{"id":35275,"date":"2017-10-08T09:00:32","date_gmt":"2017-10-08T07:00:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=35275"},"modified":"2017-09-08T16:00:18","modified_gmt":"2017-09-08T14:00:18","slug":"che-revolutionaer-und-internationalist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2017\/10\/che-revolutionaer-und-internationalist\/","title":{"rendered":"Che: Revolution\u00e4r und Internationalist"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2002\/08\/El_Che_leyendo_La_Naci\u00f3n-e1357234901166.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-23522\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2002\/08\/El_Che_leyendo_La_Naci\u00f3n-e1357234901166-280x173.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2002\/08\/El_Che_leyendo_La_Naci\u00f3n-e1357234901166-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2002\/08\/El_Che_leyendo_La_Naci\u00f3n-e1357234901166-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2002\/08\/El_Che_leyendo_La_Naci\u00f3n-e1357234901166-560x347.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2002\/08\/El_Che_leyendo_La_Naci\u00f3n-e1357234901166.jpg 729w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>Zum 50. Todestag<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWir haben den Papst!\u201c funkte ein bolivianischer Oberst am 8. Oktober 1967 an das Hauptquartier seiner Armee. Auf diese Meldung hatten unz\u00e4hlige lateinamerikanische Milit\u00e4rs und CIA-Agenten gewartet. Denn sie hie\u00df nichts anderes, als dass das bolivianische Milit\u00e4r Che Guevara gefangen genommen hatte. Am n\u00e4chsten Tag wurde er ohne Gerichtsurteil erschossen. Sie wollten Che nicht lebend davon kommen lassen, denn sein Kampf steht f\u00fcr den internationalen Kampf gegen Krieg, Ausbeutung und Hunger, f\u00fcr eine sozialistische Gesellschaft.<\/p>\n<p><em>von Steve Hollasky<\/em><\/p>\n<p>Ernesto Guevara, der sp\u00e4tere Che, wurde am 14. Juni 1928 im argentinischen Rosario geboren. Er wuchs bis zu seinem siebzehnten Lebensjahr in Alta Gracia auf, da er schon fr\u00fch an Asthma erkrankte und das trockene Klima in diesem Bergort ihm Linderung verschaffte.<\/p>\n<h4>Studium und Reisen<\/h4>\n<p>Wahrscheinlich war es die schwere Krankheit seiner Oma, die Che dazu brachte, Medizin zu studieren. Die Konzentration auf das Studium lie\u00df bald nach und wich einer anderen Leidenschaft, dem Reisen.<\/p>\n<p>Zusammen mit seinem Freund Alberto Granados machte er sich im Dezember 1951 auf, den lateinamerikanischen Kontinent zu entdecken. Schon bald besch\u00e4ftigte beide nicht nur die Landschaft, sondern auch die enorme Armut. Als Ernesto in der chilenischen Stadt Valparaiso eine Frau behandelte, die zu arm war, sich einen Arzt zu leisten, war er von deren Situation entsetzt. Er schrieb in seinem Reisebericht: \u201eDies sind die F\u00e4lle, da sich ein Arzt seiner ganzen Ohnmacht gegen\u00fcber dem sozialen Milieu bewusst wird, er w\u00fcnscht sich eine \u00c4nderung der Verh\u00e4ltnisse.\u201c<\/p>\n<p>1954 machte er sein Staatsexamen und seinen Doktor, aber nur um direkt danach Lateinamerika nochmals zu bereisen. Diesmal hatte er von Anfang an einen anderen Blick: Ihn interessierte die bolivianische Revolution. Er reiste weiter nach Guatemala, wo unter dem Pr\u00e4sidenten Arbenz Ma\u00dfnahmen gegen Armut ergriffen wurden. Die von dieser Regierung durchgef\u00fchrte Landreform ersch\u00fctterte die Interessen der US-amerikanischen Konzerne. Folglich wurde sie durch einen von der CIA inszenierten Putsch gest\u00fcrzt.<\/p>\n<p>Ernesto war erschrocken \u00fcber die geringe Bereitschaft von Arbenz, die Revolution zu verteidigen. Diese Lehre sollte ihn weiterhin begleiten: Wer eine Revolution machen will, muss sich bewaffnen und sich gegen jeden Widerstand durchsetzen. Noch etwas war in Bolivien und Guatemala mit Ernesto Guevara geschehen: Er war Sozialist geworden.<\/p>\n<h4>Kubanische Revolution<\/h4>\n<p>Die CIA und die neuen guatemaltekischen Machthaber verfolgten Che, weil er die revolution\u00e4ren Prozesse in Guatemala unterst\u00fctzt hatte. Seine Flucht endete vorerst in Mexiko. Nach langer Suche arbeitete er im Krankenhaus von Mexiko-Stadt, wo er Bekanntschaft mit einigen Exilkubanern schloss, die den kubanischen Diktator Batista st\u00fcrzen wollten. \u00dcber sie lernte er auch den Kopf der Unternehmung, Fidel Castro, kennen, der ihn schlie\u00dflich zur Teilnahme an einer Guerillakampagne \u00fcberzeugte. Im Dezember 1956 setzten die Guerilleros nach Kuba \u00fcber.<\/p>\n<p>Der ganze Plan schien in einem Fiasko zu enden. Ein von Castro-Anh\u00e4ngern begonnener Aufstand, der die Landung begleiten sollte, wurde noch vor dem Eintreffen der Guerilleros niedergeschlagen. Als diese auf Kuba landeten, wurden sie nach einigen Tagen fast vernichtet und mussten sich in das Gebirge Sierra Maestra zur\u00fcckziehen. In dieser Zeit erhielt Guevara seinen Spitznamen. Da er als Argentinier den in seinem Land \u00fcblichen Ausdruck \u201eChe\u201c gebrauchte, der so viel bedeutet wie \u201eHey\u201c oder auch \u201eHallo\u201c, wurde er von seinen Mitk\u00e4mpfern bald so genannt.<\/p>\n<p>Langsam wandelte sich die Lage zu Gunsten der Revolution\u00e4re. Kubas Diktatur war reif f\u00fcr den Sturz. \u00dcberall brodelte es. Es kam zu Studentenunruhen und Streiks. Politisch waren die daran beteiligten Gruppen sehr heterogen. Auch die von Castro gef\u00fchrte Bewegung des 26. Juli war keineswegs einheitlich und schon gar nicht marxistisch. In einem Interview mit dem argentinischen Reporter Masetti sagte Che hierzu: \u201eFidel ist kein Kommunist. [\u2026] Und derjenige, der am h\u00e4ufigsten des Kommunismus bezichtigt wird, bin eigentlich ich.\u201c<\/p>\n<p>Bis Mitte 1958 errang die Guerilla unter Castro die F\u00fchrung \u00fcber alle oppositionellen Gruppen in Kuba. Vor diesem Hintergrund begann die Schlussoffensive, die von Che gef\u00fchrt wurde. Ende Dezember 1958 nahm seine Kolonne Santa Clara ein. Batista floh am Neujahrstag in die Dominikanische Republik. Daraufhin rief die Bewegung des 26. Juli zum Generalstreik auf, der breite Unterst\u00fctzung fand. Auf den Stra\u00dfen feierten die Massen das Ende der Batista-Diktatur.<\/p>\n<p>Als Castro kubanischer Ministerpr\u00e4sident wurde, wollte er alles andere als eine sozialistische Entwicklung. Er versuchte sich mit den USA auszus\u00f6hnen und versprach, den Besitz US-amerikanischer Firmen nicht anzur\u00fchren.<\/p>\n<p>Doch die Absicht Kubas, nationale Unabh\u00e4ngigkeit zu erreichen, lief den Interessen des US-Kapitals zuwider. Die von der Regierung Castro durchgef\u00fchrte Landreform rief den Widerstand US-amerikanischer Firmen wie der United Fruit Company hervor. Die kubanische Bourgeoisie f\u00fcrchtete um ihren Besitz. Die radikalisierten kubanischen Massen verlangten tiefgreifende Ma\u00dfnahmen. Die Lage spitzte sich zu. Washington stoppte den Import von kubanischem Zucker. Castro sah sich \u2013 unter dem Druck der Massen (und auch auf Dr\u00e4ngen Ches) \u2013 gezwungen, die Verstaatlichung aller ausl\u00e4ndischen Verm\u00f6gen zu legalisieren. Bald darauf wurden kubanische Gro\u00dfunternehmen enteignet.<\/p>\n<h4>Permanente Revolution<\/h4>\n<p>\u201eUnter den gegenw\u00e4rtigen historischen Bedingungen Lateinamerikas kann die nationale Bourgeoisie den antifeudalen und antiimperialistischen Kampf nicht anf\u00fchren. Die Erfahrung zeigt, dass in unseren Nationen die Klasse, auch wenn ihre Interessen zu denen des Yankee-Imperialismus im Widerspruch stehen, unf\u00e4hig gewesen ist, jenem die Stirn zu bieten, paralysiert durch die Angst vor der sozialen Revolution und erschreckt durch die Stimmung der ausgebeuteten Massen\u201c, so beschrieb Che zu dieser Zeit die Situation.<\/p>\n<p>Was sich auf Kuba abspielte, best\u00e4tigte die vom Revolution\u00e4r Leo Trotzki entwickelte (und zun\u00e4chst auf Russland bezogene) Theorie der permanenten Revolution. Die nationale Kapitalistenklasse war historisch gesehen zu sp\u00e4t gekommen, nach den b\u00fcrgerlichen Revolutionen in Frankreich und in anderen L\u00e4ndern. Sie war zu schwach, zudem mit dem ausl\u00e4ndischen Kapital verwoben, von ihm abh\u00e4ngig, ebenso mit der noch existierenden feudalen Klasse. Au\u00dferdem f\u00fcrchtete sie, dass die zahlenm\u00e4\u00dfig zwar kleine, aber gerade in den Gro\u00dfbetrieben potenziell starke Arbeiterklasse von einem revolution\u00e4ren Wandel ermutigt und weitergehen k\u00f6nnte. Daher kann die einheimische Bourgeoisie die F\u00fchrung einer antifeudalen, auf nationale Unabh\u00e4ngigkeit abzielenden Revolution nicht \u00fcbernehmen. Somit m\u00fcssen diese Ziele im Kampf gegen die nationalen Kapitalisten durchgesetzt werden.<\/p>\n<p>Zur \u201ePermanenz\u201c geh\u00f6rt auch, dass die Revolution zwar in einem Land beginnt, aber dabei nicht stehen bleiben darf. Eine sozialistische Insel kann sich nicht auf Dauer halten. Darum ist eine Internationale mit einem klaren marxistischen Programm, verankert in der Arbeiterbewegung, zentral. Ihr kommt die Aufgabe zu, die Erfahrungen im Klassenkampf zu verarbeiten, sozialistische Ideen zu verbreiten und \u00fcber L\u00e4ndergrenzen hinweg aktiv zu sein. Wichtig ist es, in den verschiedenen L\u00e4ndern AktivistInnen zu schulen, die revolution\u00e4re Entwicklungen nutzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h4>Arbeiterklasse<\/h4>\n<p>W\u00e4hrend in Russland 1917 die Arbeiterklasse die Tr\u00e4gerin der Revolution war und \u2013 vor der Stalinisierung \u2013 die Macht durch demokratisch gew\u00e4hlte Sowjets (R\u00e4te) aus\u00fcbte, war es in Kuba gerade mal eine kleine F\u00fchrung, die die Forderung der Massen umsetzte, nicht die Massen selbst. Das Batista-Regime war so schwach, dass es kippte, noch bevor die Arbeiterklasse den Ereignissen ihren Stempel h\u00e4tte aufdr\u00fccken k\u00f6nnen. Dieser Umstand half beim Aufstieg einer Schicht, die Kuba dominierte und von niemandem kontrolliert wurde.<\/p>\n<p>Hier zeigt sich auch die Beschr\u00e4nktheit des Guerillakampfes. Auf dem Land kann dieser ein legitimes Mittel sein. Aber nur als Erg\u00e4nzung, nicht als Ersatz zum Kampf der Arbeiterklasse in den St\u00e4dten. Schlie\u00dflich sind es die ArbeiterInnen, die durch ihre Rolle im Produktionsprozess ganz anders als die Bauernschaft ein kollektives Bewusstsein entwickeln und in gemeinsamen Handlungen das Kapital treffen k\u00f6nnen. Die Arbeiterklasse ist in der Lage, die Wirtschaft und das ganze \u00f6ffentliche Leben lahm zu legen. Gleichzeitig kann sie Strukturen bilden, die erst Kampforgane, dann Organe zur Machteroberung und schlie\u00dflich Organe zum Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft werden k\u00f6nnen. Demgegen\u00fcber ist der Guerillakampf von milit\u00e4rischen Strukturen gepr\u00e4gt, die Stellvertretertum f\u00f6rdern und die Selbstorganisation der Massen erschweren.<\/p>\n<h4>Keine Privilegien<\/h4>\n<p>Che Guevara wurde erst Pr\u00e4sident der kubanischen Nationalbank und sp\u00e4ter Industrieminister. Che lehnte jegliche Privilegien ab. Schon w\u00e4hrend der K\u00e4mpfe in der Sierra Maestra teilte er das Leben seiner Mitk\u00e4mpfer. W\u00e4hrend Castro ab Jahresende 1957 ein vergleichsweise komfortables Quartier mit Plattenspieler und dazugeh\u00f6rigem Koch besa\u00df, schlief Che neben seinen Genossen auf der Erde. Als Industrieminister verzichtete er auf sein Ministergehalt und erhielt nur seine Bez\u00fcge als Commandante. Mit 250 Dollar im Monat hatte er sehr viel weniger in der Tasche als der durchschnittliche kubanische Funktion\u00e4r.<\/p>\n<p>Eines Tages besuchte er mit seiner Tochter Hilda ein Fahrradwerk. Sie fragte immer wieder, ob sie ein Fahrrad bekommen k\u00f6nne. Schlie\u00dflich, am Ende der Inspektion, wollte der Direktor Hilda ein Fahrrad schenken. Che fuhr ihn an, man verschenkt doch kein Volkseigentum!<\/p>\n<p>Che arbeitete rund um die Uhr: Montag bis Sonnabend sa\u00df er im Ministerium. Am Sonntag Vormittag ging er regelm\u00e4\u00dfig zu Arbeitseins\u00e4tzen auf den Bau oder zur Zuckerrohrernte. F\u00fcr seine Familie blieb ihm h\u00e4ufig nur der Sonntag Nachmittag.<\/p>\n<h4>Gegen B\u00fcrokratismus<\/h4>\n<p>Bei seinen Besuchen in der Sowjetunion musste er schmerzlich erkennen, dass die dort regierende b\u00fcrokratische Kaste, die sich w\u00e4hrend der Herrschaft Stalins etabliert hatte, eigene Interessen verfolgte. Ihr ging es nicht darum, die Revolution voranzubringen und den Sozialismus aufzubauen, sondern darum, die eigenen Privilegien zu sichern. Zu seinem Freund Padilla sagte Che: \u201eIch wei\u00df, dass es ein Schweinestall ist; ich habe es selber gesehen.\u201c<\/p>\n<p>Im April 1963 verfasste Che Guevara in Sorge \u00fcber die Prozesse in Kuba einen w\u00fctenden Artikel unter dem Titel: \u201eGegen den B\u00fcrokratismus\u201c und bemerkte darin: \u201eDer B\u00fcrokratismus ist der Strohhalm f\u00fcr jenen Funktion\u00e4rstyp, der seine Probleme auf welche Weise auch immer aus der Welt schaffen will.\u201c Zwar las er auch Leo Trotzki, der neben Lenin der f\u00fchrende Kopf der Russischen Revolution gewesen war und als Marxist den Kampf gegen den Stalinismus aufgenommen hatte. Trotzki hatte analysiert, wie eine B\u00fcrokratie entsteht und ein Programm zum Sturz dieser herrschenden Clique entwickelt. Che verinnerlichte diese Gedanken jedoch nicht. Seine Ideen zum Kampf gegen die B\u00fcrokratie blieben in Ans\u00e4tzen stecken. Anders als bei Trotzki sollte bei Che die Arbeiterklasse nur reagieren, auf die Beschl\u00fcsse der F\u00fchrung. Ches ganzer Kampf gegen den B\u00fcrokratismus baute, neben einer noch st\u00e4rkeren Kontrolle von oben, auf einer umfassenden Bildung auf (was v\u00f6llig richtig ist) und der Schaffung des \u201eneuen Menschen\u201c, des unbestechlichen, fehlerlosen Kaders, der mit dem Volk verwachsen ist. Der sollte durch die F\u00fchrung aus der Masse herausgefiltert werden \u2013 doch eben diese F\u00fchrung hatte sich bereits zum gro\u00dfen Teil b\u00fcrokratisiert. Somit hatte sie auch kein Interesse, Ches Kader auszuw\u00e4hlen. Ches Programm gegen den B\u00fcrokratismus war somit zum Scheitern verurteilt.<\/p>\n<p>\u201eIn der Folge bot sein Industrieministerium Asyl f\u00fcr Opfer sowohl der dogmatischen Altkommunisten als auch der S\u00e4uberungsaktionen Fidels\u201c, wie Jon Lee Anderson in seiner Che-Biografie berichtete. In Ches Ministerium sammelte er zahlreiche Revolution\u00e4re, die von den b\u00fcrokratischen S\u00e4uberungen auf Kuba bedroht waren. Zu ihnen z\u00e4hlten der ehemalige Informationsminister Enrique Oltuski, sowie die Dichter Herbert Padilla und Alberto Mora, der sich nach Ches Weggang aus Kuba, unter dem Druck der B\u00fcrokratie stehend, das Leben nahm.<\/p>\n<p>Immer heftiger stie\u00df Che mit der B\u00fcrokratie auf Kuba und der herrschenden Clique im Ostblock zusammen. Kiwa Maidanek, in den sechziger Jahren Lateinamerika-Experte der KPdSU, bezeichnete Che Guevara als einen \u201eAbenteurer, Parteig\u00e4nger der Chinesen und Trotzkist\u201c. Tats\u00e4chlich war er weder das eine, noch das andere, obwohl er Trotzkis Ideen vor kubanischen StudentInnen lobte.<\/p>\n<p>Aus Sicht des Kreml \u00fcberspannte er im Februar 1965 bei einer Rede zu \u201eWirtschaft und Au\u00dfenhandel in der heutigen Welt\u201c in der algerischen Hauptstadt Algier den Bogen. Moskau hatte kein Interesse an revolution\u00e4ren Bewegungen international. Schlie\u00dflich h\u00e4tte ein erfolgreicher Sturz des Kapitalismus unter F\u00fchrung der Arbeiterklasse den Weg Richtung sozialistischer Demokratie weisen k\u00f6nnen. Das w\u00e4re eine direkte Herausforderung der stalinistischen Ein-Parteien-Regime gewesen. Deshalb gab der Kreml zwar immer wieder Gelder f\u00fcr Befreiungsbewegungen in der \u201eDritten Welt\u201c, arbeitete aber stets auf die Unterordnung gegen\u00fcber b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4ften hin. Dazu Che: \u201eWenn wir dieser Art Beziehung zwischen den beiden Gruppen von Nationen zustimmen, m\u00fcssen wir uns dar\u00fcber klar sein, dass die sozialistischen L\u00e4nder sich in gewisser Weise zu Komplizen der imperialistischen Ausbeutung machen.\u201c Als Folge f\u00fcr diese Worte verlangte der sowjetische Botschafter auf Kuba, Che Guevara endlich zum Schweigen zu bringen.<\/p>\n<h4>Kongo<\/h4>\n<p>Der B\u00fcrokratisierungsprozess auf Kuba, der Druck der herrschenden Clique auf Che und nicht zuletzt Castros Haltung, der Che Guevaras harte Kritik an der UdSSR als kontraproduktiv ansah, lie\u00dfen in Che den Entschluss reifen, von Kuba wegzugehen.<\/p>\n<p>Als Castro Che bat, kubanische Truppen im Kongo zu befehligen, musste er ihn nicht lange \u00fcberzeugen. Che reiste inkognito in den Kongo, um an der Spitze der kubanischen Soldaten die kongolesischen Guerilleros unter Kabila auszubilden. Diese hatten nach der Ermordung des kongolesischen Ministerpr\u00e4sidenten Patrice Lumumba durch den CIA den Kampf aufgenommen.<\/p>\n<p>Che war entsetzt von der Situation, die er vorfand. Die F\u00fchrer der Revolution waren nicht nur hoffnungslos zerstritten, sie reisten zudem mit prall gef\u00fclltem Geldbeutel in alle Herren L\u00e4nder und lie\u00dfen die im Kongo k\u00e4mpfenden Guerilleros im Stich. Diese pl\u00fcnderten ihrerseits die Bauern aus, statt sie vor den Regierungstruppen zu sch\u00fctzen und misshandelten Gefangene.<\/p>\n<p>Die Folge all dessen war die Niederlage der kongolesischen Revolution. Ches Lehren aus diesem Debakel waren h\u00f6chst widerspr\u00fcchlich. Er erkannte sehr viel mehr als fr\u00fcher die Notwendigkeit, den Marxismus in der Bev\u00f6lkerung zu verankern. \u201eDaraus ergibt sich, als wichtigste Aufgabe [\u2026] der Aufbau einer Revolutionspartei auf nationaler Ebene mit im Volk verankerten Zielen und anerkannten Kadern.\u201c Doch die Arbeiterklasse wird seiner Meinung nach in diesem Prozess nur eine zweitrangige Rolle spielen, schlie\u00dflich sei sie im Gegensatz zu den Bauern \u201edurch die kleinen Bequemlichkeiten der Zivilisation\u201c von der Bourgeoisie korrumpiert.<\/p>\n<h4>Bolivien<\/h4>\n<p>Nach der Niederlage der kongolesischen Revolution wandte sich Che Guevara wieder dem Kontinent zu, auf dem seiner Meinung nach die schwerste Schlacht ausgefochten werden wird: Lateinamerika. Von Bolivien aus wollte er ein \u00dcbergreifen des revolution\u00e4ren Krieges in die angrenzenden L\u00e4nder wie Peru und Argentinien organisieren. Doch es kam zum Desaster.<\/p>\n<p>Im April 1967 wurden die Guerilleros auf ihrer Hacienda entdeckt. Kurze Zeit sp\u00e4ter musste Che einen Teil seiner Leute zur\u00fccklassen, da sie erkrankt waren, unter ihnen auch die aus der DDR stammende Tamara Bunke. Die Trennung sollte nur ein paar Tage dauern und erm\u00f6glichen, den Hauptteil der Guerilla-Streitmacht in Bewegung zu halten und dem bolivianischen Milit\u00e4r auszuweichen. Doch die beiden Einheiten begegneten sich nie wieder. Am 31. August wurden die versprengten Guerilleros gefunden und in einem Gefecht get\u00f6tet.<\/p>\n<p>Anfangs gelang es Che Guevara noch, dem Milit\u00e4r teils schwere Niederlagen beizubringen. Unterdessen hatten Gefangene dem bolivianischen Geheimdienst gegen\u00fcber erkl\u00e4rt, dass Che die Guerilleros f\u00fchrt. Sofort wurde die Jagd auf die Einheit verst\u00e4rkt. US-amerikanische Rangers trafen ein, um das bolivianische Milit\u00e4r auszubilden. CIA-Agenten unterst\u00fctzten die Suche nach den Guerilleros.<\/p>\n<p>Viel schwerer wirkte sich jedoch die Haltung der Bauern aus. In der Revolution 1953 wurde eine umfangreiche Landreform durchgef\u00fchrt. Das machte die Bauern weniger empf\u00e4nglich, einen Guerillakampf zu unterst\u00fctzen. Beim Eintreffen der Revolution\u00e4re flohen sie teilweise sogar aus ihren D\u00f6rfern. Ches Konzeption von einer \u201eBauernrevolution\u201c r\u00e4chte sich nun bitter. Von den bolivianischen ArbeiterInnen und ihrer gro\u00dfen revolution\u00e4ren Tradition isoliert, erreichte er diese nicht, w\u00e4hrend die Bauern sich auch nicht einreihen wollten.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich kreiste das bolivianische Milit\u00e4r ihn am 8. Oktober ein, vernichtete seine Truppe vollst\u00e4ndig, nahm ihn gefangen und ermordete ihn.<\/p>\n<h4>Ches Verm\u00e4chtnis<\/h4>\n<p>Che Guevaras kompromissloser Einsatz gegen Unterdr\u00fcckung und seine Opferbereitschaft geben heute noch all denen Kraft, die den Kampf f\u00fcr eine bessere, eine sozialistische Gesellschaft f\u00fchren wollen. Bei Protesten in Lateinamerika malen Jugendliche immer noch Graffitis an die W\u00e4nde: \u201eChe vive \u2013 Che lebt\u201c. Ches Ablehnung von B\u00fcrokratie und Privilegien, sein Internationalismus und sein Engagement f\u00fcr den Sozialismus bieten nach wie vor Inspiration.<\/p>\n<p>Es ist in Ches Sinne, sich kritisch mit seinen Ideen und seiner Politik auseinander zu setzen. Schlie\u00dflich hatte er selber sein Leben lang versucht, politisch weiterzukommen, hatte sich mit anderen Positionen besch\u00e4ftigt. Immer darauf aus, den Kampf f\u00fcr eine sozialistische Welt zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p>So richtig es ist, jede sich bietende Chance f\u00fcr eine revolution\u00e4re Ver\u00e4nderung k\u00fchn zu ergreifen, so n\u00f6tig ist es auch, die jeweiligen Bedingungen zu ber\u00fccksichtigen und sich in der arbeitenden Bev\u00f6lkerung zu verankern. Diese Erkenntnis ergibt sich aus den Resultaten von Ches Handeln, zuletzt in Bolivien.<\/p>\n<p>Bolivien f\u00fchrte vor Augen, dass er mit seiner Orientierung auf die Bauernschaft als Tr\u00e4gerin der Revolution falsch lag. Den Bauern f\u00e4llt es auf Grund ihrer Lebens- und Arbeitsverh\u00e4ltnisse viel schwerer als der Arbeiterklasse, ein kollektives Bewusstsein zu erlangen. Demgegen\u00fcber zeigte die Russische Revolution, dass die Arbeiterklasse im B\u00fcndnis mit den Bauern die F\u00fchrung \u00fcbernehmen kann, selbst wenn sie eine Minderheit, (in dem Fall zehn Prozent der Bev\u00f6lkerung), darstellt. Russland bewies auch, dass eine von den Lohnabh\u00e4ngigen getragene Revolution die M\u00f6glichkeit daf\u00fcr bietet, dass die unterdr\u00fcckten Massen ihre eigenen Organe schaffen und damit den Grundstein f\u00fcr eine sozialistische Demokratie legen k\u00f6nnen. Auf Grund der R\u00fcckst\u00e4ndigkeit und Isolation Russlands lie\u00df sich das damals tragischerweise nicht verteidigen. Es kam zum Stalinismus.<\/p>\n<p>Kuba unterstreicht die \u00dcberlegenheit von Verstaatlichung und Planwirtschaft. Im Vergleich zu anderen unterentwickelten L\u00e4ndern, die kapitalistisch blieben, kam es in Kuba zu bedeutenden sozialen Verbesserungen. Aber leider fehlte es an einer Arbeiterdemokratie. Das f\u00f6rderte die wirtschaftlichen Probleme Kubas. In Kuba sind einschneidende Ver\u00e4nderungen n\u00f6tig, nicht bei den Produktions- und Eigentumsverh\u00e4ltnissen, aber im politischen \u00dcberbau. B\u00fcrokratismus und Privilegien m\u00fcssen beseitigt werden. Auf allen Ebenen muss die arbeitende Bev\u00f6lkerung das Sagen haben \u2013 \u00fcber demokratische Diskussions- und Entscheidungsorgane, ob diese nun R\u00e4te oder anders hei\u00dfen. Che ahnte dies alles und wollte sich vor seiner Ermordung intensiver mit den Schriften Trotzkis befassen. Aber er war in seinen Schlussfolgerungen nicht so konsequent wie Trotzki, der ein Programm gegen den Stalinismus und f\u00fcr die sozialistische Demokratie entwickelte \u2013 das auch heute nichts von seiner G\u00fcltigkeit eingeb\u00fc\u00dft hat.<\/p>\n<p><em>Steve Hollasky ist Mitglied des SAV-Bundesvorstandes<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum 50. Todestag<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":23522,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[90],"tags":[998,999,996],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35275"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=35275"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35275\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":35276,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35275\/revisions\/35276"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/23522"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=35275"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=35275"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=35275"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}