{"id":30300,"date":"2015-05-18T09:08:40","date_gmt":"2015-05-18T07:08:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=30300"},"modified":"2015-04-17T09:21:52","modified_gmt":"2015-04-17T07:21:52","slug":"der-erste-fracking-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2015\/05\/der-erste-fracking-krieg\/","title":{"rendered":"Der erste \u201eFracking-Krieg\u201d?"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_30304\" aria-describedby=\"caption-attachment-30304\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Lysychansk_16.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-30304\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Lysychansk_16-280x158.jpg\" alt=\"&quot;Lysychansk 16&quot; by \u041b\u0456\u043e\u043d\u043a\u0456\u043d\u0433 - Own work. Licensed under CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons - http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Lysychansk_16.jpg#\/media\/File:Lysychansk_16.jpg\" width=\"280\" height=\"158\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Lysychansk_16-280x158.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Lysychansk_16-560x315.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Lysychansk_16-600x338.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Lysychansk_16.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-30304\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Lysychansk 16&#8220; by \u041b\u0456\u043e\u043d\u043a\u0456\u043d\u0433 &#8211; Own work. Licensed under CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons &#8211; http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Lysychansk_16.jpg#\/media\/File:Lysychansk_16.jpg<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Im Ukraine-Konflikt geht es nicht um Demokratie und nationale Selbstbestimmung, aber viel um \u00d6l und Gas<\/strong><\/p>\n<p><em>von Holger Dr\u00f6ge<\/em><\/p>\n<p>Seit Februar 2014 tobt in der Ukraine ein Krieg. Mehr als 6.000 Menschen wurden get\u00f6tet. Rund 500.000 Menschen haben das Land im letzten Jahr verlassen, rund 400.000 davon in Richtung Russland, 60.000 nach Wei\u00dfrussland, der Rest nach Westeuropa. Die sozialen und \u00f6konomischen Folgen sind verheerend. Nach einem massiven Wertverlust der Landesw\u00e4hrung Griwna ist der Mindestlohn unter das Durchschnittseinkommen in Armutsstaaten etwa in Afrika oder Asien gefallen. Ein Arbeiter in der Ukraine habe derzeit noch Anspruch auf umgerechnet 42,90 US-Dollar im Monat, berichtete der Fernsehsender Ukraina im Februar 2015. Zum Vergleich: Menschen in Bangladesch, Ghana oder Sambia verdienen durchschnittlich 46,60 US-Dollar. Was sind die Ursachen f\u00fcr diesen Konflikt?<\/p>\n<p>Die Ursachen des Ukraine-Konflikts sind vielf\u00e4ltig: Die US-Regierung will Russland als imperialistischen Konkurrenten in die Knie zwingen, die Europ\u00e4ische Union ihren Einfluss nach Osten ausweiten. Russland will seine Einflussgebiete sichern, gleichzeitig dient der Konflikt als Ablenkung von innenpolitischen Problemen. Die ukrainischen Herrschenden wollen den Krieg trotz aller Niederlagen fortsetzen, denn sie verdienen am Krieg so gut wie nie zuvor. Vierzig Prozent des ukrainischen Staatsbudgets, gest\u00fctzt durch Milliardenzahlungen des Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF), wandern in den Krieg. Gleichzeitig ist der Krieg f\u00fcr sie Gelegenheit mit dem \u201esowjetischen Erbe\u201d von Sozialleistungen und Arbeitsrecht in der Ukraine endg\u00fcltig aufzur\u00e4umen. Eines ist all diesen Gr\u00fcnden gemein: Es geht um Profit. Es geht um die Frage welche imperialistische Macht an Einfluss gewinnt. Doch es gibt auch noch eine weitere Seite des Ukraine-Konflikts: Der Kampf um \u00d6l und Gasvorkommen und deren Ausbeutung durch neue Methoden wie das Fracking.<\/p>\n<h4>Kampf um Rohstoffe&#8230;<\/h4>\n<p>\u00d6l und Gas sind die die kapitalistische Wirtschaft beherrschenden Rohstoffe auf unserem Planeten. Der Kampf um sie wird mit aller Macht gef\u00fchrt. Allein in den letzten 20 Jahren gab es Kriege gegen Afghanistan und den Irak, die Blockadepolitik gegen Venezuela und brutale Unterdr\u00fcckung in Nigeria. Die Liste l\u00e4sst sich leider lange fortsetzen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in den letzten Jahrzehnten oft davon die Rede war, dass die \u00d6lvorkommen bald zur Neige gehen werden, haben neue Methoden der \u00d6l- und Gasf\u00f6rderung, wie zum Beispiel Fracking, die Produktion in die H\u00f6he schnellen lassen und geopolitisch neue Gebiete ins Blickfeld geraten lassen. Die Ukraine ist eines von diesen.<\/p>\n<p>So gibt es vor der Krim im Meer riesige Gas- und \u00d6lvorkommen. Eigentlich sollte ein vom US-Konzern Chevron geleitetes Konsortium diese ausbeuten, um Eink\u00fcnfte f\u00fcr die Ukraine zu schaffen und die Abh\u00e4ngigkeit vom russischen Gas zu mindern. Doch da kam der Regierungssturz und es folgte die Angliederung der Krim in die Russische F\u00f6deration.<\/p>\n<h4>\u2026 und Transportwege<\/h4>\n<p><figure id=\"attachment_30302\" aria-describedby=\"caption-attachment-30302\" style=\"width: 199px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/689px-GaspipelinesNachDeutschland.png\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-30302\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/689px-GaspipelinesNachDeutschland-199x173.png\" alt=\"By Onno (Own work) [GFDL (http:\/\/www.gnu.org\/copyleft\/fdl.html) or CC BY-SA 3.0 (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0)], via Wikimedia Commons\" width=\"199\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/689px-GaspipelinesNachDeutschland-199x173.png 199w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/689px-GaspipelinesNachDeutschland-399x347.png 399w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/689px-GaspipelinesNachDeutschland-600x522.png 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/689px-GaspipelinesNachDeutschland.png 689w\" sizes=\"(max-width: 199px) 100vw, 199px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-30302\" class=\"wp-caption-text\">By Onno (Own work) [GFDL (http:\/\/www.gnu.org\/copyleft\/fdl.html) or CC BY-SA 3.0 (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0)], via Wikimedia Commons<\/figcaption><\/figure>\u00d6l und Gas m\u00fcssen aber auch ihre Abnehmer erreichen. Pipelines und Fl\u00fcssiggasverschiffung sind hierzu zentral. Die Ukraine ist nicht nur politisch, sondern auch im Hinblick auf Gas und \u00d6l ein wichtiges Scharnier zwischen den Erd\u00f6l- und Erdgasressourcen in Russland und im kaspischen Raum &#8211; also in Aserbaidschan, Kasachstan, Turkmenistan und Usbekistan &#8211; und den Abnehmern auf dem Weltmarkt. Schon in den letzten Jahren wurden daher unter Mitwirkung Deutschlands Alternativen zur Ukraine geschaffen.<\/p>\n<p>Bei einem Treffen mit dem E.ON-Vorstandsvorsitzenden Johannes Teyssen teilte Gazprom-Chef Alexej Miller im Dezember 2014 mit, dass in diesem Jahr bereits drei\u00dfig Milliarden Kubikmeter Erdgas durch die 1.224 Kilometer lange Ostseepipeline zwischen Wyborg und Greifswald nach Deutschland, Frankreich und in andere westeurop\u00e4ische L\u00e4nder geflossen sind. Gegen\u00fcber den zwanzig Milliarden Kubikmeter vom letzten Jahr bedeutet das eine Steigerung in H\u00f6he von mehr als f\u00fcnfzig Prozent. Die Maximalkapazit\u00e4t ist damit allerdings noch nicht erreicht \u2013 sie liegt bei f\u00fcnfzig Milliarden Kubikmeter. Miller zufolge sind sich Gazprom und E.ON dar\u00fcber einig, dass die 2011 in Betrieb genommene Unterwasserpipeline die Sicherheit der fr\u00fcher nur durch die Ukraine laufenden Lieferungen ganz wesentlich erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Mit der Krim in russischer Hand w\u00fcrde zudem der Weg, der nach dem so genannten \u201eGas-Krieg\u201d, dem Konflikt zwischen Russland und der Ukraine im Jahr 2006, geplanten Gaspipeline South Stream von Russland nach Bulgarien bis Italien, \u00d6sterreich und Serbien auch \u00fcber die Krim verlaufen und dadurch deutlich billiger werden.<\/p>\n<p>Auch im Krieg zwischen Russland und Georgien um Abchasien und S\u00fcdossetien spielte die Energie eine wichtige Rolle. 2008 war eine russische Pipeline nach S\u00fcdossetien er\u00f6ffnet worden, das dadurch unabh\u00e4ngig von der Gasversorgung aus Georgien wurde. Zuvor war 1999 eine Pipeline von Baku unter Umgehung von Russland und Iran nach Georgien von einem westlichen Konsortium gebaut worden, wof\u00fcr sich die US-Regierung stark einsetzte. Nachdem in Georgien Saakaschwili durch die \u201eRosenrevolution\u201d 2003, auch mit Nachhilfe der USA, zum Pr\u00e4sidenten Georgiens wurde, stellte man 2006 die transkaukasische Pipeline von Georgien weiter bis zum t\u00fcrkischen Mittelmeerhafen Ceyhan fertig.<\/p>\n<h4>Unterschiedliche Interessen<\/h4>\n<p>In der Ukraine krachen die unterschiedlichen Interessen der verschiedenen imperialistischen Staaten aufeinander. Im Frackingtaumel der letzten Jahre wurde prophezeit, dass die USA vom \u00d6l- und Gasimporteur zum Exporteur werden w\u00fcrde. Die geopolitischen Ver\u00e4nderungen w\u00e4ren gewaltig, beispielsweise w\u00e4re der Nahe Osten f\u00fcr die USA nicht mehr so interessant. Russland w\u00fcrde ein Verlierer sein, zumal wenn auch die Europ\u00e4ischen L\u00e4nder ihre Ressourcen mit Fracking ausbeuten und so die f\u00fcr den russischen Staat so lebenswichtigen Exporte von \u00d6l und Gas bedroht sind. Und bei alledem mit dabei: Die europ\u00e4ische Union unter F\u00fchrung Deutschlands, die versucht ihren Rohstoffbezug auf unterschiedliche L\u00e4nder zu verteilen, um Abh\u00e4ngigkeiten zu vermeiden.<\/p>\n<h4>Die Bedeutung von \u00d6l und Gas f\u00fcr Russland<\/h4>\n<p>Auch wenn die Produktion von \u00d6l und Gas nur elf Prozent des Brutto-Inlandsprodukts von Russland ausmacht, stammen doch zwischen 45 und 55 Prozent der Steuereinnahmen des Staates aus dieser Quelle. Ein R\u00fcckgang der \u00d6l- und Gaspreise hat daher erhebliche Auswirkungen auf den Haushalt der Regierung. Noch kann der R\u00fcckgang der Rohstoffpreise durch die Abwertung des Rubels kompensiert werden. Allerdings werden die Steuern bei der Ausfuhr von Erd\u00f6l und Erdgas in US-Dollar berechnet. Wenn der Preis in US-Dollar f\u00e4llt, sinken auch die Steuereinnahmen. Aber wenn der Rubel gegen\u00fcber dem US-Dollar abwertet, steigen die Ums\u00e4tze in Rubel. Und das Budget von Russland wird in Rubel berechnet, nicht in US-Dollar.<\/p>\n<p>Weiter ist festzustellen, dass eine Abwertung des Rubels die Ertr\u00e4ge und die Gewinne der russischen Unternehmen garantiert. Wenn die Abwertung betr\u00e4chtlich ist, sinken die Betriebskosten schneller als die Einnahmen in Dollar und die operativen Margen der Unternehmen erh\u00f6hen sich.<\/p>\n<p>Die Wirkung der Sanktionen und der spekulativen Angriffe auf den Rubel sind auch von politischer Natur. Sie schw\u00e4chen die russischen Liberalen und st\u00e4rken das Putin-Regime, dass sich trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten, einem Anstieg der Arbeitslosigkeit, starker Inflation und zunehmender Proteste \u00fcber Zustimmungsraten von \u00fcber 70 Prozent st\u00fctzen kann.<\/p>\n<h4>Die Interessen der USA<\/h4>\n<p>Die US-Unternehmen haben die hohen Investitionen in die neuen F\u00f6rdertechnologien zu 80 bis 90 Prozent \u00fcber hochverzinste Kredite realisiert. Die Investmentbank Morgan Stanley sch\u00e4tzt die Finanzblase um die Fracking-Industrie auf etwa 550 Milliarden US-Dollar. Sollten diese hoch riskanten Anleihen ausfallen, droht ein \u00e4hnliches Szenario wie beim Ausfall der ersten Immobilien-Kredite zu Beginn der letzten Finanzkrise.<\/p>\n<p>Die \u00d6l- und Gasschwemme in den USA f\u00fchrt weiter zu einem extremen Druck auf die Politik, die Lizenzvergabe f\u00fcr Energiexporte weiter zu lockern und erfolgreich Freihandelsvertr\u00e4ge mit Europa und Asien abzuschlie\u00dfen. Der wirtschaftlich Druck nimmt inzwischen derartige Ausma\u00dfe an, dass einer der gr\u00f6\u00dften \u00d6lh\u00e4ndler, BHP Billiton, im Schatten der Kongresswahlen Anfang November begonnen hat, sein \u00d6l ohne Genehmigung des Wei\u00dfen Hauses nach Europa zu verschiffen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die USA ist es zentral die Kontrolle \u00fcber neu auf dem Markt kommende Vorkommen, wie zum Beispiel in der Ukraine, zu bekommen. Die M\u00fcnchener Sicherheitskonferenz widmete in diesem Jahr dem gleich ein eigenes Kapitel. Unter den Stichworten \u201eSicherheit\u201d und \u201eUnabh\u00e4ngigkeit\u201d wurde besprochen, wie die USA Russland vom europ\u00e4ischen Energiemarkt verdr\u00e4ngen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>McKinsey, ein Mitveranstalter der Konferenz, behandelt in einer extra angefertigten Studie die Gaslieferungen aus Nordafrika und Russland bereits als Vergangenheit. Die zuk\u00fcnftige Versorgung k\u00f6nnte aus den USA nach Europa verlaufen.<\/p>\n<p>Am 23. Juli 2013, US-Konzerne schlossen in der Ukraine gerade Milliardengesch\u00e4fte ab, war auf Bloomberg.com ein interessanter Beitrag zu finden. Mit dem Export von Technologien wie Fracking an L\u00e4nder wie Polen, dem Baltikum und der Ukraine solle deren Abh\u00e4ngigkeit von Russland vermindert werden und so dem \u201eEhrgeiz des Kreml geschadet werden, die Zukunft des Landes als eine Energie-Supermacht zu sichern.\u201d<\/p>\n<h4>Die Ukraine: Spielball der M\u00e4chte<\/h4>\n<p>In der Ukraine gibt es gro\u00dfe Vorkommen an Gas und \u00d6l, aber vor allem auf der Krim und in der Ostukraine. Noch vor einem Jahr hatten US-Konzerne hier gro\u00dfe Pl\u00e4ne, diese Ressourcen auszubeuten. Exxon, Chevron und Shell wollten der Ukraine mithilfe von Fracking-Technologie zur Unabh\u00e4ngigkeit von Russland verhelfen und Exporte in die Europ\u00e4ische Union beginnen.<\/p>\n<p>Recht phantasievoll ist in dem Zusammenhang die Bemerkung von Anders Fogh Rasmussen vom Juli 2014. Der damalige NATO-Generalsekret\u00e4r sagte, Russland unterst\u00fctze Umweltschutzorganisationen im Kampf gegen das Fracking, \u201eum die europ\u00e4ische Abh\u00e4ngigkeit von russischem Importgas aufrechtzuerhalten.\u201d<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich wurde die Auseinandersetzung in der Ukraine massiv vorangetrieben, um wirtschaftliche Interessen durchzusetzen.<\/p>\n<p>Im Mai 2014, die Krise in der Ukraine hatte sich massiv zugespitzt. Das Land war im Chaos. Auch bei Burisma, dem gr\u00f6\u00dftem ukrainischem Energieunternehmen, \u00e4nderte sich viel: Hunter Biden, Sohn des US-Vizepr\u00e4sident zog in den Verwaltungsrat des Unternehmens ein. Kurz zuvor hatten sich bereits der ehemalige polnische Ministerpr\u00e4sident Aleksander Kwa\u015bniewski und der Wahlkampfmanager des heutigen US-Au\u00dfenministers John Kerry, Devon Archer, in dem Gremium eingefunden. Nur vier Wochen vorher hatte der US-Vizepr\u00e4sident selbst die Ukraine besucht und mit der Regierung in Kiew die Frage der Energieversorgung diskutiert. Er k\u00fcndigte dabei an, dass die im Jahr 2013 geschlossenen Vertr\u00e4ge umgesetzt werden. Diese sehen eine gro\u00dffl\u00e4chige F\u00f6rderung von Erdgas in der Ukraine mithilfe von Tiefseebohrungen und Hydraulic Fracturing vor. Technische Spezialisten aus den USA sollten sich mit der Europ\u00e4ischen Bank f\u00fcr Wiederaufbau und Entwicklung treffen, um nun nach der Abspaltung der Krim konkrete L\u00f6sungen zu erarbeiten. Und er beschwor verlockende Aussichten: \u201eStellen Sie sich vor, wo Sie heute stehen w\u00fcrden, wenn Sie in der Lage w\u00e4ren, Russland zu sagen: Behalten Sie Ihr Gas. Das w\u00e4re eine ganz andere Welt, der du heute gegen\u00fcberstehen k\u00f6nntest.\u201d<\/p>\n<h4>Ganz konkrete Pl\u00e4ne auf der Krim<\/h4>\n<p>Schon unter dem Janukowitsch-Regime hatten die Verhandlungen mit US-Konzernen begonnen und waren auch zum Abschluss gebracht worden. Im Schwarzen Meer vor der Krim, in der Ostukraine bei Donezk und in der Westukraine bei Lwow sollten Investitionen von 32 Milliarden US-Dollar umgesetzt werden. Zusammen mit der bereits laufenden Gasf\u00f6rderung h\u00e4tten die Projekte den gesamten Energiebedarf der Ukraine von f\u00fcnfzig Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr ann\u00e4hernd decken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dabei spielen die Vorkommen im Schwarzen Meer die zentrale Rolle. 250 Millarden Kubikmeter Erdgas sollten dort durch Exxon und die \u00f6sterreichisch-rum\u00e4nische Firma OMV Petrom in Zusammenarbeit mit Nadra Ukrainy in den n\u00e4chsten f\u00fcnfzig Jahren gef\u00f6rdert werden. Verlierer im Bieterwettbewerb vorher war ausgerechnet das russische Unternehmen Lukoil.<\/p>\n<p>Bei der \u00dcbernahme der Krim in russisches Staatsgebiet war eine der ersten Entscheidungen der neuen Krim-Regierung die \u00d6l- und Gasressourcen im Schwarzen Meer und die zu deren Ausbeutung notwendingen Anlagen der Firma Chornomorneftegaz zu verstaatlichen. \u201eNach der Nationalisierung des Unternehmens m\u00f6chten wir eine offene Entscheidung treffen &#8211; wenn ein gro\u00dfer Investor, wie Gazprom oder ein anderer auftaucht\u201d, so der direkte Hinweis von Rustam Temirgalijew, Stellvertretender Ministerpr\u00e4sident der Krim, an die russische Adresse.<\/p>\n<h4>Aber auch im Osten<\/h4>\n<p>Shell beobachtete diese Entwicklungen damals noch erleichtert. Hatte man doch auf eine Investition in der Krim verzichtet und sich stattdessen auf die Ostukraine spezialisiert. Hier hatte man Vertr\u00e4ge \u2013 wieder \u00fcber f\u00fcnfzig Jahre \u2013 f\u00fcr das gr\u00f6\u00dfte On-Shore-Gasfeld der Ukraine geschlossen. Zehn Milliarden US-Dollar sollten investiert werden, sieben Milliarden Kubikmeter Erdgas sollten j\u00e4hrlich gef\u00f6rdert werden.<\/p>\n<p>Doch schnell begannen die Aufst\u00e4nde in der Ostukraine und das Investment drohte in Gefahr zu geraten. Mit massiver Milit\u00e4rpr\u00e4senz versuchte die Regierung in Kiew noch das Aufstellen von Fracking-Bohrt\u00fcrmen m\u00f6glich zu machen, musste sich dann aber den aufst\u00e4ndischen Truppen geschlagen geben.<\/p>\n<p>Das dritte gro\u00dfe Gasprojekt beendete dann der Konzern Chevron gleich selbst. Wie auch im Osten des Landes wollte Chevron um Lwow herum das Gas mithilfe von Hydraulic Fracturing f\u00f6rdern. Doch das Regime in Kiew war nicht bereit massive Steuererleichterungen f\u00fcr Chevron zu beschlie\u00dfen, also wurde die Investition auch angesichts der unsicheren Lage im Land abgeblasen.<\/p>\n<h4>Lang gehegte Pl\u00e4ne<\/h4>\n<p>Die Pl\u00e4ne in der Ukraine und Osteuropa entspringen einer lang angelegten Strategie. Schon 2010 war eine der ersten Amtshandlungen der Obama-Administration die Einrichtung einer besonderen Abteilung im Au\u00dfenministerium, der sogenannten Global Shale Gas Initiative (dt: weltweite Schiefergas-Initiative). In den Jahren zuvor hatte Fracking eine enorme Ausweitung der \u00d6l- und Gasf\u00f6rderung in den USA erm\u00f6glicht, bereits 2008 hatten die USA Russland als bis dahin gr\u00f6\u00dften Gasproduzenten \u00fcberholt.<\/p>\n<p>2014 wurde das Unconventional Gas Technical Engagement Program gegr\u00fcndet und mit sieben Millionen US-Dollar zur F\u00f6rderung von Kontakten mit anderen Regierungen ausgestattet. In Osteuropa standen neben der Ukraine auch Litauen, die Slowakei und Slowenien, Ungarn und die Tschechische Republik auf dem Programm.<\/p>\n<p>Als die Pilot-Projekte scheiterten war die Sorge bei den amerikanischen Konzernen gro\u00df. Aber John McCain, der Millionen von US-Dollars f\u00fcr seine Wahlk\u00e4mpfe aus den Kassen der \u00d6lkonzerne erhalten hat, versuchte in der Folge in verschiedenen anderen L\u00e4ndern f\u00fcr US-Gas zu werben, \u201eum die Abh\u00e4ngigkeit von russischem Gas in der Ukraine und Europa zu reduzieren\u201d.<\/p>\n<p>Schon in den letzten Jahren hatten US-Konzerne sich hier breit gemacht. Chevron hat zum Beispiel das Recht erworben in Polen, Rum\u00e4nien und Bulgarien etwa 2,3 Millionen Hektar auf m\u00f6gliche Vorkommen zu untersuchen. In Litauen hat das Unternehmen diese Rechte f\u00fcr 400.000 Hektar erworben. Die Kosten sind enorm. Allein in der Ukraine hat Chevron bisher 400 Millionen Dollar f\u00fcr Untersuchungen ausgegeben, die jetzt komplett abgeschrieben werden m\u00fcssen.<\/p>\n<h4>Kapitalistisches Chaos<\/h4>\n<p>Die Jagd nach Profiten kennt keine Grenzen. Milliardensummen werden dazu um den Globus bewegt, die Gier nach Profit ist aber uners\u00e4ttlich. In seinem Werk \u201eDas Kapital\u201d zitiert Karl Marx den englischen Gewerkschafter Thomas Dunning wie folgt: \u201eDas Kapital hat einen Horror vor Abwesenheit von Profit oder sehr kleinem Profit, wie die Natur vor der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital k\u00fchn. Zehn Prozent sicher, und man kann es \u00fcberall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; f\u00fcr 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fu\u00df; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens.\u201d<\/p>\n<p>Die Folgen des Frackings f\u00fcr die Umwelt sind in ihrer ganzen Weite noch gar nicht absehbar. Aber deutlich wird, dass die Umweltzerst\u00f6rung und damit die Grundlage f\u00fcr unser Leben auf diesem Planten mit Fracking vorangetrieben wird. Schon jetzt wird am Beispiel der Ukraine deutlich wie Fracking auch neue Kriege und Konflikte anheizt.<\/p>\n<p>Im Kapitalismus wirken Investitionen zerst\u00f6rerisch. Ein Grund mehr die nat\u00fcrlichen Ressourcen dieses Planten den Kapitalisten aus der Hand zu rei\u00dfen und unter die Kontrolle und Verwaltung der arbeitenden Menschen zu stellen. Als Grundlage f\u00fcr eine Planung im Interesse von Mensch und Natur.<\/p>\n<h2><\/h2>\n<h2>TTIP \u2013 auch hier geht es um \u00d6l und Gas<\/h2>\n<p>Seit der Eskalation der Ukraine-Krise verhandeln Br\u00fcssel und Washington dar\u00fcber, unter welchen Bedingungen sich die Gaslieferungen aus Russland, die mindestens 30 Prozent des euop\u00e4ischen Bedarfs ausmachen, durch Lieferungen aus den USA ersetzen lassen k\u00f6nnten. F\u00fcr US-Konzerne ist dies eine extrem wichtige Frage. Es gibt ein \u00dcberangebot an Gas in den USA, dass zur Zeit nicht exportiert werden kann. Daher wird Gas im gro\u00dfen Stil abgefackelt. Der Export von Gas ist aber auch wegen der hohen Verbindlichkeiten, die von US-Konzernen f\u00fcr das Fracking aufgenommen wurden, von hoher Bedeutung. Schnelles Geld ist geradezu \u00fcberlebenswichtig.<\/p>\n<p>Ein erstes Pilotprojekt f\u00fcr den Import von Fl\u00fcssiggas startete bereits Ende Oktober 2014 vor der K\u00fcste von Litauen. In Klapeida ging ein riesiger schwimmender Fl\u00fcssiggashafen mit dem malerischen Namen \u201eIndependence\u201d vor Anker.<\/p>\n<p>Bei den Gespr\u00e4chen im Januar 2015 erschien nicht ohne Grund der US-Au\u00dfenminister John Kerry pers\u00f6nlich, um die Energiefrage bei TTIP zur Chefsache zu machen. Denn mit TTIP sollen die Milliardenschweren Investitionen in den USA gegen politische Entscheidungen abgesichert werden.<\/p>\n<h2>Zuk\u00fcnftige Konflikte<\/h2>\n<p>Der Krieg in der Ukraine l\u00e4sst in den Hintergrund geraten, dass sich die russischen Interessen, abgesehen von der Krim f\u00fcr den St\u00fctzpunkt der Schwarzmeerflotte und den gro\u00dfen Gasressourcen im Meer davor, schon lange Zeit auf die Arktis richten. Die Bundesanstalt f\u00fcr Geowissenschaften und Rohstoffe f\u00fchrt in ihrem Bericht von 2012 auf, dass die russische Arktis bislang noch relativ wenig ausgebeutet wurde, aber gro\u00dfe Ressourcen birgt: \u201eDie russische Arktis ist insgesamt reich an Eisen, Bunt- und Edelmetallen sowie seltenen Metallen, Diamanten und D\u00fcngemittelrohstoffen. Hier liegt der \u00fcberwiegende Teil der russischen Rohstoffreserven, vor allem an Platingruppenmetallen, Diamanten, Apatit, Nickel, Seltenen Erden, Silber, Aluminium, Quecksilber, Antimon, Kupfer, Zinn, Wolfram, Gold und Kobalt.\u201d<\/p>\n<p>Der Wettlauf um die Arktis hat dank der Klimaerw\u00e4rmung begonnen. Das zur\u00fcckweichende Eis und die wachsenden M\u00f6glichkeiten der Schifffahrt haben die Arktis zu einer geopolitisch bedeutsamen Region gemacht. Mit dem Eis beginnen auch die Konflikte langsam aufzutauen.<\/p>\n<p>Im Schlagschatten des Ukraine-Konflikts erkl\u00e4rte Putin im April 2014, dass die von Russland beanspruchten Gebiete in der Arktis eine \u00fcberragende strategische Bedeutung f\u00fcr die nationale Sicherheit h\u00e4tten: milit\u00e4risch, politisch, wirtschaftlich, technisch sowie f\u00fcr die Umwelt und die Ressourcen. Zun\u00e4chst k\u00fcndigte er den Ausbau der milit\u00e4rischen Infrastruktur und der Milit\u00e4rpr\u00e4senz an, was Schritt f\u00fcr Schritt umgesetzt wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Ukraine-Konflikt geht es nicht um Demokratie und nationale Selbstbestimmung, aber viel um \u00d6l und Gas<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":30304,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[43],"tags":[687,352],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30300"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=30300"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30300\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/30304"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=30300"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=30300"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=30300"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}