{"id":35165,"date":"2017-08-21T15:11:45","date_gmt":"2017-08-21T13:11:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=35165"},"modified":"2017-08-21T15:11:45","modified_gmt":"2017-08-21T13:11:45","slug":"77-jahrestag-der-ermordung-leo-trotzkis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2017\/08\/77-jahrestag-der-ermordung-leo-trotzkis\/","title":{"rendered":"77. Jahrestag der Ermordung Leo Trotzkis"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/trotzki.gif\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-482\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/trotzki.gif\" alt=\"\" width=\"75\" height=\"93\" \/><\/a>Ein Leben f\u00fcr die Befreiung der Arbeiterklasse \/ <a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/2010\/08\/13822\/\">Repost eines Artikel der 2010 erschien<\/a><\/strong><\/p>\n<p>Verleumdet, von allen \u00c4mtern enthoben und aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen, verfolgt, verbannt und in Abwesenheit bei den Moskauer Schauprozessen zum Tode verurteilt, wurde Leo Trotzki vor 70 Jahren, am 20. August 1940, von Stalins Geheimagenten Ram\u00f3n Mercader in Mexiko ermordet. W\u00e4re es nach dem Willen der Stalinisten gegangen, so w\u00e4re der Name \u201eTrotzki\u201c aus dem Ged\u00e4chtnis der Menschheit gel\u00f6scht worden. Doch trotz Geschichtsf\u00e4lschung, Publikationsverboten und Repression gelang dies nie.<\/p>\n<p>Denn Trotzkis Name war und ist nicht nur untrennbar mit der russischen Oktoberrevolution, der ersten erfolgreichen sozialistischen Revolution der Geschichte, verbunden, sondern auch mit dem Kampf gegen die Stalinisierung der Sowjetunion und der Kommunistischen Internationale.<\/p>\n<p>Ab 1923 war dies Trotzkis wichtigster Kampf, den er bis an sein Lebensende entschlossen f\u00fchrte. Dieser Artikel wirft einen Blick auf ein Leben, das wie kein anderes von dramatischen K\u00e4mpfen gepr\u00e4gt war, und fasst die wichtigsten politischen Ideen Leo Trotzkis zusammen. Dieser konnte gro\u00dfe Erfolge feiern und musste schwerste Niederlagen hinnehmen, die ihn jedoch niemals in seiner Zuversicht auf eine sozialistische Zukunft ersch\u00fctterten.<\/p>\n<p><em>von Sebastian F\u00f6rster<\/em><\/p>\n<p>Leo Trotzki, dessen wirklicher Name Lew Dawidowitsch Bronstein war, wurde am 26. Oktober 1879 (nach gregorianischem Kalender, 7. November nach heutigem Kalender) in dem ukrainischen Ort Janowka geboren. Er wuchs in einem j\u00fcdischen Elternhaus auf, das einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb besa\u00df.<\/p>\n<p>In seiner fr\u00fchen Jugend entwickelte Trotzki seine ersten politischen Gedanken und wurde von einem radikaldemokratischen Oppositionellen zum Narodnik (russisch: Volkst\u00fcmler). Die Narodniki waren eine sozialrevolution\u00e4re Bewegung, die von russischen Intellektuellen angef\u00fchrt wurde, auf den Terrorismus setzte und in der Bauernschaft die entscheidende soziale Kraft f\u00fcr eine revolution\u00e4re Ver\u00e4nderung der Gesellschaft sah.<\/p>\n<p>Als er sich 1896 einem politischen Diskussionskreis in Odessa anschloss, traf der junge Volkst\u00fcmler auf die sieben Jahre \u00e4ltere Marxistin Alexandra Sokolowskaja, mit der er sich lange und heftige Wortgefechte lieferte. Sokolowskaja argumentierte f\u00fcr den Marxismus und gegen die Vorstellungen der Narodniki und konnte ihn schlie\u00dflich \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p>Mit Anderen zusammen gr\u00fcndete Leo Trotzki 1897 den illegalen S\u00fcdrussischen Arbeiterbund, wo er vor allem mit betriebsbezogener Arbeit seine ersten Erfahrungen als Propagandist sammeln konnte.<\/p>\n<h4>Fr\u00fche Arbeit in der Arbeiterbewegung<\/h4>\n<p>Ein Jahr sp\u00e4ter zerschlug die zaristische Polizei den Arbeiterbund. Trotzki wurde festgenommen, in Isolationshaft gesteckt und 1900 in die sibirische Ein\u00f6de verbannt. Der junge Sozialist lie\u00df diese Jahre allerdings nicht ungenutzt, sondern studierte Philosophen wie Kant oder Voltaire und besch\u00e4ftigte sich ausgiebig mit der marxistischen Weltanschauung, vor allem dem historischen und dialektischen Materialismus. Unter dem Pseudonym \u201edie Feder\u201c erlangte er als Autor verschiedener Schriften einen hohen Bekanntheitsgrad in der jungen russischen Arbeiterbewegung.<\/p>\n<p>In Sibirien heiratete er Alexandra Sokolowskaja. Die gemeinsame Ehe war von kurzer Dauer: schon 1902 verlie\u00df er Alexandra und ihre zwei gemeinsamen T\u00f6chter, um sich ganz der revolution\u00e4ren Arbeit zu widmen. Er floh aus der sibirischen Steppe und nahm \u2013 seinem Hang zur Ironie folgend \u2013 den Namen des Oberaufsehers in dem Gef\u00e4ngnis in Odessa an: Trotzki.<\/p>\n<p>Seine Reise f\u00fchrte ihn fast um den halben Erdball: nach London, wo sich zu dieser Zeit die Zentrale der sozialistischen Zeitung Iskra befand, die damals das Zentralorgan der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands(SDAPR) war.<\/p>\n<p>\u201eDie Feder\u201c wurde Mitarbeiter der Iskra. Als deren Vertreter reiste er durch Europa um Spendengelder zu beschaffen. Hier lernte er Natalia Sedowa kennen, die seine zweite Ehefrau wurde und ihn bis an sein Lebensende begleitete.<\/p>\n<h4>Spaltung der SDAPR in Bolschewiki und Menschewiki<\/h4>\n<p>Schon bald geriet der 22j\u00e4hrige Trotzki zwischen die Fronten der Partei. Der II. Parteikongress, der 1903 in der britischen Hauptstadt stattfand, f\u00fchrte zur pl\u00f6tzlichen Spaltung der SDAPR. Die Bolschewiki (Mehrheitler) mit Lenin an der Spitze und die Menschewiki (Minderheitler) um Martow zerstritten sich zutiefst dar\u00fcber, welchen Charakter die Parteiorganisation haben sollte. Lenin griff die Minderheitler scharf an und trat f\u00fcr eine streng zentralisierte Partei von Berufsrevolution\u00e4ren ein, die gesch\u00fctzt vor der Verfolgung des zaristischen Regimes aus dem Untergrund heraus agieren sollte. Die Minderheit des Kongresses, die Menschewiki, stellten diesem Konzept die Idee einer Partei entgegen, die f\u00fcr alle Interessierten offen stehen sollte.<\/p>\n<p>Trotzki, w\u00fctend und voller Unverst\u00e4ndnis \u00fcber das in seinen Augen r\u00fccksichtslose Verhalten Lenins, wandte sich nun gegen diesen und ging (zu seinem sp\u00e4teren Bedauern) mit der geschlagenen Fraktion der Menschewiki. Er bef\u00fcrchtete ein undemokratisches, \u00fcberzentralistisches Parteiregime. Er erkannte nicht, dass dieser Konflikt \u00fcber Fragen der Parteiorganisation Ausdruck unterschiedlicher politischer Linien war, die in den darauf folgenden Jahren deutlich werden sollten. Die Menschewiki wurden zu einer reformistischen, sozialdemokratischen Partei, w\u00e4hrend die Bolschewiki am revolution\u00e4ren und internationalistischen Marxismus festhielten und 1917 zur Kommunistischen Partei wurden.<\/p>\n<p>Lange verfolgte Leo Trotzki die Idee, die beiden Fl\u00fcgel wieder zusammenzubringen, je weiter sich die Menschewiki jedoch nach Rechts entwickelten, je weiter entfernte sich auch Trotzki von ihnen. Er sollte mehr und mehr zum fraktionslosen Einzelg\u00e4nger in der SDAPR werden, der zwar mit seinem Verst\u00e4ndnis der revolution\u00e4ren Taktik mehr Schnittmengen mit den Bolschewiki hatte, daraus jedoch noch bis 1917 nicht die Schlussfolgerung zog, sich Lenins Organisation anzuschlie\u00dfen.<\/p>\n<h4>Russische Revolution 1905<\/h4>\n<p>1904 entbrannte ein heftiger Konflikt zwischen dem russischen Zarenreich und Japan um Kolonien in der chinesischen Mandschurei, der zu dem russisch-japanische Krieg und einem v\u00f6lligen Debakel der russischen Armee f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Eine massive wirtschaftliche und soziale Krise ersch\u00fctterte Russland. Aufst\u00e4nde und Streiks gegen das Zarenregime brachen aus, das mit voller H\u00e4rte gegen die Rebellion vorging. Als am 22. Januar 1905 200.000 streikende ArbeiterInnen in der russischen Hauptstadt St. Petersburg in einem friedlichen Protestzug zum Winterpalais marschierten, lie\u00df der Zar auf die Menge schie\u00dfen. Dieser Tag ging als der Petersburger Blutsonntag in die russische Geschichte ein. Der Tod von eintausend DemonstrantInnen war der Funke, der das Pulverfass aus Wut und Hass gegen den Despoten zur Explosion brachte. Massenstreiks erfassten nun alle St\u00e4dte Russlands, die Eisenbahner legten die Verkehrswege lahm und es gab spontane Enteignungen der Gro\u00dfgrundbesitzer durch die hungernde Landbev\u00f6lkerung. Die Arbeiterklasse betrat als treibende Kraft der Revolution die B\u00fchne der Geschichte, und die Regierung verlor zunehmend die Kontrolle \u00fcber die Situation.<\/p>\n<p>In St. Petersburg lebten etwa eine halbe Millionen ArbeiterInnen. Hier bildete sich auf Initiative der Menschewiki ein Arbeiterrat (Sowjet). Als Rat von jederzeit abw\u00e4hlbaren Delegierten aus den Betrieben vertrat er das st\u00e4dtische Proletariat. Trotzki, der im Februar 1905 in Russland ankam, wurde im Verlauf der Revolution zum Vorsitzenden des St. Petersburger Sowjets gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Die Sowjets breiteten sich als Organe der Revolution auch auf andere St\u00e4dte Russlands aus und kontrollierten einen betr\u00e4chtlichen Teil des \u00f6ffentlichen Lebens.<\/p>\n<p>Mit Zugest\u00e4ndnissen und milit\u00e4rischer Gewalt versuchte der Zar die Bewegung zu stoppen. Fast zwei Jahre waren notwendig um die Revolution niederzuschlagen. F\u00fcr die russische Arbeiterklasse sollte die Revolution von 1905 die Generalprobe f\u00fcr die Oktoberrevolution zw\u00f6lf Jahre sp\u00e4ter sein. Trotzki wurde abermals verhaftet, es gelang ihm jedoch erneut, ins ausl\u00e4ndische Exil zu fl\u00fcchten.<\/p>\n<h4>Permanente Revolution<\/h4>\n<p>Inspiriert durch die Erlebnisse der Revolution, aber auch den Austausch mit Alexander Parvus (einem ebenfalls aus der N\u00e4he von Odessa stammenden Sozialdemokraten) entwickelte Leo Trotzki die \u201eTheorie der Permanenten Revolution\u201c, die er 1906 in seiner Brosch\u00fcre \u201eErgebnisse und Perspektiven\u201c darlegte.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund der 1905 gemachten Erfahrungen analysierte er die neue objektive Situation in der Gesellschaft, das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis zwischen den Klassen und leitete daraus Perspektiven f\u00fcr die Weltrevolution ab.<\/p>\n<p>Grundlage der Theorie der Permanenten Revolution ist die Erkenntnis, dass in L\u00e4ndern mit versp\u00e4teter kapitalistischer Entwicklung, wie dem zaristischen Russland, die nationale kapitalistische Klasse zu schwach ist, um wie in Frankreich oder England im 17. und 18. Jahrhundert eine fortschrittliche Rolle zu spielen, die Gesellschaft aus der Dunkelheit des Feudalismus zu rei\u00dfen und die b\u00fcrgerliche Revolution durchzuf\u00fchren. Wie die Geschichte sp\u00e4ter zeigen sollte, waren die B\u00fcrgerlichen in Russland tats\u00e4chlich unf\u00e4hig, dem Adel und Gro\u00dfgrundbesitzern die Macht abzutrotzen, die Landverteilung zu kl\u00e4ren, eine b\u00fcrgerliche Demokratie zu etablieren und die nationale Frage zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Leo Trotzki stellte mit der Theorie der Permanenten Revolution heraus, dass nur die st\u00e4dtische Arbeiterklasse aufgrund ihres revolution\u00e4ren Potentials und ihrer bedeutenden Stellung im Produktionsprozess diese fortschrittliche Rolle spielen und \u2013 als F\u00fchrung der zahlenm\u00e4\u00dfig weitaus gr\u00f6\u00dferen Klasse der B\u00e4uerInnen \u2013 die Revolution leiten kann.<\/p>\n<p>In der sozialdemokratischen Bewegung dieser Zeit war es eine weit verbreitete Auffassung, dass mit einer gesellschaftlichen Umw\u00e4lzung die kapitalistische Klasse die Macht \u00fcbernehmen und den Kapitalismus festigen sollte. Erst dann \u2013 so die Annahme Vieler \u2013 w\u00fcrden die wirtschaftlichen und sozialen Voraussetzungen f\u00fcr den Sozialismus geschaffen (wie es bereits in den weiter fortgeschrittenen \u00d6konomien der Welt der Fall war). Trotzki erkl\u00e4rte hingegen nicht nur, dass nur die Arbeiterklasse die Aufgaben der b\u00fcrgerlichen Revolution l\u00f6sen k\u00f6nne, sondern auch, dass \u2013 wenn die Arbeiterklasse die Macht in einem unterentwickelten Land erst einmal errungen habe \u2013 sie wegen der Schw\u00e4che der B\u00fcrgerlichen gar nicht anders k\u00f6nnte, als mit der sozialistischen Umwandlung des Eigentums zu beginnen, um die demokratischen Aufgaben der b\u00fcrgerlichen Revolution zu erf\u00fcllen. In diesem Sinne also ist die Revolution \u201epermanent\u201c und \u201eununterbrochen\u201c, weil sie weiter geht als die b\u00fcrgerliche Revolution. Auch Marx hatte die \u201eRevolution in Permanenz\u201c diskutiert, Trotzki entwickelte diese Frage jedoch weiter.<\/p>\n<p>Neu in der politischen Landschaft waren seine Analysen, die besagten, dass die sozialistische Revolution in Russland ihren Anfang finden sollte und wie sich die Weltgeschichte durch die kommende russische Revolution weiter entwickeln sollte.<\/p>\n<p>Wie Leo Trotzki unterstrich, kann die sozialistische Umwandlung nur Erfolg haben, wenn ihr weitere erfolgreiche Arbeiterrevolutionen (auch in den entwickelteren L\u00e4ndern) folgen: \u201eSollte sich das russische Proletariat an der Macht befinden, wenn auch nur infolge eines zeitweiligen Aufschwungs unserer b\u00fcrgerlichen Revolution, so wird es der organisierten Feindschaft seitens der Weltreaktion und der Bereitschaft zu organisierter Unterst\u00fctzung seitens des Weltproletariats gegen\u00fcberstehen.\u201c Der Arbeiterklasse in Russland, so der Autor, \u201ewird nichts anderes \u00fcbrig bleiben, als das Schicksal ihrer politischen Herrschaft und folglich das Schicksal der gesamten russischen Revolution mit dem Schicksal der sozialistischen Revolution in Europa zu verkn\u00fcpfen.\u201c (Trotzki, Ergebnisse und Perspektiven, Frankfurt\/M. 1967, S. 119f.)<\/p>\n<h4>Der Erste Weltkrieg und die Russische Revolution 1917<\/h4>\n<p>Schon bald sollten sich Trotzkis Perspektiven best\u00e4tigen. Der Ersten Weltkrieg spitzte die Lage in Russland zu. Hunger, Streiks in Betrieben, Unruhen auf dem Lande und Meuterei bei Soldaten und Matrosen \u2013 erneut brach eine revolution\u00e4re Periode an. Unter den f\u00fchrenden kriegstreibenden Nationen war Russland das Land, in dem die herrschende Klasse am schw\u00e4chsten und r\u00fcckst\u00e4ndigsten war. Die Kette des Imperialismus, der die Welt in seinem W\u00fcrgegriff hielt, brach an ihrem schw\u00e4chsten Glied.<\/p>\n<p>Im Februar 1917 begann die Revolution, die der Zarenherrschaft ein schnelles Ende bereitete. Wieder bildeten sich Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te, die neben der Duma, dem russischen Parlament, ein selbst\u00e4ndiger Machtfaktor wurden. So entwickelte sich eine Periode der Doppelherrschaft zwischen b\u00fcrgerlichen und proletarischen Machtorganen.<\/p>\n<p>Die Provisorische Regierung setzte sich zuerst vor allem aus den b\u00fcrgerlichen Konstitutionellen Demokraten (KD) und Sozialrevolution\u00e4ren zusammen, sp\u00e4ter wurden noch die reformistischen Menschewiki miteinbezogen. Diese b\u00fcrgerliche Regierung war v\u00f6llig au\u00dferstande, die Forderungen der Massen nach Land, Brot und Frieden zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Aus dem Exil kam Leo Trotzki wegen einer kurzen Internierung erst im Mai in St. Petersburg an, einen Monat nach Lenin. Dieser rief zur Macht\u00fcbernahme durch die Arbeiterklasse auf und musste sich zu dieser Zeit von Kritikern in der bolschewistischen Partei die Beschuldigung anh\u00f6ren, er habe vor Trotzkis Perspektiven (und der Theorie der Permanenten Revolution) kapituliert. Tats\u00e4chlich war Lenin zu politischen Schlussfolgerungen gekommen, die Trotzkis Perspektive entsprachen, w\u00e4hrend Trotzki sich von der Richtigkeit des bolschewistischen Organisationsverst\u00e4ndnisses \u00fcberzeugt hatte. Er schloss sich Lenin und den Bolschewiki an und wurde umgehend in das Zentralkomitee der Partei gew\u00e4hlt. Im Oktober wurde er erneut Vorsitzender des Petrograder (St. Petersburg war umbenannt worden) Sowjets und forderte die unf\u00e4hige Provisorische Regierung zum R\u00fccktritt auf.<\/p>\n<p>Durch ihre konsequente Politik im Interesse der Arbeiterklasse und armen Bauernschaft und ihrer Weigerung, die Provisorische Regierung politisch zu unterst\u00fctzen und die Fortsetzung des Krieges zu rechtfertigen, hatten die Bolschewiki innerhalb weniger Monate die Mehrheit in den Sowjets erlangt. Auf dieser Basis gingen sie im Oktober an die Organisierung des bewaffneten Aufstands zum Sturz der Regierung und der Macht\u00fcbernahme durch die Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te.<\/p>\n<p>Als Organisator des revolution\u00e4ren St. Petersburger Milit\u00e4rkomitees dirigierte Trotzki \u00fcber Nacht die weitgehend friedliche Macht\u00fcbernahme in der Hauptstadt. Im Namen des Milit\u00e4rkomitees konnte Trotzki schlie\u00dflich feierlich erkl\u00e4ren, dass die Provisorische Regierung nicht mehr existiere. Alle Macht sollte nun von den Sowjets ausgehen.<\/p>\n<p>Leo Trotzki, von Zeitzeugen wie dem amerikanischen Journalisten John Reed als der popul\u00e4rste Redner der Revolution bezeichnet, wurde in die neue Regierung, dem Rat der Volkskommissare gew\u00e4hlt, als Volkskommissar f\u00fcr \u00e4u\u00dfere Angelegenheiten ernannt und mit den Friedensverhandlungen mit Deutschland und \u00d6sterreich-Ungarn betraut. In dem Bewusstsein, dass der weitere Verlauf der Revolution nun vor allem von dem Kampf der europ\u00e4ischen Arbeiterklasse abhing, nutzte er die Verhandlungen als B\u00fchne f\u00fcr die Agitation und Propaganda an die internationale Arbeiterklasse.<\/p>\n<h4>Der Russische B\u00fcrgerkrieg<\/h4>\n<p>Die Revolution im Ausland lie\u00df allerdings noch auf sich warten. In Brest-Litowsk musste die russische Delegation schlie\u00dflich einen Friedensvertrag unterzeichnen, der dem jungen Sowjetstaat empfindliche Zugest\u00e4ndnisse abverlangte.<\/p>\n<p>Doch damit nicht genug. Die Anh\u00e4nger des alten Zarenregimes (die \u201eWei\u00dfen\u201c) bereiteten die Konterrevolution vor und st\u00fcrzten das Land 1918 in einen heftigen B\u00fcrgerkrieg. Unterst\u00fctzt wurden sie von den alliierten kapitalistischen Staaten, die den wei\u00dfen Gener\u00e4len Kriegsmaterial und 50.000 Soldaten zur Verf\u00fcgung stellten. Ihr Ziel war es, an Russland ein Exempel zu statuieren und den ersten Arbeiterstaat der Geschichte dem Erdboden gleich zu machen.<\/p>\n<p>Leo Trotzki \u2013 der bereits als Organisator des Oktoberaufstands sein milit\u00e4risches Talent bewiesen hatte \u2013 wurde damit betraut schnell eine Rote Armee aufzubauen. Gebot der Stunde war es, die Reaktion zur\u00fcck zuschlagen und die Sowjetrepublik der ArbeiterInnen und B\u00e4uerInnen zu verteidigen. In einem gepanzerten Zug fuhr der neue Kriegskommissar stets von einer Frontlinie zur anderen, um gemeinsam mit den roten Truppen zu k\u00e4mpfen, aber auch um mit sozialistischer Propaganda die Moral und \u00dcberzeugung der Soldaten zu st\u00e4rken, die durch die vielen Jahre der Entbehrungen w\u00e4hrend des Ersten Weltkrieges kampfm\u00fcde waren. Es sollte bis 1921 dauern die wei\u00dfen Garden und die Alliierten zur\u00fcck zuschlagen.<\/p>\n<p>Die Revolutionen in den wirtschaftlich weiter entwickelten L\u00e4ndern Deutschland und \u00d6sterreich-Ungarn, auf die Lenin und Trotzki gro\u00dfe Hoffnung setzten, schlugen wegen des Verrats der dortigen Sozialdemokratischen Parteien 1919 fehl. Die Jahre des Krieges, des Hungers und der Seuchen hatten der russischen Bev\u00f6lkerung hart zugesetzt; nun sollte der Arbeiterstaat, der nur \u00fcber eine sehr gering entwickelte \u00d6konomie verf\u00fcgte, auch noch international isoliert bleiben.<\/p>\n<h4>Trotzkis Kampf gegen Stalinismus<\/h4>\n<p>Der B\u00fcrgerkrieg schw\u00e4chte den jungen Arbeiterstaat und die demokratische Machtaus\u00fcbung der Arbeiterklasse. Zur Verteidigung der Revolution wurde dem Sieg im B\u00fcrgerkrieg alles untergeordnet. Die R\u00e4te konnten angesichts einer reduzierten Industrieproduktion und der Tatsache, dass viele ArbeiterInnen an die Front gingen, ein Eigenleben kaum aufrechterhalten. Die Kommunistische Partei ersetzte mehr und mehr die Funktion der R\u00e4te. Zu Lebzeiten Lenins war dies jedoch immer als vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen verstanden worden.<\/p>\n<p>Doch die wirtschaftliche und kulturelle R\u00fcckst\u00e4ndigkeit, die Folgen von Welt- und B\u00fcrgerkrieg und vor allem die Isolierung des jungen Arbeiterstaates schufen Voraussetzungen f\u00fcr den Aufstieg des Stalinismus.<\/p>\n<p>Eine privilegierte Parteikaste entstand, die andere Interessen als die Arbeiterklasse entwickelte und immer mehr Macht in ihren H\u00e4nden konzentrierte. Diese neue gesellschaftliche Schicht aus Beamten und Funktion\u00e4ren konnte sich im Partei- und Staatsapparat festsetzen und hatte kein Interesse mehr daran, nach Ende des B\u00fcrgerkrieges die R\u00e4tedemokratie wieder aufleben zu lassen. Die Verk\u00f6rperung dieser B\u00fcrokratie war der 1922 zum Generalsekret\u00e4r der Partei gew\u00e4hlte Josef Stalin.<\/p>\n<p>Leo Trotzki trat dieser Entwicklung entschieden entgegen und warnte in einer ganzen Serie von Artikeln und Analysen vor den gef\u00e4hrlichen Ausw\u00fcchsen der B\u00fcrokratie in Staat und Partei und dem sich aus den Interessen dieser Funktion\u00e4rskaste ergebenden politischen Konservativismus und Nationalismus.<\/p>\n<p>Lenin, der durch einen schweren Schlaganfall nicht mehr aktiv an dem politischen Geschehen der Partei teilnehmen konnte, teilte die Bef\u00fcrchtungen Trotzkis. Kurz vor seinem Tod bereitete er mit ihm einen Block gegen die B\u00fcrokratie vor. Bevor Lenin 1924 starb, empfahl er in seinem Testament die Absetzung Stalins als Generalsekret\u00e4r.<\/p>\n<p>In der Partei wehte ein deutlich anderer Wind als 1917. Die Schl\u00fcsselpositionen in der Gesellschaft besetzte Stalins Clique (zu der auch die verdienten Altbolschewisten Sinowjew und Kamenjew geh\u00f6rten) von nun an von oben. Leo Trotzki wurde politisch kaltgestellt und bekam in der Partei keine entscheidenden Aufgaben mehr.<\/p>\n<p>Gro\u00df war der Aufschrei in der Bev\u00f6lkerung nicht: in der russischen Arbeiterklasse war nach den katastrophalen Jahren des Krieges M\u00fcdigkeit eingekehrt und der Wunsch nach Ruhe wog bei Vielen schwer. Die, die sich dennoch mit Trotzki \u00f6ffentlich solidarisierten, erfuhren schon bald die starke staatliche Repression durch den Apparat.<\/p>\n<h4>Der Aufbau der Linken Opposition<\/h4>\n<p>Trotzki erkannte, dass die Entstehung der B\u00fcrokratie Folge der sozialen Entwicklungen in der jungen Sowjetunion war. Er war sicher, dass nur die Arbeiterklasse diesen Prozess stoppen konnte und verzichtete deshalb darauf, seinen hohen Einfluss in der Roten Armee zu einem milit\u00e4rischen Sturz der Stalin-Clique zu nutzen, was ihm von Genossen geraten wurde. Er wusste, dass er dadurch nur selber zum Gefangenen einer Milit\u00e4rb\u00fcrokratie geworden w\u00e4re und ging statt dessen daran gemeinsam mit Anderen die Linke Opposition gegen den Kurs der B\u00fcrokratie aufzubauen.<\/p>\n<p>Stalin ging zum Gegenangriff \u00fcber und begegnete dem 1924 mit der Schaffung der Legende des \u201ekonterrevolution\u00e4ren Trotzkismus\u201c. Eine beispiellose L\u00fcgenkampagne \u00fcberschwemmte das Land, um die gro\u00dfe Popularit\u00e4t des Oppositionellen zu zerst\u00f6ren, der doch in den Augen vieler ArbeiterInnen die Prinzipien der Russischen Revolution verk\u00f6rperte. Die mittlerweile fast gleichgeschaltete F\u00fchrung der Kommunistischen Partei schrieb nun die Geschichte der Oktoberrevolution um und entwickelte die Theorie eines \u201eSozialismus in einem Land\u201c, um Stalins Politik gegen\u00fcber der Kritik der Opposition zu rechtfertigen.<\/p>\n<p>Mit der Theorie des \u201eSozialismus in einem Land\u201c sollte begr\u00fcndet werden, warum die Verteidigung der Sowjetunion \u2013 also die Macht und Privilegien der B\u00fcrokratie \u2013 \u00fcber die Ausdehnung der internationalen Revolution gestellt wurde . Vor dem Hintergrund dieser Theorie wurden unter Stalins Direktive wichtige Chancen f\u00fcr die internationale Revolution verspielt. So sollte sich die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) 1927 in einer revolution\u00e4ren Situation der b\u00fcrgerlichen Guomindang unterordnen. Dies hatte zur Folge, dass die Guomindang brutale Massaker unter den revolution\u00e4ren ArbeiterInnen Schanghais und die Vernichtung eines Gro\u00dfteils der Mitgliedschaft der KPCh organisieren konnte.<\/p>\n<p>Trotz aller Versuche gelang es Trotzki nicht, gegen diese falsche Politik anzukommen. Der Aufbau der Linken Opposition in Russland fand unter schwersten Bedingungen statt. Ihre Mitglieder mussten unter einer immer h\u00e4rter werdenden Verfolgung durch den Staatsapparat und Geheimpolizei (GPU) leiden, wurden aus der Partei ausgeschlossen, verhaftet, in den Tod getrieben oder gar liquidiert. Auch Stalins Verb\u00fcndete Sinowjew und Kamenjew und ihre Anh\u00e4nger schlossen sich 1926 kurzzeitig der Opposition an (die sich dann f\u00fcr eine bestimmte Zeit Vereinigte Opposition nannte). Unter dem Druck der Staatsmaschinerie und dem Eindruck der erfolgreichen Industrialisierung des Landes kapitulierten sie jedoch in den 1930ern vor Stalin.<\/p>\n<p>Leo Trotzki wurde in das kasachische Alma-Ata verbannt. Um ihn noch weiter zu isolieren, wurde er im Januar 1928 von der GPU gezwungen auf die t\u00fcrkische Insel Prinkipo im Marmarameer umzusiedeln. Hier setzte er seine oppositionelle und schriftstellerische Arbeit fort und schrieb unter Anderem die Geschichte der Russischen Revolution und seine Autobiographie \u201eMein Leben\u201c. Er baute die Kontakte mit linken Oppositionellen aus verschiedenen L\u00e4ndern aus, gr\u00fcndete das Bulletin der Oppositionund legte den Grundstein f\u00fcr die Internationale Linke Opposition.<\/p>\n<h4>Aufstieg des Hitlerfaschismus in Deutschland<\/h4>\n<p>In Deutschland hatte sich Ende der 1920er Jahre die politische Lage extrem zugespitzt. Durch die wirtschaftliche und soziale Krise beg\u00fcnstigt, wuchs unter den reaktion\u00e4ren Teilen des Kleinb\u00fcrgertums Hitlers NSDAP. Leo Trotzki besch\u00e4ftigte sich im Exil viel mit den Geschehnissen in Deutschland und ver\u00f6ffentlichte wichtige Analysen zum deutschen Faschismus. Er war einer der wenigen Zeitzeugen, die in den 1920ern und 1930ern die historische Gefahr des Hitlerfaschismus richtig einsch\u00e4tzte.<\/p>\n<p>Die Weltwirtschaftskrise traf Deutschland hart und lie\u00df den Lebensstandard der Massen drastisch sinken und die Erwerbslosigkeit steigen. In Armut und Perspektivlosigkeit geratene Kleinb\u00fcrger wendeten sich vermehrt den Nazis zu, die vorgaben sie sowohl gegen das gro\u00dfe Kapital, was sie schlucken, als auch gegen die Arbeiterbewegung, die sie angeblich enteignen wollte, zu verteidigen. Tats\u00e4chlich besorgten die Faschisten jedoch nur das Gesch\u00e4ft der Kapitalisten, die diese letztlich finanzierten und an die Macht brachten.<\/p>\n<p>Trotzki analysierte, dass die Kapitalistenklasse zur Durchsetzung ihrer Profitinteressen und zur Wiederherstellung der Kriegsf\u00e4higkeit Deutschlands die Arbeiterbewegung nachhaltig zerschlagen musste. B\u00fcrgerliche Regierungen, die sich auf die parlamentarische Demokratie st\u00fctzten, waren dazu nicht in der Lage. Es bedurfte einer terroristischen Massenbewegung, um die Organisationen der Arbeiterklasse, die viele Millionen Mitglieder z\u00e4hlten, dem Erdboden gleich zu machen. Leo Trotzki schrieb dazu: \u201eVom Faschismus fordert die Bourgeoisie ganze Arbeit [\u2026]. Der Sieg des Faschismus f\u00fchrt dazu, dass das Finanzkapital sich direkt und unmittelbar aller Organe der Herrschaft, Verwaltung und Erziehung bem\u00e4chtigt [\u2026]. Die Faschisierung des Staates bedeutet [\u2026] haupts\u00e4chlich die Zertr\u00fcmmerung der Arbeiterorganisationen\u201c (Trotzki, \u201eWas nun?\u201c, S. 14).<\/p>\n<p>Die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) war als Teil der III. Internationale bereits unter v\u00f6lliger Kontrolle des stalinistischen Apparats und verfolgte eine ultralinke Politik, die verhinderte, dass Gewerkschaften, SPD- und KPD-Mitglieder gemeinsam dem Faschismus entgegentraten. Die KPD-F\u00fchrung sah keinen Unterschied zwischen der von der SPD unterst\u00fctzten b\u00fcrgerlichen Regierung und dem Hitlerfaschismus und untersch\u00e4tzte v\u00f6llig die Gefahr, die von den Nazis ausging. \u201cNach Hitler kommen wir\u201d war ihre Illusion. Die stalinistische Theorie des \u201eSozialfaschismus\u201c, die SPD und NSDAP gleichsetzte, bildete das Fundament daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Leo Trotzki unterschied zwischen der b\u00fcrgerlichen F\u00fchrung der SPD (die damals noch eine Arbeiterpartei mit aktiver Massenunterst\u00fctzung war) und der Basis der Partei, die von der kleineren KPD aufgrund ihrer bisher oft fehlerhaften Politik noch nicht \u00fcberzeugt war.<\/p>\n<p>Trotzki schlug der KPD vor, einen Appell zur Einheitsfront an die Sozialdemokratie, gleicherma\u00dfen an die Mitglieder und die F\u00fchrung, zu richten. W\u00e4re es gelungen, die SPD in eine Einheitsfront zu zwingen, h\u00e4tte Hitler gestoppt werden k\u00f6nnen und h\u00e4tte sich die KPD im gemeinsamen Kampf als die konsequentere Interessenvertretung der Arbeiterklasse zeigen k\u00f6nnen. H\u00e4tte die SPD-F\u00fchrung sich dem Angebot verweigert, h\u00e4tte sie das vor den Augen der (noch) sozialdemokratischen ArbeiterInnen entlarven k\u00f6nnen und die KPD gest\u00e4rkt.<\/p>\n<p>Wegen der Verweigerung der Einheitsfront durch die SPD- und KPD-F\u00fchrung kam es 1933 anders. Hitler kam an die Macht, zerschlug die Arbeiterbewegung, steckte die Gewerkschaftsh\u00e4user in Brand und deportierte die SPD- und KPD-Mitglieder in die Konzentrationslager. Und wie Trotzki richtig vorhersagte, bedeutete Hitlers Machtergreifung Krieg gegen die Sowjetunion.<\/p>\n<p>Trotzki kam aufgrund dieser Ereignisse 1933 zu dem Schluss, dass die III. Internationale nicht mehr reformierbar sei: \u201eEine Organisation, die der Donner des Faschismus nicht geweckt hat, und die dem\u00fctig derartige Entgleisungen von Seiten der B\u00fcrokratie unterst\u00fctzt, zeigt dadurch, dass sie tot ist und nichts sie wieder beleben wird.\u201c (Trotzki, \u201eSchriften \u00fcber Deutschland\u201c, S. 605).<\/p>\n<p>Nachdem Trotzki eine Einreiseerlaubnis aus Frankreich erhalten hatte, verlie\u00df er Prinkipo. Von Frankreich siedelte er nach Norwegen um, wo ihm kurzzeitig Asyl gew\u00e4hrt wurde. Dort schrieb er 1936 \u201eVerratene Revolution\u201c. In diesem Buch arbeitete er die Grundz\u00fcge des Stalinismus heraus und lieferte eine bis heute un\u00fcbertroffene Analyse der Sowjetunion unter Stalin, die er einen \u201edegenerierten Arbeiterstaat\u201c nannte. Dieses Werk ist bis heute die bedeutendste Analyse der Stalinisierung der Sowjetunion. Trotzki skizzierte darin das Programm einer \u201epolitischen Revolution\u201c f\u00fcr den \u201eSturz der b\u00fcrokratischen Kaste\u201c in Russland.<\/p>\n<h4>Die Moskauer Schauprozesse<\/h4>\n<p>Die Unterdr\u00fcckung und der stalinistische Terror in Russland erreichte mit den Moskauer Schauprozessen von 1936 bis 1938 eine neue Qualit\u00e4t. Mit der Eliminierung der alten Garde der Bolschewiki von 1917 wollte der Stalin sich die Alleinherrschaft sichern. Jegliche personelle Alternative zu seiner Vormachtstellung in Staat und Partei sollte ausradiert werden. So wurden zuerst Sinowjew und Kamenjew und 14 weitere Bolschewiki vor Gericht gestellt und hingerichtet. Als Grund f\u00fcr die Verurteilungen wurde immer oppositionelle T\u00e4tigkeit angef\u00fchrt.<\/p>\n<p>F\u00fcr jeden alten bolschewistischen F\u00fchrer der bei den Moskauer Schauprozessen angeklagt und hingerichtet wurde, wurden weitere hunderte und tausende Menschen eingekerkert. Mindestens acht Millionen wurden verhaftet, f\u00fcnf bis sechs Millionen fanden in den Gulags ihr Ende. Unter ihnen auch Familienmitglieder Trotzkis, die sich politisch gar nicht bet\u00e4tigten.<\/p>\n<p>Der Hauptangeklagte der Moskauer Schauprozesse war Leo Trotzki selbst, dessen Name stetig im Raum schwebte. In Abwesenheit erhielt er seinen Urteilsspruch: die Todesstrafe.<\/p>\n<h4>Der spanische B\u00fcrgerkrieg<\/h4>\n<p>Diese Schauprozesse waren direkt verbunden mit dem konterrevolution\u00e4ren Eingreifen der Moskauer Elite in das Geschehen des Spanischen B\u00fcrgerkriegs 1936-39.<\/p>\n<p>Nach dem blutigen Scheitern ihrer Sozialfaschismus-Theorie schwenkten die Stalinisten um, und erkl\u00e4rten die \u201eVolksfront\u201c als Leitfaden ihrer Politik. Die Kommunistischen Parteien sollten das B\u00fcndnis mit den pro-kapitalistischen Parteien suchen, um die b\u00fcrgerliche Demokratie zu verteidigen.<\/p>\n<p>Die spanischen Linksoppositionellen fanden sich entgegen Trotzkis Ratschlag in der \u201eArbeiterpartei f\u00fcr marxistische Vereinigung (POUM)\u201c wieder, die vor allem in Katalonien aktiv war und eine zentristische Position einnahm: sie war in Worten revolution\u00e4r und schreckte in der Praxis vor revolution\u00e4rer Politik zur\u00fcck. Mit der Erhebung rechter und rechtsextremer Gruppen um den spanischen General Franco brach ein B\u00fcrgerkrieg und eine Arbeiter- und Bauernrevolution aus. Es entstanden Arbeitermilizen und R\u00e4te, die zeitweise neben der Volksfrontregierung eine Art Doppelmacht aus\u00fcbten. Trotzki versuchte vergeblich die schwankende POUM-F\u00fchrung davon zu \u00fcberzeugen, dass die Partei nun der Arbeiterklasse zur Macht\u00fcbernahme verhelfen solle. Stattdessen orientierte sie auf eine Beteiligung an der Volksfrontregierung, deren Schicksal besiegelt war: \u201eDie Arbeiter und Bauern verm\u00f6gen nur dann den Sieg zu erringen, wenn sie um ihre eigene Befreiung k\u00e4mpfen. In diesen Umst\u00e4nden das Proletariat der F\u00fchrung der Bourgeoisie [Kapitalistenklasse] unterstellen hei\u00dft ihm von vornherein eine Niederlage im B\u00fcrgerkrieg garantieren.\u201c (Trotzki, \u201eDie spanische Lehre\u201c, S. 3).<\/p>\n<p>Die B\u00fcrokratie in Moskau intervenierte zur Verteidigung der kapitalistischen Republik in der spanischen Revolution. Leo Trotzki arbeitete heraus, warum der Stalinismus nun eine offen konterrevolution\u00e4re Rolle einnahm. Die GPU dehnte ihre Verfolgungen und Ermordungen gegen linke Oppositionelle auf Spanien aus. Hintergrund dieser Politik war, dass Stalin \u201eeine Vers\u00f6hnung mit der Bourgeoisie\u201c (Trotzki, \u201eRevolution und B\u00fcrgerkrieg in Spanien\u201c, S. 299) und sich den m\u00e4chtigen kapitalistischen Staaten Europas, wie Frankreich und England als vertrauensw\u00fcrdige Ordnungsmacht pr\u00e4sentieren wollte. H\u00e4tte es eine erfolgreiche Revolution in Spanien gegeben, so h\u00e4tte das weitere Erhebungen in Europa bedeutet und die b\u00fcrokratische Entartung und Herrschaft Stalins in Moskau tief ersch\u00fcttert, so Trotzki.<\/p>\n<h4>Die IV. Internationale<\/h4>\n<p>Schon 1933 warb Leo Trotzki f\u00fcr eine neue Internationale, die \u201edie UdSSR vor dem Zusammenbruch retten [k\u00f6nne], indem sie ihr weiteres Schicksal mit dem Schicksal der proletarischen Weltrevolution verbindet\u201c (Trotzki, \u201eSchriften \u00fcber Deutschland\u201c, S. 609f.) und die beste Traditionen der Ersten, Zweiten und Dritten Internationale und des revolution\u00e4ren Marxismus aufrecht erhalten sollte. Versuche, linkssozialistische Parteien, wie die deutsche Sozialistische Arbeiterpartei (SAP), gemeinsam mit der Internationalen Linken Opposition in einer neuen Internationale zu vereinigen, scheiterten. So war die Zahl der Gruppen, die sich am 3. September 1938 bei der formellen Gr\u00fcndung der IV. Internationale in Paris zusammen schlossen nicht gro\u00df. Historisch gesehen war die Schaffung dieser neuen Internationale aber notwendig, als Alternative zur stalinistischen III. Internationale und als neuer Orientierungspunkt f\u00fcr die revolution\u00e4ren Bewegung.<\/p>\n<h4>Trotzkis Ermordung<\/h4>\n<p>W\u00e4hrenddessen \u00fcbte Stalin massiven Druck auf die norwegische Regierung aus, die Trotzki ausliefern sollte. Erneut musste dieser ein neues Asyl finden \u2013 diesmal in Mexiko, wo er bei dem sozialistischen K\u00fcnstlerpaar Frida Kahlo und Diego Rivera unterkam. Aber auch hier verfolgte ihn die GPU. Ein Angriff von mit Maschinenpistolen und Sprengs\u00e4tzen ausger\u00fcsteten Agenten auf Trotzki und seine Familie schlug wie durch ein Wunder fehl.<\/p>\n<p>Doch der GPU-Geheimagent Ram\u00f3n Mercader, der seit vielen Jahren versuchte, Trotzkis Umfeld zu infiltrieren und in seine N\u00e4he zu gelangen, sollte mehr Erfolg haben. Unter dem Vorwand, mit ihm einen politischen Artikel diskutieren zu wollen, schaffte es Mercader schlie\u00dflich, alleine mit Trotzki in einem Raum sein zu k\u00f6nnen. Nach etwa drei oder vier Minuten vernahm seine Frau Natalia Sedowa einen \u201eschrecklichen stechenden Schrei\u201c, ihr Mann tauchte auf, das \u201eGesicht mit Blut bedeckt\u201c und einem Eispickel im Hinterkopf. Mit dem Attent\u00e4ter hatte er noch gerungen, um weitere Schl\u00e4ge zu verhindern. \u201eAuch wenn der Arzt erkl\u00e4rte, dass die Verletzung nicht sehr ernst war\u201c, so Sedowa, \u201eh\u00f6rte Lew Dawidowitsch ihm regungslos zu\u201c und sagte \u201e\u201aIch f\u00fchle\u2026jetzt\u2026dass dies das Ende ist\u2026dieses Mal\u2026haben sie es geschafft.\u2018\u201c (Serge, \u201eLife and death of Leon Trotsky\u201c, S. 268). Am n\u00e4chsten Tag, dem 20. August 1940 erlag Trotzki im Alter von 60 Jahren seinen t\u00f6dlichen Verletzungen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Mercader von Stalin zum Helden der Sowjetunion ernannt wurde, trauerten in Mexiko 300.000 Menschen, die Trotzkis Leichenzug begleiteten. Er wurde einge\u00e4schert und im Garten seines Hauses begraben. \u00dcber seinem Grab weht noch heute die rote Fahne der Weltrevolution.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Leben f\u00fcr die Befreiung der Arbeiterklasse<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":482,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[91],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35165"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=35165"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35165\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":35166,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35165\/revisions\/35166"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/482"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=35165"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=35165"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=35165"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}