{"id":31665,"date":"2016-01-28T15:30:27","date_gmt":"2016-01-28T14:30:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=31665"},"modified":"2016-01-29T19:13:13","modified_gmt":"2016-01-29T18:13:13","slug":"wer-zahlt-dann-meine-rente","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2016\/01\/wer-zahlt-dann-meine-rente\/","title":{"rendered":"\u201eWer zahlt dann meine Rente?\u201c"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_24063\" aria-describedby=\"caption-attachment-24063\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/4551652007_fb9ee1d97f_o-e1362071747514.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-24063\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/4551652007_fb9ee1d97f_o-e1362071747514-280x173.jpg\" alt=\"Foto: http:\/\/www.flickr.com\/photos\/w-tommerdich\/ CC BY-NC-SA 2.0\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/4551652007_fb9ee1d97f_o-e1362071747514-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/4551652007_fb9ee1d97f_o-e1362071747514-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/4551652007_fb9ee1d97f_o-e1362071747514-560x345.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/4551652007_fb9ee1d97f_o-e1362071747514.jpg 1121w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-24063\" class=\"wp-caption-text\">Foto: http:\/\/www.flickr.com\/photos\/w-tommerdich\/ CC BY-NC-SA 2.0<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Fachkr\u00e4ftemangel, demographischer Wandel und was dahinter steckt<\/strong><\/p>\n<p>In der Fl\u00fcchtlingsdebatte sprechen sich nicht nur Linke und antirassistische AktivistInnen daf\u00fcr aus, Fl\u00fcchtlinge aufzunehmen und (zumindest einem Teil von ihnen) eine Bleibeperspektive zu er\u00f6ffnen. Die Begr\u00fcndungen daf\u00fcr sind teilweise recht unterschiedlich.<\/p>\n<p><em>von David Redelberger<\/em><\/p>\n<p>Eine sehr prominente Begr\u00fcndung ist diese: \u201eWir m\u00fcssen die Fl\u00fcchtlinge aufnehmen und integrieren, weil unsere Gesellschaft wegen des demographischen Wandels sonst v\u00f6llig \u00fcberaltert.\u201c Diese Begr\u00fcndungen ist auf mehreren Ebenen problematisch: Erstens spielt sie dem N\u00fctzlichkeitsrassismus in die H\u00e4nde \u2013 Menschen, in diesem Fall Gefl\u00fcchtete, m\u00fcssen \u00f6konomisch verwertbar sein oder der Gesellschaft \u201en\u00fctzen\u201c \u2013 ein ziemlich neoliberales Menschenbild also. Zweitens kann sie damit die Solidarit\u00e4tsbewegung und die Gefl\u00fcchteten selbst spalten, in \u201en\u00fctzliche\u201c und \u201enicht n\u00fctzliche\u201c Gefl\u00fcchtete. Wenn dieser Gedanke zu Ende gedacht und unsere Gesellschaft dann gen\u00fcgend verj\u00fcngt ist, m\u00fcssen die Menschen dann leider doch wieder abgeschoben werden? Drittens, und darum soll sich dieser Artikel drehen, ist der demographische Wandel nicht ganz so geradlinig, wie das in den Medien immer transportiert wird.<\/p>\n<h4>Ein Mangel ohne Mangel<\/h4>\n<p>Die Debatte um den demographischen Wandel h\u00e4ngt immer sehr eng zusammen mit der Klage \u00fcber den \u201eFachkr\u00e4ftemangel\u201c und beide sind keine neuen Debatten, denn schon l\u00e4nger beklagt sich die deutsche Industrie \u00fcber einen Fachkr\u00e4ftemangel: Anfang der 00er Jahre wurde deshalb unter Schr\u00f6der die Greencard eingef\u00fchrt1, um IT-Fachkr\u00e4fte anzulocken, ab dem Jahr 2012 gab es dann mit der Bluecard eine erneute EU-Initiative f\u00fcr Fachpersonal im Bereich Ingenieurwesen und Medizin2.<\/p>\n<p>Ulrike Bremer hat sich Mitte letzten Jahres in einer sehr sehenswerten Reportage f\u00fcr die ARD3 mit dem Ph\u00e4nomen und den offiziellen Zahlen von Wirtschaft und Agentur f\u00fcr Arbeit auseinandergesetzt. Ein Vertreter des Instituts f\u00fcr Wirtschaftsforschung stellt gleich zu Beginn fest, dass die Ingenieurstudieng\u00e4nge eher mit Studierenden \u00fcberlaufen sind und von Mangel an AbsolventInnen keine Rede sein kann. Interessant ist, was die Agentur f\u00fcr Arbeit unter \u201eMangel\u201c versteht: Dieser ist schon dann da, wenn es auf eine offene Stelle drei BewerberInnen gibt. Auch die absoluten Zahlen von offenen Stellen sind nicht so eindeutig, wie es den Anschein hat: Wenn der Verband Deutscher Ingenieure die offenen Stellen im Ingenieurswesen angibt, dann werden die offiziellen Zahlen der Arbeitsagentur vervielfacht, weil \u201eja nicht jede offene Stelle gemeldet werde\u201c. Warum dann zum Beispiel fr\u00fcher mit sieben und mittlerweile mit f\u00fcnf multipliziert wird, und wie diese Faktoren \u00fcberhaupt zustande kommen, dar\u00fcber bleibt der Verband und sein Wirtschaftsinstitut die Erkl\u00e4rung schuldig. Mit dem Faktor sieben kamen dann 90.000 offene Stellen in dem Bereich f\u00fcr das Jahr 2014 heraus.<\/p>\n<p>Zur gleichen Zeit waren rund 22.000 IngenieurInnen erwerbslos.4 Die erwerbslosen IngenieurInnen wurden nun aber nicht mit sieben oder irgendeinem anderen Faktor multipliziert, weshalb solch eine gro\u00dfe L\u00fccke zwischen den beiden Zahlen entsteht. Diese L\u00fccke macht keinen Sinn, wird aber in Pressemitteilungen gedruckt und bei Konferenzen verwendet und findet damit ihren Weg in Zeitungen und Medien.<\/p>\n<p>So entsteht der Eindruck eines Fachkr\u00e4ftemangels, der eigentlich gar kein richtiger Mangel ist. Dass es nicht ganz so einfach sein kann, wird auch daran deutlich, wenn man die hohe Zahl von Erwerbslosen (offiziell 2,8 Millionen, inoffiziell 3,5 Millionen) und Unterbesch\u00e4ftigten (2008 waren das \u00fcber zwei Millionen) mit der vergleichsweise niedrigen Zahl an offenen Stellen (circa 600.000) kontrastiert.<\/p>\n<h4>Was dahinter steckt<\/h4>\n<p>Wenn es also keinen so allumfassenden Fachkr\u00e4ftemangel gibt, stellt sich nun aber die Frage, wieso Unternehmen und ihre Lobbyverb\u00e4nde dann so vehement darauf pochen. Die Antwort ist denkbar simpel: Trotz massiver Gewinne und Profite im Krisenzeitraum sind ihnen das allgemeine Lohnniveau und die Kosten pro erwerbst\u00e4tiger Person an sich zu hoch. Das zeigt sich am Anwerben von Nicht-EU-Fachkr\u00e4fte durch die Bundesregierung. Die Resonanz auf die oben genannte Bluecard war denkbar schlecht (bis Ende 2013 wurde sie nur von ungef\u00e4hr 7000 Menschen in Anspruch genommen5). Nun wurde die Untergrenze des Jahresgehalts von 66.000 Euro auf 47.600 Euro gesenkt, f\u00fcr IngenieurInnen sogar auf 32.000 Euro.6 Von Gewerkschaftsseite aus wurde dieser Schritt als \u201eEinladung zum Lohndumping\u201c kritisiert.7 Als w\u00e4re die deutlich schlechtere Bezahlung an sich schon nicht schlimm genug, benutzen Unternehmen angeworbene Fachkr\u00e4fte, um Druck auf die L\u00f6hne von bereits hier lebenden Menschen zu machen. So legen diese, bewusst oder unbewusst, Grundlagen f\u00fcr rassistische Hetze und Spaltung.<\/p>\n<h4>Ausbildung<\/h4>\n<p>Auch Ausbildung und Anlernen von Neueingestellten ist deutschen Unternehmen zu teuer. Auch und gerade hier zeigt sich Deutschlands Rolle innerhalb Europas: Begonnen mit der Agenda 2010 und den darauffolgenden Bildungs\u201creformen\u201c gibt es in der Ausbildung Turboabitur und Ausrichtung auf Wirtschaftsinteressen und sp\u00e4ter auf dem Arbeitsmarkt Praktika, befristete Stellen und den allgemeinen Trend zur Prekarisierung von neu eingestellten Besch\u00e4ftigten. Nat\u00fcrlich sollen auch MigrantInnen dieser Logik folgen und nach der Anwerbung aus S\u00fcdeuropa erstmal hier ein Praktikum machen. Die deutsche Wirtschaft ist nicht bereit, Menschen eine gute Ausbildung zukommen lassen, wohl aber bereit, Menschen andernorts gut ausbilden zu lassen (weil sie das nichts kostet) und sie dann hier bei schlechter Bezahlung einzustellen.<\/p>\n<h4>Wirklicher Fachkr\u00e4ftemangel<\/h4>\n<p>Wie die ARD-Reportage aber auch gut zeigt, gibt es nat\u00fcrlich Bereiche, in denen ein realer Fachkr\u00e4ftemangel herrscht. So gibt es beispielsweise durch die Deindustrialisierung und dem damit verbundenen Fortzug von Menschen teilweise tats\u00e4chlich Betriebe in Ostdeutschland, die nicht die n\u00f6tigen BewerberInnen f\u00fcr ihre Stellen finden k\u00f6nnen.8 Auch gibt es bestimmte Bereiche, in denen es f\u00fcr viele momentan nicht attraktiv ist, zu arbeiten. Die Gewerkschaft ver.di hat ja korrekterweise darauf hingewiesen, dass in der Pflege bundesweit ca. 162.000 mehr besetzte Stellen n\u00f6tig w\u00e4ren, um die KollegInnen zu entlasten und PatientInnen angemessen zu versorgen.9 Innerhalb der Pflege wiederum ist die Alterspflege besonders betroffen, da hier die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen nochmal vergleichsweise schlechter sind. Auch diese Probleme sind \u201ehausgemacht\u201c: Eine attraktive Ausbildung, vor allem aber eine gute Bezahlung und deutlich verbesserte Arbeitsbedingungen w\u00fcrden den Bereich attraktiver machen f\u00fcr viele junge Menschen, die dem bitteren Personalmangel entgegenwirken k\u00f6nnten. Ebenso unter den \u00c4rztinnen und \u00c4rzten gibt es Fachkr\u00e4ftemangel und hier ist er ebenso wieder hausgemacht: Das deutsche Bildungssystem verwehrt vielen interessierten Studierenden den Zugang zum Medizin-Studium, da dieses mit den h\u00f6chsten Numerus Clausus hat.<\/p>\n<h4>Weniger schlimm, als er klingt: Demographischer Wandel<\/h4>\n<p>Wie verh\u00e4lt es sich mit dem sogenannten demographischen Wandel? Dieser besagt, dass sich die Altersstruktur der Gesellschaft in den n\u00e4chsten Jahrzehnten \u00e4ndern wird und wird deshalb oft zusammen mit Fachkr\u00e4fte- bzw. Arbeitskr\u00e4ftemangel diskutiert, aus dem Grund, dass eine \u00fcberalterte Gesellschaft anteilig mehr RentnerInnen und weniger ArbeiterInnen haben wird. Auch diese Debatte ist nicht neu. Schon in den 80ern wurde gewarnt, dass die Jugend ausstirbt, eine Prognose, die regelm\u00e4\u00dfig neu wieder gekaut wird. Mit viel Dramatik wird dann erkl\u00e4rt, dass dringende Reformen notwendig seien, oder eine unausweichliche Katastrophe f\u00fcr das Rentensystem und die Gesellschaft an sich drohen. H\u00e4ufig mischen sich solche Statements dann mit viel unterschwelliger Werbung f\u00fcr die private Rentenversicherung, aber das soll hier nicht das Thema sein.10 Schaut man sich die Zahlen dann mal konkret an, wird klar, dass f\u00fcr den Bereich der Jugend der krasse demographische Wandel bereits hinter uns liegt: Der Anteil von Menschen unter 20 ist zwischen 1980 und 2000 deutlich st\u00e4rker zur\u00fcckgegangen, als f\u00fcr die kommenden Jahre prognostiziert wird.<\/p>\n<p>Es ist eigentlich nicht weiter verwunderlich, dass es demographischen Wandel schon l\u00e4nger gibt, weil sich die Menschheit weiterentwickelt hat und sie durch wissenschaftlichen und technischen Fortschritt immer l\u00e4nger lebt. Auch einschneidende Ereignisse im letzten Jahrhundert wie der erste Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise Anfang der 30er Jahre und Faschismus und Zweiter Weltkrieg haben die Demographie in der Bev\u00f6lkerung schlagartig und stark ver\u00e4ndert.<\/p>\n<figure id=\"attachment_32142\" aria-describedby=\"caption-attachment-32142\" style=\"width: 473px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Statistik.png\" rel=\"attachment wp-att-32142\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-32142\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Statistik-473x347.png\" alt=\"Grafik des Bundesinstituts f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsforschung von\u00a02013\" width=\"473\" height=\"347\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Statistik-473x347.png 473w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Statistik-236x173.png 236w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Statistik.png 538w\" sizes=\"(max-width: 473px) 100vw, 473px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-32142\" class=\"wp-caption-text\">Grafik des Bundesinstituts f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsforschung von\u00a02013<\/figcaption><\/figure>\n<p>Was jedoch stark verwundert: Die Grafik macht Vorhersagen f\u00fcr 45 Jahre in die Zukunft. Vergleichen wir das retrospektiv, m\u00fcssten StatistikerInnen und SoziologInnen im Jahr 1970 konkrete Aussagen \u00fcber das Zusammenleben unserer Gesellschaft heute gemacht haben. Diese Personen h\u00e4tten die Entwicklung und Verbreitung von Heimcomputern, des Internets, der Automatisierung der Arbeitswelt usw. vorhersagen und miteinbeziehen m\u00fcssen \u2013 vergleichsweise schwer. Sie h\u00e4tten ebenso den Zusammenbruch der stalinistischen Staaten vorhersagen m\u00fcssen und die gro\u00dfen Auswirkungen auf Geburtenrate und Migration, die er hatte. Auch Kriege und Umweltzerst\u00f6rung als Ursachen f\u00fcr Wanderungsbewegungen h\u00e4tten vorhergesagt werden m\u00fcssen. Eben das aber geben Menschen vor zu wissen, wenn sie solche Grafiken erstellen.11 Dementsprechend gering ist Aussage- und Vorhersagekraft dieser und \u00e4hnlicher Grafiken.<\/p>\n<p>Die Rohdaten stammen aus Zahlen des statistischen Bundesamts, welches diese regelm\u00e4\u00dfig ver\u00f6ffentlicht. Die j\u00fcngste Ver\u00f6ffentlichung mit der Bev\u00f6lkerungsvorausberechnung f\u00fcr das Jahr 2060 liegt der eben diskutierten Grafik zu Grunde12. An diesen Zahlen findet der Statistik-Professor Gerd Bosbach weitere Kritik: In die Ver\u00f6ffentlichung sind nur zwei von acht m\u00f6glichen Entwicklungsszenarien eingeflossen, n\u00e4mlich diese mit einer j\u00e4hrlichen Zuwanderung von 100.000 und 200.000 Menschen. Er schreibt korrekterweise: \u201eVon 1991 bis 2013 betrug der durchschnittliche Zuwanderungssaldo 232.633 !!! Bei angeblichem gro\u00dfen Arbeitskr\u00e4ftemangel in der Zukunft h\u00e4tte man auch die gerechneten Ergebnisse mit h\u00f6herer Zuwanderung (300.000) der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentieren k\u00f6nnen.\u201c13 Das macht aber auch deutlich, dass alle ernsthaften Untersuchungen eine Zuwanderung als gesellschaftlich notwendig betrachten, um den Folgen des demographischen Wandels der einheimischen Bev\u00f6lkerung zu begegnen.<\/p>\n<h4>Produktivit\u00e4t ist gestiegen<\/h4>\n<p>Bei all dem wird aber das entscheidendste in der Debatte um den demographischen Wandel h\u00e4ufig \u00fcbersehen: In derselben Zeit, in der unsere Gesellschaft altert, steigt auch die Produktivit\u00e4t. Laut Statistischem Bundesamt ist die Produktivit\u00e4t pro einzelnen Erwerbst\u00e4tigen zwischen 1991 und 2011 um 22,7 Prozent gestiegen.<\/p>\n<p>Die Produktivit\u00e4t pro einzelner Erwerbst\u00e4tigenstunde, also wie viel eine einzelne arbeitende Person pro Stunde produziert, ist im selben Zeitraum sogar um 34,8 Prozent gestiegen.14 Es w\u00e4re also auch in Zukunft m\u00f6glich, in einer alternden Gesellschaft den Lebensstandard aufrecht zu erhalten bzw. zu steigern, weil mit weniger Arbeitskr\u00e4ften und in weniger Arbeitszeit gleich viel bzw. mehr produziert werden kann. Gerade die momentane Tendenz zur Automatisierung, zur Robotisierung und zur Fernsteuerung mit Hilfe des Internets bietet Potenzial f\u00fcr enorme Produktivit\u00e4tssteigerungen. Das Dilemma im Kapitalismus ist dann nun aber leider, dass diese Entwicklung nicht dazu f\u00fchren wird, dass die vorhandene, weniger werdende Arbeit auf alle aufgeteilt wird, sondern dass die T\u00e4tigkeiten von mehr und mehr Menschen durch Roboter ersetzt werden. Da es auch kein Interesse im Kapitalismus gibt, alle Menschen mit guter Arbeit zu versorgen und den erwirtschafteten Reichtum unter anderem f\u00fcr ausk\u00f6mmliche Renten einzusetzen, kann sich der demographische Wandel \u00fcberhaupt erst als Schreckensszenario entfalten.<\/p>\n<p>Die Kapitalisten haben auch selber Sorgen hinsichtlich dieser Entwicklung und bef\u00fcrchten, dass es zu einem Arbeitskr\u00e4ftemangel kommen k\u00f6nnte, der ihre Profitaussichten schm\u00e4lert. Auch deshalb bef\u00fcrworten sie eine begrenzte Zuwanderung. Das macht sie aber weder zu Antirassisten, noch werden sie nicht trotzdem versuchen, MigrantInnen als Lohndr\u00fcckerInnen zu missbrauchen.<\/p>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich \u00fcber den demographischen Wandel also festhalten, dass er schon l\u00e4nger passiert und nicht zum Zusammenbruch der Rentenversicherung gef\u00fchrt hat. Mit Zukunftsprognosen sollte allerdings vorsichtig umgegangen werden und kritisch gepr\u00fcft werden, ob diese \u00fcberhaupt Sinn ergeben. Als SozialistInnen wissen wir zudem um die Instabilit\u00e4t und Krisenhaftigkeit des Kapitalismus und so entstehenden pl\u00f6tzlichen Ver\u00e4nderungen in der objektiven Lage. All das ist nicht f\u00fcr 45 Jahre im Voraus absehbar.<\/p>\n<h4>Gegen Spaltung und Rassismus<\/h4>\n<p>Bei beiden Themenfeldern muss zentral f\u00fcr SozialistInnen sein, dass sich die Arbeiterklasse nicht spalten l\u00e4sst, nicht in \u201egute\u201c und \u201eschlechte\u201c Gefl\u00fcchteten, nicht in MigrantInnen auf der einen und NichtmigrantInnen auf der anderen Seite. Gerade auf potentielles Lohndumping mit ausl\u00e4ndischen Fachkr\u00e4ften darf nicht Rassismus, sondern muss Solidarit\u00e4t die Antwort sein. Denn es zeigt sich ja, dass wir mit denselben Problemen zu k\u00e4mpfen haben, egal ob Deutsche oder Nichtdeutsche: Berufsanf\u00e4ngerInnen sollen mit Praktika und befristeten Stellen abgespeist werden, L\u00f6hne sollen f\u00fcr alle gleicherma\u00dfen gedr\u00fcckt werden. Auf gemeinsame Probleme muss eine gemeinsame, vereinte Gegenwehr erfolgen.<\/p>\n<p>Denn eins ist klar: Arbeit ist genug f\u00fcr alle da. Wenn die gesellschaftlich anfallende Arbeit auch auf die gesamte Gesellschaft verteilt werden, und alle k\u00f6nnten weniger und entspannter arbeiten. Innerhalb des Kapitalismus ist das nat\u00fcrlich nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Ein Grund mehr also, f\u00fcr eine sozialistische, demokratische Gesellschaft zu k\u00e4mpfen, in der nicht mehr der Profit weniger, sondern die Bed\u00fcrfnisse aller im Zentrum stehen.<\/p>\n<p>David Redelberger ist Mitglied im Kreisvorstand der LINKEN Kassel und des SAV-Bundesvorstands.<br \/>\n1 https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Greencard_(Deutschland)<br \/>\n2 https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Blaue_Karte_EU<br \/>\n3 Bremer, U. (2014). Die Story im Ersten: Der Arbeitsmarktreport &#8211; das M\u00e4rchen vom Fachkr\u00e4ftemangel<br \/>\n4 ebenda<br \/>\n5 http:\/\/www.heise.de\/newsticker\/meldung\/BA-Chef-Weise-Nur-7000-Zuwanderer-mit-Blue-Card-2073163.html<br \/>\n6 Bremer, U. (2014). Die Story im Ersten: Der Arbeitsmarktreport &#8211; das M\u00e4rchen vom Fachkr\u00e4ftemangel<br \/>\n7 http:\/\/www.spiegel.de\/karriere\/ausland\/it-fachkraefte-blue-card-lockt-kaum-spezialisten-aus-indien-an-a-832090.html<br \/>\n8 Bremer, U. (2014). Die Story im Ersten: Der Arbeitsmarktreport &#8211; das M\u00e4rchen vom Fachkr\u00e4ftemangel<br \/>\n9 https:\/\/gesundheit-soziales.verdi.de\/branchen\/krankenhaeuser\/++co++98f9a426-ce25-11e4-9093-52540059119e<br \/>\n10 Diese und \u00e4hnliche Prognosen wurden sehr gut auseinandergenommen von Gerd Bosbach und Jens J\u00fcrgen Korff in ihrem Buch L\u00fcgen mit Zahlen. (2011) HEYNE Verlag, M\u00fcnchen, 5. Auflage.<br \/>\n11 Bosbach, G., Korff, J. J., (2011). L\u00fcgen mit Zahlen. HEYNE Verlag, M\u00fcnchen, 5. Auflage.<br \/>\n12 Pressemitteilung Nr. 153 des Statistischen Bundesamts vom 28. April 2015<br \/>\n13 http:\/\/www.luegen-mit-zahlen.de\/blog\/neue-bevoelkerungsvorausberechnung-des-statistischen-bundesamtes<br \/>\n14 Pressemitteilung Nr.\u00a0149 des Statistischen Bundesamts vom\u00a030.04.2012<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fachkr\u00e4ftemangel, demographischer Wandel und was dahinter steckt<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":24063,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[78,112],"tags":[744],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/31665"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=31665"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/31665\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32143,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/31665\/revisions\/32143"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/24063"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=31665"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=31665"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=31665"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}