{"id":34384,"date":"2017-03-27T16:16:31","date_gmt":"2017-03-27T14:16:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=34384"},"modified":"2017-03-27T16:16:31","modified_gmt":"2017-03-27T14:16:31","slug":"afghanistan-das-scheitern-der-usa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2017\/03\/afghanistan-das-scheitern-der-usa\/","title":{"rendered":"Afghanistan: Das Scheitern der USA"},"content":{"rendered":"<p><strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Afghanistan-map-e1490624173817.png\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-34386\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Afghanistan-map-e1490624173817-217x173.png\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Afghanistan-map-e1490624173817-217x173.png 217w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Afghanistan-map-e1490624173817.png 313w\" sizes=\"(max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a>Imperialistischer Krieg f\u00fchrt zu Leid und Chaos f\u00fcr Millionen<\/strong><\/p>\n<p align=\"LEFT\">Vor 15 Jahren triumphierten George W. Bush und seine neo-konservativen Freunde, weil ihr Krieg in Afghanistan nach nur zwei Monaten zum Zusammenbruch des Taliban-Regimes gef\u00fchrt hatte. Was aber folgte, war die Jahre andauernde \u201eMission Creep\u201c, die \u2013 zusammen mit dem Krieg im Irak \u2013 in der westlichen Welt immer mehr Widerstand gegen diese brutalen imperialistischen Milit\u00e4rinterventionen hervorrief.<\/p>\n<p align=\"LEFT\"><em>Von Judy Beishon<\/em><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Der Krieg in Afghanistan, der 2001 begann, war sowohl der l\u00e4ngste Krieg Gro\u00dfbritanniens als auch der USA, den die L\u00e4nder in der Neuzeit je gef\u00fchrt haben. Er dauerte nahezu doppelt so lang wie der Vietnamkrieg, in dessen Verlauf die USA ihre Truppen seit 1965 acht Jahre lang in dem Land hatten. \u201eCamp Bastion\u201c in der afghanischen Provinz Helmand wurde zur gr\u00f6\u00dften Milit\u00e4rbasis Gro\u00dfbritanniens in \u00dcbersee seit dem Zweiten Weltkrieg. Das Gel\u00e4nde hat die Ausma\u00dfe einer Kleinstadt und bietet Platz f\u00fcr bis zu 30.000 SoldatInnen und Zivilbedienstete. Was am Ende dabei herumgekommen ist, wissen wir alle. Die 51 kapitalistischen M\u00e4chte, die Einheiten geschickt haben, sind in Bausch und Bogen gescheitert. Die F\u00fchrungsrolle unter ihnen \u00fcbernahmen die USA, die mit Abstand die meisten SoldatInnen dazu abstellten. Die Gesamtmacht der von der NATO geleiteten \u201eInternational Security Assistance Force\u201c (ISAF) umfasste zu ihrem H\u00f6hepunkt mehr als 130.000 KombattantInnen zu Luft und am Boden, die mit den modernsten Waffensystemen ausgestattet waren. Die Ausgaben f\u00fcr diesen Einsatz belaufen sich auf eine Billion US-Dollar und trotzdem war man nicht in der Lage, die Taliban zu bezwingen, die nur \u00fcber rund 25.000 bewaffnete K\u00e4mpfer verf\u00fcgen, deren Ausstattung und Finanzkapazit\u00e4ten damit nat\u00fcrlich nicht zu vergleichen sind.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Im Laufe ihres ersten Krieges au\u00dferhalb Europas ist jede taktische Drehung und Wendung, die die NATO hingelegt hat, gescheitert. Jahr f\u00fcr Jahr haben die Taliban und ihre Verb\u00fcndeten mehr Boden zur\u00fcckerobern k\u00f6nnen. Immer noch operieren Kr\u00e4fte von Al-Qaida im Land und seit einiger Zeit auch die des \u201eIslamischen Staats\u201c (IS). Dar\u00fcber hinaus existieren andere regierungsfeindliche, rechtsgerichtete, islamistische Gruppen, die noch weniger als die Taliban zu Kompromissen bereit sind. Die afghanische Regierung, die vom westlichen Imperialismus eingesetzt wurde, ist vollkommen au\u00dferstande, f\u00fcr Sicherheit und Entwicklung zu sorgen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die US-amerikanische Organisation SIGAR (\u201eSpecial Inspector General for Afghanistan Reconstruction\u201c), die f\u00fcr den Wiederaufbau des Landes beauftragt wurde und dem ganzen Projekt einen positiven Anstrich geben soll, bezifferte das Scheitern der Mission in ihrem Bericht, der im Oktober 2016 dem US-Kongress vorgelegt worden ist. Darin hei\u00dft es, dass die afghanische Regierung w\u00e4hrend der ersten neun Monate des vergangenen Jahres 2,2 Prozent des Territoriums verloren hat und: \u201eVon den 407 Distrikten, die es in Afghanistan gibt, standen 258 Distrikte unter der Kontrolle oder dem Einfluss der Regierung, 33 Distrikte befanden sich unter der Kontrolle oder dem Einfluss Aufst\u00e4ndischer und 116 Distrikte waren \u201aumk\u00e4mpft\u2018\u201c. Eine Reihe von St\u00e4dten in der Provinz Helmand, die einmal von britischen bzw. US-amerikanischen Truppen besetzt war (darunter auch Sangin) sind nun wieder in der Hand der Taliban. SIGAR erw\u00e4hnt, dass ein f\u00fchrender Vertreter der USA die Lage als \u201esich zersetzende Patt-Situation\u201c beschrieb. Hinzugef\u00fcgt wird, dass der eigene Bericht \u201eeine derartige Sichtweise best\u00e4tigen mag\u201c.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die humanit\u00e4re Katastrophe hat immense Ausma\u00dfe angenommen. Das \u201eWatson Institute\u201c in den USA geht davon aus, dass 31.419 afghanische Zivilpersonen, 42.100 Rebellen und 37.923 regierungsnahe Kr\u00e4fte, Vertragspartner, Angeh\u00f6rige der internationalen Einheiten, MitarbeiterInnen von Hilfsorganisationen und JournalistInnen zwischen 2001 und Juli 2016 ums Leben gekommen sind. Aktuell nimmt die Sterberate wieder zu und ein Drittel der 5.166 ZivilistInnen, die in der ersten Jahresh\u00e4lfte 2016 get\u00f6tet oder verst\u00fcmmelt worden sind, sind Kinder.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Diese blo\u00dfen Zahlen geben jedoch nur Auskunft \u00fcber einen Bruchteil der Verluste und des Leids, das im Land herrscht. Siebzig Prozent der Menschen in Afghanistan haben Angst um ihre Sicherheit, so das Wirtschaftsmagazin \u201eThe Economist\u201c in seiner Ausgabe vom 7. Januar 2017. Und mit \u00fcber 1,2 Millionen Menschen, die als Vertriebene im eigenen Land gelten, einem absoluten Mangel an \u00f6ffentlicher Daseinsvorsorge, einer unbekannten Anzahl an Menschen, die an Kriegsfolgen wie Unterern\u00e4hrung, Entbehrungen, Krankheiten und Kriminalit\u00e4t sterben. Die Anzahl der AfghanInnen, die ins Ausland flieht, steigt derzeit wieder an. In Europa stellen sie die zweitgr\u00f6\u00dfte Fl\u00fcchtlingsgruppe.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Propaganda von George W. Bush und Tony Blair, sie w\u00fcrden die Menschen in Afghanistan vor Hunger und Unterdr\u00fcckung sch\u00fctzen, hat sich als skandal\u00f6se T\u00e4uschung herausgestellt. Trotz der Tatsache, dass die USA seit 2002 sogenannte \u201eHilfsgelder\u201c in H\u00f6he von 115 Milliarden US-Dollar ins Land gepumpt haben, kommt SIGAR zu der Feststellung: \u201eArmut, Erwerbslosigkeit, mangelnde Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse, Gewalt, Auswanderung, Vertreibung im Land selbst und die Kluft zwischen den Geschlechtern im Bereich der Bildung haben zugenommen, w\u00e4hrend die \u00f6ffentlichen Dienstleistungen und privaten Investitionen zur\u00fcckgegangen sind\u201c. F\u00fcr Frauen ist Afghanistan heute einer der schlimmsten Orte der Welt, so das \u201eEntwicklungsprogramm\u201c der \u201eVereinten Nationen\u201c (UNDP). War das Land einst ber\u00fchmt f\u00fcr sein reiches kulturelles Erbe, so hat die H\u00e4lfte der Kinder heute keinen Zugang zu Bildung und sechzig Prozent von ihnen gelten als unterern\u00e4hrt. Gleichzeitig erreicht die Opiumproduktion fast Rekordums\u00e4tze. Die Erwerbslosigkeit hat immense Ausma\u00dfe angenommen und liegt zwischen vierzig Prozent und siebzig Prozent. Nur 27 Prozent der Menschen haben Zugang zu sauberem Wasser.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Eines der wirklichen Motive f\u00fcr die Invasion bestand f\u00fcr den US-amerikanischen Imperialismus darin, nach den Gr\u00e4ueltaten vom 11. September 2001 das eigene Ansehen zu verteidigen. An Al-Qaida und den verb\u00fcndeten Taliban sollte Rache ge\u00fcbt werden. Damit sollte der Eindruck erweckt werden, k\u00fcnftige Anschl\u00e4ge in den USA schon im Vorfeld zu verhindern. Bush behauptete, dass die ersten Kriegsmonate die \u201eWelt von tausenden Terroristen befreit\u201c h\u00e4tten. Bleibt die Frage, wo sich auf der Welt irgendjemand sicherer vor dem Terrorismus f\u00fchlte als vor diesem Krieg? In Afghanistan und dem Irak wurde eine neue Generation Dschihadisten und anderer Splittergruppen ausgebildet, indem man sie im Kampf gegen eine Besatzungsmacht unter US-amerikanischer F\u00fchrung einsetzte. Das f\u00fchrte zu einer enorm gro\u00dfen Zahl an Opfern und entsprechenden Zerst\u00f6rungen. Folter wurde eingesetzt, es kam zu Misshandlungen, Schikanierungen \u2013 unter anderem in Guantanamo.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die wohl eher mittel- als kurzfristige Perspektive der herrschenden Klasse in den USA bestand darin, die eigenen geostrategischen Interessen in Zentralasien und dem Nahen Osten durchzusetzen. Dies sollte unter anderem dadurch geschehen, dass in Afghanistan und dem Irak Regierungen installiert wurden, die den USA gegen\u00fcber freundlich gesonnen waren. Afghanistan ist reich an noch nicht erschlossenen Bodensch\u00e4tzen und \u2013 da es geografisch eine ganze Reihe von asiatischen Staaten mit dem Nahen Osten verbindet \u2013 bedeutsam f\u00fcr den Transport von \u00d6l und anderen G\u00fctern. Und dennoch hat es die herrschende Klasse in den USA kaum vermocht, diese Ziele zu erreichen. Der Grund hierf\u00fcr ist die gr\u00f6\u00dfere Instabilit\u00e4t, f\u00fcr die sie gesorgt hat, und die unterschiedlichen internationalen Loyalit\u00e4ten derer, die an die Regierung gebracht worden sind.<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">Die \u201eWerte\u201c von Bush und Blair<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Heuchelei der US-gef\u00fchrten Koalition hinsichtlich der angeblichen humanit\u00e4ren Werte wurde auch offenbar, als es um die Auswahl von Verb\u00fcndeten in Afghanistan selbst ging. Um das Taliban-Regime zu entmachten und es durch eine Marionettenregierung zu ersetzen, freundete man sich mit einer Reihe von Warlods der nordafghanischen Allianz an, die sich auf ethnische und Stammesstrukturen st\u00fctzen. Von 1992 bis 1996 hatten sie einen brutalen Krieg gegeneinander gef\u00fchrt, nachdem das vorherige Regime, das Verbindungen zur Sowjetunion hatte, geschlagen worden war. Diese Warlords hatten regelrechte Gemetzel durchgef\u00fchrt, die allein in der Hauptstadt Kabul zu mehr als 65.000 Toten f\u00fchrten. W\u00e4hrend Bush und Blair den verheerenden Raketenbeschuss aus der Luft inszenierten, machten sie die Milizen der Nordallianz, die Blut an ihren H\u00e4nden hatte, zu ihren Bodentruppen. Die Warlords wurden dadurch motiviert, dass ihnen Millionen von Dollar in Aussicht gestellt wurden. Man sagte ihnen, dass ein Klick auf dem Smartphone ausreiche, um US-amerikanische Luftunterst\u00fctzung im Einsatz gegen ihre Feinde zu bekommen. Daf\u00fcr w\u00fcrden sie \u00fcber kurz oder lang wieder die Kontrolle bekommen und \u2013 erst einmal zur\u00fcck an den Schalthebeln der Macht \u2013 das Land von Neuem auspl\u00fcndern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Diese Warlords waren bei den \u201eeinfachen\u201c AfghanInnen allerdings derart verhasst, dass die USA einen Regierungschef finden musste, der nichts mit ihnen zu tun hatte. Die Wahl fiel auf Hamid Karzai, der der gr\u00f6\u00dften ethnischen Gruppe der Paschtunen angeh\u00f6rt. Er \u00fcbte \u00fcber zwei Legislaturperioden die Amtsgesch\u00e4fte aus und stand an der Spitze einer \u201eRegierung von Feinden\u201c. Seine Aufgabe bestand darin, zwischen diesen hin und her zu lavieren, taktische Spielchen zu treiben und gleichzeitig die Intervention ausl\u00e4ndischer M\u00e4chte zu erm\u00f6glichen. Die Kontrolle \u00fcber das Land erlangte er nie und agierte vielmehr als \u201ebesserer B\u00fcrgermeister\u201c von Kabul. Eigentlich gelang ihm noch nicht einmal dies, weil er sein Anwesen kaum verlie\u00df. Schlie\u00dflich musste er t\u00e4glich f\u00fcrchten, Opfer eines Mordanschlags zu werden. Er lebte in Begleitung eines st\u00e4ndig zur Verf\u00fcgung stehenden Fluchtfahrzeugs mit permanent laufendem Motor. Hinzu kam ein Team aus VorkosterInnen, die seine Mahlzeiten auf m\u00f6gliche Vergiftungen \u00fcberpr\u00fcfen mussten, so die Kriegskorrespondentin Christina Lamb.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Nichtregierungsorganisation \u201eTransparency International\u201c listet Afghanistan auf Platz drei der korruptesten L\u00e4nder der Welt. Auf Platz eins und zwei rangieren Somalia und Nordkorea. Karzais Regierungen wie auch die derzeitige und ebenfalls von den USA eingesetzte Regierung der \u201enationalen Einheit\u201c, die von Pr\u00e4sident Ashraf Ghani und Au\u00dfenminister Abdullah Abdullah angef\u00fchrt wird sind in der Praxis allesamt festgefahren aufgrund von Spaltungen, Korruption, Erpressungen und Schmiergeldzahlungen. Die \u201eeinfachen\u201c AfghanInnen, die den unterschiedlichen ethnischen Gemeinschaften angeh\u00f6ren, sind davon angewidert. Viele betrachten diese Regierungen sogar als schlimmer als das Leben unter der Herrschaft der Taliban. Ein Bericht der NATO, der 2012 an die \u00d6ffentlichkeit gelangte, umfasste auch folgenden Kommentar: \u201eAfghanische Zivilisten \u00e4u\u00dfern immer wieder, dass sie eine Taliban-Regierung besser f\u00e4nden als die GIRoA [Government of the Islamic Republic of Afghanistan]. \u00dcblicherweise ist dies die Folge der Korruption der Regierung, ethnischen Vorurteilen und der mangelnden Verbindung zu lokalen religi\u00f6sen und Stammesf\u00fchrern.\u201c<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Das Absch\u00f6pfen des Reichtums durch diejenigen, die an der Spitze des Staates stehen, hat ein atemberaubendes Ausma\u00df angenommen. So kam es beispielsweise im Jahr 2010 bei der \u201eKabul Bank\u201c zu einem gro\u00dfen Skandal, als mehr als 900 Millionen Dollar an Krediten und Einlagen pl\u00f6tzlich nicht mehr auffindbar waren. Eine Untersuchung ergab, dass zw\u00f6lf Einzelpersonen an der Spitze der Polit- und Finanzelite den gr\u00f6\u00dften Teil f\u00fcr individuellen Luxus ins Ausland umgeleitet hatten. Darunter befand sich auch der Bruder von Pr\u00e4sident Karzai, der einen zinslosen Kredit \u00fcber 22 Millionen US-Dollar bekam. \u201eDas war fast schlimmer als die sonst \u00fcbliche Korruption\u201c, so der Kommentar des Sprechers des Untersuchungsausschusses. \u201eWenn es um Korruption geht, dann gibt man Geld und erh\u00e4lt daf\u00fcr eine Gegenleistung. In diesem Fall wurde das Geld \u00fcberwiesen, ohne daf\u00fcr eine Gegenleistung zu erwarten\u201c.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Abdullah Abdullah war einst Mitglied der Nordallianz und der aktuelle Vizepr\u00e4sident Abdul Rashid Dostum galt als einer der ber\u00fcchtigsten Warlords, als \u201ebekannter Killer\u201c, wie selbst Ghani zugeben musste. Wie Karzai ist auch Ghani kein Warlord gewesen. Er war Wissenschaftler, der fr\u00fcher bei der \u201eWeltbank\u201c und danach als Mitherausgeber eines Buches mit dem Titel \u201eFixing Failed States\u201c (dt. sinngem\u00e4\u00df: \u201eGescheiterte Staaten neu aufbauen\u201c) besch\u00e4ftigt war. Afghanistan ist ein Staat, bei dessen Neuaufbau er versagt hat.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Von 2002 bis 2013 verzeichnete die Wirtschaft ein j\u00e4hrliches durchschnittliches Wachstum von neun Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Der \u00fcberwiegende Teil davon lie\u00df sich jedoch auf die Milliarden von Dollar zur\u00fcckf\u00fchren, die die USA an Finanzmitteln f\u00fcr den Unterhalt der Milit\u00e4roperationen und der dazugeh\u00f6rigen Hilfsleistungen ins Land pumpten. Aufgrund des Abbaus der meisten der 800 ISAF-Basen in den letzten Jahren brach auch die \u201eKriegswirtschaft\u201c in sich zusammen. Hunderttausende Vertr\u00e4ge, die damit einhergegangen waren, um die entsprechende Unterst\u00fctzung im Land sicherzustellen, wurden somit aufgehoben. Infolge dessen lag die Wachstumsrate im Jahr 2015 bei nur noch 0,8 Prozent. Doch selbst diese Zahl kann nicht aufrecht erhalten werden, da die Situation durch massive Instabilit\u00e4t, Kapitalflucht und das Auspl\u00fcndern der Ressourcen gekennzeichnet ist.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Milliarden an Dollar, die der Elite des Landes \u00fcbergeben worden sind, um eine Armee, einen Polizeiapparat, Infrastruktur etc. aufzubauen, haben nicht dazu gef\u00fchrt, dass die Westm\u00e4chte irgendeine Form langfristiger Loyalit\u00e4t daf\u00fcr bekommen h\u00e4tten. Letztlich wandte sich auch Karzai gegen die USA, um seine ganz eigenen Interessen abzusichern und den Anschein einer Regierung aufrecht zu erhalten. Er beschuldigte die USA, ZivilistInnen get\u00f6tet zu haben und bezeichnete die Taliban als seine \u201eBr\u00fcder\u201c. In seiner Abschiedsrede machte Karzai die USA und Pakistan f\u00fcr den Zustand Afghanistans verantwortlich.<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">Die Taliban und der Westen<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Taliban sind 2001 nicht zerschlagen worden. Viele ihrer K\u00e4mpfer haben sich beiderseits der Grenze zu Pakistan versteckt oder sind in den kleinen D\u00f6rfern untergetaucht. Die Journalistin Christina Lamb berichtet, dass Kandahar, die letzte Tailban-Hochburg, im Dezember 2001 gefallen ist, \u201eohne dass ein Schuss gefallen w\u00e4re\u201c. 1994 hatten sich die Taliban erst gegr\u00fcndet, was im Rahmen eines Treffens von sunnitischen Mullahs geschah, die damit das erkl\u00e4rte Ziel verfolgten, der pl\u00fcndernden und vergewaltigenden Nordallianz entgegen zu treten. Nur zwei Jahre sp\u00e4ter wurde Kabul eingenommen und \u201eRecht und Ordnung\u201c wurden wieder hergestellt. Dabei griff man auf eine in hohem Ma\u00dfe repressive und rechtsgerichtete religi\u00f6se Herrschaftsform zur\u00fcck. Strafaktionen reichten von Dem\u00fctigungen und dem Mittel des \u00f6ffentlichen Auspeitschens bis hin zum Handabschlagen und Hinrichten. Verboten wurden Unterhaltungs-, Sport- sowie Kulturveranstaltungen und die Wissenschaften. Frauen mussten die Burka tragen, wurden gr\u00f6\u00dftenteils von der Bildung ausgeschlossen und konnten fortan kein selbstbestimmtes Leben mehr f\u00fchren.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Doch so ungeheuerlich und unbeliebt das Regime auch war \u2013 es zu st\u00fcrzen war niemals die Aufgabe der Westm\u00e4chte. Dadurch vergr\u00f6\u00dferte sich die Not der afghanischen Massen nur noch weiter. Diese Aufgabe kam den Menschen in Afghanistan selbst zu \u2013 wenn n\u00f6tig mit Hilfe und Unterst\u00fctzung durch Menschen aus der Arbeiterklasse weltweit, die in Afghanistan kein anderes Interesse haben, au\u00dfer Solidarit\u00e4t mit den ArbeiterInnen und verarmten Schichten dort zu leisten. Damit vertreten sie gegenteilige Klasseninteressen zu denen der kapitalistischen herrschenden Klasse weltweit. Letztere wollten das Taliban-Regime nicht wegen seiner Brutalit\u00e4t oder des Mangels an Demokratie beenden, sondern weil dieses Regime \u2013 einmal an der Macht \u2013 sich gegen die Interessen der Westm\u00e4chte stellte.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die US-Regierungen unter Bill Clinton und George W. Bush haben Gespr\u00e4che mit den Taliban gef\u00fchrt, die das Ziel hatten, Beziehungen zur neuen Regierung in Afghanistan aufzubauen. Grundlage daf\u00fcr war, dass es zum Bau einer \u00d6l- und Gaspipeline quer durch Afghanistan kommen sollte, die im Interesse der Energiekonzerne in den USA war. Sp\u00e4ter wollte man dar\u00fcber hinaus auch, dass die Taliban Osama bin Laden ausliefern. Es war ihr Versagen, dieses Ziel zu erreichen, was sie schlie\u00dflich zum milit\u00e4rischen Eingreifen bewegt hat. Wie es den Menschen in Afghanistan dabei gehen w\u00fcrde, spielte zu keinem Zeitpunkt eine Rolle.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Schlimmer noch: Die Taliban, Al-Qaida und die meisten anderen dschihadistischen Organisationen, die heute auf der Welt existieren, sind Folge der finanziellen Unterst\u00fctzung durch die kapitalistischen Weltm\u00e4chte f\u00fcr die Mudschaheddin, die in den 1980er Jahren gegen die von der UdSSR gest\u00fctzten Regierungen in Afghanistan gek\u00e4mpft haben. Milliarden Dollar aus den USA und Saudi Arabien (laut Mike Scheurer, einem ehemaligen CIA-Beamten, geht es um nicht weniger als sechs Milliarden US-Dollar) und Waffen aus allen m\u00f6glichen L\u00e4ndern der Welt sind an die Mudschaheddin geschickt worden. Abgewickelt wurde dies \u00fcber den pakistanischen Geheimdienst \u201eInter-Service Intelligence\u201c (ISI). Osama bin Laden war ein reicher saudischer Finanzier der Mudschaheddin, der zusammen mit anderen Arabern nach Afghanistan kam, um am Ende mit ihnen zu k\u00e4mpfen. Unterlagen der britischen Regierung, die 2016 an die \u00f6ffentlich wurden, weil dies der \u201e30-year rule\u201c (nach 30 Jahren werden bestimmte Verschlusssachen der \u00d6ffentlichkeit preisgegeben; Erg. d. \u00dcbers.) entsprach, sind Beleg f\u00fcr die eifrige Beteiligung der Regierung Thatcher neben den USA, Frankreich und anderen, diese durchzusetzen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Diejenigen, die von den Regierungen heute als \u201eTerroristen\u201c bezeichnet werden, sind damals \u201epatriotisch\u201c genannt worden oder galten als \u201eWiderstand-Guerrilla\u201c. 1986 flossen bereits siebzig Prozent des Gesamtbudgets der CIA in die Finanzierung des Dschihad. Die Kontrolle \u00fcber diesen wahren Geldsegen machte die ISI zum einflussreichen Faktor sowohl in Pakistan als auch in Afghanistan. Ein Teil der Gelder davon wurde f\u00fcr ein umfangreiches Ausbildungsprogramm f\u00fcr Dschihadisten eingesetzt, das in Pakistan durchgef\u00fchrt wurde. Dabei wurden einige der unz\u00e4hligen Madrasas (Religionsschulen) ermutigt, diese Aufgabe zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">Die Macht Pakistans als zentral gelegener Staat<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">Der Stellvertreterkrieg der 1980er Jahre zwischen den USA und der UdSSR in Afghanistan bedeutete, dass Pakistan in diesem Jahrzehnt ebenfalls gro\u00dfe Summen aus Amerika erhalten hat. Nach dem R\u00fcckzug der UdSSR (das Land befand sich als stalinistisches System in den letzten Z\u00fcgen) wurden diese Gelder gr\u00f6\u00dftenteils wieder einbehalten, da die USA ihr Ziel erreicht hatten. Die herrschende Klasse in den USA wurde auch vorsichtiger, was das Erstarken der dschihadistischen Organisationen anging, das sie selbst befl\u00fcgelt hatte. Au\u00dferdem versetzte sie sp\u00e4ter dann, in den 1990er Jahren, das atomare Wettr\u00fcsten zwischen Pakistan und Indien in Alarmbereitschaft.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Nach 9\/11 kam es jedoch zu einer v\u00f6lligen Kehrtwendung. Bush schmeichelte sich bei Pervez Musharraf, dem Staatschef von Pakistan, ein, der durch einen Putsch an die Macht gekommen war. So erhielt dieser substantielle Aufbauhilfe und Kredite, weil Bush sich Pakistans Hilfe im Krieg in Afghanistan versichern wollte. Doch w\u00e4hrend der 1990er Jahre trieb die ISI zwar heimlich aber aktiv den Aufbau der afghanischen Taliban an, und half bei deren Macht\u00fcbernahme. In dieser Zeit f\u00f6rderte auch das saudische K\u00f6nigshaus die Taliban als eine Kraft, die ihrem Modell des sunnitischen Wahabismus entsprechen sollte und die die iranischen Verbindungen zu Afghanistan zu kappen in der Lage sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Musharraf wollte das Geld aus den USA (seit 9\/11 bekam Pakistan zwanzig Milliarden Dollar) und verhindern, dass diese sich andernfalls an Indien wenden, um von dort Unterst\u00fctzung zu bekommen. Gleichzeitig wollte die Elite Pakistans ihr Netzwerk zu den Taliban aufrecht erhalten, um weiter Einfluss auf Afghanistan zu haben. Man erkannte, dass die USA nicht f\u00fcr immer in Afghanistan bleiben w\u00fcrden.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">2004 reagierte Musharraf auf den Druck der USA, die wollten, dass das Land seine Armee einsetzt und in die Stammesgebiete entsendet, in die sie zuvor noch nie einen Fu\u00df gesetzt hatte. Dort sollte sie gegen die Taliban k\u00e4mpfen. Dazu kam es allerdings erst, nachdem Selbstmordanschl\u00e4ge auch in Pakistan stattfanden und islamistische Milit\u00e4rangeh\u00f6rige hinter zwei Versuchen standen, Musharraf zu ermorden. Diese neue Kriegsfront, an der auf Befehl von Barack Obama auch etliche Dronenangriffe durchgef\u00fchrt worden sind, hat in den westlichen Medien kaum Beachtung gefunden. Das lag nicht zuletzt daran, dass das Gebiet f\u00fcr JournalistInnen einfach zu gef\u00e4hrlich ist. Mit den Dronen sind hunderte von ZivilistInnen umgebracht worden und Pakistans Armee hat Tod und Verw\u00fcstung gebracht. Ganze D\u00f6rfer sind zerst\u00f6rt worden und tausende von Soldaten verloren dabei ihr Leben.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Unterdessen mussten die internationalen Milit\u00e4rkr\u00e4fte in Afghanistan an vielen Stellen erleben, wie es zwischen Mitgliedern und ehemaligen Mitgliedern der ISI und den Taliban zu Konfrontationen gekommen ist. So auch im Jahr 2011, als Bin Laden von Sondereinheiten der USA im pakistanischen Abbottabad umgebracht wurde. Dort hat er in n\u00e4chster N\u00e4he zu Pakistans oberster Milit\u00e4rakademie gelebt. Die USA sind im Vorfeld nicht das Risiko eingegangen, irgendeine F\u00fchrungsfigur Pakistans in die Aktion einzuweihen.<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">K\u00f6nnen die Taliban Afghanistan wieder \u00fcbernehmen?<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">Daf\u00fcr gibt es gro\u00dfe H\u00fcrden, die zweifellos jenseits des Wunschdenkens einiger ihrer Kommandeure liegen, die sich an Friedensgespr\u00e4chen beteiligen wollen w\u00fcrden. Es gibt Berichte \u00fcber interne Machtk\u00e4mpfe und sie erhalten von reichen \u201eWohlt\u00e4tern\u201c weniger Geld als bisher. Hinzu kommt ein neuartiger Konflikt: Der R\u00fcckzug der ISAF f\u00fchrt dazu, dass es weniger um einen direkten Krieg gegen die ausl\u00e4ndische Besatzung geht. Und das, obwohl immer noch 13.000 NATO-Kr\u00e4fte im Land sind und Obama im Januar 2017 eine 300-k\u00f6pfige US-Taskforce zur\u00fcck nach Helmand entsendet hat.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die mit internationalen Mitteln finanzierte afghanische Armee ist momentan \u2013 von Fahnenflucht, schweren Verlusten und eingeschleusten Rebellen gezeichnet und trotz der Unterst\u00fctzung durch die US-amerikanische Luftwaffe \u2013 im besten Fall in der Lage, die wichtigen st\u00e4dtischen Gebiete zu halten. Als die Taliban im September 2015 Kunduz \u00fcberrant haben, haben sie die Stadt nur eine Woche lang halten k\u00f6nnen. F\u00fcr die Taliban ist es etwas anderes, die Stellungen zu halten und weiter in den l\u00e4ndlichen Gebieten vorzupreschen. Dort lebt immer noch der Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung. In diesen ausgedehnten Arealen ist es wahrscheinlicher, dass der Krieg weitergeht und es zu Waffenstillstandsverhandlungen kommt als dass sie vernichtend geschlagen werden.<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">Die Strategie der USA<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">Als im November 2016 auf dem Luftwaffenst\u00fctzpunkt von Bagram vier Bedienstete der USA durch einen Selbstmordanschlag get\u00f6tet wurden, wiederholte US-Verteidigungsminister Ash Carter die alten, abgenutzten und konstruierten Ziele: \u201eWir werden uns bei unserer Mission, unsere Heimat zu verteidigen und Afghanistan bei der Absicherung seiner Zukunft zu helfen, nicht abschrecken lassen\u201c. In Wirklichkeit stand Obama vor dem unl\u00f6sbaren Dilemma erkl\u00e4ren zu m\u00fcssen, dass der Tod von 2.392 US-B\u00fcrgerInnen in Afghanistan unumg\u00e4nglich war. Da er im eigenen Land auf immer st\u00e4rker werdende Forderungen nach einem Abzug stie\u00df und weil er 2008 ja als \u201eAntikriegs-Kandidat\u201c zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt worden war, musste Obama versprechen, die US-Armee aus Afghanistan abzuziehen. Diese Zusage hat er wegen zunehmender Aufst\u00e4nde nicht eingehalten. Bis heute sind immer noch 10.000 US-SoldatInnen im Land. Im Jahr 2014 \u00fcberwog unter den US-AmerikanerInnen die Zahl derer, die meinten, der Afghanistan-Krieg sei ein Fehler gewesen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Auch weil er diese Stimmung aufgegriffen hat, ist Donald Trump zum Pr\u00e4sidenten der USA gew\u00e4hlt worden. Doch w\u00e4hrend er einerseits sagt, dass die US-Truppen zur\u00fcckgeholt werden sollen, behauptet er anschlie\u00dfend wieder das Gegenteil. Er hat Pakistan daf\u00fcr kritisiert, den Taliban Unterschlupf zu bieten, und ist nach der Wahl wieder dazu \u00fcbergegangen, Pakistans Pr\u00e4sident Nawaz Sharif zu loben. Er hat durchblicken lassen, kurze intensive Milit\u00e4roperationen zu bevorzugen \u2013 um nicht im Morast zu versinken. Aber schon Bush hatte anfangs die Strategie verfolgt, es den afghanischen Warlords zu \u00fcberlassen, die Taliban aus dem Land zu vertreiben. Dies sollte mit einer nur geringen Anzahl an US-amerikanischen Sondereinsatzkr\u00e4ften und Luftunterst\u00fctzung vollzogen werden. Funktioniert hat es allerdings nicht.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Das Dilemma, in dem Trump steckt, ist, dass ein weiterer Abzug des US-Milit\u00e4rs und verminderte finanzielle Unterst\u00fctzung f\u00fcr Afghanistan zum Sturz der Regierung Ghani und einer Gewaltspirale f\u00fchren werden, was in einen ausgewachsenen B\u00fcrgerkrieg m\u00fcnden kann. Es ist kein Zufall, dass Afghanistan in den Debatten, die im Zuge des Pr\u00e4sidentschaftswahlkampfs in den USA gef\u00fchrt worden sind, kaum Beachtung gefunden hat. Keine der beiden gro\u00dfen politischen Parteien, auf die der US-amerikanische Kapitalismus zur\u00fcckgreifen kann, hat eine L\u00f6sung f\u00fcr die hartn\u00e4ckige Krise parat, in der sich das US-Milit\u00e4r dort befindet.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Jahrzehnte nach der schmachvollen Niederlage in Vietnam, wo ein Krieg gef\u00fchrt worden war, in dem Millionen von VietnamesInnen und 58.000 AmerikanerInnen ihr Leben verloren haben, feierte die kapitalistische Klasse in den USA reaktion\u00e4ren Entwicklungen, die ganz in ihrem Sinne waren; so zum Beispiel den sowjetischen Abzug aus Afghanistan. Kurz danach folgte der tosende Zusammenbruch des Stalinismus und im Jahr 1991 die Vertreibung von Saddam Hussein aus Kuwait unter der F\u00fchrung der USA. In ihrem Triumphalismus glaubten die US-amerikanischen Neo-Konservativen, sie k\u00f6nnten \u00fcberall auf der Welt einfach tun, was sie wollen. Doch diese Freude war nur von kurzer Dauer. W\u00e4hrend der US-Imperialismus \u00f6konomisch wie milit\u00e4risch immer noch die vorherrschende Kraft dieser Welt ist, ist der Einfluss des US-Imperialismus nach den Katastrophen der letzten 15 Jahre in Afghanistan und im Irak, dem Erstarken Chinas in der Pazifik-Region und dar\u00fcber hinaus sowie durch die \u00dcbernahme der Krim durch Wladimir Putin und dessen entschlossene Intervention in Syrien geschw\u00e4cht worden.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Als es um das Waffenstillstandsabkommen f\u00fcr Aleppo ging, waren die USA komplett au\u00dfen vor. Das war eine schmachvolle Zur\u00fcckweisung der jahrelangen Versuche, zu Gespr\u00e4chen \u00fcber Syrien zu kommen. Zusammen mit der T\u00fcrkei, Damaskus und dem Iran hat Russland das Abkommen eingef\u00e4delt. Trotz seiner schwachen \u00f6konomischen Stellung hat das Land auf milit\u00e4rischer Ebene m\u00e4chtig zugelangt. \u201eDer neue amerikanische Pr\u00e4sident muss die Realit\u00e4t akzeptieren, dass Iran die f\u00fchrende Macht in der Region ist\u201c, br\u00fcstete sich Yahya Safavi, au\u00dfenpolitischer Berater von Ajatollah Chamenei im Iran. Russland und der Iran haben auch Angebote in Richtung der Taliban in Afghanistan gemacht; teilweise, um auf diese Weise gegen den IS vorzugehen. Wenn die USA ihren Einfluss in Afghanistan zur\u00fcckfahren, f\u00fcrchten US-StrategInnen, dass eine Reihe von anderen Weltm\u00e4chten (darunter China) in die Bresche springen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Trump hat klar gemacht, dass er einen Russland-freundlicheren Kurs will. Damit weicht er von der Sichtweise ab, wie sie unter den Republikanern bisher verbreitet war. Und er will dem europ\u00e4ischen Standpunkt entgegentreten, wonach die USA ihre angestammte Rolle in der NATO zu spielen h\u00e4tten. Weil die USA aber schon unter Obama erkennen mussten, dass sich die internationalen Beziehungen verschoben haben, musste bereits eine multi-polare Doktrin \u00fcbernommen werden. So wurden im Sinne eigener Interventionen schon br\u00fcchige Koalitionen geschmiedet und die Zusammenarbeit mit Russland und China im Nahen Osten wurde verst\u00e4rkt \u2013 zum Beispiel gegen den IS.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Weil Trump es als Priorit\u00e4t bezeichnet, Gruppen wie den IS zu bek\u00e4mpfen, deutet dies darauf hin, dass auch weitere Milit\u00e4rinterventionen in Afghanistan auf seiner Liste stehen. Zwei Dinge sind hingegen absolut sicher: Er wird keine M\u00f6glichkeit haben, das Scheitern der US-Intervention in Afghanistan in einen Erfolg umwandeln zu k\u00f6nnen und f\u00fcr die Menschen in Afghanistan wird die Zukunft aufgrund des Kapitalismus d\u00fcster bleiben. Sie haben fast vierzig Jahre Krieg hinter sich, der in unterschiedlichen Formen gef\u00fchrt worden ist. Einige kapitalistische AnalystInnen kommen zu der Schlussfolgerung, dass die ethnische Fragmentierung des Landes, in dem PaschtunInnen, TadschikInnen, UzbekInnen, Hazara, AimakInnen, TurkmenInnen, BelutschInnen und andere leben, dazu f\u00fchrt, dass Stabilit\u00e4t unm\u00f6glich und B\u00fcrgerkriege unausweichlich sind.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">MarxistInnen lehnen diese Sichtweise mit aller Sch\u00e4rfe ab und setzen sich f\u00fcr demokratische, gleiche Rechte f\u00fcr alle Minderheiten ein. Dazu z\u00e4hlt auch das Recht, die eigene Sprache sprechen und die eigene Kultur leben zu k\u00f6nnen. Jede Form der Diskriminierung und Unterdr\u00fcckung durch andere Ethnien und Nationalit\u00e4ten muss bek\u00e4mpft werden. Das bedeutet, dass das Recht auf Selbstbestimmung verteidigt werden muss. Genauso sind Lenin und die Bolschewiki schon vor hundert Jahren vorgegangen. Sie haben sich den vielen Nationalit\u00e4ten und Volksgruppen zugewandt, die vom zaristischen Russland unterdr\u00fcckt worden waren. Sozialismus kann nicht mit Zwang funktionieren.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">F\u00fcr MarxistInnen ist es ebenso wichtig, unabh\u00e4ngig der ethnischen oder religi\u00f6sen Zugeh\u00f6rigkeit gemeinsame Solidarit\u00e4tsaktionen zwischen ArbeiterInnen und der Landbev\u00f6lkerung anzustreben. Dazu muss heute vor allem auch geh\u00f6ren, demokratisch aufgebaute und bewaffnete Einheiten zur Verteidigung gegen Angriffe von religi\u00f6s-ausgerichteten Milizen oder Terroristen aufzubauen. Erinnert sei nur an den Selbstmordattent\u00e4ter, der vergangenen Juli bei einer vornehmlich von schiitischen Hazara besuchten Demonstration in Kabul \u00fcber achtzig Menschen mit in den Tod riss, oder an die Ermordung von 13 Bergleuten, die ebenfalls der Hazara-Ethnie angeh\u00f6rten. Dies geschah im Januar 2017 im Norden des Landes.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Der andere wesentliche Teil eines sozialistischen Programms muss aus der Erkenntnis bestehen, notwendigerweise eine Bewegung der Massen aufzubauen, die stark genug ist, um s\u00e4mtliche ausl\u00e4ndischen kapitalistischen Kr\u00e4fte aus Afghanistan zu vertreiben und den afghanischen Warlords und der Elite die Macht zu entrei\u00dfen. Niemand an der Spitze der Eliten ist in der Lage, sich selbst durch Ausbeutung oder Pl\u00fcnderei zu bereichern, ohne dabei auf Netzwerke und eigene bewaffnete Einheiten zur\u00fcckgreifen zu k\u00f6nnen oder auf die Armee und Polizei des neuen Staates. Abgesehen davon sind diese f\u00fcr sie in Wirklichkeit \u00fcberhaupt nicht vertrauensw\u00fcrdig. All die Strukturen, die die super-reichen afghanischen Kapitalisten in ihren privilegierten Positionen absichern, k\u00f6nnen sehr schnell in die Br\u00fcche gehen, wenn erst eine neue Kraft der Massen aus ArbeiterInnen und verarmten Schichten aufgebaut ist, die eine demokratische sozialistische Alternative voranbringt.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Das muss auch die \u00dcberf\u00fchrung der Bodensch\u00e4tze, Banken, der Landwirtschaft und weiterer Schl\u00fcsselbranchen in \u00f6ffentliches Eigentum umfassen, damit die Produktion und die Gesellschaft zum Nutzen der \u00fcberw\u00e4ltigenden Mehrheit der Bev\u00f6lkerung weiterentwickelt werden kann. Dies ist die einzige M\u00f6glichkeit, um der Bev\u00f6lkerungsmehrheit in Afghanistan, die zur H\u00e4lfte aus jungen Leuten unter 18 Jahren besteht, eine ertragbare Zukunft bieten zu k\u00f6nnen. Es darf aber nicht nur um eine ertragbare Zukunft gehen, sondern es muss eine Perspektive her, nach der all die schrecklichen Relikte feudaler und kapitalistischer Barbarei endlich der Vergangenheit angeh\u00f6ren und eine \u00c4ra der Kooperation der Menschen und des Fortschritts f\u00fcr alle sich er\u00f6ffnet.<\/p>\n<h5 align=\"LEFT\"><em>Judy Beishon ist Mitglied der Leitung der Socialist Party in England und Wales und des Internationalen Sekretariats des Komitees f\u00fcr eine Arbeiterinternationale. Der Artikel erschien im englischen original in der Februarausgabe der Zeitschrift Socialism Today.<\/em><\/h5>\n<p align=\"JUSTIFY\"><em>Neben einer Reihe von Presseartikeln dienten folgende B\u00fccher als Grundlage dieses Artikels: <\/em><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><em>Robert Fisk: \u201eOn Afghanistan\u201c, Independent Print Limited, 2016.<\/em><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><em>Christina Lamb: \u201eFarewell Kabul\u201c, Harper Collins, 2015.<\/em><\/p>\n<p><em>Patrick Cockburn: \u201eAge of Jihad\u201c, Verso books, 2016.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Imperialistischer Krieg f\u00fchrt zu Leid und Chaos f\u00fcr Millionen<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":34386,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[60,38,42],"tags":[749,839],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34384"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=34384"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34384\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":34387,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34384\/revisions\/34387"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/34386"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=34384"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=34384"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=34384"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}