{"id":30543,"date":"2015-05-20T10:32:31","date_gmt":"2015-05-20T08:32:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=30543"},"modified":"2015-05-20T12:28:09","modified_gmt":"2015-05-20T10:28:09","slug":"piloten-und-lokfuehrer-privilegierte-spalter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2015\/05\/piloten-und-lokfuehrer-privilegierte-spalter\/","title":{"rendered":"Piloten und Lokf\u00fchrer: Privilegierte Spalter?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wie Arbeitsbedingungen und L\u00f6hne wirklich aussehen<\/strong><\/p>\n<p>Die GDL und Cockpit haben in der letzten Zeit aktiv gek\u00e4mpft und einige Verbesserungen erreicht. Sie haben viel Solidarit\u00e4t erfahren, aber von den Verantwortlichen f\u00fcr das geplante Tarifeinheitsgesetz und von der b\u00fcrgerlichen Presse werden sie als Spalter und Elitegewerkschaften kritisiert.<\/p>\n<p><i>von Dorit Hollasky, Dresden<\/i><\/p>\n<p>Pilot und Lokf\u00fchrer sind Berufe wie jeder andere auch. Die Menschen beider Berufsgruppen haben mit ihrer speziellen Ausbildung keine gro\u00dfen Aufstiegs- oder Stellenwechselm\u00f6glichkeiten. Sie sind im Normalfall darauf angewiesen, ein Leben lang ihre Stelle zu behalten. Sie sind st\u00e4ndig unterwegs (im Durchschnitt sechzig Prozent des Monats) und damit kaum zu Hause. Piloten haben dazu mit st\u00e4ndigen Zeitverschiebungen, Nachtfl\u00fcgen, Extremschichtdienst, Klimaverschiebungen und Strahlenbelastung extrem zu k\u00e4mpfen. Trotzdem m\u00fcssen sie immer gut ausgeschlafen und konzentriert sein, denn sie haben eine sehr hohe Verantwortung &#8211; weil sie jeden Tag Millionen Menschen sicher von einem Ort zum anderen bringen sollen.<\/p>\n<p><b>Die Arbeitsbedingungen der Lokf\u00fchrer<\/b><\/p>\n<p>Ein Lokf\u00fchrer verdient bei der Deutschen Bahn im Schnitt pro Monat rund 2700 Euro brutto. Diese Summe liegt unter dem Durchschnittsverdienst aller Arbeitnehmer in Deutschland \u2013 der betr\u00e4gt 3237 Euro. Laut GDL bekommen die Lokf\u00fchrer bei den DB-Konkurrenten teilweise 30 Prozent weniger Geld, das bedeutet knapp 1900 Euro brutto.<\/p>\n<p>Bei der DB wurden vier Millionen \u00dcberstunden geleistet. Davon gehen vierzig Prozent auf das Konto der Lokf\u00fchrer, obwohl diese Berufsgruppe nur 15 Prozent der Gesamtbelegschaft des Bahnkonzerns ausmacht. Allein die Lokomotivf\u00fchrer schieben drei Millionen Stunden vor sich her, was rund 1800 Vollzeitstellen entspricht (http:\/\/www.gdl.de\/Aktuell-2015\/Pressemitteilung).<\/p>\n<p>Jede\/r Lokf\u00fchrer\/in muss im Laufe des Berufslebens statistisch drei Mal erleben, dass ein Mensch vor den Zug springt oder sich auf die Gleise legt, um sich das Leben zu nehmen. Da kann von privilegierten Arbeitsbedingungen wirklich nicht mehr gesprochen werden.<\/p>\n<p><b>Und was wird gefordert?<\/b><\/p>\n<p>Eine Stunde weniger Arbeitszeit von 39 auf 38 Stunden pro Woche, Eind\u00e4mmung der \u00dcberstunden und gleiche Eingruppierung aller Lokf\u00fchrer, egal ob f\u00fcr Personen- oder G\u00fctertransport. Bessere Arbeitszeitregelungen, damit Familie und Beruf wieder besser vereinbar werden, beispielweise eine echte F\u00fcnf-Tage-Woche und freie Wochenenden, die mindestens von Freitag 22 Uhr bis Montag 6 Uhr dauern. Eine Begrenzung der \u00dcberstunden auf 50 Stunden im Jahr. Das Tabellenentgelt soll um f\u00fcnf Prozent erh\u00f6ht werden. (http:\/\/www.gdl.de\/Aktuell-2015\/Pressemitteilung-1430730063)<\/p>\n<p>Das sind Forderungen, die ich als Passagier f\u00fcr das Normalste der Welt halte. Sicher gibt es mittlerweile unz\u00e4hlige Berufe, in denen die Arbeitsbedingungen noch viel miserabler sind. Wie k\u00f6nnen wir das ver\u00e4ndern? Jedenfalls nicht, indem wir uns gegenseitig unterbieten. Auch nicht, indem wir uns um Erfolge der anderen beneiden. Sondern nur, wenn wir uns gemeinsam f\u00fcr andere Bedingungen stark machen. Die Grenzen verlaufen nicht zwischen Friseurin und Lokf\u00fchrer, sondern zwischen Arbeitgebern und abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten.<\/p>\n<p><b>Arbeitsbedingungen der Piloten<\/b><\/p>\n<p>Laut Pilotenvereinigung Cockpit erh\u00e4lt ein Erster Offizier oder Kopilot je nach Fluggesellschaft anfangs ein Monatsgehalt zwischen 1500 Euro und 5000 Euro brutto. Ein Kapit\u00e4n \u2013 das wird man nach etwa drei bis zwanzig Jahren als Erster Offizier \u2013 erh\u00e4lt je nach Luftverkehrsgesellschaft ein Gehalt zwischen 3000 Euro und 10.000 Euro.<\/p>\n<p>Klingt nicht schlecht &#8211; allerding m\u00fcssen Piloten ihre Ausbildung selber zahlen. Diese kostet rund 70.000 Euro, wird von der Lufthansa vorfinanziert und nach Abschluss eines Arbeitsvertrages in monatlichen 300-Euro-Raten von den Piloten zur\u00fcck gezahlt. Eine Ausbildungsverg\u00fctung gibt es nicht, da die Pilotenschule als \u201eSchulung\u201c gilt. Sie dauert rund zweieinhalb Jahre. Zur Finanzierung ihrer Lebenshaltungskosten k\u00f6nnen die Pilotensch\u00fcler einen Kredit bis zu 25.000 Euro bei der Lufthansa aufnehmen und diesen mit Zinsen (derzeit 6,45 Prozent) ebenfalls zur\u00fcckzahlen (www.lufthansa-pilot.de).<\/p>\n<p>Eine wichtige Rolle spielt auch die Einf\u00fchrung von \u201eVertragspiloten-Modellen\u201c, in denen die Piloten als quasi Selbst\u00e4ndige sogenannte Null-Stunden-Vertr\u00e4ge erhalten, nach denen sie zum Beispiel nur wirklich geflogene Fl\u00fcge bezahlt bekommen (Ausf\u00e4lle wegen Krankheit o.\u00e4. h\u00e4tten sie selbst zu tragen) und nach denen sie ihre Sozialversicherung vollst\u00e4ndig selbst bezahlen m\u00fcssen. Es liegt nahe, dass ein Pilot dann vielleicht auch bei leichter Erkrankung noch fliegt, oder \u00dcberm\u00fcdung nicht anzeigt. (www.vcockpit.de) Gegen diese Vertr\u00e4ge k\u00e4mpft Cockpit. Und das ist gut so.<\/p>\n<p><b>Aktuell: Die \u00dcbergangsversorgung<\/b><\/p>\n<p>Nach Arbeitgeberpl\u00e4nen sollen die Piloten zuk\u00fcnftig auch noch f\u00fcr den \u00dcbergang in die Rente privat vorsorgen. Denn auch f\u00fcr sie wurde das Rentenalter auf 67 Jahre hochgesetzt. Allerdings war es ihnen bisher nur bis zum Alter von 60 Jahren erlaubt zu fliegen. Daf\u00fcr gab es eine \u00dcbergangsregelung, die den Piloten bereits ab 55 Jahre ein Ausscheiden erm\u00f6glichte. Diese soll nun abgeschafft werden. Nach statistischen Erhebungen gibt es bereits immer mehr Piloten, die aus finanziellen Gr\u00fcnden \u00fcber die 60-Jahre-Grenze hinaus fliegen. Kann das im Interesse der Passagiere sein? Wohl kaum. Es ist wichtig, dass die Piloten diesen Arbeitskampf f\u00fchren &#8211; f\u00fcr sie selbst und f\u00fcr uns als Passagiere.<\/p>\n<p><b>Spaltung?<\/b><\/p>\n<p>Die Kritiker der kleinen Berufsgewerkschaften (darunter auch Frank Bsirske oder Jan Kahmann vom ver.di-Bundesvorstand) werfen diesen vor, dass sie nur ihre eigene Klientel vertreten. Fakt ist jedoch, dass beispielsweise die GDL gerade darum k\u00e4mpft, die niedrigeren Entgelte der Wettbewerber auf das DB-Niveau zu heben und eine einheitliche Bezahlung zu erreichen. Sie wollen au\u00dferdem die anderen Berufsgruppen wie Begleitpersonal mit in die Verhandlungen einbeziehen. Auch Cockpit k\u00e4mpft gegen die Null-Stunden-Vertr\u00e4ge bei allen Airlines. Das ist keine Spaltung. Die Entsolidarisierung erfolgt vielmehr durch das geplante Tarifeinheitsgesetz, das im Endeffekt einigen Besch\u00e4ftigtengruppen nicht mehr erlaubt, f\u00fcr ihre Interessen zu streiken, so dass diese mit schlechteren Tarifabschl\u00fcssen leben m\u00fcssen.<\/p>\n<p><b>Von der Aktion zur Organisation<\/b><\/p>\n<p>Statt GDL und Cockpit um ihre Erfolge zu beneiden, sollten wir lieber von ihnen lernen, wie Gewerkschaftsarbeit erfolgreich funktionieren kann: durch k\u00e4mpferische und konsequente Aktionen. W\u00e4hrend der DGB einen Organisationsgrad von 20 Prozent hat, haben GDL und Cockpit zwischen 70 und 95 Prozent. Es zeigt sich wieder einmal: Gewerkschaften, die aktiv und k\u00e4mpferisch sind, werden von den Besch\u00e4ftigten als n\u00fctzlich anerkannt. Dort organisieren sie sich.<\/p>\n<p><em><i>Dorit Hollasky<\/i><\/em><i> ist Vorsitzende der ver.di-Betriebsgruppe im Krankenhaus Dresden-Neustad<\/i><i>t (dient nur der Kenntlichmachung der Person)<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie Arbeitsbedingungen und L\u00f6hne wirklich aussehen<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":29416,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[17,20],"tags":[700],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30543"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=30543"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30543\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30551,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30543\/revisions\/30551"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/29416"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=30543"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=30543"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=30543"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}