{"id":31920,"date":"2015-12-29T11:41:54","date_gmt":"2015-12-29T10:41:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=31920"},"modified":"2015-12-16T12:10:44","modified_gmt":"2015-12-16T11:10:44","slug":"buchbesprechung-sebastian-chwala-der-front-national","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2015\/12\/buchbesprechung-sebastian-chwala-der-front-national\/","title":{"rendered":"Buchbesprechung: Sebastian Chwala, Der Front National"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/592-7.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-31921\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/592-7-114x173.jpg\" alt=\"592-7\" width=\"114\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/592-7-114x173.jpg 114w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/592-7-229x347.jpg 229w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/592-7-600x909.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/592-7.jpg 660w\" sizes=\"(max-width: 114px) 100vw, 114px\" \/><\/a>Analyse der historischen und materiellen Umst\u00e4nde, die zum Erstarken der Rechten in Frankreich gef\u00fchrt haben<\/strong><\/p>\n<p>Chwala legt, ausgehend von einer Untersuchung der franz\u00f6sischen Gesellschaft und der Geschichte der Ultrarechten dar, von welchen Klassen sie getragen wurden und welches die wahren Ursachen f\u00fcr die wachsende Zustimmung zum FN sind<\/p>\n<p><em>von Ren\u00e9 Kiesel, Berlin<\/em><\/p>\n<p>Das 143-seitige Buch von Sebastian Chwala zu \u201cGeschichte, Programm, Politik und W\u00e4hler\u201d des Front National erschien keinen Tag zu fr\u00fch. Kurz vor den Regionalwahlen in Frankreich und den \u00dcberseegebieten, ver\u00f6ffentlichte er seine Schrift im Papyrossa Verlag. Wie sozialismus.info nach der ersten Wahlrunde berichtete, fuhr die rechte Partei ein Rekordergebnis ein.1 Trotzdem es ihnen zum Teil sehr knapp nicht gelang, sich in der zweiten Runde mit ihren KandidatInnen durchzusetzen, gibt es keinen Grund zur Entwarnung. Tom Strohschneider schrieb einen Tag nach dem Wahlausgang im Neuen Deutschland: \u201cWenn Wahlerfolge der Rechtsradikalen nur noch dadurch verhindert werden k\u00f6nnen\u2013 was zweifellos demokratisch wichtig ist \u2013, dass linke und Mitte-Links-Landidaturen zur\u00fcckgenommen werden, wird einer konservativen Politik das Feld \u00fcberlassen, die selbst den N\u00e4hrboden f\u00fcr die Rechten mit ausgerollt haben.\u201c2 Das weist auf eine wichtige Tatsache hin, die auch Chwala in seinem Buch ausf\u00fchrt. Das Zur\u00fcckweichen der Linken in der kommunistischen und sozialistischen Partei, als es ab den 70er Jahren massive Angriffe auf die organisierte Arbeiterklasse gab. In Folge dessen verb\u00fcrgerlichte die Parti Socialiste und f\u00fchrte, wie ihre Schwesterparteien in anderen L\u00e4ndern, unverhohlen ein neoliberales Programm aus. Gleichzeitig \u00fcbernahmen die traditionellen konservativen Rechten um Sarkozy in weiten Teilen das Programm des Front National und f\u00fchrten damit deren Politik in den Regierungsalltag ein. Weit davon entfernt, seiner eigenen Programmatik abzuschw\u00f6ren, hielt diese Einzug in die politische Mitte, die ab der kapitalistischen Weltwirtschaftskrise sogar verst\u00e4rkt wurde: \u201cSchon seit 2002 war als Rekation auf den Wahlerfolg Jean-Marie Le Pens (siehes n\u00e4chstes Kapitel) und die Folgen der Anschl\u00e4ge von New York [11. September 2001, Anm. d. Red.] eine rein auf \u2018Law and Order\u2019 aufbauende Strategie Kernaufgabe der Regierungen. Nicolas Sarkozy schaffte udn in seiner Zeit als Pr\u00e4sident zwischen 2007 und 2012 sogar ein Ministerium f\u00fcr Nationale Identit\u00e4t (Bouver 2015: 38). Mit dem Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 versch\u00e4rfte Sarkozy seine Gangart und stie\u00df 2009 eine Debatte \u00fcber die nationale Identit\u00e4t an, um von seiner scheiternden Wirtschaftspolitik abzulenken. Zwei Jahre sp\u00e4ter erkl\u00e4rte er ganz offen, dass ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Immigration, misslungener Integration und Unsicherheit in Frankreich bestehe (Bouvier 2015: 39)\u201d3<\/p>\n<h4>Wer rechts w\u00e4hlt, ist selbst schuld?<\/h4>\n<p>Auch in Deutschland schl\u00e4gt einem nicht selten das Argument von b\u00fcrgerlichen KommentatorInnen und WisschenschaftlerInnen entgegen, dass die antidemokratischen Tendenzen in der Bev\u00f6lkerung, vor allem in der Arbeiterklasse und Ostdeutschland ausschlaggebend f\u00fcr den Erfolg rechter Partei w\u00e4ren. Der ostdeutsche SPDler Stephan Hilsberg zieht direkt die Schlussfolgerung, dass stalinistische Diktatur und Ostalgie urs\u00e4chlich w\u00e4ren: \u201cDoch nur wer sich recht erinnert, wird sich einen Reim auf den Stra\u00dfenproteste der &#8222;Pegida&#8220; und den Wahlerfolg der &#8222;AfD&#8220; im Osten machen k\u00f6nnen. Beide Ph\u00e4nomene sind Sp\u00e4tfolgen der SED-Diktatur. Nur wer die Geschichte der DDR nicht sch\u00f6nt, wird also in der Lage sein, Ostdeutschland nach vorne zu bringen.\u201d4 Das Ergebnis ist eine Entschuldigung b\u00fcrgerlicher Politik und die Verschleierung der wahren Ursachen und Verantwortlichen. Auch in Frankreich ist dieser Erkl\u00e4rungsansatz weit verbreitet. Im vorletzten Kapitel geht der Autor gezielt auf die Fragestellugn ein, ob die Arbeiterklasse die nat\u00fcrliche Verb\u00fcndete der Rechten w\u00e4re und zitiert: \u201c \u2018Als Angeh\u00f6rige der &gt;Volksklassen&lt; f\u00fchlen sie sich (die Arbeiter) nicht der Rechte zugeh\u00f6rig. Sie teilen vielmehr zahlreiche Werte und Einstellungen mit den W\u00e4hlern der Linken, aber sie scheinen sich auf eine Stimme f\u00fcr den FN festgelegt zu haben aufgrund ihrer Ablehnung der politischen Klasse, der Fremdenfeindlichkeit, der sozialen Entt\u00e4uschung und der Feindseligkeit gegen\u00fcber dem Aufbau Europas.\u2019 (Perrineau 1997: 85).\u201d5 Dagegen f\u00fchrt er ins Feld, dass der Anteil der Stimmen f\u00fcr den FN nicht zu, die allgemeine Wahlbeteiligung jedoch aus Entt\u00e4uschung von linker Politik abgenommen habe und viele Stimmen f\u00fcr die PCF verloren gingen, was auch von einem massiven Mitliederschwund gekennzeichnet war.<\/p>\n<p>Die Ursachen daf\u00fcr liegen im kapitalistischen System selbst: \u201cWie schon mehrfach darzulegen versucht wurde, deutet vieles darauf hin, dass eher subitle \u00c4ngste vor der unsicheren Zukunft in einem Kapitalismus, der mehr und mehr Verantwortung auf den einzelnen abw\u00e4lzt und nicht mehr die sozialstaatlichen und gemeinwirtschaftlichen Aspekte des staatlichen und gesellschaftlichen Miteinanders in den Vordergrund stellt, den Erfolg der radikalen Rechten erleichtert. Initiiert wird eine Strategie der \u2018Hilfe zu Selbsthilfe\u2019, wie sie sich durch die F\u00f6rderung von Immobilienbesitz in Frankreich manifestiert.\u201d6 Aus dem Programm der Alternative f\u00fcr Deutschland geht als Pendant dazu ebenfalls der positive Bezug zu Ludwig Erhards sozialer Marktwirtschaft hervor, in der jeder sich selbst durch eigenen Wohlstand absichert und der Staat allein die Hilfestellung als Rahmengeber dazu leisten soll.<\/p>\n<p>Die zunehmende Unterst\u00fctzung f\u00fcr den FN wird nicht zuletzt von der Schw\u00e4che der Linken begleitet, dessen Vorbedingung sie ist und die zu einer Entsolidarisierung in der Arbeiterklasse f\u00fchren: \u201cWie aber auch nachgewiesen wurde, kann nicht die Rede davon sein, dass die Arbeiterschaft generell nach rechts ger\u00fcckt sei. Vielmehr schafft es die Linke nicht mehr, ein erfolgreiches Gegenprojekt zum Neoliberalismus zu formulieren, da mit dem Ende der alten Arbeiterbewegung die eigene soziale Basis weggebrochen ist. Die Deindustrialisierung der franz\u00f6sischen Volkswirtschaft, die mit der Schlie\u00dfung aller Kohleminen, aber auch so gut wie aller Stahlwerke sowie etlicher gro\u00dfer Automobilfabriken einherging, war verbunden mit dem Verlust der kollektiven Identit\u00e4t und damit auch des Klassenbewusstseins (Beaux\/Pialoux 2012: 404).\u201d7<\/p>\n<h4>Eine Alternative zum b\u00fcrgerlichen Standpunkt<\/h4>\n<p>Chwalas Buch \u00fcber den Front National und dessen soziale Basis ist ein Lehrst\u00fcck, in wessen Interesse die Rechten agieren und welche Klassen in der Gesellschaft deren Haupts\u00fctze sind: \u201cWie gezeigt wurde, scheuten sich die franz\u00f6sischen Eliten nicht, die Republik in Frage zu stellen, als der Druck von links so gro\u00df wurde, dass die eigene Verf\u00fcgungsgewalt \u00fcber die Produktionsmittel bedroht schien, und gemeinsame Sache mit der Antirepublikanischen Ultrarechten zu machen. Das gerne benutzte BIld der republikanischen Eliten muss in Frage gestellt werden. Vielmehr bedienten sie sich die Eliten der kleinb\u00fcrgerlichen Angst, um sie als psychologisches Moment zur Mobilisierung der Mitteklasse gegen die Linke zu nutzen.\u201d8<\/p>\n<p>Mit dieser Haltung stellt er sich der g\u00e4ngigen Ansicht b\u00fcrgerlicher Wissenschaftler entgegen, die sowohl die eigene Verantwortung f\u00fcr die Verschleierung der Klassenbeziehungen in der Gesellschaft ignorieren, als auch die wahren Ursachen f\u00fcr das Erstarken der Rechten leugnen und den Betroffenen selbst die Schuld in die Schuhe schieben. So ist die Abhandlung \u00fcber den Front National nicht nur inhaltlich, sondern auch methodisch eine angenehme und empfehlenswerte Alternative zu den Erkl\u00e4rungsmustern im Mainstream, die uns keine Anleitung zum Handeln geben k\u00f6nnen. In seiner Schlussfolgerung schreibt Sebastian Chwala: \u201cEs gilt vielmehr, den materiellen Kern der Bewegung (des FN, Anm. d. Red.), wenn sie effektiv bek\u00e4mpft werden soll. Dazu bedarf es einer klassenpolitischen Analyse, wie es in dieser Arbeit versucht worden ist. Welche wichtigen Punkte zum Verst\u00e4ndnis der Ultrarechten beitragen k\u00f6nnen, m\u00fcssen also in eine nutzbare Analyse einflie\u00dfen.\u201d9 Sein Handlungsansatz besteht im Kampf gegen rechts, der noch nicht verloren ist: \u201cAllerdings nur, wenn die Linke die franz\u00f6sische Gesellschaft wieder politisiert und die gesellschaftlichen Antagonismen, also Klassengegens\u00e4tze, wieder betont werden (Coulon u.a. 2013). Aufgabe muss es also sein, der Arbeiterklasse, in welcher Form sie heute auch immer existieren mag, wieder Klassenbewusstsein zu vermitteln. Nur so wird es der Volksklasse m\u00f6gliche, um ihre Emanzipation zu k\u00e4mpfen (Schneckenburger 2012: 74).\u201d10<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>1 https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/2015\/12\/front-national-geht-als-staerkste-kraft-aus-franzoesischen-regionalwahlen-hervor\/<\/em><br \/>\n<em>2 http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/994709.nichts-ist-gut-in-frankreich-und-auch-nicht-in-berlin.html<\/em><br \/>\n<em>3 Chwala, Sebastian: Der Front National, S. 82, Papyrossa, 2015<\/em><br \/>\n<em>4 http:\/\/www.deutschlandradiokultur.de\/ddr-und-ostalgie-versaeumte-debatten.1005.de.html?dram:article_id=316394<\/em><br \/>\n<em>5 Chwala 2015: 109<\/em><br \/>\n<em>6 ebd. S. 128<\/em><br \/>\n<em>7 ebd. S. 133<\/em><br \/>\n<em>8 ebd. S. 132f.<\/em><br \/>\n<em>9 ebd. S. 131<\/em><br \/>\n<em>10 ebd. S. 136<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was f\u00fchrte zum Erstarken der Rechten in Frankreich?<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":31921,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[70,7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/31920"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=31920"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/31920\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31924,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/31920\/revisions\/31924"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/31921"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=31920"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=31920"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=31920"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}