{"id":30688,"date":"2015-08-01T17:00:51","date_gmt":"2015-08-01T15:00:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=30688"},"modified":"2015-07-13T09:46:22","modified_gmt":"2015-07-13T07:46:22","slug":"post-post-apokalyptische-gegenwehr-in-den-usa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2015\/08\/post-post-apokalyptische-gegenwehr-in-den-usa\/","title":{"rendered":"Post-post-apokalyptische Gegenwehr in den USA"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/996031_672591842751569_1575549769_n-e1381739213522.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-28309\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/996031_672591842751569_1575549769_n-e1381739213522-280x173.jpg\" alt=\"USA\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/996031_672591842751569_1575549769_n-e1381739213522-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/996031_672591842751569_1575549769_n-e1381739213522-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/996031_672591842751569_1575549769_n-e1381739213522-560x347.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/996031_672591842751569_1575549769_n-e1381739213522-534x330.jpg 534w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/996031_672591842751569_1575549769_n-e1381739213522.jpg 952w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>Zur Entwicklung der Gewerkschaften nach der Gro\u00dfen Rezession<\/strong><\/p>\n<p>Der Verfall und Bankrott von Detroit \u2013 kaum etwas symbolisiert drei Jahrzehnte Niedergang der einstmals m\u00e4chtigen Gewerkschaften in den USA so drastisch. W\u00e4hrend die mit der Stadt verbundenen Gro\u00dfkonzerne GM, Ford und Chrysler l\u00e4ngst mittels Staatsgeldern und Subventionen wieder Profite f\u00fcr Aktion\u00e4re abwerfen, ist die Gewerkschaftsbewegung von der Demontage der einstigen Hochburg und der Flucht der Konzerne in gewerkschaftsfeindliche Staaten innerhalb der USA gezeichnet. Eine Spurensuche nach gewerkschaftlicher Gegenwehr nach der Nach-Katastrophen-Phase.<\/p>\n<p><em>Von Stephan Kimmerle<\/em><\/p>\n<p>Zwei von drei Stra\u00dfenlampen in Detroit bleiben jede Nacht so d\u00fcster wie die wirtschaftliche Lage der einstmals leuchtenden Autometropole der USA. Auch zwei von drei Krankenw\u00e4gen funktionieren nicht. Die New York Times nennt das \u201epost-post-apokalyptisch\u201c: Alles ist schon so lange so schlimm, dass es jetzt ganz bestimmt aufw\u00e4rts geht. Doch: \u201eVon Detroits 380.000 Immobilien wurden rund 114.000 dem Erdboden gleichgemacht, weitere 80.000 werden als heruntergekommen eingestuft und m\u00fcssen sehr wahrscheinlich abgerissen werden.\u201c<\/p>\n<p>\u201e\u00d6konomen sorgen sich\u201c, so das renommierte Blatt, \u201edass Detroit &#8211; in Abwesenheit der produzierenden Wirtschaft auf der es aufgebaut wurde \u2013 keinen Grund mehr hat zu existieren\u201c.<\/p>\n<p>Mitte Oktober 2014 machte die Stadt einen weiteren Schritt im Insolvenzprozess, in dem sie einem Schuldengeber weitere Werte der Stadt \u00fcbereignete. Versicherungsgesellschaften und andere Kreditoren werden mit wertvollen Gem\u00e4lden u.a. von Pablo Picasso abgefunden. In einem Modellverfahren wurde US-weit geurteilt, dass Bankrottverfahren von St\u00e4dten durchaus drastische K\u00fcrzungen der Rentenzahlungen beinhalten d\u00fcrfen \u2013 und das wurde exekutiert. Den vormals Besch\u00e4ftigten im \u00f6ffentlichen Dienst der Stadt wurden die Renten 4,5 Prozent gek\u00fcrzt; in Zukunft gibt es keinerlei Inflationsausgleich mehr. 3,5 Milliarden US-Dollar an Verbindlichkeiten gegen\u00fcber den 23.000 RentnerInnen wurden als Teil des Schuldenbergs in die Abwicklung der Pleite einbezogen. StaatsdienerInnen begannen, den 150.000 Haushalten, die ihre Wasserrechnungen nicht mehr bezahlen konnten, den Hahn zuzudrehen. Ein nach Detroit entsandtes Team der Vereinten Nationen nannte dies eine \u201eMenschenrechtsverletzung\u201c und forderte den sofortigen Wiederanschluss an die Wasserversorgung.<\/p>\n<p>Am 18. Juli 2013 hatte sich die Stadt Detroit offiziell bankrott gemeldet und wurde von einem Insolvenzverwalter \u00fcbernommen. Die demokratisch gew\u00e4hlten Gremien und \u00c4mter wurden au\u00dfer Kraft gesetzt. Mit dem Kahlschlag der Autoproduktion in der Motown Stadt fiel die Bev\u00f6lkerung von einstmals 1,8 Millionen 1950 auf aktuell rund 700.000 \u2013 und verarmte v\u00f6llig.<\/p>\n<p>Doch die Autoproduktion in den USA hat sich von der \u201eGro\u00dfen Rezession\u201c erholt. Die Auto-Verkaufszahlen waren 2014 mit 16,4 Millionen die h\u00f6chsten seit 2006. Deutsche Autobauer dr\u00e4ngen, neben japanischen und s\u00fcdkoreanischen Herstellern mit neuen Fabriken in den USA auf den Markt. Diese Werke \u2013 wie mittlerweile viele der US-Hersteller selbst \u2013 stehen fast ausschlie\u00dflich in gewerkschaftsfeindlichen Staaaten, vorwiegend im S\u00fcdosten des Landes.<\/p>\n<p>Diese Bundesstaaten haben \u201eRecht-auf-Arbeit\u201d-Verweise in ihren Verfassungen. \u201eRight to work\u201c ist Orwellsche Sprachverdrehung pur. Konkret bedeutet es, dass Daimler sein Werk in Tuscaloosa, Alabama, angesiedelt hat, keinesfalls um ein \u201eRecht auf Arbeit\u201c zu garantieren, sondern um von der dortigen Einschr\u00e4nkung gewerkschaftlicher Rechte zu profitieren. Es ist weltweit das einzige Mercedes-Benz-Werk ohne gewerkschaftliche Vertretung f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten. Die Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) hat erst 2014 damit begonnen, dort ein \u201elocal chapter\u201c, eine Betriebsgruppe, aufzubauen.<\/p>\n<p>Die St\u00e4rke der US-Gewerkschaften beruhte \u00fcber Jahrzehnte auf ihrer Macht, in Betrieben Kontrolle \u00fcber Besch\u00e4ftigung auszu\u00fcben: nur Gewerkschaftsmitgliedern hatten Jobs (\u201eclosed shop\u201c). Das wird in \u201eright to work\u201c-Staaten verboten. Dabei wird gleichzeitig mit staatlicher Hilfe jede Form gewerkschaftlicher Gegenmacht gebrochen.<\/p>\n<p>Volkswagen baute sein Werk in Chattanooga, Tennessee, das im April 2011 seine Arbeit aufnahm. Tennessee ist auch einer der mittlerweile 24 \u201eright to work\u201c-Bundesstaaten.<\/p>\n<h4>Gescheitertes Modell Chattanooga<\/h4>\n<p>Im dortigen Werk versuchte die Autoarbeiter-Gewerkschaft UAW im Februar 2014 die Besch\u00e4ftigten zu organisieren. Allerdings mit einem Management-freundlichen Herangehen, an dessen Beginn das stand, was in den USA \u201cbargaining to organize\u201d hei\u00dft: es werden Zugest\u00e4ndnisse gemacht, um \u00fcberhaupt erst gewerkschaftlich organisieren zu d\u00fcrfen. Um das in den USA \u00fcbliche Union-Bashing, die Hetze gegen die Gewerkschaften und deren Versuche der Organisierung zu vermeiden, machte die UAW in einem Abkommen mit dem Konzern-Management weitgehende Zugest\u00e4ndnisse: als Ziel der Gewerkschaft im Betrieb wurde der \u201eErhalt der Wettbewerbsf\u00e4higkeit\u201c und die \u201eZusammenarbeit mit den Managern\u201c festgeschrieben.<\/p>\n<p>Diese Konzessionen verhinderten keineswegs die gro\u00dfangelegte Anti-Gewerkschafts-Kampagne, in der der republikanische Gouverneur mit Arbeitsplatzverlusten und Produktionseinschr\u00e4nkungen im Werk drohte, falls die Gewerkschaft erfolgreich w\u00e4re. W\u00e4hrend die Gewerkschaft die M\u00f6glichkeit der aktiven Kontaktaufnahme zu den ArbeiterInnen im Abkommen mit dem Management freiwillig einschr\u00e4nkte, \u00fcbernahmen \u201eunabh\u00e4ngige\u201d Gruppen die Kampagne gegen die Organisierung. In dieser Kampagne wurde gen\u00fcsslich aus dem UAW-Abkommen mit dem Unternehmen zitiert. Mehr noch, Detroit wurde zu einem entscheidenden Argument. Mike Jarvis, der Sprecher einer Gruppe von Besch\u00e4ftigten gegen die UAW, die in Medien gro\u00df pr\u00e4sentiert wurde, gegen\u00fcber der &lt;i&gt;New York Times&lt;I&gt;: \u201eSeht doch mal, was den Autoherstellern in Detroit passiert ist und wie sie sich durchk\u00e4mpfen. Die alle haben eins gemeinsam: die UAW.\u201d<\/p>\n<p>Ohne k\u00e4mpferische Kampagne blieb das \u201eDetroit-Argument\u201c unbeantwortet. Der Versuch der Organisierung durch die UAW scheiterte mit einer Abstimmungsniederlage von 712 zu 626.<\/p>\n<h4>UAW erfolgreich in Toledo<\/h4>\n<p>Anders gingen es die ArbeiterInnen in Toledo bei einem Jeep-Zulieferer f\u00fcr Chrysler in Toledo, Ohio, an. Organisiert von der UAW stoppten sie die Produktion beim Unternehmen Piston Automotive am 17. April 2014 \u2013 und zwangen die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung ganz unb\u00fcrokratisch, die Gewerkschaft anzuerkennen \u2013 nach nur einem Tag Streik!<\/p>\n<p>L\u00f6hne von 12,55 US-Dollar pro Stunde (9,80 Euro) oder weniger waren bis dahin f\u00fcr erfahrene angelernte ArbeiterInnen die Norm.<\/p>\n<p>75 bis 80% der Besch\u00e4ftigten hatten ihre Mitgliedschaft bei der UAW erkl\u00e4rt, aber das Management weigerte sich, das anzuerkennen \u2013 bis zum Ausstand.<\/p>\n<p>Jane Slaughter von \u201eLabor Notes\u201c kommentierte: \u201eEs ist die Norm, dass Unternehmen sich weigern, neue [gewerkschaftliche] Gliederungen anzuerkennen, die Verhandlungen fordern, selbst wenn eine Mehrheit Gewerkschaftsmitgliedsausweise unterzeichnet. Heutzutage ist der typische n\u00e4chste Schritt der Gewerkschaften, eine Abstimmung bei [der zust\u00e4ndigen staatlichen Beh\u00f6rde] dem \u201eNational Labor Relations Board\u201c zu beantragen \u2013 aber das gibt dem Boss die M\u00f6glichkeit, den Prozess zu verz\u00f6gern und die Besch\u00e4ftigten durch eine Anti-Gewerkschafts-Presse durchzuwringen. Streiks zur gewerkschaftlichen Anerkennung, einst das Normale, sind heute rar.\u201d<\/p>\n<p>Doch in Toledo ging das Kalk\u00fcl auf: Die Unterbrechung der Jeep-Produktion von Chrysler erh\u00f6hte den Druck auf den Zulieferer drastisch und schnell \u2013 die Unternehmer knickten ein.<\/p>\n<h4>Erfolg mit Demokratie in Chicagos Lehrergewerkschaft<\/h4>\n<p>W\u00e4hrend die starken Bataillone der Gewerkschaften \u2013 die Industriearbeiterschaft und ihre Organisationen \u2013 noch mit einer Umkehr ringen, suchen andere Teile der Arbeiterbewegung sehr aktiv nach Reorganisation und neuen Wegen. Mit 45 zu 36 Prozent f\u00fchrte Karen Lewis, die Vorsitzende der Lehrergewerkschaft CTU, die Umfragen zur Wahl des B\u00fcrgermeisters der 2,7 Millionen Metropole gegen den Amtsinhaber der Demokratischen Partei, bevor sie krankheitsbedingt im Oktober 2014 das Feld r\u00e4umen musste. Trotzdem markiert das ein Erdbeben in der Hochburg der Demokraten und ist Resultat einer erfolgreichen, k\u00e4mpferischen und demokratischen Re-Organisation der Gewerkschaft.<\/p>\n<p>Am 10. September 2012 begannen Chicagos Lehkr\u00e4fte einen erfolgreichen Streik, der national f\u00fcr Aufsehen sorgte. K\u00fcrzungen der Geh\u00e4lter, mangelnde Finanzierung der Schulen, Reduzierung der Lehrkr\u00e4ftestellen, Privatisierungen \u2013 all das war und ist ein Mittel die maroden Finanzen vieler St\u00e4dte zu \u201esanieren\u201c. Doch Chicagos LehrerInnen sagten Nein zu einem Tarifangebot, das moderate Lohnerh\u00f6hungen mit Arbeitsplatzvernichtung kombinieren sollte.<\/p>\n<p>Es war der erste Streik der LehrerInnen in Chicago seit 1987 \u2013 und der erste f\u00fcr viele Beteiligte. Sie forderten h\u00f6here L\u00f6hne, kleinere Klassen, bezahlte Vorbereitungszeiten und weniger zentralisierte Pr\u00fcfungen, daf\u00fcr mehr Musik-, Kunst- und Sportunterricht.<\/p>\n<p>HausmeisterInnen und Reinigungskr\u00e4fte waren in den Streik ebenfalls einbezogen.<\/p>\n<p>Dieser Streik wurde gef\u00fchrt von CORE, dem \u201eZusammenschluss von LehrerInnen an der Basis\u201c (\u201eCaucus of Rank and File Educators &#8211; CORE\u201d), einer ehemals oppositionellen Str\u00f6mung in der Chicago Teachers Union (CTU), die 2010 unter der F\u00fchrung der bereits erw\u00e4hnten CTU-Pr\u00e4sidentin Karen Lewis die Mehrheit in der Lehrergewerkschaft gewinnen konnte.<\/p>\n<p>Drei fundamentale Ver\u00e4nderungen wurden von CORE eingef\u00fchrt:<\/p>\n<p>Erstens, die eigene Gewerkschaft wurde als soziale Bewegung der Mitglieder und als Teil sozialer Bewegungen verstanden \u2013 das wird \u201esocial unionism\u201c genannt.<\/p>\n<p>Zweitens \u2013 die umfassende Aktivierung und Demokratie in der eigenen Organisation. Robert Bartlett, ein High School-Lehrer, fasst zusammen: \u201eDie interne Organisierung hatte das Ziel ein Aktionskomitee in jeder Schule aufzubauen. Komitee-Mitglieder sind verantwortlich, mit jeweils rund zehn anderen Besch\u00e4ftigten in Kontakt zu bleiben. Das waren nicht nur Lehrkr\u00e4fte, sondern auch Mitglieder anderer Gewerkschaften. Interne Schulungen von Gewerkschaftsdelegierten halfen ihnen, effektiver zu werden mittels Arbeitsgruppen zur Durchsetzung der Tarifvertr\u00e4ge. Einsch\u00e4tzungen \u00fcber die Schw\u00e4chen in einzelnen Schulen gaben ein Bild, inwieweit die Mitgliedschaft auf einen Streik vorbereitet war. Regionale Treffen wurden abgehalten, offen f\u00fcr alle Mitglieder, um die Informationen der Gewerkschaft zu h\u00f6ren und Meinungen zu \u00e4u\u00dfern. Systematische Telefonanrufe wurden genutzt, um zielgerichtet mit bestimmten Gruppen innerhalb der Gewerkschaft in Kontakt zu kommen \u2013 um das Handeln der F\u00fchrung zu erl\u00e4utern, eine Vision zu vermitteln, wie die Gewerkschaft sich organisiert, um zu gewinnen, und um die Streikbereitschaft der Mitglieder einzusch\u00e4tzen.\u201d Dieses Modell von aktiven Gewerkschaftsstrukturen war die Basis des Streiks, umfassende Demokratisierung die Voraussetzung f\u00fcr den Erfolg.<\/p>\n<p>Drittens war die CTU bereit, sich mit dem Establishment der Demokratischen Partei, dem Obama-Vertrauten B\u00fcrgermeister Rahm Emanuel und dem Stadtrat anzulegen. Das ist keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Die Demokratische Partei pr\u00e4sentiert sich regelm\u00e4\u00dfig als das kleinere \u00dcbel. Und das erscheint als starkes Argument angesichts der Gewerkschaftsfeinde, organisiert in der Republikanischen Partei, der treibenden Kraft hinter den \u201eright to work\u201d-Gesetzen. Das hindert die Demokratische Partei aber nicht daran, selbst Lohnraub, Privatisierungen und Einschr\u00e4nkungen von Arbeiterrechten einzuf\u00fchren. Daher war Karen Lewis Schritt so wichtig, als \u201enicht-parteilich Gebundene\u201c ins Rennen um den B\u00fcrgermeister-Posten einzusteigen: GewerkschafterInnen, die eine Alternative zu den reaktion\u00e4ren Republikanern und den big-business-h\u00f6rigen Demokraten anbieten \u2013 das \u00f6ffnet einen neuen Graben in der politischen Landschaft.<\/p>\n<p>Innergewerkschaftliche Demokratie, soziale Vernetzung, ein k\u00e4mpferisches Programm und sich nicht auf das vermeintlich kleinere \u00dcbel verlassen \u2013 das weist in die Zukunft.<\/p>\n<h4>Bewegung macht den Unterschied<\/h4>\n<p>Gleichzeitg sind neue Anstrengungen gefragt, Besch\u00e4ftigte zu organisieren. Die Mitgliedschaft in US-Gewerkschaften liegt inzwischen mit 14,4 Millionen Organisierten bei 11,3 Prozent aller Lohnabh\u00e4ngigen \u2013 ein Niveau der 1930er-Jahre. Im privatkapitalistischen Sektor sind nur noch 6,6 Prozent organisiert.<\/p>\n<p>Unter den drakonischen Gewerkschafts-Gesetzen suchen Gruppen wie \u201cOUR Walmart\u201d oder \u201cFight for 15\u201d (in etwa \u201cK\u00e4mpft f\u00fcr 15 Dollar Mindestlohn\u201d) nun nach niedrigschwelligeren Angeboten zur Organisierung, die formal nicht als Gewerkschaft gelten und daher aktiver vorgehen k\u00f6nnen. Personell und finanziell unterst\u00fctzt von Gewerkschaften wie der UFCW (United Food and Commercial Workers, zum Beispiel Besch\u00e4ftigte in Supermarktketten) und der SEIU (Service Employees International Union, zum Beispiel HausmeisterInnen, Reinigungskr\u00e4fte, Gesundheitsbereich), machen diese Kampagnen auf die Missst\u00e4nde bei Walmart oder in Fast-Food-Ketten aufmerksam, bieten Besch\u00e4ftigten Vernetzung und Beratung \u2013 und den ersten Schritt zur gewerkschaftlichen Mitgliedschaft.<\/p>\n<p>Inspiriert von der Occupy-Bewegung des Jahres 2011 verbreiteten sich vor allem Proteste und Streiks von Fast-Food-Besch\u00e4ftigten bei McDonald\u00b4s, Burger King, Wendy\u00b4s und vielen mehr. Generell handelt es sich bisher um Minderheitenstreiks, die von AktivistInnen und sozialen Gruppen massiv unterst\u00fctzt werden und so mediale Aufmerksamkeit sowie einen gewissen Schutz f\u00fcr die Streikenden erreichen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Diese Bewegung konnte vor allem \u00fcber staatliche Regelungen Erfolge erzielen. Einzelne Arbeitgeber wurden zu Zugest\u00e4ndnissen gezwungen, aber vor allem wurden St\u00e4dte und Bundesstaaten erfolgreich gedr\u00e4ngt, die \u00f6rtlichen oder staatlichen Mindestl\u00f6hne zu erh\u00f6hen. W\u00e4hrend der nationale Mindestlohn bei 7,25 Dollar liegt, brachte in Los Angeles der B\u00fcrgermeister einen Mindestlohn von 13 US-Dollar ins Spiel, Stadtr\u00e4te fordern 15. In Chicago verspricht der B\u00fcrgermeister nun 13 Dollar, w\u00e4hrend 21 der 50 Stadtr\u00e4te 15 Dollar unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Seattle ist die erste gr\u00f6\u00dfere Stadt der USA, in der 15 Dollar pro Stunde verabschiedet wurde und schrittweise eingef\u00fchrt wird. Unter der F\u00fchrung der im letzten Dezember neu gew\u00e4hlten sozialistischen Stadtr\u00e4tin Kshama Sawant und der von ihr gegr\u00fcndeten Aktivistenorganisation \u201e15 Now\u201c zusammen mit gewerkschaftlichen Protesten und Streiks wurden die Stadtr\u00e4te und der B\u00fcrgermeister gezwungen, 100.000 Besch\u00e4ftigten mit Armutsl\u00f6hnen in dieser reichen Stadt eine bessere Zukunft zuzugestehen. Kshama Sawant sieht drei Gr\u00fcnde f\u00fcr den Erfolg: \u201eErstens: Wenn sich Besch\u00e4ftigte organisieren, dann k\u00f6nnen sie gewinnen. Zweitens: ArbeiterInnen k\u00f6nnen sich nicht darauf verlassen, dass die zwei Parteien des Big Business ihre Interessen vertreten w\u00fcrden. Drittens: Du musst keinE SozialistIn sein, um Dich zu wehren \u2013 aber es hilft! Eine wirkliche Massenbewegung hei\u00dft jeden willkommen, der sich dem Kampf anschlie\u00dfen will, aber die Geschichte hat gezeigt, dass Bewegungen am effektivsten sind, wenn sie eine F\u00fchrung haben, die die Grenzen des Kapitalismus nicht als gegeben akzeptiert und Massenunterst\u00fctzung aufbauen kann f\u00fcr eine Vision einer Alternative\u201c.<\/p>\n<h4>Zukunft der Gewerkschaften<\/h4>\n<p>Drei Milliarden Dollar an Umverteilung bringt Seattles Gesetzgebung den NiedriglohnarbeiterInnen \u00fcber die n\u00e4chsten zehn Jahre. Vor allem aber greift diese Bewegung um sich und gibt gewerkschaftlichen AktivistInnen US-weit einen einzigartigen Schub. Der \u201eFight for 15\u201c, der Kampf f\u00fcr den Mindestlohn, zeigt, dass klare Forderungen, die geeignet sind, ArbeiterInnen zu begeistern, R\u00fcckgrat zum Wiederaufbau der Gewerkschaften sein k\u00f6nnen. Die Forderung nach einem 8-Stunden-Tag vor 100 Jahren kondensierte mit einer klaren Vision, was Gewerkschaften bewirken k\u00f6nnen. \u00c4hnliches scheint auch heute dringend n\u00f6tig. Gewerkschaften als soziale Bewegungen wie im Kampf f\u00fcr 15 Dollar, als Kraft, die sich auf Streiks besinnt wie in Toledo, als organisierendes Zentrum f\u00fcr bisher Unorganisierte wie den New Yorker Fastfood-Besch\u00e4ftigten, als Organisation, die ihren Mitgliedern die Macht gibt, sich demokratisch zu entfalten wie in Chicago \u2013 so k\u00f6nnte auch in Detroit das Licht f\u00fcr gewerkschaftlich Gegenwehr wieder angehen.<\/p>\n<p><em>Stephan Kimmerle ist Mitglied der Socialist Alternative in den USA. Dieser Artikel erschien zuerst in einer Sonderausgabe des Magazins Lunapark21 zu Daimler und der Autoindustrie.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Entwicklung der Gewerkschaften<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":28309,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[10,42],"tags":[300],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30688"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=30688"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30688\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30690,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30688\/revisions\/30690"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/28309"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=30688"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=30688"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=30688"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}