{"id":36014,"date":"2018-03-23T14:05:37","date_gmt":"2018-03-23T13:05:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=36014"},"modified":"2018-03-15T10:17:18","modified_gmt":"2018-03-15T09:17:18","slug":"theater-gegen-unterdrueckung-und-ausbeutung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2018\/03\/theater-gegen-unterdrueckung-und-ausbeutung\/","title":{"rendered":"Theater gegen Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung"},"content":{"rendered":"<p><strong><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-36015\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/VolkerL\u00f6sch-115x173.jpg\" alt=\"\" width=\"115\" height=\"173\" \/>Interview mit Volker L\u00f6sch<\/strong><\/p>\n<p>Der Regisseur Volker L\u00f6sch bringt in seinem \u201eTheater der Partizipation\u201c Prostituierte, Ex-Knastis und MigrantInnen auf die B\u00fchne. Und macht so politische Themen wie Pegida unmittelbar und intensiv erlebbar. Sozialismus.info sprach mit ihm \u00fcber die Rolle von Theater in Zeiten von Netflix, die Arbeit mit Betroffenen und seinen Antrieb.<\/p>\n<h4>In Zeiten von YouTube und Netflix: Welche Daseinsberechtigung hat Theater f\u00fcr dich heute?<\/h4>\n<p>Theater ist live. Es ist direkt, pur und unvermittelt. Es ist der einzige Ort auf der Welt, wo spielerisch ein unmittelbarer Kontakt mit einem Publikum hergestellt werden kann. Eine Gemeinschaft erlebt in engstem Kontakt miteinander und zu den SpielerInnen im besten Fall die Verhandlung von gesellschaftsrelevanten Fragen anhand von dramatisierten Vorg\u00e4ngen. Theater wird es solange geben, solange es Menschen gibt: Es deckt Grundbed\u00fcrfnisse nach gemeinschaftlichem Erleben und sozialer Interaktion ab. Vor dem Fernseher sitzt man in der Regel allein oder zu zweit und schaut sich eine Konserve an. Das hat auch seine Qualit\u00e4ten, aber Theater ist etwas v\u00f6llig anderes.<\/p>\n<h4>Du machst \u201eTheater der Partizipation\u201c. Kannst du kurz erl\u00e4utern, was sich dahinter verbirgt?<\/h4>\n<p>Ich beziehe in meinen Arbeiten h\u00e4ufig soziale Gruppen ein, die ein bestimmtes Thema vertreten, und aus erster Hand davon berichten k\u00f6nnen. Die sogenannten \u201eExperten des Alltags\u201c k\u00f6nnen selbst am besten beschreiben, wie es um ihre Situation steht, welche Forderungen sie haben, unter welchen \u00c4ngsten sie leiden. \u201ePartizipation\u201c deshalb, da sie h\u00e4ufig selbst auf der B\u00fchne stehen: Im Probenprozess werden sie mit den Profis des jeweiligen Spielensembles zu einer Darsteller-Einheit geformt. Dabei ergeben sich sehr oft spannende Konstellationen \u2013 und es macht beim Arbeiten gro\u00dfen Spa\u00df, da die Proben viel unberechenbarer und weniger vorauszuplanen sind als reine Profi-Veranstaltungen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-36016 size-medium\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/s4InterviewL\u00f6sch-260x173.jpg\" alt=\"\" width=\"260\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/s4InterviewL\u00f6sch-260x173.jpg 260w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/s4InterviewL\u00f6sch-768x510.jpg 768w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/s4InterviewL\u00f6sch-522x347.jpg 522w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/s4InterviewL\u00f6sch-600x399.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/s4InterviewL\u00f6sch.jpg 1756w\" sizes=\"(max-width: 260px) 100vw, 260px\" \/><\/p>\n<p>Weibliche, ehemalig politische Gefangene der Milit\u00e4rdiktatur in der Inszenierung \u201eAnt\u00edgona Oriental\u201c in Montevideo, Uruguay (2013).<\/p>\n<h4>Ein gro\u00dfer Teil deiner Arbeit scheint auch die Recherche \u00fcber Missst\u00e4nde in der Gesellschaft zu sein. Wie kommst du zu deinen Themen? Und wie lange dauert es, bis die St\u00fccke umgesetzt sind?<\/h4>\n<p>Auf die Themen komme ich durch alles M\u00f6gliche: durch Zeitunglesen, Romane, Gespr\u00e4che in den jeweiligen St\u00e4dten mit allen m\u00f6glichen Leuten, dadurch, dass ich mit offenen Augen durch die St\u00e4dte laufe, durch Vorschl\u00e4ge der Theaterleitungen, aber haupts\u00e4chlich durch mein Interesse an politischen und gesellschaftlichen Fragestellungen. Die Themen kommen meist organisch und ganz von selbst auf mich zu. Oder sie liegen auf der Stra\u00dfe. An manchen Orten dr\u00e4ngen sie sich geradezu auf. Der Arbeitsvorlauf ist lang, die Vorbereitungen dauern mehrere Monate, der konkrete Probenprozess in der Regel acht bis neun Wochen.<\/p>\n<h4>Welche Rolle spielt f\u00fcr dich der Laienchor und wie ist die Arbeit mit \u201eBetroffenen\u201c &#8211; auch im Verh\u00e4ltnis zu den professionellen Schauspielern?<\/h4>\n<p>Es ist ein aufeinander Zuarbeiten von zwei v\u00f6llig verschiedenen Seiten: Die Einen sind angef\u00fcllt von einem Thema, k\u00f6nnen aber noch nicht spielen. Die Anderen sind Schauspielprofis, stehen aber mehr auf der B\u00fchne als in den wichtigen Themen des Lebens. Die Einen lernen beim Proben jeweils von den Anderen. Ich unterscheide dann auch nicht zwischen diesen beiden Gruppen: Die Anforderungen an beide Fraktionen sind gleich hoch. Je l\u00e4nger man gemeinsam probt, desto mehr verwischen die Grenzen zwischen der so genannten Hochkultur und dem Anderen, dem Drau\u00dfen. Es entwickelt sich immer ein hochkomplexes und spannendes Miteinander, dem oft ein solidarischer und utopischer Moment eingeschrieben ist.<\/p>\n<h4>Du adaptierst bestehende St\u00fccke und verbindest sie mit aktuellen Themen wie Pegida oder entwickelst neue St\u00fccke zum Beispiel \u00fcber den Filz in K\u00f6ln. Wie ist die Resonanz auf deine St\u00fccke?<\/h4>\n<p>Die Resonanz auf meine Arbeiten ist gerade in den letzten Jahren sehr hoch. Das mag an den politischeren Zeiten liegen, aber auch an den unterschiedlichen theatralen Formen, der Fokussierung meiner Themen und der Auswahl der MitspielerInnen. Ich versuche immer mehr, eine Art \u201eVolkstheater\u201c im besten Wortsinn zu entwickeln, verbunden mit der Hoffnung, auch andere Zuschauer zu gewinnen als die notorischen Theaterg\u00e4nger. Das gelingt auch immer mehr, und der n\u00e4chste Schritt w\u00e4re, au\u00dferhalb der Theater und heiligen Kunsttempel aufzutreten. Mit der Kunst dahin zu gehen, wo sie am dringendsten ben\u00f6tigt wird.<\/p>\n<h4>Du bist ein politischer Theaterregisseur, engagierst dich gegen Pegida und Stuttgart 21 und mischst dich in politische Debatten ein. Was ist dein Antrieb?<\/h4>\n<p>Mein gr\u00f6\u00dfter Antrieb ist nach wie vor Wut. Die Emp\u00f6rung \u00fcber offensichtliche Ungerechtigkeiten, \u00fcber falsche Systeme und \u00fcber die Ausgrenzung von denen, die schwach sind, die keine Lobby und keine gesellschaftliche Stimme haben. Ich glaube daran, dass man menschenverachtenden, faschistischen oder rein profitorientierten, egoistischen Energien solidarische und menschenfreundliche Kr\u00e4fte entgegensetzen muss. Solange ich es kann, werde ich die Verpflichtung versp\u00fcren, es zu tun. Auch f\u00fcr all diejenigen, die nicht mehr gen\u00fcgend Kraft haben, sich gegen Unterdr\u00fcckung, Ausbeutung und falsche Politik zu wehren.<\/p>\n<h4><em>Zur Person<\/em><\/h4>\n<p>Volker L\u00f6sch geh\u00f6rt zu den profiliertesten Regisseuren des Gegenwartstheaters und hat bisher \u00fcber achtzig Inszenierungen realisiert. Er arbeitet in seinen Inszenierungen h\u00e4ufig mit Profis des jeweiligen Schauspielensembles und VertreterInnen unterschiedlicher sozialer Gruppen. Von 2005 bis 2013 war er Hausregisseur und Mitglied der k\u00fcnstlerischen Leitung am Staatstheater Stuttgart. 2006 wurde Volker L\u00f6sch f\u00fcr den deutschen Theaterpreis \u00bbFaust\u00ab nominiert, 2009 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. 2013 hat er den renommierten Lessingpreis des Landes Sachsen erhalten. Neben seiner Theaterarbeit unterrichtet er an Theaterhochschulen im In- und Ausland.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Volker L\u00f6sch<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":36015,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[67,73],"tags":[1203,1204],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36014"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=36014"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36014\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":36017,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36014\/revisions\/36017"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/36015"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=36014"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=36014"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=36014"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}