{"id":31663,"date":"2015-01-16T12:11:16","date_gmt":"2015-01-16T11:11:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=31663"},"modified":"2015-12-16T12:13:09","modified_gmt":"2015-12-16T11:13:09","slug":"von-privilegien-und-rucksaecken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2015\/01\/von-privilegien-und-rucksaecken\/","title":{"rendered":"Von Privilegien und Rucks\u00e4cken"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eIdentity politics\u201c und der Kampf gegen Unterdr\u00fcckung<\/strong><\/p>\n<p>Auf der Suche nach einem Weg, Diskriminierung und Unterdr\u00fcckung zu bek\u00e4mpfen, besch\u00e4ftigen sich vor allem viele Jugendliche mit Identity politics. Dies kann einen wichtigen ersten Schritt in der Entwicklung von sozialistischem Bewusstsein darstellen \u2013 wenn es zu einem Verst\u00e4ndnis des Klassencharakters der kapitalistischen Gesellschaft und zur Einsicht in die Notwendigkeit f\u00fcr gemeinsame Massenk\u00e4mpfe f\u00fchrt.<\/p>\n<p><em>von Hannah Sell<\/em><\/p>\n<p>In den letzten Jahren wuchs die Unterst\u00fctzung f\u00fcr das, was im weitesten Sinne als \u201eIdentity politics\u201c bezeichnet wird, vor allem unter jungen Menschen, die berechtigterweise durch ihre Erfahrungen mit Sexismus, Rassismus, Homophobie, Vorurteilen gegen\u00fcber Menschen mit Behinderung und andere Formen der Unterdr\u00fcckung ver\u00e4rgert sind und sich dadurch radikalisieren. Identity politics sind gewisserma\u00dfen ein zwangsl\u00e4ufiger Bestandteil des politischen Erwachens vieler Angeh\u00f6riger unterdr\u00fcckter gesellschaftlicher Gruppen. Die Erkenntnis, dass man unterdr\u00fcckt wird und dagegen gemeinsam mit anderen k\u00e4mpfen kann, die von derselben Unterdr\u00fcckung betroffen sind, ist ein entscheidender erster Schritt.<\/p>\n<p>Allerdings zeigt die Geschichte des Kampfes gegen Unterdr\u00fcckung, dass diejenigen, die daran teilnehmen, auf der Basis ihrer Erfahrungen \u00fcber Identity politics hinausgehen, sobald sie erkennen, dass die Wurzel ihrer Unterdr\u00fcckung in der Struktur der Gesellschaft liegt. So wurde der H\u00f6hepunkt der riesigen Bewegung gegen Rassismus in den USA in den 1950ern und 1960ern von den Black Panthers erreicht, die 1966 auf der Grundlage einer gro\u00dfen Idee gegr\u00fcndet wurden: \u201eWir bek\u00e4mpfen nicht Rassismus mit Rassismus. Wir bek\u00e4mpfen Rassismus mit Solidarit\u00e4t. Wir bek\u00e4mpfen den ausbeuterischen Kapitalismus nicht mit \u201aschwarzem\u2018 Kapitalismus. Wir bek\u00e4mpfen Kapitalismus mit Sozialismus.\u201c<\/p>\n<p>Heute sind sowohl die #BlackLivesMatter-Rebellion als auch die Bewegung f\u00fcr einen Mindestlohn von 15 Dollar pro Stunde die ersten Stufen einer neuen Massenerhebung gegen Armut und Rassismus in den USA. Allerdings haben der weltweite R\u00fcckgang des Bewusstseins in den Jahrzehnten nach dem Zusammenbruch des Stalinismus in den 1980ern und der damit einhergehende kapitalistische Triumphzug dazu gef\u00fchrt, dass diese neuen Bewegungen nicht dort weitermachen, wo die Black Panthers aufgeh\u00f6rt haben: bei einer sozialistischen Perspektive. Trotzdem w\u00e4chst die antikapitalistische Stimmung unter jungen Menschen in den USA, was einen ersten Schritt hin zu sozialistischen Schlussfolgerungen darstellt.<\/p>\n<p>Gleichzeitig sind Identity politics der politische Ausgangspunkt f\u00fcr viele AktivistInnen. W\u00e4hrend sie von denjenigen, die in Bewegungen aktiv sind, als Mittel zur Gegenwehr betrachtet werden, beschr\u00e4nkt sich die von den Universit\u00e4ten ausgehende und in den letzten Jahrzehnten vorherrschende Form von Identity politics \u00fcberwiegend darauf, \u00fcber pers\u00f6nliche Unterdr\u00fcckungserfahrungen zu diskutieren, anstatt Wege zu finden, Unterdr\u00fcckung zu beenden.<\/p>\n<p>Das betrifft all die Str\u00f6mungen von Identity politics, die in den letzten Jahren bekannt wurden, wie Intersektionalit\u00e4t und Privilege theory. In Gro\u00dfbritannien sind diese Konzepte in der breiteren Gesellschaft wenig bekannt, gelten aber beispielsweise in universit\u00e4ren feministischen Gruppen als allgemein anerkannt. VertreterInnen der Intersektionalit\u00e4t gehen davon aus, dass sich verschiedene Unterdr\u00fcckungsweisen \u00fcberschneiden (engl. intersection = \u00dcberschneidung). Das tun sie tats\u00e4chlich: Beispielsweise wird eine schwarze Frau aus der Arbeiterklasse dreifach unterdr\u00fcckt. Aber VertreterInnen der Intersektionalit\u00e4t sehen ihre Aufgabe h\u00e4ufig eher darin, Unterdr\u00fcckung zu katalogisieren und zu bestimmen als sie abzuschaffen.<\/p>\n<p>Anh\u00e4ngerInnen der Privilege theory sind daf\u00fcr bekannt, Leute in (h\u00e4ufig Online-) Diskussionen aufzufordern, ihre \u201ePrivilegien zu hinterfragen\u201c. Peggy McIntosh, die Begr\u00fcnderin der Privilege theory, argumentierte, dass beispielsweise ein wei\u00dfer, heterosexueller Mann aus der Oberschicht einen \u201eunsichtbaren Rucksack\u201c voller unverdienter Privilegien mit sich herumtrage. Ihre Argumentation geht davon aus, dass Macht nicht in den H\u00e4nden einer gesellschaftlichen Klasse oder im Staat konzentriert, sondern \u00fcber die ganze Gesellschaft verteilt sei, und demzufolge in allen sozialen und zwischenmenschlichen Beziehungen bestehe. Die Privilege theory betrachtet jedes Individuum als Teil vielf\u00e4ltiger unterdr\u00fcckerischer Beziehungen. Sie beschr\u00e4nkt sich \u00fcberwiegend auf Ermahnungen an Individuen, sich zu ver\u00e4ndern und ihre Privilegien zu hinterfragen.<\/p>\n<p>Allerdings ist es nicht m\u00f6glich, Unterdr\u00fcckung oder Privilegien auszumerzen, indem lediglich Individuen dazu aufgerufen werden, ihr Verhalten zu \u00e4ndern. Vielmehr ist es so, dass in den letzten Jahrzehnten in vielen L\u00e4ndern gro\u00dfe Fortschritte bei den gesellschaftlichen Einstellungen zu verschiedenen Unterdr\u00fcckungsformen stattfanden, dass diese Fortschritte aber nicht zur Beendigung der jeweiligen Unterdr\u00fcckung gef\u00fchrt haben.<\/p>\n<h4>Die Wurzeln von Rassismus<\/h4>\n<p>So sind beispielsweise in Gro\u00dfbritannien noch gewisse rassistische Vorurteile verbreitet, w\u00e4hrend plumpe rassistische Ideen weit weniger gesellschaftlich akzeptiert sind als vor drei\u00dfig Jahren. Dies hat verschiedene Gr\u00fcnde \u2013 in erster Linie die Entschlossenheit und das gestiegene Selbstbewusstsein, mit denen schwarze und asiatische Menschen gegen Diskriminierung und Rassismus k\u00e4mpfen. Ein weiterer wichtiger Faktor war die breite Einbindung schwarzer und asiatischer ArbeiterInnen in den Gewerkschaften in gemeinsame K\u00e4mpfe mit wei\u00dfen ArbeiterInnen. Diese beiden Faktoren haben unter einem gro\u00dfen Teil der wei\u00dfen Bev\u00f6lkerung, und vor allem unter Jugendlichen, das Gef\u00fchl bef\u00f6rdert, dass Rassismus falsch ist und bek\u00e4mpft werden muss.<\/p>\n<p>Trotzdem ist Rassismus weiterhin tief in der britischen Gesellschaft verwurzelt. Es ist f\u00fcr Schwarze und AsiatInnen bis zu 28 mal wahrscheinlicher, von der Polizei kontrolliert zu werden. Trotz einer Ver\u00e4nderung der gesellschaftlichen Einstellungen haben sich die Lohnunterschiede zwischen wei\u00dfen ArbeiterInnen und ArbeiterInnen aus ethnischen Minderheiten in den letzten Jahren vergr\u00f6\u00dfert. Mehr als die H\u00e4lfte junger schwarzer M\u00e4nner ist arbeitslos, womit unter ihnen der Arbeitslosenanteil mehr als doppelt so hoch ist wie unter jungen wei\u00dfen M\u00e4nnern.<\/p>\n<p>In den USA ist die Situation noch krasser. W\u00e4hrend es weiterhin tief verwurzelten Rassismus gibt, gab es zwar auch dort Fortschritte bei den gesellschaftlichen Einstellungen. Au\u00dferdem haben sich dort eine schwarze Mittelschicht und sogar eine kleine schwarze Elite entwickelt. Diese beiden Prozesse spiegelten sich in der Wahl eines Schwarzen zum US-Pr\u00e4sidenten wider. Aber trotzdem geh\u00f6rt die riesige Mehrheit der schwarzen Bev\u00f6lkerung zu den \u00c4rmsten und am meisten Unterdr\u00fcckten in der Gesellschaft und ist von gewaltsamer staatlicher Repression betroffen. Allein in der ersten H\u00e4lfte des Jahres 2015 wurden 135 AfroamerikanerInnen von der Polizei get\u00f6tet.<\/p>\n<p>Rassismus speist sich nicht blo\u00df aus individuellen Vorurteilen, sondern hat auch eine viel grundlegendere Ursache: die historisch entstandene Natur des Kapitalismus. Malcolm X sagte richtigerweise: \u201eEs gibt keinen Kapitalismus ohne Rassismus.\u201c Karl Marx sagte, das Kapital kam \u201eaus allen Poren blut- und schmutztriefend\u201c auf die Welt (Das Kapital, Bd. I, Kapitel 24). Hierbei bezog er sich insbesondere auf die Rolle der neuzeitlichen Sklaverei bei der urspr\u00fcnglichen Akkumulation des Kapitals. Mit dieser Sklaverei entwickelten sich alle m\u00f6glichen pseudo-wissenschaftlichen Rassentheorien, um die Versklavung der afrikanischen V\u00f6lker zu begr\u00fcnden. Danach wurden rassistische Ideen aufgegriffen, um die koloniale Ausbeutung gro\u00dfer Teile der Welt zu rechtfertigen. Der Kapitalismus war im 20. Jahrhundert wegen der gewaltigen revolution\u00e4ren antikolonialen Bewegungen gezwungen, die direkte Kolonialherrschaft abzuschaffen. Trotzdem ist die wirtschaftliche Ausbeutung heute brutaler als je zuvor, denn vor 250 Jahren betrug das Verh\u00e4ltnis zwischen den reichsten und den \u00e4rmsten L\u00e4ndern etwa 5:1 \u2013 w\u00e4hrend es heute 400:1 betr\u00e4gt. Rassismus wird zur Rechtfertigung daf\u00fcr genutzt, dass es diese riesige Kluft gibt und schwarze ArbeiterInnen selbst in den \u201ereichen\u201c L\u00e4ndern zu den \u00e4rmsten und am meisten unterdr\u00fcckten Teilen der Arbeiterklasse geh\u00f6ren.<\/p>\n<h4>Unterdr\u00fcckung von Frauen<\/h4>\n<p>\u00c4hnlich wird \u2013 insbesondere in den wirtschaftlich stark entwickelten kapitalistischen L\u00e4ndern \u2013 offener Sexismus nicht mehr auf die selbe Weise akzeptiert wie in der Vergangenheit. In den letzten Jahrzehnten haben Frauen mehr Rechte errungen. Dazu haben mehrere Faktoren gef\u00fchrt, nicht zuletzt die Entwicklung verbesserter und leicht erh\u00e4ltlicher Verh\u00fctungsmittel. Und vor allem k\u00f6nnen viele Errungenschaften auf das gestiegene Selbstbewusstsein von Frauen zur\u00fcckgef\u00fchrt werden, von denen immer mehr einer Lohnarbeit nachgehen, anstatt zu Hause isoliert zu sein.<\/p>\n<p>Nichtsdestoweniger werden Frauen auch weiterhin unterdr\u00fcckt. Diese Unterdr\u00fcckung liegt nicht so sehr in den Einstellungen der M\u00e4nner begr\u00fcndet, sondern vielmehr in der Rolle von Frauen in der kapitalistischen Gesellschaft und fr\u00fcheren Klassengesellschaften. Die meisten Menschen verstehen unter \u201eFamilie\u201c ihre Angeh\u00f6rigen und Verwandten. Aber aus einer historischen Perspektive kann die Familie als eine Institution betrachtet werden, die in Klassengesellschaften soziale Kontrolle aus\u00fcbt, indem dem Vater als \u201eHaushaltsvorstand\u201c die Verantwortung \u00fcbertragen wird, Frau und Kinder zu disziplinieren. Dieses Konzept wurde in der Neuzeit durch das gestiegene Selbstbewusstsein von Frauen geschw\u00e4cht, wurde aber noch lange nicht beseitigt. Weiterhin bleibt die Idee tief verwurzelt, Frauen seien das Eigentum von M\u00e4nnern und m\u00fcssten ihrem Partner treu und gehorsam sein \u2013 und Gewalt und Zwang seien angemessene Mittel f\u00fcr M\u00e4nner, dies sowohl gegen\u00fcber \u201eihren\u201c Frauen als auch \u201eihren\u201c Kindern durchzusetzen.<\/p>\n<p>Heutzutage wird es nicht mehr gesellschaftlich akzeptiert, Frauen offen als Eigentum von M\u00e4nnern zu bezeichnen \u2013 aber bis vor relativ kurzer Zeit waren diese Ansichten in der Gesetzgebung verankert. Vergewaltigung in der Ehe wurde in Gro\u00dfbritannien erst 1991 verboten, in Spanien 1992 und in Deutschland 1997. Obwohl sie nicht mehr rechtlich oder \u00f6ffentlich akzeptiert wird, ist Vergewaltigung in der Ehe immer noch weit verbreitet und wird nur selten bestraft. Es wird davon ausgegangen, dass in Gro\u00dfbritannien nur 15 Prozent aller Vergewaltigungen bei der Polizei angezeigt werden und dass es nur bei sieben Prozent der angezeigten Vergewaltigungen zu einer Verurteilung kommt. Laut UN wurde 2012 fast die H\u00e4lfte aller weltweit ermordeten Frauen von Partnern oder Familienmitgliedern umgebracht. Hingegen wurden nur sechs Prozent aller Morde an M\u00e4nnern von Partnern oder Familienmitgliedern begangen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig tragen Frauen weiterhin die Hauptlast der Haushaltst\u00e4tigkeiten, obwohl immer mehr von ihnen zus\u00e4tzlich arbeiten gehen. H\u00e4ufig sind Frauen weiterhin, wie es der russische Revolution\u00e4r Leo Trotzki ausdr\u00fcckte, \u201eSklavinnen von Sklaven\u201c. Beispielsweise erkennen Studien zufolge in Gro\u00dfbritannien die meisten M\u00e4nner an, dass sie genauso viel Hausarbeit wie Frauen machen sollten, aber es gibt einen erheblichen Unterschied zwischen Anspruch und Realit\u00e4t: Einer Umfrage zufolge verrichten Frauen durchschnittlich 17 Stunden Hausarbeit pro Woche (Kinderbetreuung nicht mit eingerechnet), w\u00e4hrend M\u00e4nner weniger als sechs Stunden verrichten.<\/p>\n<p>Insofern ist es wahr, dass M\u00e4nner aus dem Umstand, dass Frauen einen unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig hohen Anteil an der Hausarbeit auf ihren Schultern tragen, einen gewissen Nutzen ziehen, weil sie dadurch einige Stunden mehr Freizeit haben. Aber Den Hauptnutzen daraus ziehen die Kapitalisten: Indem sie die Belastungen der Hausarbeit, des Gro\u00dfziehens der n\u00e4chsten Generation (aus der sich die Arbeitskraft der Zukunft speist) und der Pflege der Kranken und Alten auf die Frauen abw\u00e4lzen, entziehen sie sich der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung.<\/p>\n<h4>Machtkonzentration bei der Kapitalistenklasse<\/h4>\n<p>Zu behaupten, dass die Macht nicht in den H\u00e4nden einer Klasse konzentriert ist, bedeutet, das Wesen des Kapitalismus grundlegend falsch zu verstehen. Heute sind Reichtum und Macht in weniger H\u00e4nden \u2013 den H\u00e4nden der Eigent\u00fcmer der gro\u00dfen Banken und Konzerne \u2013 konzentriert als zu Marx\u2018 Zeiten. Laut Oxfam verf\u00fcgen die 85 reichsten Menschen der Erde \u2013 so viele, wie in einen Doppeldeckerbus passen \u2013 \u00fcber so viel Verm\u00f6gen wie die \u00e4rmere H\u00e4lfte der Weltbev\u00f6lkerung. Unter diesen 85 reichsten Menschen befinden sich f\u00fcnf Frauen und ein Afrikaner, w\u00e4hrend wei\u00dfe M\u00e4nner \u00fcberwiegen. Ihre gesellschaftliche Rolle ist jedenfalls nicht auf ihre Hautfarbe oder ihr Geschlecht zur\u00fcckzuf\u00fchren, sondern darauf, dass sie Teil einer kleinen superreichen herrschenden Elite sind.<\/p>\n<p>Die 100 gr\u00f6\u00dften Unternehmen der Erde kontrollieren heute 70 Prozent des Welthandels. Selbst wenn in ihren Vorst\u00e4nden mehr Schwarze oder Frauen vertreten w\u00e4ren, w\u00fcrde es keinerlei materiellen Unterschied f\u00fcr die Ausbeutung machen, unter der die Arbeiterklasse und die Armen weltweit leiden, darunter nicht zuletzt schwarze Frauen. Schauen wir nach S\u00fcdafrika, so sehen wir, dass die Eingliederung einer kleinen Minderheit der Schwarzen in die Kapitalistenklasse keinen Unterschied in der schrecklichen Armut gemacht hat, unter der die Mehrheit der Menschen dort leidet. Und der Kapitalismus erweist sich zunehmend als unf\u00e4hig, die Gesellschaft weiterzuentwickeln. Viele Rechte, die von bisherigen Generationen in Europa teilweise als selbstverst\u00e4ndlich betrachtet wurden, wie relativ sichere Arbeitspl\u00e4tze, Wohnungen und Renten, geh\u00f6ren inzwischen der Vergangenheit an.<\/p>\n<p>Zu sagen, dass die sozialen Beziehungen in der modernen Gesellschaft kapitalistische Beziehungen sind, ist kein \u201ewirtschaftsdeterministischer\u201c Blick auf die Gesellschaft, der davon ausgehen w\u00fcrde, dass jeder Aspekt des gesellschaftlichen \u00dcberbaus \u2013 Staat, Politik, \u00f6ffentliche Meinung usw. \u2013 starr durch die wirtschaftliche Basis vorherbestimmt ist. Im Gegenteil besteht ein Wechselverh\u00e4ltnis zwischen Basis und \u00dcberbau. Denn Politik und gesellschaftliche Einstellungen spiegeln nicht nur den gegenw\u00e4rtigen Charakter des Kapitalismus wider, sondern auch \u00dcberreste der Vergangenheit und \u2013 insbesondere in Form von Massenk\u00e4mpfen der Arbeiterklasse und der Unterdr\u00fcckten \u2013 die Keime einer potenziellen besseren Zukunft. Aber trotzdem ist klar: Solange wir in einer kapitalistischen Gesellschaft leben, in der Reichtum und Macht bei der kleinen Elite liegen, die Industrie, Wirtschaft und Technologie besitzt und kontrolliert, wird der \u00dcberbau dieser Gesellschaft letzten Endes die Interessen dieser herrschenden Elite widerspiegeln und ihr dienen.<\/p>\n<p>Egal, wie h\u00e4ufig Menschen aufgefordert werden, ihre \u201ePrivilegien zu hinterfragen\u201c: Das wird nicht die gesellschaftlichen Einstellungen beseitigen, die vom Kapitalismus hervorgebracht und aufrechterhalten werden. Der Kapitalismus kann durch entschlossene Massenbewegungen bis zu einem gewissen Grad zur Anpassung gezwungen werden \u2013 so war es mit LGBT-Rechten (LGBT = engl. Abk\u00fcrzung f\u00fcr Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender, Ad\u00dc), Lohngleichheitsgesetzen und anderen Ma\u00dfnahmen \u2013 aber dauerhafter, tief verwurzelter Wandel, vor allem dort, wo er die Funktionsweise des Kapitalismus bedroht, kann ausschlie\u00dflich durch die sozialistische Ver\u00e4nderung der Gesellschaft erreicht werden.<\/p>\n<p>Die abschreckende b\u00fcrokratische Degeneration und schlie\u00dflich der Zusammenbruch der Sowjetunion haben verschleiert, welche Bedeutung die Russische Revolution spielte, uns einen fl\u00fcchtigen Blick darauf zu erm\u00f6glichen, was Sozialismus f\u00fcr die von Unterdr\u00fcckung Betroffenen bedeuten w\u00fcrde. In Russland f\u00fchrte 1917 die Arbeiterklasse eine Bewegung der Unterdr\u00fcckten an, die zum ersten und bisher einzigen Mal erfolgreich den Kapitalismus st\u00fcrzte. Russlands extreme Armut und die Isolation des neuen Arbeiterstaates f\u00fchrten zu der genannten Degeneration. Und trotzdem: In seiner Anfangszeit gab dieser Arbeiterstaat einen Blick darauf frei, wie eine neue Gesellschaft Unterdr\u00fcckung \u00fcberwinden kann, die seit Jahrtausenden bestand.<\/p>\n<p>Im \u201er\u00fcckst\u00e4ndigen\u201c Russland wurden in kurzer Zeit viele rechtliche \u00c4nderungen vorgenommen, die \u00fcber Jahrzehnte fortschrittlicher waren als in irgendeinem kapitalistischen Land. Diese umfassten universelles Wahlrecht, Zivilehe und Scheidungsm\u00f6glichkeit f\u00fcr beide Partner, gleiche Bezahlung, bezahlten Mutterschaftsurlaub, das Recht auf Abtreibung und die Legalisierung der Homosexualit\u00e4t. Unterdr\u00fcckte Nationalit\u00e4ten bekamen ein vollst\u00e4ndiges Selbstbestimmungsrecht. Es wurden Ma\u00dfnahmen zur F\u00f6rderung von Nationalit\u00e4ten und Kulturen unternommen, die unter dem Zarismus unterdr\u00fcckt worden waren, zum Beispiel die erstmalige Entwicklung von Schriften f\u00fcr einige Sprachen.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich beenden rechtliche oder formale Ma\u00dfnahmen alleine nicht die Unterdr\u00fcckung. So verdienen auch Jahrzehnte nach der Verabschiedung der Lohngleichheitsgesetze in Gro\u00dfbritannien Frauen j\u00e4hrlich im Durchschnitt 5000 Pfund weniger als M\u00e4nner. In Hinblick auf die Frauenunterdr\u00fcckung in der Sowjetunion erkl\u00e4rte Trotzki, dass die rechtliche Gleichheit ein Schritt vorw\u00e4rts war, aber die wirkliche Gleichheit in den sozialen Beziehungen einen viel \u201etiefergehenden Pflug\u201c br\u00e4uchte, der echte \u00f6konomische Gleichheit und die Wegnahme der h\u00e4uslichen Belastung von der Frau erm\u00f6glichen sowie die seit Jahrtausenden verwurzelten gesellschaftlichen Einstellungen ver\u00e4ndern w\u00fcrde. Eine gro\u00dfe Zahl an Ma\u00dfnahmen wurde direkt nach der Revolution ergriffen (z. B. kostenlose Kinderbetreuung, Gemeinschaftsk\u00fcchen und \u00f6ffentliche W\u00e4schereien), was einen Eindruck davon gab, wie das Joch der Hausarbeit abgeworfen werden k\u00f6nnte \u2013 obwohl die Ma\u00dfnahmen aufgrund der Degeneration der Sowjetunion nie vollst\u00e4ndig umgesetzt werden konnten. Das h\u00e4tte wiederum das Fundament f\u00fcr den Aufbau einer Gesellschaft legen k\u00f6nnen, die auf der Gleichheit von Mann und Frau basiert.<\/p>\n<p>Viele VertreterInnen der Intersektionalismus-Theorie legen ziemlich wenig Betonung auf Kampagnen f\u00fcr \u00f6konomische und praktische Ma\u00dfnahmen, um die Belastung von Frauen aufzuheben; stattdessen beschr\u00e4nken sie sich fast ausschlie\u00dflich auf gesellschaftliche Einstellungen und versuchen, unterdr\u00fcckungsfreie R\u00e4ume in der Gesellschaft aufzubauen. Dabei ist die Befreiung der Frauen davon, die Pflegerinnen, K\u00f6chinnen und Putzfrauen der Gesellschaft zu sein, eine wesentliche Voraussetzung f\u00fcr das Ende der Frauenunterdr\u00fcckung. Der Kapitalismus des 21. Jahrhunderts f\u00e4hrt jedoch genau in die Gegenrichtung: Austerit\u00e4t trifft Frauen schwer. Sie bedeutet gro\u00dfe K\u00fcrzungen bei \u00f6ffentlichen Angeboten, die wenigstens teilweise die Last erleichtert haben, die auf Frauen liegt. Die Parole der \u201egro\u00dfen Gesellschaft\u201c von David Cameron (konservativer Premierminister des Vereinigten K\u00f6nigreichs, Ad\u00dc) kann zusammengefasst werden als die Forderung an Frauen, die K\u00fcrzungen in den Bereichen Gesundheit, Kinderbetreuung und Altenpflege zu kompensieren, indem sie deren Aufgaben auf sich nehmen. Das zeigt deutlich, dass Errungenschaften, die von unterdr\u00fcckten Gesellschaftsgruppen erk\u00e4mpft wurden, im Kapitalismus niemals garantiert und dauerhaft sind. Das gilt \u00fcbrigens auch f\u00fcr die verheerenden, teilweise lebensbedrohlichen Folgen der Austerit\u00e4t f\u00fcr Menschen mit Behinderung.<\/p>\n<h4>Kampf gegen Vorurteile<\/h4>\n<p>Die Einsicht in die Notwendigkeit, grundlegende gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen zu erreichen, schm\u00e4lert keineswegs die Wichtigkeit, gegen unterdr\u00fcckerische und reaktion\u00e4re Ideen und Verhaltensweisen anzuk\u00e4mpfen, solange wir in dieser Gesellschaft leben \u2013 und das auch innerhalb der Arbeiterbewegung. Dies ist notwendigerweise ein permanenter Kampf. VertreterInnen der Intersektionalismus-Theorie fordern \u201egesch\u00fctzte R\u00e4ume\u201c mit keinerlei Toleranz f\u00fcr irgendetwas, das als unterdr\u00fcckerisch gelten k\u00f6nnte. Aber es ist utopisch, einen Schutzraum schaffen z uwollen, der abgeriegelt ist von der Gesellschaft, in der wir alle leben und die uns alle pr\u00e4gt. Sich abzukapseln, anstatt rauszugehen und eine Bewegung aufzubauen, die wirkliche Ver\u00e4nderungen erreichen kann, ist zum Scheitern verurteilt und f\u00fchrt zu Frustration. Denn weit davon entfernt, tats\u00e4chlich gesch\u00fctzte R\u00e4ume zu schaffen, f\u00fchrt so etwas h\u00e4ufig zu einer undemokratischen Umgebung, in der die in einem \u201eRaum\u201c dominierenden Individuen behaupten, sie w\u00fcrden sich von Ideen und Meinungen unterdr\u00fcckt f\u00fchlen, die ihnen oft einfach nicht passen.<\/p>\n<p>Es gibt au\u00dferdem die gef\u00e4hrliche Entwicklung dahin, zu glauben, dass der Wert eines Diskussionsbeitrages darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren sei, unter welchen Unterdr\u00fcckungen die\/der Beitragende leidet. Das ist komplett falsch. Die erste und einzige Premierministerin Gro\u00dfbritanniens, Margaret Thatcher, war zweifelsfrei von ihrer individuellen Unterdr\u00fcckung als Frau betroffen, aber das neoliberale Programm, dass sie durchgezogen hat, war komplett gegen die Interessen von Frauen aus der Arbeiterklasse gerichtet. Vor kurzem wurde Jeremy Corbyn, der neue linke Anf\u00fchrer der Labour Party, daf\u00fcr angegriffen, dass er angeblich nicht genug Frauen in seinem Schattenkabinett habe, obwohl in dessen erster Reihe erstmals mehrheitlich Frauen stehen. Bei der Wahl zum Parteivorsitz stimmten mehr Frauen f\u00fcr Corbyn als f\u00fcr die KandidatInnen vom rechten Fl\u00fcgel (unter denen zwei Frauen waren), weil er gegen Austerit\u00e4t war. Wenn er anstelle des linken Abgeordneten John McDonnell eine f\u00fcr Austerit\u00e4t stehende Frau zur SchattenkanzlerIn gemacht h\u00e4tte, w\u00e4ren die meisten Frauen, die ihn gew\u00e4hlt hatten, berechtigterweise tief entt\u00e4uscht gewesen.<\/p>\n<p>Die Frage der \u201egesch\u00fctzten R\u00e4ume\u201c h\u00e4ngt auch mit der Herangehensweise der VertreterInnen der Intersektionalismus-Theorie an Geschlechterfragen zusammen: Sie meinen, dass das Konzept der zwei Geschlechter ein soziales Konstrukt sei und Gender (soziales Geschlecht) in Wahrheit eher als breites Spektrum aufzufassen sei. Sie legen ihren Schwerpunkt darauf, Transgender-Personen und all jene zu unterst\u00fctzen, die gegen gesellschaftliche Geschlechterrollen rebellieren. Dies schlie\u00dft auch diejenigen ein, die sich weder als m\u00e4nnlich noch weiblich betrachten, sondern als \u201egender-nonkonform\u201c. Darin dr\u00fcckt sich die begr\u00fc\u00dfenswerte Ablehnung einer wachsenden Zahl junger Menschen gegen\u00fcber den \u00fcblichen Geschlechterverh\u00e4ltnissen und Homophobie aus. SozialistInnen treten freilich f\u00fcr das demokratische Recht von Individuen ein, ihre Genderzugeh\u00f6rigkeit und ihre Sexualit\u00e4t selbst zu bestimmen. Aber dass sich in dieser Frage eine wichtige Schicht von Leuten radikalisiert, bedeutet nicht, dass es m\u00f6glich w\u00e4re \u2013 wie es einige VertreterInnen der Intersektionalismus-Theorie versuchen \u2013 innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft R\u00e4ume zu schaffen, die frei von jedem Druck in Hinsicht auf Gender sind.<\/p>\n<p>Der Kapitalismus formt unsere Ansichten von Geburt an, mit all den Verzerrungen der menschlichen Pers\u00f6nlichkeit, die er hervorbringt. Dazu geh\u00f6rt auch, welches unserem sozialen Geschlecht (Gender) \u201eangemessene\u201c Verhalten von uns erwartet wird. Es ist nicht m\u00f6glich, sich dem vollst\u00e4ndig zu entziehen; in dieser Gesellschaft sind kapitalistische Geschlechterrollen objektive Realit\u00e4t. Sogar kapitalistische Geschlechterrollen abzulehnen bedeutet, auf diese Rollen zu reagieren und somit von ihnen beeinflusst zu werden. Es ist nicht genau vorhersehbar, wie sich zwischenmenschliche Beziehungen einschlie\u00dflich der Geschlechterrollen in der Zukunft entwickeln werden, wenn wir von den engen Zwangsjacken befreit sind, in die uns der Kapitalismus aktuell zwingt. Deshalb lautet die entscheidende Frage f\u00fcr alle, die entschlossen sind, Unterdr\u00fcckung zu beenden: Wie kann der Kapitalismus abgeschafft und mit dem Aufbau einer Welt ohne Unterdr\u00fcckung \u2013 einem \u201eSchutzraum\u201c f\u00fcr alle \u2013 begonnen werden?<\/p>\n<h4>Die Rolle der Arbeiterklasse<\/h4>\n<p>Heute wie damals, als Marx die Arbeiterklasse als \u201eTotengr\u00e4ber des Kapitalismus\u201c bezeichnet hat, ist sie die entscheidende Kraft auf unserem Planeten, die uns von diesem bankrotten System befreien kann. Sowohl die Privilege theory als auch die Intersektionalit\u00e4t w\u00fcrden die gesellschaftliche Klasse unter dem Begriff \u201eKlassismus\u201c als eine unter vielen Formen von Unterdr\u00fcckung bezeichnen. H\u00e4ufig diskutieren sie die Klasse in Hinblick auf die Vorurteile, mit denen Menschen konfrontiert sind, weil sie aufgrund ihres Sprachgebrauchs oder ihrer Postleitzahl (z. B. bei Bewerbungen; Ad\u00dc) der Arbeiterklasse zugeordnet werden. Dabei wird das Entscheidende, n\u00e4mlich die Bedeutung von Klassen f\u00fcr die Gesellschaftsstruktur, gar nicht erkannt. Bei dieser Herangehensweise w\u00fcrde \u00fcberhaupt nicht verstanden werden, dass ein nigerianischer Arbeiter mehr Gemeinsamkeiten mit einer Arbeiterin in Gro\u00dfbritannien oder den USA (oder Deutschland; Ad\u00dc) hat als mit Aliko Dangote, dem einzigen Afrikaner, der es auf die Liste der 85 reichsten Menschen der Erde geschafft hat. Der Umstand, dass die Arbeiterklasse letztlich die Profite der Kapitalisten erschafft und durch gemeinsame Klassenk\u00e4mpfe die kapitalistische Gesellschaft zum Stillstand bringen kann, wird als altmodisch abgetan.<\/p>\n<p>Aber die Arbeiterklasse ist nicht am Verschwinden. Sie ist heutzutage sogar potenziell st\u00e4rker als zur Zeit der Russischen Revolution. Viele L\u00e4nder, in denen die ArbeiterInnen vor hundert Jahren noch eine kleine gesellschaftliche Minderheit waren, haben heute gro\u00dfe und kraftvolle Arbeiterklassen. In den wirtschaftlich fortgeschrittenen L\u00e4ndern wie Gro\u00dfbritannien hat die Deindustrialisierung zwar zu einem starken Schrumpfen der Industriearbeiterklasse gef\u00fchrt. Aber trotzdem bestehen weiterhin Gruppen von ArbeiterInnen mit einer gewaltigen Kraft, die Gesellschaft mit Streiks zum Stillstand zu bringen \u2013 das wissen alle, die in letzter Zeit einen der Streiks bei der Londoner U-Bahn miterlebt haben. Die Deindustrialisierung hat nicht dazu gef\u00fchrt, dass Jugendliche nun Teil der \u201eMittelschicht\u201c sind, sondern sie hat diese zu schlecht bezahlter, befristeter Arbeit, h\u00e4ufig im Dienstleistungsbereich, gezwungen. Gleichzeitig wurden gro\u00dfe Schichten der Bev\u00f6lkerung,wie LehrerInnen und Beamte, die sich fr\u00fcher selbst als Teil der Mittelschicht betrachtet haben, in die Reihen der Arbeiterklasse hinunter gedr\u00fcckt, was ihren Lebensstandard und ihre soziale Perspektive angeht.<\/p>\n<p>Die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts hat mehrfach die Bereitschaft der Arbeiterklasse, f\u00fcr Sozialismus zu k\u00e4mpfen, demonstriert. Zugleich hat sie gezeigt, dass die Kapitalistenklasse sich mit allen Mitteln an die Macht klammert und nicht zuletzt versucht, nach dem Prinzip \u201eteile und herrsche\u201c die verschiedenen Teile der Arbeiterklasse gegeneinander auszuspielen.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren gab es einen weltweiten Anstieg von Radikalisierung und K\u00e4mpfen bis hin zu revolution\u00e4ren Bewegungen. Wenn diese auch vielfach erfolglos waren, so werden aus ihnen heraus doch die Schlussfolgerungen gezogen, was notwendig ist, um die Gesellschaft zu ver\u00e4ndern: Notwendig ist eine revolution\u00e4re Massenbewegung, die die verschiedenen Schichten der Arbeiterklasse mit ihren verschiedenen Erfahrungen und Perspektiven in einer Massenpartei zusammenf\u00fchrt \u2013 mit einem klaren Programm und einer entschlossenen und rechenschaftspflichtigen F\u00fchrung.<\/p>\n<p>Solch eine Partei w\u00e4re kein Modell einer neuen Gesellschaft, aber ein Werkzeug, um sie zu erreichen. Es ist entscheidend, dass in einer solchen Partei auch die am heftigsten unterdr\u00fcckten Schichten der Arbeiterklasse vertreten sind, und dass sie eine lebendige und demokratische Kraft darstellt, in der alle Beteiligten ihre Sichtweisen zum Ausdruck bringen k\u00f6nnen. Ihr Programm muss \u2013 wie damals das Programm der Bolschewiki in Russland \u2013 den Kampf f\u00fcr die Rechte nicht nur der Arbeiterklasse im Allgemeinen, sondern auch f\u00fcr ihre diversen besonders unterdr\u00fcckten Schichten beinhalten.<\/p>\n<p>Zweifelsohne w\u00fcrde eine solche Bewegung auch die Unterst\u00fctzung breiter Teile der Mittelschichten und sogar von einzelnen Personen aus der Kapitalistenklasse erhalten, die die Notwendigkeit f\u00fcr einen Bruch mit dem Kapitalismus sehen. Das betr\u00e4fe vor allem diejenigen, die im Kapitalismus unter Unterdr\u00fcckung leiden und einsehen, dass die einzige M\u00f6glichkeit, Homophobie, Rassismus oder Frauenunterdr\u00fcckung zu beenden, in der Beteiligung am Kampf f\u00fcr eine neue Gesellschaft liegt.<\/p>\n<h4>Vereint im Kampf<\/h4>\n<p>Es w\u00e4re l\u00e4cherlich und aberwitzig, zu fordern, dass diejenigen, die gegen ihre spezifische Unterdr\u00fcckung k\u00e4mpfen, sich zur\u00fcckhalten und auf den vereinigten Kampf der gesamten Arbeiterklasse warten sollen. Im Kampf f\u00fcr gesellschaftlichen Fortschritt sind Massenk\u00e4mpfe tausendmal wirkungsvoller als Ermahnungen an Individuen, ihre Einstellungen zu ver\u00e4ndern. Eine Bewegung hat immer dann gr\u00f6\u00dfere Erfolgsaussichten, wenn sie in der Lage ist, auf andere Schichten der Arbeiterklasse \u00fcberzugreifen. Und darum ist es wichtig, dass das Programm, f\u00fcr das eine Bewegung eintritt, dies versucht. Aber das bedeutet auf keinen Fall, dass eine Gruppe ihren Kampf k\u00fcnstlich hinausz\u00f6gern sollte, bis sie beispielsweise mehr wei\u00dfe oder m\u00e4nnliche Arbeiter von ihrer Sache \u00fcberzeugt hat.<\/p>\n<p>Gleichwohl erfordert zum Beispiel die dauerhafte Abschaffung des Rassismus in den USA die Abschaffung des Kapitalismus und muss daher in einem gemeinsamen Kampf erfolgen, der verschiedene Teile der Arbeiterklasse zusammenf\u00fchrt: Schwarze, Hispanics, AsiatInnen und Wei\u00dfe. Das ist eine praktische Frage. Die afroamerikanische Bev\u00f6lkerung, die am st\u00e4rksten unter Polizeirassismus leidet, macht 13 Prozent der Gesamtbev\u00f6lkerung aus und wird nicht alleine gewinnen k\u00f6nnen. Die Kapitalistenklasse wird versuchen, die Spaltung zwischen verschiedenen Schichten der Unterdr\u00fcckten zu vertiefen, vor allem in Zeiten verst\u00e4rkten Kampfes. Die Unterdr\u00fcckten sind darauf angewiesen, ihre St\u00e4rke zu erh\u00f6hen, indem sie nach gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Einheit streben. Die \u201e$15 Now\u201c-Bewegung (f\u00fcr 15 Dollar Mindestlohn) in den USA und die Wahl von Kshama Sawant von der Socialist Alternative (Schwesterorganisation der SAV) in Seattle haben die wachsenden M\u00f6glichkeiten gezeigt, in den USA eine vereinte Arbeiterbewegung aufzubauen.<\/p>\n<p>Das Streben nach Einheit bedeutet jedoch nicht, die Wichtigkeit des Kampfes gegen die spezifische Unterdr\u00fcckung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen herunterzuspielen. Im Gegenteil: Es ist unerl\u00e4sslich, dass SozialistInnen sich daf\u00fcr einsetzen, dass die Arbeiterbewegung den Kampf gegen jede Form von Unterdr\u00fcckung aufnimmt. Die Socialist Party blickt dabei auf eine stolze Geschichte zur\u00fcck: So standen wir in den 1990ern an der Spitze der Bewegung gegen h\u00e4usliche Gewalt, die entscheidend dabei war, dass die Gewerkschaften dieses Thema aufgegriffen haben.<\/p>\n<p>Die Intersektionalit\u00e4t an den britischen Universit\u00e4ten hat die Tendenz, feministische Campus-Gruppen nach innen zu kehren und sich fruchtlosen Versuchen zu widmen, Unterdr\u00fcckung in Listen zu erfassen, anstatt f\u00fcr ihre Beendigung zu k\u00e4mpfen. Aber viele Menschen, die urspr\u00fcnglich von diesen Ideen angezogen wurden, suchen nach einem Weg, die Gesellschaft zu ver\u00e4ndern, und werden dabei schnell an die Grenzen der Identity politics in ihren unterschiedlichen Auspr\u00e4gungen sto\u00dfen.<\/p>\n<p>Ein kleiner Hinweis darauf ist die Beliebtheit des Films \u201ePride\u201c unter jungen Menschen, der die wahre Geschichte der Gruppe \u201eLesben und Schwule f\u00fcr Bergarbeiter\u201c (engl. LGSM) erz\u00e4hlt. LGSM hatte die Gemeinsamkeiten zwischen ihrem Kampf gegen die konservative Tory-Regierung und dem Bergarbeiterstreik von 1984\/85 erkannt. Ihre Bem\u00fchungen, die Bergarbeiter zu unterst\u00fctzen, stie\u00dfen durchaus auf Schwierigkeiten, f\u00fchrten aber schlie\u00dflich zu wirklicher Einheit. LGSM hatte n\u00e4mlich verstanden, dass ein Sieg der Bergarbeiter eine massive Niederlage f\u00fcr die Premierministerin Thatcher, die Tories (konservative Partei) und die Kapitalistenklasse gewesen w\u00e4re \u2013 und dass dies im Interesse von Lesben und Schwulen war. Sie haben niemals wei\u00dfe, heterosexuelle Bergarbeiter, die anfangs h\u00e4ufig homophob waren, aufgefordert, ihre \u201ePrivilegien zu hinterfragen\u201c. Ein Ergebnis ihres heldenhaften Engagements war, dass gro\u00dfe Teile der Arbeiterbewegung von ganzem Herzen den Kampf f\u00fcr die Befreiung von Lesben und Schwulen unterst\u00fctzt haben. So f\u00fchrte ein Block von aus dem ganzen Land angereisten Mitgliedern der Bergarbeitergewerkschaft NUM die Pride-Demonstration (vergleichbar mit dem Christopher Street Day im deutschsprachigen Raum; Ad\u00dc) 1985 in London an.<\/p>\n<p>Der Bergarbeiterstreik war ein historisches Ereignis im britischen Klassenkampf, aber er wird in den Schatten der Ereignisse treten, die in Zukunft vor dem Hintergrund des krisengesch\u00fcttelten Kapitalismus stattfinden werden, der versuchen wird, die Lebensstandards der Mehrheit der Menschen in den Dreck zu werfen. Einige VertreterInnen der Intersektionalismus-Theorie werden die gewaltige Macht der Arbeiterklasse in Aktion erleben m\u00fcssen, um zu der Einsicht zu kommen, dass der Weg zur Beendigung ihrer spezifischen Unterdr\u00fcckung nicht \u00fcber zersplitterte Kleingruppen f\u00fchrt, sondern \u00fcber die Beteiligung am Klassenkampf. Wie auch immer: Immer mehr junge Menschen, besonders wenn sie in konkreten K\u00e4mpfen aktiv werden, sind bereits begeistert von sozialistischen Ideen als dem einzigen Weg zur tats\u00e4chlichen Befreiung der ganzen Menschheit.<\/p>\n<p><em>Hannah Sell ist stellvertretende Generalsekret\u00e4rin der Socialist Party (CWI-Sektion und Schwesterorganisation der SAV in England und Wales)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIdentity politics\u201c und der Kampf gegen Unterdr\u00fcckung<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":31830,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[32,33],"tags":[744],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/31663"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=31663"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/31663\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31664,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/31663\/revisions\/31664"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/31830"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=31663"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=31663"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=31663"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}