezichtigen, um selbst einen Vorteil daraus zu ziehen. Doch welche Frau sollte in der jetzigen Situation einen Vorteil aus einem zutiefst entw\u00fcrdigendem Verfahren ziehen? In vielen F\u00e4llen wurden T\u00e4ter sogar freigesprochen, wenn das Gericht Gewalteinwirkung feststellt, aber die Beweislage f\u00fcr die Schuld des T\u00e4ters angeblich nicht ausreicht. Ein Viertel aller F\u00e4lle endet in Deutschland mit Freispruch, w\u00e4hrend es bei Gewalt- und T\u00f6tungsdelikten acht bis neun Prozent, im Gesamtdurchschnitt sogar nur drei Prozent sind. Dabei werden gerade mal 16 Prozent aller Vergewaltigungen angezeigt.<\/p>\n<p>Als w\u00fcrden Frauen aus purer Bosheit solche schwerwiegenden Vorw\u00fcrfe erheben! Selbst wenn es einen Fall geben sollte, wo dieser Vorwurf einmal nicht der Wirklichkeit entspricht, ist die Frage noch lange nicht gekl\u00e4rt, ob das nicht ein Hilferuf war und was vorgefallen sein muss, dass dies der letzte Ausweg einer Frau ist, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Das \u00fcbersteigt Jessens Vorstellungskraft jedoch.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus h\u00e4lt er es f\u00fcr tapfer, \u201edarin eine heilsame Lektion [zu erkennen], die es allen M\u00e4nnern erlaubt, die Diskriminierungserfahrung der Muslime zu machen\u201c. Er betritt damit endg\u00fcltig das Reich der Absurdit\u00e4t. Reale Diskriminierungserfahrung von (vermeintlichen) Muslime*a sind Kopftuch- und Burkaverbot, Aussetzung des Familiennachzugs, schlechtere Chancen bei der Bewerbung um Ausbildung und Arbeitsplatz. Welcher deutsche Mann hat mit diesen Problemen zu k\u00e4mpfen? Es geht wieder nicht um die Realit\u00e4t, sondern darum, dass seine Hauptangst ist, er k\u00f6nne f\u00fcr etwas verd\u00e4chtigt werden, was er nicht getan hat. Das mag ungerecht sein, doch k\u00fcmmert ihn das mehr als die wirklichen schreienden Ungerechtigkeiten auf der Welt und man kann sagen: Jens, hab\u2018 dich nicht so. Frauen h\u00f6ren das sehr oft. Hier ist es allerdings angebracht.<\/p>\n<h4>Rechtsverschiebung<\/h4>\n<p>Er scheut selbst den Nazivergleich nicht und schreibt von einem \u201e neuen feministischen Volkssturm\u201c der #MeToo-Bewegung, welches glatt durch die ZEIT-Redaktion gegangen ist. Er macht dann etwas sehr Typisches: Victim-Blaming. Er verweist auf die Aussage der Journalistin Judith Liere, die im Club immer den Daumen auf der Flasche habe. Er fragt sie: \u201eIn welchen Bars verkehren sie blo\u00df? Kennen Sie die M\u00e4nner dort?\u201c Er will es ins L\u00e4cherliche ziehen, dass das f\u00fcr jede Bar und f\u00fcr potentiell jeden Mann gelten k\u00f6nne. Doch genau das tut es. Den Daumen auf der Flaschen\u00f6ffnung haben: in JEDER Bar, in JEDEM Club, auf JEDER Party. Und selbst M\u00e4nner kennen ist kein Schutz, denn die meisten \u00dcbergriffe passieren aus der Partnerschaft und dem Familien- und Freundeskreis heraus, 77 Prozent aller Frauen geben an, den T\u00e4ter vorher gekannt zu haben!<\/p>\n<p>Er verwehrt sich dagegen, dass er sich als Mann fragen lassen muss, ob er sich gerade falsch verhalten hat. Er muss sich das fragen lassen, vor allem, weil er sich weigert, sich die Frage selbst zu stellen. F\u00fcr ihn ist die \u201esexistische Atmosph\u00e4re\u201c etwas Ausgedachtes, da er nur reale \u00dcbergriffe gelten l\u00e4sst. Diesen Brustton der \u00dcberzeugung kann nur jemand anschlagen, f\u00fcr den der Gang durch das Gro\u00dfraumb\u00fcro kein Spie\u00dfrutenlauf ist, der in der Bahn, auf der Stra\u00dfe, mitten am Tag nicht bef\u00fcrchten muss, angegriffen, beleidigt oder beurteilt zu werden. Die Angst vor Gewalt und sogar Mord ist bei Frauen auf Platz eins der \u00c4ngste.<\/p>\n<p>Die Richtschnur ist f\u00fcr ihn der \u201eabendl\u00e4ndische Rationalismus\u201c, er m\u00f6chte ein Gespr\u00e4ch mit Argumenten, \u201edie jeder nachvollziehen verm\u00f6chte, unabh\u00e4ngig von Herkunft, Klasse und Geschlecht.\u201c Seine abendl\u00e4ndische Vernunft ist ein Hirngespinst, ein hohles Konstrukt. Ich sitze nicht mit meinem Chef an einem Tisch und verhandele aus gleicher Position \u00fcber mein Gehalt. Gefl\u00fcchtete haben nicht den gleichen Zugang zu Arbeit, Vertretung und Bildung wie Staatsb\u00fcrger*innen. Und M\u00e4nner sind nicht im gleichen Ma\u00dfe diskriminiert wie Frauen. Es gibt Herrschaftsverh\u00e4ltnisse, die er versucht zu leugnen und sie machen jede rationale Diskussion auf Augenh\u00f6he zu einem Wunschgebilde. Mit seinem Verweis auf die abendl\u00e4ndische Rationalit\u00e4t kn\u00fcpft er an die aktuellen Debatten in der Rechten an und bringt ein neues Element hinein: Der heutige Feminismus steht au\u00dferhalb unserer Kultur, die sich seit einiger Zeit deutsche Recken zu sch\u00fctzen auf die Fahne geschrieben haben. Das d\u00fcrfte ihnen gut passen, wo f\u00fcr einige Teile, wie f\u00fcr die Identit\u00e4re Bewegung, der Schutz der \u201edeutschen Frau\u201c vor dem Zugriff des barbarischen Ausl\u00e4nders ein Aush\u00e4ngeschild ist. Dass brutale Nazi-Hooligans zu flammenden Feministen werden, darf dabei auch keine Fragen aufwerfen.<\/p>\n<p>Sein gesamter Text r\u00fcckt die Grenze des Sagbaren wieder weiter ein St\u00fcck nach rechts, wobei es diesmal nicht um Rassismus geht, sondern um eine angeblich drohende feministische (Meinungs)diktatur. Dabei dr\u00e4ngen sich Fragen auf, worin denn M\u00e4nner real eingeschr\u00e4nkt sind, wenn wir schon in einer feministischen Diktatur leben. Kriegen sie jetzt weniger Gehalt als die Kolleginnen? Werden sie dauernd angefasst? Nimmt sie keiner mehr ernst, weil sie M\u00e4nner sind? Sind die Mehrzahl der Teilzeitjobs jetzt m\u00e4nnlich besetzt? Verrichten M\u00e4nner den allergr\u00f6\u00dften Teil der Hausarbeit jetzt unentgeltlich? Nein, lassen wir uns nichts vormachen. Was hier marschiert, ist die gesellschaftliche Reaktion, die droht, alle noch so kleinen Verbesserunngen r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen, die in den letzten Jahrzehnten erk\u00e4mpft wurden.<\/p>\n<h4>Antikommunismus<\/h4>\n<p>Jessen bem\u00fcht zum Schluss seines Artikels den plattesten Antikommunismus, um seine realit\u00e4tsfernen Behauptungen zu untermauern. Der Feminismus wird mit den Moskauer Schauprozessen verglichen, was die Brutalit\u00e4t dieser Prozesse nicht zuletzt v\u00f6llig relativiert. Er bezeichnet sie als bolschewistisch, was auf ein mangelndes Geschichtsverst\u00e4ndnis deutet. Es waren keine Kapitalisten, die von Stalin auf das Schafott gef\u00fchrt wurden, sondern eben jene Bolschewiken der Revolution, die in Opposition zum B\u00fcrokratismus standen. Zus\u00e4tzlich waren es die Bolschewiki nach der Revolution 1917, die damals die fortschrittlichste Gesetzgebung der Weltgeschichte in Bezug auf Geschlechterfragen eingef\u00fchrt hatten. Das interessiert ihn aber nicht, er verkn\u00fcpft den Feminismus mit einem angeblich \u201emarxistisch-leninistischem Vorbild\u201c und damit den Antifeminismus mit seinem eigenen Antikommunismus.<\/p>\n<p>Damit d\u00fcrfte er so einigen zuk\u00fcnftigen Rechten den Einstieg in die Szene erleichtern. Vor allem der Antifeminismus, also das diffuse Gef\u00fchl, ungerecht behandelt zu werden, ist ein Bindeglied zwischen der Mitte und rechtsau\u00dfen. Die Rechten gelangen durch ihn in den Mainstream, weil Sexismus Mainstream ist. \u00c4hnlich wie beim Rassismus wird hier ein nicht n\u00e4her definiertes Gef\u00fchl, auf Grund seiner realen oder vermeintlich sozial benachteiligten Lage schlechter gestellt zu sein, nicht gegen die Verantwortlichen und Nutznie\u00dfenden gelenkt, sondern gegen die, die gesellschaftlich in einer schw\u00e4cheren Position sind \u2013 Frauen und Migrant*innen oder Gefl\u00fcchtete.<\/p>\n<p>Angesichts dieser frappierenden Verkn\u00fcpfung eines antidemokratischem und antikommunistischen Selbstverst\u00e4ndnisses mit einem radikalen Antifeminismus bleibt nur zu hoffen, dass sie eine Gegenreaktion hervorrufen und Menschen zu Sozialist*nnen und radikalen Feminst*innen werden. Das gilt auch f\u00fcr alle M\u00e4nner. Im Interesse der sozialen Befreiung vom kapitalistischen Elend: Lasst uns zusammen k\u00e4mpfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Droht die &#8222;Herrschaft der Frauen&#8220;?\u00a0Eine Antwort auf Jens Jessens ZEIT-Artikel<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":36082,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[32],"tags":[1111,1216,1187,1213,1215,1214],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36081"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=36081"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36081\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":36083,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36081\/revisions\/36083"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/36082"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=36081"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=36081"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=36081"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}