{"id":34575,"date":"2017-05-03T12:21:04","date_gmt":"2017-05-03T10:21:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=34575"},"modified":"2017-05-03T15:08:51","modified_gmt":"2017-05-03T13:08:51","slug":"leit-kultur-als-klassenfrage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2017\/05\/leit-kultur-als-klassenfrage\/","title":{"rendered":"(Leit-)Kultur als Klassenfrage"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_33499\" aria-describedby=\"caption-attachment-33499\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Thomas_de_Maizi\u00e8re_CDU_Parteitag_2014_by_Olaf_Kosinsky-6-e1473767599511.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-33499\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Thomas_de_Maizi\u00e8re_CDU_Parteitag_2014_by_Olaf_Kosinsky-6-e1473767599511-280x173.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Thomas_de_Maizi\u00e8re_CDU_Parteitag_2014_by_Olaf_Kosinsky-6-e1473767599511-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Thomas_de_Maizi\u00e8re_CDU_Parteitag_2014_by_Olaf_Kosinsky-6-e1473767599511-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Thomas_de_Maizi\u00e8re_CDU_Parteitag_2014_by_Olaf_Kosinsky-6-e1473767599511-768x476.jpg 768w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Thomas_de_Maizi\u00e8re_CDU_Parteitag_2014_by_Olaf_Kosinsky-6-e1473767599511-560x347.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Thomas_de_Maizi\u00e8re_CDU_Parteitag_2014_by_Olaf_Kosinsky-6-e1473767599511-600x372.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Thomas_de_Maizi\u00e8re_CDU_Parteitag_2014_by_Olaf_Kosinsky-6-e1473767599511-534x330.jpg 534w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-33499\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Olaf Kosinsky \/ Wikipedia<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Passende Ausz\u00fcge aus dem \u201eAnti-Sarrazin\u201c zum Ablenkungsman\u00f6ver des Innenministers de Maizi\u00e8re<\/strong><\/p>\n<p><em><strong>Vorbemerkung:<\/strong> Anl\u00e4sslich der von Bundesinnenminister Thomas de Maizi\u00e8re entfachten Debatte um eine deutsche \u201eLeitkultur\u201c ver\u00f6ffentlichen wir hier Ausz\u00fcge des 2011 erschienen Buches \u201eAnti-Sarrazin\u201c des SAV-Bundessprechers Sascha Stani\u010di\u0107, die sich mit der Frage von Integration und \u201edeutscher\u201c Kultur befassen. De Maizi\u00e8res Vorsto\u00df hat eine breite Debatte ausgel\u00f6st, die jedoch den hier vertretenen Blickwinkel nicht zu Wort kommen l\u00e4sst: Kultur als eine Klassenfrage zu behandeln und darauf hinzuweisen, dass die Lebensweisen der Superreichen und der Masse der lohnabh\u00e4ngigen Bev\u00f6lkerung sich eklatant unterscheiden. Es wird nicht zum ersten mal \u00fcber die Frage einer \u201eLeitkultur\u201c gestritten. Wieder ist es der Versuch aus den Reihen von CDU\/CSU am rechten Rand zu fischen und gleichzeitig von den wirklich dr\u00e4ngenden sozialen Fragen in der Gesellschaft abzulenken. Wer \u00fcber Leitkultur streitet, streitet nicht \u00fcber Niedrigl\u00f6hne, befristete Arbeitsverh\u00e4ltnisse, Klimawandel oder Rassismus \u2026.<\/em><\/p>\n<p>[&#8230;] Differenzierungen sind Thilo Sarrazin unbekannt. F\u00fcr ihn gibt es nur die MigrantInnen und vor allem die Muslime, die \u201eintegrationsunwillig\u201d sind und in Parallelgesellschaften leben. Doch was soll \u201eIntegration\u201d eigentlich sein und was ist eine Parallelgesellschaft?<\/p>\n<p>Der Integrationsbegriff wird von den meisten Menschen, Deutschen wie Nichtdeutschen, positiv gesehen. Er steht in ihren Augen f\u00fcr ein friedliches Zusammenleben von Menschen aus unterschiedlichen Nationen und Religionsgemeinschaften.<\/p>\n<p>Amir, ein Interviewpartner aus Ahmet Topraks Studie \u00fcber Muslime, fasst das so zusammen:<\/p>\n<p><em>\u201e<span lang=\"de-DE\">Integration ist, ja, wie soll ich sagen, wenn die Menschen hier angekommen und willkommen sind. Wenn zum Beispiel alle Arbeit bekommen und es nicht hei\u00dft, Deutsche werden bevorzugt. Wenn auch ausl\u00e4ndische Kinder ins Gymnasium kommen oder wenn wir auch bessere Wohnungen bekommen und so. (&#8230;) Was braucht man daf\u00fcr. Ich denke, man muss schon gut Deutsch k\u00f6nnen, ohne Deutsch geht das nicht. Wir m\u00fcssen uns mehr anstrengen, um Deutsch zu lernen. Wir k\u00f6nnen besser Deutsch lernen, wenn wir willkommen sind.\u201d<\/span><span lang=\"de-DE\"><a href=\"#sdendnote1sym\" name=\"sdendnote1anc\">i<\/a><\/span><\/em><\/p>\n<p>Integration in diesem positiven Sinne muss also eine strukturelle, soziale Komponente umfassen und kann nicht ohne soziale und demokratische Rechte der MigrantInnen gedacht werden.<\/p>\n<p>Der Begriff \u201eIntegration\u201d ist aber zu einem Kampfbegriff derjenigen Kr\u00e4fte geworden, die daf\u00fcr verantwortlich sind, MigrantInnen soziale und demokratische Rechte zu verweigern. Er steht nicht f\u00fcr soziale und rechtliche Gleichheit, sondern f\u00fcr Anpassung und Assimilation, also die Aufgabe eigener spezifischer Identit\u00e4tsmerkmale.<br \/>\nDas gibt Sarrazin selber zu:<\/p>\n<p><em>\u201e<span lang=\"de-DE\">Assimilation und Integration werden gern gegeneinander ausgespielt. Eigentlich ist es ein Scheingegensatz und ein Streit um Worte. Denn wer integriert ist, ist auch immer ein St\u00fcck weit assimiliert und assimiliert kann man sowieso nicht sein, ohne integriert zu sein.\u201d<\/span><span lang=\"de-DE\"><a href=\"#sdendnote2sym\" name=\"sdendnote2anc\">ii<\/a><\/span><\/em><\/p>\n<p>Es wird auf die \u201cintegrationsunwilligen\u201d MigrantInnen und Muslime geschimpft. Integrationsunwillig sind dann diejenigen, die angeblich kein Deutsch lernen wollen, Deutschenfeindlichkeit verbreiten, kulturelle und religi\u00f6se Werte vertreten, die nicht der vermeintlich deutschen Kultur entsprechen. Diese Haltung wird nicht nur von offenen Rassisten wie Sarrazin vertreten. Viele b\u00fcrgerliche Politiker haben die Sarrazin-Debatte zum Anlass genommen, sich von seinen Aussagen zum \u201eJuden-Gen\u201d und seinen Pauschalisierungen zu distanzieren, um dann in das Sarrazinsche Horn gegen \u201eintegrationsunwillige\u201d MigrantInnen zu blasen.<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6rt unter anderem auch der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, der sagte:<\/p>\n<p><em>\u201e<span lang=\"de-DE\">Wer auf Dauer alle Integrationsangebote ablehnt, der kann ebenso wenig in Deutschland bleiben wie vom Ausland bezahlte Hassprediger in Moscheen.\u201d<\/span><span lang=\"de-DE\"><a href=\"#sdendnote3sym\" name=\"sdendnote3anc\">iii<\/a><\/span><\/em><\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\">Der Begriff der Integration ist genauso schwammig wie der Begriff der Integrationsunwilligkeit. Betrachtet man den in letzterem enthaltenen Vorwurf der negativen Einstellung zu Deutschland oder den Deutschen, zeigen jedoch viele Studien, dass dies auf eine Mehrheit von MigrantInnen nicht zutrifft, wobei man zu dieser Erkenntnis auch gelangen konnte, wenn man w\u00e4hrend der Fu\u00dfballweltmeisterschaft einen Blick in t\u00fcrkische, arabische, albanische oder andere Gastst\u00e4tten geworfen hat. Tats\u00e4chlich geben mehr Muslime eine <\/span><span lang=\"de-DE\">\u201eenge Bindung zur Bundesrepublik\u201d<\/span><span lang=\"de-DE\"> an als Nicht-Muslime.<\/span><span lang=\"de-DE\"><a href=\"#sdendnote4sym\" name=\"sdendnote4anc\">iv<\/a><\/span><\/p>\n<p>Gleichzeitig ist es angesichts der strukturellen sozialen und politischen Diskriminierung und nicht zuletzt der islamfeindlichen Kampagnen der letzten Jahre keine \u00dcberraschung, wenn sich Teile der MigrantInnen zur\u00fcckziehen und \u201edesintegrieren\u201d.<\/p>\n<p>Ein von Ahmet Toprak nach Widerstand gegen \u201eWerte und Normen der Mehrheitsgesellschaft\u201d innerhalb bestimmter muslimischer Milieus befragter Imam antwortete darauf:<\/p>\n<p><em>\u201e<span lang=\"de-DE\">Die Frage kann ich mit gemischten Gef\u00fchlen beantworten. Eigentlich sind die meisten gegen\u00fcber Deutschland und [der deutschen] Gesellschaft sehr offen. Sie wollen sich auch integrieren. Aber aufgrund der Misserfolge im Bildungsbereich, auf dem Arbeitsmarkt oder bei Benachteiligungen im Alltag ziehen sich viele zur\u00fcck. Viele schimpfen am Anfang auf Deutsche und die deutsche Politik. Das ist erst einmal harmlos. Aber einige werden doch radikaler gegen\u00fcber der deutschen Gesellschaft, weil sie auch viel Zustimmung von ihrem Umfeld erfahren. Diese Menschen ziehen sich dann zur\u00fcck, lehnen alles ab und sehen sich als Opfer der deutschen Politik. Und deren Zahl w\u00e4chst leider in meiner Gemeinde.\u201d<\/span><span lang=\"de-DE\"><a href=\"#sdendnote5sym\" name=\"sdendnote5anc\">v<\/a><\/span><\/em><\/p>\n<p>Der hier beschriebene Prozess findet zweifellos statt und stellt eine Gefahr dar. Jedoch weniger eine Gefahr f\u00fcr die \u201edeutsche Leitkultur\u201d als f\u00fcr die in Deutschland lebende Arbeiterklasse, denn er vertieft Spaltungspotenziale und erschwert gemeinsame Gegenwehr gegen Sozialabbau und Arbeitsplatzvernichtung. Die von dem Imam beschriebene Haltung trifft bisher aber nur auf eine Minderheit unter muslimischen MigrantInnen zu. Vor allem aber ist sie nicht zwangsl\u00e4ufig Folge ihrer Religion, Kultur oder genetischen Disposition, sondern der sozialen, politischen und \u00f6konomischen Lage dieser Menschen. F\u00fcr diese sind wiederum wesentlich das kapitalistische Wirtschaftssystem und die Regierungen verantwortlich und nicht die MigrantInnen selber. Eine Verantwortung tr\u00e4gt allerdings auch die politische Linke und die Gewerkschaften. Diese haben die Aufgabe den zurecht w\u00fctenden, von dem kapitalistischen Deutschland entfremdeten und entt\u00e4uschten MigrantInnen (und den genauso w\u00fctenden und entt\u00e4uschten deutschen ArbeiterInnen und Erwerbslosen) eine Perspektive f\u00fcr einen gemeinsamen Kampf von deutschen und nichtdeutschen Besch\u00e4ftigten und Erwerbslosen f\u00fcr soziale Verbesserungen aufzuzeigen. Fehlt eine solche Perspektive, haben es rechte Rattenf\u00e4nger einfacher, Menschen zu erreichen \u2013 was sowohl f\u00fcr deutschnationale Rechtspopulisten als auch f\u00fcr reaktion\u00e4re islamische Fundamentalisten gilt.<\/p>\n<p>Die pauschal an MigrantInnen gerichtete Forderung nach Integration muss, \u2013 in dem Sinne, wie sie von b\u00fcrgerlichen Politikern aufgestellt wird \u2013 zur\u00fcck gewiesen werden. Linke sollten sich den von pro-kapitalistischen und die Diskriminierung von MigrantInnen aufrecht erhaltenden Kr\u00e4ften gepr\u00e4gten Integrationsbegriff nicht zu Eigen machen. Kritische Kr\u00e4fte unter den MigrantInnen weisen den Begriff auch deshalb zur\u00fcck, weil sie ihn als Aufforderung verstehen, die eigene Kultur und die eigenen Traditionen zumindest ein St\u00fcck weit aufzugeben.<\/p>\n<p>Das machte Sarrazin selber in einem Interview mit der t\u00fcrkischen Tageszeitung H\u00fcrriyet deutlich:<\/p>\n<p><em>\u201e<span lang=\"de-DE\">Die Migranten sind in diesem Land herzlich willkommen. Aber diese Menschen m\u00fcssen sich innerhalb eines Zeitraums der deutschen Gesellschaft anpassen. (&#8230;) Ich m\u00f6chte nicht, dass sich in Deutschland nationale Minderheiten bilden (&#8230;) Mein Problem sind die T\u00fcrken und Moslems, die (&#8230;) ihre eigene Kultur und Identit\u00e4t nicht ablegen wollen.\u201d<\/span><span lang=\"de-DE\"><a href=\"#sdendnote6sym\" name=\"sdendnote6anc\">vi<\/a><\/span><\/em><\/p>\n<p>Dies gilt umso mehr, da die Pr\u00e4missen der Integrationsforderung nationalistisch und schlichtweg falsch sind. Denn sie gehen von einer einheitlichen deutschen Gesellschaft und einer einheitlichen deutschen Kultur aus. Deshalb immer wieder der Vorwurf, MigrantInnen w\u00fcrden Parallelgesellschaften bilden, und deshalb immer wieder die Forderung nach einer deutschen Leitkultur.<\/p>\n<h4>Eine deutsche Kultur?<\/h4>\n<p><span lang=\"de-DE\">Tats\u00e4chlich gibt es in dem Sinne, wie diese Aussagen gemeint, sind weder <\/span><span lang=\"de-DE\">eine<\/span><span lang=\"de-DE\"> deutsche Gesellschaft noch <\/span><span lang=\"de-DE\">eine<\/span><span lang=\"de-DE\"> deutsche Kultur. <\/span><\/p>\n<p>Soziologisch bezeichnet der Begriff Gesellschaft eine Gruppe von Menschen, die zusammen leben. Tats\u00e4chlich leben aber in einem Staat unterschiedliche Gruppen von Menschen in unterschiedlicher Art und Weise zusammen. Migrantische \u201eParallelgesellschaften\u201d einer deutschen Gesellschaft gegen\u00fcber zu stellen, hat nichts mit der Realit\u00e4t zu tun. Das Leben findet f\u00fcr den gro\u00dfen Teil der Menschen vor allem auf der Arbeit und in ihrer Wohngegend statt. Hier leben MigrantInnen und Deutsche zusammen. Sie eint ihre Existenz als Lohnabh\u00e4ngige und als MieterInnen und Nachbarn. Sie fahren in denselben Bussen und U-Bahnen, kaufen bei ALDI ein und haben sehr \u00e4hnliche Sorgen und W\u00fcnsche. Genauso gibt es gro\u00dfe Schnittmengen in ihrer Kultur, wenn man diese als Lebensweise betrachtet. Das gilt nicht nur in einem Land, sondern sogar \u00fcber L\u00e4ndergrenzen hinweg. Die Unterschiede in der Lebensweise und dementsprechend auch die Bildung von \u201eParallelgesellschaften\u201d finden vielmehr zwischen den sozialen Klassen statt.<\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\">Peter Hadden schrieb in seinem Buch <\/span><span lang=\"de-DE\">\u201eTroubled Times\u201d<\/span><span lang=\"de-DE\">, das sich mit der nationalen Frage in Irland auseinandersetzt: <\/span><\/p>\n<p><em>\u201e<span lang=\"de-DE\">In jeder kapitalistischen Nation gibt es zwei zu unterscheidende Gruppen: Die herrschende Klasse und ihre Gefolgsleute auf der einen Seite und die Arbeiterklasse auf der anderen Seite, mit verschiedenen Schichten dazwischen. Hinsichtlich gemeinsamer Interessen, Lebensstile und sogar Kultur im breiteren Sinne, was besonders im heutigen elektronischen Zeitalter gilt, hat die Arbeiterklasse in einem Land sehr viel mehr mit ArbeiterInnen anderer L\u00e4nder gemein als mit ihren eigenen Herrschern. Der b\u00fcrgerliche Nationalismus versucht diese Tatsache dadurch zu verschleiern, dass er betont, wir alle seien entweder franz\u00f6sisch, englisch, deutsch etc. &#8211; egal ob wir in einem bauf\u00e4lligen Reihenhaus oder einer Villa leben, ob wir mit dem Bus oder einem Privathubschrauber reisen, ob wir unt\u00e4tig und arm von St\u00fctze oder unt\u00e4tig und von Reichtum verw\u00f6hnt, von Aktien und Investitionen leben. Dieser nationalen Solidarit\u00e4t der Unterdr\u00fccker und Unterdr\u00fcckten stellt der Marxismus die internationale Solidarit\u00e4t aller Unterdr\u00fcckten gegen jede Form von Unterdr\u00fcckung entgegen.\u201d<\/span><span lang=\"de-DE\"><a href=\"#sdendnote7sym\" name=\"sdendnote7anc\">vii<\/a><\/span><\/em><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich h\u00f6ren Jugendliche weltweit dieselbe Musik, begeistern sich junge M\u00e4nner in Nigeria f\u00fcr englischen Fu\u00dfball, kauften Menschen von Japan \u00fcber die Philippinen bis zur Tschechischen Republik im Dezember 2010 wie verr\u00fcckt Michael Jacksons posthum ver\u00f6ffentlichtes Album \u201eMichael\u201d, treffen sich alle bei facebook und kaufen bei H&amp;M ein. Sogar den \u201eTatort\u201d schauen MigrantInnen gerne \u2013 etwas, was Sarrazin von ihnen trotzdem einfordert.<a href=\"#sdendnote8sym\" name=\"sdendnote8anc\">viii<\/a> Er hat nun einmal keine Ahnung, denn das Fernsehkonsumverhalten von MigrantInnen ist recht ausgewogen zwischen deutschen und nichtdeutschen Programmen.<a href=\"#sdendnote9sym\" name=\"sdendnote9anc\">ix<\/a><\/p>\n<h4>\u201e<span lang=\"de-DE\">Parallelgesellschaften\u201c gibt es viele<\/span><\/h4>\n<p>Und kein Lohnabh\u00e4ngiger oder Erwerbsloser kann am Wochenende mal kurz nach Monaco fliegen, um dort im Spielcasino ein paar zehntausend Euro zu setzen, oder verbringt seinen Urlaub auf einer f\u00fcr hunderttausende Euro gemieteten Privatinsel in der S\u00fcdsee. Die Reichen und Superreichen bilden zweifelsfrei eine Parallelgesellschaft, wenn man diesen Begriff bem\u00fchen will. Sie leben unter sich in feinen Wohngegenden, oftmals durch private Sicherheitsdienste gesch\u00fctzt. Sie feiern ihre eigenen Feste und kaufen nicht von der Stange. W\u00e4hrend deutsche Arbeiter morgens um sechs Uhr bei Daimler neben ihren t\u00fcrkischen Kollegen am Flie\u00dfband stehen, albanische und deutsche Sch\u00fclerInnen ab acht die Schulbank dr\u00fccken und die polnisch-deutsche Friseurin zwei Stunden sp\u00e4ter gemeinsam mit ihrer arabischen Auszubildenden den Friseursalon \u00f6ffnet, liegen diese Damen und Herren noch im Bett und lassen hoch bezahlte Manager mit ihren Millionen spekulieren. Die \u201eeinfachen Leute\u201d haben mit denen da oben verschwindend wenig gemeinsam, egal welcher Nationalit\u00e4t und Religion sie jeweils angeh\u00f6ren. Die arabischen Scheichs, die sich Jahr f\u00fcr Jahr in M\u00fcnchener Krankenh\u00e4usern als Privatpatienten behandeln lassen und in den Nobelgesch\u00e4ften auf Shoppingtour gehen, werden von den Sarrazins aus ihrer Kritik an der Nichtanerkennung der deutschen Kultur ausgenommen, auch wenn ihre Frauen verschleiert durch die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone spazieren. Eine Kr\u00e4he hackt der anderen kein Auge aus, egal welche Farbe das Gefieder hat.<\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\">Und nat\u00fcrlich gibt es viele \u201eParallelgesellschaften\u201d in einem Staat. Christian Rath hat in der <\/span><span lang=\"de-DE\">taz<\/span><span lang=\"de-DE\"> zurecht die Forderung erhoben, die \u201eParallelgesellschaft\u201d, die die katholische Kirche in Deutschland bildet, einzuhegen: <\/span><span lang=\"de-DE\">\u201eDie deutsche Justiz darf nicht l\u00e4nger vor den Anspr\u00fcchen der Kirchen \u2018kapitulieren\u2019, wie Sarrazin sagen w\u00fcrde &#8211; wenn es um den Islam ginge.\u201d<\/span><span lang=\"de-DE\"><a href=\"#sdendnote10sym\" name=\"sdendnote10anc\">x<\/a><\/span><\/p>\n<p>Die katholische Kirche hat n\u00e4mlich das Recht, leitenden Mitarbeitern wegen Ehebruch zu k\u00fcndigen, verweigert ihren Mitarbeitern das Streikrecht, und zwingt letztere unter ein von der Amtskirche selbst geschaffenes Mitarbeitervertretungsgesetz statt des Betriebsverfassungs- oder Personalvertretungsgesetzes!<\/p>\n<p>Zweifellos bilden auch Fu\u00dfballfans, KarnevalistInnen, EsoterikerInnen, K\u00fcnstlerInnen, HinduistInnen und VeganerInnen \u201eParallelgesellschaften\u201d. Das betrachtet aber niemand als Problem, weil es f\u00fcr die \u201eGesamt-Gesellschaft\u201d auch kein Problem darstellt, solange sich diese \u201eparallelgesellschaftlichen\u201d Gruppenzusammenh\u00e4nge nicht so verhalten, das anderen geschadet wird. Die muslimische \u201eParallelgesellschaft\u201d wird aus politischen Gr\u00fcnden zur Verursacherin von Missst\u00e4nden konstruiert \u2013 von denen, die davon ablenken wollen, dass Arbeitslosigkeit, Armut und Diskriminierung ganz andere Ursachen haben.<\/p>\n<p>Es schadet \u00fcbrigens auch niemandem, wenn Muslime die deutsche Sprache nicht sprechen \u2013 au\u00dfer ihnen selber! Denn ihre Chancen auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt werden dadurch nur schlechter. Dessen ist sich auch die \u00fcbergro\u00dfe Mehrheit bewusst und sch\u00e4tzt deshalb das Erlangen der deutschen Sprache als sehr wichtig ein.<\/p>\n<p>Die von der Bundesregierung mittlerweile angebotenen Integrationskusre werden auch sehr gut angenommen \u2013 so gut, dass ihr Angebot nicht ausreicht und sich im Dezember 2010 20.000 MigrantInnen in der monatelangen Warteschleife befanden.<a href=\"#sdendnote11sym\" name=\"sdendnote11anc\">xi<\/a><\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\">Allerdings wird hinsichtlich des Sprachproblems mit muslimischen MigrantInnen anders umgegangen, als mit MigrantInnen aus anderen Sprachr\u00e4umen. Sineb El Masrar beschreibt in einem Interview ein Erlebnis, das so \u00e4hnlich heutzutage sicherlich kein Einzelfall ist. <\/span><span lang=\"de-DE\">\u201eIch habe zum Beispiel erlebt wie ein Mann mit Akzent in der U-Bahn leise telefonierte. Beim Aussteigen schrie ihm eine Frau hinterher: &#8218;Lern erstmal Deutsch, du Affe!&#8217;\u201d<\/span><span lang=\"de-DE\"><a href=\"#sdendnote12sym\" name=\"sdendnote12anc\">xii<\/a><\/span><\/p>\n<p>So etwas geschieht wei\u00dfen, englischsprachigen MigrantInnen wohl kaum, wie diese auch unter keinen gesellschaftlichen oder staatlichen Druck geraten, die deutsche Sprache zu erlernen. Viele leben jahrelang in Deutschland und kommen mit ihrem Englisch wunderbar \u00fcber die Runden \u2013 niemand betrachtet das als Angriff auf \u201edie deutsche Lebensweise\u201c.<\/p>\n<div id=\"sdendnote1\">\n<h5><a href=\"#sdendnote1anc\" name=\"sdendnote1sym\">i<\/a><span lang=\"de-DE\">Ahmet Toprak, Integrationsunwillige Muslime?, S. 165<\/span><\/h5>\n<\/div>\n<p><a href=\"#sdendnote2anc\" name=\"sdendnote2sym\">ii<\/a><span lang=\"de-DE\">Thilo Sarrazin, Deutschland schafft sich ab, S. 309<\/span><\/p>\n<p><a href=\"#sdendnote3anc\" name=\"sdendnote3sym\">iii<\/a><span lang=\"de-DE\">Financial Times Deutschland vom 21.9.2010<\/span><\/p>\n<p><a href=\"#sdendnote4anc\" name=\"sdendnote4sym\">iv<\/a><span lang=\"de-DE\">Linke Argumente gegen rechte Hetze, S. 9<\/span><\/p>\n<p><a href=\"#sdendnote5anc\" name=\"sdendnote5sym\">v<\/a><span lang=\"de-DE\">Ahmet Toprak, Integrationsunwillige Muslime?, S.164<\/span><\/p>\n<p><a href=\"#sdendnote6anc\" name=\"sdendnote6sym\">vi<\/a><span lang=\"de-DE\">H\u00fcrriyet vom 28.8.2010 in Sarrazin. Eine deutsche Debatte<\/span><\/p>\n<p><a href=\"#sdendnote7anc\" name=\"sdendnote7sym\">vii<\/a><span lang=\"de-DE\">Peter Hadden, Troubled Times, S.144\/45, Belfast, 1995, eigene \u00dcbersetzung<\/span><\/p>\n<p><a href=\"#sdendnote8anc\" name=\"sdendnote8sym\">viii<\/a>H\u00dcRRIYET, 28.28.8.2010<\/p>\n<p><a href=\"#sdendnote9anc\" name=\"sdendnote9sym\">ix<\/a>Sineb El Masrar, Muslim Girls, S. 161<\/p>\n<p><a href=\"#sdendnote10anc\" name=\"sdendnote10sym\">x<\/a><span lang=\"de-DE\">www.taz.de vom 23.9.2010<\/span><\/p>\n<p><a href=\"#sdendnote11anc\" name=\"sdendnote11sym\">xi<\/a>www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,718855,00.html<\/p>\n<div id=\"sdendnote12\">\n<h5><a href=\"#sdendnote12anc\" name=\"sdendnote12sym\">xii<\/a><span lang=\"de-DE\">Berliner Zeitung vom 16.10.2010<\/span><\/h5>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Passende Ausz\u00fcge aus dem \u201eAnti-Sarrazin\u201c zum Ablenkungsman\u00f6ver des Innenministers de Maizi\u00e8re<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":33499,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[6],"tags":[878,880,879],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34575"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=34575"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34575\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":34577,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34575\/revisions\/34577"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/33499"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=34575"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=34575"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=34575"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}