{"id":33422,"date":"2016-08-28T13:54:35","date_gmt":"2016-08-28T11:54:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=33422"},"modified":"2016-08-26T14:06:01","modified_gmt":"2016-08-26T12:06:01","slug":"zur-kopftuch-und-burka-frage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2016\/08\/zur-kopftuch-und-burka-frage\/","title":{"rendered":"Zur Kopftuch- und Burka-Frage"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\"><strong><span style=\"font-size: medium;\"><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/GegenIslamfeindlichkeit.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-24416\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/GegenIslamfeindlichkeit-280x173.jpg\" alt=\"Gegen Islamfeindlichkeit\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/GegenIslamfeindlichkeit-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/GegenIslamfeindlichkeit-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/GegenIslamfeindlichkeit-560x345.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/GegenIslamfeindlichkeit-600x370.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/GegenIslamfeindlichkeit.jpg 1172w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>Auszug aus dem Buch &#8222;Anti-Sarrazin&#8220; von Sascha Stanicic<\/span><\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Aus aktuellem Anlass ver\u00f6ffentlichen wir hier den Abschnitt zur Kopftuchfrage aus dem 2011 erschienen Buch &#8222;Anti-Sarrazin&#8220; des SAV-Bundessprechers Sascha Stanicic.<\/p>\n<h4 class=\"western\"><span style=\"font-size: medium;\">Die Kopftuchfrage<\/span><\/h4>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: medium;\">Auch die Kopftuchfrage ist weitaus komplexer, als die Bef\u00fcrworterInnen eines Kopftuchverbots sie darstellen. Nachdem in verschiedenen Bundesl\u00e4ndern ein Kopftuchverbot f\u00fcr Lehrerinnen eingef\u00fchrt wurde, wird nun verst\u00e4rkt ein solches Verbot auch f\u00fcr Sch\u00fclerinnen gefordert. Das wird dann als Ma\u00dfnahme gegen Frauendiskriminierung pr\u00e4sentiert. Hinzu kommen Forderungen nach einem generellen Verbot der Ganzk\u00f6rperverschleierung in Form der Burka, welche auch das Gesicht verh\u00fcllt. Tats\u00e4chlich jedoch steckt hinter diesen Forderungen antimuslimischer Rassismus und sie f\u00fchren zu keiner Verbesserung der Lebenssituation von Migrantinnen.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"en-US\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">F\u00fcr Thilo Sarrazin dr\u00fcckt das Tragen des Kopftuchs niemals nur Religiosit\u00e4t aus, sondern er sieht es als <\/span><\/span><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\"><i>\u201eZeichen daf\u00fcr, dass der Islam eine gesellschaftspolitische Dimension jenseits der Religion hat\u201c <\/i><\/span><\/span><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">und als Bekenntnis zu <\/span><\/span><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\"><i>\u201eeiner traditionellen Interpretation des Islam\u201c<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">. (QUELLE Thilo Sarrazin, Deutschland schafft sich ab, S. 314) <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: medium;\">Pauschal setzt er es auch mit einer Anerkennung der Unterordnung der Frau unter den Mann gleich. Alice Schwarzer geht weiter: Sie vergleicht das Kopftuch mit dem Judenstern und r\u00fcckt jede Kopftuch tragende Frau in die fundamentalistische Ecke. (QUELLE Achim B\u00fchl, Islamfeindlichkeit in Deutschland, S. 164\/165.)<\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: medium;\">Die Argumente der Verbotsbef\u00fcrworter zeichnen sich durch Pauschalisierungen aus. Die Logik ist: Entweder werden Frauen zum Tragen des Kopftuchs gezwungen oder sie sind fundamentalistische Muslima. Damit ist die Forderung nach einem Kopftuchverbot Teil der Diskriminierung und Ausgrenzung der muslimischen Bev\u00f6lkerung. Sarrazin sagt in seinem Buch unverbl\u00fcmt, er wolle nicht, dass die Frauen in Deutschland ein Kopftuch tragen.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"en-US\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Historisch betrachtet sind weder Schleier noch Kopftuch religi\u00f6se Symbole. Der Schleier ist nicht einmal eine spezifisch islamische Tradition, sondern wurde zu tragen begonnen lange bevor Mohammed den Islam begr\u00fcndete. Angefangen bei sumerischen Tempelpriesterinnen vor 5.000 Jahren \u00fcber das vorislamische Persien bis zu j\u00fcdischen und christlichen Traditionen trugen Frauen aus verschiedenen Gr\u00fcnden verschiedene Arten der Verschleierung. Ruksana Mansur von der &#8218;Sozialistischen Bewegung Pakistans&#8216; schreibt dazu: <\/span><\/span><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\"><i>\u201eEs ist eine historische Tatsache, dass der Schleier ein Brauch und keine religi\u00f6se Verpflichtung ist. Er ist eine jahrhundertealte Stammes- und Feudaltradition, die nun zu einem Teil einer Religion geworden ist.\u201c<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\"> (QUELLE www.socialistparty.org.uk\/articles\/1969)<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: medium;\">Tats\u00e4chlich gab es weder zu Mohammeds Zeiten eine obligatorische Verschleierung muslimischer Frauen noch wird diese im Koran gefordert. Vielmehr \u00fcbernahmen Muslime mit der Ausbreitung der Religion regionale Traditionen. Interessanterweise finden sich jedoch in der Bibel Stellen, die auf einen Zwang zur Verschleierung von Frauen hinweisen. In der Lutherbibel (Genesis 24,65 ) muss Rebekka sich verschleiern, als sie ihrem zuk\u00fcnftigen Gatten Isaak begegnet. (QUELLE http:\/\/www.die-bibel.de\/online-bibeln\/luther-bibel-1984\/lesen-im-bibeltext\/quelle\/bibel\/bibelstelle\/1.mose%2024\/cache\/2d3564e8cd12c9a150e917a777030188\/)<\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: medium;\">Das Kopftuch war in vielen Gesellschaften ein traditionelles Kleidungsst\u00fcck. Auch in Deutschland haben bis in die 1950er Jahre viele Frauen, vor allem B\u00e4uerinnen, ein Kopftuch getragen. Meine jugoslawische Gro\u00dfmutter, weder gl\u00e4ubige Katholikin noch Muslima, sondern antifaschistische Partisanin, habe ich selten ohne Kopftuch gesehen. Bei k\u00f6rperlicher Arbeit auf Feldern und bei hei\u00dfem Wetter hatte das Kopftuch einen praktischen Sinn. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: medium;\">Die Motivation, das Kopftuch anzulegen, ist heute vielf\u00e4ltig. W\u00e4hrend es zweifellos Frauen gibt, die durch V\u00e4ter oder Ehem\u00e4nner dazu gezwungen werden, ist davon auszugehen, dass in Deutschland die Mehrzahl von ihnen diese Entscheidung freiwillig getroffen hat \u2013 wobei Freiwilligkeit nicht absolut zu verstehen ist, da sie im Rahmen von gesellschaftlichen Normen, Traditionen und mehr oder weniger direkt ge\u00e4u\u00dferten Erwartungshaltungen im sozialen Umfeld stattfindet. Aber die Entscheidungen von deutschen oder christlichen Frauen, sich die Beine zu rasieren oder Di\u00e4ten durchzuf\u00fchren, um im Bikini eine \u201egute Figur\u201c zu machen, basieren auf einer \u00e4hnlich relativen Freiwilligkeit. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: medium;\">F\u00fcr viele Muslima ist das Kopftuch nicht nur ein Zeichen ihrer Religiosit\u00e4t, sondern ein Symbol kultureller Identit\u00e4t, nicht selten auch f\u00fcr eine Abgrenzung von einer Gesellschaft, die sie als rassistisch und sexistisch wahrnehmen. Es ist f\u00fcr viele ein Mittel, Selbstbewusstsein als Migrantinnen zum Ausdruck zu bringen. Das Bild der Kopftuch tragenden Frau als unterdr\u00fcckte und unselbstst\u00e4ndige Muslima k\u00f6nnte falscher nicht sein. Gerade unter den gebildeteren Muslima ist das Kopftuch weiter verbreitet. 71 Prozent der muslimischen Kopftuchtr\u00e4gerinnen ist es wichtig, in ihrem Leben etwas zu erreichen. (QUELLE: Sineb El Masrar, Muslim Girls, S. 32)<\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: medium;\">Nat\u00fcrlich ist das Kopftuch auch ein Symbol f\u00fcr eine m\u00e4nnerdominierte Religionsgemeinschaft, und die Ablehnung des Kopftuchs durch viele Frauen aus muslimischen L\u00e4ndern ist gerechtfertigt, gerade aufgrund der Erfahrungen in frauenfeindlichen Diktaturen wie in Saudi-Arabien und im Iran, wo Schleier bzw. Kopftuch gesetzlich vorgeschrieben sind und Frauen keinerlei Wahl haben. Aber gegen das Kopftuch zu sein, bedeutet nicht automatisch, f\u00fcr ein Verbot einzutreten, so wie gegen das Kopftuchverbot zu sein auch nicht bedeutet, das Kopftuch in dieser Symbolik zu unterst\u00fctzen. Niemand fordert das Verbot der Lederhose, weil sie als Symbol f\u00fcr reaktion\u00e4re Deutscht\u00fcmelei oder bayrischen Separatismus interpretiert werden kann.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"en-US\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Ruksana Mansur weist darauf hin, dass <\/span><\/span><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\"><i>\u201edie politische und religi\u00f6se Rechte das Thema in ihrem eigenen Interesse ausnutzen. Die einen fordern Frauen auf, den Schleier abzulegen, w\u00e4hrend die anderen die Frauen dazu zwingen wollen, es zu tragen.\u201c\u00a0<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-size: medium;\">(QUELLE www.socialistparty.org.uk\/articles\/1969)<\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: medium;\">Als SozialistIn sollte man gegen das Kopftuch- und Burkaverbot sein, egal wo. Und f\u00fcr das Recht eines jeden Menschen, selber zu bestimmen, was er oder sie f\u00fcr eine Kleidung tr\u00e4gt. Das bedeutet auch, dass SozialistInnen aktiv gegen den Zwang, das Kopftuch zu tragen, eintreten und Frauen dabei helfen sollten, sich gegen entsprechende Zw\u00e4nge zu organisieren und zu wehren.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"en-US\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Kopftuchstreit, \u201eEhrenmord\u201c-Debatte und die Situation von Muslimas im allgemeinen werden von den selbst ernannten IslamkritikerInnen in einer Art und Weise gef\u00fchrt, die ein pauschales Bild h\u00f6chster Unterdr\u00fcckung von muslimischen Frauen zeichnet. Achim B\u00fchl zitiert in seinem Buch einen muslimischen Sketch, der das auf den Punkt bringt: \u201e<\/span><\/span><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\"><i>Erste Szene: Eine Frau mit Kopftuch sitzt im Auto hinten, ein Mann f\u00e4hrt. Ein Vertreter der so genannten Mehrheitsgesellschaft: \u2018Selber fahren d\u00fcrfen die wohl nicht.\u2019 Zweite Szene: Eine Frau mit Kopftuch f\u00e4hrt, ein Mann sitzt daneben. Ein Vertreter der Mehrheitsgesellschaft: &#8218;Jetzt lassen die sich auch noch fahren\u2019. Dritte Szene: Eine Frau mit Kopftuch sitzt vorne neben ihrem Mann, der f\u00e4hrt, eine Frau ohne Kopftuch sitzt hinten. Ein Vertreter der Mehrheitsgesellschaft: &#8220;Jetzt kommen die auch noch mit mehreren Frauen.\u2019\u201c <\/i><\/span><\/span><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">(QUELLE Achim B\u00fchl, Islamfeindlichkeit in Deutschland, S. 180) Dieser Sketch macht deutlich, dass die Lebensrealit\u00e4t muslimischer Frauen komplex ist und eine konkrete Auseinandersetzung mit Diskriminierung, Benachteiligung und Unterdr\u00fcckung n\u00f6tig ist &#8211; statt pauschaler Verurteilungen, die zu Forderungen nach Kopftuchverbot oder \u00e4hnlichem f\u00fchren.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: medium;\">Hilfe f\u00fcr diskriminierte Frauen muss anders aussehen. Ein Kopftuch- oder Burkaverbot w\u00fcrde diejenigen Frauen, die zum Tragen desselben gezwungen werden, ohnehin nur weiter von der Gesellschaft isolieren. Die Frauen, die es freiwillig tragen, w\u00e4ren durch ein Verbot nur von ihrer Freiheit befreit, also unterdr\u00fcckt und diskriminiert. Frauen, die tats\u00e4chlich h\u00e4uslicher Gewalt, Zwang und Unterdr\u00fcckung ausgesetzt sind, brauchen vor allem gut bezahlte Arbeitspl\u00e4tze, um wirtschaftlich selbstst\u00e4ndig zu sein, und ausreichende Angebote an Beratungsstellen und Frauenh\u00e4usern, in denen die Betreuung auch in t\u00fcrkischer, arabischer und anderen Sprachen stattfindet.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auszug aus dem Buch &#8222;Anti-Sarrazin&#8220; von Sascha Stanicic<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":24416,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[32,6],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33422"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=33422"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33422\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":33424,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33422\/revisions\/33424"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/24416"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=33422"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=33422"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=33422"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}