{"id":29766,"date":"2015-01-16T10:00:40","date_gmt":"2015-01-16T09:00:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=29766"},"modified":"2015-02-13T12:05:35","modified_gmt":"2015-02-13T11:05:35","slug":"wird-chinas-wirtschaft-eine-harte-landung-hinlegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2015\/01\/wird-chinas-wirtschaft-eine-harte-landung-hinlegen\/","title":{"rendered":"Wird Chinas Wirtschaft eine harte Landung hinlegen?"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_29767\" aria-describedby=\"caption-attachment-29767\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/14931200336_da47bb90e1_k1-e1421329336759.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-29767\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/14931200336_da47bb90e1_k1-e1421329336759-280x173.jpg\" alt=\"Foto: https:\/\/www.flickr.com\/photos\/sami7795\/ CC BY-NC 2.0\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/14931200336_da47bb90e1_k1-e1421329336759-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/14931200336_da47bb90e1_k1-e1421329336759-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/14931200336_da47bb90e1_k1-e1421329336759-560x345.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/14931200336_da47bb90e1_k1-e1421329336759-600x370.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/14931200336_da47bb90e1_k1-e1421329336759-534x330.jpg 534w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/14931200336_da47bb90e1_k1-e1421329336759.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-29767\" class=\"wp-caption-text\">Foto: https:\/\/www.flickr.com\/photos\/sami7795\/ CC BY-NC 2.0<\/figcaption><\/figure>\n<p><em>Dieser Artikel erschien zuerst am 24. Dezember in englischer Sprache auf socialistworld.net<\/em><\/p>\n<p><strong>Die gesamte Weltwirtschaft bekommt bereits die \u00f6konomische Verlangsamung Chinas zu sp\u00fcren<\/strong><\/p>\n<p><em>von Vincent Kolo, <a href=\"http:\/\/www.chinaworker.info\/\">www.chinaworker.info<\/a> (Internetportal des \u201eCommittee for a Workers\u00b4 International\u201c \/\/ \u201eKomitee f\u00fcr ein Arbeiterinternationale\u201c, CWI, dessen Sektion in Deutschland die SAV ist)<\/em><\/p>\n<p>\u201eIn den letzten 30 Jahren war die allerwichtigste Zahl der Welt diejenige, die \u00fcber das Wirtschaftswachstum in China Auskunft gab. Und das wird auch in den n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahren nicht anders sein.\u201c, so Robert Peston, Wirtschaftsjournalist beim britischen Sender BBC. Jetzt, da einige Daten die Best\u00e4tigung f\u00fcr einen sp\u00fcrbar langsameren Verlauf der chinesischen Wirtschaft liefern, w\u00e4chst die Sorge, dass sie eher wie ein Bremsklotz und nicht mehr als der Motor des globalen Kapitalismus wirken wird. Der Immobilienmarkt in China, der in den vergangenen zehn Jahren die wesentliche Triebkraft f\u00fcr das Wachstum war, ger\u00e4t ins Wanken. Dasselbe gilt f\u00fcr die Unternehmensinvestitionen und Betriebsleistungen. Das Regime in China steuert auf das niedrigste Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) seit 25 Jahren zu. Gleichzeitig bem\u00fcht es sich um eine z\u00fcgige Neustrukturierung, die nach neoliberalem Muster abl\u00e4uft. Damit soll die private Hand zu Investitionen angespornt und der inl\u00e4ndische Konsum angekurbelt werden. Das ist Teil der Strategie, die \u00d6konomie aus ihrer Abh\u00e4ngigkeit vom Schuldenmachen zu befreien. Momentan bel\u00e4uft sich die Schuldenquote auf mehr als 250 Prozent des BIP, was f\u00fcr ein sogenanntes Schwellenland ein au\u00dferordentlich hoher Wert ist.<\/p>\n<p>Viele KommentatorInnen gehen davon aus, dass das BIP in diesem Jahr hinter der Zielvorgabe der Regierung von 7,5 Prozent zur\u00fcckbleiben wird. Das hat es seit 16 Jahren nicht mehr gegeben. Und selbst diese Zielmarke w\u00fcrde den niedrigsten Anstieg eines Jahres in China seit 1990 bedeuten. Seit der \u201eZentralen Arbeitskonferenz zur Wirtschaftspolitik\u201c, die die F\u00fchrung der \u201eKommunistischen Partei Chinas\u201c (KPC) Mitte Dezember abgehalten hat und von der die Erkl\u00e4rung ausging, dass \u201eder Abw\u00e4rtstrend f\u00fcr Chinas Volkswirtschaft vergleichsweise stark ist\u201c, wird f\u00fcr 2015 gemeinhin von einem weiteren R\u00fcckgang des BIP-Wachstums auf bis zu sieben Prozent ausgegangen.<\/p>\n<p>Das Regime der KPC hat sich bereits den Begriff der \u201eneuen Normalit\u00e4t\u201c angeeignet, um damit dem Umstand des niedrigeren BIP-Wachstums gerecht zu werden. Die Staatsmedien haben diesen Terminus weitgehend \u00fcbernommen. Xi Jinping behauptet, er habe die \u201eneue Normalit\u00e4t\u201c als eigene Theorie entwickelt. Dabei stammt der Ausdruck in Wirklichkeit aus Analysen westlicher Medien, die sich mit der Weltwirtschaftskrise nach 2008 besch\u00e4ftigt haben. Demgegen\u00fcber t\u00f6nte eine der beiden englischsprachigen chinesischen Zeitungen, die Global Times: \u201eDie Theorie der &#8217;neuen Normalit\u00e4t&#8216;, die vom chinesischen Pr\u00e4sidenten Xi Jinping ausgearbeitet worden ist, wird zu einer der pr\u00e4genden Wegmarken der Geschichte werden\u201c. Das Regime versucht den Menschen Sand in die Augen zu streuen, indem es die zunehmende wirtschaftliche Verlangsamung als Ergebnis bewusster und beabsichtigter Politik darstellt, als etwas durchweg Positives. Es ist zwar richtig, dass die neoliberalen Reformer ein langsameres \u201egehaltvolles\u201c Wachstum bef\u00fcrworten (womit sie weniger staatliches Eingreifen meinen und eine Reduzierung der mit Schulden finanzierten Investitionen). Es wirken heute allerdings eine ganze Reihe von Faktoren auf die \u00f6konomischen Abl\u00e4ufe, die Peking nicht kontrollieren kann und die die Wirtschaft in der bevorstehenden Phase durchaus ins Wanken bringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h4>Ist China die Nummer eins?<\/h4>\n<p>Geht man vom j\u00fcngsten und hei\u00df diskutierten Bericht des \u201eInternationalen W\u00e4hrungsfonds\u201c (IWF) aus, so handelt es sich bei China aktuell um die gr\u00f6\u00dfte Volkswirtschaft der Welt. Wenn das stimmt, dann bedeutet dies das Ende der 142 Jahre andauernden Vorherrschaft der USA, die unter der Pr\u00e4sidentschaft eines gewissen Herrn Ulysses S. Grant begonnen hatte. Nach Ma\u00dfgaben der Kaufkraft-Parit\u00e4t (eine Methode, bei der auf \u00f6rtliche und weniger auf globale Preise Bezug genommen wird) hat die Volkswirtschaft Chinas nun einen Gegenwert von 17,6 Billionen US-Dollar. Das BIP der USA hat im Vergleich dazu einen Gegenwert von 17,4 Billionen US-Dollar. Laut IWF wird die chinesische Volkswirtschaft bis Ende des Jahrzehnts um 20 Prozent gr\u00f6\u00dfer sein als die der USA. W\u00e4hrend die ExpertInnen immer noch diskutieren, ob \u2013 je nachdem, welche Berechnungsmethode zugrunde gelegt wird \u2013 die \u00dcbergabe des Staffelstabs zwischen den Weltwirtschaftsm\u00e4chten bereits stattgefunden hat oder nicht, bezweifeln ein paar KommentatorInnen, dass es dazu in den kommen Jahren \u00fcberhaupt kommen wird. Darauf gr\u00fcndet auch die wachsende Sorge angesichts der zunehmenden Schwierigkeiten, denen Chinas Wirtschaft ausgesetzt ist, was weit \u00fcber das Problem des sinkenden BIP-Wachstums hinausgeht.<\/p>\n<p>Der momentane Aufruhr auf den globalen Rohstoffm\u00e4rkten, der sich am sichtbarsten im \u00d6l-Handel niederschl\u00e4gt, resultiert aus einem Angebot, das im globalen Ma\u00dfstab die Nachfrage \u00fcberfl\u00fcgelt. Das ist ein Ph\u00e4nomen, das uns auch in der Nummer eins aller M\u00e4rkte, in China, sehr handfest begegnet. Verantwortlich daf\u00fcr sind mehrere Faktoren und nicht zuletzt die \u201eSchiefer-Revolution\u201c, die der \u00d6l- und Gasproduktion in den USA neuen Auftrieb verliehen hat. China leidet gerade unter einem in der Geschichte beispiellosen Ausma\u00df an \u00dcberkapazit\u00e4ten. Das gilt f\u00fcr das Stahl ebenso wie f\u00fcr Solar-Panelen und nirgends tritt dieses Problem mehr zutage als auf dem Immobilienmarkt. 2014 ist die Zahl der Hausverk\u00e4ufe landesweit um zehn Prozent zur\u00fcckgegangen und das Land hat laut Immobilien-Experte Ai Jingwei nun nicht abbezahlte Wohnraum-Best\u00e4nde, in dem Wert, wie man ihn sonst nach sieben Jahren angeh\u00e4uft h\u00e4tte. Ein in Peking erscheinendes Wirtschaftsblatt hat einen \u201eGeisterstadt-Index\u201c ermittelt, nach dem es mindestens 50 St\u00e4dte gibt, in denen die H\u00e4lfte oder noch mehr Wohneinheiten nicht besetzt sind.<\/p>\n<p>Chinas Baubranche verbraucht rund die H\u00e4lfte des weltweit ben\u00f6tigten Stahls und Betons und besch\u00e4ftigt 37 Millionen Menschen. Das sind 23 Prozent mehr als die Gesamtzahl der Erwerbst\u00e4tigen in Gro\u00dfbritannien. Der Bauboom der letzten zehn Jahre hat daher auch zum Preisanstieg auf dem Welt-Energiemarkt beigetragen. Schlie\u00dflich l\u00e4uft mehr als die H\u00e4lfte aller Baut\u00e4tigkeit dieser Welt in China ab und die Baubranche zeichnet beinahe f\u00fcr ein Drittel des globalen Energieverbrauchs verantwortlich.<\/p>\n<h4>Rohstoff-M\u00e4rkte geraten ins Taumeln<\/h4>\n<p>Ein wesentlicher Ausl\u00f6ser f\u00fcr die herben Kurseinbr\u00fcche an den weltweiten Aktienm\u00e4rkten im Dezember war der Preisverfall auf den Rohstoffm\u00e4rkten. In Shanghai erlebte die B\u00f6rse den gr\u00f6\u00dften R\u00fcckgang an einem Tag (minus f\u00fcnf Prozent) seit 2009. Der Abschwung auf dem Rohstoff-Markt lie\u00df bei einigen WirtschaftsjournalistInnen erneut die Frage aufkommen, ob die offiziellen Zahlen, mit denen China sein BIP beziffert, \u00fcberhaupt der Wahrheit entsprechen. So kommentierte William Pesek, Kolumnist beim Sender \u201eBloomberg\u201c: \u201eJedem, der meint, China rangiert nahe dieser Ziffer [gemeint sind die 7,5 Prozent Wachstum], dem m\u00f6chte ich nur zwei Begriffe entgegenhalten: Eisen und Erz. Noch mehr als der Preisverfall beim \u00d6l mag die Halbierung des Preises f\u00fcr dieses zentrale Gestein und Mineral dazu beitragen, dass China sehr schnell schon zusammenklappen k\u00f6nnte. Hinzu kommen der Sinkflug beim \u00d6l um 44 Prozent und das Durcheinander bei der Kohle sowie anderen Rohstoffen\u201c.<\/p>\n<p>Sinkende Rohstoffpreise haben viele Rohstoff-Exporteure in die Rezession getrieben und in Zahlungsschwierigkeiten gebracht. Das in hohem Ma\u00dfe vom \u00d6l abh\u00e4ngige Venezuela (ein Land, das bereits in die Rezession gerutscht ist), k\u00f6nnte in die Situation geraten, mit seinen internationalen Krediten in Verzug zu geraten, die haupts\u00e4chlich von chinesischen Staatsbanken stammen. Es gibt einiges an Spekulationen dar\u00fcber, dass die Regierung von Nicol\u00e1s Maduro auf eine Verl\u00e4ngerung der Pekinger Kreditlinien hinarbeiten wird, wom\u00f6glich gar auf eine \u00dcbereinkunft, die man als veritable \u201eRettungsaktion\u201c bezeichnen k\u00f6nnte. \u201eDie Chinesen sind gewitzt und k\u00f6nnten als Gegenleistung f\u00fcr ihr Hilfspaket &#8211; wie immer dieses auch aussehen mag &#8211; [\u00d6l-] Felder in der Orinoco-Region verlangen\u201c, so ein Kommentator gegen\u00fcber China Daily. Selbst Russland, das sich fest im Griff einer W\u00e4hrungskrise befindet (der Rubel hat 2014 die H\u00e4lfte an Wert verloren) und Probleme mit sinkenden Einnahmen aus dem \u00d6lgesch\u00e4ft sowie den Sanktionen der westlichen L\u00e4nder hat, k\u00f6nnte sich gezwungen sehen, China um Finanzhilfen zu bitten.<\/p>\n<p>Die Regierung Sambias sah sich gezwungen, die \u201eVampire\u201c des IWF zu Hilfe zu rufen und um Finanzielle \u201eRettung\u201c zu bitten. Kupfer-Bergwerke des Landes befinden sich haupts\u00e4chlich im Besitz chinesischer Firmen und der IWF verlangt als Gegenleistung, dass es neue Austerit\u00e4ts- und K\u00fcrzungsma\u00dfnahmen f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung Sambias gibt. Selbst das \u201eGl\u00fcckspilz-Land\u201c Australien, das Dank seines aufkeimenden China-Handels bislang mehr oder weniger an der Weltwirtschaftskrise vorbeigekommen ist, verzeichnet seinen gr\u00f6\u00dften R\u00fcckgang bei den \u201eterms of trade\u201c (Realaustauschverh\u00e4ltnis) seit 1960: Die Einnahmen aus dem Export sinken und die Einfuhrkosten steigen. Wie andere kleinere Rohstoff-Exporteure konnte auch Australien auf der Welle des chinesischen Baubooms reiten. Das hat den Bergbau-Konzernen des Landes zwar enorme Gewinne beschert, musste aber mit einem weiteren Niedergang des eigenen Produktionsstandortes bezahlt werden. Dennoch sind nach heutigem Stand ein Viertel der Kohlekraftwerke Australiens nicht mehr profitabel, so \u201eGlencore\u201c (weltweit gr\u00f6sste im Rohstoffhandel t\u00e4tige Unternehmensgruppe; Erg. d. \u00dcbers.). Die \u201eMarktbereinigung\u201c bei den Rohstoffen, die mit der Verlangsamung des chinesischen Wachstums zusammenh\u00e4ngt, bedeutet f\u00fcr diese L\u00e4nder den Anbruch harter Zeiten und deutet auf die gr\u00f6\u00dfere Kontrolle hin, die China bekommen hat. Peking verh\u00e4lt sich immer offener als imperialistische Macht, beherrscht ganze M\u00e4rkte und \u00fcbt Einfluss auf Regierungen aus, die von der Finanzmacht Chinas abh\u00e4ngig sind.<\/p>\n<h4>\u00dcberkapazit\u00e4ten<\/h4>\n<p>Was den Stahl angeht, so sind die entsprechenden Kapazit\u00e4ten in China wild und rasend ausgeweitet worden. Angetrieben wurde diese Entwicklung durch fieberhafte und in zunehmendem Ma\u00dfe von der Spekulation getriebene Investitionen in den Bau von Eigentumswohnungen sowie Infrastrukturprojekte. Diese Ausweitung setzte sich fort, obwohl die \u00dcberkapazit\u00e4ten bereits absurde Ausma\u00dfe angenommen hatten. Gerade erst hat das Regime in China versprochen, dem Ganzen Einhalt zu gebieten \u2013 auch wenn es alles andere als ein Selbstl\u00e4ufer sein wird, in dieser Richtung \u00fcberhaupt etwas zu erreichen. Vergleichbare \u00dcber-Investitionen sind auch bei den G\u00fctern Beton, Glas, Kohleabbau, Aluminium, Schiffbau und in einer ganzen Reihe anderer Branchen zu verzeichnen. Gest\u00fctzt wird dies durch eine beispiellose Kredit-Explosion. Seit Beginn der weltweiten kapitalistischen Krise im Jahr 2008 sind weitere Kredite im Gesamtwert von 19 Billionen Dollar hinzugekommen.<\/p>\n<p>Im November ver\u00f6ffentlichten zwei Wirtschaftspolitiker der Regierung einen Bericht, in dem davon ausgegangen wird, dass bis zu der H\u00e4lfte aller Investitionen der letzten f\u00fcnf Jahre im Wert von 42 Billionen Yuan in den Sand gesetzt worden sind (vgl.: Xu Ce von der \u201eChinesischen Entwicklungs- und Reform-Kommission\u201c und Wang Yuan von der \u201eAcademy of Macro Economic Research\u201c). Das Problem, so behaupten die beiden, hat sich in den letzten beiden Jahren (d.h. seit der Amts\u00fcbernahme von Xi) noch versch\u00e4rft.<\/p>\n<p>Chinas Stahlproduktion \u00fcbertrifft die von Japan, dem zweitgr\u00f6\u00dften Stahlerzeuger der Welt, bereits um das Siebenfache. Allein die ungenutzten Kapazit\u00e4ten haben mehr als den doppelten Umfang als in der US-amerikanischen Stahlindustrie. Die \u00dcberproduktion hat zu einem Preis-Krieg beim Stahl gef\u00fchrt. In einigen Regionen Chinas kostet Stahl so viel wie Kohlk\u00f6pfe. 2012 hatte China die Kapazit\u00e4ten, um 2,9 Milliarden Tonnen Beton zu produzieren. Der tats\u00e4chliche Bedarf wird allerdings mit 2,1 Mrd. Tonnen beziffert. Drei Viertel der 200 gr\u00f6\u00dften Flugh\u00e4fen Chinas schreiben rote Zahlen &#8211; und es gibt Pl\u00e4ne, noch einhundert Flugh\u00e4fen zus\u00e4tzlich zu bauen.<\/p>\n<p>In einer Branche nach der anderen sind ganz \u00e4hnliche Prozesse nachzuvollziehen, weil St\u00e4dte und Regionen versuchen, sich gegenseitig zu \u00fcbertreffen \u2013 ohne sich dabei um die gesamtwirtschaftliche Lage des Landes zu k\u00fcmmern. Das Ergebnis ist, dass Unternehmen und Regionalverwaltungen in extrem schnellem Tempo Schuldenberge anh\u00e4ufen. Das bringt die Gefahr mit sich, dass es zu einer Welle an Unternehmens-Zusammenbr\u00fcchen und einer Bankenkrise kommt, da der Markt ges\u00e4ttigt ist, die Profite abgesch\u00f6pft und die Kosten f\u00fcr Kredite in die H\u00f6he geschossen sind.<\/p>\n<p>Die Probleme, mit denen Peking zu k\u00e4mpfen hat, werden durch die Existenz eines Schatten-Bankensektors weiter bef\u00f6rdert. Diese Schatten-Bankenwirtschaft ist mittlerweile die drittgr\u00f6\u00dfte der Welt und dient als inoffizieller Kanal f\u00fcr die staatlichen Banken, um die Regulierungen der Regierung zu umgehen. Auf diese Weise kann der Kreditfluss auch an bereits am Boden liegende Unternehmen aufrecht erhalten werden.<\/p>\n<p>Es ist ganz unumg\u00e4nglich, dass die Arbeiterklasse den Preis f\u00fcr diese fehlgeleiteten, schlecht geplanten und in vielen F\u00e4llen rein spekulativen Investitionen der nun zu Ende gehenden Periode zu bezahlen hatte. Ein Beleg daf\u00fcr ist die zunehmende Zahl an Streiks in der Baubranche. Zwischen Juli und September 2014 hat es 55 Streiks gegeben. Diese Branche ist ber\u00fcchtigt f\u00fcr die hohe Anzahl mehrerer Schichten von Subunternehmen, die von nicht abgesicherten, nicht versicherten und schlecht bezahlten WanderarbeiterInnen abh\u00e4ngen. Ein Bericht der in Hong Kong ans\u00e4ssigen \u201eChina Labour Bulletin\u201c (NGO, die sich um Arbeitnehmerrechte k\u00fcmmert; Anm. d. \u00dcbers.) kam zu der Feststellung, dass \u201edie Besch\u00e4ftigten in der Baubranche\u201c angesichts einer Zunahme an de facto Zahlungsausf\u00e4llen und der damit einhergehenden Streichung etlicher Bauprojekte \u201estets die letzten sind, die bezahlt werden\u201c. Die H\u00e4lfte aller Streiks, zu denen es Ende 2014 in China gekommen ist, hatten in der einen oder anderen Art mit Lohnr\u00fcckst\u00e4nden zu tun.<\/p>\n<p>Verglichen damit ist die Situation in der Kohle-Branche noch schlechter. 70 Prozent der Kohlebergwerke in China machen Verluste. Der Grund daf\u00fcr ist eine Kombination aus global sinkenden Preisen f\u00fcr Kohle (2014 gab es ein Minus von 25 Prozent), exzessive Kapazit\u00e4ten und den Ma\u00dfnahmen der Regierung, mit denen sie die Umweltzerst\u00f6rung einzud\u00e4mmen gedenkt. Mehr als die H\u00e4lfte der Kohlegruben haben Probleme, ihren Besch\u00e4ftigten die L\u00f6hne auszahlen zu k\u00f6nnen, so Wang Xianzheng, der Sprecher Pr\u00e4sident der Arbeitgeber, die in der \u201eChina Coal Industry Association\u201c zusammengeschlossen sind. Das f\u00fchrt dazu, dass die gro\u00dfen Kohleregionen wie die Provinz Shanxi province nun an vorderster Front wiederzufinden sind, da die Besorgnis angesichts der Finanzprobleme zunimmt. Es gibt immer mehr Berichte von bevorstehenden Zusammenbr\u00fcchen in der Schatten-Bankenwirtschaft.<\/p>\n<h4>Die Gei\u00dfel der Deflation<\/h4>\n<p>Als die chinesische Zentralbank am 21. November &#8211; f\u00fcr alle \u00fcberraschend \u2013 den Referenzzinssatz senkte, war das ein Hinweis darauf, dass die \u00f6konomischen Grunddaten wesentlich schlechter stehen als die Regierung uns glauben machen will. Die Angst vor der Deflation hat jetzt ganz klar einen H\u00f6hepunkt erreicht, da das Regime in eine Richtung tendiert, die im Zuge des Jahres 2015 wahrscheinlich zu einer weiteren Lockerung der Fiskalpolitik f\u00fchren wird. Im November lag die offizielle Inflationsrate f\u00fcr Verbraucherpreise bei 1,4 Prozent und somit auf dem niedrigsten Stand seit f\u00fcnf Jahren. Doch die Herstellkosten f\u00fcr Fertigwaren stiegen im Vergleich zum selben Monat des Vorjahres um 2,7 Prozent. Damit sind sie 33 Monate in Folge Schritt f\u00fcr Schritt gesunken. Das britische Wirtschaftsmagazin The Economist schrieb dazu: China \u201edriftet jetzt nah um einen unumwundenen Preisverfall in weiten Teilen der Wirtschaft herum.\u201c<\/p>\n<p>Zur Deflation kommt es, wenn Finanzblasen platzen wie im Falle Japan geschehen, als die dortige Immobilienblase Anfang der 1990er Jahre auseinanderflog. Genau wie heute in China ist das die Folge von \u00dcberproduktion und einer \u00fcberbordenden Baut\u00e4tigkeit. Breitet sich dieses Ph\u00e4nomen auf die gesamte Wirtschaft aus, so ziehen sinkende Preise das Wirtschaftswachstum nach unten, weil die KonsumentInnen weniger Waren kaufen und Unternehmen ihre Investitionen auf die lange Bank schieben. Am schlimmsten ist aber, dass die Deflation die Schuldenlast der Unternehmen und Regierungen bzw. Verwaltungen erh\u00f6ht. Der Grund daf\u00fcr liegt in den gestiegenen Kosten f\u00fcr Kredite.<\/p>\n<p>Angaben der Financial Times zufolge hat der Schuldendienst den Wert von 17 Prozent des chinesischen BIP erreicht. 2011 lag der Anteil noch bei 7,5 Prozent des BIP. Der Schritt der Zentralbank, die Zinsen zu senken, zielt in erster Linie darauf ab, die Kosten f\u00fcr die Schulden der chinesischen Unternehmen und Regierungen bzw. Verwaltungen zu verringern. Schlie\u00dflich droht eine Welle von Zahlungsausf\u00e4llen. Einhergehen wird die Leitzins-Senkung wahrscheinlich mit der Aufstockung der Kapitalst\u00f6cke der Banken (indem die ben\u00f6tigten Reserves\u00e4tze gesenkt werden). Das alles findet zwar l\u00e4ngst statt, wurde bisher aber auf einem anderen Weg bewerkstelligt: Faule Kredite wurden innerhalb des Bankensystems einfach von einer Instanz zur anderen verschoben. Aufgrund der Folgen, die die sinkende Inflation nach sich zieht, sind die Realkosten f\u00fcr die Kreditaufnahme seit 2011 von null auf f\u00fcnf Prozent angezogen.<\/p>\n<p>Der unmittelbarste Effekt, den die Zinssenkung vom November hatte, bestand allerdings darin, dass eine neue Aktien-Blase aufgepumpt wurde. So stieg der Shanghai Composite Index (wichtigster Aktienindex auf dem Festland der Volksrepublik China; Anm. d. \u00dcbers.) in vier Wochen um mehr als 25 Prozent. Ein Gutteil dieses Anstiegs geht auf das sogenannte \u201emargin trading\u201c (dt.: \u201eDifferenzhandel\u201c) zur\u00fcck, das in China 2012 legal wurde. Es handelt sich dabei um eine in h\u00f6chstem Ma\u00dfe riskante Praxis, wobei Spekulanten auf geliehenes Kapital zur\u00fcckgreifen (statt auf eigene Finanzmittel) und damit dann an den B\u00f6rsen spekulieren gehen. Auf diese Weise ist es zu einem veritablen Goldrausch gekommen mit hunderttausenden neuer Betriebskonten, die in den letzten Wochen er\u00f6ffnet worden sind. Gleichzeitig haben sich auch die Banken beeilt, neue Plattformen f\u00fcr das Leihgesch\u00e4ft auszubreiten, um dem \u201emargin trading\u201c-Fieber zu entsprechen. Deshalb steht Peking vor einem echten Dilemma: Die Ma\u00dfnahmen, die der Deflation entgegenwirken sollen, erh\u00f6hen das Risiko, zu neuen Kapitalblasen zu f\u00fchren und die Schuldenkrise zu versch\u00e4rfen.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Sorge f\u00fcr Xi und sein Team von \u00d6konomInnen besteht aus der Gefahr, in eine Spirale der Deflation zu geraten. Darin unterscheiden sie sich nicht von der kapitalistischen Klasse allgemein und weltweit, die dieselbe Sorge umtreibt. Ein Beleg daf\u00fcr sind die sehr \u00e4hnlichen politischen Entscheidungen der europ\u00e4ischen und der japanischen Zentralbank. Sie sorgen \u201emit allen Mitteln\u201c f\u00fcr Inflation. Ob die Volkswirtschaft Chinas in der bevorstehenden Periode eine harte Landung erleben wird, ist noch ungewiss. W\u00fcrde das Wachstum unter f\u00fcnf Prozent des BIP abrutschen, dann w\u00e4re dies nach landl\u00e4ufiger Meinung der Fall. Einige \u00d6konomInnen warnen, dass eine \u201esich lang hinziehende Landung\u201c das wahrscheinlichste Szenario ist, was auch unseren eigenen Einsch\u00e4tzungen entspricht, nach denen China nun in einer \u201ejapanische Phase\u201c eintritt, die von Deflation, Schuldenkrise und Stagnation gekennzeichnet ist, mit schwerwiegenden Auswirkungen auf den Klassen-Kampf und die politische Stabilit\u00e4t in der bevorstehenden Phase.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die gesamte Weltwirtschaft bekommt bereits die \u00f6konomische Verlangsamung Chinas zu sp\u00fcren<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":29767,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[38],"tags":[345],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29766"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=29766"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29766\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/29767"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=29766"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=29766"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=29766"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}