{"id":29705,"date":"2015-01-06T11:44:30","date_gmt":"2015-01-06T10:44:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sozialismus.info\/?p=29705"},"modified":"2015-01-05T11:48:51","modified_gmt":"2015-01-05T10:48:51","slug":"rekordstreik-bei-amazon-im-weihnachtsgeschaeft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2015\/01\/rekordstreik-bei-amazon-im-weihnachtsgeschaeft\/","title":{"rendered":"Rekordstreik bei Amazon im Weihnachtsgesch\u00e4ft"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\"><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/amazon1-e1368619788292.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-24694\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/amazon1-e1368619788292-280x173.jpg\" alt=\"Amazon\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/amazon1-e1368619788292-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/amazon1-e1368619788292-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/amazon1-e1368619788292-560x345.jpg 560w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>Meilenstein im Kampf f\u00fcr einen Tarifvertrag<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Es war der bisher gr\u00f6\u00dfte Streik und die erste standort\u00fcbergreifende Streikversammlung bei Amazon Deutschland. Bis zu 2.500 Kolleginnen und Kollegen an sechs von acht Standorten legten in der Zeit vom 15.12. bis 24.12.2014 die Arbeit nieder. Mehr als 700 Amazon-GewerkschafterInnen versammelten sich am 17.12.2014 zu einer Streikversammlung am erstmals in den Streik einbezogenen Standort in Koblenz. Der Erfolg dieser Streikwelle gibt den GewerkschafterInnen bei Amazon die Zuversicht, dass der Weg zu einem Tarifvertrag, der vor ihnen liegt, nicht mehr so weit ist, wie der Weg der hinter ihnen liegt.<\/p>\n<p class=\"western\"><em>von Ursel Beck, Stuttgart<\/em><\/p>\n<p class=\"western\">\u201eWork hard, have fun, make history\u201c ist ein offizieller Firmenspruch von Amazon. Streikende machten f\u00fcr ihren Arbeitskampf Transparente mit den abgewandelten Spr\u00fcchen \u201eStrike hard, have fun, make history\u201c und \u201eWork hard, have fun, make Tarifvertrag\u201c. \u201eVor 1 \u00bd Jahren h\u00e4tte niemand geglaubt, dass wir heute an sechs Standorten streiken\u201c, so ein ver.di-Vertrauensmann vom Amazon-Werk in Bad Hersfeld. Der Kollege berichtet, dass hier der Kampf f\u00fcr einen Tarifvertrag mit 15 Aktiven begonnen wurde. Am Montag, den 15.12.2014 war ver.di in f\u00fcnf Werken in der Lage, einen mehrt\u00e4gigen bundesweiten Streik zu f\u00fchren. Ab Dienstag kam f\u00fcr zwei Tage erstmals das Werk in Koblenz dazu. Zweihundert ver.di-Mitglieder konnten von der jungen Belegschaft bereits vor dem Streik gewonnen werden. Hundert kamen durch den Streik dazu. Rund 1.100 Festangestellte, etwa 500 Dauerbefristete und um die 1.500 Saisonkr\u00e4fte gibt es hier. Bei der Streikversammlung wird ein aktueller Krankenstand von 20% bekannt gegeben. Ob das was mit dem Streik zu tun hat, l\u00e4sst sich schwer sagen, denn ein sehr hoher Krankenstand von 15 bis 20 % ist bei Amazon normal. Das verr\u00e4t viel \u00fcber die Arbeitsbedingungen bei Amazon.<\/p>\n<h4 class=\"western\">Streikversammlung<\/h4>\n<p class=\"western\">Am Standort Koblenz wurde von ver.di eine Streikversammlung organisiert. In das vor dem Werksgel\u00e4nde aufgestellte Gro\u00dfzelt quetschten sich mehr als 700 Kolleginnen und Kollegen. Delegationen von Streikenden aus Bad Hersfeld, Rheinberg, Werne besuchten ihre Kolleginnen und Kollegen in Koblenz und begl\u00fcckw\u00fcnschten sie zu ihrer neu erlangten Streikf\u00e4higkeit. Es wurde berichtet, dass die streikenden Leipziger Kolleginnen und Kollegen an dem Tag Besuch von einer polnischen Delegation von Amazon-Gewerkschaftern bekamen. Die internationale Dimension des Kampfes bei Amazon wurde bei der Streikversammlung zus\u00e4tzlich unterstrichen, durch die Information, dass bei dem Generalstreik in Belgien kurz zuvor kein Paket von Amazon gepackt und verschickt worden sei. Und es gab Kollegen mit CGT-Fahnen, die sie von streikenden Kollegen aus dem franz\u00f6sischen Werk in Chalon erhalten hatten.<\/p>\n<h4 class=\"western\">Streik zeigt Wirkung<\/h4>\n<p class=\"western\">Wenn von 10.000 Besch\u00e4ftigten (ohne die f\u00fcrs Weihnachtsgesch\u00e4ft zus\u00e4tzlich angeheuerten 10.000 Aushilfskr\u00e4fte) 2.500 streiken, dann ist das eine Minderheit. Aber auch eine starke Minderheit kann was erreichen. Allen Streikenden bei Amazon ist klar, dass der Streik Folgen hat f\u00fcr Amazon und einen \u00f6konomischen Druck aufbaut. Mehrmals wurde bei der Streikversammlung von verschiedenen Rednerinnen und Rednern darauf hingewiesen, dass mit den bisherigen Streiks schon was erreicht worden sei. Nach den ersten Streiks bei Amazon im Jahr 2013 wurde erstmals bei Amazon ein bisschen Weihnachtsgeld gezahlt. Seit Juni 2014 gibt es in allen deutschen Amazon-Werken Betriebsr\u00e4te. In allen Werken wurden bzw. werden nun Klimaanlagen und zus\u00e4tzliche Pausenr\u00e4ume eingebaut. Leiharbeit wurde zur\u00fcckgefahren. Im Oktober hat Amazon eine \u201eLohnanpassung\u201c vorgenommen. Das sind alles nicht tariflich abgesicherte Zugest\u00e4ndnisse.<\/p>\n<h4 class=\"western\">Tarifvertrag muss her<\/h4>\n<p class=\"western\">Es geht darum, einen Tarifvertrag f\u00fcr anst\u00e4ndige L\u00f6hne, Zuschl\u00e4ge, Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie geregelte Arbeitsbedingungen zu erk\u00e4mpfen, oder wie die ver.di-Sekret\u00e4rin Angela Bankert es bei der Streikversammlung ausdr\u00fcckte, \u201edas System Amazon zu knacken\u201c. \u201eEure Arbeit ist es, die Amazon zum gr\u00f6\u00dften online-H\u00e4ndler gemacht hat\u201c, so Angela Bankert. Sie erkl\u00e4rte weiter, dass es mit dem Streik nicht nur um gute Arbeit und gute L\u00f6hne, sondern auch um Respekt gegen\u00fcber den Mitarbeitern geht. Amazon-Besch\u00e4ftigte f\u00fchlen sich miserabel behandelt. Dazu geh\u00f6rt das System von Befristungen. Immer wieder gibt es sogenannte \u201eRamp down\u201c-Termine, bei denen hunderte befristet Besch\u00e4ftigte vor die T\u00fcr gesetzt werden oder wenn man den Begriff \u201eramp down\u201c \u00fcbersetzt, wie Vieh die Rampe hinuntergejagt werden.<\/p>\n<h4 class=\"western\">Besch\u00e4ftigte verlangen Respekt<\/h4>\n<p class=\"western\">Einen unmenschlichen Umgang empfinden die Besch\u00e4ftigten auch im sonstigen Arbeitsalltag. Auf einem Plakat im Streikzelt mit der \u00dcberschrift \u201eDas \u00e4rgert mich bei Amazon\u201c hat ein Kollege geschrieben: \u201edass man f\u00fcr doofes Vieh gehalten wird\u201c. Und immer wieder taucht der Begriff Respektlosigkeit auf. Die Menschen werden nicht nur zu immer h\u00f6herer Arbeitsleistung angetrieben, sondern auch total \u00fcberwacht und stehen unter st\u00e4ndigem Rechtfertigungsdruck f\u00fcr alles, was sie tun und nicht tun. Ein Kollege berichtete mir, dass ein Kollege bei der Arbeit einen Herzinfarkt bekommen habe und ein anderer auf dem Nachhauseweg.<\/p>\n<p class=\"western\">Die rheinland-pf\u00e4lzische SPD-Arbeitsministerin Sabine B\u00e4tzing-Lichtenth\u00e4ler war zur Streikversammlung gekommen, um sich als Vermittlerin f\u00fcr Gespr\u00e4che in \u201ekleiner Runde\u201c zwischen Amazon und ver.di anzubieten und berichtete auch, dass sie Amazon eine Auszeichnung \u00fcberreicht habe als Inklusionsbetrieb, der \u00fcberdurchschnittlich viele Behinderte besch\u00e4ftige. Ein Kollege erwiderte, dass die Behinderten es satt h\u00e4tten, gnadenlos ausgebeutet zu werden. Es kommt nicht von ungef\u00e4hr, dass die meisten Geh\u00f6rlosen im Koblenzer Werk bei ver.di organisiert sind und sich am Streik beteiligen. Durch Geb\u00e4rdendolmetscher k\u00f6nnen sie voll an der Streikversammlung teilhaben.<\/p>\n<p class=\"western\">Menschen aus \u00fcber 50 Nationen w\u00fcrden bei Amzaon arbeiten, wird bei der Streikversammlung in Koblenz berichtet. \u201eWir sind gegen Rassismus\u201c, erkl\u00e4rte ein Vertrauensmann bei der Streikversammlung. Und bei der Essensausgabe von \u201eWorkers beer company\u201c steht eine Box f\u00fcr Spenden f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge. Dadurch wird deutlich gemacht: Die Grenzen verlaufen nicht zwischen Nationalit\u00e4ten, sondern zwischen Reich und Arm und gemeinsamer Kampf gegen die da oben ist angesagt.<\/p>\n<h4 class=\"western\">Solidarit\u00e4t durch Oskar Lafontaine<\/h4>\n<p class=\"western\">H\u00f6hepunkt der Streikversammlung in Koblenz war der Auftritt von Oskar Lafontaine, der von den ver.di-Vertrauensleuten eingeladen worden war. In Bezug auf die aktuelle Debatte ums Streikrecht sagte er, man wolle uns weismachen, dass zu oft und zu hart gestreikt w\u00fcrde. \u201eIch bin da ganz anderer Meinung. Es wird zu wenig in Deutschland gestreikt.\u201c Er wies darauf hin, dass der Kuchen, den es zu verteilen gibt, zwar immer gr\u00f6\u00dfer werde, die Arbeitnehmer aber einen immer kleineren Anteil bek\u00e4men und die Reall\u00f6hne seit dem Jahr 2000 sinken w\u00fcrden. Und zur Demokratiedebatte erkl\u00e4rte er, dass ein Gesellschaft dann demokratisch sei, wenn sich die Interessen der Mehrheit durchsetzen. \u201eWenn L\u00f6hne sinken, gibt es keine Demokratie\u201c und \u201eWer gegen Tarifvertr\u00e4ge ist, ist gegen Demokratie\u201c. Er erkl\u00e4rte, dass das Eigentum der Unternehmer geraubtes Eigentum sei, weil es nicht durch eigene Arbeit entstehe. Gestohlenes Eigentum der Unternehmer m\u00fcsse zur\u00fcckgegeben werden. Anstatt die \u00dcberf\u00fchrung der gro\u00dfen Unternehmen in Gemeineigentum zu fordern, schlug Lafontaine die Umwandlung von Firmenverm\u00f6gen in Belegschaftsaktien vor. Die Ironie der Sache in diesem Fall ist, dass die Ausgabe von Belegschaftsaktien zum System Amazon geh\u00f6rt. Dennoch war der Auftritt von Lafontaine eine gro\u00dfartige Unterst\u00fctzung der Streikenden durch die Partei DIE LINKE. Zus\u00e4tzlich hatte der Kreisverband der LINKEN einen Flyer gemacht und war mit einem Infostand bei der Streikversammlung pr\u00e4sent. In Stuttgart hatte der Ortsverband die LINKEN Bad Cannstatt daf\u00fcr gesorgt, dass der Streik an die \u00fcber tausend Montagsdemo-TeilnehmerInnen am 15.12. bekanntgegeben und zur Solidarit\u00e4t mit den Streikenden und zur Unterschrift der bundesweiten Postkartenaktion aufgerufen wurde. \u00dcber 100 ausgef\u00fcllte Postkarten wurden \u00fcber einen Infostand noch bei der Kundgebung wieder eingesammelt und dann als Paket an Amazon-Chef Ralf Kleber verschickt. Um die 700 Postkarten wurden bei der Montagsdemo verteilt.<\/p>\n<h4 class=\"western\">Amazon hinterzieht Steuern<\/h4>\n<p class=\"western\">Bei der Streikversammlung wurde auch die von Amazon betriebene Steuerhinterziehung skandalisiert. Ein ver.di-Vertrauensmann forderte, dass die Milliardengewinne, die hier erwirtschaftet werden, auch hier versteuert werden m\u00fcssen. Amazon zahlt zwar kaum Steuern, ist aber gewieft beim Kassieren von Subventionen. Allein f\u00fcr die Ansiedlung des Werkes in Leipzig soll der Konzern 13 Millionen Euro erhalten haben. Hinzu kommen Eingliederungszusch\u00fcsse von JobCentern und staatliche Zusch\u00fcsse f\u00fcr die Einrichtung von Behinderten-Arbeitspl\u00e4tzen.<\/p>\n<p class=\"western\">Es geh\u00f6rt zur Firmenstrategie, sich in Gebieten mit hoher Arbeitslosigkeit anzusiedeln, Politiker der Region zu umgarnen und durch ein System von \u201ehire and fire\u201c Besch\u00e4ftigte so einzusch\u00fcchtern, dass sie sich nicht wehren, sich nicht organisieren und nicht streiken sollen. Diese Strategie wird durch die Streiks bei Amazon ernsthaft herausgefordert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meilenstein im Kampf f\u00fcr einen Tarifvertrag<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":24694,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[17],"tags":[653],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29705"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=29705"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29705\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/24694"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=29705"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=29705"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=29705"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}