{"id":35974,"date":"2018-03-10T08:20:17","date_gmt":"2018-03-10T07:20:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=35974"},"modified":"2018-03-09T08:25:52","modified_gmt":"2018-03-09T07:25:52","slug":"ist-prostitution-ein-normaler-beruf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2018\/03\/ist-prostitution-ein-normaler-beruf\/","title":{"rendered":"Ist Prostitution ein normaler Beruf?"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/mythos-sexarbeit-e1520580289691.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-35975\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/mythos-sexarbeit-e1520580289691-231x173.jpg\" alt=\"\" width=\"231\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/mythos-sexarbeit-e1520580289691-231x173.jpg 231w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/mythos-sexarbeit-e1520580289691.jpg 432w\" sizes=\"(max-width: 231px) 100vw, 231px\" \/><\/a>Buchbesprechung von \u201cMythos \u2018Sexarbeit\u2019\u201d <\/strong><\/p>\n<p>Ist Prostitution ein normaler Beruf? \u00dcber diese Frage ist sich die deutsche Linke nicht einig. Relevante Teile der Linken vertreten die Ansicht, dass zur sexuellen Selbstbestimmung auch die Freiheit dazu geh\u00f6re, sich zu prostituieren, und ein Kampf gegen die Prostitution ein Kampf gegen diese Selbstbestimmung sei. Katharina Sass, Manuela Schon und weitere Mitautorinnen leisten mit ihrem Buch \u201eMythos \u2018Sexarbeit\u2019\u201c einen wertvollen Beitrag zur Debatte. Die Aktivistinnen betrachten verschiedene Gesichtspunkte der Prostitutions-Industrie, werten Ergebnisse von Forschungen aus und argumentieren f\u00fcr eine andere Sichtweise: Prostitution sei kein normaler Beruf, sondern sexuelle Gewalt.<\/p>\n<p><em>Von Aleksandra Setsumei, Aachen<\/em><\/p>\n<p>Sass beginnt ihre Argumentation mit der Frage nach dem Wesen der Prostitution. Hierzu arbeitet sie soziale Ursachen des Ph\u00e4nomens heraus. Sie begr\u00fcndet, warum die Entscheidung, sich zu prostituieren, in der Regel keine freiwillige Entscheidung ist, sondern meistens aufgrund von fehlenden Alternativen und bitterer Not getroffen wird. Damit wird der neoliberalen Sicht eine Absage erteilt, wonach Prostituierte als gleichberechtigte VertragspartnerInnen eine Dienstleistung anbieten. Diese Sicht ignoriere die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse, merkt Sass richtig an.<\/p>\n<h4>Prostitution hat gesellschaftliche Ursachen<\/h4>\n<p>Des Weiteren demonstriert Sass die zugrundeliegenden patriarchalen Verh\u00e4ltnisse, die in der Prostitution ausgelebt werden. Diese \u00e4u\u00dfern sich bereits darin, dass die meisten Prostituierten Frauen und die meisten Freier M\u00e4nner sind. Damit werden die konservativen Vorstellungen von Sexualit\u00e4t manifestiert, wonach Frauen passiv und ohne eigene sexuelle Bed\u00fcrfnisse und M\u00e4nner triebgesteuert seien. Zus\u00e4tzlich wird das angebliche Recht des Mannes auf Sex \u00fcber das Wohlbefinden der Frau gestellt. Und schlie\u00dflich kommen noch die gesellschaftlichen Auswirkungen hinzu: Wenn Prostitution als normal angesehen wird, entsteht ein Bild, wonach Frauen k\u00e4uflich und immer verf\u00fcgbar seien und nur das Vergn\u00fcgen des Mannes zur Aufgabe haben.<\/p>\n<h4>Gewalt in der Prostitution<\/h4>\n<p>Die wohl erschreckendsten Seiten des Buches sind die Beschreibungen der Gewalt, der Prostituierte ausgesetzt sind, und der Auswirkungen, mit denen die Betroffenen zu k\u00e4mpfen haben.<\/p>\n<p>Mitautorin Inge Kraus, die als Psychotherapeutin arbeitet und auch Prostituierte betreut, beschreibt die psychologischen Folgen der Prostitution. Dazu geh\u00f6ren Dissoziation, das hei\u00dft Entfremdung vom eigenen K\u00f6rper, traumatisches Ged\u00e4chtnis, Angstst\u00f6rung, Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung und viele weitere Traumaerscheinungen. Untermauert werden diese Ausf\u00fchrungen mit der Auswertung von zahlreichen Studien. Diese Erkenntnisse r\u00fccken die Diskussion um \u201eProstitution als normalen Beruf\u201c in ein ganz anderes Licht, denn in welchem anderen Beruf erleiden 60 bis 68 Prozent der Besch\u00e4ftigten posttraumatische Belastungsst\u00f6rungen vergleichbar mit denen eines Kriegs- oder Folteropfers?<\/p>\n<p>Laut einer Studie des Bundesministeriums f\u00fcr Familie von 2014 erlebten 82 Prozent der Prostituierten Formen psychische Gewalt und 92 Prozent sexuelle Bel\u00e4stigung.<\/p>\n<h4>Debatte n\u00f6tig<\/h4>\n<p>Insgesamt ziehen die Autorinnen den Schluss, dass Prostitution zu bek\u00e4mpfen sei, und rufen dazu auf, sich dem Kampf f\u00fcr eine Welt ohne Prostitution anzuschlie\u00dfen. \u00a0Doch eine Schw\u00e4che des Buches ist, dass die von Sass und Mitautorinnen vorgeschlagene L\u00f6sung, sich auf den Kampf f\u00fcr die Einf\u00fchrung des sogenannten \u201enordischen Modells\u201c konzentriert. Das nordische Modell besteht darin, Zuh\u00e4lter und Freier zu kriminalisieren, ohne die Prostituierten zu verfolgen.<\/p>\n<p>Durchg\u00e4ngig argumentieren die Autorinnen, dass der Gro\u00dfteil der Prostituierten ihren K\u00f6rper nicht aus freien St\u00fccken verkaufen, sondern durch ihre soziale Lage dazu gezwungen sind. So sehr das nordische Modell eine Rolle dabei spielen kann, um eine gesellschaftliche \u00c4chtung von Prostitution zu erreichen, so wenig reicht eine restriktive Gesetzgebung gegen Zuh\u00e4lter und Freier aus, um die Lage der betroffenen Frauen zu verbessern. Ein Kampf f\u00fcr die Umsetzung konkreter Forderungen ist n\u00f6tig. Angefangen mit der Wiederherstellung des Asylrechts und einem garantierten Bleiberecht f\u00fcr alle hier lebenden Menschen, Hilfsangebote f\u00fcr Prostituierte und alle Frauen in sozialer Not, verbunden mit dem Kampf f\u00fcr Mindestsicherung und Mindesteinkommen und gleichem Lohn f\u00fcr gleichwertige Arbeit \u2013 in Deutschland und in den L\u00e4ndern, aus denen viele Prostituierte stammen.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich braucht es eine Debatte um ein Bewusstsein f\u00fcr die knallharte Realit\u00e4t der Prostitution zu schaffen. Auf Versammlungen und Seminaren von Gewerkschaften und der Linken sollte \u00fcber Prostitution diskutiert werden, gerne unter Hinzuziehung dieses wichtigen Buches. \u00a0[divider]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchbesprechung von \u201cMythos \u2018Sexarbeit\u2019\u201d<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":35975,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[31,5],"tags":[679,913,377],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35974"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=35974"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35974\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":35976,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35974\/revisions\/35976"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/35975"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=35974"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=35974"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=35974"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}