{"id":33653,"date":"2016-10-22T15:14:54","date_gmt":"2016-10-22T13:14:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=33653"},"modified":"2016-10-27T10:23:08","modified_gmt":"2016-10-27T08:23:08","slug":"vor-70-jahren-die-ungarische-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2016\/10\/vor-70-jahren-die-ungarische-revolution\/","title":{"rendered":"Vor 60 Jahren: Die ungarische Revolution"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_33654\" aria-describedby=\"caption-attachment-33654\" style=\"width: 238px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/ungarn-e1476970276253.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-33654\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/ungarn-e1476970276253-238x173.jpg\" alt=\"CC BY-SA 3.0 File:1956 a budapesti Szt\u00e1lin-szobor elgurult feje fortepan 93004.jpg\" width=\"238\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/ungarn-e1476970276253-238x173.jpg 238w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/ungarn-e1476970276253-768x559.jpg 768w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/ungarn-e1476970276253-477x347.jpg 477w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/ungarn-e1476970276253-600x437.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/ungarn-e1476970276253.jpg 808w\" sizes=\"(max-width: 238px) 100vw, 238px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-33654\" class=\"wp-caption-text\">CC BY-SA 3.0 File:1956 a budapesti Szt\u00e1lin-szobor elgurult feje fortepan 93004.jpg<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"RIGHT\"><strong>Die Macht lag bei den Arbeiterr\u00e4ten<\/strong><\/p>\n<p align=\"LEFT\">Osteuropa in den 1950er Jahren: W\u00e4hrend die Arbeitsnormen in den Fabriken steigen, verbessert sich die Lage der ArbeiterInnen nicht. Im Gegenteil: der Alltag f\u00fcr sie ist beschwerlich, die L\u00f6hne sehr niedrig. So berichtet Pierre Brou\u00e9 \u00fcber Polen: \u201eDer Angeklagte Kulas arbeitet von sechs Uhr fr\u00fch bis Mitternacht und kann sich nicht ein Paar Schuhe f\u00fcr 150 Zloty kaufen.\u201c (1). Es g\u00e4rt unter den ArbeiterInnen und B\u00e4uerInnen.<\/p>\n<p align=\"LEFT\"><em>Von Doreen Ullrich<\/em><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Politbonzen genossen derweil ihre Sonderl\u00e4den, spezielle Gesundheitsvorsorge und mit Stacheldraht abgesicherte Urlaubsregionen. Das polnische Politb\u00fcromitglied Klosiewicz verdiente 40.000 Zloty und besa\u00df einen Mercedes, w\u00e4hrend ein polnischer Arbeiter gerade einmal 1.500 Zloty bekam. Der ungarische Minister Rakosi nannte eine Prachtvilla sein eigen. Eine ganze Kaste aus B\u00fcrokraten lebte auf Kosten der ArbeiterInnen und B\u00e4uerInnen.<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">Geheimdienste foltern<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">Ihre Macht sicherten die B\u00fcrokraten mit Hilfe von Geheimdiensten. In Ungarn war es der AVH (Allma Vedelmi Hatosag). vermeintliche und reale Regimegegner wurden gefoltert, Menschen zu Denunziation angehalten und ein ganzes Volk in Angst versetzt. Der AVH war ein riesiger Apparat: \u201eEs gab dort Gestapo-Folterkammern mit Peitschen, Galgen und Instrumenten zur Zermalmung der menschlichen Gliedma\u00dfen. Es gab winzige Strafzellen. Da lagen Berge von Briefen aus dem Ausland, die durch die Zensur gehen sollten. Da standen ganze Batterien von Tonbandger\u00e4ten zur Aufnahme von Telefongespr\u00e4chen. Prostituierte wurden als Polizeispitzel und Lockv\u00f6gel festgehalten.\u201c (2)<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Geheimdienstler, kurz AVOs genannt, verdienten sehr gut. W\u00e4hrend der Durchschnittslohn in Ungarn etwa bei eintausend Forint lag, verdiente ein einfacher AVO etwa drei- bis f\u00fcnftausend Forint, ein Offizier gerne neun- bis zw\u00f6lftausend Forint.<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">Der Kreml profitiert<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Produktivit\u00e4t der ArbeiterInnen kam auch dem \u201egro\u00dfen Bruder\u201c UdSSR zu Gute. Mit unversch\u00e4mten Handelsabkommen presste der Kreml die Ostblockstaaten aus. Als in Ungarn in den Gebieten von P\u00e9cs reiche Uranvorkommen entdeckt wurden, beanspruchte die Sowjetb\u00fcrokratie diese f\u00fcr sich allein, jahrelang wurde \u00fcber den Abbau des Urans geschwiegen, erst kurz vor der Revolution 1956 brach ein Physiker das Schweigen. (3)<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die russische B\u00fcrokratie hatte ihre Finger \u00fcberall und musste sie haben, um ihre Privilegien und ihre Macht zu sch\u00fctzen, und eine Revolution gegen sie selbst zu verhindern. Eine politische Revolution, die diese Kaste davon jagen und die eine von oben herab geplante Wirtschaft durch eine kleine Clique, durch eine Planwirtschaft mit Arbeiterkontrolle und -demokratie h\u00e4tte ersetzen k\u00f6nnen. Wie das zu schaffen gewesen w\u00e4re, das zeigte die ungarische Revolution 1956. Doch beginnen wir von vorn, warum stand das ungarische Proletariat auf?<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">Nach Stalin-\u00c4ra<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">Daf\u00fcr m\u00fcssen wir bereits ins Jahr 1953 zur\u00fcckblicken. Im M\u00e4rz starb Stalin, das erf\u00fcllte viele ArbeiterInnen mit Hoffnung auf Besserung. In der B\u00fcrokratie entbrannte ein Richtungsstreit \u2013 wie weiter nach Stalin? Dadurch ermutigt, begannen ArbeiterInnen Widerstand zu entwickeln. In Berlin streikten im Juni die Bauarbeiter und schnell entstand ein Fl\u00e4chenbrand in der DDR. Der Arbeiteraufstand wurde von der dort stationierten russischen Armee brutal niedergeschlagen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Auch in Ungarn wurde 1953 heftig gestreikt. Die Sowjetb\u00fcrokratie bestellt die ungarische Regierung ein. Der von ArbeiterInnen verhasste Ministerpr\u00e4sident Matyas Rakosi wurde abgesetzt und durch den \u201eReformer\u201c Imre Nagy ersetzt, er versprach wirtschaftliche Liberalisierung und einige politische Zugest\u00e4ndnisse, jedoch keine wirkliche Demokratie. Teile der B\u00fcrokratie hofften durch Nagys Beliebtheit den Streiks und Unruhen ein Ende zu setzen. Der Richtungsstreit jedoch ging weiter, und schon 1955 wurde Nagy wieder abgesetzt und vom Hardliner Heged\u00f6s ersetzt, Nagy selbst wurde aus der Partei ausgeschlossen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">1956 hielt Chruschtschow dann seine ber\u00fchmte \u201eGeheimrede\u201c auf dem 20. Parteitag der KPdSU. Als Reaktion auf die Unruhen und die g\u00e4rende Stimmung im gesamten Ostblock und auch in Russland, kritisierte er Stalin und dessen Verbrechen, jedoch ohne die Position der B\u00fcrokratenkaste insgesamt in Frage zu stellen oder grundlegende Ver\u00e4nderungen zu versprechen.<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">Aufstand in Polen<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">In Polen kam es zu einem Aufstand in der Region Poznan. Mit Streiks und bewaffneten K\u00e4mpfen wurden die alten B\u00fcrokraten weggefegt. Ersetzt wurden sie durch Gomulka, einem \u201egem\u00e4\u00dfigtem\u201c B\u00fcrokraten, der die Zwangskollektivierung abbremste und verschiedene andere popul\u00e4re Ma\u00dfnahmen durchf\u00fchrte.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">In Ungarn g\u00e4rte es derweil ebenso. Schriftsteller, Studierende und Intellektuelle gr\u00fcndeten 1955 den so genannten Pet\u00f6fi-Kreis. Benannt nach einem ungarischen Nationalhelden und Dichter. Hier wurde kritisch debattiert &#8211; ganz genau wurde auch beobachtet, was in Polen vor sich ging.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Als im Fr\u00fchherbst 1956 L\u00e1szl\u00f3 Rajk, der bei einem stalinistischen Schauprozess zum Tode verurteilt worden war, im Zuge der \u201eEntstalinisierung\u201c von Chruschtschow rehabilitiert und w\u00fcrdig begraben wurde, folgten 200.000 Menschen seinem Sarg. Auch wenn Rajk selbst kein Antistalinist war, so war er ein Symbol f\u00fcr die Opfer der S\u00e4uberungswelle unter Rakosi.<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">Die ersten Versammlungen und Forderungen<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">Inspiriert vom Aufstand in Polen organisierten Studierende in Budapest am 21. und 22. Oktober gro\u00dfe Versammlungen. Sie solidarisierten sich mit der polnischen Bewegung und stellten Forderungen f\u00fcr Ungarn auf.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">An der technischen Universit\u00e4t wurde eine Resolution mit 16 Punkten verfasst. Sie forderte unter anderem den Abzug aller sowjetischen Truppen, die R\u00fcckkehr Imre Nagys an die Regierungsspitze, gleichberechtigte Beziehungen zur Sowjetunion, Revision der Arbeitsnormen und des Mindestlohns, Presse- und Meinungsfreiheit. Au\u00dferdem solidarisierten sie sich mit den K\u00e4mpfen der polnischen ArbeiterInnen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Als Reaktion darauf rief der Pet\u00f6fi-Kreis zu einer Demonstration am 23. Oktober auf. Im Aufruf forderte er unter anderem die Entlassung Rakosis aus Partei und Regierung, das Ende des AVHs und richtete einen Appell an Imre Nagy, die Regierung zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Der Aufruf zur Demonstration wurde tats\u00e4chlich in der Presse ver\u00f6ffentlicht. Das half der Mobilisierung. Noch mehr half aber, dass die Demonstration erst verboten, dann aber doch wieder erlaubt wurde. Das wurde Regierung und Partei als Zeichen der Schw\u00e4che ausgelegt. Nach Feierabend stie\u00dfen ArbeiterInnen aus den Fabriken und B\u00fcros zur Studierenden-Demo hinzu. Es ging hierhin und dorthin. Das verhasste Stalindenkmal wurde demoliert, die Masse zog vor dem Parlament auf und forderte die R\u00fcckkehr Imre Nagys an die Regierungsspitze.<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">Waffen gegen Demonstranten<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">Am Abend sprach Ern\u00f6 Ger\u00f6, der Nachfolger Rakosis, im Radio. Menschenmengen dr\u00e4ngten sich vor dem Rundfunkgeb\u00e4ude. Doch Ger\u00f6s Rede war eine reine Provokation, er sprach von \u201eGesindel\u201c und \u201ekonterrevolution\u00e4ren Elementen\u201c. Die Demonstranten wurden w\u00fctend. Die Studierenden forderten als Antwort auf Ger\u00f6, dass ihre Resolution im Radio verlesen wird und schickten eine Delegation. Nichts tat sich, schlie\u00dflich nahm man an, die Delegation sei verhaftet worden. Demonstranten versuchten das Rundfunkgeb\u00e4ude zu st\u00fcrmen. Dann feuerten die AVOs Gewehrsalven auf die Menschenmenge. Da brachen die letzten D\u00e4mme in der Bewegung. Das Volk bewaffnete sich, viele Armeeeinheiten verbr\u00fcderten sich mit den Protesten der ArbeiterInnen und Jugend, gaben Waffen aus. Der Rest der Waffen stammte aus den Betriebswaffenkammern. Barrikaden wurden gebaut, der Kampf gegen den verhassten AVH begann.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die B\u00fcrokratie bekam es mit der Angst zu tun, sie setzte Nagy wieder ein um die Menge zu beruhigen. Gleichzeitig aber rief sie die sowjetische Armee zur Hilfe, um den begonnenen Aufstand brutal niederzuschlagen. Nagys Ernennung zum Ministerpr\u00e4sidenten kam zu sp\u00e4t, die ArbeiterInnen f\u00fchlten ihre Macht. Die Zentren des Aufstandes waren inzwischen die gro\u00dfen Bastionen der Arbeiterbewegung, das rote Cespel zum Beispiel.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Am 25. Oktober kam es zu einer weiteren Demonstration vor dem Parlamentsgeb\u00e4ude in Budapest, w\u00e4hrend sich die ungarische Armee und auch die gerufenen sowjetischen Truppen zur\u00fcckhielten oder gar mit den Demonstranten sympathisierten, verteidigten die AVOs die B\u00fcrokratie mit roher Gewalt. Von den D\u00e4chern schossen sie auf die DemonstrantInnen, etwa dreihundert Tote waren zu beklagen.<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">Russische Soldaten laufen \u00fcber<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die ersten sowjetischen Panzer rollten in dem selben Zeitraum auf Budapest zu. Den russischen Soldaten wurde erkl\u00e4rt, sie h\u00e4tten es mit Konterrevolution\u00e4ren zu tun. Doch was ihnen in den Stra\u00dfen der ungarischen Hauptstadt begegnete, war das Volk. M\u00e4nner und Frauen redeten auf sie ein, erkl\u00e4rten ihre Forderungen. Es gab Verbr\u00fcderungsgesten. \u201eAuf dem Wege zum Parlamentsgeb\u00e4ude begegneten sie einem sowjetischen Panzer, der Panzer hielt an, ein Soldat steckte den Kopf heraus, und die Vordersten der Menge begannen zu erkl\u00e4ren, dass sie unbewaffnet und friedliche Demonstranten seien. Der Soldat sagte ihnen sie sollten auf den Panzer springen, einige taten das, und der Panzer setzte sich zusammen mit dem Zug in Bewegung (\u2026). Der sowjetische Kommandant sagte gerade, \u2018Ich habe Frau und Kinder die in der Sowjetunion auf mich warten, ich habe gar kein Verlangen in Ungarn zu bleiben\u2018.\u201c (4)<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Auch die ungarische Armee lief auf die Seite des Aufstandes \u00fcber. Soldaten und Offiziere forderten wie die ArbeiterInnen und die Jugend den Abzug der sowjetischen Truppen, die Macht\u00fcbernahme von Nagy und Aburteilung der f\u00fcr die Schie\u00dfereien Verantwortlichen.<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">Generalstreik und Arbeiterr\u00e4te<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">Als Reaktion auf die Gewaltorgie der AVOs und ihrer B\u00fcrokratie beschlossen die ArbeiterInnen den Generalstreik. \u201eWir rufen alle Ungarn zum Generalstreik auf. Solange die Regierung nicht unsere Forderungen erf\u00fcllt, solange die M\u00f6rder keine Rechenschaft ablegen m\u00fcssen, solange werden wir der Regierung mit dem Generalstreik antworten\u201c, hie\u00df es in einem Flugblatt (5)<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Mit dem Beginn des Generalstreiks entstanden \u00fcberall in Ungarn Arbeiterr\u00e4te. Sie waren wohl das beeindruckendste Element der ungarischen Revolution.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">\u201eSie waren Organe des Aufstandes \u2013 eine Versammlung von Abgeordneten, die von Fabriken, Universit\u00e4ten, Bergwerken und Armee-Einheiten gew\u00e4hlt worden waren \u2013 und gleichzeitig Organe einer volkst\u00fcmlichen Selbstverwaltung, der das bewaffnete Volk vertraute. Als solche besa\u00dfen sie eine ungeheure Autorit\u00e4t, und es ist nicht \u00fcbertrieben, wenn man behauptet, dass bis zu dem sowjetischen Angriff vom 4 . November die tats\u00e4chliche Gewalt im Land in ihren H\u00e4nden lag.\u201c (6)<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Schon am 1. November gab es \u00fcberall im Land Arbeiterr\u00e4te, sie stellten Forderungen auf, wie den Abzug der sowjetischen Truppen, Aufl\u00f6sung des AVHs oder auch Lohnerh\u00f6hungen. Die R\u00e4te sorgten auch f\u00fcr die Aufrechterhaltung der Ordnung, die Produktion in den Betrieben, die Verteilung von Lebensmitteln. Au\u00dferdem organisierten sie den Kampf. Einige R\u00e4te forderten auch eine regionale und nationale Vernetzung. In Budapest wurde sp\u00e4ter ein zentraler Rat gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Ein Reporter des britischen Observers beschrieb die R\u00e4te so: \u201ePhantastisch ist, dass trotz Generalstreik und ohne zentral organisierte Industrie die Arbeiter die wichtigsten Dienstleistungen auf eigene Faust nach eigener Zielsetzung und Vorstellung erledigen. Arbeiterr\u00e4te haben in den Industriebezirken die Verteilung wichtiger Waren und Nahrungsmittel unter die Bev\u00f6lkerung \u00fcbernommen, um am Leben zu bleiben. Die Kohlebergleute bauen t\u00e4glich so viel Kohle ab, dass die Kraftwerke und Krankenh\u00e4user in Budapest und anderen gro\u00dfen St\u00e4dten damit versorgt werden k\u00f6nnen. Eisenbahner organisieren Z\u00fcge, die zu bestimmten Zwecken an bestimmte Orte fahren.\u201c (7)<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">War die Revolution antisozialistisch?<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">Von Stalinisten auf der ganzen Welt wurde und wird behauptet, dass die Revolution von 1956 antikommunistisch und konterrevolution\u00e4r war. So schrieb der britische Daily Worker (Zeitung der britischen KP): \u201eIn Ungarn geht es um die sozialistischen Errungenschaften der letzten 12 Jahre oder eine R\u00fcckkehr zum Kapitalismus, zum Gro\u00dfgrundbesitz und zum Horty Faschismus&#8230;\u201c (8)<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Arbeiterr\u00e4te machten deutlich, dass sie nicht zum Kapitalismus zur\u00fcck wollten. Ja, sie wollten die sowjetischen Truppen aus dem Land haben und die Unabh\u00e4ngigkeit Ungarns. Doch sie konnten sich noch gar zu sehr an die Zeit der Gro\u00dfjunker und Banker erinnern. Dahin wollten sie nicht zur\u00fcck.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">So erkl\u00e4rt Radio Gy\u00f6r f\u00fcr den dortigen Arbeiterrat: \u201eWir wollen nicht die Wiederkehr des alten kapitalistischen Systems, wir wollen ein freies und unabh\u00e4ngiges Ungarn.\u201c (9)<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Der neu gebildete Nationalrat der Freien Gewerkschaften ver\u00f6ffentlichte in seiner Resolution weitreichende wirtschaftliche Forderungen, die deutlich belegten, dass ein Zur\u00fcck zum Kapitalismus nicht gewollt war. So stand im Punkt 1: \u201eBildung von Arbeiterr\u00e4ten in s\u00e4mtlichen Betrieben damit a) die Arbeiterselbstverwaltung eingef\u00fchrt wird und b) die staatliche Zentralverwaltungswirtschaft grundlegend ge\u00e4ndert wird.\u201c (10)<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Nachdem die Armee sich auf Seiten der Arbeiter*innen geschlagen hatte, lie\u00df sie Flugbl\u00e4tter verteilen und forderte unter anderem; \u201eEine wirklich demokratische Basis f\u00fcr den ungarischen Sozialismus\u201c (11)<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Und die Studierenden erkl\u00e4rten: \u201eWir haben uns nicht erhoben, um die Basis der ungarischen Republik zu \u00e4ndern, aber wir wollen die Art von Sozialismus und Kommunismus, die dem entspricht, was Ungarn will. Daran sind wir uns alle einig\u201c (12)<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">Zeit der Doppelherrschaft<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Arbeiterr\u00e4te setzten Nagy unter Druck, er musste diese sogar anerkennen und zu ihrem Aufbau aufrufen, auch versprach er Verhandlungen \u00fcber den Abzug der Sowjettruppen zu f\u00fchren. Das war der Zeitpunkt einer Doppelherrschaft. Auf der einen Seite standen die Arbeiter-, Bauern- und Soldatenr\u00e4te, die die Macht aus\u00fcbten. Auf der anderen Seite stand die von Nagy organisierte stalinistische Regierung.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Von den ArbeiterInnen unter Druck stehend, erkl\u00e4rt Nagy, dass es tats\u00e4chlich Verhandlungen mit Moskau gebe. Er erkl\u00e4rte den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt und die Neutralit\u00e4t Ungarns, au\u00dferdem versprach er die Aufl\u00f6sung des AVHs.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Aufst\u00e4ndischen sahen sich ihrem Sieg nahe, es gab Ger\u00fcchte, dass die russischen Panzer sich aus Budapest zur\u00fcckziehen. War es das? Hatte man gesiegt? Nagy rief zu Ruhe und Ordnung auf, niemand solle mehr \u201eprovozieren\u201c oder \u201est\u00f6ren\u201c, damit der Abzug der russischen Truppen garantiert werden k\u00f6nne. Diesen Aufruf befolgten zwar die ArbeiterInnen nicht, sie waren nach wie vor misstrauisch und setzten ihren Streik fort. Doch ein Teil der Armee und auch die Polizei begann wieder, Nagys Anweisungen Folge zu leisten.<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">Die Konterrevolution<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">Zur gleichen Zeit plante der Kreml bereits die Gegenoffensive, zu gro\u00df war die Angst, dass die Arbeiterr\u00e4te vollends die Macht ergreifen k\u00f6nnten. Der B\u00fcrokratie in Moskau war auch klar, dass selbst Nagy die ArbeiterInnen nicht kontrollieren konnte.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Am 4. November rollte die zweite russische Invasion in Budapest ein. Diesmal war der Kreml besser vorbereitet, er schickte Soldaten aus dem asiatischen Teil der Sowjetunion, die nicht mit den Ungarn kommunizieren konnten. Wo sich die Soldaten befanden, wurde Ihnen nicht erkl\u00e4rt. \u201eVerschiedene einfache sowjetische Soldaten haben den Leuten in den letzten beiden Tagen gesagt, sie h\u00e4tten keine Ahnung davon gehabt das sie nach Ungarn gekommen waren. Sie h\u00e4tten zuerst geglaubt, sie seien in Berlin und k\u00e4mpften gegen deutsche Faschisten.\u201c (13)<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Mit aller H\u00e4rte schlugen die circa sechstausend russischen Panzer die Revolution im ganzen Land nieder. \u201eGro\u00dfe Teile der Stadt \u2013 vor allem Arbeiterviertel \u2013 liegen praktisch in Tr\u00fcmmern. Vier Tage und N\u00e4chte lang wurde Budapest unausgesetzt bombardiert. Ich sah, wie die einst sch\u00f6ne Stadt zur Unterwerfung gebracht wurde, indem sie zerschossen, zerschlagen, zerschmettert und ausgeblutet wurde.\u201c (14)<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Imre Nagy fl\u00fcchtete in die jugoslawische Botschaft, er wurde sp\u00e4ter mit anderen Regierungsmitgliedern ermordet. Eine pro-russische Regierung unter Janos Kadar wurde installiert.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die ArbeiterInnen versuchten indes, die Revolution zu halten und leisteten den sowjetischen Truppen heroischen Widerstand, auch wenn deutlich war, dass sie den Sowjettruppen milit\u00e4risch unterlegen waren. Zehn Tage lang hielten erbitterte K\u00e4mpfe an, aber die milit\u00e4rische Niederlage war nur eine Frage der Zeit.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die neue Regierung um Janos Kadar \u00fcbte sich in der Zuckerbrot-und-Peitsche-Taktik. Die K\u00e4mpferInnen wurden als Konterrevolution\u00e4re betitelt, eine Propagandaschlacht gegen die Revolution begann, w\u00e4hrend gleichzeitig Versprechungen nach R\u00fcckzug der sowjetischen Truppen und demokratischen Rechten gemacht wurden. Einige der schlimmsten Stalinisten wurden von Kadar aus der Partei geworfen, im selben Atemzug ging er gegen die Arbeiterr\u00e4te vor.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Kadar forderte die ArbeiterInnen auf, in die Fabriken zur\u00fcckzukehren, noch weigerten diese sich, aber die Doppelherrschaft begann zu br\u00f6ckeln. Als f\u00fcr die Regierung klar wurde, dass Versprechungen nichts helfen w\u00fcrden, begann sie ihre Drohungen auszuweiten und die Forderung nach Streikende immer wieder zu bekr\u00e4ftigen. Kadar erkl\u00e4rte: \u201e&#8230;ein Tiger kann nicht durch irgendwelche K\u00f6der gez\u00e4hmt werden, man kann ihn nur z\u00e4hmen und dazu zwingen, sich friedlich zu verhalten, indem man ihn totschl\u00e4gt&#8230;Jeder Arbeiter soll sofort und bedingungslos seine Arbeit so gut er kann wieder aufnehmen, anstatt Schriftst\u00fccke zu entwerfen und Forderungen zu kritzeln.\u201c (15)<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">Arbeiterr\u00e4te werden aufgel\u00f6st<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">Im Dezember begann mit der Verhaftung von zwei f\u00fchrenden Mitgliedern des zentralen Arbeiterrates von Budapest, die zu weiteren Verhandlungen mit Kadar geladen waren, eine Welle von Verhaftungen. Erst wurden nur einzelne K\u00f6pfe der R\u00e4te verhaftet und als Aufhetzer, Spione des Kapitalismus oder Faschisten diffamiert. Als das die R\u00e4te nicht schw\u00e4chte, nahmen Kadars Handlanger auch die einfachen Mitglieder der R\u00e4te mit. Eine S\u00e4uberungswelle begann. Am 9. Dezember l\u00f6ste Kadar die Arbeiterr\u00e4te auf, f\u00fcgte aber hinzu, dass er sie in Betrieben und Bergwerken bestehen lassen wolle.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Mit einem neuen und vollst\u00e4ndigen Generalstreik am 11. und 12. Dezember b\u00e4umte sich das ungarische Proletariat gegen diese Ma\u00dfnahmen auf. Das gesamte Land lag lahm. Doch gegen die \u00dcbermacht der russischen Armee hatten sie kaum eine Chance. Als im Januar die ArbeiterInnen von Cespel erneut demonstrierten, gab es wieder Tote. Danach l\u00f6ste sich der Rat von Cespel auf, die Niederlage war deutlich zu sp\u00fcren.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Konterrevolution schlug in der n\u00e4chsten Phase hart zu. Unz\u00e4hlige wurden verhaftet und ermordet. Mehr als 20.000 Menschen lie\u00dfen w\u00e4hrend der ungarischen Revolution ihr Leben, viele Zehntausende wurden mit Einsetzen der Konterrevolution ins Gef\u00e4ngnis gesteckt. Die Regierung unter Kadar sa\u00df wieder fest im Sattel, die Arbeiterr\u00e4te waren am Ende&#8230; die Revolution niedergeschlagen.<\/p>\n<h4 align=\"LEFT\">Warum die Niederlage?<\/h4>\n<p align=\"JUSTIFY\">Der Kreml war entschiedenster Gegner der Revolution. Ein unabh\u00e4ngiges Ungarn, organisiert von Arbeiterr\u00e4ten, w\u00e4re eine Bedrohung f\u00fcr die Macht der B\u00fcrokratie in Moskau gewesen. Die Herrschenden im Westen nutzten die ungarische Revolution zur Propaganda gegen den Kommunismus. Sie hatten gegen die Massaker gegen das ungarische Volk aber nichts einzuwenden, denn eine wirkliche Arbeiterdemokratie w\u00e4re auch f\u00fcr sie gef\u00e4hrlich geworden und h\u00e4tte im Westen ArbeiterInnen zum Kampf inspirieren k\u00f6nnen. So stand das ungarische Volk allein da.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die bittere Lehre: Auf \u201eReformer\u201c wie Nagy kann die Arbeiterklasse nicht setzen. Revolutionen m\u00fcssen zu Ende gebracht werden und die Macht g\u00e4nzlich in die H\u00e4nde demokratischer Organe der Bev\u00f6lkerung, wie den Arbeiterr\u00e4ten, \u00fcbergehen. So richtig die Gr\u00fcndung der Arbeiterr\u00e4te war, so verkehrt waren die Appelle an Nagy, die Macht zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Der ungarischen Revolution fehlte eine revolution\u00e4re Partei, die eine Strategie zur Errichtung einer wirklichen Areiterdemokratie h\u00e4tte aufzeigen k\u00f6nnen. Teil einer solchen Strategie w\u00e4ren Appelle an die Arbeiterklasse in anderen L\u00e4ndern Europas gewesen, der ungarischen Revolution zur Hilfe zu kommen. Dann h\u00e4tte ein Sieg der Arbeiterklasse in Ungarn das Gesicht Europas \u00e4ndern und das Tor zu den Vereinigten Sozalistischen Staaten von Europa aufsto\u00dfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Trotz allem war die ungarische Revolution ein Ausblick darauf, wie die ArbeiterInnen die Macht \u00fcbernehmen k\u00f6nnen. Vor allem die Entstehung und Organisierung der Arbeiterr\u00e4te sind eine wichtige Lehre f\u00fcr k\u00fcnftige K\u00e4mpfe und Revolutionen. Auch wenn das heutige Ungarn unter Orban noch weit von Ereignissen wie 1956 entfernt ist, so ist die ungarische Revolution nicht vergessen und schlummert das selbe Potential immer noch in den ArbeiterInnen um sich vom Joch der Unterdr\u00fcckung zu befreien und die eigenen Geschicke selbst in die Hand zu nehmen.<\/p>\n<h5 align=\"LEFT\"><em>Doreen Ullrich ist Mitglied des SAV-Bundesvorstand und lebt in Aachen.<\/em><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Macht lag bei den Arbeiterr\u00e4ten<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":33654,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[88],"tags":[774],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33653"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=33653"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33653\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":33689,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33653\/revisions\/33689"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/33654"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=33653"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=33653"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=33653"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}