Von Ursel Beck<\/em><\/p>\nAus der urspr\u00fcnglich revolution\u00e4r-sozialistischen Arbeiterpartei von Marx, Engels, Bebel und Kautsky hatte sich die SPD Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer Partei mit drei Fl\u00fcgeln entwickelt: einem rechten revisionistischen Fl\u00fcgel um Eduard Bernstein, dem \u201emarxistischen Zentrum\u201c um Bebel und Kautsky und dem revolution\u00e4r-marxistischen Fl\u00fcgel um Rosa Luxemburg, Clara Zetkin und Franz Mehring. Der Begriff \u201emarxistisches Zentrum\u201c stammt von Bebel und Kautsky. Sie begr\u00fcndeten damit den Zentrismus als Str\u00f6mung, der zwischen dem rechten und dem revolution\u00e4ren Pol der Arbeiterbewegung schwankt. Diese Entwicklung blieb nicht auf Deutschland und nicht auf die damalige Zeit beschr\u00e4nkt. Sie wurde zu einem Ph\u00e4nomen im imperialistischen Zeitalter des Kapitalismus, zu der unter anderem der Austromarxismus und die POUM in der spanischen Revolution in den 1930er Jahren geh\u00f6rt. So wie sich Bebel und Kautsky durch den Zentrismus vom Marxismus weg bewegten, gibt es auch die umgekehrte Entwicklung weg vom Reformismus zum Zentrismus bzw. \u00fcber den Zentrismus zum Marxismus. Daf\u00fcr ist die Entwicklung in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg und die USPD ein Beispiel.<\/p>\n
SPD und der Krieg<\/h4>\n
Vor dem Ersten Weltkrieg wurde zun\u00e4chst der rechte Fl\u00fcgel der SPD enorm gest\u00e4rkt. Dies geschah \u00fcber den parlamentarischen Aufstieg, der die SPD 1912 zur gr\u00f6\u00dften Fraktion im Reichstag machte. Die Partei hatte eine Million, die sozialdemokratischen Gewerkschaften 2,5 Millionen Mitglieder. H\u00e4tte die SPD die Kriegskredite abgelehnt und ihre Position in den Parlamenten und ihre starke Verankerung genutzt, ihre Mitglieder und W\u00e4hler zum Widerstand gegen den Krieg und zum Sturz von Kaiserreich und kapitalistischer Herrschaft aufzurufen, h\u00e4tte der Erste Weltkrieg wohl nicht ganz verhindert, aber deutlich verk\u00fcrzt werden k\u00f6nnen. Noch im Juli und August 1914 kam es im ganzen Land zu Massendemonstrationen gegen den drohenden Krieg, an denen Hunderttausende teilnahmen. Mit Beginn des Krieges wurden alle Demonstrationen eingestellt. Die SPD-Abgeordneten schlossen Burgfrieden mit Kaiser und Kapitalisten und schickten ihre Anh\u00e4nger in den Krieg. Diese Entwicklung war nicht wirklich \u00fcberraschend. Auf dem Jenaer Parteitag 1913 hatte Rosa Luxemburg die Zustimmung zur Heeresvorlage durch die SPD-Fraktion scharf kritisiert: \u201eDas ist eine schiefe Ebene, auf der es kein Halt mehr gibt.\u201c Sie sagte voraus, dass es mit einer solchen Politik auch zur Zustimmung zu Kriegskrediten kommt. Und so kam es.<\/p>\n
Am 4. August 1914 \u2013 dem Tag des Einmarsches deutscher Truppen in Belgien \u2013 bewilligte die sozialdemokratische Reichstagsfraktion dem Kaiserreich die Kriegskredite. Das zeigte, dass die SPD nicht mehr Todfeind der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft war. Sie war zu einer Arbeiterpartei mit einer b\u00fcrgerlichen F\u00fchrung geworden. 14 von 110 SPD-Abgeordnete waren gegen die Kriegskredite. Aus Fraktionsdisziplin stimmten im Parlament jedoch alle zu. Im Dezember 1914 brach Karl Liebknecht als erster die Fraktionsdisziplin und lehnte fortan alle weiteren Kriegskredite ab. Er nutzte jeden parlamentarischen und au\u00dferparlamentarischen Spielraum um gegen Krieg und Kapitalismus aufzutreten. Er war deshalb der erste, der aus der Reichstagsfraktion ausgeschlossen wurde. An der Parteibasis gab es von Anfang an gro\u00dfe Opposition gegen die Politik der Reichstagsfraktion und enorme Unterst\u00fctzung f\u00fcr Karl Liebknecht. Es gab aber keine reichsweite Organisation, die diese Opposition repr\u00e4sentierte.<\/p>\n
MarxistInnen nicht organisiert<\/h4>\n
Im Gegensatz zu den Bolschewiki, die sich bereits 1903 als Fraktion in der russischen Sozialdemokratie organisierten und sich im Jahr 1912 als revolution\u00e4re Partei von den Menschewiki abspalteten, waren die deutschen MarxistInnen nicht organisiert. Einen gr\u00f6\u00dferen organisatorischen Zusammenhalt gab es nur dort, wo sie auf lokaler Ebene in der SPD eine Mehrheit hatten oder wie in der Frauen- und Jugendbewegung eine starke Position. Selbst die 1915 gebildete Gruppe Internationale, die 1916 zum Spartakusbund wurde, war eine lose Organisation, die ihre Unterst\u00fctzerInnen nicht gezielt ausbildete und keine kollektiven Diskussionen und Entscheidungen traf. Die MarxistInnen in der SPD hatten auch keine reichsweite Zeitung. Der Parteiapparat und die Parteipresse der SPD waren unter Kontrolle der Rechten und der Zentristen. In den Landtagen und im Reichstag hatten die Rechten \u00fcberall die Mehrheit. Dadurch waren sie extrem gut vernetzt und hatten viele Machtmittel in der Hand. Nach Kriegsbeginn nutzten die Rechten ihre Position, um in der Partei einen B\u00fcrgerkrieg gegen Kriegsgegner und Revolution\u00e4re loszutreten. Darauf waren die Revolution\u00e4re in der Partei weder politisch noch organisatorisch vorbereitet. Es r\u00e4chte sich nun bitter, dass die MarxistInnen in der SPD sich nicht lange vor dem Krieg als revolution\u00e4re Organisation und Fraktion mit einer reichsweiten Zeitung in Stellung gebracht hatten. Das bedeutete auch einen ungeheueren Blutverlust. Denn es gab keine schlagkr\u00e4ftige Organsisation, die verfolgte Revolution\u00e4re vor Gef\u00e4ngnis, Ermordung oder Tod auf dem Schlachtfel des Krieges durch Untertauchen oder Exil in Sicherheit h\u00e4tte bringen k\u00f6nnen. Eine revolution\u00e4re Organisation von MarxistInnen in der SPD h\u00e4tte sp\u00e4testens nach der Zustimmung zu den Kriegskrediten ernsthaft diskutieren m\u00fcssen, unter welchen Bedingungen und zu welchem Zeitpunkt eine organisatorische Abspaltung von der SPD und der Aufbau einer revolution\u00e4ren Partei stattfinden soll.<\/p>\n
Obwohl 1915 viele Mitglieder, darunter Prominente wie Liebknecht und Landtagsabgeordnete aus der SPD ausgeschlossen wurden und es bereits in einigen St\u00e4dten Linksabspaltungen gab, obwohl einzelne Spartakisten und andere Linke bereits 1915 f\u00fcr eine Abspaltung von der SPD argumentierten, hat die Gruppe um Rosa Luxemburg einen organisatorischen Bruch mit der SPD abgelehnt.<\/p>\n
Bei der Zimmerwalder Konferenz von Oppositionellen verschiedener Sektionen der Zweiten Internationale 1915 argumentierte Lenin f\u00fcr einen organisatorischen Bruch mit der SPD und f\u00fcr den Aufbau einer revolution\u00e4ren Internationale. Er wurde dabei von den Vertretern der \u201eGruppe Internationale\u201c nicht unterst\u00fctzt.<\/p>\n
Selbst 1916 nachdem die zentristischen Abweichler aus der Reichstagsfraktion ausgeschlossen wurden, wurde unter der \u00dcberschrift \u201eKampf um die Partei\u201c in den Spartakusbriefen ein Artikel ver\u00f6ffentlicht in dem der Parteispitze der politische Kampf angesagt wurde, gleichzeitig eine organisatorische Trennung abgelehnt wurde. Dadurch wurde auch die Chance verspielt mit bereits aus der SPD ausgetretenen oder ausgeschlossenen Linken, wie den Bremer Linksradikalen, zusammenzuarbeiten oder sogar zu fusionieren. M\u00f6glicherweise h\u00e4tte dadurch verhindert werden k\u00f6nnen, dass diese Kr\u00e4fte in ultralinkes Fahrwasser gerieten und sp\u00e4ter in der dann gegr\u00fcndeten KPD eine Mehrheit f\u00fcr ihre Positionen durchsetzen konnten.<\/p>\n
\u00dcbersch\u00e4tzung der Spontaneit\u00e4t der Massen<\/h4>\n
Rosa Luxemburg \u00fcbersch\u00e4tzte die Bedeutung von revolution\u00e4rer Aufkl\u00e4rung und Agitation und die Spontaneit\u00e4t der Massen f\u00fcr eine siegreiche Revolution und untersch\u00e4tzte die Bedeutung einer revolution\u00e4ren Partei und F\u00fchrung, wenn sie auch \u2013 anders als das so manche vermeintlichen Luxemburg-Anh\u00e4ngerInnen darstellen \u2013 von der Notwendigkeit einer Partei \u00fcberzeugt war. Rosa Luxemburg ging davon aus, dass die Arbeiterklasse die SPD wieder auf den revolution\u00e4r-sozialistischen Weg zur\u00fcckbringt. In Ihrer Brosch\u00fcre zum Massenstreik schrieb sie 1906, dass die Gewerkschafts-und Parteif\u00fchrer \u201eeinfach auf die Seite geschoben und die \u00f6konomischen wie die politischen K\u00e4mpfe der Massen ohne sie ausgek\u00e4mpft werden.\u201c Die Geschichte der deutschen Revolution gab ihr Unrecht. In gewisser Weise war eine revolution\u00e4re Partei in der Deutschen Revolution sogar noch wichtiger als in Russland. Denn die herrschende Klasse in Deutschland war viel st\u00e4rker, die F\u00fchrer der Sozialdemokratie noch verkommener und viel raffinierter als die Menschewiki. Die Rechten in der SPD nutzten ihre Positionen um sich an die Spitze der Revolution zu stellen mit dem Ziel sie zu verraten und niederzuschlagen. Sie lie\u00dfen sich in die Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te und deren F\u00fchrungsgremien w\u00e4hlen, um sie zu entmachten. Die rechte SPD-Spitze war auch Mitt\u00e4ter bei der Ermordung von Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und vieler anderer Revolution\u00e4re.<\/p>\n
Tradition des Zentrismus<\/h4>\n
Die Tradition des Zentrismus in der SPD bestand im Wesentlichen darin sich durch marxistische Rhetorik von den Rechten zu unterscheiden. Wenn es hart auf hart kam, wenn es darum ging Worte in Taten zu verwandeln, gingen sie ein B\u00fcndnis mit den Rechten in Partei und Gewerkschaften ein. In der Massenstreikdebatte hatte das \u201emarxistische Zentrum\u201c mit den Linken auf dem Jenaer Parteitag 1905 einem Beschluss \u00fcber den Generalstreik als Kampfmittel der Sozialdemokratie zur Mehrheit verholfen. Ein Jahr sp\u00e4ter schloss Bebel mit den rechten Gewerkschaftsf\u00fchrern einen Pakt gegen die Anwendung des Mittels Generalstreik.<\/p>\n
Auf den Kongressen der Zweiten Internationale unterst\u00fctzten die Zentristen den Beschluss, wonach , die durch den Krieg herbeigef\u00fchrte wirtschaftliche und politische Krise zur Aufr\u00fcttelung des Volkes auszun\u00fctzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen\u201c sei. Als der Krieg begann beugten sie sich lange der Fraktionsdisziplin und stimmten den Kriegskrediten zu. Karl Kautsky hatte die SPD-Fraktion bei der Abstimmung zu den Kriegskrediten beraten. Er empfahl Stimmenthaltung. Gleichzeitig erkl\u00e4rte er, dass man den Kriegskrediten ohne Versto\u00df gegen die Parteigrunds\u00e4tze zustimmen k\u00f6nne, wenn man die russische Mobilmachung als Kriegsursache und damit den Krieg als Verteidigungskrieg betrachte.<\/p>\n
Hugo Haase, Angeh\u00f6riger des zentristischen Fl\u00fcgels der Partei, wurde nach dem Tod von August Bebel ab 1913 neben Ebert Parteivorsitzender und neben Scheidemann Fraktionsvorsitzender. Er war sich nicht zu schade am 4.8. f\u00fcr die Fraktion die Zustimmung zu den Kriegskrediten zu begr\u00fcnden. Unter anderem mit den Worten: \u201eWir lassen das Vaterland in der Stunde der Gefahr nicht im Stich\u201c.<\/p>\n
Karl Liebknecht hatte gezeigt wie Sozialisten die Parlamente nutzen k\u00f6nnen um die Herrschenden frontal anzugreifen, die W\u00e4hler aufzukl\u00e4ren und in Stellung zu bringen gegen Regierung und Kapital. Er stellte entlarvende Anfragen und macht im Reichtstag die korrupten Machenschaften der R\u00fcstungsindustriellen \u00f6ffentlich. \u201eKrieg dem Krieg\u201c und der \u201eHauptfeind steht im eigenen Land\u201c waren die Kurzformel seiner Position. 1916 setzte er sich \u00fcber das Versammlungsverbot und den von SPD und Gewerkschaften im Rahmen ihrer Burgfriedenspolitik gegebenen Demonstrationsverzicht hinweg. Er organisierte zusammen mit anderen eine illegale Kundgebung am 1. Mai mit 10.000 TeilnehmerInnen. Auch in anderen St\u00e4dten wurden \u00e4hnliche Aufrufe und Kundgebungen organisiert. Karl Liebknecht wurde dabei verhaftet und zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. In vielen Betrieben kam es daraufhin zu Streiks gegen die Verhaftung von Liebknecht. Es waren die ersten politischen Massenstreiks in der deutschen Geschichte. Liebknechts Auftritte und Attacken im Parlament sowie die von ihm mitinitiierten und mitorganisierten illegalen Aktionen wurden von den zentristischen Abgeordneten nicht unterst\u00fctzt, sondern kritisiert. Hugo Haase stand Liebknecht lediglich als Anwalt im Hochverratsprozess bei.<\/p>\n
Zentristische Abgeordnete geraten in Opposition<\/h4>\n
Die SPD-Rechten hatten den Ersten Weltkrieg als Verteidigungskrieg dargestellt und die zentristischen Abgeordneten hatten diese Position \u00fcbernommen.<\/p>\n
Nachdem die Russische Revolution den Krieg im Osten beendet hatte, wurde durch eine Fortsetzung des Kriegs immer klarer, dass das Deutsche Reich einen Eroberungskrieg f\u00fchrte.<\/p>\n
Hinzu kam der wachsende Unmut unter den Soldaten und in der Zivilbev\u00f6lkerung. Die zentristischen und pazifistischen Abgeordneten in der SPD kamen daher immer mehr unter Druck. W\u00e4hrend in der fraktionsinternen Abstimmung am 4.8.1914 nur 14 Abgeordnete gegen die Kriegskredite stimmten, waren es im Dezember 1915 bereits 44 von 110. Jetzt stimmten au\u00dfer Karl Liebknecht weitere 19 Abgeordnete gegen die Kriegskredite. Genauso wie Liebknecht zuvor wurden alle Abweichler aus der Fraktion ausgeschlossen. Damit sie einen Fraktionsstatus im Reichstag bekamen, mussten sie sich notgedrungen unabh\u00e4ngig organisieren und gr\u00fcndeten die \u201eSozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft\u201c. Karl Liebknecht und Otto R\u00fchle beteiligten sich nicht daran. Otto R\u00fchle war der Abstimmung im Dezember 1914 ferngeblieben, stimmte dann im M\u00e4rz 1915 zusammen mit Karl Liebknecht gegen die Kriegskredite.<\/p>\n
Die zentristischen Abgeordneten, die gegen die Kriegskredite waren, trennte von den Rechten nur die Sorge um einen Verst\u00e4ndigungsfrieden. Viel mehr trennte sie von Karl Liebknecht und Otto R\u00fchle.<\/p>\n
SPD-Rechte organisiert die Spaltung der SPD<\/h4>\n
Im Januar 1917 hatten die Reichtstagsabgeordneten Kautsky, Haase und Ledebour zu einer Konferenz der linken Opposition eingeladen, an der auch der Spartakusbund teilnahm. Obwohl Fraktionen und Sonderkonferenzen nach den Statuten der SPD erlaubt waren, nahmen die SPD-Rechten diese Konferenz zum Anlass die Abweichler, Kriegsgegner und Revolution\u00e4re aus der Partei auszuschlie\u00dfen, darunter auch den Partei- und Fraktionsvorsitzenden Hugo Haase und Eduard Bernstein. Unter dem Druck einer gro\u00dfen wilden Streikbewegung und dem Eindruck der Februarrevolution in Russland wurde von der linken Opposition dann am 6. April 1917 eine weitere Konferenz in Gotha organisiert.<\/p>\n
USPD-Gr\u00fcndungskonferenz in Gotha<\/h4>\n
Gotha war als Treffpunkt nicht zuf\u00e4llig gew\u00e4hlt. Es war der Ort des Vereinigungsparteitags der marxistischen SAP von Bebel und Wilhelm Liebknecht mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein von Ferdinand Lassalle im Jahr 1875. Mit Gotha sollte signalisiert werden, dass man immer noch f\u00fcr die Einheit der SPD stehe und keine organisatorische Trennung wolle. Die zentristische Mehrheit wollte zur\u00fcck zu einer SPD, wie sie vor dem Krieg war. Entsprechend waren die inhaltlichen Beschl\u00fcsse nicht auf der H\u00f6he der Zeit. Alle waren gegen den Krieg. Dar\u00fcber, wie der Krieg beendet werden sollte, war man sich schon nicht mehr einig. Die Mehrheit der Anwesenden war immer noch f\u00fcr einen \u201eVerst\u00e4ndigungsfrieden\u201c und dagegen den Krieg durch eine Revolution zu beenden. Der inhaltlich-programmatische Beschluss der Gr\u00fcndungskonferenz bestand in einer Best\u00e4tigung des Erfurter Programms der SPD von 1891. In dem von Karl Kautsky entworfenen Manifest wurden die Arbeiter aufgefordert, sich f\u00fcr die Nachkriegszeit auf einen harten Kampf gegen Arbeitslosigkeit, Lohndr\u00fcckerei und Teuerung vorzubereiten. Die Regierung sollte nicht gest\u00fcrzt werden. Man wollte von der Regierung neben einem Verst\u00e4ndigungsfrieden, Amnestie f\u00fcr politische Gefangene, eine Wahlrechtsreform, demokratische Rechte, Arbeitsschutz und Achtstundentag. Die USPD-Abgeordneten im Reichstag sollten sich daf\u00fcr einsetzen. F\u00fcr die Spartakisten war das v\u00f6llig unbefriedigend. In keinem Fall wollten sie sich durch die USPD die H\u00e4nde binden und argumentierten gegen eine zentralistische Partei und f\u00fcr volle Unabh\u00e4ngigkeit der Bezirks- und Lokalorganisationen. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht waren noch immer im Gef\u00e4ngnis und konnten nicht an der Gr\u00fcndungskonferenz teilnehmen. Rosa Luxemburg sprach sich jedoch in mehreren Artikeln f\u00fcr die Mitarbeit in der USPD aus. Sie war der Meinung, dass die Gr\u00fcndung einer revolution\u00e4ren Partei nicht auf der Tagesordnung st\u00fcnde, weil die Anh\u00e4ngerschaft zahlenm\u00e4\u00dfig zu klein sei und viele f\u00fchrende MarxistInnen noch im Gef\u00e4ngnis seien. Rosa Luxemburg betrachtete die USPD als sch\u00fctzendes Dach in der sie die illegale Arbeit fortsetzen und die Massen gewinnen k\u00f6nnten. Aber wie sollte dies ohne eigene Organisation geschehen? Wie sollte den Anh\u00e4ngern der USPD ohne Organisation der Unterschied zur zentristischen Politik der USPD-F\u00fchrer aufgezeigt werden? Durch die unorganisierte Mitarbeit in der USPD wurde der Unterschied zwischen MarxistInnen und Zentristen verwischt. Die Popularit\u00e4t von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg erh\u00f6hte unter diesen Umst\u00e4nden das Ansehen der USPD und ihrer zentristischen F\u00fchrer.<\/p>\n
Aus Angst, die Spartakisten k\u00f6nnten in der neuen Partei rasch die Mehrheit gewinnen, wollten Kautsky und Bernstein zun\u00e4chst die Neugr\u00fcndung verhindern. Letztlich blieb ihnen nach dem Parteiausschluss aber keine andere Wahl. An Ostern 1917 wurde die USPD gegr\u00fcndet. Der Reichstagsabgeordnete Georg Ledebour wurde zum Vorsitzenden gew\u00e4hlt. Die radikale Linke hatte nur einen Vertreter im USPD-Vorstand. Wie sich zeigte, war eine neue Partei links von der SPD ein Lichtblick und eine enorme Ermutigung f\u00fcr die bewussteren Schichten der Arbeiterklasse. Gleichzeitig wurde die Lage f\u00fcr die Arbeiterklasse und f\u00fcr Revolution\u00e4re verkompliziert, weil die USPD keine revolution\u00e4re Partei war und es noch keine gab. Viele Revolution\u00e4re gingen in die USPD weil es die einzige Massenpartei links von der SPD war. Einige lokale Gruppen des Spartakusbundes protestierten gegen den Eintritt in die USPD. Andere wie die Bremer Linksradikalen blieben der USPD bewusst fern. Sie gr\u00fcndeten in der Novemberrevolution, die Internationalen Kommunisten Deutschlands (IKD), die dann kurze Zeit sp\u00e4ter in die neu gegr\u00fcndete KPD aufging.<\/p>\n
\u00a0USPD wird Massenpartei<\/h4>\n
Innerhalb weniger Monate nach ihrer Gr\u00fcndung im April 1917 stieg die Mitgliederzahl der USPD auf 120.000. Fast die H\u00e4lfte der SPD-Mitglieder von 1917 traten zur USPD \u00fcber. In SPD-Hochburgen wie Berlin, Hamburg und Bremen ging die SPD komplett in die USPD \u00fcber, das hei\u00dft die USPD bekam auf diesen lokalen Ebenen den gesamten Parteiapparat und die lokale Parteipresse. In der Zeit bis zur Novemberrevolution radikalisierte sich die USPD weiter. Gro\u00dfe Auswirkung auf die Stimmung in Deutschland hatte die siegreiche Russische Revolution im Oktober 1917. Die USPD-F\u00fchrung wollte aber keine Revolution anf\u00fchren. Hugo Haase, der prominente linke USPDler war an der Spitze der Partei und wollte eine Partei, wie sie Kautsky einst konzipiert hatte, das hei\u00dft eine \u201erevolution\u00e4re aber keine revolutionsmachende\u201c Partei. Dennoch gab allein die Existenz einer Partei links von der SPD der revolution\u00e4ren Entwicklung Auftrieb. Ein Beispiel daf\u00fcr war die Gehorsamsverweigerung der Matrosen der Hochseeflotte im August 1917. Sie beriefen sich bei ihrer Meuterei auf das Gr\u00fcndungsmanifest der USPD. F\u00fcr Ebert war diese Meuterei Landesverrat. Der USPD-Abgeordnete Wilhelm Dittmann distanzierte sich im Namen der USPD sofort von der revolution\u00e4ren Aktion und erkl\u00e4rte, dass die USPD solche Aktionen nicht unterst\u00fctze. Zwei R\u00e4delsf\u00fchrer wurden erschossen und weitere Matrosen zu insgesamt vierhundert Jahren Zuchthaus verurteilt.<\/p>\n
Regierungsbeteiligung<\/h4>\n
In der Novemberrevolution 1918 gingen die USPD-F\u00fchrer Haase, Dittmann und Barth mit ihrem Eintritt in den \u201eRat der Volksbeauftragten\u201c 1918 eine Regierungskoalition mit der MSPD (Mehrheits-SPD) ein. Sie machten sich dabei zum linken Feigenblatt f\u00fcr die konterrevolution\u00e4re Politik von Ebert-Scheidemann. Als es gegen die Entlassung des Berliner Polizeipr\u00e4sidenten und USPD-Politikers Emil Eichhorn in Berlin im Januar 1919 zu einem Aufstand kam, spielte die USPD die Vermittlerrolle und verschaffte dem Bluthund Noske dadurch Zeit um eine 3000 Mann starke Truppe zu organisieren, um das Polizeipr\u00e4sidium mit milit\u00e4rischen Mitteln einzunehmen und den Aufstand niederzuschlagen. In Sachsen wurde der USPD-Politiker Richard Lipinski von der Novemberrevolution in das Amt des Ministerpr\u00e4sidenten gehieft. Er spielte die gleiche konterrevolution\u00e4re Rolle wie Ebert. In Bayern war es der USPD-Politiker Kurt Eisner der mit seiner Illusion in eine ewige Doppelherrschaft von R\u00e4ten und b\u00fcrgerlichem Staatsapparat objektiv dazu beitrug die R\u00e4te zu entmachten. Auf der anderen Seite waren viele USPD-Mitglieder und \u2013Funktion\u00e4re treibende Kraft der Revolution. Dies widerspiegelte sich im Aktionsprogramm des Leipziger Parteitags im M\u00e4rz 1919. Es ist ein klares Bekenntnis zur sozialistischen Mission der Arbeiterklasse, \u201ezur Umwandlung der Produktionsmittel in gesellschaftliches Eigentum\u201c zur \u201eDiktatur des Proletariats\u201c zum \u201eR\u00e4tesystem\u201c und f\u00fcr eine \u201erevolution\u00e4re aktionsf\u00e4hige Internationale der Arbeiter aller L\u00e4nder\u201c.<\/p>\n
Der Gegensatz zwischen dem Bekenntnis zu Revolution und sozialistischem Programm auf der einen Seite und der politischen Praxis der USPD-Politiker auf der anderen, f\u00fchrte zu immer gr\u00f6\u00dferen innerparteilichen Spannungen. Die USPD war eine Massenpartei der Arbeiterklasse mit zentristischer F\u00fchrung. Sie konnte nicht das Instrument sein der Revolution zum Sieg zu verhelfen. Eine Spaltung war unvermeidlich.<\/p>\n
Gr\u00fcndung der KPD<\/h4>\n
Endlich gr\u00fcndete der Spartakusbund zum Jahreswechsel 1918\/19 die Kommunistische Partei KPD. Die Revolution war schon sechs Wochen in Gang und es gab noch immer keine revolution\u00e4re Partei. Die erste Ausgabe der sp\u00e4teren Parteizeitung \u201eRote Fahne\u201c wurde von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg am 10.11. herausgebracht. Mangels Druckerei konnten bis 18.11. nur drei Ausgaben erscheinen. Der Gr\u00fcndungsparteitag der KPD war eine Abrechnung mit der USPD. Karl Liebknecht erkl\u00e4rte die Rolle der USPD im \u201eRat der Volksbeauftragten\u201c wie folgt:<\/p>\n
\u201eVom ersten Tag an wurde die Heiligkeit des Privateigentums proklamiert. Sie stellten sich vor die Gelds\u00e4cke des gro\u00dfen Kapitals. Es wurde von der Regierung ein Feldzug organisiert zur Beruhigung der Arbeiter, gegen Streikbewegungen, und es war ein unabh\u00e4ngiges Mitglied der Regierung, Barth, das sich herumschicken lie\u00df von Ebert-Scheidemann als Wanderredner, \u00fcberallhin, wo Unruhen in der Arbeiterschaft auszubrechen drohten, um die Arbeiterschaft zu beruhigen und ihr ihre Pflicht klarzumachen, still und ruhig unter dem Joche des Kapitalismus weiterzuschuften.\u201c<\/p>\n
Liebknecht erkl\u00e4rte auch, dass die USPD-Vertreter Ende Dezember 1918 nicht aus der Regierung Ebert austreten wollten, sondern von der MSPD hinausgedr\u00e4ngt wurden.<\/p>\n
Tragischerweise setzte sich auf dem Gr\u00fcndungsparteitag gegen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht eine ultralinke Mehrheit durch, die eine Beteiligung an den Parlamentswahl und eine Mitgliedschaft in den sozialdemokratisch gef\u00fchrten Gewerkschaften ablehnte. Die KPD isolierte sich dadurch von vielen Revolution\u00e4ren, die wie Rosa Luxemburg der Meinung waren, dass die Beteiligung an Parlamentswahlen und die Mitarbeit in den Gewerkschaften n\u00f6tig w\u00e4ren im Kampf um die Eroberung der Massen als Voraussetzung der Machteroberung in der Gesellschaft. Hinzu kam, dass die f\u00e4higsten und popul\u00e4rsten K\u00f6pfe der KPD, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht kurz nach der Gr\u00fcndung der KPD ermordet wurden.<\/p>\n
Die Folge davon war, dass der Gro\u00dfteil der revolution\u00e4r eingestellten Arbeiter zun\u00e4chst in der USPD blieb. Selbst Clara Zetkin, Mitbegr\u00fcnderin der Gruppe Internationale, blieb bis M\u00e4rz 1919 in der USPD.<\/p>\n
Spaltung der USPD<\/h4>\n
Die Spannungen zwischen den revolution\u00e4r gesinnten und den zentristischen Mitgliedern und Funktion\u00e4ren in der USPD spitzten sich im Laufe der Zeit zu. Gleichzeitig traten immer mehr SPD-Mitglieder, denen die konterrevolution\u00e4re Rolle der SPD-F\u00fchrung bewusst wurde zur USPD \u00fcber. Die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht , die blutige Niederschlagung der R\u00e4te durch die pr\u00e4-faschistischen Freikorps im Jahre 1919 f\u00fchrten dazu, dass sich die Mitgliedschaft der USPD von M\u00e4rz 1919 bis September 1919 von 300.000 auf 750.000 erh\u00f6hte. Die USPD hatte jetzt 55 Tageszeitungen. Bei den Reichstagswahlen 1920 bekam die SPD nur noch 5,9 Millionen, die USPD 4,9 Millionen Stimmen . In einigen linken Hochburgen bekam die USPD mehr als doppelt so viele Stimmen wie die SPD. In Berlin zum Beispiel waren es 42,7 Prozent f\u00fcr die USPD und 17,5 Prozent f\u00fcr die SPD. Die Radikalisierung in der USPD f\u00fchrte zu der Frage, ob sich die Partei der 1919 gegr\u00fcndeten Kommunistischen Internationale anschlie\u00dfen soll. Die Entscheidung fiel auf dem Parteitag in Halle im Oktober 1920. Mit 236 gegen 156 Stimmen wurde ein Anschluss an die Kommunistische Internationale beschlossen. In der Folge kam es zur Verschmelzung mit der noch kleinen KPD. Die KPD wurde durch den Zustrom aus der USPD zur Massenpartei und z\u00e4hlte im Januar 1921 450.000 Mitglieder. Ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte der USPD-Mitglieder ging in die KPD. Die meisten der anderen H\u00e4lfte kehrten 1922 zur\u00fcck zur SPD. 1922 war die USPD historisch erledigt. Formal existierte sie bis 1931 weiter.<\/p>\n
Die KPD hatte 1923 die Mehrheit der Arbeiterklasse hinter sich. Die objektiven Bedingungen f\u00fcr eine erfolgreiche sozialistische Revolution waren in diesem Jahr nochmal vorhanden. Die KPD war jedoch unf\u00e4hig die Chance zu nutzen. Damit kam die revolution\u00e4re Periode von 1918 bis 1923 zu einem f\u00fcr die Arbeiterklasse bitteren Abschluss. Die Niederlage war der Ausgangspunkt f\u00fcr den Aufstieg der NSDAP, f\u00fcr Faschismus und Zweiten Weltkrieg.<\/p>\n
Ursel Beck ist Sprecherin des LINKE-Ortsverbands Stuttgart-Bad Cannstadt und Mitglied des SAV Bundesvorstands.<\/em><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Vor 100 Jahren: Gr\u00fcndung der USPD<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":28496,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[86,96],"tags":[853,1469,852,851],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34440"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=34440"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34440\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":34441,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34440\/revisions\/34441"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/28496"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=34440"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=34440"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=34440"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}