{"id":35983,"date":"2018-03-11T15:30:23","date_gmt":"2018-03-11T14:30:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=35983"},"modified":"2018-03-09T15:38:44","modified_gmt":"2018-03-09T14:38:44","slug":"die-feministische-bewegung-traf-mich-als-marxistin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2018\/03\/die-feministische-bewegung-traf-mich-als-marxistin\/","title":{"rendered":"\u201eDie feministische Bewegung traf mich als Marxistin\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-35985\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/FriggaHaug-115x173.jpg\" alt=\"\" width=\"115\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/FriggaHaug-115x173.jpg 115w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/FriggaHaug-768x1150.jpg 768w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/FriggaHaug-232x347.jpg 232w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/FriggaHaug-600x899.jpg 600w\" sizes=\"(max-width: 115px) 100vw, 115px\" \/>Interview mit Frigga Haug, marxistische Feministin, Aktionsrat zur Befreiung der Frauen 1968<\/strong><\/p>\n<h4>Warum bezeichnest Du Dich als marxistische Feministin und nicht nur als Feministin?<\/h4>\n<p>Das ist autobiografisch ganz leicht zu beantworten. Ich komme aus der Antiatombewegung Ende der 1950er Jahre gegen die atomare Wiederbewaffnung, war also politisiert schon zehn Jahre vor der Studentenbewegung. Politisch organisiert war ich zudem im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), eingetreten, als er gerade von der SPD ausgeschlossen wurde. Innerhalb dieses SDS war ich wissenschaftlich kritisch herausgefordert von einer Gruppe, die Flugschriften herausgab und sich nach und nach zur Zeitschrift Das Argument entwickelte, bei der ich bis heute bin. In diesem Zusammenhang haben wir Marx studiert, zun\u00e4chst die Grundrisse dann das Kapital. Die Antwort auf deine Frage hei\u00dft: Weil ich lange bevor ich Frauenfragen und Feminismus f\u00fcr mich als wesentliche Existenz- und Forschungsfragen entdeckte, Marxistin war. Als die feministische Bewegung von den USA auf die Bundesrepublik \u00fcberschwappte, traf sie mich als Marxistin eher als Gegnerin, begriff ich sie als eine Entpolitisierung meiner erst noch um ihre Fundierung ringenden marxistischen Politik. Ich musste erst als abgebrochene Studentin, mit einem Baby auf einem Dorf unweit K\u00f6ln schmerzhaft erkennen, dass die Fragen von Frauen in dieser Gesellschaft meines eigenen politischen Aufbruchs in Richtung Frauenbefreiung und einer sehr strategischen Verlebendigung von Marxismus bedurften. Und jetzt ging es erst los. Jetzt erst traute ich mich, mich auch Feministin zu nennen, ohne dass ich damit aufh\u00f6rte, Marxistin zu sein.<\/p>\n<h4>Bei den Sozialismustagen wirst Du \u00fcber deine Erfahrungen im Aktionsrat zur Befreiung der Frauen 1968 sprechen. Worum ging es Euch damals vor allem?<\/h4>\n<p>Auch diese Frage kann ich nur historisch konkret und auch von meinen eigenen Interventionen her einigerma\u00dfen wahrheitsgem\u00e4\u00df beantworten. Den Aktionsrat zur Befreiung der Frauen gab es schon einige Monate, als ich aus dem Dorf zur\u00fcck nach Berlin kam, auf der Suche, mein aus dem seltsamen Hausfrauendasein eingeknicktes Selbstbewusstsein in politisch notwendige Tat zu wenden, kurz, neu und anders politisch eingreifend t\u00e4tig zu werden. Den Aktionsrat fand ich mit seinen ungef\u00e4hr hundert Frauen, die zu so einem monatlichen Treffen kamen, angeleitet durch Helke Sander, damit befasst, eine Aktion zur Agitation von Kinderg\u00e4rtnerinnen f\u00fcr einen Streik zu planen bis ins Detail, bis hin zur Art, wie wir gekleidet sein wollten auf der entsprechenden Demonstration, nicht sexy ablenkend, sondern eher unauff\u00e4llig, alle mit dem gleichen gelben Halstuch geschm\u00fcckt, und Flugbl\u00e4tter zur Bedeutung der Kinderg\u00e4rtnerinnenarbeit und der M\u00fctter zu entwerfen. Schon von diesem Anfang an griff ich ein, entt\u00e4uscht \u00fcber die Konzentration auf die Mutter und Kindfrage, obwohl ich selbst eine der wenigen M\u00fctter dort war. Ich schlug dagegen zwei Initiativen vor, die den Frauenzusammenschluss von da an bestimmten: erstens, die Suche nach der Ursache von Frauenunterdr\u00fcckung \u00fcber Jahrtausende tats\u00e4chlich wissenschaftlich zu ergr\u00fcnden, um sie an den Wurzeln zu packen und entsprechend Politik zu machen, und zweitens daf\u00fcr die Bildung und Schulung von Frauen in kleinen Gruppen jede nach ihrer beruflichen Verankerung und Wahl voranzutreiben, kurz Schulungsgruppen zu gr\u00fcnden, die eine lange Literaturliste, angefangen mit den marxistischen Klassikern, abarbeiteten und ebenso monatlich am gleichen Tag sich abends um 20 oder 21 Uhr trafen (wegen der Kinder), um die jeweiligen Ergebnisse und neuen Aktionen auszutauschen. Der Aktionsrat spaltete sich \u00fcber diese Frage. Wir nannten diesen gr\u00f6\u00dferen Teil, der sich um die zwei Fragen organisierte, um in \u201eSozialistischer Frauenbund Westberlin\u201c. Im Namen ahnt man, dass er sich doppelter Militanz verpflichtete. Am 8. M\u00e4rz wie am 1. Mai mit eigenen Bl\u00f6cken von uns und eigenen Schildern wie \u201eKinder \u2013 K\u00fcche &#8211; Heim und Herd sind kein ganzes Leben wert\u201c. Dieser sozialistische Frauenbund mit eigener Zeitung blieb aktiv bis in die sp\u00e4ten 1970er Jahre. Wie auch die gesamte Frauenbewegung diejenige der neuen sozialen Bewegung wurde, die die l\u00e4ngste Dauer hatte, ja, noch heute gestritten wird, ob es sie nicht eigentlich doch noch gibt.<\/p>\n<h4>Was k\u00f6nnen wir aus den K\u00e4mpfen f\u00fcr Frauenbefreiung, an denen Du damals teilgenommen hast, f\u00fcr heute lernen?<\/h4>\n<p>Das mache ich ganz kurz, weil es zu viel ist: An allem zu zweifeln, alle Gewohnheiten misstrauisch zu hinterfragen, alle selbstverst\u00e4ndlichen S\u00e4tze, die so einfach geantwortet werden, zu fragen, woher sie kommen, wem sie n\u00fctzen, die Ver\u00e4nderungen in der Gesellschaft zu studieren, die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse zu beobachten, B\u00fcndnisse zu schlie\u00dfen, sich nicht in die Vereinsamung treiben zu lassen, und die ganz schwierige Frage, wie die widerst\u00e4ndigen Frauen, in ihrer besonderen Andersheit in der Gesellschaft eine Transformation ansto\u00dfen k\u00f6nnen mit ihren kulturellen Erbe und ihrer sozialen Positionierung. So haben wir von Anfang an auf eine Lernbewegung gesetzt, aber nicht aufgeh\u00f6rt, nachdem wir die B\u00fccher studiert hatten und die Schriften, nachdem wir uns die K\u00f6pfe hei\u00df geredet hatten, sondern die Erfahrung damit in unsere Leben \u00fcbersetzt. Kurz wir verbrachten mehr und mehr Zeit miteinander, gingen zusammen zum Skilaufen, und machten aus den Lekt\u00fcrekursen Aufenthalte in Bildungsst\u00e4tten, in denen wir zusammen kochten und musizierten und schrieben. Wir gr\u00fcndeten auch ein europ\u00e4isches Forum linker Feministinnen, und wieder gewannen wir aus dem Zusammensein sehr schnell die Kenntnisse \u00fcber die K\u00e4mpfe in den verschiedenen L\u00e4ndern, und was wir sonst langsam und m\u00fchsam gelernt h\u00e4tten, lernten wir in der Bewegung wie im Fluge. Dieses l\u00e4sst sich nicht sogleich verallgemeinern. Aber es bleibt zu lernen, dass es auch des gemeinsamen Lebens wenigstens in Abschnitten bedarf, um gemeinsam die Welt zu ver\u00e4ndern und also dieses schon zugleich zu beginnen.<\/p>\n<p>Das ist ein Werk f\u00fcr Generationen immer noch. Vor drei Jahren habe ich mit den vielen Frauen, die ich aus den Zeiten der Bewegung, aus vielen Aktionen und Konferenzen und Kongressen und Ver\u00f6ffentlichungen kannte, die marxistisch feministische Internationale gegr\u00fcndet, sie trifft sich in diesem Jahr zum dritten Mal (nach Berlin und Wien in Lund, Schweden) und lebt noch und wei\u00df, wie wichtig es ist, weiter zu k\u00e4mpfen und wie schwierig und wie heiter und belebend und utopisch es ist, unter so vielen Frauen die kleinliche Konkurrenz in den gewohnten politischen Gruppen in solchen Ausnahmezeiten und intensiven Treffen nicht leben zu m\u00fcssen. Wenigstens waren Konkurrenz und Profilierung und Streit um F\u00fchrung bislang wenig dominant.<\/p>\n<p><em>Das Interview f\u00fchrte Lucy Redler.<\/em><\/p>\n<p><em>Frigga Haug spricht bei den Sozialismustagen am 1. April 2017 um 10 Uhr \u00fcber \u201eFrauen in der `68er Revolte\u201c. www.sozialismustage.de<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Frigga Haug, marxistische Feministin, Aktionsrat zur Befreiung der Frauen 1968<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":35985,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[32,31],"tags":[1187,913,1198,792,761],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35983"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=35983"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35983\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":35986,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35983\/revisions\/35986"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/35985"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=35983"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=35983"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=35983"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}