{"id":34805,"date":"2017-07-20T15:20:22","date_gmt":"2017-07-20T13:20:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=34805"},"modified":"2017-07-27T16:25:08","modified_gmt":"2017-07-27T14:25:08","slug":"maschinen-ohne-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2017\/07\/maschinen-ohne-menschen\/","title":{"rendered":"Maschinen ohne Menschen?"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/pixabay-coo-e1498137872537.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-34872\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/pixabay-coo-e1498137872537-280x173.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/pixabay-coo-e1498137872537-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/pixabay-coo-e1498137872537-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/pixabay-coo-e1498137872537-768x475.jpg 768w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/pixabay-coo-e1498137872537-560x347.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/pixabay-coo-e1498137872537-600x371.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/pixabay-coo-e1498137872537-534x330.jpg 534w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/pixabay-coo-e1498137872537.jpg 837w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>Industrie 4.0: Von Schein-Revolutionen und der Krise des Kapitalismus<\/strong><br \/>\nIn einem Artikel des Business Insider \u00fcber fr\u00fchkindliche Erziehung steht: \u201eSp\u00e4testens in 25 Jahren muss man Spa\u00df an der Arbeit haben [&#8230;] Glaubt man einer Studie der renommierten Oxford-Universit\u00e4t, dann werden in nur 25 Jahren 47 Prozent der Jobs verschwunden sein. Die Arbeit wird k\u00fcnftig von Robotern oder K\u00fcnstlichen Intelligenzen erledigt werden. Nicht nur Fabrikarbeiter k\u00f6nnten in Zukunft durch Technologie ersetzt werden. Auch Buchhalter, \u00c4rzte, Juristen, Lehrer, B\u00fcrokr\u00e4fte und Finanzanalysten, schreibt &#8218;The Economist&#8216;. Und so werden sich Menschen selbst Arbeit suchen m\u00fcssen, so die Meinung des Forschers. Freudlose T\u00e4tigkeiten, die man nur aus finanziellen Gr\u00fcnden durchf\u00fchrt, w\u00fcrden ohnehin verschwinden.\u201c1<\/p>\n<p><em>Von Alexandra und Ren\u00e9 Arnsburg, Berlin<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manifest-buecher.de\/produkt\/maschinen-ohne-menschen\/\">Das Buch hier kaufen<\/a>\u00a0oder <a href=\"http:\/\/www.startnext.com\/manifestverlag\">Crowdfunding unterst\u00fctzen<\/a><\/p>\n<p>Der Grund warum in diesem Artikel \u00fcber die Verschulung von Kinderg\u00e4rten und Robotern die Rede ist, ist die gezielte Platzierung des Themas \u201eIndustrie 4.0\u201c. Der Begriff ist eine Erfindung des Bundesministeriums f\u00fcr Bildung und Forschung (BMBF) in Zusammenarbeit mit Unternehmensverb\u00e4nden, vielen Plattformen und auch einigen Gewerkschaften. Jeden Tag erscheinen dazu neue Artikel, bei Google ergibt die Suche dazu momentan knapp 21 Millionen Treffer.<\/p>\n<p>\u201eIndustrie 4.0\u201c wird oft mit dem Einsatz von Robotern und \u00fcber das Internet-Protokoll vernetzte Maschinen gleichgesetzt. Das Neue daran ist, dass durch das jederzeit verf\u00fcgbare Netzwerk Ger\u00e4te und Anwendungen f\u00fcr alle Bereiche unseres Lebens und der Produktion miteinander kommunizieren. Das wird als \u201eInternet der Dinge\u201c oder \u201eSmart Production\u201c2 zusammengefasst. Durch die Steigerung der Rechenleistung und angeblich selbstlernende Algorithmen entstehe eine k\u00fcnstliche Intelligenz, die die Maschinen beseelt und dem menschlichen Geist bald \u00fcberlegen sein soll. Die Versionszahl 4.0 erweckt den Eindruck, als handele es sich um eine qualitative Neuerung gegen\u00fcber den vorhergehenden industriellen Revolutionen.3 Im englischen Sprachgebrauch ist der Begriff \u201eDigitalisierung\u201c gel\u00e4ufig. In den USA wird darunter eher eine konsumorientierte Entwicklung verstanden, in Deutschland liegt der Schwerpunkt mehr auf der Produktion. Gleich ist daran der Gedanke, dass intelligente Maschinen den Menschen von seinen bisherigen T\u00e4tigkeitsfeldern verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Diese Idee ist keinesfalls neu. Bereits 1946 erschien im US-Amerikanischen Fortune Magazine ein Artikel von John Brown und Eric Leaver unter dem Titel \u201eMachines without Men\u201c.4 Darin besch\u00e4ftigen sich die Autoren ausdr\u00fccklich mit der Frage einer menschenlosen Produktion durch programmierbare Maschinen, zu dieser Zeit noch mit Lochkartensystemen. Die Vorstellung von selbstst\u00e4ndig handelnden Automaten geht jedoch zur\u00fcck bis in die Antike und tauchte auch im Mittelalter immer wieder auf.<\/p>\n<p>Ab Mitte des 20. Jahrhunderts kochte die Debatte um die selbstt\u00e4tige Produktion in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden hoch. Zuletzt sahen wir dies bei den Auseinandersetzungen um den \u201eInternetkommunismus\u201c, als viele Linke behaupteten, eine neue Form des gemeinschaftlichen Wirtschaftens st\u00fcnde auf der Tagesordnung und der Kapitalismus vor dem Aus. Doch die Internetblase platzte, die Ausbeutung der Mehrheit durch die Minderheit blieb bestehen und die Hoffnungen auf eine Umw\u00e4lzung der Produktionsweise und damit der ganzen Gesellschaft allein durch technischen Fortschritt, ohne Organisierung der Menschen und das bewusste Eingreifen dieser Massen in die Geschichte \u2013 durch eine Revolution &#8211; wurden zerschlagen. Die angek\u00fcndigte Digitalisierung wird nun zum Anlass genommen, eingemottete Argumente wieder hervorzuholen. Die sogenannte \u201eNullgrenzkostentheorie\u201c, mit der wir es erneut zu tun haben, nahm ihren Anfang bereits zur Zeit der fl\u00e4chendeckenden Einf\u00fchrung des Elektro-Photokopierers in der BRD der 1960er Jahre. Der Kern dieser realit\u00e4tsfernen Idee ist, dass bei der Produktion eines weiteren St\u00fccks keine weiteren Kosten entstehen. Auch wenn es seit dem Einzug der Massenproduktion durch Dampfkraft, sp\u00e4ter ausgeweitet durch Elektrizit\u00e4t m\u00f6glich ist, immer billiger zu produzieren und St\u00fcckkosten massiv zu senken, werden jedoch diese Kosten nicht ohne Ausblendung s\u00e4mtlicher Faktoren wie F\u00f6rderung, Transport und Verarbeitung von Rohstoffen f\u00fcr die Produkte und die Maschinen, Ger\u00e4ten und Servern und die Erzeugung von Energie usw. nicht gleich Null sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Unterschied in der Diskussion heute liegt vor allem darin, dass mehr als zuvor die Chefetagen der Konzerne und die b\u00fcrgerliche Politik mit den von ihnen finanzierten Projekten in den Universit\u00e4ten die Inhalte der Debatte bestimmen. Mit Versp\u00e4tung findet nun eine Auseinandersetzung auch in der marxistischen Linken statt. Vieles wurde jedoch bereits unkritisch von vielen \u00fcbernommen. Das reicht von antihumanistischen Vorstellungen eines Roboterkommunismus, einer schleichenden Ver\u00e4nderung des Kapitalismus durch 3D-Drucker, schlichter Technikverg\u00f6tterung bis hin zum Transhumanismus, der das Verschmelzen von Mensch und Maschine als neue Stufe der Evolution ansieht. In letzterem spiegelt sich vor allem eine durch Hollywood transportierte Zukunftsvision der Chefs der finanzkr\u00e4ftigen Technikindustrie wider.<\/p>\n<p>Ob positive oder negative Zukunftsvorstellung, eine Gemeinsamkeit besteht darin, dass von einer unumkehrbaren Entwicklung ausgegangen wird. Dabei stellt sich das Zahlenmaterial, auf dem diese Annahmen gegr\u00fcndet werden, oftmals als d\u00fcnn und tendenzi\u00f6s heraus. Die von der Universit\u00e4t Oxford 2013 in Auftrag gegebene Untersuchung5 mit dem Titel \u201eDie Zukunft der Besch\u00e4ftigung\u201c stellt fest, dass 47 Prozent aller Arbeitspl\u00e4tze in den USA eine hohe Wahrscheinlichkeit aufweisen, durch Maschinen ersetzt zu werden. Auf der gleichen Berechnungsgrundlage sagt die ING-DiBa eine Digitalisierungswahrscheinlichkeit von 59 Prozent oder 18,3 Millionen Stellen f\u00fcr Deutschland voraus.6 Es ist das ultimative Drohszenario gegen\u00fcber allen Besch\u00e4ftigten und soll bewirken dass sie jeden noch so groben Eingriff in ihre Pers\u00f6nlichkeitsrechte, Arbeits- und Lebensbedingungen durch die UnternehmerInnen zu akzeptieren. Dazu kommen dann Meinungsumfragen unter Top-ManagerInnen gro\u00dfer Unternehmen, wie der j\u00e4hrlich erscheinende Capgemini-Report \u201eIT-Trends\u201c.7<\/p>\n<p>Das darf nicht dazu f\u00fchren, die m\u00f6glichen Folgen der aktuellen Entwicklung zu ignorieren oder das Potential herunterzuspielen, das sowohl negativ, als auch positiv sein kann \u2013 die grundlegende Frage bleibt jedoch, wer \u00fcber die Art und Weise, wie produziert wird und wie wir leben entscheidet und wer davon profitiert.<\/p>\n<p>Wir kennen kostenlose Apps, Touchscreens, Hologramme, Videoclips von Butlerrobotern, personalisierte Werbung und die scheinbar jederzeitige Verf\u00fcgbarkeit aller m\u00f6glichen Informationen. Doch letztendlich wirken Bier einschenkende Roboterarme auf der Hannover Messe wie Nebelkerzen, die von den wirklichen Vorg\u00e4ngen ablenken sollen \u2013 statt eine ernsthafte Auseinandersetzung zu f\u00fchren, wird man mit Hochglanzprospekten vollgestopft. Die Entwicklungen k\u00f6nnen beeindrucken, es \u00e4ndert sich jedoch bei Produktionsmitteln und -verh\u00e4ltnissen nichts grundlegend und das ist entscheidend.<\/p>\n<p>Hinter den Kulissen zeigt sich ein Weltkapitalismus, der mit der Schuhspitze bereits \u00fcber den Abgrund ragt. Es gilt f\u00fcr die Linke, die Ursachen daf\u00fcr und wie die Digitalisierungsdebatte damit zusammenh\u00e4ngt, aufzuzeigen. Die Zyklen technischer Entwicklung sind untrennbar mit den wirtschaftlichen Bedingungen verkn\u00fcpft. Aus dieser Perspektive wird klar, dass \u201eIndustrie 4.0\u201c vor allem ein L\u00f6sungsversuch f\u00fcr die strukturellen Probleme des Kapitalismus ist.<\/p>\n<p>Damit sind nicht nur technische \u00c4nderungen verbunden, sondern auch die tiefgreifende Liberalisierung der Arbeitswelt durch Angriffe auf Gesundheit, Renten, Arbeitszeit, Mutterschutz und vieles mehr. Der technische Fortschritt f\u00fchrt nicht zwangsl\u00e4ufig zu einer Differenzierung in viele schlecht bezahlte Hilfst\u00e4tigkeiten und wenig gut bezahlte MaschinenmanagerInnen, aber unter kapitalistischem Vorzeichen ist er die Voraussetzung daf\u00fcr. Dabei laufen die Entwicklungen vor allem auf zwei Ebenen ab: in der Produktion und in der Spekulation.<\/p>\n<h4>Die Produktionsebene<\/h4>\n<p>Die sinkenden Profitraten konnten nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem durch mehr Profitmasse (in Deutschland durch Ankurbelung des Exports) ausgeglichen werden. Der Verfall der Profitraten wurde durch die Ausweitung der Produktionsanlagen und verbrauchten Halbfertigprodukte und Rohstoffe im Verh\u00e4ltnis zur Arbeitskraft verursacht. Trotzdem Maschinen zum Teil durch Preissenkungen g\u00fcnstiger werden und die Produktion rationaler gestaltet wird, ist diese Tendenz nicht aufgehoben.<\/p>\n<p>Bereits in den 70er Jahren kam es in der BRD zur \u00dcberakkumulation. Das hei\u00dft, das Volumen der Warenproduktion stie\u00df an seine Grenzen. Die Profite, die gemacht wurden, konnten nicht im n\u00f6tigen Ma\u00dfe in neue Maschinen, Rohstoffe und Arbeitskraft investiert werden. Die L\u00f6hne waren bis dahin durch Arbeitsk\u00e4mpfe und Vollbesch\u00e4ftigung stark gestiegen, sogar schneller, als die Produktivit\u00e4t, was die Lohnst\u00fcckkosten steigerte. In der kapitalistischen Konkurrenz gibt es f\u00fcr jeden Betrieb den Druck, L\u00f6hne zu senken, um mehr Gewinn zu machen. Das schr\u00e4nkt jedoch gleichzeitig den Absatz ein, was das Entstehen von \u00dcberkapazit\u00e4ten in der Produktion wiederum beg\u00fcnstigt.<\/p>\n<p>Diese Situation traf in den 1970er Jahren auf die Vorg\u00e4nger der heutigen Digitalisierung. Durch die Entwicklung des g\u00fcnstigen Mikrochips wurde in der Metall- und Autoindustrie Produktionsroboter eingesetzt, die in gro\u00dfem Ma\u00dfstab menschliche Arbeit ersetzten. Ein typisches Merkmal sind die Einpunktschwei\u00dfroboter, die heute noch weit verbreitet sind. Die computeringetrierte Produktion (CIM) nahm dort ihren Anfang. Genauso wenig wie \u201eIndustrie 4.0\u201c f\u00fchrte das damals zu einer menschenlosen Produktion. Und auch das Grundprinzip des Fordismus, also der Einsatz monofunktionaler Maschinen zur Produktion von Massenwaren zu einem geringen Kapitaleinsatz pro St\u00fcck und einer hohen Arbeitsproduktivit\u00e4t, wurde in den 1970ern ebenso wenig aufgehoben, wie es durch die Digitalisierung heute der Fall ist.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend zu fr\u00fchen kapitalistischen Aufschwungzeiten die technische Entwicklung zum Einsatz von mehr Besch\u00e4ftigten f\u00fchrte, obwohl die Arbeit effizienter wurde, f\u00fchrt der Ersatz menschlicher Arbeit gepaart mit \u00dcberproduktion seit 1973 zu ununterbrochener Massenarbeitslosigkeit. Daran sind auch die Aussagen zu messen, dass es immer neue Arbeitspl\u00e4tze in einem anderen zukunftstr\u00e4chtigen Bereich geben w\u00fcrde. W\u00e4re das der Fall gewesen, h\u00e4tten nicht \u00fcber eine Million Menschen zu diesem Zeitpunkt dauerhaft ihre Jobs verloren. Den Folgen der \u00dcberakkumulation konnte mit einer verst\u00e4rkten Exportorientierung und zunehmend neoliberalen Ma\u00dfnahmen und Lohnsenkungen einige Jahre in Deutschland erfolgreich entgegengewirkt werden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend durch verschiedene Erfindungen des 19. Jahrhunderts Produktionsprozesse revolutioniert wurden, ver\u00e4nderte sich die Produktion nach 1945 nur noch graduell, oder \u00fcberhaupt nur noch durch staatliche Intervention in einigen Bereichen. Vor allem im Kommunikationssektor w\u00e4re ohne das US-Verteidigungsministerium das Internet nicht in der heutigen Form entwickelt worden.<\/p>\n<p>Der eine Grund daf\u00fcr ist Monopolisierung, diese bewirkt keine Investition in Neuerungen, sondern die Profite werden vor allem durch Monopolbildung ausgeweitet und ein weiterer Grund ist die \u00dcberakkmulation, das hei\u00dft wenig Anwendungen von Innovationen durch geringe Profitaussichten. Daraus ergibt sich ein Kapitalismus, in dem Monopolunternehmen aus der jetzigen Situation soviel Profit so schnell wie m\u00f6glich schlagen und wenig in Neues investieren, weil die Aussichten schlechter sind. Es kann zur Verdr\u00e4ngung von Konkurrenz jedoch durchaus noch Neuerungen geben und auch Produktionsanlagen m\u00fcssen irgendwann ersetzt werden.<\/p>\n<p>Doch durch die rein graduelle \u00c4nderung der Produktionsmethoden ergab sich eine abflachende Entwicklung der Produktivit\u00e4t, die in Deutschland in den letzten Jahren sogar so gering war, dass trotz sinkendem Lohnniveaus und Flexibilisierung der Arbeit die Lohnst\u00fcckkosten stiegen!<\/p>\n<p>\u201eIndustrie 4.0\u201c ist der Versuch, die Produktivit\u00e4t zu steigern \u2013 mit ungewissem Ausgang. Bei den aktuellen Entwicklungen in der industriellen Produktion geht es vor allem um Flexibilisierung und Rationalisierung bestehender Arbeit und nur zum Teil um die unmittelbare Ersetzung menschlicher Arbeitskraft.<\/p>\n<p>Anders im Dienstleistungssektor: Hier geht es direkt um die Ersetzung von Arbeitskraft und der Zerst\u00fcckelung und Automatisierung von geistiger Arbeit. Das ist keine rein technische, sondern vor allem eine arbeitsorganisatorische Frage, die zur Zeit durch Klassenkampf von oben, durch Zielvorgaben, Schichtdienste, Heimarbeit und Union-Busting beantwortet wird.<\/p>\n<p>Ist die Steigerung der Produktivit\u00e4t bisher von Erfolg gekr\u00f6nt gewesen? Das Bundesamt f\u00fcr Statistik schrieb im Januar 2017:<\/p>\n<p>\u201cAls Produktivit\u00e4ts-Paradoxon wird die durch statistische Ergebnisse untermauerte Hypothese bezeichnet, dass es trotz fortgesetzter technologischer Innovationen \u2013 insbesondere im Zusammenhang mit der zunehmenden Digitalisierung \u2013 eine l\u00e4ngerfristig abgeschw\u00e4chte Produktivit\u00e4tsentwicklung gibt. Die empirischen Befunde daf\u00fcr liefert die amtliche Statistik. Nicht nur in Deutschland, sondern auch international ist diese Feststellung zutreffend.\u201d8<br \/>\nDie Antwort lautet also: nein.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend im 19. Jahrhundert in vielen Bereichen bahnbrechende Erfindungen und Entdeckungen auf der Tagesordnung standen, hat man heute den Eindruck, dass es bei der Forschung haupts\u00e4chlich nur noch um die Verbindung aller Gegenst\u00e4nde mit dem Internet und die Anwendungsforschung von Algorithmen geht.<\/p>\n<h4>Die spekulative Ebene<\/h4>\n<p>Der internationale Wettbewerb der Kapitalistenklasse kann, wie oben gezeigt, trotz gegenl\u00e4ufiger, dem System innewohnender, Widerspr\u00fcche technischen Fortschritt bewirken. Der deutsche Kapitalismus hat die Industrien anderer L\u00e4nder durch Niedrigl\u00f6hne und hohe Produktivit\u00e4t zu Grunde konkurriert und so durch Export f\u00fcr den entsprechenden Absatz der Waren und damit der Realisierung von Mehrwert als Profite gesorgt. Das ist vor allem durch die krisenhafte Entwicklung in vielen L\u00e4ndern gef\u00e4hrdet. Wird die Industrie eines anderen Landes vernichtet, wird sie keine Maschinen kaufen. Arbeitslose kaufen keine deutschen Produkte mehr. Es ist eine Illusion, anzunehmen, dass das deutsche K\u00fcrzungsdiktat in Europa keine Folgen f\u00fcr die deutsche Konjunktur h\u00e4tte.<\/p>\n<p>2016 lagen 9000 Milliarden US-Dollar auf Konten mit Negativzinsen, weil es sicherer war, etwas f\u00fcr die Verwahrung des Geldes an Banken zu zahlen, als es selbst in der Produktion anzulegen. Deshalb soll f\u00fcr die investitionsm\u00fcden Kapitaleigent\u00fcmerInnen die Versionszahl 4.0 verlockend wirken. \u00c4hnlich konnte nach der Dot-Com-Krise 2000 mit dem Begriff Web 2.0 in dem Bereich massiv Kapital akquiriert werden. Und das nur wenige Jahre nach dem Platzen der Internetblase, mit der man Ende der 1990er bereits erfolglos versuchte, eine neue Anlagem\u00f6glichkeit zu schaffen.<\/p>\n<p>Die deutschen Kapitalisten versuchen, Kapital im Land zu halten und treiben daher die Platzierung des Begriffs \u201eIndustrie 4.0\u201c voran. Deutschland gilt als Vorreiter in dem Bereich, neben den USA und S\u00fcdkorea.<\/p>\n<p>Neben der Produktion gibt es in der Sph\u00e4re des Austausches von Waren und Geldkapital enorme Kapitalansammlungen und Monopolbildungen (Zalando, Amazon, eBay, Alibaba) und die Aneignung neuer Bereiche f\u00fcr die Kapitalverwertung (pers\u00f6nliche Daten bei Facebook und Google) bis hin zu fast rein parasit\u00e4ren Monopolbildungen (MyTaxi, Uber, Lieferservice, AirBnB), die kaum etwas mit Produktion oder Verteilung von Waren und Dienstleistungen beitragen. Diese Plattformen funktionieren wie ein Zwischenh\u00e4ndler, der alle Vertriebswege unter seine Kontrolle bringt und einfach einen Aufschlag nimmt, um sie zu nutzen, aber sonst nichts beitr\u00e4gt. Insgesamt treibt das die Kosten in die H\u00f6he. Zuerst haben Handelsplattformen f\u00fcr schnelleren Umschlag gesorgt. Bei sonst gleicher Produktivit\u00e4t sorgt ein h\u00f6herer Umschlag f\u00fcr eine absolute Zunahme der verkauften Warenmasse und infolgedessen mehr Profit, aber all das wirkt verst\u00e4rkend auf die \u00dcberakkumulation, denn mehr Gewinn dr\u00e4ngt auf mehr Produktion, die nicht entsprechend ausgeweitet werden kann, wenn es an Absatzm\u00f6glichkeiten mangelt.<\/p>\n<p>Diese Prozesse waren zudem nicht ausreichend, um die Weltwirtschaft am Laufen zu halten. Es gab eine Steigerung der Investitionen in Startups von 2012 bis 2015 um 290 Prozent von 45 auf 141 Milliarden US-Dollar, aber das ist nichts im Vergleich mit brachliegendem Kapital von 9000 Milliarden US-Dollar. In 2016 lie\u00df sich die Steigerung nicht fortsetzen und die Summe nahm wieder auf 127 Milliarden US-Dollar ab.9 Es ist davon auszugehen, dass die ma\u00dflose \u00dcberbewertung der Gewinnerwartungen in der Technologiebranche auch diese Blase zum Platzen bringen wird. Das k\u00f6nnte einen Prozess in Gang setzen, der die Weltwirtschaft erneut in den Abgrund rei\u00dft.<\/p>\n<h4>Fortschritt in unsere Hand!<\/h4>\n<p>Im Angesicht der Offensive des Kapitals und der drohenden Krise setzen Gewerkschaften vor allem auf die Mitgestaltung einer Entwicklung, die au\u00dferhalb ihres Einflussbereichs liegt, zumindest solange, wie die Belegschaften nicht einen Kampf darum f\u00fchren, tats\u00e4chlich Bedingungen auch gegen den Willen der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung durchzusetzen. Das betrifft betriebliche Regelungen wie Schichten, Arbeitsorganisation, Qualifizierungsma\u00dfnahmen ebenso wie tarifliche, also Personalbemessung, Arbeitszeit, Entlohnung und andere Bereiche.<\/p>\n<p>Dennoch gehen vor allem IG Metall und ver.di als gr\u00f6\u00dfte DGB-Gewerkschaften voran, mit Unternehmerverb\u00e4nden und der Bundesregierung Gespr\u00e4che \u00fcber eine \u201eArbeitswelt 4.0\u201c zu f\u00fchren. PolitikerInnen der Partei DIE LINKE sind da nicht ausgenommen, wie die netzpolitische Sprecherin der Parteifraktion im Bundestag, Halina Wawzyniak, die auf ihrem Blog in Bezug auf das \u201eWei\u00dfbuch Arbeit 4.0\u201c des Nahles-Ministeriums f\u00fcr Arbeit, Migration und Soziales ausf\u00fchrt: die neuen Definitionen sind gut und die alten Antworten \u00fcberholt.10<\/p>\n<p>Lebenslanges (privatisiertes) Lernen, flexible Arbeitszeitmodelle, Leiharbeit und Individualisierung im Kapitalismus werden kaum in Frage gestellt. Man m\u00f6chte mitreden und Sozialpartner (politisch und tariflich) sein, somit darf die herrschende Logik nicht grunds\u00e4tzlich abgelehnt werden.<\/p>\n<p>In der BRD arbeitet nahezu die H\u00e4lfte der Menschen in atypischen Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen.11 Das verschlechtert die Ausgangsvoraussetzungen f\u00fcr den Kampf um Verbesserungen und erh\u00f6ht den Aufwand f\u00fcr die gewerkschaftliche Organisation erheblich. Die Antwort darauf kann nicht in der Mitgestaltung dieser Arbeitsverh\u00e4ltnisse \u201e4.0\u201c liegen, wie es der DGB mit dem Tarifvertrag Leiharbeit macht, sondern im kollektiven Kampf dagegen.<\/p>\n<p>Personalbemessung unter Kontrolle der Besch\u00e4ftigten, also die Festlegung, wie viel Arbeitszeit auf welchen Vorgang verwendet wird und massive Arbeitszeitverk\u00fcrzung sind M\u00f6glichkeiten, zu verhindern, dass noch mehr Menschen in die Arbeitslosigkeit geschleudert werden. Vor allem muss demokratisch entschieden werden, was unter welchen Bedingungen ge\u00e4ndert wird, denn der technische Fortschritt ist keine blind wirkende Kraft.<\/p>\n<p>Ein Ausbau der betrieblichen Mitbestimmung ist nur ein kleines Kampffeld, denn es geht darum, zu entscheiden, was mit der Gesellschaft und allen darin Lebenden geschieht. Um der \u00f6kologischen Krise entgegen zu wirken, kann nur Produktion unter gesellschaftlicher Kontrolle mit einem demokratisch gefassten Plan gezielte Schritte ergreifen. Daf\u00fcr ist ein massives \u00f6ffentliches Investitionsprogramm f\u00fcr die grundlegende Umstellung der bisherigen Produktion und Verteilung n\u00f6tig, inklusive einer Forschung, die sowohl \u00f6ffentlich, als auch demokratisch bestimmt ist.<br \/>\nAlexandra Arnsburg ist Mitglied des ver.di-Landesbezirksvorstands Berlin-Brandenburg (Angabe dient nur zur Kenntlichmachung der Person) und des SAV-Bundesvorstands. Ren\u00e9 Arnsburg ist Autor des im Herbst diesen Jahres erscheinenden Buches \u201eIndustrie 4.0\u201c und Mitglied des SAV Bundesvorstands.<\/p>\n<h5>1http:\/\/www.businessinsider.de\/es-gibt-einen-gefaehrlichen-trend-in-deutschen-kindergaerten-er-wird-uns-in-25-jahren-zum-verhaengnis-2017-4<br \/>\n2Intelligente Produktion<br \/>\n3Industrie 1.0 ist in dieser Erz\u00e4hlung die Mechanisierung und Dampfmaschine, Industrie 2.0 die Elektrifizierung und fordistische Massenproduktion, Industrie 3.0 die Automatisierung ab den 70er Jahren.<br \/>\n4Maschinen ohne Menschen.<br \/>\n5http:\/\/www.oxfordmartin.ox.ac.uk\/downloads\/academic\/The_Future_of_Employment.pdf<br \/>\n6https:\/\/www.ing-diba.de\/pdf\/ueber-uns\/presse\/publikationen\/ing-diba-economic-research-die-roboter-kommen.pdf<br \/>\n7https:\/\/www.de.capgemini.com\/resource-file-access\/resource\/pdf\/it-trends-studie-2017_1.pdf<br \/>\n8https:\/\/www.destatis.de\/DE\/PresseService\/Presse\/Pressekonferenzen\/2017\/BIP2016\/Pressebroschuere_BIP2016.pdf?__blob=publicationFile<br \/>\n9https:\/\/assets.kpmg.com\/content\/dam\/kpmg\/xx\/pdf\/2017\/04\/venture-pulse-q1-2017.pdf<br \/>\n10http:\/\/blog.wawzyniak.de\/weissbuch-arbeit-4-0\/<br \/>\n11http:\/\/www.sozialpolitik-aktuell.de\/tl_files\/sozialpolitik-aktuell\/_Politikfelder\/Arbeitsmarkt\/Datensammlung\/PDF-Dateien\/abbIV29.pdf<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Industrie 4.0: Von Schein-Revolutionen und der Krise des Kapitalismus<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":34872,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[122,126],"tags":[907],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34805"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=34805"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34805\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":35055,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34805\/revisions\/35055"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/34872"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=34805"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=34805"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=34805"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}