{"id":35892,"date":"2018-02-16T18:00:27","date_gmt":"2018-02-16T17:00:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=35892"},"modified":"2018-02-15T18:03:45","modified_gmt":"2018-02-15T17:03:45","slug":"kampf-um-katalonien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2018\/02\/kampf-um-katalonien\/","title":{"rendered":"Kampf um Katalonien"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Katalonien-e1356077137823.png\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-23351\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Katalonien-e1356077137823-280x173.png\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Katalonien-e1356077137823-280x173.png 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Katalonien-e1356077137823-162x100.png 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Katalonien-e1356077137823-560x344.png 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Katalonien-e1356077137823.png 685w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>Bemerkungen zum Umgang der Linken mit der nationalen Frage<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 2017 brach der Katalonien-Konflikt mit neuer Heftigkeit aus und ersch\u00fctterte den spanischen Staat in seinen Grundfesten. Die Haltung zur katalanischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung war und ist innerhalb der spanischen und internationalen Linken umstritten und hat viele Debatten ausgel\u00f6st.<\/p>\n<p><em>von Sascha Stani\u010di\u0107<\/em><\/p>\n<p>Nicht wenige Linke in Deutschland versagten den auf den Stra\u00dfen Barcelonas gegen die spanische Polizei k\u00e4mpfenden ArbeiterInnen und Jugendlichen ihre Solidarit\u00e4t, obwohl es sich um die wahrscheinlich gr\u00f6\u00dfte Massenbewegung in Europa im Jahr 2017 handelte. Auch in der Partei DIE LINKE wurde kontrovers diskutiert und selbst die AKL konnte sich nicht auf eine klare Haltung der Solidarit\u00e4t mit den katalanischen DemonstrantInnen gegen Polizeirepression UND f\u00fcr das Recht auf Selbstbestimmung einigen. Die Debatte ist nicht nur von Bedeutung, weil nationale Unabh\u00e4ngigkeitsbestrebungen in vielen Teilen der Welt bestehen und angesichts der Krisenprozesse in der kapitalistischen Gesellschaft in vielen L\u00e4ndern wieder zunehmen, sondern auch weil Fragen angesprochen werden, die zum Beispiel die Haltung von SozialistInnen zu den Institutionen des Kapitalismus und Imperialismus wie Europ\u00e4ische Union, UNO etc. ber\u00fchren.<\/p>\n<h4>Marxismus und nationale Frage<\/h4>\n<p>Jede nationale Frage ist anders. Politische Antworten kann die Linke nur auf Basis einer Analyse der konkreten Situation geben. Aber es hilft dabei, die Herangehensweise zu verwenden, die von dem russischen Revolution\u00e4r Wladimir Iljitsch Lenin entwickelt wurde und einen entscheidenden Beitrag leistete, der Oktoberrevolution nicht nur in Russland, sondern auch in den im Zarenreich national unterdr\u00fcckten Gebieten (Ukraine, Georgien etc.) zum Sieg zu verhelfen.<\/p>\n<p>Dieser Artikel hat nicht den Anspruch Lenins Herangehensweise an diese Frage umfassend darzustellen. Hier hilft es Lenin im Original zu lesen (seine Schriften zum Thema werden in diesem Jahr im Manifest-Verlag neu herausgebracht) und auch Ulla Jelpke hat auf ihrer Webseite dazu eine sch\u00f6ne Zusammenfassung ver\u00f6ffentlicht. Aber ich will auf die entscheidenden Merkmale der Leninschen Methode kurz eingehen.<\/p>\n<p>Er unterschied zwischen dem Nationalismus der Unterdr\u00fccker und dem Nationalismus der Unterdr\u00fcckten. Ausgehend von diesem Gedanken, d\u00fcrfen Linke in einem Konflikt wie in Katalonien keine \u00c4quidistanz zwischen der Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung und der Regierung in Madrid einnehmen.<\/p>\n<p>Der Nationalismus der Unterdr\u00fccker ist reaktion\u00e4r, denn er trachtet nicht nach der Aufhebung von Unterdr\u00fcckung, sondern nach Expansion und weiterer imperialistischer Ausbeutung. Der Nationalismus der Unterdr\u00fcckten tr\u00e4gt in sich die Rebellion gegen Unterdr\u00fcckung und Unfreiheit und damit ein revolution\u00e4res Potenzial. Wobei auch hier zwischen dem Nationalismus eines\u00a0 Arbeiters oder Bauern und eines Bourgeois oder Grundbesitzers zu unterscheiden ist. Der erste hat keine reaktion\u00e4re Motive bei seinen Bestrebungen zur nationalen Freiheit, wobei der zweite sich durch die nationale Befreiung zum neuen Herrscher aufschwingen will und unweigerlich auch andere nationale Minderheiten, wenn sie denn in einem m\u00f6glichen Staatsgebiet existieren, diskriminieren wird.<\/p>\n<p>Lenin wandte sich aufs Sch\u00e4rfste gegen jede Form nationaler Unterdr\u00fcckung, nationaler Privilegien und Ungleichheiten und forderte die Gleichheit aller Nationen und Sprachen. Dies fand seinen Ausdruck in der Losung des Selbstbestimmungsrechtes der Nationen, was er immer als das Recht auf staatliche Lostrennung verstanden hat.<\/p>\n<p>Lenin vertrat die Haltung, dass eine Ablehnung der Losung des Rechtes auf Selbstbestimmung f\u00fcr die V\u00f6lker des Zarenreiches de facto eine Unterst\u00fctzung der gro\u00dfrussischen Bourgeoisie und des gro\u00dfrussischen Nationalismus und dessen Fortexistenz bedeute. Dabei ging er ausschlie\u00dflich von den Erfordernissen des Klassenkampfes und der Notwendigkeit der internationalen Einheit der Arbeiterklasse aus und verfiel nicht in eine unkritische Unterst\u00fctzung nationaler Bewegungen.<\/p>\n<p>Um aber das Vertrauen der Arbeiterklasse einer unterdr\u00fcckten Nation zu erlangen, musste die Arbeiterklasse der unterdr\u00fcckenden Nation keinen Zweifel daran lassen, dass sie f\u00fcr die freie Selbstbestimmung der unterdr\u00fcckten Nation eintritt. Dies ist eine Voraussetzung, um zur Einheit der ArbeiterInnen zu kommen \u2013 und damit auch f\u00fcr die soziale Emanzipation der arbeitenden Bev\u00f6lkerung der Unterdr\u00fcckernation. Oder um es mit Marx zu sagen: \u201eEin Volk, das andere unterdr\u00fcckt, kann sich nicht selbst emanzipieren.\u201c<\/p>\n<p>Dementsprechend ist das marxistische Programm zur nationalen Frage in erster Linie ein negatives \u2013 es richtet sich gegen Unterdr\u00fcckung, gegen Entrechtung, gegen Privilegien.<\/p>\n<p>In der heutigen Phase des krisengesch\u00fcttelten Kapitalismus ist f\u00fcr unterdr\u00fcckte und benachteiligte Nationen \u2013 ob KatalanInnen, KurdInnen, TamilInnen oder Pal\u00e4stinenserInnen \u2013 eine Unabh\u00e4ngigkeit im umfassenden Sinne, also frei von imperialistischer Abh\u00e4ngigkeit und der M\u00f6glichkeit einer selbstbestimmten sozialen und \u00f6konomischen Weiterentwicklung, nicht denkbar. Trotzdem f\u00fchren nationale Entrechtung und Benachteiligungen unweigerlich dazu, dass in solchen V\u00f6lkern der Kampf um ein besseres Leben auch einen Ausdruck im Kampf f\u00fcr nationale Rechte findet. F\u00fcr die Linke sollte das bedeuten, positiv an solchen Bewegungen anzukn\u00fcpfen, in sie aber einen Klassenstandpunkt und eine sozialistische Perspektive zu tragen \u2013 und so einen Beitrag dazu zu leisten, die ArbeiterInnen und sozial Benachteiligten der jeweiligen unterdr\u00fcckten Nation von \u201eihren Puigdemonts\u201c, also den b\u00fcrgerlichen NationalistInnen, zu emanzipieren.<\/p>\n<h4>Geschichte Kataloniens<\/h4>\n<p>Katalonien ist ein gutes Beispiel daf\u00fcr, dass die nationale Frage gel\u00f6st erscheinen kann bzw. nationale Bewegungen und Stimmungen vor\u00fcbergehend sehr schwach sein k\u00f6nnen, aber ohne eine L\u00f6sung der sozialen Lage der Massen, immer wieder wachsen und explodieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Benachteiligung und Unterdr\u00fcckung der katalanischen Nation ist hunderte Jahre alt. Ihr politischer Ausdruck war nicht immer die Forderung nach staatlicher Unabh\u00e4ngigkeit, aber die Herrschenden im spanischen Staat handelten nach der Maxime, alles zu unterdr\u00fccken, was ihre uneingeschr\u00e4nkte Macht und die \u201eEinheit Spaniens\u201c gef\u00e4hrden k\u00f6nnte. H\u00f6hepunkt der Unterdr\u00fcckung war die Franco-Diktatur, die von 1939 bis zum Tod des Diktators im Jahr 1975 den spanischen Staat beherrschte und jede Regung von katalanischem Nationalismus unterdr\u00fcckte \u2013 aber nicht ausradieren konnte. Nach dem Ende der Diktatur kam die nationale Frage wieder zum Vorschein (nicht nur in Katalonien, sondern auch im Baskenland und Galizien) und f\u00fchrte zu einem System eingeschr\u00e4nkter Autonomie f\u00fcr 16 Regionen im spanischen Staat. Das Recht auf Losl\u00f6sung aus diesem Staat wurde jedoch in der Verfassung von 1978 ausgeschlossen. Der Versuch, die Autonomierechte auszuweiten, der 2005 im katalanischen Parlament beschlossen wurde, f\u00fchrte zu heftigen Reaktionen der spanischen Rechten inklusive des Boykotts katalanischer Waren. Dieser Gesetzesentwurf wurde 2010 vom Verfassungsgericht einkassiert, was den KatalanInnen einmal mehr deutlich machte, dass mit Zugest\u00e4ndnissen aus Madrid hinsichtlich gr\u00f6\u00dferer finanzieller Autonomie f\u00fcr Katalonien nicht zu rechnen war. Diese Entwicklung fiel zusammen mit der schwersten Wirtschaftskrise seit den 1930er Jahren, die f\u00fcr Millionen von KatalanInnen und SpanierInnen zu Arbeitsplatzverlust, Verlust des Eigenheims, Zwangsr\u00e4umungen, Verarmung f\u00fchrte. Es ist keine Frage, dass Wirtschaftskrise und Austerit\u00e4tspolitik die entscheidenden Faktoren waren, die die Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung anfachten und die Unterst\u00fctzung f\u00fcr eine katalanische Republik massiv anwachsen lie\u00dfen.<\/p>\n<p>1977 hatten zwar 75 Prozent der KatalanInnen f\u00fcr Parteien gestimmt, die eine weitgehendere Autonomie einf\u00fchren wollten, aber nur f\u00fcnf Prozent unterst\u00fctzten die Idee der Unabh\u00e4ngigkeit. Im Jahr 2005 waren dies nur 13,6 Prozent. 2010 war die Zahl schon auf vierzig Prozent gestiegen. Nach den Erfahrungen mit der brutalen Unterdr\u00fcckung des Unabh\u00e4ngigkeitsreferendums am 2. Oktober 2017, die an die schlimmsten Zeiten der Franco-\u00c4ra erinnerte, ist die Unterst\u00fctzung f\u00fcr Unabh\u00e4ngigkeit weiter angewachsen, was den Pro-Unabh\u00e4ngigkeitsparteien bei der Wahl zum Regionalparlament am 21. Dezember wieder eine absolute Mehrheit der Sitze (wenn auch nicht der absoluten Stimmen) einbrachte.<\/p>\n<h4>Revolution\u00e4re Krise<\/h4>\n<p>Die Bewegung l\u00f6ste im Oktober 2017 eine revolution\u00e4re Krise in Katalonien aus, die gepr\u00e4gt war von enormen Massenmobilisierungen, einem Generalstreik und dem direkten Widerstand gegen die Unterdr\u00fcckung des Referendums durch den spanischen Zentralstaat und die Regierung Rajoy. Revolution\u00e4r, weil die Massen begannen, selbst zum politischen Akteur zu werden und sich den herrschenden Staatsorganen direkt widersetzten. Die Linke im spanischen Staat erkannte dieses revolution\u00e4re Potenzial der Bewegung nicht und verzichtete auf einen Kampf um ihre F\u00fchrung. Ein solcher w\u00e4re m\u00f6glich gewesen, wenn sie einerseits unmissverst\u00e4ndlich den Kampf f\u00fcr eine unabh\u00e4ngige katalanische Republik aufgenommen h\u00e4tte, andererseits aber diesen mit einem sozialen und sozialistischen Programm gegen Austerit\u00e4t, Erwerbslosigkeit, Zwangsr\u00e4umungen etc. verbunden h\u00e4tte. So h\u00e4tte sie die berechtigte Skepsis gegen\u00fcber der b\u00fcrgerlichen und prokapitalistischen F\u00fchrung der Bewegung um den katalanischen Regierungschef Puigdemont in Teilen der Arbeiterklasse Kataloniens \u00fcberwinden und die Br\u00fccke zur Arbeiterklasse im Rest des spanischen Staates schlagen k\u00f6nnen \u2013 indem sie zum gemeinsamen Kampf f\u00fcr soziale Rechte, Demokratie und Sozialismus und zum Sturz der Rajoy-Regierung aufgerufen h\u00e4tte. Da dies nicht geschah, erreichte die Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung bestimmte Teile der Arbeiterklasse, vor allem solche spanischen Ursprungs, nicht und konnten die b\u00fcrgerlichen und sozialdemokratischen Kr\u00e4fte des katalanischen Nationalismus die Wahlen vom 21. Dezember gewinnen.<\/p>\n<p>Unterst\u00fctzung des Rechts auf Selbstbestimmung bedeutet nicht automatisch auch eine staatliche Lostrennung zu unterst\u00fctzen. Gerade im Fall von Katalonien muss in Betracht gezogen werden, dass es einen nicht unerheblichen Teil der Arbeiterklasse gibt, der spanischer Herkunft ist, und dem Thema Unabh\u00e4ngigkeit mit Skepsis und Sorgen gegen\u00fcbersteht. Trotzdem w\u00e4re die Linke gut beraten gewesen, angesichts der kraftvollen Bewegung f\u00fcr Unabh\u00e4ngigkeit eine klare Haltung f\u00fcr eine unabh\u00e4ngige sozialistische Republik Katalonien einzunehmen und gleichzeitig darauf hinzuweisen, dass zum einen die Rechte der nicht-katalanischen Bev\u00f6lkerung darin gew\u00e4hrt sein m\u00fcssen und zum anderen der gemeinsame Kampf mit der Arbeiterklasse im Rest des spanischen Staates gegen den Kapitalismus n\u00f6tig ist. Eine solche Haltung h\u00e4tte es der Linken erm\u00f6glicht, eine Verbindung zu den fortgeschrittenen und k\u00e4mpferischen Teilen der Arbeiterklasse und der Jugend zu festigen, die gerade eine dynamische Massenbewegung entfacht hatten, die das Potenzial zu gesellschaftlicher Ver\u00e4nderung in sich trug.<\/p>\n<h4>Pro und Contra<\/h4>\n<p>Auf der Linken gibt es viele Argumente gegen die Unabh\u00e4ngigkeit Kataloniens, die sie faktisch die spanische Dominanz \u00fcber das katalanische Volk akzeptieren lassen und leider die Wirkung haben, dass die b\u00fcrgerliche F\u00fchrung der Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung nicht von links herausgefordert wird.<\/p>\n<p>Podemos und andere akzeptieren zwar in Worten das Recht auf Selbstbestimmung, machen aber einen \u201elegalen Prozess\u201c zur Vorbedingung f\u00fcr eine katalanische Unabh\u00e4ngigkeit, das hei\u00dft faktisch die Zustimmung aus Madrid. Angesichts der historisch tief verwurzelten extrem nationalistischen Haltung der spanischen herrschenden Klasse und ihres Staatsapparates kommt diese Haltung einer Vertr\u00f6stung der Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung auf den St. Nimmerleinstag gleich. Eine Lostrennung Kataloniens w\u00e4re f\u00fcr die spanischen Kapitalisten eine Katastrophe, deshalb ist nicht zu erwarten, dass sie dem jemals zustimmen werden. Der Gedanke, durch die Wahl einer Linksregierung im spanischen Zentralstaat die Voraussetzungen f\u00fcr eine einvernehmliche Unabh\u00e4ngigkeit Kataloniens zu schaffen, klingt zwar charmant, hat aber nichts mit der realen Dynamik des derzeitigen Kampfes um Unabh\u00e4ngigkeit zu tun. Und abgesehen davon, ist Selbstbestimmung per Definition nicht von der Zustimmung einer anderen Instanz abh\u00e4ngig. Das darf beim Scheidungsrecht so wenig gelten, wie bei der Frage der Selbstbestimmung der Nationen.<\/p>\n<p>Die LINKE-Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen hat in einer Erkl\u00e4rung vom 4. Oktober betont, dass die Gr\u00fcndung neuer Nationalstaaten in Europa \u201ejedenfalls kein progressives Element per se (ist), sondern eher dazu angehalten (ist), die Arbeiterklasse nationalistisch zu spalten.\u201c Sie betont auch, dass solche Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rungen gegen das V\u00f6lkerrecht versto\u00dfen, fordert Verhandlungen zwischen Zentral- und Regionalregierung und den Einsatz von OSZE-BeobachterInnen. Katja Kipping hat in einem Text zur Katalonien-Frage eine Vermittlerrolle der EU eingefordert, die sie als \u201eneutral\u201c bezeichnet und sich f\u00fcr einen Dialog \u201emit allen beteiligten Akteuren und l\u00f6sungsorientierte Verhandlungen\u201c eingesetzt.<\/p>\n<p>Eine solche Haltung ist v\u00f6llig in den bestehenden kapitalistischen und institutionellen Verh\u00e4ltnissen verfangen, welche durch die Massenmobilisierungen ja gerade objektiv in Frage gestellt wurden. Abgesehen davon, dass man \u00fcber das \u201eob\u201c einer Scheidung nicht verhandeln kann, sollte das so genannte V\u00f6lkerrecht keine Instanz f\u00fcr Linke und SozialistInnen sein. Dieses wurde nicht von den V\u00f6lkern selbst, sondern von ihren Regierungen ausgehandelt, die nicht die Interessen der arbeitenden Bev\u00f6lkerungen, sondern der herrschenden Klassen vertreten. Es mag legitim sein, aus propagandistischen Gr\u00fcnden darauf hinzuweisen, wenn die Herrschenden dieses V\u00f6lkerrecht selbst brechen, um ihre Interessen, zum Beispiel milit\u00e4risch, durchzusetzen. Wenn dieses V\u00f6lkerrecht aber zur Fessel f\u00fcr die Durchsetzung demokratischer und sozialer Interessen der Massen wird, darf es von der Linken nicht akzeptiert werden \u2013 so wie zum Beispiel das Streikverbot durch die Arbeiterbewegung nicht akzeptiert wurde, sondern durch das Brechen dieses Verbots ein Streikrecht erk\u00e4mpft wurde. Und die EU ist noch weniger eine Instanz, von der man eine Politik im Interesse von Demokratie und Selbstbestimmung in Katalonien erwarten k\u00f6nnte. Kein Wunder, dass die Damen und Herren in Br\u00fcssel zur Polizeigewalt auf den Stra\u00dfen Barcelonas weitgehend geschwiegen haben. Sie f\u00fcrchten \u2013 nach dem Brexit-Votum der BritInnen \u2013 eine weitere St\u00e4rkung der Zentrifugalkr\u00e4fte in der EU und erkennen auch, dass die katalanische Bewegung einen sozialen Inhalt hat, der sich gegen die Austerit\u00e4tspolitik richtet, f\u00fcr die die EU steht.<\/p>\n<p>Was an der katalanischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung progressiv ist und ob sie die Arbeiterklasse im spanischen Staat spaltet, ist da schon eine andere, ernst zu nehmende Frage. Wir wollen an dieser Stelle nicht Lenins grunds\u00e4tzliche Erw\u00e4gungen wiederholen. Von einem rein \u00f6konomischen Blickwinkel ist jeder Nationalstaat ein weiterer Widerspruch zur globalen, gesellschaftlichen Produktion. Wie sehr die \u00f6konomische Substanz Kataloniens durch eine Unabh\u00e4ngigkeit jedoch geschw\u00e4cht w\u00fcrde oder ob die Hoffnung mancher Unabh\u00e4ngigkeitsbef\u00fcrworterInnen Realit\u00e4t w\u00fcrde, dass die Wirtschaft unter eigener Regie besser entwickelt werden kann, w\u00fcrde vor allem von vielen politischen Faktoren abh\u00e4ngen, nicht zuletzt von der Entwicklung im Klassenkampf in Katalonien, dem spanischen Staat und Europa, aber auch der Haltung der Europ\u00e4ischen Union, der Entwicklung von Handelsbeziehungen etc.<\/p>\n<p>Eines ist jedoch sicher: auf kapitalistischer Basis kann auch ein unabh\u00e4ngiges Katalonien der Krisenhaftigkeit des Systems nicht entrinnen. F\u00fcr MarxistInnen gilt in dieser Frage jedoch ohnehin, dass staatliche Lostrennungen ein m\u00f6glicherweise notwendiger und vor\u00fcbergehender Kompromiss auf dem Weg zu einer sozialistischen Welt ohne Grenzen, welche die Wirtschaft harmonisch entwickeln k\u00f6nnte, sind. Das gilt auch f\u00fcr die Frage der Spaltung der Arbeiterklasse. Diese Spaltung existiert ja bereits aufgrund der Verweigerung der nationalen Rechte der KatalanInnen durch den spanischen Staat. Sie h\u00e4ngt nicht von der staatlichen Verfasstheit Kataloniens und Spaniens ab, sondern vom Bewusstsein und dem Grad der Organisation der Arbeiterklassen in Katalonien und Spanien. Eine Verweigerung des Selbstbestimmungsrechts durch die Organisationen der Arbeiterbewegung im spanischen Staat vertieft diese Spaltung und treibt die KatalanInnen in die Arme ihrer b\u00fcrgerlichen, nationalistischen F\u00fchrerInnen. Voraussetzung, diese Spaltung zu \u00fcberwinden, ist die Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts der unterdr\u00fcckten Nation durch die Arbeiterklasse der unterdr\u00fcckenden Nation.<\/p>\n<p>Katalonien hat jedenfalls gezeigt, mit welcher Wucht eine nationale Frage die gesamte politische Situation auch in einem der st\u00e4rksten kapitalistischen Staaten Europas dominieren kann und welche Potenzial f\u00fcr Massenbewegungen sie in sich tragen kann. SozialistInnen d\u00fcrfen dabei nicht am Rande stehen oder abstrakte Weisheiten von sich geben, sondern m\u00fcssen ein konkretes Kampfprogramm entwickeln, das den Kampf f\u00fcr Unabh\u00e4ngigkeit mit dem Kampf f\u00fcr die sozialen Rechte und gegen den Kapitalismus verbindet.<\/p>\n<h5><em>Sascha Stani\u010di\u0107 ist Mitglied der Antikapitalistischen Linken (AKL) in Berlin und Bundessprecher der Sozialistischen Alternative (SAV). Dieser Artikel erschien zuerst im Mitgliederbulletin der AKL.<\/em><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bemerkungen zum Umgang der Linken mit der nationalen Frage<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":23351,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[44],"tags":[639,657,1041],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35892"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=35892"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35892\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":35893,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35892\/revisions\/35893"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/23351"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=35892"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=35892"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=35892"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}