{"id":33860,"date":"2016-12-01T11:15:58","date_gmt":"2016-12-01T10:15:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=33860"},"modified":"2016-12-01T09:47:55","modified_gmt":"2016-12-01T08:47:55","slug":"dem-senat-in-die-wunde-pieken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2016\/12\/dem-senat-in-die-wunde-pieken\/","title":{"rendered":"\u201eDem Senat in die Wunde pieken\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/s10_cfm_Sascha-e1480581934386.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-33875\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/s10_cfm_Sascha-e1480581934386-227x173.jpg\" alt=\"s10_cfm_sascha\" width=\"227\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/s10_cfm_Sascha-e1480581934386-227x173.jpg 227w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/s10_cfm_Sascha-e1480581934386-768x585.jpg 768w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/s10_cfm_Sascha-e1480581934386-456x347.jpg 456w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/s10_cfm_Sascha-e1480581934386-600x457.jpg 600w\" sizes=\"(max-width: 227px) 100vw, 227px\" \/><\/a>Interview mit Sascha Kraft, Besch\u00e4ftigter, Betriebsrat und ver.di-Aktivist bei der Charit\u00e9 Facility Management GmbH*<\/strong><\/p>\n<h4>Sascha, die Charit\u00e9 Facility Management (CFM) begeht seit \u00fcber zehn Jahren Tarifflucht. Warum habt ihr noch keinen Tarifvertrag?<\/h4>\n<p>Die CFM wurde ja aufgrund eines Beschlusses des rot-roten Senats 2006 gegr\u00fcndet. Er hatte beschlossen, dass die L\u00f6hne im \u00f6ffentlichen Bereich gesenkt werden m\u00fcssen, damit Berlin praktisch spart. So hat man Bereiche in die CFM ausgegliedert und Lohndumping betrieben. Seit dem begeht die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung Tarifflucht.<\/p>\n<p>Dagegen haben wir erstmalig 2011 gestreikt. Das war zu Beginn zusammen mit den Besch\u00e4ftigten der Charit\u00e9, die nach einer Woche ein Angebot bekommen haben. Danach stand die CFM alleine drau\u00dfen. Vierzehn Tage mussten wir alleine streiken, damit sich die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung \u00fcberhaupt zu Verhandlungen bereit erkl\u00e4rt. Insgesamt haben wir dann bis in den Herbst rein 89 Tage gestreikt. Doch danach war der Arbeitgeber nicht zu einem annehmbaren Angebot bereit, so blieb es bei einem Eckpunktevertrag, der besagte, dass ab Mai 2012 ein Mindestlohn von 8.50 Euro pro Stunde gezahlt wird. Au\u00dferdem gab es 300 Euro Einmalzahlung f\u00fcr alle Besch\u00e4ftigten unter 30.000 Euro Bruttojahreseinkommen. Aber ein Urlaubs- oder Weihnachtsgeld haben wir immer noch nicht. Mehr war nach so einem langen Streik, bei dem wir leider f\u00fcr uns alleine k\u00e4mpfen mussten, nicht machbar.<\/p>\n<p>Ich konnte 2011 mitstreiken, weil ich entfristet wurde 2010. Es gab sehr viel Repression vom Arbeitgeber. Besch\u00e4ftigte wurden umgesetzt, man hat mit der Angst der Besch\u00e4ftigten gespielt, den Arbeitsplatz zu verlieren. Die Befristungsquote ist sehr hoch in der CFM. Die Leute werden teilweise befristet f\u00fcr zwei Jahre und dann nicht wieder eingestellt, damit sie nicht mitstreiken. Das l\u00e4uft seit 2006. Bis zum heutigen Tage wird die Befristungsquote sehr hoch gehalten.<\/p>\n<h4>Was bedeutet eure Situation f\u00fcr die Gesundheitsversorgung bei der Charit\u00e9?<\/h4>\n<p>Wir als CFM erbringen alle nicht-medizinischen Dienstleistungen bei der Charit\u00e9. Wir machen den Krankentransport, Reinigung, Modullieferung und Blutlieferung. Unsere Arbeit hat enormen Einfluss auf Hygiene und Qualit\u00e4t der Gesundheitsversorung bei der Charit\u00e9. Ohne unsere Dienstleistungen ist die Charit\u00e9 gar nicht lebensf\u00e4hig. Deshalb k\u00e4mpfen wir auch f\u00fcr einen Tarifvertrag: gleiche Arbeit gleicher Lohn.<\/p>\n<h4>Wie liefen die letzten Streikma\u00dfnahmen?<\/h4>\n<p>Die ersten Warnstreiks sind langsam angelaufen. Die Leute sind sehr gut vernetzt und bekommen Informationen aus erster Hand. Wir sind durch die f\u00fcnf einzelnen Streiktage schlagkr\u00e4ftiger geworden, auch wenn sich nur eine Minderheit der Besch\u00e4ftigten bisher beteiligt hat. Wir haben dem Arbeitgeber Nadelstiche gesetzt und damit richtig b\u00f6se weh getan. Operationen wurden schon am ersten Tag abgesagt.<\/p>\n<p>Und erst dadurch haben wir bei der Politik ein offenes Ohr gefunden. Daf\u00fcr haben wir uns die letzten ein bis zwei Jahre auch au\u00dferhalb der Betriebsgruppen engagiert, im Gewerkschaftlichen Aktionsausschuss \u201eKEINE PREK\u00c4RE ARBEIT UND TARIFFREIE BEREICHE im Verantwortungsbereich des Landes Berlin\u201c<\/p>\n<h4>Was erhofft ihr euch vom neuen Berliner Senat?<\/h4>\n<p>Wir werden noch schlagkr\u00e4ftiger werden, jetzt nachdem im Koalitionsvertrag drin steht, dass f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten der Tochterunternehmen der Charit\u00e9 sprich der CFM eine vern\u00fcnftige Bezahlung stattfinden soll. Und wir werden den Politikern so lange in die Wunde pieken, bis sie ihre Wahlversprechen auch einhalten mit dem, was sie sich vor den Wahlen auf die Fahnen geschrieben haben. Vor allem weil nicht klar ist, wie lange es dauern wird, bis wir eine vern\u00fcnftige Bezahlung erhalten. In anderen Tarifvertr\u00e4gen dauern die Angleichungen \u00fcber zehn Jahre!<\/p>\n<p>Insbesondere die privaten Anteilseigener werden alles daf\u00fcr tun, um die politische Absichtserkl\u00e4rung aus dem Koalitionsvertrag zu unterlaufen. Wir fordern weiter die Eingliederung der CFM in die Charit\u00e9. Zwar will der Senat, die Beteiligung privater Anteilseigener beenden, aber wir fragen uns, warum dann die CFM nicht gleich wieder in die Charit\u00e9 kommt? Deshalb sind wir auch weiter au\u00dferhalb unserer Streikaktionen bei der Politik sehr aktiv.<\/p>\n<h4>Wie wollt ihr die Blockade des Arbeitgebers brechen?<\/h4>\n<p>Wir gehen sehr viel in die Eins-zu-Eins-Gespr\u00e4che mit den Besch\u00e4ftigten. Wir investieren sehr viel Freizeit als Tarifkommissionsmitglieder. Die Leute wollen und brauchen das Gef\u00fchl, st\u00e4ndig einen Ansprechpartner zu haben. Sie wollen Informationen aus erster Hand. Die Besch\u00e4ftigten sind so motiviert und begeistert, was wir mit den f\u00fcnf Streiktagen schon erreicht haben, dass sie das erste schlechte Angebot vom Arbeitgeber vom Tisch gefegt haben. Bei jeder Aktion stehen wir mit fast 200 Besch\u00e4ftigten drau\u00dfen. Das hat Signalwirkung.<\/p>\n<p><em>* Angabe dient nur der Kenntlichmachung der Person<\/em><\/p>\n<h4>Info: Was ist die Charit\u00e9 Facility Management (CFM)?<\/h4>\n<p>2006 wurden die nichtpflegerischen T\u00e4tigkeitsbereiche (Krankentransport, Reinigung, Sterilisation, Sicherheitsdienst etc) an der Berliner Charit\u00e9 in der CFM zusammen gefasst, ausgegliedert und teilprivatisiert. Seitdem h\u00e4lt das Land Berlin 51 Prozent und das aus den Firmen Vamed, Dussmann und Hellmann bestehende private Gesellschafterkonsortium 49 Prozent der Anteile. Die zum damaligen Zeitpunkt bei der Charit\u00e9 besch\u00e4ftigten KollegInnen behielten ihre Arbeitsvertr\u00e4ge mit der Charit\u00e9 und werden seitdem an die CFM entliehen. Man nennt diese KollegInnen \u201eGestellte\u201c. Sie fallen unter den Charit\u00e9-Haustarifvertrag. Das sind circa ein Drittel der ungef\u00e4hr 2.600 KollegInnen umfassenden Belegschaft. Die anderen Besch\u00e4ftigten der CFM, die aus verschiedenen Fremdfirmen in die CFM \u00fcbergegangen sind oder seit 2006 eingestellt wurden, haben keinen Tarifvertrag und erhalten individuelle Arbeitsvertr\u00e4ge. Sie d\u00fcrfen \u00fcber ihren Lohn keine Auskunft geben. Untersuchungen von ver.di und dem Solidarit\u00e4tskomitee f\u00fcr die CFM-Besch\u00e4ftigten ergaben jedoch Lohnunterschiede von \u00fcber 250 Prozent und sogar von \u00fcber einhundert Prozent im selben T\u00e4tigkeitsbereich. Bis zum Streik 2011 wurden in einigen Bereichen Stundenl\u00f6hne von unter sieben Euro gezahlt. \u00dcber zwanzig Prozent der Besch\u00e4ftigten haben nur einen befristeten Arbeitsvertrag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Sascha Kraft, Besch\u00e4ftigter, Betriebsrat und ver.di-Aktivist bei der Charit\u00e9 Facility Management GmbH*<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":33875,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[291,785],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33860"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=33860"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33860\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":33877,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33860\/revisions\/33877"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/33875"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=33860"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=33860"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=33860"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}