{"id":33071,"date":"2016-09-06T21:30:56","date_gmt":"2016-09-06T19:30:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=33071"},"modified":"2016-09-06T21:27:19","modified_gmt":"2016-09-06T19:27:19","slug":"landgrabbing","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2016\/09\/landgrabbing\/","title":{"rendered":"Landgrabbing"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_33072\" aria-describedby=\"caption-attachment-33072\" style=\"width: 260px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/landwirtschaft.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-33072\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/landwirtschaft-260x173.jpg\" alt=\"Di Swathi Sridharan - Local Variety of Sorghum, CC BY-SA 2.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=12183688\" width=\"260\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/landwirtschaft-260x173.jpg 260w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/landwirtschaft-768x512.jpg 768w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/landwirtschaft-521x347.jpg 521w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/landwirtschaft-600x400.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/landwirtschaft.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 260px) 100vw, 260px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-33072\" class=\"wp-caption-text\">Di Swathi Sridharan &#8211; Local Variety of Sorghum, CC BY-SA 2.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=12183688<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>\u00dcber die Gefr\u00e4\u00dfigkeit der Reichen und den Kampf um Land und Brot<\/strong><\/p>\n<p>Wer \u00fcber Macht und Geld verf\u00fcgt eignet sich Agrarland an, das zuvor Kleinb\u00e4uerInnen geh\u00f6rte. Die urspr\u00fcnglichen BesitzerInnen beziehungsweise NutzerInnen des Landes werden dabei nicht selten verjagt oder geraten in die Abh\u00e4ngigkeit der neuen Besitzer. Seit einigen Jahren gibt es in der \u00f6ffentlichen Diskusssion einen Begriff daf\u00fcr &#8211; \u201eLandgrabbing\u201c -, denn das Problem hat massiv zugenommen. Dabei bezeichnet dieser Begriff eine uralte Praxis, mittels derer sich die Reichen und M\u00e4chtigen kleinb\u00e4uerliche Landfl\u00e4chen aneignen und dabei systematisch die Armen davon verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p><em>von Marcus Hesse<\/em><\/p>\n<p>\u201eLandgrabbing\u201c (zu Deutsch in etwa \u201eLandraub\u201c, w\u00f6rtlich \u201eLandgreiferei\u201c) bezeichnet die teilweise legale, teilweise halb- oder gar formal illegale, aber dennoch vollzogene Aneignung von Land, Boden und Ressourcen wie Wasser. Die Akteure dabei sind Konzerne, Banken und kapitalistische Regierungen. Besonders Agrarkonzerne greifen zu dieser Praxis, indem sie Agrarfl\u00e4chen aufkaufen oder langfristig pachten. Auf diesen Fl\u00e4chen eignen sie sich dann privat Ressourcen an oder nutzen das so angeeignete Land f\u00fcr den Anbau von Agrarprodukten, bevorzugt zur Herstellung von Viehfuttermitteln oder Biosprit. Sehr h\u00e4ufig geht es dabei um den Zugang zur in vielen Regionen der Welt knappen, aber lebenswichtigen Ressource Wasser. Seit den 2000er Jahren hat diese Praxis der Landaneignung sprunghaft zugenommen. Einer Oxfam-Studie zufolge wurden in den vergangenen 15 Jahren in den armen L\u00e4ndern (vornehmlich in Afrika, Lateinamerika und S\u00fcdasien) L\u00e4ndereien von insgesamt der Gr\u00f6\u00dfe Westeuropas verkauft. (1) Unterschiedlichen Sch\u00e4tzungen nach wechselten so f\u00fcnfzig bis 220 Millionen Hektar Ackerland ihren Besitzer. (2) 180 Millionen Hektar Land entsprechen, zum Vergleich, der Gesamtfl\u00e4che der Europ\u00e4ischen Union.<\/p>\n<h4>Landraub \u2013 so alt wie die Existenz von Klassenherrschaft<\/h4>\n<p>Die Aneignung von Land, als Quelle der Vermehrung des Reichtums, ist so alt wie die Herrschaft von Menschen \u00fcber Menschen selbst. Erste Quellen dar\u00fcber finden sich in den alten Hochkulturen Mesopotamiens, \u00c4gyptens, Indiens und Chinas. Im Alten Rom, in der Sp\u00e4tphase der Republik der Sklavenhalteraristokratie begann die herrschende Klasse, die bis dahin in Italien vorherrschenden Kleinb\u00e4uerInnen von ihren L\u00e4ndereien zu verdr\u00e4ngen. Dabei eigneten sich die Angeh\u00f6rigen der Nobilit\u00e4t ab dem 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung den \u201eager publicus\u201c an, das bis dahin allen B\u00e4uerInnen offen stehende \u00f6ffentliche Gemeindeland. Aus diesen bislang offenen Fl\u00e4chen wurden eingez\u00e4unte Weidefl\u00e4chen oder die Herrschenden legten gro\u00dfe, mit Sklaven betriebene Landg\u00fcter, die \u201eLatifundien\u201c darauf an. In Folge dessen wurden Kleinb\u00e4uerInnen aus ihren D\u00f6rfern verdr\u00e4ngt und sie str\u00f6mten in die St\u00e4dte, allen voran Rom, welches schon um die Zeitenwende herum zur Millionenstadt anwuchs. Der Kampf um die Wiedernutzbarmachung des \u201eager publicus\u201c und die Verteilung des Landes als Agrarfl\u00e4chen an die Armen wurde zu einer zentralen Forderung der armen Plebejer. Als die Volkstribunen Tiberius und Gaius Gracchus versuchten, den Armen Land zur Bebauung zur\u00fcckzugeben, lie\u00dfen die Senatoren sie ermorden. In den antiken Quellen der Geschichtsschreiber Appian (\u201eR\u00f6mische B\u00fcrgerkriege\u201c) und Plutarch wird diese antike Form des Landgrabbing eindrucksvoll beschrieben. Auf diese Schilderungen haben sich Marx und Engels und sp\u00e4tere marxistische Historiker als Grundlage der Analyse der antiken Klassenk\u00e4mpfe gest\u00fctzt. (3) Auch in der Feudalgesellschaft, in der Landbesitz die Hauptquelle des Reichtums war, bildete der Kampf um das Land und dessen Nutzung, neben der Frage der Abgaben, einen der Hauptinhalte des Klassenkampfes. Um die Forderung nach Land drehten sich zahlreiche Bauernaufst\u00e4nde. Gegen Ende des Mittelalten begannen die Grundherren sich systematisch das gewohnheitsrechtlich begr\u00fcndete, f\u00fcr alle nutzbare Gemeindeland, die \u201eAllmende\u201c anzueignen. Die Niederlage der Bauernhaufen im Deutschen Bauernkrieg ab 1525 ebnete in Mitteleuropa daf\u00fcr den Weg.<\/p>\n<p>Die Gier nach Land kannte mit dem Entstehen des Kapitalismus keine Grenzen mehr. Die europ\u00e4ischen Kapitalisten fanden im Zuge der Entdeckungsreisen und der Eroberungen in Amerika, Afrika und Asien eine bislang ungekannte Nahrung. Die systematische Verdr\u00e4ngung der indigenen Bev\u00f6lkerung m\u00fcndete in vielen Regionen der Welt (Conquista in Amerika, Ausrottung der TasmanierInnen durch britische Siedler) in Genozide. Die Kolonisierung durch Europas M\u00e4chte war mit der Umwandlung dieser Gebiete zu Gro\u00dffl\u00e4chen f\u00fcr Agrarmonokulturen f\u00fcr den Export verbunden. Am Beginn des Ersten Weltkrieges im Jahr 1914, gab es aus europ\u00e4ischer Sicht kaum einen \u201eWei\u00dfen Fleck\u201c auf der Landkarte mehr. Die Welt stand unter der Herrschaft des europ\u00e4ischen und nordamerikanischen Kapitals. Die Entstehung und Herrschaft des Kapitalismus stellt zweifelsohne den gr\u00f6\u00dften Landraub der Menschheitsgeschichte dar.<\/p>\n<h4>Tatort neokoloniale Welt<\/h4>\n<p>Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der direkte Kolonialismus durch die indirekte Beherrschung des globalen S\u00fcden durch die Industriem\u00e4chte ersetzt. Die wirtschaftliche Auspl\u00fcnderung ging unvermindert weiter. Die Regierungen der formal souver\u00e4nen Staaten erweisen sich dabei als Handlanger der Auspl\u00fcnderer aus den meist alten Koloniall\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Das Landgrabbing von heute basiert vordergr\u00fcndig auf legalem Landkauf, der unter dem vermeintlich positiven Wort der \u201eInvestitionen\u201c verkauft wird.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren haben die Landk\u00e4ufe in der neokolonialen Welt (4) explosionsartig zugenommen. Im Kampf um die Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums hat die Kontrolle \u00fcber die Agrarproduktion und der Zugang zu Naturressourcen wie Wasser an Bedeutung gewonnen. Angesichts der steigenden Weltbev\u00f6lkerung (besonders in den L\u00e4ndern des globalen S\u00fcdens) und in Folge des Klimawandels steigt der Wert dieser Investionsobjekte. Zehn bis drei\u00dfig Prozent des weltweit verf\u00fcgbaren Ackerlands stehen heute zur Disposition \u2013 zus\u00e4tzlich zu den schon geraubten Fl\u00e4chen. Entsprechende Verhandlungen dar\u00fcber laufen. Die Wirtschaftskrise von 2008 ging auch mit einer Nahrungsmittelkrise einer. Global hat das zu einem schnellen Wachstum der Investitionen in profitable Agrarfl\u00e4chen gef\u00fchrt. Diese erfolgen entweder durch Kauf oder Pacht. Gut die H\u00e4lfte der K\u00e4ufe wurden in Afrika get\u00e4tigt. Meist laufen die Verhandlungen dar\u00fcber geheim, sodass die \u00d6ffentlichkeit wenig davon erf\u00e4hrt. (5) Als besonders profitabel erweist sich dabei die Verwendung von Agrarprodukten aus Monokulturen f\u00fcr die Produktion von Biosprit oder Futtermitteln f\u00fcr das Nutzvieh in der Fleischindustrie. Die konkreten Zahlen sind alarmierend: Laut den Ergebnissen des Weltagrarberichts (eines internationalen Zusammenschlusses von gro\u00dfen NGOs) von 2015 wird auf nur zehn Prozent der neu gekauften oder gepachteten Fl\u00e4chen ausschlie\u00dflich Nahrung f\u00fcr den menschlichen Gebrauch produziert. 33 Prozent davon werden gar nicht f\u00fcr die Lebensmittelproduktion genutzt. 18 Prozent werden f\u00fcr so genannte \u201eFlex Crops\u201c genutzt. Das bedeutet, dass die Investoren je nach Marktlage entscheiden k\u00f6nnen, ob sie auf ihrem Land Lebensmittel, Viehfutter oder Agrarprodukte f\u00fcr die Verfeuerung zu Biosprit anbauen. Die andere H\u00e4lfte soll dann gemischt genutzt werden. Anstatt heimische M\u00e4rkte zu bedienen, dient diese Form der Agrarproduktion dem Export. Im Endeffekt versch\u00e4rft das in vielen L\u00e4ndern der Erde die Ern\u00e4hrungslage. Kleinb\u00e4uerInnen werden verdr\u00e4ngt und die Preise f\u00fcr Lebensmittel steigen.<\/p>\n<p>In S\u00fcd-Sudan, das erst 2011 unabh\u00e4ngig wurde und schon ein \u201efailed state\u201c ist, hat die Aneignung von Agrarfl\u00e4chen durch Konzerne gewaltige Dimensionen erreicht: Dort wurden vier Millionen Hektar verkauft. (6) Ein Grund daf\u00fcr, warum Menschen von dort fliehen, wie Landgrabbing insgesamt zu den weltweiten Fluchtursachen geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Die Ma\u00dfnahmen des Landgrabbing versch\u00e4rfen das ohnehin schon gro\u00dfe Gef\u00e4lle zwischen Gro\u00dfgrundbesitz und der armen Bauernschaft. Laut Zahlen von Oxfam besitzen in Guatemala weniger als acht Prozent der landwirtschaftlichen Produzenten nahezu achtzig Prozent der Landfl\u00e4chen. In Brasilien geh\u00f6rt einem Prozent der Bev\u00f6lkerung fast die H\u00e4lfte des Landes. (7) W\u00e4hrend in Lateinamerika eine gro\u00dfe Zahl inl\u00e4ndischer Gro\u00dfgrundbesitzer existiert, gleichen die Besitzstrukturen in Afrika kolonialen Zeiten. Die Besitzer der Landfl\u00e4chen sind vorwiegend aus Europa, Nordamerika und Japan. Neu kommt aber hinzu, dass chinesische Investoren, Investoren aus Malaysia sowie Investoren aus den reicheren arabischen L\u00e4ndern, vor allem Saudi-Arabien und den Golfmonarchien hinzukommen. Letzteren geht es dabei h\u00e4ufig um die Aneignung von Wasserressourcen, die in ihren eigenen Staaten knapp sind. Vor seinem Sturz war das vermeintlich \u201eantiimperialistische\u201c Regime Gaddafis flei\u00dfig dabei, in der Region s\u00fcdlich der Sahara Land aufzukaufen, um an Wasserquellen zu kommen. (8)<\/p>\n<p>Die negativen Folgen des Landraubs sind vielf\u00e4ltig. Ern\u00e4hrungssicherheit wird untergraben, der Verteilungskampf um Grund und Boden versch\u00e4rft, Menschen vertrieben, die Konzentration von Reichtum und Macht voran getrieben. Besonders zu betonen sind auch die \u00f6kologischen Folgen: \u201eAbsehbar sind \u00f6kologische Sch\u00e4den und Umweltzerst\u00f6rungen, z.B. durch erh\u00f6hten Wasserverbrauch, durch Rodung von Waldgebieten oder die \u00dcbernutzung von Grenzstandorten. Die Biodiversit\u00e4t k\u00f6nnte abnehmen, Tier- und Pflanzenarten aussterben. Die typische Bewirtschaftung der agroindustriellen Gro\u00dfplantagen durch ausgedehnte Monokulturen mit intensivem Pestizid- und Minerald\u00fcngereinsatz bis hin zum Einsatz genetisch ver\u00e4nderten Saatguts birgt ein hohes Risiko negativer Auswirkungen auf Umwelt und lokale Bev\u00f6lkerung.\u201c (9)<\/p>\n<p>Betrachtet man die Karte, ergibt sich heute folgendes Bild: Betroffen von Landgrabbing sind die \u00e4rmsten Staaten der Erde, vorwiegend in Afrika. S\u00fcd-Sudan, Kamerun, Malawi, die Demokratische Republik Kongo, Mali, Uganda, \u00c4thiopien, Mosambik. Au\u00dferhalb Afrikas betrifft es vor allem , Indonesien, Brasilien, Russland, Peru, die Philippinen, Honduras, Guatemala, Papua-Neuguinea und Kambodscha. In Kambodscha wurden binnen weniger Jahre zwei Millionen Hektar Land an neue, finanzkr\u00e4ftige Besitzer \u00fcbergeben. Das entspricht f\u00fcnfzig Prozent der Agrarnutzungsfl\u00e4che des Landes. (10)<\/p>\n<h4>Landraub auch in Europa<\/h4>\n<p>Wenn Afrika und die neokoloniale Welt auch vorwiegend betroffen sind, ist zugleich festzustellen, dass das Ph\u00e4nomen des Landraubs durch Aufkauf auch in Europa [wieder] angekommen ist. Dies gilt besonders in Osteuropa. Gro\u00dfe Agrarkonzerne und auch branchenfremde Investoren kaufen dort gro\u00dfe Fl\u00e4chen Ackerland auf. Der libanesische Agrarkonzern Maria Group hat in Rum\u00e4nien 650 Quadratkilometer Land aufgekauft, was einer Gr\u00f6\u00dfe ann\u00e4hrend der von Hamburg entspricht. Das dort hergestellte Getreide und Fleisch ist f\u00fcr den Export in den Nahen Osten und Ostafrika bestimmt. Dort verdr\u00e4ngt es \u2013 dank seines billigen Preises \u2013 einmal mehr die Produkte der einheimischen B\u00e4uerInnen. Folge: Die Maria Group wird reich, w\u00e4hrend Kleinb\u00e4uerInnen in Rum\u00e4nien, ebenso wie Ihresgleichen in Nahost, darunter zu leiden haben. Das hier der Investor aus dem Nahen Osten kommt und die Geprellten in Europa leben, klingt erst einmal ungewohnt. Doch es zeigt, wie global und vielseitig das Gesch\u00e4ft mit dem Land ist. In vielen Staaten, wie Russland und Malaysia ist es ohnehin so, dass die Investoren und Aufk\u00e4ufer von Land nicht selten den selben Pass haben wie die verdr\u00e4ngten Kleinb\u00e4uerInnen. Es ist eben eine Klassenfrage und nicht eine der Nationalit\u00e4t. Das Beispiel vom Wirken der Maria Group ist nur ein Beispiel von Vielen: In ganz Rum\u00e4nien wird inzwischen vierzig Prozent der landwirtschaftlichen Anbaufl\u00e4che von ausl\u00e4ndischen Investoren kontrolliert. \u00c4hnliche Verdr\u00e4ngungsprozesse k\u00f6nnen wir in Bulgarien, Ungarn, Litauen und Estland beobachten. Schuld daran tr\u00e4gt die Agrarpolitik der EU, die den Interessen der Banken, Konzerne und Investoren dient. So wird diese Landnahme von der EU mit satten Subventionen belohnt: Pro Hektar winken den K\u00e4ufern Pr\u00e4mien von 250 bis 300 Euro. (11) Auch beim Landgrabbing in Osteuropa war die Wirtschaftskrise von 2008 ein Motor der Entwicklung. Denn durch den Zusammenbruch der Finanz- und Immobilienm\u00e4rkte suchten die Investoren nach neuen Profitquellen. Sie fanden sie schnell in der Agrarindustrie. Denn f\u00fcrs Essen besteht bekanntlich immer eine Nachfrage \u2013 besonders bei einer steigenden Weltbev\u00f6lkerung. Entsprechend reihen sich zu den \u201eKlassikern\u201c der Agrarindustrie zunehmend Akteure aus der Finanzwirtschaft in die Gruppe der Investoren in Agrarfl\u00e4chen ein. Dazu geh\u00f6ren laut Studie etwa Ableger der Schweizer Bank Credit Suisse, der deutschen Allianz Versicherung oder der QVT Fund LP, ein Investmentfonds mit Sitz auf den Kaimaninseln.<\/p>\n<p>In Ostdeutschland investieren Firmen wie die Immobilien- und Altenpflegeholding Lindhorst ebenso wie Agrarkonzerne, etwa die KTG Agrar massiv in den Aufkauf von Agrarfl\u00e4chen. (12) KTG ist b\u00f6rsennotiert und bewirtschaftet allein in Deutschland 36.000 Hektar Land. (13) Auch in den Kernl\u00e4ndern der Europ\u00e4ischen Union, in Frankreich und Deutschland, wird die Investition in Agrarfl\u00e4chen zunehmend zu einem eintr\u00e4glichen Gesch\u00e4ft. Entsprechende Verdr\u00e4ngungsprozesse finden auch hier statt, was auf b\u00e4uerliche Familienbetriebe gro\u00dfen Druck aus\u00fcbt. In Mecklenburg-Vorpommern hat sich der Preis f\u00fcr Agrarfl\u00e4chen innerhalb von zehn Jahren verdreifacht. F\u00fcr Landwirte ein sch\u00f6ner Anreiz zum Verkauf ihrer Fl\u00e4chen und zur Aufgabe ihres Gewerbes. Es wird der raschen Verdr\u00e4ngung der noch bestehenden 260.000 b\u00e4uerlichen Familienbetriebe aus der deutschen Agrarproduktion weiteren Vorschub leisten. (14) Allen blumigen Bekundungen des Bundeslandwirtschaftsministeriums zum Trotz, das diese als \u201eHerzst\u00fcck der globalen Ern\u00e4hrungssicherung\u201c bezeichnet, zum Trotz.<\/p>\n<h4>Globaler Widerstand gegen Verdr\u00e4ngungsprozesse<\/h4>\n<p>\u00dcberall setzen sich Kleinb\u00e4uerInnen und Indigene gegen Landgrabbing zur Wehr. Die Formen des Widerstandes sind unterschiedlich: Sie schlie\u00dfen sich zusammen, versuchen es auf dem Klageweg oder greifen zu militanten Aktionen der Gegenwehr. Rechtliche Schritte n\u00fctzen nur da was, wo das staatliche Rechtssystem wenig von Korruption betroffen ist und wo die Aneignung von Fl\u00e4chen auch formalrechtlich mit fragw\u00fcrdigen Mitteln erfolgt ist.<\/p>\n<p>In den meisten F\u00e4llen ist das b\u00fcrgerliche Recht auf der Seite der Investoren, die das Land mit ihrem Geld kaufen. Nicht selten kommt es im Zuge der Aneignung des Landes zu Gewaltakten gegen die alten BesitzerInnen bzw. NutzerInnen des Landes. Wenn diese nicht weichen wollen, wird mit Gewalt nachgeholfen. Der Staatsapparat, Armee und Polizei, steht dabei so gut wie immer auf der Seite der Besitzenden. Im Januar 2016 kam es in \u00c4thiopien zu Protesten gegen Enteignungen von AnwohnerInnen im Zuge der Erweiterung der Hauptstadt Addis Abeba, bei denen die Polizei in die Menge schoss. 140 Menschen starben. (15)<\/p>\n<p>In Mali wehren sich sich seit April 2016 Kleinb\u00e4uerInnen und LandarbeiterInnen in den D\u00f6rfern Sanamadougou und Sahou mit Feldbesetzungen gegen Landgrabbing in ihrem Land. Die Gendarmen des Regimes, zu dessen Unterst\u00fctzung Frankreich und Deutschland im Land milit\u00e4risch intervenieren, gingen mit \u00e4u\u00dferster Brutalit\u00e4t gegen die BesetzerInnen vor. (16) \u00c4hnliche K\u00e4mpfe und Aufst\u00e4nde gegen den Landraub durch Banken, Konzerne und Regierungen finden sich weltweit.<\/p>\n<p>Wo Kleinb\u00e4uerInnen und Landlose zusammentun und kollektiv gegen die Investoren und die Regierung vorgehen, entstehen nicht selten sinnvolle Ans\u00e4tze zur Selbstorganisation. Landbesetzungen sind ein sinnvolles und vorw\u00e4rtsweisende Kampfmittel. Vor allem bilden sie Ansatzpunkte f\u00fcr eine \u00dcbernahme der Produktionsmittel durch die ProduzentInnen. Nicht selten bilden sich \u00fcber diese K\u00e4mpfe kollektive wie b\u00e4uerliche Kooperativen.<\/p>\n<h4>Das Land denen, die es bebauen!<\/h4>\n<p>Grund und Boden ist eine bedeutende Quelle des Profits. Das Kapital hat ein vitales Interesse daran, an die nat\u00fcrlichen Ressourcen der Erde zu kommen und Ackerfl\u00e4chen, die heute in den H\u00e4nden von Subsistenzwirtschaft und Kleinbauerntum sind, diesen zu entrei\u00dfen. Wie wir sehen konnten, ist das nichts Neues, sondern zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der kapitalistischen Produktionsweise. Und nicht nur durch die \u2013 sondern durch die Geschichte aller Klassengesellschaften. Im Zuge der strukturellen Krise des Kapitalismus, besonders bemerkbar durch die Krise ab 2008, ist es f\u00fcr das Kapital schwerer geworden, Profite zu generieren. Getrieben von der Gier nach neuen Investitions- und Anlagem\u00f6glichkeiten, wird der Agrarsektor zunehmend interessanter. Entsprechend ist das alte Ph\u00e4nomen des Landgrabbing, erst seit einigen Jahren unter diesem Namen bekannt, explosionsartig angewachsen.<\/p>\n<p>Wenn Menschen sich dagegen zur Wehr setzen, ist das ein legitimer Kampf. SozialistInnen unterst\u00fctzen diese Gegenwehr. Jedoch ist es eine Illusion, dass man der Verdr\u00e4ngung der b\u00e4uerlichen Klein- und Kleinstproduktion oder gar Subsistenzwirtschaft durch die industrielle Massenproduktion durch Erhaltung der Kleinproduktion entgegentreten kann. Die agrarische Gro\u00dfproduktion stellt einen gesellschaftlichen Fortschritt dar gegen\u00fcber der zersplitterten Kleinproduktion. Nur durch sie l\u00e4sst sich das Problem der Weltern\u00e4hrung dauerhaft sichern. Nur so l\u00e4sst sich Reichtum und \u00dcberfluss f\u00fcr Alle schaffen, was die notwendige Vorbedingung f\u00fcr eine freie sozialistische Gesellschaft ist. Die Macht der Konzerne und ihrer grenzenlosen Gier nach Profit, die \u00fcber Leichen geht und die Umwelt zerst\u00f6rt, muss gebrochen werden. Dazu bedarf es eines B\u00fcndnisses von armen B\u00e4uerInnen mit den Lohnabh\u00e4ngigen in Stadt und Land, auf der Basis eines sozialistischen Programms. Die arme Bauernschaft soll frei entscheiden, ob sie ihr Land individuell oder kollektiv bebauen will. Sozialismus, der notwendigerweise demokratisch ist, hat nichts mit Zwangskollektivierung zu tun, wie sie nicht nur in der stalinistischen UdSSR und China, sondern auch in afrikanischen L\u00e4ndern wie \u00c4thiopien \u2013 mit verheerenden Folgen &#8211; praktiziert wurde. Auf der Grundlage einer demokratischen Planung und gest\u00fctzt auf eine internationale solidarische Arbeitsteilung, w\u00fcrde sich das Lebensniveau rasch verbessern. Davon w\u00fcrden auch die armen b\u00e4uerlichen Massen profitieren. Der Vorteil der kollektiven Produktionsweise w\u00e4re dann letztlich offensichtlich.<\/p>\n<p>Bis dahin ist der Kampf um die Erhaltung der eigenen Lebensgrundlage zentral. Banken, Konzerne und kapitalistische Regierungen machen im Interesse einer kleinen Minderheit Milliarden arm. Sie berauben Millionen g\u00e4nzlich ihrer Existenzgrundlage. SozialistInnen stehen f\u00fcr den gemeinsamen Kampf um Land und Brot, daf\u00fcr dass das Land denen geh\u00f6rt, die es bebauen bzw. der ganzen Gesellschaft \u2013 und nicht einigen Wenigen. In diesem Sinne ist Landgrabbing ein besonders sch\u00e4biger Ausdruck des Niedergangs des Kapitalismus, dessen Folgen auf die Masse der Menschheit abgew\u00e4lzt werden.<\/p>\n<p><em>Marcus Hesse ist Mitglied im Ortsvereinsvorstand der LINKEN Aachen-Stadt.<\/em><\/p>\n<h4>Quellen:<\/h4>\n<p>(1) S\u00fcddeutsche Zeitung online (2.3. 2016): www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/entwicklungslaender-giernach-land-1.2886878 (zugegriffen am 11.05. 2016).<\/p>\n<p>(2) Von 56 Mio. Hektar geht DIE WELT aus: www.welt.de\/wirtschaft\/article151170043\/Ruecksichtslose-Jagd-auf-den-neuen-alten-Bodenschatz.html\u00a0(zugegriffen am 16.05.2016)<\/p>\n<p>(3) Vgl. Max Beer: Weltgeschichte. Die staatliche,\u00a0wirtschaftliche, soziale, geistige und kulturelle\u00a0Entwicklung der V\u00f6lker, Berlin 1922, S. 74 ff.\u00a0Siehe ebenso: Arthur Rosenberg: Demokratie und\u00a0Klassenkampf im Altertum, Leipzig 1921, S. 80 ff.<\/p>\n<p>(4) Der Ausdruck \u201eneokoloniale Welt\u201c wurde gew\u00e4hlt,\u00a0weil er am Besten den Status der L\u00e4nder bezeichnet,\u00a0die von Landgrabbing im gro\u00dfen Stil betroffen sind.\u00a0Es handelt es sich um unabh\u00e4ngige Staaten, die\u00a0\u00f6konomisch weiterhin von den alten Kolonialm\u00e4chten\u00a0dominiert werden. Der Ausdruck \u201eDritte Welt\u201c ist\u00a0wegen seiner Herkunft aus der Terminologie des\u00a0Kalten Krieges (\u201eZweite Welt\u201c = Ostblock) politisch\u00a0fragw\u00fcrdig und historisch \u00fcberlebt. Die Bezeichnung\u00a0\u201eEntwicklungsl\u00e4nder\u201c ist irref\u00fchrend und zynisch,\u00a0da die Entwicklung dieser Staaten durch den\u00a0Imperialismus dauerhaft gehemmt wird. Alternativ\u00a0ist die Terminologie \u201eGlobaler S\u00fcden\u201c sinnvoll, da\u00a0sie bei der Frage der Armut-Reichtums-Verteilung\u00a0\u2013 wenn man von Australien als Teil des \u201eGlobalen\u00a0Nordens\u201cabsieht \u2013 grob die Teilung der Welt\u00a0entspricht.<\/p>\n<p>(5) Oxfam: www.oxfam.de\/unsere-arbeit\/themen\/landgrabbing (zugegriffen am 14.05. 2016)<\/p>\n<p>(6) S\u00fcddeutsche Zeitung 2. M\u00e4rz 2016: www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/entwicklungslaender-giernach-land-1.2886878 (zugegriffen am 14.05. 2016)<\/p>\n<p>(7) Oxfam: www.oxfam.de\/unsere-arbeit\/themen\/landgrabbing (zugegriffen am 14.05. 2016)<\/p>\n<p>(8) Frankfurter Rundschau 12.8.2011: www.fr-online.de\/politik\/land-grabbing-grenzenlose-gier-nachland,1472596,10423620.html (zugegriffen am 16.4.2016)<\/p>\n<p>(9) www.land-grabbing.de\/land-grabbing\/<\/p>\n<p>(10) Gruppe FIAN \u2013 Mit Menschenrechten gegen\u00a0den Hunger. www.fian.de\/themen\/landgrabbing\/?tx_kesearch_pi1%5Bpage%5D=3 (zugegriffen am\u00a015.05. 2016)<\/p>\n<p>(11) S\u00fcddeutsche Zeitung 17. Juni 2015: www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/land-grabbing-sturm-aufdie-felder-1.2525060 (zugegriffen am 16.05. 2016)<\/p>\n<p>(12) FAZ 28.12. 2013: www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/unternehmen\/landgrabbing-in-deutschland-derwettlauf-ums-land-12728635.html (Zugegriffen am\u00a015.05. 2016)<\/p>\n<p>(13) Taz 5.7.2015: www.taz.de\/!5208491\/ (zugegriffen\u00a0am 16.05. 2016)<\/p>\n<p>(14) Quelle: www.topagrar.com\/news\/Home-top-News-Rund-260-000-baeuerliche-Familienbetriebein-Deutschland-1324799.html (zugegriffen am 16.05.2016)<\/p>\n<p>(15) TAZ 8.1.2016: www.taz.de\/!5267637\/ (zugegriffen\u00a0am 16.5. 2016), Junge Welt 9.1. 2016.<\/p>\n<p>(16) SoliLa! &#8211; resistance is fertile: www.solila.blogsport.eu\/2016\/04\/25\/feldbesetzung-mali\/\u00a0(zugegriffen am 16.05. 2016)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die Gefr\u00e4\u00dfigkeit der Reichen und den Kampf um Land und Brot<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":33072,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[116,119,121],"tags":[766,765],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33071"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=33071"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33071\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":33073,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33071\/revisions\/33073"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/33072"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=33071"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=33071"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=33071"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}