{"id":30268,"date":"2015-04-03T13:15:18","date_gmt":"2015-04-03T11:15:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=30268"},"modified":"2015-04-03T13:16:26","modified_gmt":"2015-04-03T11:16:26","slug":"ein-kampf-der-ueberfaellig-war","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2015\/04\/ein-kampf-der-ueberfaellig-war\/","title":{"rendered":"Ein Kampf, der \u00fcberf\u00e4llig war!"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Post-gegen-Streik-gerade.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-30269\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Post-gegen-Streik-gerade-129x173.jpg\" alt=\"Post gegen Streik gerade\" width=\"129\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Post-gegen-Streik-gerade-129x173.jpg 129w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Post-gegen-Streik-gerade-259x347.jpg 259w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Post-gegen-Streik-gerade-600x803.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Post-gegen-Streik-gerade.jpg 717w\" sizes=\"(max-width: 129px) 100vw, 129px\" \/><\/a>Bericht vom Streik bei der Deutschen Post<\/strong><\/p>\n<p>von Sascha Wiesenm\u00fcller, Aachen<\/p>\n<p>Heute war der zweite Warnstreiktag bei der Deutschen Post AG und DHL. Auch in Aachen wurde gestreikt. Der Autor dieses Berichts arbeitet als Zusteller bei der Post, stand morgens bei Streikposten. Dabei wurde folgende <a href=\"http:\/\/linksjugendsolidaachen.blogsport.de\/2015\/04\/01\/solidaritaet-mit-den-streikenden-bei-der-post\/\">Solidarit\u00e4tserkl\u00e4rung<\/a> verteilt und stie\u00df auf eine \u00fcberwiegend positive Resonanz.<\/p>\n<p>Es war ein regnerischer, windiger Tag. Die Streikposten standen ab 5:15 Uhr vor dem Tor des Zustellst\u00fctzpunktes. Nach sehr kurzer Zeit war selbst die regenfeste Arbeitskleidung durchgeweicht.<\/p>\n<p>F\u00fcr Menschen, die t\u00e4glich im freien arbeiten keine ungewohnte Situation \u2013 doch ging es dieses Mal darum, gemeinsam f\u00fcr die eigenen Interessen zu streiten.<\/p>\n<p>Ab etwa 6 Uhr kamen die ersten KollegInnen, die durch das Tor zur Arbeit gehen wollten.<\/p>\n<h4>Schon lange brodelte es<\/h4>\n<p>Die Warnstreikaktion war im Vorfeld von ver.di fast konspirativ geplant worden. Der Arbeitgeber sollte nichts wissen. Doch Spannung lag seit Wochen in der Luft. Die Gesch\u00e4ftsleistung reagierte mit bisweilen bizarren Methoden, die jedoch bei der Belegschaft auf Unverst\u00e4ndnis und Wut stie\u00dfen. So wurde im Mitarbeitermagazin \u201ePremium Post\u201c auf eine sehr dreiste und plumpe Weise gegen einen m\u00f6glichen Streik vor Ostern gehetzt. (siehe Bild). Eine Aktion, die auch sehr viel \u00fcber die Einstellung des Unternehmens gegen\u00fcber seinen Besch\u00e4ftigten aussagt. Im Zustellst\u00fctzpunkt wurde schon Wochen vorher ein Monitor aufgestellt, \u00fcber den Propaganda verbreitet wurde, wie \u201eWir begehen keine Tarifflucht!\u201c und \u201eWir sind ein sozialer Arbeitgeber!\u201c Die KollegInnen reagierten mit Spott und Sarkasmus auf diese an totalit\u00e4re Regime oder Orwells \u201e1984\u201c erinnernde Aktion.<\/p>\n<p>Das Unternehmen praktiziert seit Jahren eine Politik der Profitmaxiierung auf dem R\u00fccken der Besch\u00e4ftigten. Bezirke werden st\u00e4ndig gr\u00f6\u00dfer, das Post- und Paketaufnahmen sowie Wurfsendungen mehr, viele neue Kr\u00e4fte haben keinen festen Bezirk mehr. Dauerbefristungen sind bei vielen KollegInnen zur Normalit\u00e4t geworden. Eine Kollegin, mit der ich heute sprach, hangelt sich seit drei Jahren von einer Dreimonatsbefristung zur N\u00e4chsten. Das Unternehmen hat mit ver.di einen Tarifvertrag ausgehandelt, der die Praxis der Auslagerung von Unternehmensbereichen zu Tochterfirmen mit schlechteren Konditionen f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten untersagt. Doch real wird das unterlaufen. So hat die Post mit DHL Delivery eine Tochtergesellschaft gegr\u00fcndet, bei der Besch\u00e4ftigte effektiv weniger Geld bekommen. Daf\u00fcr gibt es dort Jobs ohne Befristung. Eine sehr perfide Taktik: Jahrelang macht das Unternehmen Rekordgewinne, aber erkl\u00e4rt dass es nicht leistbar sei, ZustellerInnen unbefristet zu besch\u00e4ftigen. Doch kaum wird ein Tochterunternehmen gegr\u00fcndet, gibt es pl\u00f6tzlich Entfristungen \u2013 aber zu schlechteren Konditionen. Zurecht spricht ver.di deshalb von Tarifflucht. Da das Unternehmen aber jahrelang prek\u00e4re Verh\u00e4ltnisse geschaffen hat und viele KollegInnen \u00fcber nicht wussten, ob sie im Folgemonat noch einen Job haben, empfinden viele DHL Delivery tats\u00e4chlich als Verbesserung. Das ist in etwas so, als lie\u00dfe man Menschen jahrelang hungern, damit sie sich irgendwann auch mit verschimmeltem Brot zufrieden geben.<\/p>\n<h4>Offensive Forderungen<\/h4>\n<p>Der gewerkschaftliche Organisationsgrad im Betrieb ist recht hoch und die Wut der Besch\u00e4ftigten \u00fcber die Zust\u00e4nde im Unternehmen gro\u00df. Dennoch ist im Gefolge der Privatisierung, der Umwandlung zur AG, die Belegschaft gespalten worden: in Beamte, ArbeiterInnen zu besseren Konditionen (alte Vertr\u00e4ge), etwas schlechteren Konditionen (sp\u00e4tere Vertr\u00e4ge) bis hin zu Dauerbefristeten und reinen Abrufkr\u00e4ften. Bei einem Streik hat das Folgen: die \u00e4lteren KollegInnen haben kein Sreikrecht (was auf 20-40% zutrifft) und viele prek\u00e4r Besch\u00e4ftigte trauen sich nicht zu streiken. Doch viele sind inzwischen soweit, dass sie jegliche Angst verloren haben: \u201eWas habe ich schon zu verlieren?\u201c sagte die oben schon erw\u00e4hnte Kollegin mit der dreij\u00e4hrigen Dauerbefristung.<\/p>\n<p>Ver.di tritt in diese Tarifauseinandersetzung mit einer offensiven Forderung: Neben einem Ende der Ausgliederung an Tochter- und Regionalfirmen, fordert die Gewerkschgaft eine Arbeutszeitverk\u00fcrzung von 38,5 auf 36 Stunden \/ Woche bei vollem Lohnausgleich<\/p>\n<p>f\u00fcr Vollzeitkr\u00e4fte. Damit wendet sich ver.di gegen Lohndumping und Arbeitsverdichtung. Vor allem aber ist die Forderung nach Arbeitszeitverk\u00fcrzung bei vollem Lohnausgleich eine vorw\u00e4rtsweisende Zielsetzung, die dem jahrelangen Trend zur Arbeitszeitverl\u00e4ngerung entgegenwirkt. Schon jetzt besteht die Wochenarbeitszeit von 38,5 Stunden nur auf dem Papier: St\u00e4ndige Vergr\u00f6\u00dferung der Bezirke und immer mehr Postaufkommen f\u00fchren real zu unbezahlten \u00dcberstunden oder zu Druck vom Arbeitgeber, falls man auf \u201eIst-Zeit\u201c sich tats\u00e4chlich den realen Stundenlohn auszahlen l\u00e4sst.<\/p>\n<h4>Einsch\u00fcchterungen von oben \u2013 Wut von unten<\/h4>\n<p>Neben der penetranten Propaganda arbeitet der Arbeitgeber auch mit mehr oder weniger subtiler Einsch\u00fcchterung. Mehrere KollegInnen berichteten davon, dass man sie im Vorfeld des m\u00f6glichen Streiks an ihren befristeten Status erinnerte. Der St\u00fctzpunktleiter stellte sich neben die Streikposten und sah sich jedes Gesicht an. Er drohte mit Polizei, falls die Streikposten das Betriebsgel\u00e4nde betreten. Einige KollegInnen erz\u00e4hlten mir davon, wie sie \u201eindividuell bearbeitet\u201c wurden, teils in Form von Telefonaten, teils im Vier-Augen-Gespr\u00e4ch mit Vorgesetzten.<\/p>\n<p>Das sch\u00fcchterte so manchen ein. Dennoch gingen von den Nicht-Beamteten relativ wenige arbeiten. Manche KollegInnen traten an Ort und Stelle in ver.di ein, nur um mitstreiken zu k\u00f6nnen. Manche Besch\u00e4ftigte f\u00fchlten sich unwohl beim Streiken, weil sie denken dass das nur auf ihre Kosten ginge: schlie\u00dflich m\u00fcsse man die liegengebliebenen Sendungen in den n\u00e4chsten Tagen alle zustellen, was heute liegengeblieben ist. Doch den meisten war das egal. Der \u00fcberwiegende Eindruck war, dass es den allermeisten um mehr als die (wie gesagt sehr offensiven) Forderungen von ver.di ging. N\u00e4mlich um einen starken Akt der Gegenwehr gegen die vielen Zumutungen durch den Arbeitgeber: Prekarisierung, Tarifflucht, mehr Arbeitsdruck, schlechte Behandlung durch Vorgesetze usw. &#8211; \u00dcber die Jahre hat sich enormer Unmut angesammelt, der endlich raus muss.<\/p>\n<h4>Politisierung<\/h4>\n<p>Die gemeinsame Solierkl\u00e4rung von Linksjugend [&#8217;solid] Aachen und der AK Betrieb und Gewerkschaft der Aachener LINKEn kam mehrheitlich gut an. Einige KollegInnen waren jedoch etwas skeptisch und fragten mich, ob ich \u201e auf W\u00e4hlerfang\u201c sei. Das sagt viel dar\u00fcber aus, wie<\/p>\n<p>Parteien im Allgemeinen gesehen werden und das Solidarit\u00e4tsbekundungen von politischen Organisationen nichts Gew\u00f6hnliches sind. Daraus ergaben sich aber nicht selten interessante Debatten dar\u00fcber, was linke Politik ist: Eben mehr als nur Parlamentarismus und Stellvertretertum.<\/p>\n<p>Einig ist man sich in der Belegschaft aber dar\u00fcber, dass die Privatisierung bzw. die Umwandlung des immer noch mehrheitlich staatlichen Unternehmens in eine AG auf dem R\u00fccken von Belegschaft und KundInnen erfolgt.<\/p>\n<h4>Bilanz und Ausblick<\/h4>\n<p>Die Bilanz des Warnstreiks vor Ort: Trotz der Tatsache, dass fast ein Drittel kein Streikrecht besitzt und manche sich haben einsch\u00fcchtern lassen, war die Beteiligung rege. Die Gegenma\u00dfnahmen der Unternehmensleitung, die zwischen Propagandatrommelfeuer, gutem Zureden und mehr oder weniger offenen Drohungen reichten, fruchteten kaum. Nach dem Warnstreik gehen nun die Verhandlungen in die n\u00e4chste Runde. Es sieht nicht so aus, als lenke der Arbeitgeber ein. Das macht die Perspektive einer Fortsetzung des Arbeitskampfes, wahrscheinlich im Mai, nicht unwahrscheinlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bericht vom Streik bei der Deutschen Post<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":30269,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[17],"tags":[262,684],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30268"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=30268"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30268\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/30269"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=30268"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=30268"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=30268"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}