{"id":35911,"date":"2018-02-26T09:21:54","date_gmt":"2018-02-26T08:21:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=35911"},"modified":"2018-02-21T15:46:01","modified_gmt":"2018-02-21T14:46:01","slug":"die-russische-revolution-ein-meilenstein-fuer-die-lgbtq-community","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2018\/02\/die-russische-revolution-ein-meilenstein-fuer-die-lgbtq-community\/","title":{"rendered":"Die Russische Revolution: Ein Meilenstein f\u00fcr die LGBTQ-Community"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_35913\" aria-describedby=\"caption-attachment-35913\" style=\"width: 253px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Russia_gay_1921.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-35913\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Russia_gay_1921-253x173.jpg\" alt=\"\" width=\"253\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Russia_gay_1921-253x173.jpg 253w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Russia_gay_1921-507x347.jpg 507w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Russia_gay_1921.jpg 543w\" sizes=\"(max-width: 253px) 100vw, 253px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-35913\" class=\"wp-caption-text\">Mitglieder eines privaten \u201eGay-Clubs\u201c in Petrograd 1921, Foto: Public Domain<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Rezension des Buchs \u201eHomosexual Desire in Revolutionary Russia\u201c von Dan Healey<\/strong><\/p>\n<p><em>von Edmund Schluessel, \u201eSosialistinen Vaihtoehto\u201c (Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in Finnland)<\/em><\/p>\n<p>Die sozialistische Oktoberrevolution von 1917 f\u00fchrte zu fundamentalen und kompromisslosen Ver\u00e4nderungen in der russischen Gesellschaft. Im gr\u00f6\u00dften Land der Erde genossen Millionen von Menschen pl\u00f6tzlich viel mehr Freiheiten als sie unter dem despotischen und antisemitischen Zaren, den Einschr\u00e4nkungen der Kirche und der Brutalit\u00e4t des russischen Kapitalismus und Gro\u00dfgrundbesitzertums je zu tr\u00e4umen gewagt h\u00e4tten. Neben der Tatsache, dass die Arbeiterklasse die Kontrolle \u00fcber die Wirtschaft des Landes \u00fcbernahm, f\u00fchrte die Russische Revolution auch zu beispiellosen Fortschritten, was die Befreiung der Frau und der Angeh\u00f6rigen der LGBTQ-Community angeht. In seinem neuen Buch \u201eHomosexual Desire in Revolutionary Russia: The Regulation of Sexual and Gender Dissent\u201c (dt.: \u201eHomosexuelle W\u00fcnsche im revolution\u00e4ren Russland \u2013 der Umgang mit abweichender sexueller Neigung und Geschlechterzugeh\u00f6rigkeit\u201c; im Taschenbuchformat f\u00fcr 47,41\u20ac bisher nur in engl. Sprache erh\u00e4ltlich; Anm. d. \u00dcbers.) untersucht der aus Wales stammende Oxford-Professor Dan Healey den Kampf der LGBTQ-Community in der Russischen Revolution, die historischen Errungenschaften, die unter Lenin und den Bolschewiki erreicht werden konnten, sowie die sp\u00e4ter einsetzende Umkehr unter Stalin mit der R\u00fcckkehr zu staatlicher Verfolgung und einem sexistisch-homophoben Moralismus.<\/p>\n<h4>Gro\u00dfe Fortschritte<\/h4>\n<p>Am bekanntesten ist sicherlich, dass die Russische Revolution f\u00fcr Homosexuelle das Ende der Strafverfolgung einl\u00e4utete. Daf\u00fcr sorgte ein Gesetz, das in Europa bis heute beinahe einzigartig ist und f\u00fcr ein Land, in dem damals in vielen Gebieten noch halb-feudale Strukturen herrschten, erstaunlich fortschrittlich war. Schlie\u00dflich geh\u00f6rten religi\u00f6s begr\u00fcndete Hierarchien in den besagten Regionen Russlands \u00fcber Jahre und Jahrhunderte hinweg zu den Grundpfeilern staatlicher Gewalt. Healey informiert \u00fcber l\u00e4ngst in Vergessenheit geratene und sogar verheimlichte Fakten, die f\u00fcr noch wesentlich weiter reichende Fortschritte stehen. So war die fr\u00fche Sowjetunion der erste industrialisierte Staat, der die gleichgeschlechtliche Ehe anerkannt hat. Was die operative Geschlechtsumwandlung angeht, war die UdSSR neben der \u201eWeimarer Republik\u201c einen kurzen Zeitraum lang weltweit f\u00fchrend. MedizinerInnen aus der Sowjetunion, die mit Transsexuellen zusammenarbeiteten, begannen damit den Ansatz zu untersuchen, wonach es sich bei der Frage nach dem Geschlecht nicht um die blo\u00dfe Unterscheidung von Mann und Frau sondern vielmehr um ein breiteres Spektrum handelt.<\/p>\n<p>Selbst als reformistische SozialistInnen wie die Anh\u00e4ngerInnen von Karl Kautsky am Anfang des 20. Jahrhunderts konservative Ansichten bez\u00fcglich der Sexualit\u00e4t vertraten, dr\u00e4ngten die Bolschewiki in Russland weiter voran. Der Grund daf\u00fcr war, dass sie sich auf eine Bewegung gr\u00fcndeten, die von unten nach oben aufgebaut war. Die Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe war nahezu als organische Entwicklung entstanden: Zwei Menschen des auf rechtlicher Ebene als gleich geltenden Geschlechts wollten heiraten, und als Folge der Russischen Revolution kamen die \u00f6rtlichen Gerichte und BeamtInnen rasch zu der Schlussfolgerung, dass es keine Grundlage daf\u00fcr gibt, einen solchen Wunsch zu verwehren.<\/p>\n<p>Healey besch\u00e4ftigt sich sehr ausf\u00fchrlich mit dem Fall einer der beiden Personen, die in diesem Fall die Hauptrolle gespielt haben. So war der als \u201eJewgeni Fjodorowitsch M.\u201c Bezeichnete bei seiner Geburt f\u00fcr weiblich erkl\u00e4rt worden. Bis zur Russischen Revolution k\u00e4mpfte Jewgeni Fjodorowitsch mit seiner sexuellen Identit\u00e4t und der mangelnden Unterst\u00fctzung seiner Familie. Erst durch die Russische Oktoberrevolution erhielt er die M\u00f6glichkeit, als Mann zu leben. Als politischer Referent, weit entfernt von seinem Geburtsort arbeitend, ging er schlie\u00dflich vor Gericht und heiratete eine Frau, die als \u201eS.\u201c bezeichnet wird und mit der er eine Familie gr\u00fcndete. Tragischer Weise f\u00fchrte die Abordnung von Jewgeni Fjodorowitsch in einer andere Stadt zur Trennung der beiden. Aufgrund eines psychischen Leidens, verfiel er sp\u00e4ter dem Alkoholismus.<\/p>\n<h4>Revolution\u00e4res Umdenken hinsichtlich Geschlechter- und Gender-Zugeh\u00f6rigkeit<\/h4>\n<p>Die Gespr\u00e4che, die Jewgeni Fjodorowitsch mit sowjetischen PsychiaterInnen gef\u00fchrt hat, bildeten die Grundlage f\u00fcr eine revolution\u00e4re politische Analyse \u00fcber Begriffe wie biologisches Geschlecht und soziales Geschlecht. Im sechsten Kapitel seines Buches beschreibt Healey, wie sich die Haltung gegen\u00fcber gleichgeschlechtlichen Beziehungen in Russland von der Revolution bis zum ersten F\u00fcnf-Jahres-Plan (1932) sehr schnell ver\u00e4ndert hat: von der Negation der Annahme, gleichgeschlechtliche Beziehungen seien \u201epervers\u201c, \u00fcber die Medikalisierung bis hin zur Erkl\u00e4rung des Biologen Nikolai Konstantinowitsch Kolzow, der sagte: \u201e[&#8230;] es gibt kein Zwischen-Geschlecht sondern vielmehr eine unendliche Anzahl an Geschlechtern\u201c.<\/p>\n<p>Verschiedene sowjetische \u00c4rztInnen wurden in eine Expertenkommission berufen, und Ideen wie die von Kolzow fanden breite Unterst\u00fctzung. Diese MedizinerInnen waren angetrieben durch die Erfahrungen aus der Praxis: Sobald in den fr\u00fchen 1920er Jahren die ersten operativen Geschlechtsumwandlungen durchgef\u00fchrt wurden, erstickten die praktischen \u00c4rztInnen f\u00f6rmlich vor Anfragen \u201eeinfacher\u201c RussInnen, die ihr ganzes Leben mit ihren eigenen K\u00f6rpern in Konflikt gestanden hatten und endlich eine L\u00f6sung sahen.<\/p>\n<h4>Die stalinistische Reaktion<\/h4>\n<p>W\u00e4hrend diese \u00c4rzte-Kommission \u00e4u\u00dferst fortschrittliche Positionen zu den Themen Geschlecht und Geschlechter-Identit\u00e4t erarbeitete, konnten ihre Erkenntnisse nie zur G\u00e4nze umgesetzt werden. Mit der Machtkonsolidierung Stalins in den sp\u00e4ten 1920er Jahren setzte eine feindselige Phase sozialer Reaktion ein. 1933 l\u00f6ste der Sowjetstaat die Kommission auf, und 1936 wurde Homosexualit\u00e4t in Russland wieder zum Straftatbestand. Das Erbe dieser Reaktion ist bis heute sp\u00fcrbar. Einige stalinistische Gruppierungen behandeln Themen wie Transgender-Identit\u00e4t, Transsexualit\u00e4t, Homosexualit\u00e4t und Bisexualit\u00e4t als \u201eundialektische\u201c Zusammenh\u00e4nge und treten sie mit F\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Wie konnte es dazu kommen? Als die Arbeiterklasse nach 1917 die politische Macht \u00fcbernommen hatte, begann sie so schnell wie m\u00f6glich mit der umfassenden Transformation der russischen Gesellschaft. Die Befreiung der Frau von ihrer bisherigen Festlegung auf Hausarbeit stand an erster Stelle. Doch man stie\u00df auf gewaltige H\u00fcrden, die auf die verheerenden Folgen des Ersten Weltkriegs und des sich anschlie\u00dfenden B\u00fcrgerkriegs zur\u00fcckzuf\u00fchren waren. Verst\u00e4rkt wurden die Probleme dadurch, dass die Revolutionen in Westeuropa nicht siegreich waren und die Russische Revolution somit isoliert blieb. Auf diese Weise wurde einer konservativen B\u00fcrokratie Raum gegeben, und Stalin \u00fcbernahm in den 1920er Jahren die Macht von der Arbeiterklasse. Die Kollektivierung der Wirtschaft wurde zwar beibehalten, doch die B\u00fcrokratie griff um sich. So entfernte man sich mehr und mehr von der M\u00f6glichkeit einer weltweiten Revolution, und in Russland bzw. der Sowjetunion versuchte man in zunehmendem Ma\u00dfe, die gesellschaftliche Basis des Regimes dadurch zu festigen, indem man sich auf reaktion\u00e4re Gesellschaftsvorstellungen zur\u00fcckbesann. Dies galt f\u00fcr die Familie ebenso wie f\u00fcr die Rolle der Frau oder Fragen der Sexualit\u00e4t. Auch der russische Nationalismus wurde immer st\u00e4rker angeheizt.<\/p>\n<p>Schlimmer noch: Diese reaktion\u00e4re Haltung gegen\u00fcber der Sexualit\u00e4t macht sich das kapitalistische Russland von heute tragischer Weise genauso zu eigen. So versetzt z.B. die staatlich gedeckte Ermordung Homosexueller in Tschetschenien und eine stetig zunehmende Homophobie auf rechtlicher wie gesellschaftlicher Ebene im Russland unter Putin AktivistInnen weltweit immer wieder ins Schaudern.<\/p>\n<p>Bei Healey handelt es sich \u00fcbrigens nicht um einen Sozialisten. Sein Buch beleuchtet die faszinierende Geschichte der Befreiung der LGBTQ-Community in Russland\/der Sowjetunion aus einem Blickwinkel, der seiner eigenen akademischen Betrachtungsweise entspricht. Ein gro\u00dfer Teil von Healeys Terminologie und die Art, wie er auf konventionelle Bezeichnungen zur\u00fcckgreift, wirken im besten Falle \u00fcberholt. Und dennoch verdienen die Personen, die er zum Gegenstand der Betrachtung macht, und die beeindruckenden Fortschritte, die auf sie zur\u00fcckgehen, viel mehr als nur eine Fu\u00dfnote. Gerade auch in den USA sollten wir an sie erinnern, wo einige Bundesstaaten unter der rechtsgerichteten Trump-Administration und den Mehrheiten der \u201eRepublikaner\u201c \u2013 trotz der bedeutenden Fortschritte, die auf die dortige LBGTQ-Community zur\u00fcckgehen \u2013 wieder einmal auf eine Rechtsprechung setzen, die sich gegen die gleichgeschlechtliche Ehe ausspricht und die durch gezielte transphobische Gesetze gekennzeichnet ist, welche bis in die Intimsph\u00e4re hineinreichen.<\/p>\n<p>Die besten, rationalsten und ethisch korrektesten Argumente oder Pl\u00e4ne zur Befreiung der LGBTQ-Community bedeuten nichts ohne eine Massenbewegung, die diese zu st\u00fctzen vermag. Die historischen Errungenschaften im Bereich der Rechte der LGBTQ-Community, die nach der Russischen Revolution erreicht wurden, sind in der UdSSR unter Stalin aufgrund der konterrevolution\u00e4ren politischen Ausbeutung der Arbeiterklasse tragischer Weise wieder verloren gegangen. Heute m\u00fcssen sich die arbeitenden Menschen aller Geschlechter und sexueller Orientierungen bzw. Identit\u00e4ten In den USA und weltweit als soziale Klasse zusammenschlie\u00dfen, um die rechts ausgerichteten \u00dcbergriffe zu stoppen und f\u00fcr volle Freiheiten zu k\u00e4mpfen \u2013 nicht nur, was das Existenzrecht sondern auch was die Art zu lieben betrifft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rezension des Buchs \u201eHomosexual Desire in Revolutionary Russia\u201c von Dan Healey<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":35913,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[33],"tags":[1172,1112,790,791],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35911"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=35911"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35911\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":35914,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35911\/revisions\/35914"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/35913"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=35911"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=35911"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=35911"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}