{"id":32789,"date":"2016-05-20T16:00:33","date_gmt":"2016-05-20T14:00:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=32789"},"modified":"2016-04-27T11:48:56","modified_gmt":"2016-04-27T09:48:56","slug":"zwischen-ausgrenzung-integration-und-instrumentalisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2016\/05\/zwischen-ausgrenzung-integration-und-instrumentalisierung\/","title":{"rendered":"Zwischen Ausgrenzung, Integration und Instrumentalisierung"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Vertreibung-e1461422787637.jpg\" rel=\"attachment wp-att-32790\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-32790\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Vertreibung-e1461422787637-280x173.jpg\" alt=\"Vertreibung\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Vertreibung-e1461422787637-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Vertreibung-e1461422787637-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Vertreibung-e1461422787637.jpg 326w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a><\/p>\n<p>In gegenw\u00e4rtigen politische Debatten wird von rechten Kreisen bis hin zum b\u00fcrgerlichen Establishment von \u201eFl\u00fcchtlingsstr\u00f6men\u201c gesprochen und dieser vermeintliche \u201eMassenansturm\u201c von etwa einer Millionen Menschen als f\u00fcr Deutschland unl\u00f6sbar dargestellt. Gerne vergessen wird dabei, dass es nach Ende des Zweiten Weltkriegs tats\u00e4chlich eine Massenflucht in einem Ausma\u00df gab, im Zuge derer ungef\u00e4hr zw\u00f6lf bis vierzehn Millionen Deutsche, zusammen mit etwa ebenso vielen \u201eDisplaced Persons\u201c (Befreite KZ-Gefangene und ZwangsarbeiterInnen) auf der Flucht waren und in einem v\u00f6llig kriegszerst\u00f6rten Land bzw. in ihren Herkunftsl\u00e4ndern eine neue Heimat finden mussten.<\/p>\n<p><em>von Marcus Hesse<\/em><\/p>\n<p>Sechzig bis achtzig Millionen Menschen hatte der von Nazi-Deutschland entfachte Krieg in Gesamteuropa zu Fl\u00fcchtlingen gemacht. Am Ende des Krieges war es zum weitgehenden Zusammenbruch der Lebensmittelversorgung gekommen und in nahezu allen deutschen Gro\u00dfst\u00e4dten gab es auf Grund der Zerst\u00f6rungen akuten Wohnungsmangel. Hingegen war die Industrie, auf Grund der Konzentration der alliierten Bombardements auf Wohngebiete, in weitaus geringerem Ma\u00dfe zerst\u00f6rt und bei Einsatz profitabel. Dennoch lag die Produktion gegen Kriegsende weitgehend brach. Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass es letztlich doch gelang, diese Menschen in die Gesellschaften der BRD und DDR zu versorgen, unterzubringen und zu integrieren. Aber anders als es heute gerne dargestellt wird, ging dies nicht ohne Konflikte, Spannungen und Widerst\u00e4nde. Doch am Ende kam die Konjunktur den Betroffenen entgegen.<\/p>\n<h4>Die Arbeiterbewegung und die Vertreibungen<\/h4>\n<p>Es war Nazi-Deutschland, welches zuerst im Zuge seiner Eroberungsfeldz\u00fcge eine Politik der systematischen Zwangsumsiedlung und Vertreibung begann. Neben den sechs Millionen J\u00fcdInnen, die in die Ghettos und schlie\u00dflich Vernichtungslager gebracht wurden, wurden allein 4,5 Millionen Sowjetb\u00fcrgerInnen und zwei Millionen PolInnen ins Reichsgebiet deportiert. Die Nazis planten auch die gro\u00dfangelegte Zwangsgermanisierung Tschechiens und weiter Teile der besetzten Gebiete Polens und der UdSSR. Durch die Niederlage Nazi-Deutschlands konnten diese Pl\u00e4ne aber zum Gl\u00fcck nicht umgesetzt werden.<\/p>\n<p>In Folge der Niederlage des Dritten Reiches flohen nun ihrerseits Millionen von Deutschen aus den Ostgebieten vor der anr\u00fcckenden Roten Armee und den Kampfhandlungen. Nach der deutschen Kapitulation zogen die Siegerm\u00e4chte die Landkarte Mitteleuropas neu: Der polnische Staat r\u00fcckte nach Westen. W\u00e4hrend gro\u00dfe Teile des bis 1939 zu Polen geh\u00f6renden Gebietes Teil der UdSSR wurde, wurden Ostpreu\u00dfen, Pommern, Danzig und Schlesien polnisch. Die dortige deutsche Bev\u00f6lkerung wurde vertrieben und die Gebiete wurden mit PolInnen und RussInnen, die zum gr\u00f6\u00dften Teil selbst Vertriebene waren, besiedelt. In der Tschechoslowakei verf\u00fcgte die Regierung in den Bene\u0161-Dekreten die Vertreibung der dort lebenden deutschsprachigen Bev\u00f6lkerung, der Sudetendeutschen. \u00c4hnliche Ma\u00dfnahmen wurden in Jugoslawien und Rum\u00e4nien vollzogen.<\/p>\n<p>Die Vertreibung der deutschen Bev\u00f6lkerung nach 1945 wird seitdem von rechten Kr\u00e4ften instrumentalisiert, um ein relativierendes Bild der Verbrechen der Nazis zu vermitteln. Dahingegen stellt die Bewertung der Politik der Vertreibungen f\u00fcr viele Linke ein Problem dar. Wie positionierten sich SozialistInnen und die Arbeiterbewegung damals dazu? Zun\u00e4chst ist auff\u00e4llig, dass die nach 1945 neu entstandenen \u201eVolksdemokratien\u201c stalinistischer Pr\u00e4gung allesamt eine nationalistische Politik praktizierten, die keinen Unterschied machte zwischen deutschen Gro\u00dfgrundbesitzern und Kapitalisten einerseits und ArbeiterInnen und armen Bauern andererseits. Aktive Nazis und Widerstandsk\u00e4mpferInnen (die schlesischen Industriegebiete waren Hochburgen der Arbeiterbewegung vor 1933) waren gleicherma\u00dfen von den Vertreibungen betroffen. Die stalinistisch dominierten neuen Volksfrontregierungen in Polen und der Tschechoslowakei sprachen zeitweise von einem Gegensatz zwischen \u201eGermanen\u201c und \u201eSlawen\u201c. Dem entsprach auch die Linie des Stalinismus im besiegten Deutschland selbst, wo die KPD in den ersten Jahren nach dem Krieg die These der nationalen Kollektivschuld vertrat. Diese entsprach den Interessen der sowjetischen Besatzungsmacht und diente als Rechtfertigung f\u00fcr Demontagen von Industrieanlagen in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und einer Politik des Misstrauens gegen jede unabh\u00e4ngige Selbstaktivit\u00e4t der Arbeiterklasse, was zur Aufl\u00f6sung von Antifa-Komitees und Betriebsr\u00e4ten f\u00fchrte. Die kleine trotzkistische Bewegung trat damals f\u00fcr eine Politik des strikten Internationalismus ein und bek\u00e4mpfte die These von der nationalen Kollektivschuld ebenso wie die nationalistisch motivierte Zwangsumsiedlungspolitik. So schrieb die IV. Internationale in einer Flugschrift aller europ\u00e4ische Sektionen: \u201eWas das Goebbels Propagandamaul Jahre hindurch gelogen hat, Hitler und das deutsche Volk seien eins, das ist jetzt die offizielle Begr\u00fcndung f\u00fcr die Behandlung dieses Volkes durch die siegreichen alliierten M\u00e4chte.\u201c Doch alle Hoffnungen der TrotzkistInnen richteten sich auf einen revolution\u00e4ren Umsturz des Proletariats in Deutschland nach dem Vorbild der Revolution von 1918. Diese traf nicht ein und die Befreiung vom Faschismus wurde von den Alliierten geleistet, die nat\u00fcrlich keinerlei Interesse an einer proletarischen Revolution hatten. So blieb die Position des revolution\u00e4ren Internationalismus isoliert. Die Arbeiterklasse Europas musste im Folgenden den Preis daf\u00fcr zahlen.<\/p>\n<h4>Fl\u00fcchtlinge im besetzten Deutschland<\/h4>\n<p>Im Gebiet des zusammengebrochenen Nazi-Reiches brauchten nun auf die Schnelle vierzehn Millionen Menschen eine neue Unterkunft und Arbeit. Sie landeten traumatisiert, lange Fluchtwege hinter sich, in behelfsm\u00e4\u00dfigen Zwischenlagern. Es gab keine Gro\u00dfstadt in Deutschland, in der nicht mindestens die H\u00e4lfte allen Wohnraums zerst\u00f6rt war. Die vier Besatzungszonen gingen sehr unterschiedlich mit den Fl\u00fcchtlingen um: Die meisten fanden Aufnahme in der SBZ, was an der geografischen N\u00e4he zu den Herkunftsorten der Fl\u00fcchtlinge lag. Die britische und amerikanische Zone nahmen weit weniger Fl\u00fcchtlinge auf. Die franz\u00f6sische Besatzungsmacht verweigerte den Zuzug sogar ganz. Gerade in der SBZ und der sp\u00e4teren DDR war der Anteil der Vertriebenen an der Bev\u00f6lkerung besonders hoch: Im April 1949 waren 24,8 Prozent der Bev\u00f6lkerung Brandenburgs Gefl\u00fcchtete von der anderen Seite der Oder.<\/p>\n<p>Bis zu zehn Millionen Menschen waren w\u00e4hrend des Krieges in l\u00e4ndliche Gebiete evakuiert worden, wo sie in provisorischen Lagern hausen mussten und nicht selten dem Misstrauen der l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung ausgesetzt waren, die in ihnen vor allem BettlerInnen sahen. Es sollte noch lange dauern, bis die Kommunalverwaltungen es den Evakuierten erm\u00f6glichten, wieder in ihre urspr\u00fcnglichen Wohnsitze zur\u00fcckzukehren. Neben den deutschen Fl\u00fcchtlingen aus dem Osten zogen Millionen von KZ-\u00dcberlebenden und befreiten ZwangsarbeiterInnen durch das Land, die meist nicht wussten wo sie hingehen sollten, da ihre Heimat durch die Raubz\u00fcge der deutschen Armee verw\u00fcstet worden waren. Viele f\u00fcrchteten sich auch davor, in ihren L\u00e4ndern als Kollaborateure bestraft zu werden. Die \u201eDisplaced Persons\u201c (DP), eine bunte Menge aus Menschen aus rund zwanzig Nationalit\u00e4ten und 35 Sprachen, wurden den Besatzungsm\u00e4chten, ihrem Milit\u00e4r und denen mit ihnen zusammenarbeitenden offiziellen Hilfsorganisationen zugeteilt. Man versuchte schnell, sie in ihre L\u00e4nder zur\u00fcckzubringen. Ende 1945 waren noch 1,7 Millionen dieser Menschen in Deutschland. Gerade viele j\u00fcdische DP\u2018s fanden in keinem Land Aufnahme, was viele \u2013 ob ZionistInnen oder nicht \u2013 zwang, nach Pal\u00e4stina zu emigrieren. Als die Westalliierten 1950 die Verantwortung f\u00fcr die DP\u2018s an die Bundesregierung \u00fcbergaben, d\u00fcrften sich noch rund 150.000 von ihnen im Bundesgebiet aufgehalten haben. Etwa ein Drittel davon lebte immer noch in Lagern.<\/p>\n<h4>Alles andere als \u201eWillkommenskultur\u201c<\/h4>\n<p>Die b\u00fcrgerliche Gesellschaftsordnung in ihrer Klassenteilung blieb unangetastet. Im Westen war das erkl\u00e4rte Politik der Besatzungsm\u00e4chte. Die Kriegsfolgen (Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Hunger) trafen die deutsche Arbeiterklasse und die unteren Teile der Mittelschichten besonders schwer. Wohlhabende b\u00fcrgerliche Vororte waren selten von Bombensch\u00e4den betroffen. Das stellte die sich neu aufbauende Arbeiterbewegung vor eine besondere Herausforderung. Galt es doch gerade in dieser Situation, dem Gedanken der Solidarit\u00e4t zur Durchsetzung zu verhelfen, in einer Zeit wo Mangel an Lebensmitteln und Wohnraum herrschte und jedeR ZuwandererIn als KonkurrentIn erschien. So waren es Antifa-Komitees und Basiseinheiten linker Parteien und Gewerkschaften, die Gefl\u00fcchtete in ihre Reihen integrierten und \u2013 bis zu ihrer Aufl\u00f6sung durch Westalliierte oder Stalinisten im Osten \u2013 eigenverantwortlich Wohnraum f\u00fcr Bed\u00fcrftige bereitstellten. Eine sehr informative Analyse und \u00dcberblicksdarstellung \u00fcber die Aktivit\u00e4ten der Basisorganisationen und Komitees der Linken bietet die von Peter Brandt, Lutz Niethammer und Ulrich Borsdorf 1976 herausgegebene Studie \u201eArbeiterinitiative 1945\u201c \u00fcber die Antifa-Aussch\u00fcsse und den Wiederaufbau der deutschen Arbeiterbewegung. Damals gab es im ganzen Land Aktivit\u00e4ten von Unten, die den unmittelbaren Wiederaufbau und die kollektive Bew\u00e4ltigung der dr\u00e4ngendsten Probleme organisierten. Fr\u00fchzeitig hatten die sich selbst organisierenden ArbeiterInnen entsprechende Ma\u00dfnahmen, wie die Beschlagnahmung von Wohnraum zu Gunsten der Gefl\u00fcchteten gefordert. Auf Grund der akuten Not griffen aber auch die Besatzungsm\u00e4chte zu diesem Mittel.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re falsch, zu glauben dass Solidarit\u00e4t damals allgemein verbreitet war. In der Situation der Knappheit florierten Schwarzhandel und Schiebergesch\u00e4fte. Die allermeisten versuchten auf sich gestellt, irgendwie zu \u00fcberleben. Mittellose Gefl\u00fcchtete erschienen da als nutzlose EsserInnen. Hinzu kam, dass mit dem Zusammenbruch des st\u00e4dtischen Lebens viele St\u00e4dterInnen (genauso wie die Fl\u00fcchtlinge) aufs Land zogen, wo es noch genug Lebensmittel gab. B\u00e4uerInnen, vor allem Gro\u00dfb\u00e4uerInnen, hatten trotz des R\u00fcckgangs der landwirtschaftlichen Produktion genug zu Essen. Manche waren sogar durch den Schwarzhandel mit Naturalien reicher geworden als vor dem Krieg.<\/p>\n<p>Besonders viel Angst hatten Teile der Bev\u00f6lkerung vor den DP\u2018s. Waren diese doch gem\u00e4\u00df der nach nationalsozialistischer Ideologie erzogenen Menschen \u201eFremdrassige\u201c. So manch ein Gro\u00dfbauer, der w\u00e4hrend des Krieges ZwangsarbeiterInnen ausbeutete und misshandelte, hatte sicherlich Furcht vor gewaltsamen Racheakten dieser befreiten SklavInnen. Doch kam es nur sehr selten zu solchen Racheaktionen, da die Besatzungsarmeen dies meistens verhinderten und fr\u00fchzeitig die Kontrolle \u00fcber die Unterbringung und R\u00fcckf\u00fchrung der DP\u2018s organisierten.<\/p>\n<p>Bemerkenswerter Weise bekamen ethnische Deutsche, die als Fl\u00fcchtlinge eine Bleibe suchten, nicht selten die selben rassistischen Diffamierungen zu h\u00f6ren, wie die DP\u2018s. In einem Artikel in der Zeit Online vom Januar 2015 werden einige Erfahrungen von Fl\u00fcchtlingen eindrucksvoll geschildert: \u201eIhre ersten Erfahrungen in der neuen Heimat waren oft bitter. \u201aVerschwinds, damisches Gesindel\u2018, entgegnete man im Chiemgau dem Fl\u00fcchtlingsjungen Olaf Ihlau aus Ostpreu\u00dfen, der sich sp\u00e4ter als Journalist und Autor einen Namen machte. Manchmal lie\u00df man die Hunde von der Kette. \u201aFl\u00fcchtlingsschweine\u2018 und \u201aPolacken\u2018 schimpfte man Vertriebene wie die Ihlaus. Dabei waren sie, allein auf sich gestellt, auf das Mitleid fremder Menschen in einer fremden Umgebung angewiesen. Dass sie als \u201aZigeuner\u2018 oder \u201aGesindel\u2018 bezeichnet wurden, entsetzte und erbitterte viele von ihnen. \u201aDie drei gro\u00dfen \u00dcbel, das waren die Wildschweine, die Kartoffelk\u00e4fer und die Fl\u00fcchtlinge\u2018, sagte man im Emsland \u00fcber die Zeit nach dem Krieg.\u201c (Zeit Online 5\/2015)<\/p>\n<p>Gerade in konservativ gepr\u00e4gten, l\u00e4ndlichen Gebieten, in denen die Linke und die Arbeiterbewegung schwach waren, mischten sich fremdenfeindliche Haltungen mit einer Furcht vor materieller Verschlechterung der eigenen Lebenslage durch die Zugezogenen. Hinzu kamen reaktion\u00e4re Moralvorstellungen. Denn viele Fl\u00fcchtlinge damals waren alleinstehende Frauen, deren M\u00e4nner im Krieg umgekommen, verschollen oder in Gefangenschaft waren. Sie zogen ihre Kinder entsprechend alleine auf und zogen sich in einer von konservativem und patriarchalischem Denken gepr\u00e4gten Umgebung nicht selten einen \u201eschlechten Ruf\u201c zu, wenn sie wieder Beziehungen eingingen. In Martin Sperrs sp\u00e4ter auch verfilmtem B\u00fchnenst\u00fcck \u201eJagdszenen aus Niederbayern\u201c, dessen Handlung im Jahre 1948 spielt, wird eine solche Au\u00dfenseiterfigur exemplarisch in der Rolle der B\u00e4uerin Maria verk\u00f6rpert.<\/p>\n<p>Aus heutiger Sicht kaum verst\u00e4ndlich sind die aus dem Zusammentreffen mit den Fl\u00fcchtlingen entbrannten konfessionellen Konflikte, die aber noch bis lange in die 1950er Jahre in Westdeutschland zu Konflikten und oftmals handfesten Auseinandersetzungen f\u00fchrten, etwa da wo protestantische Ostpreu\u00dfen in katholischen D\u00f6rfern Oberbayerns lebten oder katholische Sudetendeutsche im protestantischen Schleswig-Holstein.<\/p>\n<h4>Die dennoch bew\u00e4ltigte Krise \u2013 in Ost und West<\/h4>\n<p>Die Besatzungsm\u00e4chte und die von ihnen installierten Beh\u00f6rden hatten jedoch ein gro\u00dfes Interesse daran, diesen sozialen Sprengstoff zu beseitigen. In allen Besatzungszonen gelang das nur durch Eingriffe in das b\u00fcrgerliche Eigentumsrecht: Wer unzerst\u00f6rten Wohnraum frei hatte, wurde dazu gezwungen, Fl\u00fcchtlinge aufzunehmen. Nat\u00fcrlich schuf das neue Konflikte und heizte bestehende an, aber es gelang so, zumindest die gr\u00f6bste Not zu beseitigen. Jedoch unterschied sich das Vorgehen in Ost und West stark voneinander. So setzte die sowjetische Besatzungsmacht die Ma\u00dfnahmen gegen Privateigent\u00fcmer viel weiter durch als die Westalliierten. Dass viele Gutsbesitzer und Industrielle sich schon vor dem Einmarsch der Roten Armee in den Westen absetzten, war da sicher hilfreich: In deren verlassene Gutsh\u00e4user und Villen konnten \u2013 zumindest in denen, die nicht von der neuen privilegierten stalinistischen F\u00fchrungsschicht bewohnt wurden \u2013 obdachlose Kriegsfl\u00fcchtlinge einziehen. Einer der bedeutendsten, positivsten und einschneidendsten Ma\u00dfnahmen der sozialen Umw\u00e4lzungen im Osten war die Bodenreform, im Zuge derer Grundbesitz von Junkern, NS-Verbrechern und anderen Gro\u00dfgrundbesitzern ab einhundert Hektar Landbesitz entsch\u00e4digungslos enteignet und an Kleinb\u00e4uerInnen (so genannte \u201eNeubauern\u201c) verteilt wurde. Ein Drittel dieser Neub\u00e4uerInnen waren Gefl\u00fcchtete.<\/p>\n<p>Der Wiederaufbau nach dem Krieg in Ost und West erm\u00f6glichte \u2013 wenn auch unter unterschiedlichen Vorzeichen die Integration der Fl\u00fcchtlinge in die Gesellschaft. Arbeitskr\u00e4fte wurden dringend gebraucht. Dennoch sollte es noch lange dauern, bis die Gefl\u00fcchteten \u2013 vor allem im marktwirtschaftlichen Westen \u2013 eine ihrer Qualifikation entsprechende Arbeit bekamen. So trat ein typisches Ph\u00e4nomen auf: Dass sie in geringqualifizierten und wenig beliebten T\u00e4tigkeiten arbeiten mussten. Das wohl schwierigste Problem bliebt die Wohnungssituation. Denn der St\u00e4dtebau kam angesichts des Ausma\u00dfes der Zerst\u00f6rung nur schleppend voran. 1949 gab es noch 465 staatliche Fl\u00fcchtlingslager (f\u00fcr \u00fcber 90.000 Personen), erst 1957 wurden die letzten aufgel\u00f6st.<\/p>\n<h4>Die \u201eVetriebenen\u201c in der BRD und ihre Instrumentalisierung<\/h4>\n<p>Es sollte bis Mitte der 1950er dauern, bis eine vollst\u00e4ndige Integration in die bundesdeutsche Gesellschaft gelang. Entscheidend dabei war der zu der Zeit einsetzende Nachkriegsaufschwung, der oft als \u201eWirtschaftswunder\u201c bezeichnet wird. Ende der 1950er Jahre gab es nahezu Vollbesch\u00e4ftigung und man begann, Arbeitskr\u00e4fte aus dem Ausland anzuwerben,w\u00e4hrend in der DDR die ab 1952 einsetzende b\u00fcrokratische Planwirtschaft die ehemaligen Fl\u00fcchtlinge in die Volkswirtschaft integrierte. Die konservative Adenauer-Regierung griff in der Anfangsphase der Bundesrepublik sogar zu einer Ma\u00dfnahme der Umverteilung. So wurde 1952 das Lastenausgleichsgesetz beschlossen, das Besitzern gro\u00dfer Verm\u00f6gen und Sachwerte (wie Immobilien) eine Abgabe auferlegte, die zu Gunsten von Fl\u00fcchtlingen (sei es durch Krieg, Vertreibung oder Flucht aus der SBZ\/DDR) ging. Durch die Verteilung der Last \u00fcber mehrere Jahre betrug die Belastung der so zur Kasse gezwungenen nur 1,67 Prozent pro Jahr. Diese Summe war bescheiden und tat den Reichen nicht weh. Doch bis 1982 wurden so etwa 117 Milliarden D-Mark umverteilt. Bis heute laufen die Zahlungen an die \u00dcberlebenden des Krieges und die ehemaligen Gefl\u00fcchteten fort. Alleine ihre Einf\u00fchrung durch eine b\u00fcrgerliche Regierung und die Kontinuit\u00e4t der Zahlungen \u00fcber die Jahrzehnte zeigt, was gesellschaftlich m\u00f6glich ist, wenn nur genug politischer Druck da ist und eine offensichtliche Notwendigkeit besteht. Sicher trug die Systemauseinandersetzung mit dem Osten das Ihrige dazu bei, hier die Besitzenden zu Solidarit\u00e4tsleistungen zu zwingen.<\/p>\n<p>Im Laufe der 1950er Jahre wurden die Interessenvertretungen der Vertriebenen, die so genannten Landsmannschaften, die anfangs noch soziale und Betreuungsaufgaben \u00fcbernahmen, zu Vereinigungen mit einer zunehmend nationalistischen politischen Agenda. Neben Folklore aus der Heimat und Erinnerungspflege wurden aus den Reihen dieser Verb\u00e4nde fortlaufend Forderungen nach R\u00fcckgabe der ehemals deutschen Ostgebiete laut, die ab 1945 von anderen Nationalit\u00e4ten besiedelt wurden. Besonders PolitikerInnen der CDU\/CSU, aber nicht selten auch weiter rechts stehende Kr\u00e4fte begannen, in den in Landsmannschaften organisierten \u201eVertriebenen\u201c (und deren entsprechend gesinnten Kindern und Enkeln) eine feste Basis f\u00fcr ihre Politik zu suchen. W\u00e4hrend das Thema der Zwangsumsiedlungen in der DDR politisch tabu war, war die R\u00fcckgewinnung der verlorenen Ostgebiete offizielle und aggressive Staatsdoktrin der BRD, was sich erst mit den Ostvertr\u00e4gen der Regierung Brandt \u00e4nderte. Bis dahin waren Schlesien, Pommern und Ostpreu\u00dfen auf bundesdeutschen Karten als \u201ezur Zeit unter polnischer\/russischer Verwaltung\u201c stehend gekennzeichnet. Es ist eine Ironie: Als die Vertriebenen endlich in der Mehrheit der deutschen Gesellschaft aufgingen und durch den Wirtschaftsaufschwung integriert wurden, begann die herrschende Klasse der Bundesrepublik sie und ihre Verb\u00e4nde als reaktion\u00e4re und antikommunistische Lobby im Kalten Krieg einzuspannen.<\/p>\n<h4>Welche Lehren k\u00f6nnen wir daraus ziehen?<\/h4>\n<p>Das Beispiels des Umgangs mit der Massenflucht nach 1945 ist in mehrfacher Hinsicht lehrreich. Zum einen zeigt sich, dass die schiere Zahl der Gefl\u00fcchteten heute nicht im Ansatz den Massen entspricht, die damals ins Land kamen. Und zwar in ein v\u00f6llig zerst\u00f6rtes und hungerndes Land. Dennoch gelang es, damals vierzehn Millionen Menschen langsam in die Gesellschaft zu integrieren. Dies ging nur durch Eingriffe in das Privateigentum und durch Ma\u00dfnahmen, die die Besitzenden belasteten. Auch heute ist es wichtig, dass wir einen Kampf darum f\u00fchren, dass die Reichen f\u00fcr die Kosten, die mit der Aufnahme von Gefl\u00fcchteten einher gehen, zahlen. Denn sie sind die Profiteure eines Systems, das st\u00e4ndig Fluchtursachen schafft. Heute wird viel \u00fcber die Bedeutung von Kulturzugeh\u00f6rigkeit und Kultur gesprochen. Anders als die Gefl\u00fcchteten heute waren die Fl\u00fcchtlinge damals ethnische Deutsche. Doch wie wir sehen konnten, galt auch ein fremder deutscher Dialekt oder eine andere christliche Konfession damals als H\u00fcrde. Letztlich kam die \u00f6konomische Erholung nach dem Krieg, der Nachkriegsaufschwung, den Betroffenen zu Gute. Es wurde nach der Zerst\u00f6rung wieder aufgebaut und es wurden wieder Arbeitskr\u00e4fte gebraucht. Das ist der Unterschied zu heute, zu einem Europa in der Krise und des Niedergangs. Doch die Krise heute ist eine Andere als die damals. Es herrscht nicht Mangel, sondern \u00dcberproduktion. Die Gesellschaft ist so reich wie nie zuvor. Aber der Reichtum ist in den H\u00e4nden einer kleinen Minderheit. Dieses System l\u00e4sst Menschen fliehen und ist die Ursache f\u00fcr Kriege und Fluchtbewegungen \u2013 damals wie heute. Nur eine sozialistische Reorganisation von Wirtschaft und Gesellschaft k\u00f6nnte diesen Krisen ein Ende machen und zu einer wirtschaftlichen Entwicklung im Interesse Aller f\u00fchren, was auch die Sorge vor den \u201eneuen KonkurrentInnen\u201c um Wohnung, Arbeitsplatz und Bildungsangebote zur\u00fcckdr\u00e4ngen k\u00f6nnte. Es ist, wie damals, Aufgabe der Arbeiterbewegung \u2013 Gewerkschaften, linke Parteien \u2013 und sozialen Bewegungen, praktische Solidarit\u00e4t zwischen einheimischen ArbeiterInnen und Gefl\u00fcchteten zu organisieren und den gemeinsamen Kampf gegen den Kapitalismus zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschlands Umgang mit 14 Millionen Fl\u00fcchtlingen nach 1945<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":32790,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[90,6],"tags":[753],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32789"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=32789"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32789\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32791,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32789\/revisions\/32791"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/32790"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=32789"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=32789"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=32789"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}