{"id":35495,"date":"2017-11-08T16:08:35","date_gmt":"2017-11-08T15:08:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=35495"},"modified":"2017-11-08T16:16:55","modified_gmt":"2017-11-08T15:16:55","slug":"die-oktoberrevolution-und-die-demokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2017\/11\/die-oktoberrevolution-und-die-demokratie\/","title":{"rendered":"Die Oktoberrevolution und die Demokratie"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_22146\" aria-describedby=\"caption-attachment-22146\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/2741832825_71e97ef4aa_b-e1349862771390.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-22146\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/2741832825_71e97ef4aa_b-e1349862771390-280x173.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/2741832825_71e97ef4aa_b-e1349862771390-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/2741832825_71e97ef4aa_b-e1349862771390-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/2741832825_71e97ef4aa_b-e1349862771390-560x347.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/2741832825_71e97ef4aa_b-e1349862771390.jpg 980w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-22146\" class=\"wp-caption-text\">Foto: http:\/\/www.flickr.com\/photos\/maanskyn\/ CC BY-NC-SA 2.0<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"LEFT\"><strong>Leo Trotzki zur Aufl\u00f6sung der Konstituierenden Versammlung<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><em><strong>Vorbemerkung der Redaktion:<\/strong><\/em> Am 7. November (25. Oktober nach damaligem in Russland geltenden Kalender) j\u00e4hrt sich zum hundertsten Mal die russische Oktoberrevolution. An diesem Tag im Jahr 1917 beschloss der Allrussische Kongress der Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te unter Beteiligung vieler Vertreter aus den Bauernr\u00e4ten, die politische Macht zu ergreifen und die bestehende so genannte Provisorische Regierung abzusetzen. Diesem Ereignis waren acht turbulente Revolutionsmonate vorausgegangen, nachdem im M\u00e4rz (Februar nach altem Kalender) der Zar durch einen Massenaufstand gest\u00fcrzt worden war. Diese acht Monate waren durch eine enorme Aktivit\u00e4t der Massen und deren politisches Erwachen gekennzeichnet: Selbstorganisation, Bildung der R\u00e4te, Bauernaufst\u00e4nde, Desertion der Soldaten an der Front. Es gab einen Zustand der Doppelherrschaft. Auf der einen Seite standen die Arbeiter-, Soldaten- und Bauernr\u00e4te (Sowjets), in denen von den Massen ihre VertreterInnen entsendet wurden. Auf der anderen Seite stand die Provisorische Regierung aus liberal-b\u00fcrgerlichen Parteien, den rechten Sozialdemokraten (Menschewiki) und den kleinb\u00fcrgerlichen Sozialrevolution\u00e4ren (Narodniki). Alle waren sich in Worten einig, dass eine Verfassungsgebende (oder Konstituierende) Versammlung auf Basis des allgemeinen Wahlrechts einberufen werden sollte. Deren Einberufung wurde durch die Regierung jedoch Monat um Monat verz\u00f6gert aus Sorge, dass sie die Erwartungshaltung der Massen steigern und die Linke st\u00e4rken k\u00f6nnte. Dieselbe Regierung zeigte sich unf\u00e4hig und unwillig, den Krieg zu beenden, das Land an die B\u00e4uerinnen und Bauern zu verteilen, den unterdr\u00fcckten Nationen das Selbstbestimmungsrecht zu gew\u00e4hren, die Not der ArbeiterInnen zu lindern \u2013 auch nur irgendeine wesentliche Forderung der Massen zu erf\u00fcllen. Das f\u00fchrte zu einer wachsenden Entfremdung immer breiterer Teile der Arbeiterklasse, armen Bauernschaft und Soldaten mit den in der Regierung dominierenden Parteien und zu einer Radikalisierung, die sich in der massiven St\u00e4rkung der revolution\u00e4r-sozialistischen Partei der Bolschewiki und in einer Spaltung der sozialrevolution\u00e4ren Partei in einen linken und rechten Fl\u00fcgel niederschlug. Die Bolschewiki hatten seit April die Position vertreten, dass die gesamte Staatsmacht in die H\u00e4nde der Sowjets \u00fcbergehen sollte, um der Revolution eine sozialistische Richtung zu geben. Sie waren unter der F\u00fchrung Lenins zu dem Schluss gekommen, dass die grundlegenden Forderungen der Februarrevolution im Rahmen kapitalistischer Verh\u00e4ltnisse nicht umzusetzen waren und ein Bruch mit der Herrschaft der Kapitalbesitzer n\u00f6tig war.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Bei den Wahlen zum Allrussischen Sowjetkongress der Anfang November (Ende Oktober nach altem Kalender) zusammen trat, erlangten die Bolschewiki eine Mehrheit und setzten im B\u00fcndnis mit den linken Sozialrevolution\u00e4ren auf dem Kongress durch, dass dieser die Macht ergriff. Ihr erstes Dekret sagte unter anderem: \u201eDie Sowjetmacht wird allen V\u00f6lkern einen sofortigen demokratischen Frieden und den sofortigen Waffenstillstand an allen Fronten vorschlagen. Sie sichert auch die entsch\u00e4digungslose \u00dcbergabe aller gutsherrlichen L\u00e4ndereien, Dom\u00e4nen und Klosterg\u00fcter an die Bauernkomitees, sie wird f\u00fcr die Rechte der Soldaten eintreten, indem sie die g\u00e4nzliche Demokratisierung der Armee durchf\u00fchrt, sie wird die Arbeiterkontrolle \u00fcber die Produktion einf\u00fchren, die rechtzeitige Einberufung der Nationalversammlung sichern, die Belieferung der St\u00e4dte mit Brot und des flachen Landes mit den n\u00f6tigen Gebrauchsgegenst\u00e4nden, sie wird allen dem russischen Staate angeh\u00f6renden Nationen das wahrhafte Selbstbestimmungsrecht sichern. Der Kongress beschlie\u00dft: Alle Macht an den einzelnen Orten geht auf die Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauern-Deputierten \u00fcber, die eine wirkliche revolution\u00e4re Ordnung gew\u00e4hrleisten m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Nach dem erfolgreichen Oktoberumsturz fanden dann Wahlen zur Konstituierenden Versammlung statt, die im Januar 1918 zusammen trat. In dieser hatten die Sozialrevolution\u00e4re die Mehrheit. Jedoch fand die Wahl auf Basis Monate alter Kandidatenlisten statt, die die Spaltung der Sozialrevolution\u00e4re in einen rechten und linken Fl\u00fcgel nicht ber\u00fccksichtigten und den rechten Sozialrevolution\u00e4ren ein deutliches \u00dcbergewicht gaben. In den St\u00e4dten, in Armee und Flotte und in l\u00e4ndlichen Gebieten, die in der N\u00e4he von Industriezentren oder Eisenbahnrouten lagen, erhielten die Bolschewiki die Mehrheit der Stimmen. Das ist Ausdruck davon, dass diejenigen Bev\u00f6lkerungsteile, die besser informiert waren \u00fcber den Oktoberumsturz der Partei Lenins und Trotzkis die Stimme gaben.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Als die Konstituierende Versammlung am ersten Tag ihrer Zusammenkunft sich weigerte, \u00fcber die vom R\u00e4tekongress beschlossene \u201eDeklaration der Rechte des werkt\u00e4tigen und ausgebeuteten Volkes\u201c abzustimmen, verlie\u00dfen die Abgeordneten der Bolschewiki und linken Sozialrevolution\u00e4re die Versammlung. Die Sowjetregierung beschloss daraufhin die Aufl\u00f6sung der Konstituante, was kaum auf Widerstand in der Bev\u00f6lkerung stie\u00df. Wie der bolschewismuskritische Historiker Anweiler schrieb \u201ewaren die Sowjets in den Augen der Massen \u201aihre\u2018 Organe. Es w\u00e4re unm\u00f6glich gewesen die Massen im Namen der Konstituierenden Versammlung gegen die Sowjets zu mobilisieren.\u201c<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Diese Ma\u00dfnahme der jungen Revolutionsregierung wird vielfach als Beleg f\u00fcr den undemokratischen Charakter der Oktoberrevolution und der R\u00e4temacht angef\u00fchrt. Tats\u00e4chlich prallten zwei unterschiedliche Formen von Demokratie aufeinander, die nicht koexistieren konnten: b\u00fcrgerlich-parlamentarische Demokratie und proletarische R\u00e4tedemokratie. Letztere dr\u00fcckte den unmittelbaren Willen der Volksmassen viel direkter aus, erm\u00f6glichte die jederzeitige Abwahl der entsendeten Delegierten und gew\u00e4hrte diesen keine materiellen Privilegien.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Wir ver\u00f6ffentlichen hier zwei Kapitel aus Leo Trotzkis Buch \u201eVon der Oktoberrevolution zum Brester Friedensvertrag\u201c, in denen er die Politik der Bolschewiki zur Frage der Konstituierenden Versammlung darlegt.<\/p>\n<h3 align=\"LEFT\">Das Schicksal der Konstituante<\/h3>\n<p align=\"JUSTIFY\">Als nach dem Kornilowschen Abenteuer die herrschenden Sowjetparteien den Versuch machten, ihre Fahrl\u00e4ssigkeit in Bezug auf die konterrevolution\u00e4re Bourgeoisie wieder gut zu machen, forderten sie ein beschleunigtes Zusammentreten der Konstituierenden Versammlung. Kerenski, den die Sowjets soeben vor der allzu innigen Umarmung seines Verb\u00fcndeten Kornilow gerettet hatten, wurde dadurch gen\u00f6tigt, gewisse Zugest\u00e4ndnisse zu machen. Die Einberufung der Konstituierenden Versammlung wurde auf Ende November festgesetzt. Aber die Verh\u00e4ltnisse gestalteten sich zu dieser Zeit derart, dass man keine Garantien daf\u00fcr haben konnte, dass die Konstituante in der Tat einberufen werden w\u00fcrde. An der Front ging ein tiefgreifender Zersetzungsprozess vor sich, die Desertionen nahmen von Tag zu Tag zu, die Soldatenmassen drohten, in ganzen Regimentern und Korps die Sch\u00fctzengr\u00e4ben zu verlassen und, alles unterwegs verw\u00fcstend, ins Hinterland zu ziehen. Auf dem Lande ging mit elementarer Wucht die Expropriation des Bodens und des Grundbesitzer-Eigentums vor sich. Einige Bezirke waren unter Kriegszustand gesetzt. Die Deutschen setzten ihre Offensive fort; sie hatten bereits Riga eingenommen und bedrohten nun Petrograd. Der rechte Fl\u00fcgel der Bourgeoisie verbarg seine Schadenfreude nicht, dass die revolution\u00e4re Hauptstadt sich in Gefahr bef\u00e4nde. Aus Petrograd wurden die Regierungs\u00e4mter evakuiert und die Regierung Kerenskis machte Anstalten, nach Moskau \u00fcberzusiedeln. All das machte die Einberufung der Konstituante nicht nur fraglich, sondern auch wenig wahrscheinlich. Von diesem Standpunkt aus bedeutete der Oktoberumschwung sowohl eine Rettung f\u00fcr die Konstituante, wie auch eine Rettung f\u00fcr die Revolution \u00fcberhaupt. Und als wir sagten, dass der Eingang zur Konstituierenden Versammlung nicht \u00fcber das Vorparlament Zeretellis, sondern \u00fcber die Machtergreifung der Sowjets f\u00fchre, waren wir vollkommen aufrichtig.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Aber die endlose Verschiebung der Konstituierenden Versammlung war nicht spurlos an ihr vor\u00fcbergegangen. In den ersten Tagen der Revolution gezeugt, kam sie erst nach acht bis neun Monate langem, erbittertem Kampf der Klassen und Parteien zur Welt. Sie kam zu sp\u00e4t, um noch die M\u00f6glichkeit zu haben, eine produktive Rolle zu spielen. Ihre innere Unzul\u00e4nglichkeit wurde durch eine Tatsache bestimmt, die zuerst als unbedeutend erscheinen konnte, die aber im weiteren Verlauf f\u00fcr das Schicksal der Konstituante eine ungeheure Bedeutung erlangt hatte. Die numerisch wichtigste Partei der Revolution in ihrer ersten Phase war die Partei der Sozialisten-Revolution\u00e4re. Wir sprachen bereits von ihrer Formlosigkeit und ihrem bunten sozialen Aufbau. Die Revolution f\u00fchrte unvermeidlich zu einer inneren Gliederung aller derjenigen Reihen der Sozialisten-Revolution\u00e4re, die unter dem gemeinsamen Banner der\u00a0Narodniki\u00a0auftraten. Immer mehr und mehr trennte sich der linke Fl\u00fcgel ab, der einen Teil der Arbeiter und die weiten Schichten der armen Bauernschaft f\u00fchrte. Dieser Fl\u00fcgel geriet in unvers\u00f6hnliche Opposition zu den kleinb\u00fcrgerlichen und mittelb\u00fcrgerlichen Spitzen der Partei der Sozialisten-Revolution\u00e4re. Aber die Tr\u00e4gheit der Parteiorganisation und der Parteitraditionen hielt die unvermeidliche Spaltung noch auf. Das proportionale Wahlsystem beruht bekanntlich ganz und gar auf den Parteilisten. Da diese Listen zwei bis drei Monate vor dem Oktoberstreich aufgenommen worden waren, und seitdem keine Ver\u00e4nderung erfahren hatten, so figurierten sowohl die linken wie die rechten Sozialisten-Revolution\u00e4re abwechselnd unter dem Banner einer und derselben Partei. Auf diese Weise hatten zur Zeit des Oktoberumsturzes, d. h. in einer Zeit, als die rechten Sozialisten-Revolution\u00e4re die linken verhaften lie\u00dfen, und die linken sich zum Sturz des Sozialisten-Revolution\u00e4rs Kerenski den Bolschewiki anschlossen \u2013 zu dieser Zeit hatten die alten Listen noch ihre ganze G\u00fcltigkeit, und die Bauernmassen waren gezwungen, bei den Wahlen f\u00fcr die Konstituante auf Grund von Listen zu stimmen, in deren ersten Reihen der Name Kerenski stand und weiter darauf die Namen der linken Sozialisten-Revolution\u00e4re folgten, die an der Verschw\u00f6rung\u00a0gegen Kerenski teilgenommen hatten.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Wenn die Monate, die dem Oktoberumsturz vorangingen, eine Zeit der Linksverschiebung der Massen und des elementaren Zustroms der Arbeiter, Soldaten und Bauern zu den Bolschewiki war, so dr\u00fcckte sich innerhalb der Partei der Sozialisten-Revolution\u00e4re dieser Prozess in der Verst\u00e4rkung des linken Fl\u00fcgels auf Kosten des rechten aus. Aber immer noch dominierten in den Parteilisten der Sozialisten-Revolution\u00e4re zu drei Vierteln die alten Namen des rechten Fl\u00fcgels \u2013 lauter Namen, die unterdessen, in der Periode der Koalition mit der liberalen Bourgeoisie, ihr revolution\u00e4res Prestige vollkommen eingeb\u00fc\u00dft hatten.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Dazu kommt noch der Umstand, dass die Wahlen selbst im Lauf der ersten Wochen gleich nach dem Oktoberumsturz stattfanden. Die Nachricht von der Ver\u00e4nderung, die stattgefunden hatte, verbreitete sich verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig langsam, in konzentrischen Kreisen aus der Hauptstadt nach der Provinz, und aus den St\u00e4dten nach den D\u00f6rfern. Die Bauernmassen waren sich an vielen Orten recht wenig klar dar\u00fcber, was in Petrograd und Moskau vorging. Sie stimmten f\u00fcr \u201eLand und Freiheit\u201c, und stimmten f\u00fcr ihre Vertreter in den Landkomitees, die meistenteils unter dem Banner der \u201eNarodniki\u201c standen, damit aber stimmten sie f\u00fcr Kerenski und Awksentjew, die diese Landkomitees aufl\u00f6sten und deren Mitglieder verhaften lie\u00dfen. Als Endresultat ergab sich dasjenige unwahrscheinlich anmutende politische Paradoxon, dass die eine der beiden Parteien, welche die Konstituante aufl\u00f6sen lie\u00dfen, namentlich die linken Sozialisten-Revolution\u00e4re \u2013 den gemeinsamen Listen zufolge \u2013 an gleicher Stelle mit der Partei passierte, die der Konstituante die Majorit\u00e4t verliehen hatte. Dieser Sachverhalt gibt faktisch eine klare Vorstellung, in welchem Ma\u00dfe die Konstituante hinter der Entwicklung des politischen Kampfes und der Parteigruppierungen zur\u00fcckgeblieben war. Es bleibt nur noch \u00fcbrig, die prinzipielle Seite der Frage zu betrachten.<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">Prinzipien der Demokratie und Diktatur des Proletariats.<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">Als Marxisten sind wir nie G\u00f6tzendiener der formalen Demokratie gewesen. In der Klassengesellschaft beseitigen die demokratischen Institutionen nicht nur den Klassenkampf nicht, sondern sie verleihen den Klasseninteressen einen h\u00f6chst unvollkommenen Ausdruck. Den besitzenden Klassen bleiben immer noch unz\u00e4hlige Mittel zur Verf\u00fcgung, den Willen der arbeitenden Volksmassen zu f\u00e4lschen, abzulenken und zu vergewaltigen. Als ein noch unvollkommener Apparat zum Ausdruck des Klassenkampfes erscheinen die Institutionen der Demokratie unter den Bedingungen der Revolution. Marx bezeichnete die Revolution als die \u201eLokomotive der Geschichte\u201c. Dank dem offenen und unmittelbaren Kampf um die Regierungsgewalt h\u00e4ufen die arbeitenden Massen in k\u00fcrzester Zeit eine Menge politischer Erfahrung an und steigen in ihrer Entwicklung schnell von einer Stufe auf die andere. Der schwerf\u00e4llige Mechanismus der demokratischen Institutionen kommt dieser Entwicklung umso weniger nach, je gr\u00f6\u00dfer das Land und je unvollkommener sein technischer Apparat ist.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Majorit\u00e4t erhielten in der Konstituierenden Versammlung die rechtsstehenden Sozialisten-Revolution\u00e4re. Der parlamentarischen Mechanik entsprechend h\u00e4tte ihnen die Regierungsgewalt geh\u00f6ren m\u00fcssen. Die Partei der rechtsstehenden Sozialisten-Revolution\u00e4re hatte aber schon im Lauf der ganzen Zeit vor dem Oktoberumsturz die M\u00f6glichkeit gehabt, diese Regierungsgewalt zu bekommen. Dennoch entzog sich diese Partei der Regierung und trat ihren L\u00f6wenanteil an die liberale Bourgeoisie ab, und auch infolgedessen hatte sie \u2013 gerade in dem Augenblick, da die numerische Zusammensetzung der Konstituante sie formal verpflichtete, die Regierung zu bilden \u2013 da hatte sie den letzten Rest ihres Kredits bei den revolution\u00e4rsten Teilen des Volkes verloren. Die Arbeiterklasse und zugleich mit ihr die Rote Garde stand der Partei der rechten Sozialisten-Revolution\u00e4re tief feindselig gegen\u00fcber. Die erdr\u00fcckende Mehrheit der Armee unterst\u00fctzte die Bolschewiki. Die revolution\u00e4ren Elemente auf dem Lande teilten ihre Sympathien zwischen den linken Sozialisten-Revolution\u00e4ren und den Bolschewiki. Die Matrosen, die in den Ereignissen der Revolution eine so bedeutende Rolle gespielt hatten, folgten fast ausschlie\u00dflich unserer Partei. Aus denjenigen Sowjets, die schon im Oktober, d. h. vor der Einberufung der Konstituante, die Macht ergriffen hatten, waren die rechtsstehenden Sozialisten-Revolution\u00e4re gezwungen, fortzugehen. Auf wen konnte sich also ein Ministerium st\u00fctzen, das von der Majorit\u00e4t der Konstituierenden Versammlung aufgestellt wurde? Hinter ihnen w\u00e4ren die Spitzen der Landbev\u00f6lkerung, der Intellektuellen und die Beamten gestanden; rechts h\u00e4tten sie einstweilen von Seiten der Bourgeoisie eine St\u00fctze gefunden. Einer solchen Regierung h\u00e4tte aber der materielle Regierungsapparat vollkommen gefehlt. In den Konzentrationspunkten des politischen Lebens, wie es Petrograd ist, w\u00e4re diese Regierung vom ersten Schritt an auf un\u00fcberwindliche Hindernisse gesto\u00dfen Wenn unter diesen Umst\u00e4nden die Sowjets \u2013 in Unterwerfung unter die formale Logik der demokratischen Institutionen \u2013 die Regierung der Partei Kerenskis und Tschernows \u00fcberlie\u00dfen, so h\u00e4tte diese Regierung, die kompromittiert und ohnm\u00e4chtig war, in das politische Leben des Landes lediglich eine zeitweilige Verwirrung hineingetragen, um dann wenige Wochen sp\u00e4ter durch einen neuen Aufstand gest\u00fcrzt zu werden. Die Sowjets beschlossen, dieses versp\u00e4tete historische Experiment auf ein Minimum zu reduzieren, und sie l\u00f6sten die Konstituierende Versammlung noch an demselben Tage auf, an dem sie zusammengetreten war.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Dies gab einen Anlass zu den h\u00e4rtesten Anschuldigungen gegen unsere Partei. Das Auseinanderjagen der Konstituierenden Versammlung machte unzweifelhaft auch auf die f\u00fchrenden Kreise der sozialistischen Parteien Westeuropas einen ung\u00fcnstigen Eindruck. Dort erblickte man in diesem politisch unvermeidlichen und notwendigen Akt eine Parteiwillk\u00fcr, eine Art Tyrannei. In einer Reihe von Aufs\u00e4tzen setzte Kautsky mit der ihm eigent\u00fcmlichen Pedanterie die Wechselbeziehung zwischen den sozialistisch-revolution\u00e4ren Aufgaben des Proletariats und dem Regime politischer Demokratie auseinander. Er bewies, dass f\u00fcr die arbeitende Klasse die Beibehaltung der Grundlagen demokratischen Aufbaues letzten Endes stets von Nutzen sei. Im Gro\u00dfen und Ganzen ist dies nat\u00fcrlich vollkommen richtig. Aber Kautsky degradierte diese historische Wahrheit zu einer Professoren-Banalit\u00e4t. Wenn es letzten Endes f\u00fcr das Proletariat vorteilhaft sei, seinen Klassenkampf und sogar seine Diktatur in die Rahmen demokratischer Institutionen zu leiten, so bedeutet das noch keineswegs, dass die Geschichte dem Proletariat immer eine solche Kombination erm\u00f6glicht. Die marxistische Theorie ergibt noch keineswegs, dass die Geschichte stets solche Bedingungen schaffe, die f\u00fcr das Proletariat am \u201eg\u00fcnstigsten\u201c seien. Man kann momentan kaum sagen, welchen Verlauf die Revolution genommen h\u00e4tte, wenn die Konstituierende Versammlung in ihrem zweiten oder dritten Monat einberufen worden w\u00e4re. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die damals dominierenden Parteien der Sozialisten-Revolution\u00e4re und der Menschewiki sich zusammen mit der Konstituante kompromittiert h\u00e4tten: sowohl in den Augen der aktiveren Schichten, die die Sowjets unterst\u00fctzen, als aber auch in den Augen der r\u00fcckst\u00e4ndigeren demokratischen Massen, von denen sich herausgestellt h\u00e4tte, dass ihre Hoffnungen nicht an den Sowjets, sondern an der Konstituante hingen. Unter diesen Umst\u00e4nden h\u00e4tte die Aufl\u00f6sung der Konstituante zu neuen Wahlen f\u00fchren k\u00f6nnen, bei denen die Partei des linken Fl\u00fcgels sich als Majorit\u00e4t h\u00e4tte erweisen k\u00f6nnen. Die Entwicklung schlug aber einen anderen Weg ein. Die Wahlen zur Konstituierenden Versammlung fanden im neunten Monat der Revolution statt. Zu dieser Zeit hatte der Klassenkampf eine solche Anspannung erfahren,\u00a0dass er durch einen Ansturm von innen heraus die formalen Rahmen der Demokratie gesprengt hat.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Das Proletariat hatte die Armee und die armen Bauernschichten hinter sich. Diese Klassen befanden sich in einem Zustand direkten und erbitterten Kampfes mit den rechtsstehenden Sozialisten-Revolution\u00e4ren. Aber infolge der schwerf\u00e4lligen Mechanik der demokratischen Wahlen erhielt diese Partei\u00a0\u2013\u00a0als\u00a0treues Abbild der Vor-Oktober-Epoche der Revolution \u2013 in der Konstituante die Majorit\u00e4t. So kam ein Widerspruch zustande, der im Rahmen der formalen Demokratie absolut unl\u00f6sbar war. Und nur politische Pedanten, die sich keine Rechenschaft \u00fcber die revolution\u00e4re Logik der Klassengegens\u00e4tze abgeben, k\u00f6nnen im Angesicht dieser Nachoktobersituation dem Proletariat banale Vorhaltungen machen \u00fcber die Vorteile und den Nutzen der Demokratie f\u00fcr die Sache des Klassenkampfes.<\/p>\n<p>Die Frage wurde von der Geschichte viel konkreter und sch\u00e4rfer gestellt. Die Konstituierende Versammlung musste also der Zusammensetzung ihrer Majorit\u00e4t nach die Regierung auf die Gruppe eines Tschernow, eines Kerenski und eines Zeretelli \u00fcbertragen. War aber diese Gruppe im Stande, die Revolution zu leiten? Konnte sie in derjenigen Klasse, die als R\u00fcckgrat der Revolution erscheint, einen Halt finden? Nein. Der wirkliche Klasseninhalt der Revolution war unvers\u00f6hnlich gegen ihre demokratische Schale gesto\u00dfen Und damit allein war das Schicksal der Konstituante besiegelt. Ihre Aufl\u00f6sung erschien als die einzig m\u00f6gliche, als die chirurgische L\u00f6sung, als einziger Ausweg aus dem Widerspruch, der nicht von uns, sondern vom ganzen vorhergehenden Lauf der Ereignisse geschaffen worden war.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leo Trotzki zur Aufl\u00f6sung der Konstituierenden Versammlung<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":22146,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[95],"tags":[356,831,832],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35495"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=35495"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35495\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":35496,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35495\/revisions\/35496"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/22146"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=35495"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=35495"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=35495"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}