{"id":35867,"date":"2018-02-09T16:24:59","date_gmt":"2018-02-09T15:24:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=35867"},"modified":"2018-02-16T11:37:07","modified_gmt":"2018-02-16T10:37:07","slug":"ig-metall-nutzt-kampfkraft-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2018\/02\/ig-metall-nutzt-kampfkraft-nicht\/","title":{"rendered":"IG Metall nutzt Kampfkraft nicht"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/DSC_3057-e1517567410928.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-35843\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/DSC_3057-e1517567410928-280x168.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"168\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/DSC_3057-e1517567410928-280x168.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/DSC_3057-e1517567410928-768x460.jpg 768w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/DSC_3057-e1517567410928-560x335.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/DSC_3057-e1517567410928-600x359.jpg 600w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>Arbeitgeber zufrieden mit Tarifabschluss in der Metall- und Elektroindustrie<\/strong><\/p>\n<p>Etwa <a href=\"https:\/\/www.igmetall.de\/22-2018-26919.htm\">1,5 Millionen KollegInnen<\/a> in hunderten Metall- und Elektro-Betrieben haben im Januar und Februar die Arbeit niedergelegt. Im Gegensatz zu vergangenen Tarifrunden fanden die Warnstreiks der IG Metall nicht nur wenige Stunden statt, sondern wurden bundesweit auf 24 Stunden ausgeweitet.<\/p>\n<p><em>von Angelika Teweleit, Berlin<\/em><\/p>\n<p>Die Beteiligung hat gezeigt, dass eine enorme Kampfkraft vorhanden ist. \u00dcber viele Jahre hat die IG Metall-F\u00fchrung au\u00dfer mit begrenzten Warnstreiks keine Mobilisierungen in den Tarifrunden vorgenommen. Die 24-Stunden-Streiks waren auch ein Test der Mobilisierungsf\u00e4higkeit. Allein in Baden-W\u00fcrttemberg betrugen die Umsatzausf\u00e4lle durch die eint\u00e4gigen Arbeitsniederlegungen nach Sch\u00e4tzungen eine Viertel Milliarde Euro. Gesamtmetall-Chef Dulger wurde in der Stuttgarter Zeitung (2.2.2018) mit den Worten zitiert: \u201eWir wollen nicht, dass die Betriebe lange stillstehen und die Stra\u00dfen voller roter Fahnen sind.\u201c Leider hat die IG Metall-F\u00fchrung aber die deutliche Kampfbereitschaft und auch die wirtschaftlich g\u00fcnstige Ausgangsposition nicht ausreichend genutzt.<\/p>\n<h4>Arbeitszeit<\/h4>\n<p>Das erste Mal seit langem wurde das Thema Arbeitszeit wieder auf die Tagesordnung gesetzt. Das hatte einerseits einen positiven Effekt. Schon lange sagen eigentlich in allen Branchen viele KollegInnen, dass ihnen au\u00dfer der Lohnfrage auch der massiv gestiegene Arbeitsdruck unter den N\u00e4geln brennt. Allerdings lag bereits in der Ausrichtung der IG-Metall-Forderung das Problem, da diese von vornherein nicht auf eine kollektive Arbeitszeitverk\u00fcrzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich f\u00fcr alle Besch\u00e4ftigten ausgerichtet wurde. Gefordert wurde stattdessen das individuelle Anrecht auf zeitlich begrenzte Arbeitszeitreduzierung ohne Lohnausgleich. Nur f\u00fcr bestimmte Gruppen von Besch\u00e4ftigten wurde ein Lohnzuschuss gefordert, mit dem Argument, dass sich diese eine Reduzierung auch leisten k\u00f6nnen m\u00fcssen. Der Lohnzuschuss wurde nur f\u00fcr KollegInnen, die ihre Arbeitszeit aufgrund von Kindererziehung oder der Pflege von Angeh\u00f6rigen reduzieren wollen, oder die in Schichten arbeiten, gefordert.<\/p>\n<p>Von vornherein war dies etwas ganz anderes, als der Kampf f\u00fcr die 35-Stundenwoche. Denn hier lautete die Forderung Verk\u00fcrzung der w\u00f6chentlichen Arbeitszeit von 40 auf 35 Stunden bei vollem Lohnausgleich. Damals ging es der Gewerkschaft darum durch eine solche Arbeitszeitverk\u00fcrzung mehr Freizeit f\u00fcr alle, eine Reduzierung der Arbeitsbelastung und die Schaffung neuer Arbeitspl\u00e4tze, durchzusetzen, sowie eine Umverteilung der Produktivit\u00e4tssteigerung zu Gunsten der Besch\u00e4ftigten zu erreichen.<\/p>\n<p>Wenn jetzt der IG Metall-Vorsitzende von einem \u201eMeilenstein auf dem Weg zu einer modernen, selbstbestimmten Arbeitswelt\u201c spricht, der mit dem Tarifabschluss in der Metallindustrie erreicht worden sei, sollte man lieber genau hinschauen, f\u00fcr wen hier tats\u00e4chlich ein Fortschritt erzielt wurde. Denn nicht umsonst frohlockte der Arbeitgeberchef von S\u00fcdwest-Metall Stefan Wolf in der gemeinsamen Pressekonferenz zum Abschluss:<\/p>\n<p>\u201eIn vielen Abschl\u00fcssen der letzten Jahre haben wir uns nicht in dem Ma\u00dfe so durchsetzen k\u00f6nnen, wie dieses Mal mit unserer Forderung. Wir haben sehr viel bekommen, n\u00e4mlich sehr viel \u00d6ffnung bei den Arbeitszeiten nach oben.\u201c<\/p>\n<h4>Kompliziertes Tarifwerk<\/h4>\n<p>Das Tarifwerk, welches hier vereinbart wurde, ist noch komplizierter als schon die Forderungen der IG Metall es waren. Das ist ein Problem, denn es bedeutet, dass das Ergebnis nur noch schwer durchschaubar ist und sich entsprechend auch leichter als Erfolg verkaufen l\u00e4sst. Selbst f\u00fcr Fachleute ist das Konstrukt kaum zu verstehen. Im Groben sollen hier die wichtigsten Punkte dargestellt werden.<\/p>\n<p>Was die L\u00f6hne angeht, war die IG Metall mit der Forderung nach einer monatlichen Erh\u00f6hung von sechs Prozent in die Tarifrunde gegangen. Das war, gemessen an den erneuten Rekordgewinnen in der Metall- und Elektroindustrie und der immer weiter auseinander driftenden Schere zwischen Gewinnen und L\u00f6hnen, sogar noch wenig. Wenn nun eine Lohnerh\u00f6hung um 4,3 Prozent ab dem 1. April 2017 (und eine Einmalzahlung von hundert Euro f\u00fcr Januar bis M\u00e4rz 2017) herausgekommen ist, so muss vor allem gesagt werden, dass die Laufzeit des Tarifvertrages nicht 12 sondern 27 Monate betr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Nun kommen noch zwei weitere Einmalzahlungen f\u00fcr das Jahr 2019 hinzu. Einmal 400 Euro f\u00fcr alle. Diese kann allerdings, vorausgesetzt beide Tarifparteien stimmen zu, aufgeschoben oder sogar ausgesetzt werden, mit der Begr\u00fcndung der wirtschaftlichen Situation. Auch hier waren die Arbeitgebervertreter auf der Pressekonferenz voll des Lobes: es sei gelungen, eine Vereinbarung mit \u201edauerhaften Differenzierungsinstrumenten\u201c zu treffen. Au\u00dferdem soll es ein so genanntes \u201etarifliches Zusatzentgelt\u201c in H\u00f6he von 27,5 Prozent eines Monatslohns f\u00fcr das Jahr 2019 geben. Dies soll in einem Zusatztarifvertrag abgeschlossen werden, der aber vom 1.1.2019 bis 31.12.2020 G\u00fcltigkeit haben soll.<\/p>\n<p>Insgesamt kommt man auf eine Erh\u00f6hung der L\u00f6hne von 7 bis 7,4 Prozent f\u00fcr die gesamte Laufzeit, also ca. 3,4 bis 3,6 Prozent pro Jahr. Das ist nicht mehr als eine bescheidene Reallohnsteigerung.<\/p>\n<p>Die tabellenwirksame Erh\u00f6hung ist allerdings noch weniger, denn die einhundert Euro f\u00fcr Januar bis M\u00e4rz werden nicht auf die Tabelle angerechnet und die Einmalzahlung von 400 Euro im Jahr 2019 soll zwar \u2013 wenn sie ausgezahlt wird, auch auf die Tabelle angerechnet werden &#8211; ist wie ausgef\u00fchrt aber nicht sicher.<\/p>\n<p>Nun sollen KollegInnen mit Kindern bis acht Jahren oder pflegebed\u00fcrftigen Angeh\u00f6rigen und KollegInnen, die schon Schicht arbeiten und schon eine Weile im Betrieb sind, das so genannte tarifliche Zusatzentgelt auch in acht freie Tage umwandeln k\u00f6nnen. 27,5 Prozent entsprechen sechs Tagen, der Arbeitgeber gibt hier also noch zwei Tage dazu. In der Logik der IG Metall-F\u00fchrung haben sie also an dieser Stelle einen Teillohnzuschuss f\u00fcr die Gruppe von Kolleginnen raus geholt, f\u00fcr die sie einen Lohnzuschuss bei der Forderung nach einer 28-Stunden-Woche durchbringen wollten. Es kann sein, dass dies f\u00fcr einige KollegInnen ein wenig Entlastung bringt.<\/p>\n<p>Allerdings gibt es die freien Tage nur, wenn man auf einen Teil der Lohnerh\u00f6hung f\u00fcr das Jahr 2019 verzichtet. Stattdessen m\u00fcsste gefordert werden, dass es darum gehen muss, eine dauerhafte Arbeitszeitverk\u00fcrzung f\u00fcr alle ohne Lohnverzicht zu erk\u00e4mpfen. Angesichts der Rekordergebnisse der Konzerne w\u00e4re das m\u00f6glich. Doch auch im \u00fcbrigen Teil des Abschlusses ist genau das nicht der Fall.<\/p>\n<p>Die Besch\u00e4ftigten sollen einen Anspruch darauf haben, die Arbeitszeit f\u00fcr bis zu zwei Jahre auf bis zu 28 Stunden zu verk\u00fcrzen &#8211; bei vollem Lohnabzug &#8211; und haben dann das Recht, wieder in Vollzeit zu gehen (oder einen neuen Antrag zu stellen). Hier handelt es sich nicht um Arbeitszeitverk\u00fcrzung im eigentlichen Sinne, sondern um ein tarifvertragliches Anrecht auf zeitlich befristete Teilzeit mit garantierter R\u00fcckkehr in Vollzeit. Wie viele KollegInnen k\u00f6nnen sich das \u00fcberhaupt leisten? Hinzu kommt aber, dass der Arbeitgeber Antr\u00e4ge auf die befristeten 28-Stunden-Vertr\u00e4ge auch ablehnen kann. Insofern ist es kein Anrecht, welches man ohne weiteres einfach geltend machen kann. Die Arbeitgeber k\u00f6nnen dies zum einen ablehnen, wenn eine Quote von zehn Prozent solcher verk\u00fcrzter Vollzeitvertr\u00e4ge im Betrieb erreicht wurde, oder aber, wenn es im Betrieb insgesamt mehr als 18 Prozent an Teilzeitvertr\u00e4gen gibt. Au\u00dferdem kann der Arbeitgeber einen Antrag ablehnen, wenn auf diese bestimmte Fachkraft nicht verzichtet werden kann.<\/p>\n<h4>35-Stunden-Woche weiter ausgeh\u00f6hlt<\/h4>\n<p>Hier d\u00fcrfte es viel Spielraum f\u00fcr die Arbeitgeber geben und von einem \u201eindividuellen Anrecht\u201c auf \u201everk\u00fcrzte Vollzeit\u201c kann man unter diesen Vorzeichen im Grunde nicht sprechen. Gleichzeitig \u2013 und das ist das gr\u00f6\u00dfte Problem an diesem Abschluss \u2013 wurde eine massive \u00d6ffnung der Arbeitszeiten nach oben vereinbart. Bisher gab es in Baden-W\u00fcrttemberg eine Quote von 18 Prozent f\u00fcr 40-Stunden-Vertr\u00e4ge anstatt der tariflichen 35-Stunden-Woche. Diese Quote soll es generell zwar weiter geben, und wenn sie mit vier Prozent \u00fcberschritten wird, hat der Betriebsrat ein Widerspruchsrecht. Bei \u201enachgewiesenem Fachkr\u00e4ftemangel\u201c kann aber per Betriebsvereinbarung eine Quote von drei\u00dfig Prozent abgeschlossen werden. Und in \u201eTechnologiebetrieben\u201c kann die Quote von 40-Stunden-Vertr\u00e4gen auf f\u00fcnfzig Prozent gesteigert werden.<\/p>\n<p>Ein weiteres kompliziertes Details ist die M\u00f6glichkeit f\u00fcr den Arbeitgeber, anstatt dieser Quotenregelung auf ein anderes Modell bei der Berechnung umzusteigen. So kann er stattdessen eine Durchschnittszeit von 35,9 Stunden pro Besch\u00e4ftigten im Betrieb ansetzen. Dabei werden alle Teilzeitvertr\u00e4ge ab 15 Stunden angerechnet. Dabei k\u00f6nnte, wenn es in einem Betrieb einen bestimmten Anteil von Teilzeitbesch\u00e4ftigten gibt, eine deutliche Erh\u00f6hung von m\u00f6glichen 40-Stunden-Vertr\u00e4gen herauskommen, die auch weit \u00fcber die Quote von 18 Prozent hinausgeht. Auch, wenn hier das Prinzip der \u201eFreiwilligkeit\u201c gilt, bedeutet es in der Praxis \u2013 je nach Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis im Betrieb oder je nachdem, wie der Betriebsrat damit umgeht, dass in Wahrheit der Druck auf die KollegInnen hoch ist, zu akzeptieren was vom Arbeitgeber verlangt wird.<\/p>\n<p>Es ist wenig verwunderlich, dass auch der Pr\u00e4sident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Dr. Rainer Dulger\u201c das als Grund zur gro\u00dfen Zufriedenheit sieht. Auf der Homepage von Gesamtmetall wird er mit den Worten zitiert: \u201eWir haben das erreicht, was f\u00fcr uns besonders wichtig war.\u201c Bei der Pressekonferenz \u00e4u\u00dferte er vor allem Freude dar\u00fcber, dass die Kapazit\u00e4ten nach oben erweitert werden k\u00f6nnen, womit die Tarifparteien \u201eden Grundstein f\u00fcr ein flexibles Arbeitszeitsystem f\u00fcr das 21. Jahrhundert gelegt\u201c h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Auch der IG-Metall-Vorsitzende J\u00f6rg Hoffmann ist voll des Lobes \u00fcber den in Baden-W\u00fcrttemberg get\u00e4tigten Abschluss: Endlich sei es gelungen, dass Flexibilisierung nicht als Einbahnstra\u00dfe f\u00fcr die Arbeitgeber gilt, sondern dass es auch um die Bed\u00fcrfnisse der Besch\u00e4ftigten ginge. Schaut man sich aber an, mit welchen Begr\u00fcndungen die Arbeitgeber die \u201everk\u00fcrzte Vollzeit\u201c ablehnen k\u00f6nnen, scheint das wenig \u00fcberzeugend. Denn ist die Quote aus Sicht der Arbeitgeber \u00fcberschritten, oder gibt es zu wenig Fachkr\u00e4fte, kann diese abgelehnt werden. Dann spielt es keine Rolle, wie alt das Kind bzw. wie pflegebed\u00fcrftig die Angeh\u00f6rige ersten Grades ist oder wie kaputt sich eine Kollegin oder ein Kollege nach langen Jahren von Schichtarbeit f\u00fchlt und mal etwas k\u00fcrzer treten m\u00f6chte. Vor allem bedeutet die Flexibilisierung nach oben eine massive Unterh\u00f6hlung der 35-Stunden-Woche, die 1984 in sieben Wochen Streik erk\u00e4mpft wurde!<\/p>\n<p>Die Logik der IG Metall-F\u00fchrung bleibt die der Standortsicherung. Die IGM-F\u00fchrung hat diesen Abschluss nicht etwa unterschrieben, weil sie kein Vertrauen in die Kampfbereitschaft der Besch\u00e4ftigten oder Zweifel hatte, mehr durchsetzen zu k\u00f6nnen. Nein, sie steht hinter der Sicherung der Profitabilit\u00e4t, der \u201eWettbewerbsf\u00e4higkeit\u201c der deutschen Unternehmen und beschr\u00e4nkt bewusst die Forderungen auf das, was die Unternehmer als tragbar ansehen. Damit zementiert die IGM-F\u00fchrung mit diesem Tarifvertrag ihre Politik des Co-Managements. Der Protest aus den Betrieben wird wahrscheinlich zun\u00e4chst verhalten bleiben. Jahrelanges Co-Management und die gute Konjunktur haben daf\u00fcr gesorgt, dass Teile der Belegschaften die Argumente der Lohnzur\u00fcckhaltung erst einmal akzeptieren. Zudem ist der Tarifabschluss schwer zu durchschauen und mag auf den ersten Blick als positiv gesehen werden, so dass sich der Unmut bei vielen erst sp\u00e4ter entwickeln wird.<\/p>\n<p>Wenn der Abschluss nun wegweisend f\u00fcr die anderen Branchen sein soll und sogar international Beachtung findet, sollte davor gewarnt werden, dass hier weiter an der Flexibilisierungsschraube gedreht wird \u2013 und zwar nicht zum Vorteil f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten! Bernd Riexinger, Co-Vorsitzender der Partei die LINKE, findet richtigerweise Worte der Kritik f\u00fcr diesen Abschluss:<\/p>\n<p>\u201eHier wurde nicht nur eine M\u00f6glichkeit f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten erreicht, die Zeiten begrenzt auf 28 Stunden zu reduzieren, sondern auch eine Arbeitszeitverl\u00e4ngerung. Die Zahl derjenigen, die k\u00fcnftig bis zu 40 Stunden in der Woche arbeiten k\u00f6nnen (im Westen gilt regul\u00e4r die 35-Stunden-Woche, jW), ist erh\u00f6ht worden. Das geht in die falsche Richtung.\u201c <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/326792.neue-offensive-zur-arbeitszeit-w\u00e4re-n\u00f6tig.html\">https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/326792.neue-offensive-zur-arbeitszeit-w%C3%A4re-n<\/a><a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/326792.neue-offensive-zur-arbeitszeit-w\u00e4re-n\u00f6tig.html\">%C3%B6tig.html<\/a><\/p>\n<h4>Arbeitszeit im Osten au\u00dfen vor<\/h4>\n<p>Sowohl der Arbeitgeberpr\u00e4sident als auch der IG Metall-Vorstand empfehlen den anderen Tarifbezirken nun die \u00dcbernahme des Abschlusses im S\u00fcd-Westen. Hierbei g\u00e4be es nur einige Zahlen auszutauschen \u2013 so gilt zum Beispiel bundesweit bisher eine Maximalquote von 13 anstatt 18 Prozent f\u00fcr die 40-Stundenvertr\u00e4ge.<\/p>\n<p>Wie es nun mit dem Thema der Angleichung der tariflichen Wochenarbeitszeit im Osten weiter geht, ist unklar. Hier steht nach fast drei\u00dfig Jahren noch immer die Tarifmauer: die Besch\u00e4ftigten m\u00fcssen jede Woche drei Stunden mehr arbeiten als ihre KollegInnen im Westen. Die IG Metall Berlin-Brandenburg fordert die Angleichung. Wenn die Arbeitgeber hier mauern, wird es nicht einfach. Allerdings ist die Ausgangslage sogar f\u00fcr lokal begrenzte Streiks nach wie vor gut. Durch die Just-in Time-Produktion und die hohe Auslastung k\u00f6nnte sicher auch ein Streik in Berlin-Brandenburg zu schwerwiegenden Problemen f\u00fcr die Arbeitgeber f\u00fchren, die sie gerade nicht gebrauchen k\u00f6nnen. Hier sollten k\u00e4mpferische und kritische Teile in der IG Metall sich vernetzen und gemeinsam \u00fcberlegen, wie der Kampf gef\u00fchrt werden k\u00f6nnte. Der bereits begonnene Ansatz eines Zusammenschlusses von linken Hauptamtlichen in der IG Metall sollte auch die Lehren aus dieser Tarifauseinandersetzung ziehen, eine Strategie f\u00fcr die n\u00e4chste Tarifrunde diskutiert werden und sich f\u00fcr alle k\u00e4mpferischen IG Metall-Mitglieder \u00f6ffnen.<\/p>\n<h4>Ein gef\u00e4hrlicher Abschluss<\/h4>\n<p>Oft wurde in den letzten Jahren von der Schw\u00e4chung der Gewerkschaften gesprochen. H\u00e4ufig wurde dieses Argument dazu benutzt, um zu rechtfertigen, warum es nicht m\u00f6glich gewesen sei, mehr herauszuholen. Doch diesmal ist eigentlich allen klar, dass die Bedingungen f\u00fcr einen Streik g\u00fcnstig wie nie waren. Ein Kommentator auf spiegel online begr\u00fc\u00dft den Abschluss, weil die IG Metall auf das Mittel des Streiks verzichtet habe: \u201eDas ist umso bemerkenswerter, da sich die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse deutlich zugunsten der Gewerkschaften verschoben haben. Arbeitskr\u00e4fte, zumal qualifizierte, sind vielerorts in der Metallbranche derart rar, dass den Arbeitgebern ihr wichtigstes Druckmittel verloren gegangen ist: der drohende Verlust von Arbeitspl\u00e4tzen. (\u2026) Ein Fl\u00e4chenstreik w\u00e4re f\u00fcr die Unternehmen der Metallbranche angesichts der derzeit hohen Auslastung so schmerzhaft gewesen, dass die Arbeitgeberverb\u00e4nde wahrscheinlich nach kurzer Zeit alles unterschrieben h\u00e4tten, was ihn beendet.\u201c(spiegel online 6.2.18) Damit hat der Autor recht, auch wenn er den Verzicht auf einen Erzwingungsstreik begr\u00fc\u00dft, weil ein solcher das \u201eEnde der konstruktiven Tarifpartnerschaft bedeutet\u201c h\u00e4tte. Doch diese \u201ekonstruktive Tarifpartnerschaft\u201c bedeutet schrittweisen Abbau des bereits Erk\u00e4mpften.<\/p>\n<p>Leider verharrt die IG Metall-F\u00fchrung, trotz der Mobilisierung der Besch\u00e4ftigten zu den 24-Stunden-Warnstreiks, in der Standortlogik und der Politik des Co-Managements. Dies wird auch in ihrer Haltung gegen\u00fcber der Gro\u00dfen Koalition deutlich, die sie offensiv begr\u00fc\u00dft, obwohl klar ist, dass diese eine Regierung im Interesse des Kapitals und nicht der Masse Besch\u00e4ftigten handeln wird.<\/p>\n<p>Die IGM hat eine \u2013 angesichts proppevoller Auftragsb\u00fccher und Rekordgewinnen \u2013 sehr bescheidene Lohnerh\u00f6hung von effektiv ca. 3,5 Prozent j\u00e4hrlich erreicht. Bei einer Preissteigerungsrate von durchschnittlich 1,5 Prozent wurde nur ein geringer Teil des Produktivit\u00e4tszuwachses in Richtung der Besch\u00e4ftigten umgeleitet. Von einer substanziellen Umverteilung kann keine Rede sein. Da Teile der Erh\u00f6hung nicht in die Gehaltstabellen eingehen, sondern als tarifliche Zulagen einzeln geregelt sind, ergeben sich zuk\u00fcnftig Risiken, dass diese nicht erneut gezahlt oder verschoben werden. Insofern sind selbst die moderaten 3,5 Prozent mit Vorsicht zu betrachten.<\/p>\n<p>Das eigentliche Problem dieses Abschlusses ist allerdings die Arbeitszeitfrage. Von einer Verk\u00fcrzung kann keine Rede sein, durchgesetzt wurde lediglich die M\u00f6glichkeit zur befristeten Teilzeit f\u00fcr einige Gruppen von Besch\u00e4ftigten, wie es in vielen anderen Bereichen ohnehin schon praktiziert wird, meist mit weniger Beschr\u00e4nkungen. Im Gegenzug wurden den Unternehmen Instrumente in die Hand zu geben, die 35-Stunden-Woche auszuhebeln und die Arbeitszeit zu verl\u00e4ngern.<\/p>\n<p>Abgesehen davon, dass die Arbeitsbelastung in vielen Metall-Betrieben steigen k\u00f6nnte, schadet dieser Umgang mit der Arbeitszeitfrage der gesamten Gewerkschaftsbewegung. Wenn sich in den K\u00f6pfen der Kolleginnen und Kollegen der Eindruck verfestigt, bei \u201eArbeitszeitverk\u00fcrzung\u201c ginge es um verlustbehaftete Teilzeit f\u00fcr die einen und l\u00e4ngeres Arbeiten f\u00fcr die anderen, werden sie nicht bereit sein, sich daf\u00fcr einzusetzen.<\/p>\n<p>K\u00e4mpferische GewerkschafterInnen m\u00fcssen jetzt einen Kampf darum f\u00fchren, den eigentlichen Sinn der Forderung nach einer k\u00fcrzeren Arbeitszeit zu verdeutlichen und Mehrheiten daf\u00fcr zu organisieren. N\u00f6tig ist eine breite gewerkschaftliche Kampagne mit zwei Zielen: einer gesellschaftlichen Umverteilung des vorhandenen Reichtums von oben nach unten und einer breiten Kampagne f\u00fcr eine wirkliche Entlastung. Hier ist die Forderung nach drastischer Arbeitszeitverk\u00fcrzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich zentral.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr sollten endlich auch die Tarifbewegungen aus verschiedenen Branchen koordiniert werden, um gemeinsame Streik- und Protesttage zu organisieren. Auf diese Weise k\u00f6nnten hunderttausende bis Millionen von Besch\u00e4ftigten zeitgleich f\u00fcr ihre &#8211; im Kern gemeinsamen \u2013 Interessen auf die Stra\u00dfe gehen und eine gesellschaftliche Bewegung f\u00fcr Umverteilung von oben nach unten angesto\u00dfen werden.<\/p>\n<h4>Kampagne f\u00fcr Arbeitszeitverk\u00fcrzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich<\/h4>\n<p>W\u00e4hrend der Abschluss der IG Metall in punkto Arbeitszeit nicht den richtigen Weg aufzeigt, wurde gleichzeitig das Thema Arbeitszeit in die \u00d6ffentlichkeit gebracht. Nun kommt es dringend darauf an, dass die linken und k\u00e4mpferischen Teile in den Gewerkschaften gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Einfluss auf die Debatten nehmen. Ziel sollte eine Kampagne f\u00fcr eine wirkliche Arbeitszeitverk\u00fcrzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich sein \u2013 in gro\u00dfen Schritten und f\u00fcr alle Besch\u00e4ftigten.<\/p>\n<p>Dabei muss dem Modell \u201eGeld oder Zeit\u201c, wie es jetzt beim Metall-Abschluss, aber auch schon vorher bei der Bahn im Abschluss der EVG vereinbart wurde, eine klare Absage erteilt werden! Es darf nicht um einen Ausweitung von Teilzeitvertr\u00e4gen gehen, denn das k\u00f6nnen sich die wenigsten Besch\u00e4ftigten leisten. Im Kampf um die Arbeitszeitverk\u00fcrzung muss das Argument gelten, dass es mithilfe von Digitalisierung und besseren Maschinen einen Produktivit\u00e4tszuwachs gibt, der im Interesse der Besch\u00e4ftigten genutzt werden soll und nicht, um die Profite weiter zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Und warum sollen die einen ohne Arbeit sein und die anderen sich kaputt arbeiten? Von jeher ist ein zentrales Argument im Kampf um Arbeitszeitverk\u00fcrzung die Bek\u00e4mpfung der Arbeitslosigkeit. Deshalb geht es nicht nur darum, den vollen Lohnausgleich zu erk\u00e4mpfen, sondern auch einen Personalausgleich. Das hei\u00dft, dass die k\u00fcrzere Arbeitszeit nicht dadurch kompensiert werden sollte, dass andere l\u00e4nger arbeiten, sondern indem neue Stellen geschaffen werden.<\/p>\n<p>Linke und k\u00e4mpferische KollegInnen und Zusammenschl\u00fcsse in den Gewerkschaften sollten gemeinsame Initiativen ergreifen, um in ihren Gewerkschaften Antr\u00e4ge f\u00fcr die Aufnahme der Forderung nach Arbeitszeitverk\u00fcrzung f\u00fcr alle in gro\u00dfen Schritten bei vollem Lohn- und Personalausgleich bei den n\u00e4chsten Tarifrunden stark zu machen. Denkbar ist eine Konferenz von Zusammenschl\u00fcssen der Gewerkschaftslinken, um hier ein koordiniertes Vorgehen abzustimmen. Die Debatte um Arbeitszeitverk\u00fcrzung ist neu auf die Tagesordnung gesetzt worden. Die Chance sollte genutzt werden, um jetzt in die Offensive zu kommen \u2013 aus Sicht der Besch\u00e4ftigten und nicht der Bosse!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Arbeitgeber zufrieden mit Tarifabschluss in der Metall- und Elektroindustrie<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":35843,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[17],"tags":[1017,297,1142],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35867"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=35867"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35867\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":35902,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35867\/revisions\/35902"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/35843"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=35867"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=35867"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=35867"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}